Kontinuität vor dem Ruhestand

1986 installierte die Deutsche Bank AG vor dem Haupteingang ihrer Zwillingstürme in Frankfurt die Kontinuität, eine für diesen Ort realisierte Plastik von Max Bill. Im Zuge der Sanierung der Türme wurde der Monolith im Februar 2008 temporär umplatziert. Die Skulptur passe nicht mehr auf den Vorplatz, sie soll vor weiteren Erschütterungen durch die unterirdische S-Bahn geschützt werden und künftig die Parkanlage neben der Bank aufwerten, so die Bank. Im Juli erhält die Kontinuität ihren neuen Standort. Die Geschichte klingt nach einem Ruhestandort für ein Kunstwerk.

Bilder: Büro für Stadtfragen (Frankfurt, 5. April 2011)

(sta) Das Hochhaus der Deutschen Bank AG (DB) in Frankfurt entstand zwischen 1979 und 1984 nach den Entwürfen von Walter Hanig, Heinz Scheid und Johannes Schmidt. Im Anschluss an den Wettbewerb für die umfassende Sanierung 2007 wurde die Kontinuität von Max Bill, die 1986 vor dem Haupteingang der Bank installiert wurde, im Februar 2008 entfernt. Seither wird sie 100 Meter südwestlich, im Vorgarten der Villa Sander an der Mainzer Strasse, zwischengelagert, aus mehreren Gründen, wie Pressesprecher Klaus Thoma erklärt: „Die Logistik für den Umbau erforderte vor dem Haupteingang genügend Platz für den Baustellenbetrieb.

Zudem wurden an der Kontinuität kleine Risse festgestellt, die aufgrund der zunehmenden Erschütterungen durch die unterirdischen S-Bahn-Fahrten entstanden sind.“ Die interne Diskussion habe auch aufgezeigt, dass die Skulptur von Max Bill, so Thoma, in ihrer Dimension aus heutiger Sicht nicht mehr an den Standort vor dem Haupteingang passe. Welche Argumente in welcher Reihenfolge, wann und unter welchen Vorzeichen nun tatsächlich zum Entscheid für einen Standortwechsel geführt haben, bleibt dennoch nicht ganz nachvollziehbar.

Zeichen stehen auf Veränderung

Das Sanierungsprojekt war der Bank Anlass genug, um neben der Leistung und Wahrnehmung des Gebäudes auch die Umgebung aufzufrischen und dadurch den Wert der Immobilie zu steigern. Die Bank hat den dreijährigen Umbau ihrer Zentrale genutzt, um eine Vielzahl zukunftsgerichteter Ideen vor allem im Bereich der Ökologie zu realisieren, die Ressourcen- und Energieeffizienz der Türme wurde mit den jeweils höchstmöglichen Zertifikaten LEED-Platin und DGNB-Gold prämiert: Der Energiebedarf wurde um die Hälfte, der Verbrauch von Wasser um über 70 Prozent und die CO2-Emissionen um fast 90 Prozent verringert. Im Werbeprospekt zu den Greentowers, wie die Zwillingstürme nun in der Marketingsprache genannt werden, ist nachzulesen, unter welchen Vorzeichen die Bank intern über die Zukunft von Max Bills Skulptur argumentiert haben könnte: „Dank einer besseren Einbindung (Anm: der Greentowers) in das städtebauliche Umfeld und zahlreicher neuer attraktiver öffentlicher Angebote wird das urbane Umfeld aufgewertet.“ Am 24. Februar 2011 wurden die beiden 155 Meter hohen Türme wiedereröffnet. Fast auf den Tag genau vor 26 Jahren, im Februar 1985, war der Hauptsitz der Bank an der Taunusanlage 12 eingeweiht worden.

Wertvolles Wahrzeichen

Die Türme der DB sind ein Wahrzeichen der Stadt Frankfurt und des Finanzplatzes Deutschland. Josef Ackermann, Vorsitzender des Vorstands der Deutsche Bank AG liess sich anlässlich der Feierlichkeiten zum Abschluss der Gebeäudesanierung so verlauten: „Diese Türme sind ein Markenzeichen (…) und stehen im wahrsten Sinne des Wortes für die Deutsche Bank. Hier sind wir im besten Sinne des Wortes zuhause.“ Und Mario Bellini, der für die Sanierung und den Umbau verpflichtete Designer und Architekt aus Mailand, ergänzte in ähnlicher Tonlage: „Die Türme stehen symbolisch für ein über viele Jahre gewachsenes und sehr solides Unternehmen, das auf festen Beinen steht, zugleich aber hoch dynamisch ist.“ Bemerkenswert: In seinem siegreichen Wettbewerbsbeitrag, der u.a. den nun realisierten, neuen Eingangsbereich im Sinne einer offenen Vitrine vorsah, durfte Max Bills Kontinuität an ihrem Standort vor dem Haupteingang bestehen bleiben.

Auch wenn Bill’s Plastik über 20 Jahre lang an ihrem ursprünglichen Standort vor dem Haupteingang gewirkt hat: Angesichts der Aufgabe, den Wert der Immobilie durch den Umbau und die Neupositionierung zu steigern, dürfte Max Bills Skulptur, trotz ihrem historischen bzw. künstlerischen Beitrag zur Unternehmenskultur und zur Reputation der Bank, bei der internen Gesamtbetrachtung somit, alles in allem, ein Randthema dargestellt haben. Am 14. März 2011, weniger als einen Monat nach der Wiedereröffnung, gab die Bank dann bekannt, dass sie ihre Doppeltürme, Ackermanns „Zuhause“, an einen Immobilienfonds verkaufen wird. Der Verkaufspreis liegt bei rund 600 Millionen Euro. Die Deutsche Bank wird ihre Konzernzentrale somit langfristig als Mieter nutzen.

Neuer Standort im Park

Dass die Skulptur von Max Bill nach der Sanierung 2010 wieder vor dem Haupteingang installiert werden würde, war in verschiedenen Webtexten nachzulesen. Der Pressesprecher dazu: Dass die Kontinuität wieder an ihren ursprünglichen Standort vor dem Haupteingang zurückkehrt, habe man vielleicht in der Öffentlichkeit angenommen, eine solche Information sei jedoch nie offiziell kommuniziert worden. Richtig hingegen sei, dass die Plastik im Juli im neu gestalteten Park direkt neben dem Bankgebäude nun einen etwas ruhigeren Standort erhält. Geht die Kontinuität, kräftiges Symbol für Harmonie und Dauerhaftigkeit, in den Augen der Bank dort in den verdienten Ruhestand? Nein, teilt die Bank mit. Als Teil der Parkanlage soll sie den bisher wenig genutzte Park aufwerten und mithelfen, dass in der direkten Umgebung der Bank mehr Öffentlichkeit und Aufenthaltsqualität entsteht. Ob die gefundenen Risse im Stein saniert wurden, konnte Pressesprecher Thoma nicht sagen.

Endlose Schlaufe

Max Bill (1908 bis 1994) schuf die Kontinuität 1986 im Direktauftrag durch die Deutsche Bank. Die Plastik ist ein sardinischer Granitmonolith, 4.5m hoch und 80 Tonnen schwer. Die Idee und das Kunstwerk Kontinuität sind älter. Bills Auseinandersetzung mit der Endlosen Säule Constantin Brancusis (1918/38) führte bereits 1935 zur plastischen Idee einer Endlosen Schlaufe. Die Plastik besteht aus einem ringförmig verbundenen (zweiseitigen) Band. Eine flächigere, provisorische Version der Kontinuität aus Stahl, Gips und Kalkputz wurde 1947 in Zürich ausgestellt und 1948 von Vandalen zerstört. Als die Deutsche Bank Max Bill Anfang der 1980er Jahre auf ihr Ansinnen ansprach, eine Skulptur vor der Konzernzentrale aufzustellen, soll Bill zunächst vorgeschlagen haben, den Platz leer zu lassen (Werner Spiess). An ihren ursprünglichen Aufstellungsort kehrt die Kontinuität nicht mehr zurück.

Spiegel statt Monolith

Der Vorplatz zum Haupteingang bleibt deswegen jedoch nicht leer. Anstelle der Skulptur von Max Bill wurde bereits eine Neue installiert: ein Wasserspiegel in Form von zwei ineinandergreifenden, dreieckigen Steinplatten, die mit einem Wasserfilm bedeckt sind: Spiegelt sich die Deutsche Bank AG darin selbst? In Zeiten der Bankenkrise wäre ein derart narzistischer Antrieb für die Neugestaltung des Vorplatzes eine noch heiklere Botschaft als jene der Kontinuität, die mit den Worten von Max Bill genau genommen auch nicht so recht zur Strategie des grenzenlosen Wachstums im Bankenwesen zu passen scheint: „konkrete kunst ist in ihrer letzten konsequenz der reine ausdruck von harmonischem maß und gesetz“ [Max Bill 1949].

Die Entwicklung, die Ausführung, der Transport und die Aufstellung des Granit-Monolithen hat Werner Spiess umfassend dokumentiert, in: Werner Spiess: Kontinuität – Granit-Monolith von Max Bill, Deutsche Bank AG, Dortmund, 1986.

PS: Die Deutsche Bank hat dem Büro für Stadtfragen eine Einladung zur offiziellen Neusetzung von Max Bills Kontinuität im Park versprochen. Fortsetzung folgt…