Dorf macht Sinn!

«Die Schweiz hat ein Dorf im Kopf». So tönt es kritisch aus Fachkreisen. Das «Dorf» macht als Hintergrund für die Arbeit von Planern und Architekten dennoch Sinn. Stadtfragen hat in Deitingen, Innertkirchen und Näfels nachgeschaut, was Architekten aus Basel, Luzern und Zürich dazu zu sagen haben. Entscheidend für das Gelingen einzelner Interventionen im Dorf scheint die glückliche Konstellation vor Ort zu sein. Der vollständige Text «Frischs Dorf» ist in der Dezemberausgabe 2013 der Zeitschrift werk, bauen+wohnen erschienen.

Titelbild: Der neue Wydenhof in Näfels, Fotos: Stadtfragen 2013

sta. Das Pamphlet in «achtung: Die Schweiz» forderte 1955 auf, dort hinzusehen, wo das Mittelland aufgehört hatte, eine Landschaft zu sein, wo es weder Stadt noch Dorf war. Damals ging es um die Bewältigung des Wachstums der Schweiz durch Städtebau und Architektur, kurz: «Wir bauen eine neue Stadt». In Innertkirchen, Deitingen und Näfels handelte die Aufgabe der Politik, der Investoren und Architekten von der Suche nach dem «neuen Dorf».

Identität macht den Unterschied

Mit dem Bonmot «Die Schweiz hat ein Dorf im Kopf» wird einer Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer üblicherweise fehlender Mut zur Urbanität unterstellt. Das Dorf im Kopf, so lautete die These hier, ist eine gute Sache. Dann «das Dorf» kann als Sinnfeld einer offenen Wahrnehmung produktiv werden, wenn es als vielfältiger, gemeinsamer Hintergrund in der Wahrnehmung von Laien und Experten verstanden wird. Dies ändert jedoch nichts daran, dass einzelne bauliche Eingriffe umso klarer nachvollziehbar machen müssen, was sie mit zur Idee «Dorf» zu sagen und beizutragen haben. Das Sinnfeld «Dorf» kann bereits im Entwurfs- und Bauprozess, auf dem Weg zum architektonischen Konzept, zum Charakter, zum neuen Bild, zur Atmosphäre oder zur klugen Analogie zum Ausgangspunkt einer spezifischen Schaffung von Dorfidentität werden. Die Kritik am einzelnen Objekt interessiert sich dann für die Schnittstellen zwischen der architektonisch behaupteten und der tatsächlich wahrnehmbaren Identität vor Ort.

Boxenstopp in Innertkirchen

In Innertkirchen haben die Gschwind Architekten aus Basel das «Grimseltor» realisiert. Das touristische Informationszentrum mit Einkaufsladen, Post, Dorfplatz und Saal soll als «neues Herz der Gemeinde» identifiziert werden. Der Ausdruck der Architektur spricht vom Umgang mit Abstrakta aus der Architektur-Landschaft. Der robuste Betonbau erinnert an hiesige Kraftwerksanlagen. Im Spiel mit der alpinen Naturkulisse von Innertkirchen entstehen so reizvolle Bilder. Gebäude und Dorfplatz wirken gleichzeitig selbstbewusst und selbstbezogen – das monolithische Objekt in Weissbeton könnte sich für weitere Standorte an anderen Passstrassen eignen. Den Dorfplatz bezeichnen die Architekten als «Dorfbühne». Der Besuch vor Ort wirft die Frage auf: Wie gut taugt generisch programmierte Architektur vor Ort tatsächlich zu einer Aufführung einer lokalen Dorfmitte?

Wohnen in Näfels

Näfels gehört zur Grossgemeinde «Glarus Nord». Die «Zentrumsüberbauung Wydenhof» wurde benachbart zum Freulerpalast vom Luzerner Architekturbüro Lussi + Halter realisiert. Die Bank Raiffeisen und ein privater Landbesitzer haben den Ersatzneubau einer Villa mit Garten ermöglicht. Die fünf Gebäude mit Giebeldach, divers in Form und Ausrichtung, bilden ein stattliches Ensemble. Die Bank Raiffeisen steht direkt an der Kantonsstrasse. Vier Häuser mit 18 Eigentumswohnungen interpretieren die dörfliche Siedlungsstruktur und Dichte von Näfels. Mit dem Massstab der Baukörper und Aussenräume, der Anordnung und Ausformulierung der Fassaden und dem Kellenwurf-Putz wollen die Erbauer an die Umgebung im Ort erinnern. Die szenischen Ein- und Ausblicke im privaten Wydenhof sind sehenswert.

Über den Dächern von Deitingen

Für das neue Dorfzentrum von Schmid Schärer und Krayer & Smolenicky Architekten aus Zürich diente das öffentliche Wegnetz als Ausgangspunkt. Inmitten der weilerartigen Bebauungsstruktur bilden zwei Neubauten und das Gemeindehaus den neuen Siedlungskern mit Dorfplatz. Ein Laden, ein Café, eine Poststelle, eine Bankfiliale, die Spitex und Parkplätze sorgen für die notwendige Dichte an Nutzungen und dafür, dass die neue Dorfmitte funktioniert. Das Wohnangebot «über den Dächern von Deitingen» wird von Einheimischen und Rückkehrenden genutzt. Die längere Planungsgeschichte des Zentrums steht für eine projektbezogene Planung mit einer anschliessenden Diskussion um Höhen, Ausdruck und dörfliche Identität. Im Kompromiss wurde der Kopfbau um ein Geschoss reduziert. Dennoch spricht die realisierte Architektur eine selbstbewusste Sprache, die die vorgefundene, gebaute Dörflichkeit urbanisieren will. Daran ändert nichts, dass die Baukörper mit ihrer Stellung zur Strasse und ihrer Farbigkeit den abstrakten, analogen Bezug zu den umliegenden Bauernhäusern suchen.

Konstellationen

Die drei Beispiele sind anregend und fordern dazu auf, dass die Suche nach dem neuen Dorf weiter geht. Es lohnt sich nämlich nach wie vor, dort einzugreifen, wo das Mittelland droht, weder ganz Stadt noch spezifisches Dorf ist. Das gelingt vielleicht überzeugender, wenn das Dorf als gemeinsames Sinnfeld von Laien und Experten nicht ausstirbt. Städtebau und Architektur sind gefragt und nützlich, wenn sich beide Disziplinen lokal für die glückliche Bündelung von Notwendigkeiten, Kräften und Akteuren einsetzen. Im Dorf erfordert dies, sich bei der Programmierung von Bauaufgaben auf eine politisch fragile, sozial nahe und deshalb zeitintensive «Konstellation» einzulassen.

Lit: Lucius Burckhardt, Max Frisch, Markus Kutter: achtung: Die Schweiz, 1955

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.