Baukunst im Vorstadtparadies

Emmen, mit 30’000 Einwohnern statistisch die zweitgrösste Stadt im Kanton Luzern, wird in den nächsten Jahren zur Stadtlandschaft umgebaut. Damit dies gelingt, sind generelle Gedanken zur Stadt, eine offene Planungs- und Baukultur, städtebauliche Vielfalt und eine urbane Praxis unumgänglich, die Experimente zulässt. Das Departement Design & Kunst der Hochschule Luzern macht mit ihrem Bocksprung in die Viscosistadt vor, wie das geht. 

Der Text ist in Kurzform anlässlich der Eröffnung des Baus 745 am 23. September 2016 erschienen: „Kunst im Vorstadtparadies Emmen“, in: Gabriela Christen, Lucerne University of Applied Sciences and Arts, (Hrsg.): Nordwärts, Nummern, Band 6, p. 13-15.

«Stadt ist nicht, wo nur Studenten sind (…).» Luzius Burkardt[i]

sta. Auch ausserhalb der Metropolen und Kernstädte wird geplant, investiert und gebaut, was das Zeug hält. Le Corbusiers Diagnose von 1925, «La température de la ville est à la fièvre»,[ii] trifft deshalb für die Gemeinde Emmen zu. «Dort, wo die Schweiz umgebaut wird», titelte die NZZ 2014 und erkannte im Luzerner Vorort etwas, das schweizweit interessiert: der Umbau einer Vorstadt und Agglomeration. Allein die Zahlen beeindrucken und lassen die steigende Fieberkurve erahnen: 2015 waren in Emmen rund tausend neue Wohnungen im Bau. Emmen hat heute 30’000 Einwohnerinnen und Einwohner, in wenigen Jahren sollen es bis 36’000 werden. Emmen ist damit im Vergleich zahlenmässig mächtiger als neun Kantonshauptorte. Für zusätzliche Dynamik sorgt, dass im September 2016 mehrere Hundert Studierende und Mitarbeitende der Hochschule Luzern – Design & Kunst im historisch bedeutsamen Ortsteil Emmenbrücke, in die Viscosistadt, eingezogen sind.

Die zahlreichen Grossprojekte, die Emmen gerade umtreiben, werfen neben der Hoffnung auf nachhaltige baukünstlerische, soziale und fiskalische Mehrwerte auch kritische Fragen auf: Bauen wir um, oder werden wir umgebaut? Und: Kann sich Emmen das geplante Wachstum eigentlich leisten? Und noch weiter: Gelingt es den am Stadtumbau Beteiligten, nicht nur mehr Dichte, mehr umbauter Raum pro Fläche, sondern auch die notwendige öffentliche Akzeptanz für das, was im Kern entsteht – nämlich für mehr Stadt – zu schaffen? In der Vision «Emmen 2025» sind die politischen Handlungsfelder für die Entwicklung der Gemeinde festgehalten. Von «Stadt» ist darin nicht zu lesen. An der Urne wurde vor wenigen Jahren gar gegen die offizielle Bezeichnung als «Stadt» abgestimmt. Dennoch stehen die politischen Behörden und Planungspartner vor der Aufgabe, dem Umbau der zweitgrössten Gemeinde im Kanton zur «zweitgrössten Stadt»[iii] mit Überzeugung die richtigen Inhalte und Bedeutung zu geben. Mehr noch: Objektiv zur Stadt gehörende Themen werden im Alltag oft zu politischen Issues, gar zu subjektiven Streitfragen in der Kommunalpolitik. Sie müssen dennoch fachlich gelöst werden. Was müssen Strassen für wenn alles leisten können? Wie hoch und wie nahe nebeneinander dürfen Häuser stehen? Welche baulichen Potenziale sind auch sozialräumlich verträglich? Benötigt eine Vorstadt wie Emmen überhaupt einen Park – und WC-Anlagen im öffentlichen Raum? Wie gehen wir mit der Aussenwerbung um? Wird die Landwirtschaft zur Landschaftswirtschaft?

Die Stadt gibt es nicht – es lebe die Verstädterung

In der aktuellen Situation teilt Emmen das Schicksal mit anderen städtischen Agglomerationen: Der Versuch, die Entwicklung von der Agglomeration zur städtisch geprägten Siedlung auf dem Hintergrund einer einheitlichen Stadtidee darzustellen, stösst auch hier auf ein grundlegendes Problem: Die Stadt gibt es nicht. Ausgerechnet in einer Zeit, in der zum ersten Mal über 50 Prozent der Weltbevölkerung in städtischen Siedlungsgebieten leben, ist die Verständigung über Urbanität und Stadt zu einem fachlich, politisch und medial aufgereizten Tanz um ein Plastikwort geworden. 2030 werden es über 70 Prozent sein. Nicht einmal die Expertinnen und Experten sind sich darin einig: Für die einen wird das Thema Stadt einseitig und zu wenig sozial von Architekten bestimmt, für die anderen steckt zu viel Soziologie drin, zu viel Statistik, zu viel Kunst; dann wieder dominiert die globale Marktwirtschaft, oder die Interessen der Politik finden die Oberhand; schliesslich wird der Diskurs, wenn er überhaupt stattfindet, nicht selten durch  Techniken der Kommunikation, etwa durch Stadtmarketing und Branding vernebelt. Wer dabei im inszenierten Wettbewerb um Aufmerksamkeit auf die Rechtmässigkeit und hoheitliche Definitionsmacht von Behörden glaubt, findet auch beim Bund keine Klärungshilfe. Ist Emmen eine Stadt? Gemäss der offiziellen Raumgliederung Schweiz ist Emmen gleichzeitig «Kleinagglomeration», «übriges städtisches Gebiet», weder «Kleinstadt- noch Mittelstadt». Was denn nun?

Halten wir nüchtern fest: Was wir allgemein unter Stadt verstehen, ist offensichtlich subjektiver und unsicherer; und gleichzeitig vielfältiger geworden. Die Festellung, dass es bis heute keine eigentliche Wissenschaft von Stadt gibt, scheint sich zu bewahrheiten. Angelehnt an Henri Lefebvre und seinem Buch „Revolution der Städte“ (CEP, Hamburg 2014) befinden wir uns jedoch in einem Prozess der Verstädterung, und damit unter dem Einfluss einer wie sie Levebre nennt „kritischen Phase“. Kritisch daran ist: Aus ehemaligen Handels- und Industriestädten oder bäuerlich geprägten Gesellschaften werden heute und morgen Stadtgesellschaften, von denen wir trotz Theorie- und Methodenvielfalt und Monitoring offensichtlich noch nicht genau wissen, wie wir sie beschreiben und wirkungsvoll gestalten können. Die Ausgangslage in dieser Phase der Verstädterung vergleicht Lefebvre mit einer Blackbox, die es zu kritisch zu betrachten und allenfalls zu bearbeiten gilt: „Man kennt den Input, manchmal kann man den Output wahrnehmen.“ Jedoch: „Mann weiss nicht recht, was drinnen vorgeht.“ (ebenda, p. 24). Trotz dieser Verunsicherung: Wer sich in Emmen mit dem Umbau eines Industrievororts in eine Stadt beschäftigt, dem bleibt immerhin die Möglichkeit, Phänomene und einzelne Objekte der Verstädterung zusammenzutragen, zu gewichten und weiterzudenken. Lefebvre spricht bei diesem Vorgehen von einer „urbanen Praxis“.

Wettbewerb der Interessen

Zunächst geht es in dieser Praxis darum, Wohnen, Arbeiten, Ver- und Entsorgung sowie Mobilität so zu gestalten, dass daraus Lebensqualität entsteht. Weil es in einer global vernetzten Welt um eine neue Art der Verteilung und gleichzeitig vor allem um Wettbewerb und um Aufmerksamkeit geht, sind die Akteure, die Stadt bauen, verwalten und gestalten, zunehmend in Konkurrenzsituation geraten. Das bedeutet auch, dass vermehrt Markt- und Kommunikationsprozesse darüber bestimmen, was die Stadt vermeintlich ist, benötigt und ausmacht. Raum- und Stadtplanung und der Städtebau werden dann zunehmend von der Dynamik einer eigentlichen Stadtproduktion angetrieben. Zugespitzt und an die Adresse der Planer und Architekten formuliert bedeutet dies einmalmehr ein Umdenken: Im Spagat zwischen Angebot und Nachfrage, zwischen Interessen und Investitionen, Notwendigkeiten und Vorstellungen lösen nicht länger Planungen und Stadtentwürfe raumrelevante Entwicklungen aus. Städtischer Wandel funktioniert gerade andersherum: Die über 50%-Weltstadt dreht sich ohne die Planerzunft, angetrieben durch die Bedingungen einer unsicheren und gleichzeitig vielfältigen Markt- und Risikogesellschaft. Stadtplanern und Stadtbaumeistern und weiteren, die sich professionell mit Verstädterung beschäftigen, stellt sich in dieser Situation die Frage, welche Veränderungen überhaupt noch zeitgerecht antizipiert und wirkungsvoll gestaltet werden können. Bauen wir um, oder werden wir umgebaut ist in Emmen die Frage? In dieser Situation der Unsicherheit vermag der Ruf nach einer klareren Positionierung von Behörden, Standorten und Arealen für den Moment für Beruhigung, Klarheit und vermeintliche Kontrolle sorgen. Mit dem Ausrufen der unternehmerisch geprägten Stadt.inc allein (den Begriff hat u.a. Winny Maas geprägt) lassen sich Veränderungen im urbanen Umfeld dennoch nicht zielführend und lösungsorientiert einsetzen. Vielmehr bestimmen politische Haltungen und Verwerfungen, globale Marktkräfte und private Bewegungen wie die Protestaktion „Occupy“, hochgradig vernetzt und gleichzeitig den Prozess der Verstädterung. Wird dieser im Sog der Globalisierungskritik erlebt und führt gar in die Ohnmacht, stellen sich an der Seite der Paradigmen Macht und Recht längst ebenso wirkungsvoll wie staatliche und wirtschaftspolitische Stadt- und Raumentwicklungsprogramme eine Vielzahl von Interessen von Menschen, Gruppen und Institutionen gesellt, die sich aufgrund von Befürchtungen, Emotionen und Ängste für ihre Lebensräume einsetzen. So gleicht in der Praxis die Aufgabe der nachhaltigen Stadtentwicklung mehr und mehr einem fragilen Jonglieren mit Bällen, einer Herausforderung, bei der ein Einsatz von Macht, Regeln und Vermittlung nur abgestimmt zum Erfolg führt: “Juggling the complex web of activities in urban Environments is an ideal place to start thinking through the trade-offs that sustainable development can imply”, schrieb die OECD 2008 in ihrer Publikation “Sustainable Development” (Reihe OECD insights, Tracey Strange, Anne Bayley, S. 28).

Wenn das, was wir unter Stadt verstehen können, zunehmend aus der Konkurrenz zwischen Macht, Regeln, Interessen und Befürchtungen heraus entsteht, dann wird Verstädterung, bevor sie zur gelungenen Show von Künstlern und Gauklern wird, werden Eingriffe in die Blackbox der urbanen (verstädterten) Gesellschaft, wieder vermehrt eine Sache von Verhandlungen. Wer Stadt aktiv gestalten, eine urbane Praxis etablieren und sogar innovativ sein will, wird Konfliktpotentiale, Trends, die Reaktion auf Notwendigkeiten, den Umgang mit temporären Ereignissen ebenso hoch gewichten, wie hoheitlich erstellte politische und fachliche Leitbilder und Planungsziele. Kooperationen und eine kluge öffentliche Mitwirkung unter den Bedingungen einer verschärften Konkurrenz sind dann nicht länger ein Muss, sondern selbstredend ein Teil der richtigen und guten Lösung, die, solange wir von Demokratie sprechen, von einer Mehrheit als richtig und gut befunden wird. Mit anderen Worten: Alleine mit fünf Bällen zu jonglieren, ist eine professionelle Leistung eines Einzelnen. In der Zusammenarbeit mit den anderen Künsten, die sich die Arena teilen und das Publikum vor Augen müssen daraus mindestens 20 Bälle werden. Wenn also heute bei der Frage nach dem Stadtumbau vordergründig die Antwort Wachstum lautet, stehen im Hintergrund wesentlich bestimmendere Frage im Raum: Welche Stadt können wir gemeinsam mit wem und für wen überhaupt noch bauen. Und mit welcher Wirkung? Und mit welchen Folgen?

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Planungskultur wider die Krise

Ob das Bild der Stadt als ein durch Verhandlung gezielt ausgewähltes und kooperativ gestaltetes Produkt aus Interessen, Marktchancen, guter Baukultur und somit das Paradigma der postfordistischen Stadtproduktion, neue Chancen oder eine weitere Krise bedeuten, bleibt ebenso unbeantwortet wie die Frage nach der normativen Stadtdefinition. Für Emmen bedeutet dies: Den Fragen, Phänomenen und Aufgaben, welche die zahlenmässig zweitgrösste Gemeinde im Kanton Luzern auf ihrem Weg zur Stadt begegnet, ist in jedem Fall früh, offen und kritisch zu begegnen, bevor die sichtbaren Veränderungen – gar der politische Alltagsslogan „Emmen boomt“ – als Krise wahrgenommen werden. Lucius Burkhardt hat dazu 1961 eine Leitlinie vermerkt, die aus aktuellem Anlass in der Viscosistadt, wo gerade Studierende einziehen, treffender nicht sein könnte: «Stadt ist nicht, wo nur Studenten sind, wo nur Bankhäuser sind, wo nur Vergnügungspublikum zwischen Restaurants flaniert, nicht einmal dort, wo nur Einkauf ist.» Für den Soziologen und Planungskritiker zeigt sich das Wesen der Stadt nur, «wo sich mehrere ihrer Funktionen überschneiden».[iv] Damit propagierte er die Vorzüge einer offenen Planungskultur und Stadtidee, die von Vielfalt, Durchmischung und Vernetzung lebt. Das klingt stimmig. Kommt hinzu: Die Themen von damals sind den heutigen zumindest ähnlich. Damals wie heute ging es, bzw. geht es um die Bewältigung eines Bevölkerungswachstums, um Verdichtung und Investitionsbedarf bei Infrastrukturbauten, um zusätzliche Ansprüche an den öffentlichen Raum, um die Transformation von Nutzräumen, um die Frage der richtigen Anreize und Intervention in der Finanz- und Raumpolitik. Deshalb im Grunde wiederum um nicht weniger als um die Frage der richtigen Planungs- und Baukultur.

Städtisches kann vermitteln

Als Vorgabe für städtebauliche Aufgaben und Veränderungen, wie sie sich in Emmen aktuelle gleich mehrfach stellen, bedeutet Offenheit im Planen und Bauen zunächst, anzuerkennen, dass städtische Wirklichkeit auf verschiedenen Ebenen stattfindet. Lefebvre folgend, können drei unterschieden werden: die globale, jene der staatlichen, institutionellen und marktwirtschaftlichen Mächte; die private des individuellen Alltagsleben und dazwischen eine dritte, eine konkret räumliche, die städtische Ebene. Einfacher erklärt: Verstädterung wird global durch Behörden, Firmen und übergeordnete Planungen; durch mich als Automobilist, als Nachbar, Mieter und Kunde und dazwischen, quasi vermittelnd zwischen globaler und privater Spähre, durch konkrete Orte und Dienstleistungen, lokale Machtverhältnisse und einzelne Projekte genährt. Logisch scheint, dass Städte und Gemeinden daher weder Vereinfachungen und Positionen wie die freie Fahrt für freie Bürger (die das „Ich“ ins Zentrum stellen), noch die Diktatur durch hoheitliche, virtuelle Planungen alleine glücklich machen. In der Mitte erhält dadurch die städtische Ebene,  wie sie Levebre nennt, zusätzlich an Bedeutung. Sie hat die Aufgabe, zwischen der fernen globalen Ordnung und dem privaten Alltagsleben in konkret veränderbaren und gestaltbaren Räumen der Stadt das „Wir“ zu formulieren.

Aus den drei Ebenen der Verstädterung lässt sich für den Alltag der politischen Governance in der Stadtentwicklung eine sozialräumlich motivierte Kommunikationsaufgabe ableiten. Es gilt nicht weniger, als die globale Welt der Planung, die Wir- und die Ich-Welt der Beteiligten und Betroffenen gleichzeitig bzw. jeweils zum richtigen Zeitpunkt und mit den richtigen Mitteln zu bespielen. Ein Instrument, das dazu eingesetzt werden kann, ist der öffentliche Raum. Zu seinem Wesen gehört, dass er verschiedensten Bedeutungen, Wahrnehmungen und Nutzung aufnehmen kann. Öffentlicher Raum ist zugleich räumliche Hülle, ein Objekt der Kommunikation und Lebensraum für das Individuelle und das Gemeinsame. In letzter Konsequenz kann gefordert werden, dass kein Leitbild, kein Stadtentwurf und kein Bauwerk für sich alleine das Recht haben kann, die Nutzung des öffentlichen Raums ohne Gegenleistung, das heisst exklusiv, für sich zu beanspruchen. Schon gar nicht, wenn durch Planen und Bauen einzelne Grundeigentümer Mehrwerte erhalten und die Veränderung von neuen Nachbarschaften handelt. Andersherum: Damit Verstädterung in ihrer Ganzheit erfolgen kann, hat jede einzelne gute Lösung sowohl räumlich, wie baulich und performativ einen Beitrag an die Vielfalt und an die Einrichtungen der Stadt und an deren Lebensqualität beizutragen. Das heisst: Mehr öffentlich zugängliche und temporär nutzbare Orte, Bauten und Räume sind anzustreben. Von den Beteiligten verlangt dies neben Professionalität und Kooperation auch Empathie und Neugier für bisher unbekannte Eigenschaften, die zu dem gehören können, was wir allgemein in Emmen unter dem Gegenstand Stadt verstehen. Für das mögliche Neue sind in Emmen einfach Beispiele zu nennen: Reuss und Kleine Emme, für die Industrieentwicklung in Emmenbrücke lebenswichtige Ressourcen in der Produktion, werden zu Freizeiträumen. Oder: Mit dem Emmenpark in der Viscosistadt entstehen auf einem ehemaligen Industriegelände öffentlich zugängliche Freiräume.

Landschaft schützt_bearbeitetStadtlandschaft als Hintergrund

Zurück zu unserer Eingangsfrage. Ist Emmen eine Stadt? Wo genau liegt eigentlich Emmen? Zwischen Luzern, Ebikon und Rothenburg. Oder doch eher an einem geografischen Ort zwischen Kernstadt und Land, wo weder der ursprüngliche Naturraum noch das traditionelle Dorf, noch eine traditionelle städtische Mitte existieren. Die Rettung findet Emmen in der Stadtlandschaft Luzern[v], wie hier behauptet wird. In Emmen von einer Stadtlandschaft zu sprechen, passt, und bringt erst noch den Vorteil mit sich, dass sich der festgefahrene Dialog «Städtische versus ländliche Schweiz»[vi] darin auflösen kann. An seine Stelle tritt ein Gegenkonzept, welches in der fachlichen Diskussion zunächst das ganze «Stadtland Schweiz»[vii] im Auge hatte. Und noch ein Argument spricht für die Stadtlandschaft: Vor Ort und in einzelnen Planungen die Stadtlandschaft Emmen als konzeptionellen Hintergrund zu propagieren, ist sinnvoll, weil darin die Vielfalt und die Polyvalenz, verschiedene Beziehungen, Bedeutungen und Funktionen zwischen unterschiedlichen Orten innerhalb und ausserhalb der Stadt- und der Gemeindegrenzen, bereits enthalten sind. Zwischen Emmen und Luzern sind nicht nur Politik, Ökonomie, Gesellschaft und Bildung vernetzt; auch Bauten, Strassen, Flüsse und die Landwirtschaft bilden ein mehr oder weniger sichtbar und gelebtes Netzwerk. Was die Stadtlandschaft Emmen letztlich jedoch ausmacht, sind die Menschen und ihre Bedürfnisse. Die einen finden gegenwärtig im Wohnungsangebot auf der Feldbreite ihr Wohnparadies, andere künftig am Seetalplatz ihren neuen Arbeitsplatz, wieder andere für sich einen kulturellen Mehrwert als Bewohner/in der Viscosistadt oder ein Zuhause im Einfamilienhaus unmittelbar an der Grenze zur Landwirtschaft. Sich über eine Stadtlandschaft wie Emmen zu verständigen, erfordert und benötigt deshalb keine einheitliche Stadtidee, sondern Prinzipien und hauptsächlich dies: den Austausch über stadt- und lebensräumliche Qualitäten (das Wir) am Beispiel einzelner konkreter Aufgaben und Projekte. Reicher werden kann für Emmen dann bedeuten, dass dadurch mit guten Lösungen die bauliche Vielfalt und das Angebot an Lebensräumen gestärkt werden. Oder dass Orte von zentraler Bedeutung innerhalb der Gemeinde und im Umfeld aufgewertet, verdichtet und besser angebunden werden: einzelne Areale an die S-Bahn-Stationen, Quartiere an Strassen- und Flussräume, die Natur und der Wald an die Räume der Landwirtschaft, privates Wohnen an öffentlich zugängliche Freiräume.

Mobilität_Dichte_bearbeitet

Bocksprung

Wenn die Hochschule Luzern im Sommer 2016 nordwärts zieht, lässt sich die Reise mit einem Bocksprung[viii] vergleichen. Beim Sprung über die Stadtgrenze hinaus mitten in die Viscosistadt trifft die Abteilung Kunst und Design  auf ein ehemaliges Industrieareal, das bis vor Kurzem nicht öffentlich zugänglich war und sich neu als Zukunftsort mit Industrie, Kultur, Büros und Wohnungen positioniert. Was in der Viscosistadt passiert, öffnet den Blick auf die Möglichkeiten an anderen Orten in der Stadtlandschaft Emmen: Nebenan ist das neue Stadtzentrum rund um den Seetalplatz bereits am entstehen. In der Ferne lassen die Gebiete Sonnenhof, die Feldbreite oder die Grünmatt als Stadtentwicklungsgebiete grüssen. Auch das Emmen Center wetteifert mit einem Redesign um seine Stellung im regionalen Einkausfmart. Beidseits des Bahnhofs Emmenbrücke und im Quartier Meierhöfli schlummern weitere Entwicklungspotenziale, die, einmal gebaut, ihre eigene Struktur, Dichte, Lebensqualität und Atmosphäre erzeugen werden. In ihrer Vielfalt gleicht die Stadtlandschaft, die in Emmen entsteht heute noch  einem Archipel, einem an vielen Stellen noch nicht bestellten «Paradis fantastique»[ix] aus einzelnen städtebaulichen beziehungsweise landschaftlich geprägten Inseln. Im Einzelfall und im Zusammenspiel werden die Möglichkeiten und der Widerstand dieser Inseln gegenüber Veränderungen den Umbau Emmens zur Stadt wesentlich prägen. Dazwischen sind es Strassenzüge, Fluss- und Grünräume sowie Freizeitanlagen, Gewerbe- und Einfamilienhausgebiete und nicht zuletzt die Landwirtschaft, welche die Aufgabe haben, Orte, Verbindungen und Hotspots so zu schaffen, dass sie dem Eindruck einer anonymen Agglomeration entgegenwirken.

Auf dem Weg zur Stadtlandschaft kommt für Emmen die Hochschule für Design & Kunst somit gerade rechtzeitig. Kunst als Form der Aktualisierung von bisher unsichtbaren Realitäten, die offene Erkundung des Unfertigen, Möglichen und Vielfältigen hat Tradition. Auch Architektur und Städtebau bedeuten in einem Stadtumbau gleichzeitig eine Technik und Kunst. So ist zu hoffen, dass die Hochschule mit ihrer Präsenz in der Viscosistadt dazu beitragen kann, zu aktualisieren, was Emmen heute und morgen als Stadtlandschaft brauchen oder gar auszeichnen kann. Zu wünschen ist, dass im 745 Experimente entstehen, die – ganz im Sinn der Möglichkeiten einer Kunst im Vorstadtparadies Emmen – für eine lebenswerte, offene und erfolgreiche Stadtidee stehen. Dann hat sich der Bocksprung für alle gelohnt: Stadt Emmen hin oder her.

[i] Burckhardt, Lucius: Wer plant die Planung? Kassel 1980, S. 135.

[ii] Le Corbusier: Urbanisme, Paris 1994, S. 120.

[iii] Zitat aus der Plakatkampagne der Gemeinde Emmen vom November/Dezember 2015.

[iv] Ebd., S. 135.

[v] Zum Begriff Stadtlandschaft: Archithese Sondernummer 1997: Stadt-Landschaft oder Landschafts-Stadt.

[vi] Kreis, Georg (Hrsg.): Städtische versus ländliche Schweiz? NZZ Libro 2015.

[vii] Vgl. Eisinger, Angelus und Schneider, Michel: Stadtland Schweiz. Zürich 2005.

[viii] Bocksprung ist hier dt. für «leapfrog», vgl. dazu: Christopher, Alexander: A New Theory of Urban Design. Oxford 1987, S. 143.

[ix] In Erinnerung an das Werk «Le Paradis fantastique», ein Ensemble aus Skulpturen von Niki de Saint Phalle und Maschinen von Jean Tinguely.