Kategorie-Archiv: Bauten

Sightseeing auf der Kuonimatt

Die Turnhalle der Architekten Graber & Steiger auf der Kuonimatt in Kriens, gebaut zwischen 1999 und 2002, bietet sich für ein Sightseeing in der schönen Stadt ausserhalb der Kernstadt Luzern an. Das Frühwerk der mittlerweile etablierten Architekten handelt von der Auseinandersetzung mit Polyvalenz, jenem Beziehungsreichtum in der Architektur, der aus der konzeptionellen Auseinandersetzung  mit Agglomeration entsteht. Der nachfolgende Text ist in der Publikation „Graber & Steiger. Bauten und Projekte 1995-2015“ (Quart 2015) erschienen.

(Bilder: c Graber & Steiger)

sta. Auf der Kuonimatt, der Ebene am Fuss des Pilatus zwischen der Horwer Seebucht, Kriens und der Luzerner Allmend gelegen, kommt mir ein Satz von Niklaus Graber und Christoph Steiger von 2011 in den Sinn. In einem Interview zur Pilatusgalerie ging es damals auch um den Blick vom Luzerner Hausberg hinunter auf die Stadt, was die Architekten zur Bemerkung führte: «Dass die Sterne etwas Schönes sind, das wissen wir. Auf dem Pilatus sieht man, dass Stadt auch etwas Schönes sein kann.»

Kuonimatt-02gsAn diesem Statement ist typisch, dass die beiden Architekten einer Generation der über Vierzigjährigen angehören, die ihre Gedanken und Lösungen immer auch der Stadt widmen – sie realisieren Gebäude und Orte, die in mehrfacher Hinsicht von Bedeutung, das heisst polyvalent gedacht, entworfen, gebaut und wirksam sind. Ihren Antrieb für den Umgang mit Widerspruch und Komplexität sucht und findet diese Generation jeweils in der Antwort auf eine Aufgabe, an einem spezifischen Ort, zu einem bestimmten Zeitpunkt. «Stil» meint die Art und Weise des strukturierten architektonischen Handelns. Und sind sie noch so chaotisch, dispers oder unästhetisch «dirty»: Die vorgefundenen Realitäten werden akzeptiert und zum Material für die eigene Entwurfsarbeit. Diese findet in einem nicht vorbestimmten Raum statt, will heissen: Eine allgemein gültige Definition von «Stadt» wird weder vorausgesetzt noch akzeptiert, dafür allgemeine und spezifische Phänomene, die es zu erkennen und interpretieren gilt. Entscheidend ist, mit welcher Wirkung sie auf diesem Hintergrund im einzelnen Projekt zum Gegenstand werden, wie die Architekten die Architektur der Stadt analysieren, interpretieren, manipulieren oder sogar neu gründen.

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Annäherung

Auf der Kuonimatt interessiert also, was Graber und Steiger vor zwölf Jahren mit dem Neubau einer Turnhalle Bemerkenswertes geleistet haben. Der Wettbewerbsentwurf entstand 1999, in den Anfangsjahren des Büros. Die Architekten fanden einen Ort vor, an dem 1954 zeitgleich ein Primarschulhaus, Wohnhäuser und einige Hundert Meter weit entfernt die erste Autobahn der Schweiz gebaut worden waren. Nach heftiger Bautätigkeit treffen heute die engmaschigen Siedlungen aus den 1950er- und 1960er-Jahren zusätzlich auf Industriegebiete sowie Freizeit- und Einkaufsbereiche. Der Neubau der Turnhalle mit Mehrzwecknutzung wurde 2002 fertiggestellt. Beim ersten Augenschein vor Ort erstaunt, dass die von Grün eingefasste Lichtung mit der Schul- und Freizeitnutzung ihre städtebauliche Originalität erhalten konnte. Schulhaus und Turnhalle sind farblich Ton in Ton gestaltet, die Fassaden spielen mit Ähnlichkeiten, und sogar der Bauwagen, den die Jugendarbeit abgestellt hat, fügt sich augenzwinkernd in das Ensemble ein – die Architekten würden wohl mit Freude festhalten, dass ihre «atmosphärische Annäherung» zwischen Bestand und Neubau gelungen sei. Dahinter steckt ein Programm. Umgesetzt haben es Graber und Steiger mit einer kompositorischen Improvisation zum Thema «Pavillon im Park». Nach dem Sightseeing vor Ort klingt der Eindruck nach, dass ihre Architektur zugleich Ordnung schafft, dem abstrakten Konzept von «Landschaft» verpflichtet ist und einzigartiges Objekt sein möchte.

Durchdringung

Zunächst wurde mit dem Neubau der Turnhalle das Schul- und Freizeitgelände neu geordnet. An den Rand des Pausenplatzes gesetzt, respektiert das Gebäude ebenso den offenen Charakter der Lichtung wie die Präsenz des Primarschulhauses. Die Spiel- und Sportplatzwiese wird durch das Volumen und die Lage der Turnhalle als parkähnlicher Freiraum lesbar, zu dem auch die relativ grosse Ulme auf dem Pausenplatz gehört. Die Ein- und Ausgänge des Neubaus funktionieren wie selbstverständlich: tagsüber für den Schulbetrieb, abends für die Nutzung durch die Vereine. Für die Organisation im Grundriss und im Schnitt haben die Architekten auf Transparenz gesetzt. Ganz der modernen Tradition der Durchlässigkeit verpflichtet, wurde gleichzeitig die räumliche Anordnung der Nutzungen umgesetzt und die optischen Eigenschaften von Glas verwendet. Die Innen- und Aussenräume stehen so in Beziehung zueinander, dass eine konsequente Durchdringung von Bewegungs- und Aufenthaltsräumen stattfindet, Ein- und Aussichten werden erlebbar, die durch gezielte Lichteinfälle von oben atmosphärisch zusätzlich aufladen sind. Effizient und pragmatisch, in der ästhetischen Haltung konkret und puristisch anmutend zeichnen sich die beiden Nutzungen der Turnhalle und der Nebenräume in einer Disposition und Gestaltung zweier Gebäudeteile: Haupteingang, der Garderobentrakt und die Nebenräume sind eingeschossig. Das Volumen der Turnhalle ragt eigenständig darüber hinaus. Unerwartet für eine Einfachturnhalle, aber stimmig zum Strukturbild des Pavillons, öffnet sich die Sportnutzung zur Spielwiese hin mit einer Glasfassade und weit auskragenden Vordächern. Ebenso folgerichtig und in der Haltung systematisch gedacht, sind die Materialien Stahl, Glas und Holz verwendet worden. Einer exemplarischen Fingerübung gleich, haben Graber und Steiger in ihren jungen Jahren hier die tragenden und nicht tragenden Bauelemente nach dem «Haut- und Knochenprinzip» (Zitat aus dem Projektbeschrieb) zusammengefügt.

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Landschaft

Wo genau liegt die Kuonimatt? Dort, wo weder der reale Naturraum noch die traditionelle Vorstellung von Stadt existieren und wirklich Sinn stiften, kann das Konzept von Landschaft als «Scape»[i] eine Antwort geben und eine Lücke schliessen. Für die Urbanität auf der Kuonimatt, mit dem Pilatus im Blick und den Innerschweizer Alpen am Horizont, trifft dies zu. Die markanten Vordächer, die bei der Turnhalle zwischen innen und aussen vermitteln, können auf dem Hintergrund eines abstrakten Landschaftsbegriffs als architektonische Referenz an die nähere und weitere Umgebung – die nicht im sentimentalen, jedoch im kulturellen Sinn landschaftlich ist – verstanden werden. Ihre Sprache ist konstruktiv, und ihre primäre Funktion besteht darin, zu schützen. Weil ihre Gestaltqualität jedoch ausgesprochen plastisch wirkt, erhält der stilisierte Pavillon in seiner parkähnlichen Umgebung als baukünstlerisches Objekt seine zusätzliche Bedeutung. Die zweiseitige konstruktive Überspanntheit der Vordächer ist bewusst eingesetzt, und ebenso bewusst in Grenzen gehalten. Die Vordächer erfüllen somit ihre Aufgabe in mehrfacher Hinsicht: Als Schutz und symbolische Form für den Bezug zur Landschaft, Sie bleiben dabei in einem abstrakten, d.h nicht unmittelbar nachvollziehbaren  Verhältnis zur Umgebung liegen – das gilt übrigens ebenso für das KKL-Dach, das ein gewisser Jean Nouvel 1993 für den Europaplatz in Luzern entworfen und bis 1998 realisiert hat.

Installation

Halten wir fest: Graber und Steiger haben auf der Kuonimatt eine sowohl ortsgebundene, im Stil der Moderne räumlich ordnende und einer idealisierten Landschaft zugleich raumerweiternde und dadurch Atmosphäre schaffende Lösung realisiert. Die Komplexität der Aufgabe hat sich im systematischen Spiel mit räumlichen Beziehungen, Funktionen und Bedeutungen zur Idee des «Pavillons im Park» in einem für den Ort vollwertigen Ergebnis aufgelöst. Die Turnhalle ist schön, weil sie funktional und angemessen ist, Ordnung und Orientierung schafft, inhaltlich dem für den Ort sinnfälligen Konzept der Landschaft verpflichtet ist und architektonisch eine Botschaft hat.

Den derart vielfältiger Beziehungsreichtum zwischen der Strategie im Entwurf, dem kulturellen Landschaftsbezug und der mehrdeutigen Wirkung des architektonischen Objekts stellt typischerweise die «Installation» her. Als klassische Entwurfshaltung könnte man gleichzeitig die Art und Weise bezeichnen, wie die Architekten die vorgefundene Situation, die Aufgabe und die Mittel der Architektur in Beziehung zueinander gesetzt und zusammengefügt wurden. Aus dem Strukturbild des Pavillons heraus sind funktionale und urbanistische Mehrwerte entstanden, die einen bereits öffentlichen Ort weiterentwickelt haben, indem eine skulpturale bauliche Substanz ergänzt wurde.

Wenn es eine kritische Kehrseite in dieser Geschichte zu erkennen gilt, dann vielleicht diese: Eine strukturierte Komposition führt nicht automatisch dazu, dass ein Gebäude zum Träger bestimmter Qualitäten in der Wahrnehmung wird. Die Architektur von Graber und Steiger ist nicht bildhaft zugänglich und schon gar kein populistisches Experiment. Die Architekten lehnen die postmoderne Collage und das Modische entschieden ab. Für sich genommen vermittelt die Turnhalle dadurch ein überaus geordnetes und insgesamt eigenständiges Architekturbild. Die Turnhalle, der «Pavillon im Park», bleibt ein deutungsbedürftiges Zeichen, das im nicht spezialisierten Auge  durchaus kühl wirken kann. Trotz gelungener atmosphärischer Annäherung ist bei der Turnhalle auf der Kuonimatt mit dem Begriff der «Identität» somit vorsichtig umzugehen: Identifikation mit Architektur resultiert erst im Gebrauch. Ein Bonmot sagt, dass ein Gebäude von dem Moment an gut erhalten und gepflegt wird, wenn es geliebt wird. Zur Turnhalle auf der Kuonimatt wird gut Sorge getragen. Sie wirkt heute noch frisch und unverbraucht. Liebe kann dafür nicht allein der Grund sein.  Wohl eher gilt die Erkenntnis, dass die gefühlte Distanz zur architektonischen Abstraktion des Gebäudes sich hier im Gebrauch gehörig Respekt verschafft hat.

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Zufall

Von der Kuonimatt aus ist die Pilatusgalerie, ein jüngeres Werk der Architekten, das auf dem prominenten Nord-Süd-Berggrat des Pilatus sitzt, leider nicht zu sehen. Der Umkehrschluss, dass die Turnhalle nun vom Tal aus betrachtet einen Beitrag für die eingangs beschriebene «schöne Stadt» leistet, wäre zu schön gewesen. Der Zufall will es aber, dass auf der Spielwiese vor der Turnhalle die Glasfassade mit den Vordächern und gleichzeitig die nicht weit entfernten Wohntürme der Sportarena von Daniele Marques zu sehen sind: Für einen kurzen Augenblick ist die Verbindung zur «schönen Stadt» der Architekten, die nun treffender als «Stadtlandschaft» zu bezeichnen wäre, wiederhergestellt. Zwei architektonische Komplizen, die sich zufällig begegnen, sprechen davon, dass sich die guten Dinge in der Architektur über Gemeinde- und Stadtgrenzen hinaus austauschen. Im Hinblick darauf, dass für die kommenden Jahre dem Süden Luzerns ein heftiger baulicher Wandel vorausgesagt wird, provoziert die Begegnung von Struktur und Zufall einen abschliessenden Wunsch: Die Turnhalle auf der Kuonimatt wird zu einem lokalen Klassiker für ein Sightseeing in der schönen Stadt der Zukunft – für das Sichvergewissern vor Ort, was Beziehungsreichtum in der Architektur ausserhalb der Kernstadt ausmachen und bewirken kann – und was nicht.

[i] Ulrich Königs: Vom Propfen, Klonen und Kügelchen schlucken. Spaces als Zukunftsmodell der Stadt. In: Daidalos 72. Leipzig: Urbane Strategien 1999. S. 18-27

 

Der zerbrochene Monolith

Die Kirche Sainte Bernadette du Banlay in Nevers (F), gebaut von Claude Parent und Paul Virilio zwischen 1964 und 1966, ist ein gebautes Manifest der französischen Architekten- und Künstlergruppe Architecture Principe. Die Eröffnung des Bauwerks war medial ein kleiner Skandal. Jean Nouvel war als junger Architekt im Büro von Parent und Virilio tätig. Der Bau in Nevers schlägt dadurch eine Brücke zur Architektur des Konzertsaals im KKL Luzern.

Bilder: Stadtfragen/2014

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sta/nevers. Seit 1958 hatte sich Paul Virilio mit der Archäologie der Bunkeranlagen aus dem II. Weltkrieg entlang des Atlantikwalls in der Normandie beschäftigt. Zusammen mit dem Architekten Claude Parent, Michel Carrande, ein Maler und dem Plastiker Morice Lipsi gründete Virilio die Gruppe Architecture Principe. Sie löste sich 1968 wieder auf. In der kurzen Zeit ihres Bestehens erschienen zwischen Januar und Dezember 1966 neun Ausgaben der gleichnamigen Zeitschrift. Die Kirche Sainte Barnadette du Banlay in Nevers wurde mehr oder weniger gleichzeitig entworfen und realisiert. Sie gilt deshalb als das gebaute Manifest der Gruppe. Avantgardistisch und kritisch gegenüber der Moderne und den in die Höhe schiessenden Bauten der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts unternahm Architecture Principe den Versuch, das Spannungsverhältnis zwischen Begriffen, Verfahren und der Materialisierung in der Architektur und im Städtebau neu auszuloten. Daraus entstand eine kritische Ästhetik gegenüber dem, was die Disziplinen Architektur und Städtebau aktuell realisierten. Die Architekten- und Künstlergruppe wollte partout nicht mehr daran glauben, dass die geschlossene architektonische Form, der Monolith, die Notwendigkeiten und Probleme der Zeit weiterhin befriedigen konnte – schon gar nicht in der Beschränkung durch das Entwerfen und Bauen in der Horizontalen und Vertikalen. Als neue Gegenstände im Entwurf von gedanklichen und baulichen Experimenten propagierte sie zwei neue Paradigmen, man könnte sagen, zwei neue Sinnfelder im Entwurf: die Funktion der Schräge und der aufgebrochene Monolith.

Nevers-Web

Territorium als Kontext

Die Anreise nach Nevers, ein Wallfahrtsort mit dem seit 1925 unverwesten Leichnam der barmherzigen Schwester Bernadette Soubirous (1858 Seherin von Lourdes) als Hauptattraktion, erledigt ein GPS problemlos. Vor Ort kann jedoch der Versuch, die Kirche innen zu besichtigen, gerade in den Sommermonaten zu einem Abenteuer werden. So am Sonntag 10. Juli: Weder die Versuche direkt vor Ort und im lokalen Tourismusbüro, noch mehrere Telefonate an die Kirchgemeinde führten zum Ziel. Die Eingangstür blieb verschlossen, die Meldungen auf dem AB unbeantwortet. So blieb ein Rundgang um das Gebäude herum. Dafür gibt es allerdings keinen vorgegebenen Weg: Das Gebäude ist von hohem Gras umgeben. Erst bei näherem Hinschauen zeigt sich ein Zementstreifen, der dadrin eingelegt ist. Dezent, aber bestimmt, steckt er ein rechteckiges Territorium ab und ergänzt die Landschaftsarchitektur, die topografisch mit augenfälligen Terrainsprüngen und einem Beton-Sockel am Eingang des Grundstücks spielt. Im Kopf entstehen dadurch Bilder, die an ein für Zivilisten eigentlich unzugängliches militärisches Territorium erinnern. Das Gebäude zeigt sich gegenüber neugierigen Besuchenden und dem umliegenden Quartier programmatisch borstig, ablehnend gar: Seit seiner Entstehung und bis heute scheint das Gebäude deshalb nicht von bzw. für diesen Ort gebaut zu sein. Die architektonische Sprache des Gebäudes und seine unmittelbare Umgebung erinnern an ein Bauwerk, dass niemand in seiner direkten Nachbarschaft haben will. Der städtebauliche Kontext, so könnte man festhalten, manifestiert sich so in der architektonischen Umsetzung, im fertigen Bau, kraftvoll als ein von den Architekten taktisch mit einer bildlichen Kriegsrhetorik ausgestattetes bauliches Territorium, das gleichzeitig die totale Kontrolle des Ortes und eine gestalterische Logistik der Abwesenheit demonstriert.

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Zahnloser Engel

Zur Dialektik zwischen Kontrolle und Abwesenheit passt, dass es eines Zufalls bedarf – und wohl die Kraft der heiligen Bernadette – um die Kirche innen besichtigen zu können: Am nächsten Tag scheint die Sonne. Der Monolith zeigt sich in einem anderen Licht als tags zuvor. Ein paar zusätzliche Fotos lohnen sich. Und tatsächlich erscheint das unvorhergesehen Willkommene in der Person eines Quartierbewohners, wir nennen in hier liebevoll und schicksalshaft den zahnlosen Engel: Er kommt in letzter Minute ungefragt auf uns zu und erklärt uns, wo und wie einfach der Schlüssel zum Kirchenraum zu finden ist: gleich um die Ecke, im Hof, an der Tür des Pfarrhauses. Zehn Minuten später stehen wir im Innern von Sainte Bernadette du Banlay und erleben die Wirkung des ständigen Wechsels zwischen Sonnenlicht und Wolken. Über die zentrale Treppe im Kirchenraum über dem Erdgeschoss angekommen, wirkt das programmatische Experiment der Architecture Principe mit der Schräge und dem gebrochenen Monolithen unmittelbar. Überall dort, wo der Monolith aus Stahlbetonrippen seine Bruchstellen aufweist, wo sich Gebäudeteile im Schnitt und im Grundriss, wo schiefe Ebenen und Wände partout nicht monolithisch aufeinandertreffen dürfen, fällt gelbes Licht in den Baukörper, und über uns hinein. Ich begreife: Virilio und Parent ging es in ihrer kritischen Haltung um eine veränderte Wahrnehmung durch das Erleben von Desorientierung. Ihre Architektur verfolgt das Ziel einer individuellen, kritischen, körperlichen und visuellen Erfahrung, die überhaupt erst aus der freiwilligen oder unfreiwilligen Aufmerksamkeit von Körper und Augen für das bisher Ungewohnte und Unbekannte entstehen kann. 

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Form in Bewegung

Der Neubau in Nevers war bei seiner Eröffnung 1966, zumindest in den Medien, ein kleiner Skandal. „C’est une église“, titelte die L’Union am 10. Dezember lakonisch. Was den sonst? Die Architectural Review nannte die Architekten gar zwei „incorrigible propagandists“. Ähnliches hätte sich 1998 anlässlich der Eröffnung des Konzertsaals im KKL tatsächlich auch in Luzern ereignen können. Der Grund: Jean Nouvel, Architekt des KKL in Luzern, arbeitete nach seinem Studium zuerst bei den beiden philosophes de l’urbanisme, wie Parent und Virilio auch genannt werden. Anzunehmen ist, dass ihn die Ereignisse in Nevers, die dort aufgeführte kritische Auseinandersetzung mit der Moderne und der architektonischen Form, die in der Schräge in Bewegung gerät, in seinen ersten Berufsjahren mit geprägt haben. Ein Hinweis: „Das Wesen der Architektur besteht darin, über ihre eigenen Grenzen hinauszugehen“, schrieb Nouvel in seinem Beitrag zur deutschen Ausgabe von „architecture principe, 1966 und 1996“ (Bernd Wilczek, Editions de L‘ Imprimeur, 2000).

Beim KKL in Luzern (1995-2000) lotete Jean Nouvel die Grenze der Disziplin offensichtlich mit dem weit auskragenden Flügeldach aus, zu dem, im Vorfeld der demokratischen Abstimmungen, die Bauherrschaft eine öffentliche Haushaltdiskussion tunlichst vermied. Ein Besuch der Kirche von Virilo und Parent in Nevers lässt erahnen, dass auch der monolithischen Form und Konstruktion des Konzertsaals am Europaplatz mit dem Neverskomplex in Verbindung gebracht werden kann; mit jener radikal kritischen Haltung, welche die Grenzerfahrung zwischen Körper und Raum auslotet und taktisch in Architektur umsetzt. So sitzt der Konzertsaal in Luzern, akustisch hermetisch abgeschlossen, im Bauch des KKL, aussen in der ganzen Höhe bis hinauf zum Dach des KKL sichtbar. Im mehgeschossigen Foyer beherrscht das Saalvolumen die Raumwahrnehmung der Besuchenden, ohne dass sein Innenleben unmittelbar offenbar wird. Ähnlich wie in Nevers demonstriert damit das Herz des KKL die Gleichzeitigkeit der architektonischen Kontrolle und Abwesenheit. Die Radikalität der Kirche in Nevers verliert der Saal an seiner Oberfläche. Aussen präsentiert sich die Betonkonstruktion als eigenständige, fast schon liebliche Form aus Holz. Die Oberfläche im Kleid eines edlen Riegelahornfurniers erinnert an die Rückseite einer Geige. Der Koloss aus Beton, die architektonische Tatsache, soll in den Augen der Besuchenden, in der Interpretation der eigenen Wahrnehmung, bildlich gesprochen als Musikinstrument erklingen. Man könnte sagen: Der Bauch des Konzertsaals wird zur Einladung, einzutreten in die Welt der Musik. Ein möglicher Hinweis auf die Kirche Sainte Bernadette du Nevers lieferte der Saal aus diesem Grund vor allem damals, als er noch im Rohbau stand. Zum Beispiel beim Gang durch den Haupteingang in das Parkett, das im Untergeschoss liegt. Was an Nevers erinnert: Zunächst steigt der Weg hinein in den Saal hier kurz an, bevor der Boden im Saalinnern zur Bühne hin ein leichtes Gefälle aufweist und die Schräge das Erlebnis der eigenen Bewegung im Raum bestimmt.

Eingeschlossene Radikalität

Mit dieser Erfahrung lässt sich durchaus darüber spekulieren: Wäre nach dem Rohbau in Luzern nicht die Verkleidung aus Holz und damit das architektonische Bild eines übergrossen Musikinstruments hinzugefügt worden, vielleicht hätte die lokale Presse 1998, anlässlich der Eröffnung des KKL, analog zur Presse 1966 in Nevers getitelt: „Das ist ein Konzertsaal“. Was denn sonst? Es kam anders. Das KKL ist kein gebautes Manifest, eher Ausdruck einer radikal verinnerlichten Taktik, wie unter den Bedingungen des globalen Wettbewerbs unter Kulturstandorten, gute Architektur realisiert werden kann. Die architektonische Radikalität, die in Nevers 1:1 an der Gestaltqualität des Bauwerks ablesbar geblieben ist, liegt in Luzern hinter einer architektonisch stimmigen und im lokalen Kontext (auch wenn nur mit einer herausragenden Leistung) machbaren Logistik der öffentlichen Erzählung und Wahrnehmung über die Nutzung und Bedeutung einer Architektur für das 21. Jahrhundert verborgen. Nouvels Architektur als Gegenstand der öffentlichen Wahrnehmung muss deshalb politisch korrekt sein, ist deshalb folgerichtig mehr ein architektonischer Event und ein Bilderbuch denn ein Manifest oder das sichtbare Ergebnis einer ideellen Selbstverwirklichung eines Autorenarchitekten. So erinnert das Bauwerk in Luzern in seiner Form und Gestalt auf den ersten Blick kaum noch an die Ideen der Propagandisten aus der Gruppe Architecture Principe. In Erinnerung an den Rohbau bleibt für den Kritiker die gedankliche Brücke zwischen Luzern und Nevers trotzdem ein nennenswertes und erlebbares Ereignis. Am Endpunkt in Luzern lässt es sich begrifflich einordnen: Als Konzept des dirty realism beschreibt die Architekturtheorie seit den 90er Jahren des letzten Jahrtausends jene erfolgreiche Taktik im Programmieren, Entwerfen und Bauen von Architektur, die es schafft, eigenständige (und durchaus radikale) Haltungen und Ideen in den Disziplinen Architektur und Städtebau in einen dafür noch nicht vorgesehenen, jedoch aus fachlicher Sicht in der gegeben Zeit und für die nahe Zukunft stimmigen Kontext einzuschliessen. Damit ist auch beantwortet, weshalb Jean Nouvel seinen Entwurf für Luzern überaus authentisch als „l’inclusion“ beschrieben hat.

PS: Wer sich selbst vor Augen führen will, wie der Konzertsaal in Luzern 1997 im Rohbau gewirkt haben könnte, kommt nicht umhin, selbst eine Reise nach Nevers zu unternehmen. Die heilige Bernadette und der zahnlose Engel werden sich über den Besuch bestimmt freuen.

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Postkarte aus Hamburg

2011 hätte die Elbphilharmonie in Hamburg eröffnet werden sollen. Am 3. Juli 2013 wurde die Öffentlichkeit über den aktuellen Stand informiert. Die so genannte „Neuordnung“ der Zusammenarbeit zwischen den Be- und Erstellern sowie den Architekten Herzog & de Meuron aus Basel wird umgesetzt. Die Mehrkosten belaufen sich auf 256 Mio. Euro. Eröffnet wird das prestigeträchtige Haus 2016.

Foto: Stadtfragen

sta. Nach Qualitäts-, Konstruktions-, Organisations- und Kostendiskussionen sowie einem ebenso unschönen wie teuren Baustopp steht der verbindliche Termin für die Fertigstellung des Prestigeobjekts Elphilharmonie Hamburg nun fest: Es ist der 31. Oktober 2016. Der Konzertbereich wird der Stadt Hamburg, so der neue Fahrplan, bereits am 30. Juni 2016 übergeben. Damit dies gelingt, hatten sich die Projektbeteiligten am 9. April 2013 über die so genannte „Neuordnung“ des Projektes verständigt. Mit der politischen Zustimmung der Bürgerschaft am 19. Juni ist diese wirksam geworden.

Kernpunkte: „Hdm-Label“ inklusive

Die Kernpunkte der Neuordnung , die gemäss Pressemitteilung die „Geburtsfehler des Projektes“ beseitigt und zwar „indem das Dreiecksverhältnis Stadt – Generalunternehmer– Generalplaner aufgelöst wird“, sind: Neu übernimmt der Generalplaner Hochtief sämtliche Planungs- und Baurisiken. Das Bauunternehmen wird die noch ausstehenden Planungen, unter anderem die TGA-Planung, in einer Arbeitsgemeinschaft zusammen mit den Architekten Herzog & de Meuron und Höhler + Partner erbringen. Die Architekten werden die Bauphase kontinuierlich begleiten und Hochtief garantiert bei der planerischen und baulichen Umsetzung die Einhaltung der Qualitätsansprüche der Architekten (»HdM-Label«).

Zur Sicherstellung der vertragskonformen Qualitäten und der Funktionsfähigkeit der Planung und der Bauausführung ist vereinbart, dass gemeinsam ausgewählte, öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige planungs- und baubegleitend beauftragt werden. Hochtief verpflichtet sich zudem, die Akustikvorgaben und Optimierungen des Akustikers Yasuhisa Toyota umzusetzen. Die Stadt Hamburg erhält für den Konfliktfall gesonderte Kündigungsrechte. Sie kann unter anderem kündigen, wenn Hochtief bestimmte Zwischentermine nicht einhält oder es zu einem vorzeitigen Ende der Zusammenarbeit von Hochtief mit den Architekten kommt, soweit der Konflikt von Hochtief verschuldet wird. Hochtief muss Strafzahlungen an die Stadt leisten, sollten die Zwischentermine nicht eingehalten werden.

Eröffnung 2016

Mit der Neuordnung konnte der unschöne und teure Baustillstand beendet werden. „Hochtief Solutions“ hat sowohl die Verantwortung für die Planung als auch für die Bauausführung übernommen. Die Mehrkosten durch die Neuordnung betragen 256,6 Mio. Euro. Demnach belaufen sich die Gesamtkosten für den Bau der Elbphilharmonie nun auf 789 Mio. Euro.

Fünf Ansichten zu Frank Gehry

„Mir gefällt die Art und Weise, wie das Gebäude an diesen Ort passt“, sagte Frank Gehry anlässlich der Eröffnung der Cleveland Clinic for Brain Health 2010 in Las Vegas. „Ich habe nicht versucht, mit dem Chaos rundherum zu konkurrenzieren“. Das Büro für Stadtfragen hat das Gebäude besucht. Die Architektur überzeugt ausgerechnet hier in Vegas – auch wenn man Frank Gehry’s Formen-, Struktur- und Materalvirtuosität nicht ohne Vorbehalte begegnen kann. Eine Dokumentation in fünf Ansichten.

Bilder: Büro für Stadtfragen 2012, Zitate Frank Gehry: Interview ap 2010

Ansicht aus der Luft (Titelbild)

(sta/Las Vegas/2/2012) Gedanken an Las Vegas beginnen und enden gewöhnlich mit Gedanken an den berühmten Strip: Der sieben Kilometer lange Stadtstreifen mit seinen architektonisch inszenierten Themenwelten verkörpert weitaus erfolgreicher als etwa Einzelbauten die urbane Destination Las Vegas, die jährlich 39 Millionen Gäste in die Wüste Nevadas lockt. Nachdem Frank Gehry zuvor mehrere Bauaufträge in Las Vegas abgelehnt hatte, baute er hier zwischen 2007 und 2010 dann doch. Seine Cleveland Clinic (Bildmitte) sollte sich jedoch von der „cacaphony“ der Hochhaus- und Casino-Architektur, so Gehry, deutlich abheben. Dass dieses Unternehmen im Stadtkörper von Las Vegas nicht einfach ist, jedoch mit Hilfe einer überzeugenden, städtebaulich offenen Insellösung gelingen kann, lässt das Luftbild (Standort: Aussichtsturm Hotel Stratosphere) mit dem Gebäude in seiner Umgebung zuerst nur erahnen.

Das Areal ist eine städtebauliche Insel, die an der Ecke eines ehemaligen Eisenbahngrundstücks liegt, westlich von downtown Las Vegas mit der berühmten Freemont-Street und dem Golden Nugget. Meistens blauer Himmel, braune Berge, die rote Steinpyramide des Clark County Government Center prägen an diesem Ort die Aussicht. Im Stadtgrundriss ist die Anlage zudem von einem grossen, ja masslos großen Möbelausstellungshaus mit Convention Center, dem World Market Center flankiert, zudem von einer Outlet-Shopping Mall und der Baustelle für ein Kultur- und Konzertzentrum. Die Ankunft mit dem Auto erfolgt auf einem für Las Vegas typischen, grosszügigen Parkplatz.

Ansicht downtown

Gehry’s Entwurf besteht aus zwei unabhängigen Gebäuden: zum einen aus den viergeschossig aufgetürmten, kubischen Nutzungseinheiten der Tagesklinik (rechts im Bild), zum anderen aus dem formal dekonstruierten, metallisch glänzenden Event Center (linker Gebäudeteil). Den offenen Zwischenraum überdeckt eine mehrfach gefaltete Stahlskulptur. Als Fortsetzung der Fassade des Event Centers lehnt sie sich formal eigenwillig und scheinbar eher unwillig an die Tagesklinik an. „It’s not just blah, blah, blah, bland“, nicht nichtssagend, davon ist Gehry überzeugt, gerade weil die Architektur in indirekter Nachbarschaft zu downtown Las Vegas einen Beitrag an die Stadt liefere. Der Getränkeproduzent Larry Ruvo, dessen Vater an einer Hirnkrankheit gestorben war, hatte als Auftraggeber und Mäzen der Cleveland Clinic von Gehry nichts anderes als genau das erwartet: „Er hat mich gebeten, ein für Las Vegas einmaliges Gebäude zu schaffen, dass als solches, ähnlich einem Markengetränk in einem Shoppingcenter, sofort erkannt wird und das als Marketingsintrument verschiedene Gruppen anzieht, die hier Events durchführen“, so der Meister rückblickend. Die Arbeiten begannen 2007. Die Klinik wurde 2008 fertiggestellt, das Event Center 2010. Der Gesamteindruck, die Zugänge und Zwischenräume überraschen und überzeugen vor Ort gleichermassen; Klinik, Event Center und Gartenanlage bilden zusammen eine in ihrem Masstab eigenständige und stimmige Adresse. Gesamtkosten: 75 Millionen Franken.

Ansicht vor Ort

Die Cleveland Clinic offenbart vor Ort ihre Absichten unmittelbar – und auch jene bekannten des Architekten Frank Gehry: „You deliver a unique building, that creates a sense of pride, that works, that keeps the rain out, is uplifting and makes you happy to go to work and live in“. Dass der Regen draussen bleibt, dafür sorgt beim Event Center u.a. eine in China produzierte, rostfreie Stahlstruktur, die mit 18’000 an Ort und von Hand gebürsteten Elementen verkleidet ist. Wie das Interesse am Gebäude und die Reputation der Clinic zeigen, schafft die bei Tageslicht glänzende und nachts bunt illuminierte Architektur nicht nur für Patienten von Hirnkrankeiten wie Alzheimer oder Huntington einen Mehrwert, sondern auch für die Besitzer und sogar für die Stadt Las Vegas, die mehr sein will als eine „City of Entertainment“. Die ikonische Architektur Gehry’s stilisiert als Architekturmarke gleichzeitig die Win-Win-Situation der daran Beteiligten und deshalb die Rahmenbedingungen für die ökonomische Machbarkeit des Neubauunternehmens an diesem Ort. Wie offiziell erzählt wird, hatte vor allem die Wirkung und Formensprache von Gehry’s Architektur bereits in der frühen Entwurfs- und Projektphase mitgeholfen, das Bauprojekt, den späteren Betrieb und die Forschungsarbeiten in der Clinic mit Foundrising zu finanzieren.

Ansicht zu Fuss

Seit der Eröffnung macht die Architektur der Klinik Tages-Patienten und Forschende aus aller Welt glücklich. Besuchenden, die nicht in den Genuss einer Führung kommen, bereitet vor allem der öffentlich zugänglich Garten (Landschaftsarchitektur: Atelier Deneen Powell) eine Freude. Vom offenen Foyer zwischen den beiden Gebäudeteilen aus lädt er zu einem für die Autostadt Las Vegas eher ungewöhnlichen Areal-Spaziergang ein. Die Anlage der Cleveland Clinic präsentiert sich dabei als bauliches Gesamtkunstwerk: Wege, Ansichten, Bepflanzung, Kunstobjekte, Sitzgelegenheiten sind auf kleinstem Raum harmonisch mit dem Gebauten abgestimmt.

Innenansicht

„Es hat mir den Atem genommen“, soll Gehry, mittelweile 81 Jahr alt, bei der Eröffnung des Event Centers gesagt haben. Tatsächlich ist das Innere des Event Centers ohne direkten Augenschein kaum vorstellbar. Was aussen an der Fassade in Form einer Netzstruktur aus Fenstern leicht bis zerbrechlich wirkt, präsentiert sich innen als massive aber dennoch leichtfüssig tragende bzw. abgestützte Wand- und Deckenkonstruktion. Die statisch eigenständige, mehrfach gefaltete und gebogene innere Fenster-Fassade lässt sich im Gebrauchsfall mit allen Mitteln der Licht- und Tonkunst inszenieren: der rote Teppich, weisse Wände und eine vom Möbel bis zum Teller von Frank Gehry entworfene Ausstattung bilden die Grundausstattung. Too much? In den Augen Gehry’s wohl kaum, denn alle Entwürfe dienen einem übergeordneten Ziel, dem der Architekt seine Gestalt verleiht: „Das Wichtigste ist die Persönlichkeit des Gebäudes. Ich kann jedoch verstehen“, so Frank Gehry, wenn jemand das nicht versteht, „when somebody doesn’t get it“, denn solche Dinge benötigen seiner Meinung nach eben ihre Zeit. Zum Beispiel dann, wenn man Frank Gehry’s Formen-, Struktur- und Materalvirtuosität nicht vorbehaltlos begegnet. Erfrischend einfach wirkt in diesem Fall das Innenleben der Klinik. Helle, offene Räume und Frank Gehry’s Möbel aus Fichtenholz sorgen für eine angenehme Aufenthaltsqualität.

In Luzern vom Mittelmeer träumen

Die Überbauung Citybay in Luzern überrascht mit einem grünen Innenhof. Die Citybay ist ein Gemeinschaftswerk der Lussi+Halter Architekten und Koepflipartner, Landschaftsarchitekten aus Luzern. Der folgende Artikel ist in der Sonntagszeitung vom 27. November 2011 erschienen.

Fotos: Fotosolar Luzern / Ralph Bensberg

(sta) Unter dem KKL-Dach am Europaplatz in Luzern hat Jean Nouvel drei Häuser zu einem städtebaulichen Ensemble zusammengefügt. Ein ähnlicher Entwurfsansatz ist vor Kurzem einige hundert Meter vom KKL entfernt realisiert worden, hier allerdings ohne verbindendes Dach: Die drei Bauten der Überbauung «Citybay» beim Güterareal, in direkter Nachbarschaft zum Hotel Radisson und zur Schiffswerft, bilden ein offeneres Ensemble als das KKL. «Living», «Residence» und «Business» heissen die Gebäude selbsterklärend. «Citybay» – das bedeutet also mehr oder weniger luxuriöses Wohnen, zentrumsnahes Arbeiten und grosszügige Gewerberäume in der zweiten Reihe am Ufer des Vierwaldstättersees.

Die Architektur, die aussen hauptsächlich mit Betonelementen und der Farbpalette Beige, Ocker und Graubraun spielt, ringt dem städtebaulich anspruchsvollen Ort eine wenig spezifische neue Identität ab. Dazu flirten die Bauten der Lussi+Halter Architekten zu direkt mit Referenzen, wie sie von Orten wie dem Sulzer Areal in Winterthur oder von verdichteten Vorstädten der Schweiz mittlerweile gut bekannt sind. Es sind deshalb vor allem die Fussdistanz zum KKL, zum See, zum Bahnhof und zur Altstadt, es sind die Luzerner Preise und die Aussicht auf Aussicht, die das mittlere Gebäude der «Citybay», die «Residence», für die Besitzer der 92 Wohnungen zu einer einmaligen Adresse machen. «Alle Wohnungen sind verkauft. Wir danken für Ihr Vertrauen», heisst es auf der Internetseite stolz. Im Innenhof der «Residence» danken die Koepflipartner Landschaftsarchiteken den neuen Bewohnerinnen und Bewohnern für ihr Vertrauen mit einem an diesem Ort überraschenden Garten.

Hortus conclusus

Die «Residence» ist ein geschlossener Blockrand mit exklusiven Stadtwohnungen und zweigeschossigen Ateliers im Erdgeschoss. Die unmittelbare Umgebung entlang der Werftstrasse wirkt eher anonym, noch unbestimmt und ist von Hartbelägen, noch jungen Bauminseln, gepflästerten Bereichen und Bahnschienen bestimmt. Umso mehr werden Stadtspaziergänger vom Eindruck überrascht, wenn sie den 35 mal 22 Meter grossen Innenhof betreten: Das Erdgeschoss mit den Ateliernutzungen lässt den Blick vom Hof in die Umgebung schweifen, die Stimmung im grünen Innenhof ist trotzdem aufgeräumt und ruhig. Stefan Koepfli erklärt, dass sie hier einen «Hortus conclusus» realisiert haben. «Der umschlossene Innenhof der ‹Residence› verweist typologisch und bildlich auf die Anfänge der Disziplin Landschaftsarchitektur: Der Hortus conclusus ist ein sicherer Ort, ein Garten als Gegenwelt zum urbanen Umfeld, der das Bedürfnis nach Ruhe und nach Aufmerksamkeit für die eigenen Gedanken befriedigt.» Für die Umsetzung der Idee haben Koepflipartner Steineichen, immergrüne Magnolienbäume und Palmen im Innenhof zu Gruppen komponiert – es sind alles Pflanzen, die in südlichen Ländern vorkommen und ganzjährig grün bleiben. Zusammen mit den Holzlamellen an der Innenhoffassade der «Residence» wirkt das Resultat zugleich abstrakt und ortsfremd, ist aber trotzdem überzeugend selbstverständlich, und es werden gar Erinnerungen an Wohnhöfe in grösseren Städten am Mittelmeer wach.

Luzerner Regen und Blütenpracht

Wenn die Pflanzen in den nächsten Jahren wachsen und die Magnolienbäume einmal im Jahr für kurze Zeit in voller Blüte stehen, dann werden die geschützten Lauben der «Residence» zum wohl prominentesten Ort, an dem man mitten in Luzern vom Mittelmeer träumen kann. Dank der inneren Qualitäten des Gebäudes haben die Bewohnerinnen und Bewohner in der «Residence» gleich mehrere Gelegenheiten, mit Aussicht zu wohnen und ihren Innenhof zu geniessen: Der Garten ist für die Bewohner zugänglich, auf verschiedenen Wegen begehbar und mit Sitzgelegenheiten ausgestattet. In den Wohnungen selbst sind die Wohnzimmer zwischen der Aussenfassade und dem Innenhof durchgehend offen.

Erst die milden klimatischen Bedingungen im geschützten Innenhof und der Mut der Landschaftsarchitekten, technische Herausforderungen anzunehmen, haben es möglich gemacht, mitten in Luzern diesen Garten zu realisieren. Weil der Innenhof direkt über der Tiefgarage liegt, haben die Pflanzen keinen Kontakt zum natürlich gewachsenen Boden. Sie wachsen auf einer 70 cm tiefen, künstlichen Lebensgrundlage, die ihnen der spezielle Bodenaufbau anbietet. Der Wasserbedarf wird in erster Linie durch den anfallenden Regen gedeckt. Darüber hinaus ist der Pflegeaufwand für die verwendeten Pflanzenarten nicht allzu gross. Sie sind robust und insbesondere beim Wurzelsystem anpassungsfähig. Die Unterbepflanzung besteht aus schattenverträglichen Farnen und ebenfalls immergrünen Bodendeckern.

«Citybay»: Luzerner Gemeinschaftswerk

Die Überbauung «Citybay» in Luzern mit einer Arealfläche von 10’000 m2 ist das Resultat aus einem Studienauftrag, den die Arbeitsgemeinschaft Lussi+Halter Architekten und Koepflipartner, Landschaftsarchitekten aus Luzern 2006 für sich entschieden haben. Stefan Koepfli gründete sein Büro 1995 und entwickelt die Projekte seit 2001 in Zusammenarbeit mit Blanche Keeris und Jeannette Rinderknecht. Ihr Hauptinteresse gilt Themen und Aufgaben, die sich speziell in der Beziehung zwischen der Landschaft und dem Gebauten stellen. Der Eulachpark in Winterthur, die Freiräume um den Schweizerhof in Luzern, der Beitrag an die Architektur der Fensterfabrik Baumgartner in Hagendorn sowie die Aufwertung der Bahnhofstrasse in Yverdon gehören zu ihren bisher wichtigsten Arbeiten.

Höhenweg auf Pilatus Kulm

Niklaus Graber & Christoph Steiger haben auf Pilatus Kulm die neue Panoramagalerie gebaut. In einem Gespräch erzählen die Architekten von den Hintergründen der Architektur, der eigenen Arbeitsweise als Autoren und dem kritischen Blick auf die Stadt Luzern. Das Interview mit dem Büro für Stadtfragen ist begleitend zu einer Fotoreportage im Kulturmagazin „041“, Ausgabe November 2011, erschienen.

Bilder: Dominique Marc Wehrli.Die Alten, die den Pilatus fürchteten, wurden mit ihm fertig, indem sie Gipfel und Klüfte mit den Gestalten der Sage bevölkerten (…). Wir Moderne, (…), die wilde Berge lieben, werden mit ihm fertig, indem wir ihn besteigen, entweder zu Fuss oder mit der Kletterbahn.“ J. C. Heer, in: Führer für Luzern, 1911

Thomas Stadelmann: Die „Alten“ fürchteten den Pilatus, wir modernen Touristen und Freizeitlerinnen und Freizeitler lieben den Berg. Wie werdet ihr mit dem Pilatus fertig?

G & S: Wir erklimmen den Pilatus am liebsten von Alpnachstad aus mit der Zahnradbahn  nahe den Felsen entlang. Für uns ist es eher eine romantische Vorstellung, dass hier oben noch Natur im ursprünglichen Sinn stattfindet. Deshalb müssen wir den Pilatus nicht unbedingt zu Fuss hochsteigen. Die Bahn ist eine technische Errungenschaft, dank der wir die Besteigung auf eine zeitgemässe und faszinierende Art und Weise geniessen können. Seien wir doch ehrlich: Das Bergerlebnis auf dem Pilatus ist durch die Technisierung der Alpen sogar noch gesteigert worden.

Die Panoramagalerie auf Pilatus Kulm sitzt auf einem zweiseitig exponierten Berggrat, d. h. auf den Mauern eines Festungsgebäudes der Schweizer Armee und zwischen zwei bestehenden Hotelbauten. Das klingt nach einer architektonischen Gratwanderung – wie seid ihr damit fertig geworden?

Zuerst einmal haben wir die zweiseitige Situation vor Ort tatsächlich im physischen und im übertragenen Sinn als Gratwanderung wahrgenommen. Das Armeegebäude haben wir von Anfang an als Sockel für den geplanten Neubau angesehen und als Gebäude eher ausgeblendet. Es ging uns deshalb nie um ein Um- oder Weiterbauen des bestehenden Gebäudes. Auf diese Weise entstand der zweiseitig auskragende Neubau der Panoramagalerie direkt über dem Armeegebäude, das wir so behandelt haben, als wäre es Fels.

Und der Anschluss an die bestehenden Hotels Pilatus-Kulm und Bellevue?

Wie immer bei unseren Entwürfen haben wir uns zuerst ein Grundthema vorgegeben. Auf dem Pilatus ging es uns um die räumliche Kontinuität zwischen den bestehenden Bauten, unserem Neubau, dem touristischen Ort und der alpinen Bergwelt. Mit der Halle, den Foyers, der Terrasse, den Treppen und Rampen bietet die Panoramagalerie verschiedene Bewegungs- und Aufenthaltsräume, die nicht Widerstände und Barrieren zum Bestehenden schaffen, sondern unterschiedliche neue Orte und Verbindungen. Zum historischen Hotel Pilatus-Kulm sind wir möglichst auf Distanz gegangen. Dadurch hatten wir genügend Platz für die offene Treppenanlage. Sie ist gleichzeitig Bühnenraum und Arena für die Gäste und führt hinauf zur Panoramaterrasse. Beim Hotel Bellevue und den Bahnstationen stand der präzise bauliche Anschluss im Vordergrund. Dazu mussten wir zwei Gebäudeebenen auf engem Raum überwinden und miteinander verbinden. Interessant war, dass beim Bellevue das Thema Auskragung bereits bestand.

Für die Sanierung bzw. Erneuerung der beiden Hotels waren andere Architekten zuständig. Ist das Ensemble auf Pilatus Kulm aus eurer Sicht trotzdem gelungen?

Es gab zu Beginn eine klare Aufgabenstellung für die Sanierung bzw. Erneuerung der beiden Hotels und für den Neubau. Das Konzept mit zwei Häusern und einer Verbindungsgalerie wurde auch so umgesetzt und ist leicht ablesbar. Innenräumlich kann man darüber diskutieren, wie gut es gelungen ist, die verschiedenen Nutzungen und Ziele des Bahnbetriebs, der Gastronomie und der Hotellerie gestalterisch aufeinander abzustimmen. Unsere Aufgabe bestand lediglich darin, einen eigenständigen Neubau zu erstellen. Rückblickend haben wir jedoch schon den Eindruck, dass einzelne Schnittstellen nicht ganz logisch festgesetzt wurden. Ein Beispiel dafür ist die zusätzlich gebaute Innentreppe, die von der Panoramagalerie aus hinauf zum Restaurant des Hotels Bellevue führt. Wir haben vorgeschlagen, den Anschluss zur Panoramagalerie über den bestehenden Treppenkern zu lösen. Durch den Bau der neuen Innentreppe hat der Anschluss nun leider an Grosszügigkeit verloren und ist nicht nahtlos geglückt. Dennoch: Das Ensemble mit dem Hotel Pilatus-Kulm aus der Zeit der Jahrhundertwende, dem Hotel Bellevue aus den 1960er-Jahren und unserem Neubau besteht aus zeitlich und inhaltlich erkennbaren Architekturen, die sinnfällig zusammenfinden und funktionieren.

Die Architektur der Panoramagalerie sieht so aus, als wolle sie der schroffen Bergwelt am Pilatus gleichzeitig trotzen und mit ihr verschmelzen. Ihr nennt das Prinzip „form follows mountain“. Könnt ihr das näher erklären?

Die karstige Bergwelt am Pilatus hat uns tatsächlich auf den ersten Blick fasziniert. Wie der Fels vor- und zurückspringt und erodiert ist besonders ausdrucksstark. So hat uns das Pilatusmassiv Mons fractus – „der gebrochene Berg“, wie er im Mittelalter genannt wurde – dazu angeregt, entsprechende Analogien in der Form, in der Materialisierung nahe am Kalkgestein und in der Gestaltqualität der Architektur zu finden. Uns gefällt besonders gut, wie sich die Panoramagalerie an einem Ort um eine Felsnase herumbewegt und an einem anderen Ort über die Felsen hinausragt. Wir glauben, dass es uns gelungen ist, mit dem Gebäude architektonisch zum Ausdruck zu bringen, was wir als Themen an diesem speziellen Ort vorgefunden und interpretiert haben, eben im Sinn von: form follows mountain.

Die Panoramagalerie leistet dadurch mehr als die ursprüngliche Aufgabe lautete, nämlich für die Touristen eine Verbindungsgalerie zwischen den Bahnen und Hotels zu bauen. Wann wurde aus der Verbindungsgalerie eine Panoramagalerie?

Diese Bezeichnung hat sich unseres Wissens erst spät in der Projektphase ergeben. Zunächst ist zu erwähnen, dass bereits ein Bauprojekt für ein Verbindungsbauwerk bestand. Im Masterplan von Steiner Sarnen, der schliesslich zu einem Studienauftrag führte, war bereits angedacht, dass eine Verbindungsgalerie an dieser exponierten Stelle auf Pilatus Kulm den Gästen unbedingt auch das beidseitige Panorama freigeben muss. Das Hauptthema „Aussicht“ war somit vorgegeben. Mit unserem Wettbewerbsbeitrag von 2008 haben wir dann offensichtlich am überzeugendsten aufgezeigt, wie diese Aufgabe architektonisch überhöht und standortgerecht gelöst werden kann. Schliesslich haben Marketingüberlegungen dazu geführt, dass sich der Begriff der Panoramagalerie offiziell durchgesetzt hat.

Welche Atmosphäre erwartet die jährlich 350’000 Gäste, wenn sie nach der Bahnfahrt in der Panoramagalerie ankommen? Was sehen sie genau? Was tun sie?

Das ist für uns nicht leicht zu beantworten, weil wir keine Touristen sind. Dennoch: Wir haben das Verhalten der Gäste nach Fertigstellung des Neubaus beobachtet – es ist abhängig vom Wetter, vom Besuchszeitpunkt, von der jeweiligen Stimmung am Berg. Besonders aufgefallen ist uns, wie direkt die Gäste schon in der Ankunftshalle der Bahn von den Panoramafenstern bzw. der Aussicht angezogen werden: Man sieht nur überraschte Gesichter. Wer vom Flachland mit der Seilbahn oder von Alpnachstad mit der Bahn auf den Pilatus kommt, für den oder die ist der offene Blick auf die jeweils andere Seite neu und überraschend offen. Dieser erste Augenblick bewirkt jenen visuellen und emotionalen Effekt, der dem Panorama als Wahrnehmungsmaschine historisch zugrunde liegt: Man sieht auf einmal alles. Gesteigert wir die Überraschung durch die Tatsache, dass die Menschen den Blick in die Berggipfel und ins Flachland in diesem Moment in einem geschützten Innenraum erleben, in einer Art Dia-Projektion, real – und irgendwie doch nicht ganz.

Worum geht es euch bei der Raumwahrnehmung an diesem speziellen Ort? Wie soll die Architektur der Panoramagalerie wirken?

Die zentrale Idee in unserem Entwurf ist die Inszenierung des Panoramaerlebnisses. Umgesetzt haben wir sie durch die Art und Weise, wie und an welcher Stelle das Gebäude auskragt und den Blick durch unterschiedlich hohe Fensteröffnungen und Brüstungen freigibt. Die Fenster haben dadurch eine szenografische Funktion bekommen. So sind sie in der Halle dort am grössten, wo die Auskragung am grössten ist. Es entstehen dadurch sowohl geborgene wie auch sehr exponierte Aufenthaltsorte. Die Bewegung in der Architektur macht dadurch jeden Ort, an dem man steht, speziell, was für uns ein wichtiges Ziel war. Die Besuchenden werden dazu angeregt, sich in der Halle oder auf der Terrasse wie auf einem Höhenweg zu bewegen und dabei den eigenen besten Standpunkt zu finden. Mit der sichtbaren, zickzackförmigen Dachtragstruktur und den unterschiedlich weit aufgespreizten V-förmigen Stützen haben wir die Idee der Bewegung in der Längs- und in der Querrichtung der Halle auch konstruktiv umgesetzt.

Ist es demnach richtig, die Panoramagalerie als künstliche, mit architektonischen Mitteln stilisierte Bergwelt zu bezeichnen?

Ja, wenn wir damit versuchen, das Gebäude als Erlebnisraum zu beschreiben, der, wie schon gesagt, einem alpinen Höhenweg gleicht. Falsch in unserem Sinn wäre, den Neubau als gebauten künstlichen Fels zu bezeichnen, nur weil er formal im Grundriss und Schnitt und mit der strukturierten Betonfassade die felsige Umgebung spiegelt. Die Panoramagalerie ist kein gebauter Berg. In unseren Augen haben wir mit dem Neubau eine architektonische Verwandtschaft zur Bergwelt erreicht, nicht eine bildhafte Umsetzung eines Felsens – was im Umfeld der globalen Tourismusindustrie auf dem Pilatus ja auch eine Möglichkeit gewesen wäre. Allerdings nicht für uns, weil wir in unserer Arbeit ohne postmoderne Zeichenhaftigkeit auskommen. Uns hat die Aufgabe geleitet, das inhaltliche Gefüge, die Beschaffenheit und Wahrnehmung der alpinen Bergwelt an diesem Ort räumlich abzubilden.

Also passt das Bild des gebauten Höhenwegs ganz gut zur Panoramagalerie?

Ja. Das Raumerlebnis in der Panoramagalerie, mit verschiedenen Anschlüssen an die Hotels, die Bahnen und an die umliegende Bergwelt, kann mit den Erfahrungen auf einem Höhenweg recht passend umschrieben werden. Als Erklärung für die Analogie hilft zudem der Vergleich mit der Situation vor dem Neubau: Wir haben auf Pilatus Kulm eine sehr unaufgeräumte Situation vorgefunden. Heute, nach der Fertigstellung des Neubaus, trifft die gleiche Menge Gäste auf dem Pilatus ein, allerdings sind die Menschen nun besser verteilt. Die Atmosphäre ist nicht mehr die einer Bahnhofshalle, die Bewegungen und Anschlüsse auf den unterschiedlichen Niveaus sind weniger hektisch, kontinuierlicher und dadurch kontrollierter. Wer zu Fuss oder mit der Bahn den Pilatusgrat erreicht, sich dort kurz oder als Hotelgast aufhält, kann die atemberaubende Aussicht – die Natur auf einen Blick individueller und von mehreren, ganz unterschiedlichen Standpunkten aus sicher geniessen und nebenbei auch noch ein Souvenir kaufen. So gesehen ist der architektonische Höhenweg, den die Panoramagalerie nachbildet, gleichzeitig ein zeitgemässer Ort für den Konsum unserer touristisch wertvollen Alpenwelt. Mit unserer Arbeit haben wir ebenso präzis versucht, die übergeordneten Marketing- und Verkaufsziele des Bauherrn 1:1 einzulösen, unmittelbar und ohne Klischees. Wir meinen, dass sich die Situation für die 350’000 Gäste, die pro Jahr auf den Pilatus kommen, dadurch magischer und entspannter präsentiert. Der Mehrwert, den unsere Architektur schafft, liegt darin, dass die Panoramagalerie gleichzeitig als Infrastruktur, als Verkaufsraum, als Wahrnehmungsmaschine und als individueller Ort für die kurzzeitige Erholung im Liegestuhl funktioniert.

Könnt ihr aus der Erfahrung auf dem Pilatus spezielle Vorgaben für Tourismusbauten, für eine Tourismusarchitektur nach dem Motto „Architektur macht gute und zufriedene Gäste“ ableiten?

Nein, nicht direkt. Die Panoramagalerie ist primär ein hochgradig öffentlicher Ort für Einheimische und Gäste aus aller Welt, der als Standort funktionieren muss. Die touristische Nutzung stand bei unseren Überlegungen nicht alleine im Vordergrund. Obwohl wir mit den Pilatus Bahnen einig waren, dass es sich beim Neubau nicht um eine austauschbare Tourismusarchitektur handeln darf, musste die Diskussion aber trotzdem immer wieder geführt werden: Wie viel Swissness mit Innendekoration, Fahnen und Alphorn ist notwendig und zulässig? Offensichtlich ist es uns nicht schlecht gelungen, der Klischee-Falle traditioneller, austauschbarer Tourismusarchitektur zu entkommen und dafür das Erlebnis der Destination ins Zentrum zu rücken. Argumentiert haben wir u. a. damit, dass der Pilatus urbanistisch als ein sehr attraktiver Ort und sogar als Teil der Stadt Luzern betrachtet werden kann – und deshalb nicht Disneyland ist. Im Planungsprozess haben wir entsprechende Nutzungen und regionale Bedürfnisse sogar angesprochen. Wieso sollten auf dem Pilatus künftig nicht auch Sonntags-Talks, Essen oder regionale Ausstellungen stattfinden?

Wo und in welche Themen wurden beim Bau der Pilatusgalerie am meisten Ideen, Zeit und Geld investiert? Worin liegt die Innovation?

Die grösste Herausforderung bestand darin, die Idee einer möglichst grossen und offenen Halle mit Auskragungen und einer Lastabtragung am Rand in eine statische Konstruktion mit Spannweiten bis zu 18 Metern zu übersetzen – und das bei einer angenommenen Schneelast auf der Panoramaterrasse von bis zu neun Metern. Um dies möglich zu machen, mussten die Bauherrschaft, die Planer und wir Architekten die Ressourcen vor allem in den architektonischen Raum und weniger in die Veredelung von Oberflächen investieren. Technisch innovativ ist sicher die Kombination von Hohlträgern aus Stahl mit eingegossenem, vorgespanntem Beton bei den einzelnen Deckenträgern und Stützen. Natürlich musste die Lösung trotzdem möglichst kostengünstig sein.

Sprechen wir über euren Erfolg als Architekten. Wer als Einheimischer auf dem Luzerner Hausberg für Gäste aus der ganzen Welt bauen darf, hat es geschafft. Wie definiert ihr für euch selbst Erfolg?

Unseren Erfolg messen wir an der Qualität unserer eigenen Arbeit. Wir wollen nach den oft mühsamen und intensiven Schritten vom Entwurf bis zum fertigen Bau selbst mit unseren Bauten zufrieden sein, unsere Begeisterung für die Architektur auch in den eigenen Bauten erleben können. Wenn wir sagen können, „es gefällt uns“, dann sind wir zufrieden. Das heisst auch, dass es an uns als Raumspezialisten liegt, zu bestimmen, was bei einer bestimmten Aufgabe gute Architektur ist. Gute Architektur entsteht bei uns dann, wenn uns eine Aufgabe vom Gedachten interessiert, wenn uns die entwerferische Umsetzung der Idee in Konstruktion und Materialisierung möglichst präzis gelingt und die räumliche Wahrnehmung den eigenen Vorstellungen entspricht. Zudem muss gute Architektur im Betrieb funktionieren. Natürlich freut es uns, wenn unsere Bauten durch eine breite, positive Resonanz eine gewisse Allgemeingültigkeit erhalten oder wenn wir erfahren, dass die Menschen unsere Architektur nach kurzer Zeit in Besitz nehmen oder schön finden. Es ist wie bei einem guten Koch: Wenn das Essen den Gästen schmeckt, hat er seine Arbeit gut gemacht und ist hoffentlich auch mit sich selbst zufrieden.

Das klingt nach viel Selbstvertrauen und erinnert an Aussagen zeitgenössischer Architekten, die sich Autoren nennen, um sich vom Berufsbild des Architekten als Dienstleister des Bauherrn abzugrenzen. Sind Niklaus Graber & Christoph Steiger Architekten auch solche Autorenarchitekten?

Wir sind der Meinung, dass hinter jedem Bau ein Autor steckt. Die Frage ist nur, ob überhaupt und wie die Autorschaft ablesbar ist. Weil wir daran interessiert sind und es wagen, unsere subjektive Wertung, eigene Ideen in die Umsetzung einer Aufgabe einzubringen und sie im Bauwerk lesbar zu machen, kann man uns auch als Autoren bezeichnen. Wichtig ist uns dabei nicht, wer als Person hinter einem Werk steht, dass wir als Personen im Bau sichtbar sind, sondern dass überhaupt jemand, eine persönliche Position, eine subjektive und tragfähige Idee im fertigen Bauwerk spürbar und erlebbar ist. Unsere Autorschaft ist also nicht eine Frage des erkennbaren Stils, sondern immer ein persönlicher Ausdruck einer gestalterischen Absicht im Umgang mit verschiedenen Aufgaben und Orten. Deshalb suchen wir nicht unbedingt nach jenen Aufgaben, die ein Generalunternehmer lösen kann.

Welcher Traumauftrag oder Wunschbauherr fehlt euch bisher?

Die Art der Aufgabe ist für uns weniger entscheidend. Es gibt in vielen Bereichen der Architektur herausfordernde Aufgaben. Wichtig sind uns die inhaltliche Herausforderung im Entwurf und eine vertrauensvolle Beziehung zu Bauherren, die unsere Arbeitsweise und Ziele möglichst unterstützen. Wir träumen eher davon, dass wir unabhängiger und freier von Normen und Vorgaben arbeiten können. Nur so wird es uns und anderen Berufskolleginnen und -kollegen in Zukunft weiterhin möglich sein, auf spezielle Aufgaben die architektonisch stimmige Antwort zu finden.

Eine heilpädagogische Schule in Altdorf, ein Einfamilienhaus am See, ein Fabrikgebäude auf dem Land: Was ist das Verbindende in den verschiedenen Bauten von Niklaus Graber und Christoph Steiger?

Unser grosses Interesse gilt dem Thema der Öffentlichkeit in der Architektur. Es liegt in der Natur der Sache, dass öffentliche bzw. grössere private Bauten mehr Möglichkeiten und Herausforderungen bieten, um das Thema Öffentlichkeit zu bearbeiten. Trotzdem haben wir uns dazu auch schon bei Einfamilienhäusern Gedanken gemacht, etwa bei unserem ersten Haus Stucki in Meggen, das mit seiner Nachbarschaft kommuniziert und dadurch eine gewisse Öffentlichkeit herstellt. Jedes Einfamilienhaus hat bestimmte Anteile an der Öffentlichkeit. Unsere Arbeiten verbindet zudem das Interesse an Vorbildern wie etwa den alten Meistern Louis Kahn und Ludwig Mies van der Rohe. Von ihm stammt übrigens die Aussage „Mit den Füssen auf dem Boden, mit dem Kopf in den Wolken“, die wir als Titel für unseren Wettbewerbsbeitrag zum Pilatus verwendet haben.

Das eigentliche Metier der Architektur haben wir im Studium an der ETH Zürich und bei Hans Kollhoff in Berlin gelernt, vor allem den analytisch scharfen Blick auf die Stadt und den Umgang mit der Frage des architektonischen Erbes und der städtebaulichen Kontinuität. Die Freude an der architektonischen Welt der Wunder, die Lust am Erforschen von neuen Aufgaben und Lösungen haben uns Jacques Herzog und Pierre de Meuron beigebracht. In ihrem Studio in Basel haben wir die Begeisterung dafür mitgenommen, dass Architektur nicht einfach eine Dienstleistung am Bauherrn ist, sondern dass sie sich als eigene Welt selbst erklären muss.

Wie arbeitet ihr als Team zusammen, oder anders gefragt: Seid ihr euch immer einig?

Wir haben in unserem Büro eine pragmatische Aufgabenteilung: Die Aufgaben werden halbiert. Dabei ergänzen wir uns deshalb sehr gut, weil wir beide eine eigene Vehemenz mitbringen, mit der wir die Aufgaben vom Entwurf bis zur Umsetzung immer wieder befragen und so lange bearbeiten, bis die Lösung für uns beide stimmt. Intern verhandeln und reden wir deshalb viel über die Stimmigkeit und Sinnfälligkeit von Ideen, Lösungen und Entwurfsvarianten. Dass wir bei jeder Aufgabenstellung zuerst ein konzeptionelles Grundthema setzen, macht es uns leichter, einzelne Fragen vom Entwurf bis zur Ausführung auch im Kleinen immer wieder zu überprüfen.

Werfen wir noch einen Blick auf Luzern. Nach Einbruch der Dunkelheit hat der Pilatusgipfel dank der beleuchteten Panoramagalerie eine neue Silhouette erhalten. Was seht ihr, wenn ihr vom Gipfel auf die Stadtlandschaft Luzern schaut?

Das Lichtermeer der Stadtlandschaft Luzern erinnert uns immer wieder an eine Studie, die wir 1996 zum Thema „Grossraum Luzern, ein polyzentrisches Modell“ gemacht haben. Vom Pilatus aus erkennt man sehr gut, dass der amöbenartige Stadtkörper, der sich nicht an die Stadtgrenze hält, durch mehrere kleinere Zentren gebildet wird und sich entlang der hügeligen Topografie entwickelt hat. Wir haben damals die Studie den Luzerner Behörden präsentiert, wurden aber noch eher belächelt. Heute sind die Themen von damals und die Art und Weise, wie die Stadt als zusammenhängender Raum zu lesen ist, längst akzeptiert: Wir reden selbstverständlich über Agglomerationsprojekte oder über die Stadtregion Luzern.

Der Blick vom Pilatus auf die Stadt ist zudem deshalb ein besonderer Anblick, weil er vor allem nachts eine gewisse Festlichkeit ausstrahlt. Dass die Sterne etwas Schönes sind, das wissen wir. Auf dem Pilatus sieht man, dass auch Stadt etwas Schönes sein kann. Geradezu phänomenal einmalig ist hier die Nähe von Stadt und Berg.

Die Frage können wir nicht beantworten, weil wir uns nicht als Luzerner Architekten verstehen, obwohl wir seit 15 Jahren unser Büro in Luzern haben. Unsere Bauten stehen an verschiedenen Orten in der Schweiz. In der Stadt Luzern haben wir bisher noch nicht gebaut. Sicher ist: Die Panoramagalerie ist ebenso wenig eine rein einheimische Architektur wie der Pilatus nur zu Luzern gehört. Sie könnte in ähnlicher Form auch an einem anderen Ort im alpinen Raum stehen. Und der Pilatus ist eine eigenständige Destination mit einer globalen Ausstrahlung. Schade ist, dass sich die Stadt Luzern ihrer weiten Ausstrahlungskraft nicht stärker bewusst ist und sich im Städtebau und in der Architektur entsprechend grosszügiger zeigt.

Ist das so zu verstehen, dass Luzern seine architektonischen Möglichkeiten nicht oder zu wenig nutzt?

Ja, durchaus. Wie glauben, dass aktuelle Planungen und Bauvorhaben zu wenig grosszügig sind und der geografischen Ausstrahlung von Luzern als Stadt und Standort hinterherhinken. Das liegt wohl daran, dass Planer und Politiker nach wie vor in der Mehrheit eher mit der räumlichen Kleinheit der Stadt Luzern und nicht mit der urbanistischen Ausstrahlung des Standorts argumentieren: „Wir sind nicht Basel, wir sind nicht Zürich, wir sind Kleinstadt.“ Dadurch gehen aus unserer Sicht architektonische Möglichkeiten verloren oder werden übersehen, wie sie Kirchenbauten, das 19. Jahrhundert und zuletzt das KKL am Europaplatz bis heute eindrücklich und wirkungsvoll repräsentieren.


Bocksprung in Sevilla

Metropol Parasol ist gebaut, Sevilla erhält mitten in der wirtschaftlichen Krise des Landes ein neues Wahrzeichen. Jürgen Mayer H. hat es entworfen. Der Rundflug findet am Ende des Artikels statt.

(sta) Metropol Parasol auf der Placa de la Encarnacion in Sevilla – ein Entwurf des deutschen Architekten Jürgen Mayer H. – ist bereits am 27. März 2011 feierlich eröffnet und nun auch baulich fertiggestellt worden. Vor zwei Jahren hat mir Jürgen Mayer am Flughafen Zürich in einem Interview erzählt, wieso das symbolträchtige Bauwerk auf einem ehemaligen, jahrzehntelang provisorisch genutzten Parkplatz mitten in der Altstadt von Sevilla aufgrund seiner Nutzung als Markt, archäologisches Museum, Event-Raum und als städtebauliche Reparatur einen urbanistischen Bocksprung darstellt und architektonisch als „demokratische Kathedrale“ interpretiert werden kann: So wurde der Entscheid für das Projekt in der Wettbewerbsphase durch eine öffentliche Mitwirkung positiv beeinflusst und Mayer’s Formfindung spielt mit Analogien zu vor Ort vorgefunden sakralen Architekturformen und Landschaftselementen (Bäume).

Positionierung als Kulturstandort

Für die Stadt Sevilla handelt Metropol Parasol politisch-planerisch von der Positionierung als Kultur- und Tourismusstandort. Die nationalen Konkurrenzobjekte im Wettbewerb um die Gunst der Aufmerksamkeit und Reputation stehen in Barcelona, Bilbao, San Sebastian und Porto. In Sevilla soll ein weiterer Nachhall des berühmten Bilbao-Effekts erklingen. Eine aus diesen Beweggründen politisch und globalistisch aufgeladene Architektur benötigt – neben einer aussergewöhnlichen Formensprache – die Wirkung der Superlative: Beim Werk Metropol Parasol sind es die Dimensionen des räumlich gestapelten Eingriffs in den historischen Stadtkörper und die technische Innovation bei der Planung und Realisierung der Holzkonstruktion (Beratung durch Arup).

Rundflug

Ein Teil der Dachlandschaft über den gebauten Sonnenschirmen ist begehbar: hier findet Sightseeing statt. Wie sich ein Flug um das Bauwerk herum kurz vor seiner Fertigstellung anfühlt und anhört, hat der lokale Fernsehsender giraldatv mit Hilfe einer Drone in einem Video festgehalten:

 

Sendai: Wirklichkeiten in einer virtuellen Welt

Bei einer Katastrophe, wie sie  Japan derzeit erlebt, zählt der Schaden, der an aussergewöhnlicher Architektur angerichtet wird, zur Nebensache. Trotzdem ist erwähnenswert: Toyo Ito’s beschädigte Mediatheque in Sendai leistet in einem Youtube-Video einen Beitrag an die globale Medienberichterstattung und vermittelt damit unter tragischen Umständen quasi in eigener Sache auch eine Botschaft zum Thema mediale Wirklichkeiten. „Mit der fortschreitenden Entwicklung der elektronischen Technologie verlieren wir den Sinn für die Wirklichkeit“, sagte Toyo Ito vor der Eröffnung der Mediatheque 2001.

(sta) Die berühmte Mediatheque von Toyo Ito (2001) wurde offenbar beschädigt, aber nicht zerstört. Ein Video auf Youtube dokumentiert die Situation im Innern des Gebäudes während des Bebens vom 11. März 2011. Die Filmkamera blickt vom Boden aus an die Decke. Die Filmenden haben unter einem Tisch Schutz gesucht. Zwei Dinge sind besonders: Die Länge des Bebens und die Art und Weise, wie die Konstruktion des Gebäudes die Naturkräfte aushält.

Das Erdbeben in Japan, erlebt in der Mediatheque von Sendai:

Metapher des fliessenden Raums

Das Büro für Stadtfragen hat Toyo Ito im September 2000 in Pontresina zu einem kurzen Gespräch getroffen. Itos Bestreben, eine Metapher zu finden für den natürlichen und digitalen Informationsfluss zwischen Innen und Aussen eines Medienzentrums, zwischen Natur, Stadt, Gebäude und seinen Benutzern, finden in der Mediatheque ihren Ausdruck in einer völlig offen projektierten Raumstruktur im Ausmass von 50 x 50 x 30 Meter und in der primären Tragstruktur aus Pylonen, die an Bäume und Seetang im Wasser erinnern. Toyo Ito sagte damals, kurz vor der Fertigstellung des Gebäudes: „Die Mediathek in Sendai ist beinahe beendet. Das Bild, welches ich mir für diese Architektur vorgestellt habe, war ein transparenter Raum, der schwerelos zu sein scheint. Wie dem auch sei, in den letzten vier Jahren habe ich mit dem Stahlgerüst gekämpft. Was wir durch diese Auseinandersetzung entdeckt haben, ist nicht die Transparenz als eine Oberfläche, sondern die Wirklichkeit des Objekts hinter dieser Oberfläche.

Architekturvideo zum Innern des Gebäudes von Toyo Ito:

Verlorener Sinn?

Der Vergleich der beiden Videos ermöglicht die Wahrnehmung unterschiedlicher medialer Wirklichkeiten in denselben Räumen: Hier die beinahe stumme Vermittlung einer Architekturkomposition als Metapher für die fliessende Natur des Raumes, dort das individuell erlebte und global publizierte Ereignis einer Naturkatastrophe. Der Realität einer Katastrophe hat das Bauwerk standgehalten. Die statisch für Erdbeben ausgelegten Konstruktion aus „Bäumen“ hat gehalten. Nur, welchen Sinn macht die im Erdbeben-Video gezeigte Wirklichkeit, neben der Unterhaltung? Ito mahnte 2000: In Tokio benutzt jeder Zweite oder Dritte ein Mobiltelefon, um sich zu unterhalten oder um Mitteilungen auszutauschen. Mit der fortschreitenden Entwicklung der elektronischen Technologie verlieren wir den Sinn für die Wirklichkeit. Im Gegensatz dazu habe ich die passende Wirklichkeit für die Mediathek in Sendai gefunden.“ Diese Wirklichkeit hat sich im März 2011 verändert, und die Welt hat zugeschaut.

Zitate aus: Thomas Stadelmann, Zum Stand der Dinge: Wirklichkeit in einer virtuellen Welt. in: Global City versus Local Identity, Kompendium 3. Internationales Architektursymposium Pontresina, 13.-15. September 2000


Tabularium

Enzmann+Fischer Architekten aus Zürich haben unter dem Kennwort „Tabularium“ den Projektwettbewerb für ein neues Stadtarchiv im Stadtteil Littau für sich entschieden.

(sta) 85 Architekturbüros haben am Projektwettbewerb teilgenommen. Mit dem Juryentscheid wird die architektonische Präsenz von Enzmann+Fischer in Luzern noch beeindruckender: Die Architekten haben bereits das Armee- und Ausbildungszentrum und die Wohnsiedlung der Eisenbahner-Genossenschaften gebaut. Aktuell realisieren sie den Umbau des Postbetriebsgebäudes zur Universität hinter dem Bahnhof. Das neue Stadtarchiv wird frühestens 2014 bezugsbereit. Auf dem zweiten Rang landeten Edelmann Krell.

nomen est omen?

Der quadratische Baukörper assoziiert auf den ersten Blick das Bild eines dreidimensionalen Büchergestells mit offenem Erdgeschoss. Als Tabularium wurden zu Zeit des antiken römischen Reichs Gebäude und Räume zur Aufbewahrung von Urkunden bezeichnet. Im Entwurf von Fischer+Enzmann scheint nicht nur die Funktion des Gebäudes, sondern auch die Struktur, Gliederung und Materialisierung der Aussenfassade – die formal reduzierte Dekoration des Bücherstapels mit Hilfe eines präzisen Fugenbilds – in einer abstrakten Beziehung zu stehen zum Begriff „Tabularium“: Wikipedia weiss dazu: „Als Tabulariummotiv bezeichnet man in der klassischen antiken Architektur eine Pfeilerarkade mit aufgeblendeten Halbsäulen. Während die bauliche Struktur in der Pfeilerarkade besteht, dient die aufgeblendete Säulenordnung der Dekoration und Gliederung des Baukörpers. Das Tabulariummotiv tritt auch bei Amphitheatren auf, weshalb es manchmal auch Theatermotiv genannt wird.“ Beim neuen Stadtarchiv besteht die Struktur der Fassadenelemente aus sandgestrahltem Beton. Die Ausfachungen in den Obergeschossen des Büchermagazins sind aus Holz.

Landmarke

Ein Stadtarchiv kann man in die Höhe bauen oder vergraben. Das Tabularium von Enzmann + Fischer hat sich für die Höhe entschieden. Das Büro XTEN Architecture aus Los Angeles, California mit Monika Häfelfinger and Austin Kelly für das Eingraben, und es schaffte es damit bis in die dritte Runde. Ihr Entwurf zeigt eine versteinerte Analogy zur Littauer Topographie und Bergsicht: „The Luzern Stadtarchive is conceived as a marker in the landscape. In its organization and architectural expression the building is closely related to the site topography and adjacent mountains. It is the first building one sees from the street upon reaching this plateau above the city of Luzern. Die weihnachtlich-naive Postkartenansicht, die XTEN abgeliefert haben, mit leuchtendem Neubau, Stadtsilhouette und Pilatus, ist durchaus sehenswert.

Landgasthof für ZUGWEST

Das Aparthotel (2010) der Architekten Martin und Monika Jauch-Stolz hinter dem Bahnhof in Risch Rotkreuz ist ein urbaner Landgasthof, der ortsbaulich vor allem für sich selbst dasteht. Urban bedeutet hier, zum Wirtschaftsraum ZUGWEST gehörend.

Fotos: Reinhard Zimmermann

Vollständige Architekturkritik, in: werk, bauen+wohnen, Heft Nr. 4 /2011.

(sta) Das eigentlich Spannende an der Sache ist: Trotz der am Standort Risch Rotkreuz offensichtlich vorhandenen Standortgunst für geschäftliches und bezahlbares Hotelwohnen ist das Aparthotel keine Corporate Architecture einer Hotelkette, sondern local business, von der Idee bis zur Ausführung eine lokale Angelegenheit. Dem Bauträger (Rotkreuzhof-Immobilien AG) und den Architekten ist dadurch ein Unikat gelungen, das im Wirtschaftsraum ZUGWEST auf reges Interesse stösst. Die Architektur macht den Spagat zwischen traditionell ländlichen Rundschindeln (Fassade), den Anforderungen an einen Zweckbau und einer formal modernistischen Gestaltung.

Hybride Herberge

Das Aparthotel steht für den baulichen Trend hin zu hybriden Formen der Beherbergungsart, wie er von der Hotelbranche schweizweit festgestellt wird: Das Hotelzimmer ist auch Arbeitsplatz, Küche, Fitnessstudio, und es bietet einen möglichst direkten ÖV-Anschluss an das nächste Stadtzentrum an. Das Gebäude bietet Platz für 50 Hotelzimmer, vier Loftwohnungen, einen Gastrobetrieb mit Saal für 120 Personen, Seminarräume und ein Fitnesscenter.

Der vollständige Kommentar mit Plänen und Projektdaten wird im werk, bauen+wohnen, Heft Nr.4 /2011, werk-material (April) publiziert.

Mailänder Sensation des Ortes

Das Büro für Stadtfragen hat in Begleitung der Architekten Mauro Piantelli und Enrico Garbin das umgebaute Dachgeschoss im Pirelli-Hochhaus von Gio Ponti und Pier Luigi Nervi in Mailand besichtigt. Der politischen Brisanz und Sensation des Ortes wird ein Blogeintrag nicht gerecht.

sta. Clive Owen alias Interpol-Agent Louis Salinger trifft sich hoch über den Dächern von Mailand mit dem italienischen Waffenproduzenten Umberto Calvini zu einem Geheimgespräch über den internationalen Geld- und Waffenmarkt. Die Szene spielt im Film The International (Columbia 2009). Die Sensation daran ist weder die Geschichte, noch sind es die Personen, die im Filmset auftreten. Der Ort selbst ist die Sensation: Hier im umgebauten Dachgeschoss des Pirelli-Hochhauses von Gio Ponti und Pier Luigi Nervi (1958) bietet sich bei guter Sicht ein einzigartiges urbanes Belvedere: Durch die restaurierte Glasfassade hindurch, den curtain wall des europäischen Pionier-Hochhauses, blickt man über die Dächer von Mailand hinaus in die Regione Lombardia. Seit 1978 ist die ehemalige Zentrale des Reifenherstellers Pirelli schon stolzer Hauptsitz der regionalen Regierung.

Brisante Geschichten

Die Architekturkritik hat den Pirellone, wie der Volksmund das Hochhaus nennt, in der Vergangenheit sowohl gelobt wie auch gehasst: „Das Pirelli-Hochhaus wirkt vor allem, weil es im faschistischen Setting eleganter gekleidet dasteht als seine Nachbarn“, schrieb Dieter Hoffmann-Axthelm 1991. Nach dem 18. April 2002, als der Schweizer Luigi Fasulo mit seiner Rockwell Commander in das Hochhaus direkt beim Mailänder Bahnhof stürzte und dabei ums Leben kam, titelte die NZZ: „Verletztes Wahrzeichen“.

Belvedere für den Präsidenten

Nicht weniger brisant ist die jüngste Schlagzeile: Das Pirelli-Hochhaus ist seit diesem Jahr nicht mehr das höchste Gebäude Mailands. Im Januar wurde in seiner Nachbarschaft der Turm des sich im Bau befindenden Palazzo Lombardia, dem neuen Verwaltungs- und Machtzentrum der Regione Lombardia, als neues höchstes Stadt-Gebäude gefeiert. Roberto Formigoni, Präsident der Region, hat die neue Architektur von Pei Cobb Freed&Partners (NY) persönlich mit einer Kopie der Madonnina des Mailänder Doms gekrönt, begleitet mit viel Medienrummel. Formigioni ist seit 1995 Präsident und wurde zwei Monate nach dem symbolischen Akt, im März 2010, für eine vierte Amtszeit wiedergewählt.

Spieglein, Spieglein an der Wand…

Derweil wurde die Sensation des Ortes im Dachgeschoss des Pirellone mit dem Projekt Belvedere der Architekten Mauro Piantelli und Enrico Garbin auf neue Art erfunden. Das Büro für Stadtfragen hat den Ort, der früher klimatisch offen und nun gleichzeitig (nicht zugängliches) Privatzimmer des Präsidenten sowie Repräsentations- und Ausstellungsraum, jedoch keine öffentlich zugängliche Aussichtsterrasse ist, in Begleitung von Sicherheitspersonal besichtigt: Nutzung, Symbolhaftigkeit, die Inszenierung der historischen Betontragstruktur des Pirellone und die hinzugefügte glasige Textur des neuen Belvedere sind architektonisch sehenswert. Gleichzeitig verspiegelt der Einbau im übertragenen Sinn die Sicht auf ein historisch schwieriges Thema in Italien, das mehr als ein Blogeintrag Wert ist: das Politische Moment in der Dynamik moderner Architektur.

Den Besuch vor Ort hat die Regione Lombardia ermöglicht. Vielen Dank.

Zentrum mit Goldrand

Kloten hat im Zentrum einen urbanistischen Grundstein gelegt. Die Überbauung SQUARE bietet eine dichte Wohnbaunutzung mit Service-Leistungen und Kleingewerbe an. Und sie ist ein starkes Zeichen im regen, regionalen Wettbewerb um Standorte für Wohnen und Arbeiten – direkt vor der Stadt Zürich. Die Architekturkritik dazu hat das Büro für Stadtfragen im Oktoberheft der Zeitschrift werk, bauen+wohnen publiziert.

Kloten hat zwischen 2003 und 2009 auf einem freien Acker sein neues Zentrum SQUARE geplant und realisiert. Auf dem ehemaligen Lirenächer wird seither kinderlos gewohnt, gefittet, eingekauft und gegessen. Ernst Niklaus Fausch Architekten haben zusammen mit der Politik die Zentrumsentwicklung konzeptionell angedacht, entworfen, geplant und im Auftrag der Specogna Immobilien AG Kloten auch noch gebaut.

Städtischer Nutzungsstapel

Nutzungsmix, Dichte, Stapelung der Geschosse, Wohnungsangebot, Material und der Concierge-Service geben Kloten an diesem Ort ein städtisches Gesicht. Die Durchlässigkeit der Verbindungs- und Erschliessungsräume, der Hühnerstall in der Nachbarschaft und die Ehrlichkeit, wie die Eigentumsverhältnisse und unterschiedlichen Qualitätsvorstellungen architektonisch zum Ausdruck kommen, zeigen, dass Kloten auch Dorf sein kann. Die beiden bis sechsgeschossigen Gebäude haben eine lebendige Klinkerfassade. Goldene Brüstungs- und Fassadenelemente wiederum sollen städtisches Ambiente stilisieren. Sie sind jedoch eher architektonische Episoden.

Vorstadt ohne Stadtplatz

Wie es mit Kloten als Vorstadt von Zürich genau weitergeht, ist derzeit noch offen. Fest steht: Die Realisierung des geplanten Stadtplatzes mit einer permanent überdachten Markthalle ging dem Souverän letztes Jahr  zu weit: Die Vorlage wurde deutlich abgelehnt. Dennoch wird SQUARE in der Flughafenstadt Weiteres bewirken. Die Politik konzentriert sich auf kooperative Planungen mit privaten Nachbarn. (Bild: Büro für Stadtfragen 2010)

Hochsitz in Haldenstein

Robert Albertin hat in Haldenstein sein zweites Atelierhaus gebaut. Zusammen mit Peter Zumthor hat er im Dorf ob Chur weitere Absichten.

Chur hat sich der Gegenwartsarchitektur geöffnet; ebenso Haldenstein, das linksrheinische Dorf am Fuss des Calanda und Vorposten im Norden der Stadt. Haldenstein zählt 900 Einwohnerinnen und Einwohner, sieben landwirtschaftliche Betriebe, drei Alpen und die zwei Architekten Peter Zumthor und Robert Albertin. Beide haben hier schon gebaut, und beide wollen weitere Beiträge an die Dorfentwicklung leisten. Mittendrin hat Miroslav Sik ein «Bürgerhus» realisiert. Die Dichte an architektonischer Qualität wird zusehends bemerkenswerter.

Massvoll und trotzdem riskant

Robert Albertins neues Wohn- und Atelierhaus «Halde» liegt am Nordosthang direkt am Weg vom Dorfkern hinauf zu den Alpen. Das Raumprogramm ist massvoll gewählt, Grundriss und Schnitt sind in einer selbstverständlichen Art entworfen. Wer den Panoramablick erlebt, hat den Eindruck, dass genau hier ein urbanistischer Hochsitz angelegt werden musste. Wände, Decken und das Dach des Minergie-Hauses bestehen aus massiven, vorfabrizierten Holzelementen aus kreuzweise verleimtem Brettsperrholz, das innen weiss gestrichen ist. Das äussere Kleid ist zurückhaltend dunkel. Weil weithin im Hintergrund der Kirche sichtbar, kann der private Hochsitz trotzdem als Architekturkanzel (miss-)verstanden werden und Vorwürfe an eine regionalistische Architektur wachrufen, die das Lokale nicht typologisch einbringt, sondern vor allem ästhetisiert. Das Spiel könnte „Risiko und Selbstverständlichkeit“ heissen: Wenn Haldensteins Architekten diesen Spagat jedoch weiterhin wagen, wird das dem Dorf nicht schaden. Im Gegenteil.

Der vollständige Artikel mit Plänen ist im werk, bauen+wohnen Nr. 4/2010 erschienen: Robert Albertin: Hochsitz in Haldenstein

Zierde

Minarett_lausanne

Zur Abstimmung: Vor 100 Jahren hat das Minarett noch Touristinnen und Touristen nach Luzern gelockt. Der Beweis:

Luzern vor 100 Jahren: „Am westlichen Ende der Stadt steigt ein Turm so schlank, so zierlich wie das Minarett einer Moschee über die Häuser des Abhangs und über den im Hintergrund liegenden Wald empor. Das ist der berühmte Gütsch (…).“ aus: Offizielle Verkehrskommission Luzern (Hrsg.): Führer für Luzern, Vierwaldstättersee und Umgebung, 18. Auflage, 1909, Seite 29. Im Bild: Lausanne im Dezember 2009; Protest-Minarett auf einem Firmengebäude bei Bussigny.

Uni und PHZ liebäugeln mit neuem Gesicht

Bild: Andri Stadler, Luzern

Im Schatten von Jean Nouvels KKL in Luzern entsteht derzeit das neue Gebäude der Universität und der PHZ Luzern. Die Architekten Enzmann+ Fischer haben 2005, nach dem Debakel am Kasernenplatz, den Wettbewerb gewonnen. Die Fassade ist ein erstes Versprechen.

Dem Umbau des bestehenden Postbetriebsgebäudes in Luzern hinter dem Hauptbahnhof musste ein Vordach (gar ein Erstling?) von Santiago Calatrava weichen. Nun hat die neue Architektur den ersten Teil ihres Gesichts enthüllt: Eine ganz in Weiss gehaltene Fassade mit einem erzählerisch wirkenden Licht- und Schattenspiel. Im Innern steht noch der Rohbau.

Kein Schatten(ent)wurf

Schon jetzt ist klar, dass der Schulbau sich nicht bescheiden in die zweite Architektur-Reihe hinter dem KKL setzt. Die bewegte Anordnung der Fassadenöffnungen erinnert an die Augenpaare von KKL-Gästen, wie sie – aufgeregt in die eine oder andere Richtung blickend – versuchen, eine bessere Sicht auf die Bühne zu erhalten. Mit der Fassadengestaltung wollen die Architekten des Umbauprojekts den vernachlässigten Strassenraum hinter dem Bahnhof aufwerten, den Blick in die städtische Umgebung links und rechts des KKL inszenieren und wohl auch die Weitenwirkung von Uni und PHZ als Bildungseinrichtungen zum Ausdruck bringen. Ob es für die künftigen Studierenden, das Personal und Gäste dabei im Innern ebenfalls nur gute Sitzplätze gibt, wie bekanntlich im KKL-Konzertsaal, wird sich zeigen. Die Eröffnung ist für 2011 geplant.

Bilder: Andri Stadler, Fotografie, Luzern

Neue Monte Rosa-Hütte SAC, glänzend verpackt

Am 25. September wurde sie offiziell eröffnet: die neue Monte Rosa-Hütte SAC auf 2883 M.ü.M. Der Schweizerische Alpenclub SAC als Bauherrin, die ETH Zürich und zahlreiche Sponsoren haben das Bauwerk möglich gemacht. In einer Art wissenschaftlich-baulichen Beweisführung wurde aus einer Idee, Vision und „Täuschung“ (so nennt Andrea Deplazes das Projekt-Rendering) ein konstruktiv entworfenes Bauwerk, dessen Erfolg auf einem eindrücklichen Konsens zum nachhaltigen Bauen gründet. Das Büro für Stadtfragen flog mit dem Heli zur Eröffnung.

Bilder: Stadtfragen 2009

Die ETH macht sich damit selbst ein Geburtstagsgeschenk und beweist zusammen mit weiteren Beteiligten eindrücklich, wie schweizerische Bau- und Technologiekunst als Ereignis zelebriert werden kann. Bei so viel Medienlärm, erhabener Landschaft und Symbolkraft ist es nicht einfach, einen konzentrierten Blick auf die Architektur selber zu richten.

Klar scheint: Nachhaltigkeit zwingt dazu, die Architektur konsequent in die Zukunft zu denken. Dass dabei die Bedeutung und Qualität eines Bauwerks bereits durch das Ausmass an medialer Aufmerksamkeit bestimmt wird, ist hoffentlich nicht auch eine Regeln.

Eröffnung 25. September 2009

Artikel zur Fertigstellung der Monte Rosa-Hütte SAC ist im werk, bauen+wohnen Nr. 12/2009 erschienen.

Zuschauen: Countdown in Sevilla

In einem Jahr wird in Sevilla die Anlage Metropol Parasol (Architektur Jürgen MAYER H.) eröffnet. Ein Sightseeing ist schon heute möglich. Sightseeing bedeutet ja nichts anderes, als ein Sich-Vergewissern vor Ort bzw. über den Ort. Früher hatte die Postkarte die Aufgabe, Touristen/innen vor Ort zu bringen oder die Daheimgebliebenen mit besten Grüssen daran zu erinnern, das man wirklich dort war.

Street View statt Postkarte

Heute liefern Google Earth und Google Street View die Lock-, Bestätigungs- und Erinnerungsbilder: Die Baustelle in Sevilla ist ein eindrückliches Beispiel: Zusehen ist nicht nur ein Luftbild, sondern auch die Ansicht des Rohbaus aus Sicht der Fussgänger/innen. Schon im Überflug zeichnet sich die neue städtebauliche Figur der riesigen, begehbaren Parasol ab; sie helfen künftig, das Zentrum der Altstadt zu finden. Auf dem Dach des Bauwerks, rund 20 Meter über der Placa de la Encarnacion, werden Touristen/innen flanieren und sich vergewissern können, ob sie tatsächlich mitten in der Altstadt von Sevilla sind. Vielleicht lohnt sich auch ein Blick hinauf in Richtung Googles Erdball: Irgend jemand schaut bestimmt gerade zu:

Ein Stadion für Superbauern – von Nestern und Autoreifen

Ein Stadion für die Superbauern

Selbsternannte ikonische Bauten erzählen die Geschichte davon, wie das stilisierte Abbild eines Gegenstands, einer Idee, eines Kommunikationsziels geplant, verräumlicht und als Kultbild baulich verewigt werden kann. Die Gegenthese dazu lautet: Als Instrument und Rezept im Entwurf ist ikonisches Denken nicht anderes als ein Bauen für Zielgruppen – und deshalb noch lange nicht Architektur.

Ein stilisiertes Abbild eines Gegenstands ist ein Ikon. Bauten, die sich als Ikon verstehen, stehen demnach zeichenhaft für einen Gegenstand, eine Idee, eine Absicht, den die Betrachtenden aufgrund von Ähnlichkeiten erkennen. So einfach scheint es: Ein Stadion erinnert an einen Autoreifen. Und im Beispiel des holländischen Clubs ‘de Graafschap’ stimmt die Erzählung für alle Beteiligten: Das Stadion für 20’000 Fussballfans erinnert auf den ersten Blick an einen Traktorreifen. Der Investor Licotec, spezialisiert auf Dachkonstruktionen, will für die dortigen Fans, die „Superboeren’ (Superbauern), ein Stadion bauen, mit dem sie sich auf den ersten Blick identifizieren: „Ich, Fan und Superbauer, bin zufrieden, mein Stadion ist ein grosser Autoreifen.“

Ein architektonisches Ikon ist keine Ikone in Gestalt von Architektur

Die Sache hat einen Hacken: Ein Ikon ist nicht gleich einer Ikone. Eine Ikone ist historisch betrachtet ein religiöses Kultbild, und ein Heiligenbild ist mehr als eine stilisierte Abbildung eines Gegenstand bzw. einer Person. Aber: Das Birds Nest von HdM in Peking wurde doch bereits vor den Spielen, noch während der Bauarbeiten, medial weltweit als Kultbild, als Ikone dargestellt? Die Annahme, HdM hätten in China eine architektonische Ikone geschaffen, ist vertretbar. Die Annahme schon. Damit ist jedoch noch lange nicht die Frage beantwortet, ob das Bauwerk den Anspruch, von den Menschen als Kultbild identifiziert zu werden, tatsächlich erfüllen wird. Eine Antwort benötigt Zeit und darin liegt das Dilemma: Der Selbstdarstellung globaler Architekturproduzenten fehlt im Zeitalter der Ad-hoc-Publizität eben genau diese Ressource: Zeit.

Bauen oder Architektur?

Gibt es also überhaupt einen Unterschied zwischen dem Nest in Peking und dem geplanten Autoreifen in Holland? Vielleicht diesen in Form einer Behauptung: Das Stadion in Peking ist ein ernst zu nehmender Beitrag an die aktuelle Architekturdiskussion, das Stadion in Holland ein banales Bauen für Zielgruppen, oder anders formuliert: Ikonisches Bauen als direkte Stilisierung eines Gegenstands hat nicht a priori die Gestaltqualität, Wirkung und damit die architektonische Bedeutung eines von Menschen wahrgenommenen und getragenen Kultbilds, das die Form und Gestalt von Architektur angenommen hat. Ikonisch ist also nicht gleich ikonisch.

Zeitgeist medialer Bilderwelt

Soviel scheint klar: Ikonisches Denken und Bauen verspricht im Zeitgeist medialer Bilderwelten und unter dem Einfluss einer Kultur der Gesichter, in der jedes Produkt und repräsentative Bauten schnell bildlich und medial zum Sprechen gebracht werden müssen, eine anwendbare sichere Lösung für Aufmerksamkeit und damit für Erfolg. Das Entwerfen gleicht sich dabei leicht der Planung von Kommunikationsinstrument an: selbsternannte architektonische Ikons, wie das Stadion für die Superbauern in Holland, entstehen durch das eindimensionale Wirkungsdenken im Bauen für Zielgruppen. Daran ist im Prinzip nichts Schlechtes, wenn die kreative Leistung davon ausgeht, dass Bedeutungsinhalte auf vielfältigere Art und Weise – und in verschiedenen Köpfen, Kulturen, Situationen und Zeitdimensionen auf unterschiedlich Art und Weise – die Gestalt von Architektur annehmen können. Produkte, Management- und Kommunikationsziele haben immer noch kürzere Beine als Bauten aus Glas und Stein.

Architektur oder Design?

So spannt sich zwischen der banalen stilisierten Abbildung und der möglichen Wahrnehmung eines architektonischen Kultbilds ein Möglichkeitsraum auf, der über die Planbarkeit und die kommunikative Kontrolle von Marketingzielen hinausgeht und einen entscheidenden Faktor ins Spiel bringt: Zeit. Zudem stellen sich grundsätzliche Fragen, die die Architektur und die Kommunikation gleichermassen betreffen – vielleicht sogar auch die dehnbare Trennlinie zwischen Architektur und Design. Der italienische Architekt und Designer Cittério an diese Trennlinie anlässlich der Architekturgespräche 2008 in Luzern in seinem Sinn auf den Punkt gebracht: Der Designer denkt, „Ich baue, damit der Bauherr Geld verdient“. Der (traditionelle) Architekt denkt: „Ich baue, damit der Bauherr sein Geld ausgibt“.

Intelligente Architekten bauen für Zielgruppen

Es liegt wohl in der Natur der Sache, dass das Ikon als vereinfachtes und instrumentalisiertes Abbildungsmotiv in der Architektur, der angewandte und vereinfachte Ikonismus, die kommunikative Bedeutung und Möglichkeit im Planen und Bauen bis zur Banalisierung vereinfacht. Der Kreis um das Haus als Ente oder dekorierter Schuppen  bei Venturi schliesst sich einmal mehr. Das Innere ist jedoch vielschichtiger geworden: In der Logik einer unternehmerischen Markenarchitektur ist der Bau als Ikon umso attraktiver, je erfolgreicher er einen Beitrag leistet, dass die Zielgruppe sich wunschgemäss verhält, sprich kauft. Bei BMW hat man dazu genauere, systematisierte Vorstellungen zum Design und zur Rolle des Architekten entwickelt: Der „Intelligente Markenarchitekte“ (Zitat BMW) steht ganz im Dienst der baulich stilisierten Markenwerte. Die Marke – „das Grundeigentum der Wissensgesellschaft“ (Cittério) – und die zuständige Marketingabteilung gibt formale und materielle Vorgaben für Verkaufsräume: Scheiben- und Glasarchitektur und tragende Mauerscheiben stellen den Markenwert „dynamisch“ dar. Der gestalterische Spielraum für die Umsetzung wird sehr schnell, sehr eng. Intelligente Markenarchitekten sind deshalb bei BMW keine Stars und bleiben unsichtbar. Die Stars heissen bei BMW intern „flexible Stars“. So wie Coop Himmelb(l)au) in München leisten sie durch ihre eigenen Namen einen Mehrwert an den Markenwert der Firma bzw. der Produkte. Co-Branding heisst diese Markenstrategie. BMW ist nicht die einzige Firma, die damit erfolgreich ist. Herzog und de Meuron haben sich bei PRADA auf ein Co-Branding von Architektur, Produkt und Architekten eingelassen. Fortsetzung folgt. In Basel ist man einen Schritt weiter: Bei den Kunden von Hdm geht es darum, die Logik von Identitäten, architektonisch abzubilden.

Bildersturm statt Fussball

Zurück nach Holland, zum Stadion als Ikon: Die holländischen ‚Superboeren’, Fans, Sponsoren und die Spieler, verstehen ohne weitere Erklärung, wieso ihr Stadion wie ein Traktorreifen aussieht. Vielleicht sind alle Beteiligten unbewusst sogar froh darüber, dass ikonische Architektur, die in ihrer Wirkung und Bedeutung dem Ikonenbild nahe kommt, erst durch die Wahrnehmung in der Zeit entsteht und deshalb auch im Umfeld der Fussballgötter selten nachgefragt und auf Bestellung realisiert wird. Denn wer weiss: Wäre ihr Stadion von einem weltweit tätigen, flexiblen BMW-Star entworfen worden, hätten die Investoren und Erbauer statt eines Fussballfestes vielleicht einen holländischen Ikonoklasmus der Superbauern riskiert: den ersten Bildersturm aufgebrachter Fussballfans gegen das eigene Stadion.

Logistik

 

Detail aus Stuttgart

„Der Architekt braucht seine eigene Logistik“, sagte Jean Nouvel zu einer Zeit, als er in Luzern noch darüber nachdachte, ob denn das KKL wohl je einmal gebaut würde. Logistik kann vieles heissen, und sie kommt in unterschiedlichster Form zum Ausdruck, oft im Detail. Das eine abgebildete Detail ist in Stuttgart am Mercedes-Museum anzuschauen, Architekt ist Ben van Berkel. Das andere findet man am Nordfuss des Pilatus, dort steht ein Fünfeckhaus von Oskar Burri aus dem Jahr 1944. In Stuttgart bleibt man (als Architekt/in) stehen und fragt sich, wie wohl das Alles auf einem Punkt irgendwie fast genau zusammen passt? What is this life, if we don’t have the time to stay and stare? (GBShaw), Logistik als Einladung zum Staunen, das passt irgendwie zum Museum eines Autokonzerns. Vor dem Haus von Oskar Burri bleiben die meisten Wanderer staunend stehen: Der Blick an den Berg ist fantastisch, die Details sind egal.

 

Detail Oskar Burri 1944