Kategorie-Archiv: Kritik

Architekturkritik

L.C, Macht und Transparenz

Le Corbusier’s Todestag ist 50 Jahre her. Im Pompidou läuft bis am 3. August die Ausstellung „Le Corbusier – Mesures de l’homme“. Sie feiert sein Werk und stellt dazu den Geist des Modulors in das Zentrum der Show. Gleichzeitig vermiesen mehrere Bücher über Corbusier’s Nähe zum Faschismus das Fest. Einige Gedanken zum Verhältnis zwischen den Menschen, der Macht und der Radikalität in der Architektur.

(Bilder: Pressefotos, Web, Vitra)

sta – beta_10/02/16. Wie verhält es sich nun mit der Proseminarweisheit, dass Werk und Mensch voneinander zu trennen sind? Der Artikel, den Marc Zitzmann mit dem Titel „Erneuerung, Reinemachen, Säuberung“ am 27. Mai in der NZZ publiziert hat, verunsichert in dieser Frage: Das liegt wohl am darin verblüffend konkret dargestellten Überblick über den Stand der Forschung darüber, wie und weshalb einer der grössten Architekten der Geschichte mit seiner Haltung und seinen Bauten in die Nähe eines menschenverachtendes, totalitäres System gerückt werden kann. Gleichzeitig wird klar, dass das Issue „Le Corbusier und der Faschismus“ einer Branche unmissverständlich in Erinnerung ruft, dass in jedem politischen System Werke von nahmhaften Architekten gebaut werden. Sind es nur die Bösen und Unbekannte, oder gehören einig der Guten, sogar weltweit Bekannte und Gefeierte dazu? Im Zeitalter der Personalisierung und des Co-Brandings von Namen, Werken und Unternehmen ist diese Frage unbeliebt. Man kann sie auch anders stellen: Kann es in der Kritik nur um die Architektur gehen, ohne dass eine wie auch immer geartete, gemeinsame politische Haltung im Hintergrund aufgezeigt und in die Diskussion und Bewertung von Architekt und Werk einfliesst? Oder ist das Architekturgeschäft aus Sicht der globalen Player letztlich doch nur ein pragmatisches Geben und Nehmen?

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Jacques Herzog und seine Idee vom guten Diktator

Die Fragen sind nicht leicht zu beantworten, sie haben schnell mit Ethik zu tun. Dennoch zeigt die Diskussion um L.C. poltische Haltung, dass die Fragen durchaus aktuell sind. Das liegt an der simplen Tatsache, dass Architektinnen und Architekten, wenn sie sich als Auftragnehmer/innen und Berater/innen in die direkte Linie zur politischen oder wirtschaftlichen Machtzentrale begeben, immer auf die Gratwanderung zwischen der Disziplin Architektur und der Sache der Politik treffen. Jaques Herzog hat diesen Umstand eher unbedarft aber deutlich 2010 vorgeführt. Nämlich als er, unter dem Eindruck der eigenen Arbeit in China, öffentlich seiner politischen Idee vom „guten Diktator“ Ausdruck verlieh. Es war der 3. Juni 2010. Anlässlich eines Vortrags mit anschliessendem Gespräch mit dem Schweiz-Korrespondenten der ZEIT, Peer Teuwsen, liess der politische Mensch Jacques Herzog auf der Bühne im Schauspielhaus Basel öffentlich verlauten (Zitat aus: stadtfragen, 16. Juli 2010: „O-Ton: Jacques Herzog über Urbanität, Politik – und sich selbst“):

Ich denke, die Demokratie, wie wir sie kennen, ist am Ende. Der Bundesrat ist überfordert und die Gemeinderäte sind überfordert. Wir werden von Leuten regiert, die von Parteien gewählt werden. Und diese Parteien sind nicht zu gebrauchen, weil in der Parteienlandschaft niemand über die eigentliche Sache diskutiert. Genau heute brauchen wir jedoch wieder Menschen, die in erster Linie an der Sache interessiert sind und Fakten auf den Tisch bringen. Ich sage nicht, dass die Chinesen dies tun. Aber weil es dort nur eine Partei gibt, hat China im Unterschied zur Schweiz bei politischen Entscheiden nicht noch irgendwelche Grabenkämpfe zu bestreiten. (…) Ich spiele mit meinen Aussagen zu China den Advocatus Diaboli. Aber das hat seinen Grund: Mich fasziniert tatsächlich die Idee des Herrschers, der keine eigenen Machtinteressen hat.

Kahn in het Kimbell Art Museum, Fort Worth TX, 1972.Beeld Robert Wharton

Jacques Herzog steht mit seiner politischen Idee eines wohlwollenden Herrschers als idealer Autraggeber für seine Bauten im Kreis der grossen Namen nicht alleine da. So schätzte Frank Gehry den grossen Meister Louis Kahn mit Blick auf seine Planungen für Philadelphia in seinem Streben nach Grossen Ideen als ein „naiver“ Moderner ein, der ebenfalls an so etwas wie den guten Diktator zu glauben versuchte (Louis Kahn. The Power of Architecture, Vitra 2012, S. 255):

„Ich erinnere mich an die gigantischen Strukturen, die er schuf. (…). Aber in gewisser Hinsicht zeigten sie doch die Naivität eines Architekten. Wir alle haben die Vorstellung, dass man eine Lösung präsentieren kann, die für alle passt. Dahinter steckt einerseits Grösse, aber andererseits zugleich ein Scheitern. Die Welt, in der wir leben, ist mehr oder weniger eine demokratische Welt (…). Die meisten unserer Städte sind chaotisch. Sie sind nicht darauf ausgerichtet, ein Baumodell oder Baumuster zu übernehmen, das für alle passt. Es erfordert einen wohlwollenden Diktator, um das durchzusetzen. Als Architekten hoffen wir immer, auf diese Weise Einfluss ausüben zu können, doch letzten Endes läuft es auf ein Gebäude und einen Klienten, einen Finanzplan, einen Zeitplan und den Genehmigungsprozess hinaus.“

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Wachsmanns Notiz

Was Le Corbusier betrifft, so gibt es neben den in Marc Zitzmann’s NZZ-Artikel erwähnten Autoren auch Weggefährten, die Le Corbusier’s Aussagen zum Dritten Reich und den Nazis eine Notiz wert waren. Michael Grünig etwa erwähnt in seinem Buch über Konrad Wachsmann, was dieser aus seinen Begegnungen mit L.C. Jahre später noch in Erinnerung hatte (aus: „Der Architekt Konrad Wachsmann“, Wien 1986):

„Hitler’s Diktatur (…) hielt er für Übertreibungen der Hitlergegner. Hitler und Mussolini sind doch sehr erfolgreiche Politiker, sagte er und staunte über mein Erstaunen. Was wollen Sie, entgegnete er (Anm: LC angeblich zu Wachsmann) auf mein Erstaunen. Hitler hat das Volk hinter sich. (…) Dass er Chaoten und Querulanten einsperrt, halte ich für ganz normal. Nach den katastrophalen Zuständen in Deutschland musste ein Mann an die Spitze kommen,  der Ordnung schafft.“ (Seite 348 f.)

Der Fall Le Corbusier und die Tatsache, dass die Globalisierung der Architektur ein neues öffentliches Verhältnis zwischen Architektur und einer wie auch immer gearteten politischen und wirtschaftlichen Machtkonstellation bedeutet, zeigen: Es tut unserer Zeit und der Architektur wohl gut, wieder vermehrt über die Ideen ihrer Erbauer zu sprechen. Die Frage ist: wie und weshalb? Werke und Meister, die Architektur auseinanderhalten zu wollen, dass hiesse dabei, genau jene Spähren voneinander zu trennen, auf die die Moderne gleichzeitig abzielte: Die Menschen und ihre Behausungen. Gleichzeit gilt es, sich davor zu hüten, Architekten und Künstler a priori mit den guten Menschen gleichzusetzen oder in kritischen Fällen wegzuschauen. „Auch Loos gehörte zu jenen, die sich etwas Besseres wähnten, als Missionare des aufgeklärten Lebens“, schrieb jüngst Hanno Rautenberg in seinem Artikel zum Fall von Adolf Loos, der als pädophiler Straftäter verurteilt wurde (DIE ZEIT, Nr.31, 20.7.2015, 9. 40). Der Fall und seine publizistische Aufbereitung zeigen, dass ein Werk, und sei es architektonisch noch so bedeutsam, immer eine Portion Skepsis und Zweifel zulassen muss.

Anspruch statt Verurteilung

In keinem Fall geht es darum, fortan die Beurteilung von Werken a priori nicht mehr unabhängig von der Persönlichkeit des Architekten zu trennen und dadurch jedes Werk zuerst einer moralischen Bewertung zu unterziehen. Gleichzeitig wissen wir, dass hinter jedem legitimen Anspruch an professioneller Definitions- und Gestaltungsmacht, hinter jeder Architektur, die sich mit grossem A schreibt, gleichzeitig ein Auftrag und ein persönlich motivierter Anspruch an die eigene Macht und Leistung stehen. Das Resultat muss im Auge des ambitionierten Architekten gut bis sehr gut zu sein, und darüber hinaus einen Beitrag leisten, der Moden, Veränderungen von Lebenswelten und sogar Generationen überdauert. Insbesondere bei Grossprojekten mit globaler Ausstrahlung geht es darum, mit Bauen auch den Nachgeborenen etwas über das politische Selbstbild einer Zeit erzählen zu können, über die Zeit, ihre Ideen, Werte und Träume. Dieser Anspruch lässt sich einfach aus historischen Beispielen finden, die wir (fast alle) lieben. Daraus ableiten lässt sich auch ein Umstand, der sich bis heute nicht geändert hat: Ohne die Qualitätsansprüche von Architekten, Stadtplanern und der Politik bleibt das Gebaute nur Markt, sprich fantasieloses Bauen für den jeweiligen Moment und den Profit.

Die Diskussion über die politische Neigung als Grundlage für professionelle Ansprüche ist gleichzeitig ein wichtiger Teil der Geschichte und der Gegenwart. Für sich alleine dargestellt ist die Diskussion, wie sie um die Person Le Corbusier geführt wird, aus Sicht der Disziplin Architektur jedoch im Grunde zweitrangig. Wir pilgern weiterhin gerne nach Brasilia, Le Corbusier’s Werk bleibt ein fantastisches Werk. Die Bauten der römischen Feldherren ebenso. Es lohnt sich aus professioneller Sicht ebenso wenig, mit der persönlichen Forderung nach guter Architektur die Demokratie oder andere politische Systeme grundsätzlich in Frage zu stellen; und sei dies in Form einer narzistisch vorgeführten, medialen Provokation, wie sie Jacques Herzog im oben erwähnten Fall als selbst ernannter „advocatus diaboli“ vorgeführt hat.

Radikalität als List?

Da gerade in unserer Zeit eine grosse Anzahl anspruchsvoller Werke von anspruchvollen Architekten und Bauherren im Auftrag verschiedenster Politischer Systeme realisiert werden, drängt sich ein anderer Gedanke auf: Vielleicht muss sich ein politisches System, wenn es sich im Einzelfall lohnt, unter globalen Einflüssen lokal einfach nur selbst überlisten, um nachhaltig gute oder gar ausserordentliche Bauten hervorbringen zu können. Luigi Snozzis Gebäude für das Städtli Sursee benötigte dafür über eine Dekade. Wie es in Luzern gelang, ein über 40 Meter auskragendes Dach durch vier Abstimmungen zu bringen, gleicht bis heute einem kleinen Wunder. Und wie verhält es sich mit dem Olympiastadion „Birds Nest“ von HdM in Peking? Wie auch immer: Das KKL in Luzern und das Olympiastadion in Peking wären ein spannendes Vergleichpaar, um den Gedanken zu vertiefen, wie es gute Architektur und ihre Architekten und Promotern mit List, Legitimation und Überzeugung schaffen, demokratische politische Systeme zu überlisten. Die These dazu könnte lauten, dass letztlich die Radikalität in der Aufgabe und im Entwurf jener erfolgsversprechende Hintergrund bildet, auf dem es gelingt, verschiedenste politische, architektonisch-kulturelle und medial-globale und wirtschaftliche Definitionen und Positionen von Macht in einem gebauten Gegenstand zum Ausdruck zu bringen. Dass Peter Zumthor in Berlin andere Erfahrungen gemacht hat, heisst im Handumdrehen lediglich, dass Radikalität, verstanden als Ausdruck der eigenen, unverrückbaren Position, per se dabei kein Rezept darstellt, dass ein Scheitern verhindert.

Stimmt die These, dann würde umso mehr gelten, dasss gerade bei Projekten mit hoher Öffentlichkeitswirkung und einem radikalen Streben nach Selbstbefreiung und Selbstverwirklichung sorgfältig zu beobachten und abzuschätzen ist, ob, in welchem Mass und in welcher Form die Radikalität abseits des Normalen und bisher Bekannten jeweils im Spiel ist. Mit anderen Worten: Ob Einzigartigkeit in ihrem Anspruch nach Innovation, Qualität und Definitionsmacht am Bau eher über die Zeit, ihre Gesellschaft und Orte interpretieren – oder im schlechteren Fall hauptsächlich über das Ego der daran Beteiligten. Ob Radikalität gleichzeitig List bedeutet, eher durch professionell gute Arbeit, den Zufall und die richtige Konstellation oder Taktik wirksam wird – oder gar Magie am Werk ist, spielt weniger eine Rolle: Im Resultat muss für eine Demokratie in jedem Fall weiterhin gelten, dass kein Bauwerk das Recht hat, die Nutzung und die Wahrnehmung des vorhandenen oder neu geschaffenen öffentlichen und privaten Raums, ohne Gegenleistung, ausschliesslich für sich zu beanspruchen.

Transparenz des Gemeinsamen

Ich meine, dass eine solche Gegenleistung dadurch entsteht, wenn im Planen und Bauen, zusätzlich zum messbaren monetären Profit, weitere Mehrwerte zum Gegenstand von Absichten und Zielen werden. Ich nenne sie „Gemeinsamkeiten“ wie: öffentliche Zugänglichkeit, kollektive Nutzung, mehrfach nutzbare Räume, Temporäres, Schutz, Identifikation, gemeinsamer Profit. Mit Gemeinsamkeiten ist somit eine erweiterte Form von Transparenz im Architekturverständnis gemeint. Eine, die im Städtebau und in der Architektur ideell, materiell, räumlich und performativ zur guten Lösung beiträgt. Dies gelingt, wenn eine Aufgabenstellung, die Entwurfsisdde und letztlich das fertige Werk verständlich Auskunft geben können über die Haltungen, Werte und Ziele, die im Spiel sind. Die, nennen wir sie „Transparenz des Gemeinsamen“, scheint dabei lediglich einer logischen Bedingung Folge zu leisten, die sich aus dem gleichzeitig herrschenden Wettbewerb um Märkte und um Aufmerksamkeit in der Architektur (vgl. dazu Georg Frank) ableiten lässt. Information und Austausch sind im Architekturgeschäft nicht nur (mehr oder weniger mühsame) Aufgaben und Mittel: Sie leisten vielmehr einen substantiellen Beitrag an die richtige Lösung. Mit anderen Worten: Kommunikation in der Architektur (und dazu zählt auch das Branding) ist zuerst einmal soziales Handeln und erst danach Selbstdarstellung. In der Transparenz des Gemeinsamen kann letztlich jedes Gebäude, das an die Stadt als Hülle, Objekt oder als Lebensraum einen Beitrag leisten will oder muss, Werte bilden, die einer Allmend ähnlich, mehrfach wirken, dienen und nützen – aber nie einseitig ausnützen. Transparent erkennbar und wirksam sind im Städtebau und in einzelnen Gebäuden dann nicht mehr nur Glasfassaden oder das offene Erdgeschoss, sondern ebenso die Aufgabe und die Haltung im Entwurf, die anvisierten und erzielten Mehrwerte inkl. deren Wirkung und Wahrnehmung.

Bedrohte Autoren

Eine Transparenz des Gemeinsamen die sich als eine programmatische Forderung behaupten kann, wäre gleichbedeutend mit der Chance, dass sich eine ganzer Berufszweig vom ungesunden Massensport der Autoren- und Künstlerarchitekten distanzieren könnte. Die Architektur könnte sich wieder mehr auf ihren Beitrag an den Lebensraum widmen, und überdies: die Kunst wohl wieder mehr auf die Kunst. Der vermeintlich unbestrittene, gemeinsame Hintergrund zwischen Architektur und Kunst – die Skulptur, das Objekt, die Erfindung, das Unikat, die ästhetisierte Landschaft etc. – würde im Diskurs dem Austausch von Werten, Wahrnehmungen, konkreten Räumen, Realitäten, Wünschen und Ansprüchen gleichgestellt. Hinter dieser Idee steckt ein Realismus, der sich dafür interessiert, zu wissen, was im Hintergrund einer Planung oder einer Architektur vorhanden ist; was darauf als Gegenstand ausgehandelt und realisiert wird. Realismus bedeutet in diesem Fall auch eine gewisse Freiheit: Lassen wir ein Haus wieder ein Haus sein, ohne dass es ein Konstrukt oder ein Dekonstrukt sein muss, lassen wir gute Architektur wieder schön sein, ohne dass sie partout aus der Idee eines Kunstobjekts entstanden sein muss. Lassen wir gleichzeitig die Kunst unnütz und zeitgemäss sein, ohne dass jede Intervention ausserhalb des Museums die Stadt, das Leben im öffentlichen Raum gleichzeitig neu interpretieren und definieren und darüber hinaus auch noch verbessern muss. Wie hat es Louis Kahn weiter vorne im Text an die Adresse seiner Berufskollegen Architekten formuliert: „(…) letzten Endes läuft es auf ein Gebäude und einen Klienten, einen Finanzplan, einen Zeitplan und den Genehmigungsprozess hinaus.“

Mit Josephine Baker

Ein Geben und Nehmen bei Le Corbusier

Und bleiben wir auch in diesem Punkt realistisch: Es gab und gibt tatsächlich Menschen, die in mehreren „Lebenswelten“ Aussergewöhnliches leisten, sei es als Arzt und Anwältin, als Buchautorin und Krankenschwester, als Künstlerin und Architektin. Sie ragen meist heraus ohne den Anspruch, das politische System in Frage stellen zu müssen, oder die gottähnlichsten unter den Gestaltern dieser Welt zu sein. Dafür ist die Ausstellung in Paris eine wertvolle Erinnerung: Le Corbusier war Architekt, malte und hinterlies seiner Nachwelt, durchaus mit gesellschafts- und sozialpolitisch motiviertem Kalkül, einige nachhaltig wirksame Plan-, Bild- und Textdokumente. Zum Beispiel den Text „Urbanisme“, der erstmals 1925 erschienen ist. Darin ist nachzulesen, dass Le Corbusier in seinem Schaffenswillen von einem hohen Bewusstsein und viel Bewunderungen für die Orte und Potentiale der Macht angetrieben wurde: „Voici un roi, dernier grand urbaniste dans l’histoire, Louis XIV (Anm: Louis XIV wurde auch der „Sonnenkönig“ (frz. le Roi-Soleil) genannt). Hätte sich ihnen die Gelegenheit geboten, Le Corbusier und Jacques Herzog wären sich in ihrer Bewunderung für das (radikale) Schaffen des Roi-Soleil wohl schnell einig gewesen:

„Sie kennen Paris, die vielleicht perfekteste, schönste und radikalste Stadt der Welt, wo sich Strassenachsen wie Sonnenstrahlen scheinbar endlos ausdehnen. Paris steht für den wahnwitzigen Versuch, die Schönheit der Stadt in Stein herzustellen. Die spezifische Idee der Achsen in Paris ist (…) eigentlich so etwas wie ein Lichtstrahl, der vom Roi Soleil (dem Sonnenkönig) ausgeht, in die Unendlichkeit zeigt und entlang dem im Plan dann verschiedene Monumente aufgereiht sind. Solche Motive sind natürlich total unschweizerisch: die Idee des Monuments, die Wirkung von unendlichen räumlichen Achsen.“ (siehe oben, Jacques Herzog, Basel 2010)

Die Ausstellung „Mesures de l’homme“ in Paris macht gut nachvollziehbar, wie Le Corbusier die Möglichkeit fand, mit seinen Bauten damals radikale moderne Ideen in Aufträgen umzusetzen, die gleichzeitig den Bruch mit der Vergangenheit und das Neue suchten. So etwa in der Mitte des letzten Jahrhunderts in der Welt von Indiens Premierminister Jawaharlal Nehru, der sich für Chandigarh eine „neue Stadt, symbolisch für Indiens Freiheit, ungetrübt von der Tradition der Vergangenheit: ein Ausdruck für den Zukunftsglauben der Nation“ wünschte (Zitat aus dem Ausstellungstext). Erwähnenswert ist: Le Corbusier überliess den Bau der Wohnbauten seinen Kollegen. Selbst widmete er sich den Orten der Macht, die er dann auch realisierte: dem Capitol, dem Gebäude für die Nationalversammlung und den Gerichtshof. Zwischen den Gebäuden entstand ein Monument: die „Offene Hand“. Sie steht für das Geben und Nehmen, für ein stimmiges Bild in jeder Beziehung zwischen Architekt und Auftraggeber, zwischen Definitions- und Positionsmacht. Eine profunde Lesart zum Monument bzw. dem Verhältnis von Architekt, Architektur und Auftraggeber in Fall von Chandigarh hat Stanislaus von Moos in der NZZ vom 5. Juni publiziert: „Le Corbusier und Chandigarh, Baukunst, Industrie und Staatsräson“. Zitat:

„Die «Offene Hand» war, wie man weiss, als eine Art Logo der 1950 gegründeten indischen Stadt Chandigarh gedacht gewesen und sollte dort auch als Monument aufgestellt werden. Es liegt also nahe, in dem Zeichen mehr als nur einen riesenhaften Baseball-Handschuh, eine Art Pokal, oder den Fetisch einer Architekten-Sekte zu erkennen. Sie war auch so etwas wie das Wahlversprechen seitens der Regierung, die Gaben des Fortschritts im Sinne des modernen Sozialstaats an das Volk weiterzugeben. So zumindest wollte es der Architekt von seinem Bauherrn verstanden wissen – obzwar Aussprüche wie «pleine main j’ai reçu, pleine main je donne» deutlich machen, dass es bei dem Motiv, so, wie es inzwischen auf Buchdeckeln, Ausstellungskatalogen, sogar Münzen erscheint, am Ende dann doch vor allem um die Signatur des Architekten geht, also um Selbstinszenierung im mythopoetischen Irgendwo zwischen Rudolf Steiner und Joseph Beuys.“

Der Grundstein für Chandigarh wurde 1952 gelegt.

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Neue Klänge am Stadtrand

Als Prozess des Urbanen ist die Stadt Luzern derzeit vor allem an ihren Rändern spannend. Am Südpol ist der Neubau der Hochschule Luzern – Abteilung Musik geplant. Die Enzmann Fischer Architekten (einmal mehr) und das Büro Konstrukt aus Luzern haben in einer engen Zusammenarbeit den privaten Wettbewerb für sich entschieden. Der vollständige Artikel ist erschienen in: werk, bauen+wohnen, Ausgabe 7/8 2014.

sta. Die Vision „Luzern Süd“ will die Allmend in den nächsten Jahrzehnten in einen Stadtpark und den Siedlungsbrei zwischen Eichhof und Horw Mitte in ein Stadtquartier verwandeln. Nach der Bruchlandung der „Salle Modulable“ 2009 entschied sich die Abteilung Musik der Hochschule Luzern, ihre vier über die Stadt verteilten Standorte im Alleingang, am Rand der Allmend, zusammenzuziehen. Das Resultat aus dem privaten Wettbewerb zeigt einmal mehr, wie gut Enzmann Fischer Architekten die Luzerner Wettbewerbs-Szene beherrschen. Die Liste der bisherigen Erfolge ist eindrücklich: Armee-Ausbildungszentrum (1993), Siedlung EBG (2003), PHZ/ Universität (2005), Stadtarchiv (2011), Siedlung Himmelrich 3 (2012), Hochschule Luzern – Musik (2014).

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Bildtransformation als Strategie

Die Umwandlung von Industriebrachen in Kulturstandorte ist mittlerweile ein etabliertes Basiskonzept so genannt „guter“ Stadtentwicklung. Das Siegerprojekt zeigt, dass die entsprechende Strategie im Entwurf keine bauliche Brache voraussetzen muss, eine inhaltliche Bildtransformation kann ebenso erfolgreich sein: So haben die Architekten die Raumstruktur, den Grundriss und die Fassade ihres Projekts bildlich vom ikonisch-monumentalen Erbgut „Industriehalle“ abgeleitet und ihr Entwurfsresultat auf ein noch unbebautes Gelände gesetzt. Das Resultat: Eine Musikfabrik in einem von Gewerbe- und Industriebauten geprägten Umfeld am Stadtrand. Das Lob der Jury für die gewählte Entwurfsstrategie überrascht keineswegs: Wünschte sich doch die Musikhochschule als künftige Mieterin selbst eine Architekturlösung, die an ein „Kraftwerk“ erinnert, und nicht etwa an ein Schulhaus. Ausgangspunkt des Entwurfs „echea“ (Klangschale) bildet ein mehrgeschossiges Foyer mit der Haupterschliessung. Beidseitig der Halle reihen sich einzelne Räume in Schichten auf. Die drei geforderten Musiksäle sind aus Gründen der Akustik einzelne Haus-in-Haus-Konstruktionen. Im Innern überlässt die Architektur ihre Wirkung einer konsequent eingehaltenen Rauheit aus Beton. Die Fassade ist aus Klinker (vgl. Bild).

Design-to-cost

Die Design-to-cost-Vorgabe für die Baukosten der rund 9000 m2 Hauptnutzfläche lautet 70 Mio. Franken. Das Siegerprojekt wurde im selektiven Verfahren mit offener Präqualifikation und anonymem Projektwettbewerb für acht Generalplanerteams erkoren. Schräge Töne, öffentlichen Widerstand durch den SIA („So nicht!“, TEC 21, 26/13) und einen Rückzug der beteiligten Ingenieure löste die Ausloberin und Investorin  die Luzerner Pensionskasse LUPK – aus, nachdem sie die Honorarkonditionen für die Fachplaner nicht nur unterschiedlich hoch, sondern bereits in der Präqualifikation festlegt hatte. Verfahrenstechnisch ausgedrückt: „In Anlehnung an SIA 142 wurden Art. 17 und 27 abweichend geregelt“. Der Qualität der Projekte haben die schrägen Töne nicht geschadet. Rang 1 und 2 wurden in einem zusätzlichen anonymen Verfahrensschritt bereinigt. Verläuft die Umsetzung wunschgemäss, erklingt die neue Ausbildungswerkstatt erstmals 2019.

Credits

Ausloberin: Luzerner Pensionskasse (LUPK). Fachjury: Marie-Theres Caratsch (Vorsitz), Hochschule Luzern; Urs Mahlstein, Kanton Luzern; David Leuthold, Zürich; Andrea Roost, Bern; Beat Waeber, Lachen. Ergebnis: 1. Rang: ARGE Enzmann Fischer & Büro Konstrukt, Zürich/Luzern; 2. Rang: Gigon/Guyer Architekten, Zürich; 3. Rang: Buol & Zünd Architekten, Basel; 4. Rang: Lussi + Halter Partner, Luzern; 5. Rang: Caruso St. John Architects, Zürich. Weitere Teilnehmende: EM2N Architekten AG, Zürich; Mateo Arquitectura, Zürich-Barcelona.

Dorf macht Sinn!

«Die Schweiz hat ein Dorf im Kopf». So tönt es kritisch aus Fachkreisen. Das «Dorf» macht als Hintergrund für die Arbeit von Planern und Architekten dennoch Sinn. Stadtfragen hat in Deitingen, Innertkirchen und Näfels nachgeschaut, was Architekten aus Basel, Luzern und Zürich dazu zu sagen haben. Entscheidend für das Gelingen einzelner Interventionen im Dorf scheint die glückliche Konstellation vor Ort zu sein. Der vollständige Text «Frischs Dorf» ist in der Dezemberausgabe 2013 der Zeitschrift werk, bauen+wohnen erschienen.

Titelbild: Der neue Wydenhof in Näfels, Fotos: Stadtfragen 2013

sta. Das Pamphlet in «achtung: Die Schweiz» forderte 1955 auf, dort hinzusehen, wo das Mittelland aufgehört hatte, eine Landschaft zu sein, wo es weder Stadt noch Dorf war. Damals ging es um die Bewältigung des Wachstums der Schweiz durch Städtebau und Architektur, kurz: «Wir bauen eine neue Stadt». In Innertkirchen, Deitingen und Näfels handelte die Aufgabe der Politik, der Investoren und Architekten von der Suche nach dem «neuen Dorf».

Identität macht den Unterschied

Mit dem Bonmot «Die Schweiz hat ein Dorf im Kopf» wird einer Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer üblicherweise fehlender Mut zur Urbanität unterstellt. Das Dorf im Kopf, so lautete die These hier, ist eine gute Sache. Dann «das Dorf» kann als Sinnfeld einer offenen Wahrnehmung produktiv werden, wenn es als vielfältiger, gemeinsamer Hintergrund in der Wahrnehmung von Laien und Experten verstanden wird. Dies ändert jedoch nichts daran, dass einzelne bauliche Eingriffe umso klarer nachvollziehbar machen müssen, was sie mit zur Idee «Dorf» zu sagen und beizutragen haben. Das Sinnfeld «Dorf» kann bereits im Entwurfs- und Bauprozess, auf dem Weg zum architektonischen Konzept, zum Charakter, zum neuen Bild, zur Atmosphäre oder zur klugen Analogie zum Ausgangspunkt einer spezifischen Schaffung von Dorfidentität werden. Die Kritik am einzelnen Objekt interessiert sich dann für die Schnittstellen zwischen der architektonisch behaupteten und der tatsächlich wahrnehmbaren Identität vor Ort.

Boxenstopp in Innertkirchen

In Innertkirchen haben die Gschwind Architekten aus Basel das «Grimseltor» realisiert. Das touristische Informationszentrum mit Einkaufsladen, Post, Dorfplatz und Saal soll als «neues Herz der Gemeinde» identifiziert werden. Der Ausdruck der Architektur spricht vom Umgang mit Abstrakta aus der Architektur-Landschaft. Der robuste Betonbau erinnert an hiesige Kraftwerksanlagen. Im Spiel mit der alpinen Naturkulisse von Innertkirchen entstehen so reizvolle Bilder. Gebäude und Dorfplatz wirken gleichzeitig selbstbewusst und selbstbezogen – das monolithische Objekt in Weissbeton könnte sich für weitere Standorte an anderen Passstrassen eignen. Den Dorfplatz bezeichnen die Architekten als «Dorfbühne». Der Besuch vor Ort wirft die Frage auf: Wie gut taugt generisch programmierte Architektur vor Ort tatsächlich zu einer Aufführung einer lokalen Dorfmitte?

Wohnen in Näfels

Näfels gehört zur Grossgemeinde «Glarus Nord». Die «Zentrumsüberbauung Wydenhof» wurde benachbart zum Freulerpalast vom Luzerner Architekturbüro Lussi + Halter realisiert. Die Bank Raiffeisen und ein privater Landbesitzer haben den Ersatzneubau einer Villa mit Garten ermöglicht. Die fünf Gebäude mit Giebeldach, divers in Form und Ausrichtung, bilden ein stattliches Ensemble. Die Bank Raiffeisen steht direkt an der Kantonsstrasse. Vier Häuser mit 18 Eigentumswohnungen interpretieren die dörfliche Siedlungsstruktur und Dichte von Näfels. Mit dem Massstab der Baukörper und Aussenräume, der Anordnung und Ausformulierung der Fassaden und dem Kellenwurf-Putz wollen die Erbauer an die Umgebung im Ort erinnern. Die szenischen Ein- und Ausblicke im privaten Wydenhof sind sehenswert.

Über den Dächern von Deitingen

Für das neue Dorfzentrum von Schmid Schärer und Krayer & Smolenicky Architekten aus Zürich diente das öffentliche Wegnetz als Ausgangspunkt. Inmitten der weilerartigen Bebauungsstruktur bilden zwei Neubauten und das Gemeindehaus den neuen Siedlungskern mit Dorfplatz. Ein Laden, ein Café, eine Poststelle, eine Bankfiliale, die Spitex und Parkplätze sorgen für die notwendige Dichte an Nutzungen und dafür, dass die neue Dorfmitte funktioniert. Das Wohnangebot «über den Dächern von Deitingen» wird von Einheimischen und Rückkehrenden genutzt. Die längere Planungsgeschichte des Zentrums steht für eine projektbezogene Planung mit einer anschliessenden Diskussion um Höhen, Ausdruck und dörfliche Identität. Im Kompromiss wurde der Kopfbau um ein Geschoss reduziert. Dennoch spricht die realisierte Architektur eine selbstbewusste Sprache, die die vorgefundene, gebaute Dörflichkeit urbanisieren will. Daran ändert nichts, dass die Baukörper mit ihrer Stellung zur Strasse und ihrer Farbigkeit den abstrakten, analogen Bezug zu den umliegenden Bauernhäusern suchen.

Konstellationen

Die drei Beispiele sind anregend und fordern dazu auf, dass die Suche nach dem neuen Dorf weiter geht. Es lohnt sich nämlich nach wie vor, dort einzugreifen, wo das Mittelland droht, weder ganz Stadt noch spezifisches Dorf ist. Das gelingt vielleicht überzeugender, wenn das Dorf als gemeinsames Sinnfeld von Laien und Experten nicht ausstirbt. Städtebau und Architektur sind gefragt und nützlich, wenn sich beide Disziplinen lokal für die glückliche Bündelung von Notwendigkeiten, Kräften und Akteuren einsetzen. Im Dorf erfordert dies, sich bei der Programmierung von Bauaufgaben auf eine politisch fragile, sozial nahe und deshalb zeitintensive «Konstellation» einzulassen.

Lit: Lucius Burckhardt, Max Frisch, Markus Kutter: achtung: Die Schweiz, 1955

Himmel über Haldenstein

Regisseur Wim Wenders durfte ein paar Tage bei Architekt Peter Zumthor in Haldenstein einkehren. Herausgekommen ist ein klischeehafter Kurzspielfilm über einen prominenten Architekten, der sich nicht für die Aussensicht auf seine Person interessiert und dennoch in seinem Atelier für Wim Wenders als Schauspieler auftritt. „Notes from a day in a life of an architect“ dokumentiert den seit Le Corbusier bekannten und brisanten Wettbewerb um Reputation und die Macht der Bilder in der Architekturproduktion: Zumthor will besser verstanden werden, Wenders besser verstehen, im Film geht es um Selbstdarstellung und die Kooperation zweier Freunde. Geplant ist eine mehrjährige Zusammenarbeit.

Titelbild: Neue Road Movies GmbH, Berlin. Film Stills: Büro für Stadtfragen 2012.

(sta) Wer an der Architekturbiennale 2012 in Venedig den Weg in die hinterste Ecke des Arsenale auf sich nahm, um in Wim Wenders Film „Notes from a day in a life of an architect“ Peter Zumthor in seinem Atelier in Haldenstein beim Kaffeekochen, Referieren und Zeichnen zu beobachten, gehört zu einem exklusiven Publikum: Der Film, eine Coproduktion des Ateliers Zumthor und Wim Wenders („Himmel über Berlin“), wurde ausschließlich an der Biennale gezeigt. Veröffentlichungen auf DVD oder Blue Ray seien nicht geplant. Auch nicht als Ausleihe für eine Filmkritik, wie die Produktionsfirma Neue Road Movies GmbH in Berlin auf Anfrage mitteilt. Pressematerial gibt es ebenso wenig, immerhin werden ein paar Filmstills zur Verfügung gestellt.

Mediale Gerüchteküche

Gerüchte in den Medien, die sich um eine Personen drehen, sind ein Hinweis auf ihre Prominenz. Peter Zumthor und Wim Wenders („als Junge wollte ich selbst Architekt werden“) sind beide prominent. Die Medien und ihre Konsumenten – also wir – brauchen prominente Menschen, weil sie uns in guten und schlechten Zeiten nicht nur unterhalten, sondern vor allem erhalten bleiben. Damit dies gelingt, müssen Geschichten erzählt werden, idealerweise als Fortsetzung. Um die Nachfrage zu befriedigen, entstehen Geschichten um die Prominenz nicht selten aufgrund von Gerüchten, so auch die Filmgeschichte über Wim Wenders und Peter Zumthor. Die Mitteilung kam nach Aussagen der Redaktion direkt aus der Heimat des Architekten: Am 7.7.12 berichtete die Südostschweiz anlässlich eines geplanten Museumsbesuchs mit Zumthor in Bregenz aufgrund der „zufälligen“ Begegnung mit Wim Wenders exklusiv: „Zumthor wird zum Filmstar. (…). Der international bekannte Regisseur Wim Wenders widmet seinen neuen Film dem Bündner Architekten Peter Zumthor. Die Arbeiten an dem Werk werden mehrere Jahre in Anspruch nehmen. Einen Vorgeschmack auf den Film gibt es bereits ab August an der Biennale in Venedig: einen Kurzfilm.“ Am 9. Juli folgte das Interview der „zwei Stars und Freunde“ in den News auf Tele Ostschweiz: Peter Zumthor sieht in der Zusammenarbeit eine Chance für sich selber und sein Arbeit: „Ich erhoffe mir, dass man gut sieht, wie ich eigentlich arbeite, (…) es gibt so viele falsche Schlagzeilen über Peter Zumthor. Ich erhoffe mir, dass man darin den wirklichen Peter Zumthor sieht“. Auch Wim Wenders will der Sache auf den Grund gehen: Ich will den ganzen Vorgang von der Idee bis zur Fertigstellung begleiten und in 3D aufnehmen. Deshalb handelt es sich um ein Langzeitprojekt“. Trotzdem wurde wenige Tage später eine weitere Meldung auf der Plattform archdaily.com als Gerücht bezeichnet: „It has been confirmed by Studio Wim Wenders and Atelier Peter Zumthor & Partners, that the news of Wim Wenders devoting his new 3D documentary film on architecture to Peter Zumthor was in fact a rumor. Although Wenders will be conducting an artistic interview film with Zumthor for the upcoming 2012 Venice Biennale, it has nothing to do with his feature documentary. The Biennale interview film and the 3D documentary on architecture are two separate projects.“

Ein paar Tage später nahmen die Schweizer Medien die Geschichte gleich im Rudel auf. So am 31.07.2012, 16:53 Uhr, das Hochparterre online mit Bezug auf den Tagi: „Der deutsche Regisseur Wim Wenders arbeitet derzeit an einem Spielfilm über den Schweizer Architekten Peter Zumthor. Für die diesjährige Architektur-Biennale in Venedig realisiere Wenders zudem einen kurzen Film mit dem Titel «Peter Zumthor at work».“ Der Tagi wusste aus einer Mitteilung aus dem KUB in Bregenz, dass dazu in Bregenz bereits Filmaufnahmen gemacht wurden. Gleichentags lieferte das Schweizer Fernsehen einen Beitrag: „Wenders Werk soll den Titel «Peter Zumthor at work» tragen. Zunächst will der bekannte Filmemacher als Vorspann dafür einen kurzen Film für die diesjährige Architektur-Biennale in Venedig realisieren.“ Trotz einer weiteren Recherche durch Artinfo Deutschland blieben die genauen Absichten der Zusammenarbeit über den Sommer 2012 hinaus unklar: „Wie sich auf Nachfrage von ArtInfo Deutschland am 14. August herausstellte, ist das Projekt (Anm: ein Spielfilm über Zumthor) bislang allerdings nur eine Idee und hat mit dem Film für die Biennale nichts zu tun“. Alles klar?

Common Ground: Aufmerksamkeit

„Common Ground“, so lautete der Titel der 13. Architekturbiennale in Venedig. Er entstand aus dem Gespräch zwischen Richard Sennett und David Chipperfield, dem Kurator der 13. Mostra. Chipperfied wählte das Thema als kritische Infragestellung der bestimmenden Themen unserer Zeit: Individualismus, Privilegien, Spektakel, das Spezielle. Mit einem Common Ground hat „Notes from a day in a life of an architect“ vordergründig gar nichts zu tun. Das Objekt, um das es gemäss Filmtitel geht, ist ein Tag im Leben von Peter Zumthor. So weit so gut. Nun ist Peter Zumthor nicht irgend ein Architekt und Wim Wenders nicht irgend ein Regisseur. Ersterer ist eine Persönlichkeit, die mit Hilfe der Medien zu polarisieren weiss, ebenso vehement als Sieger und kultureller Botschafter seiner Disziplin, wie als vermeintliches Opfer in der Niederlage gegenüber der Politik oder gegenüber dem Unverständnis und der Kulturlosigkeit in Sachen Architektur. Allein Peter Zumthors Auszeichnungen, Projekte und Mediengeschichten liefern genügend Anschauungsmaterial dafür, dass die Programmierung und Realisierung von Architektur heute nicht nur im Wettbewerb um Ideen, Märkte und den talentiertesten Nachwuchs, sondern ebenso von der Pflege der eigenen öffentlichen Reputation abhängen. Peter Zumthor weiss genau, nach welchen Regeln die Aufmerksamkeit um seine Person zur harten Währung wird, die es ihm erlaubt, weltweit aussergewöhnliche Aufträge anzunehmen. Mit dieser – zugegeben etwas mutigen – Behauptung gelingt es doch noch, eine Verbindung zwischen dem filmischen „arstistic interview“ von Wim Wenders und dem Titel der Biennale-Ausstellung zu machen, und zwar so: In „Notes from a day in a life of an architect“ werden nicht nur zwei Stars ihres Fachs gezeigt, der Film repräsentiert gleichzeitig jene Sphäre der Konkurrenz um Öffentlichkeit, die längst zum kulturellen Common Ground heutiger Architekturproduktion dazu gehört.

 

In einer Zeit, in der Medien ihre Beiträge zunehmend personalisieren, gilt für die Kulturkritik umso mehr die Proseminarweisheit, dass das Werk und die Person voneinander getrennt zu betrachten sind. Löst der Kurzfilm deshalb ungute Gefühle aus, weil er Person und Werk ausdrücklich miteinander verbindet? Vielleicht. Offensichtlich ist, dass sich das „künstlerische Interview“ von Wenders dadurch legitimiert, indem es unmittelbar und exklusiv am Ort des kreativen Geschehens gedreht wurde: Drehort, Einstellungen, Werk und Hauptdarsteller Zumthor sollen als Gesamtkunstwerk wahrgenommen werden. Dass dies im Gesamteindruck nicht gelingt, mag auch damit zu tun haben, dass sich mit dem Filmbeitrag gleich zwei Autoren selbst in den Mittelpunkt zu stellen scheinen: der Regisseur mit seiner bekannten Handschrift und der Architekt als Hauptdarsteller. Lerne: Nicht nur wir Medienkonsumenten brauchen die Prominenz, sie hält sich auch gegenseitig ganz gerne am Leben. Stichwort: CO-Branding. Wozu, wenn nicht zur Selbstdarstellung, sollte sich ein Architekt vom Format eines Peter Zumthor an seinem privaten Arbeitsplatz überhaupt exklusiv zuerst beim Kaffeekochen, dann beim Handzeichnen, Referieren und schliesslich beim Herumstöbern im eigenen Garten filmen lassen? Und ich bin mir nicht ganz sicher, aber: Hat sich da nicht sogar der Regisseur selbst für einen kurzen Augenblick in der Glasfassade des Ateliers gespiegelt?

Architekturgötter

Damit das Geschäft um Aufmerksamkeit und Reputation funktioniert, muss ein guter Architekt, der über die Staatengrenzen hinaus arbeiten will, über kurz oder lang zu einem prominenten Architekten werden. „Auch Götter brauchen Glocken, um gehört zu werden“, hat ein ehemaliger Bundesrat einmal gesagt. Medienleute, kulturkritische oder einfach nur neidische Stimmen nehmen bei zunehmender Prominenz von Kolleginnen und Kollegen, zurecht oder zu unrecht, wenig schmeichelnden Begriffe wie „Stararchitekt“ oder „Architekturgott“ in den Mund. Regisseur Wim Wenders und Schauspieler Peter Zumthor tragen mit dem Film wenig dazu bei, dass beim Publikum des Kurzfilms solche oder ähnliche von der Medienlogik getragene Gedanken gerade nicht entstehen. Im Gegenteil: Man könnte dem Film unterstellen, dass hier zwei Freunde absichtlich und lustvoll über das Klischee „Stararchitekt“ improvisieren: Die düstere Lichtsituation, die Art und Weise wie Wenders in seinen Kameraeinstellungen das Atelier, die Person Zumthor, seinen Kopf, seine Gestik, die zeichnende Hand, das Skizzenbuch einfängt, schafft eine atmosphärische Grundstimmung, die den Zuschauer geradezu dazu auffordert, im Architekten jenen gottähnlichen Meister seines Fachs zu erkennen, der in der abgedunkelten Atmosphäre seines Ateliers mit Geist, Stift und Licht wieder und wieder architektonische Sensationen erschafft. Der Schweizer Schriftsteller und Radiojournalist Hanspeter Gschwend hat in der Anfangszeit der globalen Architekturproduktion, vor über zehn Jahren am Architektursymposium in Pontresina, vergleichbare Images von Architekten passend dazu so kommentiert: „Unter den kreativen Menschen sind die Architekten die gottähnlichsten. Wie Gott langweilen sie sich alleine. Da sie aber mit andern Menschen nur begrenzt zurechtkommen und ob ihrer Unvollkommenheit oftmals fast verzweifeln, schaffen sie sich ihre eigenen Welten. Sie suchen die Vollkommenheit im Habitat, das sie vollkommen erschaffen möchten.“

In guter Gesellschaft

Selbst ernannte „Autorenarchitekten“ wie Peter Zumthor nehmen für sich tatsächlich in Anspruch, architektonisch Vollkommenheit und Besonderheit zu schaffen. Es geht dabei nicht mehr um Stil, sondern dem Autor explizit um die spezifische Interpretation einer ausgewählten Aufgabenstellungen an einem speziellen Ort – für einen speziellen Kunden. Mit dem Selbstbild des Schöpfers vollkommener Orte trägt der Autor im Wettbewerb um Aufmerksamkeit wesentlich zu seinem Status als Stararchitekt bei, zu jener Wahrnehmung eines prominenten Gestalters also, der durch seine öffentlich legitimierte Bedeutung und Definitionsmacht als Individuum, Künstler und – in Analogie eines gleichzeitig unerreichbaren und prominenten Herrschers seiner Disziplin – über den alltäglichen Dingen, Aufgaben und Lösungen steht und dafür seine öffentliche Aufmerksamkeit zugesprochen erhält. „Sind Sie auf dem Weg zum Stararchitekten?“, wurde Peter Zumthor 2009 in einem persönlichen Interview nach der Verleihung des Pritzkerpreises vom Sender deutschewelle gefragt: „Ich weiss nicht genau, was das ist,“ so Zumthor auf die Frage, „Stararchitekt ist eine Aussenansicht, die Innenansicht ist unsere Arbeit.(…). Ich habe keinen Blick von Aussen auf meine Arbeit und der tut mir auch nicht gut, und den suche ich auch gar nicht. Alles kommt von Innen heraus“. Jacques Herzog, ebenfalls Pritzkerpreisträger, hat für sich ebenfalls erkannt, dass die durch Massenkommunikation erlangte Reputation zwar gut für das Geschäft ist, jedoch gleichzeitig nicht ohne Widerspruch zum eigenen Selbstverständnis steht: „Herr Herzog: Sind Sie ein Gott? Was soll diese Frage?(…) Bis jetzt war ich ein Stararchitekt, jetzt soll ich sogar noch ein Gott sein. Mir fällt dazu nichts ein. Sie haben enorme Macht. Nein. Tatsache ist allerdings, dass die Architekten, die weltweit Aufträge haben, inzwischen medial viel präsenter sind als früher. Das hat es so noch nie gegeben. Der Vorteil ist, dass man so unglaubliche Projekte bekommt, der Nachteil, dass man viel häufiger, viel intensiver kommunizieren muss. (…). Das Kerngebiet muss immer die Architektur sein, sonst verliert man seine Glaubwürdigkeit. “ (Das Magazin, Nr. 44, 2005, Seite 6.).

Tabu Selbstdarstellung

Im Kurzfilm von Wenders geht es auch um Architektur. Der Versuch einer kritischen Annäherung an den Kurzfilm lenkt die Aufmerksamkeit jedoch mehr auf die Tatsache, dass Stararchitekten wie Zumthor nicht gerne über ihre Aktivitäten im Dienst der eigenen Reputation reden. Selbstdarstellung ist ein Tabuthema. An ihre Stelle tritt hier bei Peter Zumthor und Wenders der ebenso naive wie vernebelte Versuch, mit Hilfe einer intellektuell und fachlich anspruchsvollen Massenkommunikation (und dazu gehört auch ein Film von Freund Wenders) das Selbstbild mit dem Fremdbild gleichzusetzen: Peter Zumthor will von der Welt „richtig“ verstanden werden. Und Wenders glaubt, er könne ihm und seinem Publikum bei diesem Unterfangen helfen.

Blickwechsel: Bei Le Corbusier wurde der 100. Jahrestag seit der Gründung seines Ateliers in La Chaux-de-Fonds zum Anlass, um in seinem Werk, in seinem Werdegang und in seiner Selbstdarstellung die Macht der Massenmedien zu thematisieren. Die Ausstellung und insbesondere der Katalog „Le Corbusier und die Macht der Fotografie“ (Deutscher Kunstverlag 2012) dokumentieren eindrücklich, frisch und unverkrampft, wie Le Corbusier lange vor anderen Vertretern seiner Zunft die Macht des fotografischen Bildes und des Films dazu genutzt hatte, um seine Rolle, seine Vorstellungen und seine Gebäude weltweit zu propagieren. Zudem erfährt man, dass LC als „geheimer Fotograf und Filmschaffender“ in den 1930er Jahren zahlreiche Aufnahmen von sich selbst gemacht hat, auf denen er nackt oder halbnackt zu sehen ist. Ob Zumthor und HdM ebenso neugierig und narzistisch mit Medien experimentieren, interessiert nicht. Interessanter ist der Gedanke, den Kurzfilm den aktuellen Formen der Selbstdarstellung in der obersten Architekturliga gegenüber zu stellen. Sie sind in der Praxis weniger brisant als Aktaufnahmen, dafür umso umfassender und wirksamer als die zur Schau gestellte, personifizierte Kooperation zwischen Wenders und Zumthor. Die professionelle Kommunikation findet bei Zumthors Kolleginnen und Kollegen heute abgestimmt statt – „crossmedia“ – z.B. gleichzeitig im Kino, im Fernsehen, in Zeitungen und Zeitschriften, zwischen Buchdeckeln, an Konferenzen, auf Podien und in Museumsräumen. Etwa dann, wenn HdM, wie gegenwärtig im Schweizerischen Architekturmuseum in Basel (S AM, bis 1. April), gleichzeitig als Gönner, als Mitglied des Stiftungsrats und als einer der Hauptdarsteller in der Ausstellung „Bildbau. Schweizer Architektur im Fokus der Fotografie“ auftreten. Das Beispiel zeigt: Wichtiges Indiz für die Wirksamkeit und Folge von gesponserten und entsprechend kontrollierbaren Formen der Selbstdarstellung ist die Absenz von Kritik. In der Ausstellung im S AM fehlt die inhaltliche Offenheit, Spannung kommt keine auf. So scheint die Tatsache, dass Wenders Film „Notes from a day in a life of an architect“ für eine nachträgliche Filmkritik gar nicht zur Verfügung steht, eigentlich nur logisch.

Ob es für den Architekten Peter Zumthor, „stellen sich beim Entwerfen eher einen neugierigen Buben vor“ (Zumthor über Zumthor als Entwerfer), nun mehr Muss, Lust, Neugier oder einfach pragmatisches Kalkül bedeutet, in einem Spielfilm von Wim Wenders aufzutreten, bleibt eine offene Frage, die Peter Zumthor selbst wohl kaum öffentlich beantworten wird. Man muss trotzdem kein Filmkritiker sein, um in „Notes from a day in a life of an architect“ zu erkennen, dass der Architekt Zumthor, den die Aussensicht auf seine Person nicht interessiert, als Mensch trotzdem nicht ungern als prominenter Schauspieler in der eigenen Kaffeküche auftritt. Daran ist überhaupt gar nichts auszusetzen, höchstens, dass der kurze Spielfilm, der wegen Wim Wenders Spielfilm-Szenografie im Co-Branding mit dem Architekten einige Klischees zur Aura eines Architekturstars transportiert, dadurch ästhetisch noch zusätzlich überdreht.

Unbeantwortet blieb trotz mehreren Medienberichten die Frage, ob die beiden tatsächlich an einem abendfüllenden Filmprojekt arbeiten. Haldenstein liess dazu auf Anfrage am 3. Dezember per E-Mail doch noch eine offizielle Mitteilung verlauten: „Es ist tatsächlich eine grössere Zusammenarbeit von Peter Zumthor und Wim Wenders geplant. Für dieses Projekt wird es dann sicherlich auch umfangreichere Presseinformationen geben.“ Wim Wenders hat in seinem Fernsehinterview vom 9. Juli dazu eine klarere Vorstellung formuliert. Ein Grund mehr, sich auf die Fortsetzungsgeschichte zu freuen.

Das (fast) perfekte Museum

Juan Munoz, The Wasteland, 1987, Foto: Stefano Schröter

Nouvelles bôites!, die aktuelle Gruppenausstellung im Kunstmuseum Luzern, setzt sich mit den Räumen der Architektur Jean Nouvels auseinander. „Die Räume sind perfekt“, hat die Kuratorin Fanni Fetzer an der Vernissage zu ihrer Antrittsausstellung in Luzern betont. Fast, denn, was Jean Nouvel nicht geschafft hat, das gelingt in der Ausstellung nun erstmals Jim Isermann: eine perfekte Museumsdecke.

(sta) Perfekt vorgestellt ist nicht dasselbe, wie perfekt gebaut, denkt man sich beim Anblick der an den Rändern deutlich verschatteten, abgehängten Lichtdecke im KKL-Museum. Jedoch: Zwölf Jahre nach der Eröffnung interessiert sich kaum jemand mehr dafür, was damals konstruktiv, finanziell und überhaupt schief gelaufen war. Man stelle sich die Reaktionen vor, wenn die neue Kuratorin im Namen der perfekten Kunstinszenierung gerade jetzt, gleichzeitig mit der Dachsanierung beim KKL, einfordern würde, den ästhetischen Mangel an der Museumsdecke zu beheben! Manuela Jost, die Präsidentin der Kunstgesellschaft und neu gewählte Baudirektorin der Stadt Luzern, wäre von dieser Idee wohl kaum entzückt. Lassen wir es deshalb bei der gedachten Perfektion von Jean Nouvels Innenleben im Kunstmuseum bleiben, denn die Ausstellung soll ja explizit nicht als Kritik an der Museumsarchitektur verstanden werden. Es handelt sich um eine kuratorische Untersuchung.

Jim Isermann Drop Ceiling 2011, Foto: Stefano Schröter

Nouvelles bôites! befragt das Kunstmuseum nach seinem Potenzial, und zwar in jedem einzelnen Raum anders: einmal mithilfe einer zwar bunt „gemalten“ aber umso gemeineren Irritation der räumlichen Wahrnehmung (Juan Munoz); dann in Form einer mit minimalem Materialaufwand verspiegelten Black-Box (Spiegellampen von Kitty Kraus); andernorts mit dem Designer-White-Cube von Jim Isermann (Drop Ceiling) und schliesslich sogar durch die Inszenierung eines permanenten Übergangs zwischen Black & White während der ganzen Ausstellungsdauer (Malaktion von Nedko Solakov).

„Sinnlich, kunstvoll soll ein Nachdenken über die Räume des Kunstmuseums Luzern und die Präsentationsbedingungen von Kunst angeregt werden“, so die Kuratorin, die sich an der Vernissage ganz in Rot präsentierte. Fetzer wagt es mit der Ausstellung tatsächlich, ihre Gäste in die Metakommunikation über Kunst und Architektur zu verführen. Das ist in Luzern ein mutiger Schritt, hat doch der Austausch über die Bedeutung des KKL als Gesamtkunstwerk, als Emblem einer cité nouvelle in der Stadt Luzern, bis heute nicht stattgefunden. Dass Nouvelles bôites! diese Auseinandersetzung zumindest innerhalb des Museums gelingt, liegt daran, dass die Art und Weise einen gewissen Witz hat: Witzig ist auch, dass Jim Isermann ausgerechnet in den Räumen von Jean Nouvel’s nicht ganz gelungener Museumskiste mit seinem Deckenraster aus 170 Platten im handelsüblichen Format eine zweite, lichtdurchlässige Museumsdecke schafft. Und die ist nun wirklich perfekt.

Neue Stadtmitte für Luzern

Zum Rendering „Stadt-Schmiede am Pilatusplatz“ in der NLZ, Dossier „Hochhaus“, 18. November 2011, S. 41.

(sta) Was liegt am Pilatusplatz in Luzern urbanistisch in der Luft? Die Geschichte des Ortes, die Ankunftsqualität, die Präsenz des Verkehrs und die baulichen Verdichtungsmöglichkeiten lassen erahnen, dass der Ort die Bedeutung einer neuen Stadtmitte in sich trägt. Das Rendering „Stadt-Schmiede am Pilatusplatz“ ist 2010, im Rahmen der Abstimmung zur alten Schmitte, entstanden. Es handelt sich nicht um ein Projekt, sondern um ein kritisches Sinnbild für die bisher unerkannten und ungenutzten Chancen am Pilatusplatz als neue Stadtmitte von Luzern. Beim abgebildeten Hochhaus handelt es sich um das Projekt skyvillage der holländischen Architekten MVRDV.

Bild: stadtfragen.ch / Thomas Stadelmann / Georg Vranek

 

Tanz auf dem Theiler-Areal

Die Architekten Darlington Meier gewinnen den Wettbewerb für den Umbau und die Erweiterung der Wirtschafts- und Fachmittelschule Zug auf dem Theiler-Areal (Bild 1). Meier Hug, die in der Nachbarschaft das Zentrum Frauensteinmatt realisiert haben, werden Zweite (Bild 2). Die Projekte der beiden Teams stehen programmatisch für eine beziehungsreiche Architektur und bestätigen den Trend hin zu einem integrierenden Entwerfen im baulichen Bestand (Bild 3/4/5/6).

Vollständige Architekturkritik, in: werk, bauen +wohnen Nr. 6/2011

(sta) Bis 2020 wächst im Kanton Zug die Nachfrage nach Schulraum für die Fach- und Mittelschulen um 28 Prozent, 2010 wurden in der Stadt Zug Baugesuche für Investitionen in der Höhe von 1.3 Mia Franken eingereicht. Historiker werden deshalb einmal zurückschauen und feststellen können, dass diese eindrücklichen Zahlen an der Stadtsilhouette ablesbar sind, die gegenwärtig in Zug entsteht. Vielleicht wird in diesem Rückblick auch erwähnt werden, dass in dieser Zeit der Geburtsort des Wirtschaftswunders Zug in eine Mittelschule umgebaut wurde. Den Grundstein dazu haben die Architekten Darlington Meier mit ihrem siegreichen Wettbewerbsbeitrag auf dem Theiler-Areal gelegt. Hier gründete der Industrielle Kaspar Theiler 1896 sein „Electrotechnisches Institut“ aus dem später die Firma Landis & Gyr wurde. Seit 2007 steht das Areal unter kantonalem Denkmalschutz.

Tanz um ein Wirtschaftssymbol

Der Wettbewerb für den Umbau und die Erweiterung des Theiler-Areals war ein architektonischer Tanz um ein Wirtschaftssymbol, der ohne klare Grundhaltung zum Paradigma einer beziehungsreichen Architektur und einer Absage an die puristische Lösung nicht zu lösen war. Robert Venturi hätte bestimmt seine Freunde daran, wie Darlington Meier (1. Rang) und Meier Hug (2. Rang) mit einem sowohl-als auch zwischen dem Respekt vor dem Bestand und der eigenen architektonischen Neuinterpretation ihre Lösung gefunden haben. Obsiegt hat ein für Kompromisse offener Entwurf, der über die akribische Suche nach Zwischenräumen und der richtigen Massstäblichkeit zwischen Neu und Alt, zwischen Innen und Aussen entstanden ist und zur bestehenden Shedhalle einen räumlichen Abstand einhält. Unterlegen ist ein strenger Entwurf, der, die an diesem Ort historisch belegte, pragmatische Wandelbarkeit eines Industrieareals auch beim Bau einer Schulanlage mit Mensa, Aula und Turnhalle architektonisch stilisiert haben wollte und deshalb eine neue, kompakte Architekturpassform vorschlägt. Die Shedhalle wurde geometrisiert, erweitert und zu einem zentralen räumlichen Verteiler in der neuen Anlage.

Der vollständige Bericht zum Wettbewerb auf dem Theiler-Areal erscheint im werk, bauen+wohnen (Nr. 6/2011).

Landgasthof für ZUGWEST

Das Aparthotel (2010) der Architekten Martin und Monika Jauch-Stolz hinter dem Bahnhof in Risch Rotkreuz ist ein urbaner Landgasthof, der ortsbaulich vor allem für sich selbst dasteht. Urban bedeutet hier, zum Wirtschaftsraum ZUGWEST gehörend.

Fotos: Reinhard Zimmermann

Vollständige Architekturkritik, in: werk, bauen+wohnen, Heft Nr. 4 /2011.

(sta) Das eigentlich Spannende an der Sache ist: Trotz der am Standort Risch Rotkreuz offensichtlich vorhandenen Standortgunst für geschäftliches und bezahlbares Hotelwohnen ist das Aparthotel keine Corporate Architecture einer Hotelkette, sondern local business, von der Idee bis zur Ausführung eine lokale Angelegenheit. Dem Bauträger (Rotkreuzhof-Immobilien AG) und den Architekten ist dadurch ein Unikat gelungen, das im Wirtschaftsraum ZUGWEST auf reges Interesse stösst. Die Architektur macht den Spagat zwischen traditionell ländlichen Rundschindeln (Fassade), den Anforderungen an einen Zweckbau und einer formal modernistischen Gestaltung.

Hybride Herberge

Das Aparthotel steht für den baulichen Trend hin zu hybriden Formen der Beherbergungsart, wie er von der Hotelbranche schweizweit festgestellt wird: Das Hotelzimmer ist auch Arbeitsplatz, Küche, Fitnessstudio, und es bietet einen möglichst direkten ÖV-Anschluss an das nächste Stadtzentrum an. Das Gebäude bietet Platz für 50 Hotelzimmer, vier Loftwohnungen, einen Gastrobetrieb mit Saal für 120 Personen, Seminarräume und ein Fitnesscenter.

Der vollständige Kommentar mit Plänen und Projektdaten wird im werk, bauen+wohnen, Heft Nr.4 /2011, werk-material (April) publiziert.

Misty – people met in architecture

Alle zwei Jahre im November geht die Architekturbiennale in Venedig zu Ende. Die 12. Ausgabe hat die Architektur sinnbildlich in den selbst geschaffenen Nebel sinnlicher Erlebnisse gestellt – und das ausgerechnet in der Lagunenstadt. Darüber hinaus gab es einzelne kritische Sätze, Gebäudesensationen und den gewohnten Mix aus Spannendem und Langweiligem in den Länderpavillons. Dennoch geht nichts über die Vorfreude auf 2012: Es wird dann die 13. Mostra Internazionale di Architettura sein.

Bilder: Stadtfragen

(sta) Die Weitsicht ist halb durchsichtig, das Blau über der Lagunenstadt herbstlich gedämpft, die verschiedenen Farben der Häuserzeilen entlang dem Canale Grande wirken ohne die harten Schatten der Sommersonne wohlwollend aufeinander abgestimmt. In den Giardini, dem berühmten Ausstellungspark Venedigs, sind nicht etwa nur die Architekt/innen, sondern auch das übrige Publikum meist dunkel gekleidet: Ähnliche Szenen und Eindrücke gehören zum Ende der Architektur-Biennale in Venedig, die alle zwei Jahre von Juli bis November stattfindet. Die Kombination von internationaler Architekturshow und der sich selbst darstellenden, unendlich schön sterbenden Stadt Venedig bietet im Spätherbst ganz besondere Erlebnisreize an.

Sinnliches und Währschaftes

People meet in architecture. Den Ausstellungstitel setzte Kazuyo Sejima, die 2010 als erste Frau die Architekturbiennale von Venedig leitete. Der Besuch der Hauptausstellungen in den Giardini und im Arsenale hinterliess dann auch tatsächlich der Eindruck, dass es eine Antwort auf die Frage gibt, was es denn eigentlich an Zutaten braucht, damit Menschen in der Architektur aufeinander treffen können. Die Antwort könnte lauten: Einen Cocktail aus sinnlichen Erlebnissen. Derartige Momente waren in Venedig einige zu sehen, etwa: die überzeugende monumental-konstruktivistische Installation von Garcia-Abril & Ensamble Studio (phantastisch), der Pirelli-Boden als Kunstwerk an der Wand des belgischen Pavillons (na ja), das holländische Architektur-Netzwerke aus Nägeln und Fäden (hübsch), die knallenden Wasserblitze aus Licht im Arsenale oder Modelle von Aires Mateus e associados (Modellbild oben). Auch mit dabei, aber eher währschaft und deshalb auf den zweiten Blick sinnlich, präsentierte sich die im Schweizer Pavillon ausgestellte heimische Brückenkunst. 2012 ist es nun wirklich Zeit für einen nationalen Wettbewerb.

Disziplinierter Gänsemarsch im Nebel

In der Lagunenstadt Venedig einen künstlichen Nebel auszustellen, muss man als mutiges Unterfangen bezeichnen. Transsolar + Tetsuo Kondo haben es mit ihrer minimalistischen Installation in der Hauptausstellung gewagt. Der Aufstieg durch verschiedene, künstlich hergestellte Kilmazonen bot durchaus ein architektonisches Erlebnis an. Akos Moravansky nannte das Thema jüngst Meteorologische Architektur (Tec 21, 42/43 2010); ein Bauen von Atmosphären statt Bildern, wenn Umwelt nicht mehr nur betrachtet, sondern auch als eingeatmet gedacht wird. Wer jedoch das Blur Building, eine begehbare Wassersprühwolke über dem Neuenburger See, entworfen von Diller + Scofidio 2002 für die Schweizerische Landesausstellung Expo.02 erlebt hat, konnte der Nebelarchitektur in Venedig kaum viel abgewinnen. Die Skulptur liess die Besuchenden im Gänsemarsch und mit Fotoapparat im Anschlag in die künstlichen aber sicheren Höhen bis zum höchsten aber harmlosen Wendepunkt über dem Boden der Realität der Halle aufsteigen. Nach dem Abstieg fand man sich wieder am Ausgangsort. Kein aussergewöhnliches Erlebnis, eher hatte die Begehung eine gewisse Symbolkraft für den Gänsemarsch der Ideen und Formen in der aktuellen architektonischen Produktion. Die eigene Disziplin Architektur in den eigenen Nebel gestellt; rückblickend passt dieses Leitmotiv eigentlich ganz gut zur 12. Mostra: misty – people met in architecture.

Kritische Beiträge

Wer regelmässig nach Venedig reist, kann sich kaum davor hüten, einzelnen Länderpavillons aufgrund früherer Besuche schon im Vorfeld mehr Wohlwollen und Interesse entgegen zu bringen. Bei mir gehört jeweils der Pavillon Japans dazu. Mehrmals war der Beitrag durch klar formulierte und gestalterisch überzeugende Statements eine Klasse für sich. Auch in diesem Jahr wurde ich nicht enttäuscht: Public urban spaces are authorithan devices for suppressing people lautete der Titel der Ausstellung, und er stand als einer der wenigen kritischen Sätze zur Lage des Urbanen, die an der Ausstellung zurecht nach Aufmerksamkeit verlangten. Zudem war es der Katalog Tokyo Metabolizing von Kitayama, Tsukamoto und Nishizawa wert, gekauft zu werden: Ein schön gemachter, interessanter Versuch, 50 Jahre nach der Gründung der Metabolisten-Bewegung über die urbanistische Theory und Praxis in der Stadt Tokyo zu berichten.

Mobilität für alle können wir uns nicht leisten, lautete ein kritischer Fetzen im Auftritt von Rem Koolhaas. Der Niederländer wurde mit dem Goldenen Löwen für sein bisheriges Lebenswerk ausgezeichnet. Seine journalistisch vereinfachte und sich auf Zahlenreihen und Fakten abstützende Selbstdarstellung als global denkender und bauender Baumeister wirkte jedoch etwas vom eigenen Erfolg überholt.

Erfrischend naiv: rethinking happiness

Bereits die 11. Biennale 2008 (me, myself and I) hinterliess den Eindruck, dass sich der Mensch als Objekt der Architektur zunehmend allein auf dieser Welt befinden will. 2010 schien es, dass die Architekten und ihre Disziplin es im speziellen auch sein wollen. Ganz im Sinn des Autorenarchitekten und seiner Grundhaltung ist die Essenz architektonischen Schaffens dann zuerst deren Sinnlichkeit: Die Wahrheit ist weder schön noch hässlich, weder chaotisch noch ordentlich, weder ökologisch noch unökologisch, sondern sinnhaft. Sie (die Form) ist die Konsequenz aus der Idee. Das was ich mache, verstehe ich als Kunst (Valerio Olgiati, „Der Architekt ist kein Dienstleister“, in: tec 21, 41/52 2010).

Es erstaunt daher nicht, dass People meet in architecture im Vergleich zu den letzten Biennalen eher noch weniger Hörbares, Lesbares und Wahrnehmbares darüber berichtete, wo und wie die Disziplinen Architektur und Städtebau in der Welt stehen. Bevorzugt im eigenen Nebel? Als Antwort auf diese Frage präsentierte Aldo Cibic seinen auf den ersten Blick naiven aber im Kern doch erfrischenden Beitrag rethinking happiness mit vier urbanistisch-architekonischen Beiträgen zur Zukunft eines glücklicheren Zusammenlebens. Sein idealer Siedlungsentwurf auf der Grundlage gemeinschaftlicher Selbstversorgung (Ernährung und Energie) geht davon aus, dass Idealprojekte keine Ideallösungen, sondern lediglich Annäherungen an die sozial, ökonomisch und umweltbedingte Forderung nach einer besseren Lebensqualität sind; neue Realitäten, um Lebensstile zu verändern: Rural Urbanism als Antithese zu Masdar City. Erfrischend an diesem Gedanken ist der Hinweis, dass die Nachhaltigkeitsforderung in der Planungs- und Baupraxis nicht mit der Vergabe von Labels erledigt ist: Eher erfordert aktuelles Wissen im Umgang mit Ressourcen und gesellschaftlichen Herausforderungen eine andauernde räumlich-gestalterische Annäherung an verbesserte Lebensformen, die das Glück der Menschen in den Vordergund stellen. Die Publikation dazu: Aldo Cibic, rethinking happiness, Corraini 2010.

Gebäudesensationen

Toyo Itos Bauten sind nicht einfach Bauten, sondern sinnlich motivierte Gebäudesensationen, und sie gehörten in Venedig zu den Höhepunkten unter den traditionellen Projektpräsentationen. Im gewohnten Mix aus Spannendem und Langweiligen, den die Biennale einmal mehr auszeichnete, hatten die ausgestellten Modelle und Zeichnungen ihre eigene, sogar touristische Wirkung: Das muss man in gebautem Zustand sehen! Diese Wirkung schafft die Biennale allein durch die Substanz der gezeigten Inhalte nicht mehr. Ein Mangel, der jedoch durch die Vorstellung der jeweils zu erwartenden Menge und mit zeitlichem Abstand auch durch die Vorfreude auf die nächste Venedig-Reise längst kompensiert werden kann, deshalb: 2012 wird es für das Büro für Stadtfragen die Reise zur 13. Mostra Internazionale di Architettura sein.

Casa Poli, Pezzo von Erlichhausen, Coliumo, Chile

Mis-match in der Kritik

Wie beeinflussen Blogs die Architekturkritik? Die Londoner Architektin und Medienfrau Amanda Levete übt modernistische Medienkritik.

Architekturkritik? Wann sind Texte über Architektur reine Darstellung des Wohlgefallens an der Schönheit der Werkidee und deren Umsetzung; wann vor allem Übersetzungen der (unverstandenen) Anliegen einer Disziplin gegenüber ihrem breiten Publikum; und auf welchem Kanal dürfen, können, sollen Texte über Architektur und Städtebau überhaupt noch kritisch gegenüber den Auftraggebern, Planern, Autoren und Architekten sein? Wieso nicht gerade auf Blogs? Oder ist die Sache mit der Architekturkritik keine Frage des Mediums, sondern einfach so zu erklären, wie Lise Anne Couture und Hani Rashid 2008 an der Biennale in Venedig mit ihrem Statement zur Architekturvermittlung behauptet haben: Kritiker sind in der Regel “frightened” und Theoretiker frustiert!

Profilierung durch schnelles Schreiben

Die Deutsche Bauzeitung vom Oktober 2010 hat die Londoner Architektin Amanda Levete zum  Thema Architekturkritik und Blogs wie folgt zitiert:

„Architectural critique comes increasingly from profileration of blogs which give an instantaneus and anonymous critique based on a few seconds viewing of a few images online. And yet more is being asked of architects as thinkers and social commentators than ever before. There is a real mis-match here.“

Recht hat sie: Auch Architektinnen und Architekten sind im Zeitalter des Web 2.0, in dem Kommunikationsformen wie Blogs und Twitter als publizistische Schnellboote funktionieren, als Denkende und Sozialkommentatoren gefragt. Nur: Ihr Statement kann auch so – klassisch modern – interpretiert werden: Auf der einen Seite der oder die tiefgründig und mit Präzision denkende und entwerfende Architekt/in, dort die oberflächliche Masse mit dem schnellen Medium Internet, die es einmal mehr über die bessere (Architekten-)Welt aufzuklären gilt. Dazu taugt das Web gewiss nicht. Bleibt zudem die Frage, wer unter den Architekten/innen überhaupt noch die Zeit und das Können hat für fundierte Kommentare bzw. Gesellschafts- und Medienkritik. Architekten sind zum Bauen da. Und: Bei vielen Bauten lohnt es sich tatsächlich, nur ein paar wertvolle Sekunden Aufmerksamkeit zu verschwenden (siehe oben: die Theoretiker sind frustriert).

Future Systems

Was die Bauzeitung veröffentlicht hat, ist lediglich ein kurzes Zitat. Amanda Levete hat bestimmt mehr zu bieten. Sie ist zudem ein Beweis dafür, dass der Spagat zwischen dem Bauen und der Architekturvermittlung in Ausnahmefällen zu schaffen ist: Levete hat sich an der Architectural Association (AA) in London zur Architektin ausgebildet und danach für Richard Rogers gearbeitet, bevor sie 1989 als Partnerin bei Future Systems einstieg. Heute hat sie ihr eigenes Büro. Sie ist Gastprofessorin am Royal College of Art. Levete ist regelmässige am  TV und Radio anzutreffen und schreibt eine Kolummne für ein Baumagazin.


Zentrum mit Goldrand

Kloten hat im Zentrum einen urbanistischen Grundstein gelegt. Die Überbauung SQUARE bietet eine dichte Wohnbaunutzung mit Service-Leistungen und Kleingewerbe an. Und sie ist ein starkes Zeichen im regen, regionalen Wettbewerb um Standorte für Wohnen und Arbeiten – direkt vor der Stadt Zürich. Die Architekturkritik dazu hat das Büro für Stadtfragen im Oktoberheft der Zeitschrift werk, bauen+wohnen publiziert.

Kloten hat zwischen 2003 und 2009 auf einem freien Acker sein neues Zentrum SQUARE geplant und realisiert. Auf dem ehemaligen Lirenächer wird seither kinderlos gewohnt, gefittet, eingekauft und gegessen. Ernst Niklaus Fausch Architekten haben zusammen mit der Politik die Zentrumsentwicklung konzeptionell angedacht, entworfen, geplant und im Auftrag der Specogna Immobilien AG Kloten auch noch gebaut.

Städtischer Nutzungsstapel

Nutzungsmix, Dichte, Stapelung der Geschosse, Wohnungsangebot, Material und der Concierge-Service geben Kloten an diesem Ort ein städtisches Gesicht. Die Durchlässigkeit der Verbindungs- und Erschliessungsräume, der Hühnerstall in der Nachbarschaft und die Ehrlichkeit, wie die Eigentumsverhältnisse und unterschiedlichen Qualitätsvorstellungen architektonisch zum Ausdruck kommen, zeigen, dass Kloten auch Dorf sein kann. Die beiden bis sechsgeschossigen Gebäude haben eine lebendige Klinkerfassade. Goldene Brüstungs- und Fassadenelemente wiederum sollen städtisches Ambiente stilisieren. Sie sind jedoch eher architektonische Episoden.

Vorstadt ohne Stadtplatz

Wie es mit Kloten als Vorstadt von Zürich genau weitergeht, ist derzeit noch offen. Fest steht: Die Realisierung des geplanten Stadtplatzes mit einer permanent überdachten Markthalle ging dem Souverän letztes Jahr  zu weit: Die Vorlage wurde deutlich abgelehnt. Dennoch wird SQUARE in der Flughafenstadt Weiteres bewirken. Die Politik konzentriert sich auf kooperative Planungen mit privaten Nachbarn. (Bild: Büro für Stadtfragen 2010)

Hochsitz in Haldenstein

Robert Albertin hat in Haldenstein sein zweites Atelierhaus gebaut. Zusammen mit Peter Zumthor hat er im Dorf ob Chur weitere Absichten.

Chur hat sich der Gegenwartsarchitektur geöffnet; ebenso Haldenstein, das linksrheinische Dorf am Fuss des Calanda und Vorposten im Norden der Stadt. Haldenstein zählt 900 Einwohnerinnen und Einwohner, sieben landwirtschaftliche Betriebe, drei Alpen und die zwei Architekten Peter Zumthor und Robert Albertin. Beide haben hier schon gebaut, und beide wollen weitere Beiträge an die Dorfentwicklung leisten. Mittendrin hat Miroslav Sik ein «Bürgerhus» realisiert. Die Dichte an architektonischer Qualität wird zusehends bemerkenswerter.

Massvoll und trotzdem riskant

Robert Albertins neues Wohn- und Atelierhaus «Halde» liegt am Nordosthang direkt am Weg vom Dorfkern hinauf zu den Alpen. Das Raumprogramm ist massvoll gewählt, Grundriss und Schnitt sind in einer selbstverständlichen Art entworfen. Wer den Panoramablick erlebt, hat den Eindruck, dass genau hier ein urbanistischer Hochsitz angelegt werden musste. Wände, Decken und das Dach des Minergie-Hauses bestehen aus massiven, vorfabrizierten Holzelementen aus kreuzweise verleimtem Brettsperrholz, das innen weiss gestrichen ist. Das äussere Kleid ist zurückhaltend dunkel. Weil weithin im Hintergrund der Kirche sichtbar, kann der private Hochsitz trotzdem als Architekturkanzel (miss-)verstanden werden und Vorwürfe an eine regionalistische Architektur wachrufen, die das Lokale nicht typologisch einbringt, sondern vor allem ästhetisiert. Das Spiel könnte „Risiko und Selbstverständlichkeit“ heissen: Wenn Haldensteins Architekten diesen Spagat jedoch weiterhin wagen, wird das dem Dorf nicht schaden. Im Gegenteil.

Der vollständige Artikel mit Plänen ist im werk, bauen+wohnen Nr. 4/2010 erschienen: Robert Albertin: Hochsitz in Haldenstein

Neue Monte Rosa-Hütte SAC, glänzend verpackt

Am 25. September wurde sie offiziell eröffnet: die neue Monte Rosa-Hütte SAC auf 2883 M.ü.M. Der Schweizerische Alpenclub SAC als Bauherrin, die ETH Zürich und zahlreiche Sponsoren haben das Bauwerk möglich gemacht. In einer Art wissenschaftlich-baulichen Beweisführung wurde aus einer Idee, Vision und „Täuschung“ (so nennt Andrea Deplazes das Projekt-Rendering) ein konstruktiv entworfenes Bauwerk, dessen Erfolg auf einem eindrücklichen Konsens zum nachhaltigen Bauen gründet. Das Büro für Stadtfragen flog mit dem Heli zur Eröffnung.

Bilder: Stadtfragen 2009

Die ETH macht sich damit selbst ein Geburtstagsgeschenk und beweist zusammen mit weiteren Beteiligten eindrücklich, wie schweizerische Bau- und Technologiekunst als Ereignis zelebriert werden kann. Bei so viel Medienlärm, erhabener Landschaft und Symbolkraft ist es nicht einfach, einen konzentrierten Blick auf die Architektur selber zu richten.

Klar scheint: Nachhaltigkeit zwingt dazu, die Architektur konsequent in die Zukunft zu denken. Dass dabei die Bedeutung und Qualität eines Bauwerks bereits durch das Ausmass an medialer Aufmerksamkeit bestimmt wird, ist hoffentlich nicht auch eine Regeln.

Eröffnung 25. September 2009

Artikel zur Fertigstellung der Monte Rosa-Hütte SAC ist im werk, bauen+wohnen Nr. 12/2009 erschienen.

Rückzug

Webansicht

Oliver Krell hat in Oberkirch LU ein Einfamilienhaus gebaut. Ein Erstling der zeigt, dass es eben doch gelingen kann: Bauen für Verwandte.

Foto: Andri Stadler, Luzern

sta. „In facialen Kulturen dominieren die Visualität der Blicke, die Statue und das Bild“ (Thomas Macho in, „Kopf an Kopf“, MfG Zürich, 2008, S. 50 ff.). Dieser Logik einer Gesellschaft der Gesichter folgend, ist es leicht zu verstehen, dass nicht nur politische Themen, sondern auch Waren aller Art von der Tageszeitung bis zum Staubsauger insgeheim beseelt werden, im Design und in der Werbung „als gesprächs- und kontaktfähige Lebewesen erscheinen“. Der Wettbewerb um Aufmerksamkeit folgt der Logik des menschlichen Blicks: „Was angeschaut wird, blickt zurück und versucht, den Betrachter zum (…) Rendevous einzuladen.“

Das Haus von Edelmann Krell Architekten, Zürich im luzernischen Oberkirch (2008) will nicht angesehen werden, die Bauherren haben sich hier den Wunsch nach einem privaten Rückzugsort erfüllt. Dennoch: Wer an der unförmigen Eckparzelle mit dem Neubau vorbeispaziert, kommt kaum umhin, hinzuschauen. Denn das Haus, das an ein Bollwerk erinnert, spricht irgendwie für sich: Die Architektur, die Art und Weise, wie das Gebäude sich partout nicht an die Regeln hält, die in der Nachbarschaft gelten, und sogar davon profitiert, ist verblüffend.

Die ausführliche Architekturkritik ist erschienen im werk, bauen+wohnen Nr.6/2009.

Me, myself and the city

 

Show me! Architektur setzt Menschen in Bewegung

Die 11. Architektur Biennale in Venedig inszeniert unausgesprochen die Aufgaben der Architektur in einer fortschreitenden Ich-Gesellschaft: Rückmeldung, Interaktion, Inszenierung, Bestätigung, Selbstdarstellung. Derweil fordert das Thema Nachhaltigkeit die Gestalter/innen zum Blick in die Augen der eigenen Klientel auf.

Haben Lise Anne Couture und Hani Rashid mit ihrem Statement Recht, dass Kritiker in der Regel verängstigt, („frightened“) und die Theoretiker frustiert sind („that is the reality), dann ist ein Selbstgespräch über den Besuch der 11. Mostra Internazionale di Architettura unter dem Titel OUT THERE _ BEYOND ARCHITECTURE eine durchaus sinnvolle alternative Kurzberichterstattung: Ein Blog ist weder Kritik an die Adresse eines Empfängers, noch ist die Textform ernsthaft genug für eine theoretische Argumentation. Ein Blog genügt an erster Stelle sich selbst, darf behaupten, und er ist selbst einer von vielen Pendelschlägen, die in Richtung einer fortschreitenden „Ich-Gesellschaft“ zeigen.

Blick in die Augen

Stabile Verbindungen entstehen dann, wenn man den Menschen dort ernst nimmt, wo er sich gerade aufhält, und wo er sich möglicherweise sogar kollektiv in eine neue Richtung bewegt. „A sustainable city will put people first“, liess sich Barbara Southworth in der Publikation ecotopedia, die anlässlich der Biennale erschienen ist, zitieren. Die Menschen an den Anfang der Überlegungen zu einer nachhaltigen Stadt stellen, so lautet ihr Standpunkt. Dieser hat wenig mit der modernen Vorstellung des Architekten als Weltverbesserer und Heiler gemein. Vielmehr ist gemeint, dass sich Architekten und Urbanisten (als Autoren und Künstler) unter dem Primat der Nachhaltigkeit künftig konzentrierter auf den Blick in die Augen ihrer Klientel einzulassen haben; und dazu gehören nicht nur die direkten Auftraggeber.

Events sprechen Englisch

Me, myself and the city, so könnte der Slogan und gleichzeitig der Versuch lauten, eine Verbindung zwischen den in Venezia vorgetragenen Projekten, Manifesten und Installationen sowie dem durch die Veranstalter zur Diskussion gestellten Thema einer Architektur BEYOND BUILDING herzustellen. Im Arsenale stellen gleich mehrere Beiträge mögliche Forderungen auf, die die Menschen in der Ich-Gesellschaft an die Architektur und an die Stadt (und nicht umgekehrt!) stellen: Show me (interaktiver Auftakt im Arsenale), replace me (das Hologramm von Fuksas), touch and move me (u.a. Coop Himmelb(l)au), talk about me (Alphabetic City), but please, let me alone at home (S1NGLETOWN). Aus der Event-Sprache ins Deutsche übersetzt könnte das heissen: Architektur und städtische Räume bauen künftig dann eine authentische Verbindung zu den Menschen auf, wenn sie, die Menschen, von der gebauten Umwelt eine Rückmeldung und Bestätigung auf die eigene Bewegung erhalten, Auftrittsmöglichkeiten, Kanäle um sich mitzuteilen und einen auf die jeweilige Lebenssituation perfekt zugeschnittenen privaten Lebensraum.

BEYOND BUILDING: Sightseeing in Venedig

Sightseeing: Sehen mit der Kamera

Von einer derartigen Interpretation unberührt bleiben an der Mostra die Auftritte von Architekturstars, die Gastkünstler den Vortritt lassen (wie HdM und AI WEIWEI) oder Beiträge, bei denen das Staunen über die Perfektion der neusten Architektur-, Medien- und Interaktionsformen (Hadid/Asymptote/Lynn/MVRDV) zusammen mit der Jagd nach dem besten Foto die Wahrnehmung bestimmen. Und schliesslich Botschaften, die versuchen, die Kunst der Architektur als kulturelle Leitdisziplin wiederherzustellen wollen (Video-Interview mit Greg Lynn), scheitern an der Mostra 2008 daran, dass der Event institutionell und inhaltlich mehr oder weniger festgefahren ist und dabei die Zielgruppe der Touristenmassen aus aller Welt im Aug hat: Sie gehen – wie ich – hin, um zu sehen und abzulichten, was sie aus Bildern und Büchern schon kennen. Schon beinahe radikal zeitgemäss erscheint deshalb der schweizerische Beitrag: Experten führen via Video eine Diskussion mit sich selbst. Bravo.

Gute Architektur ist gutes Branding


Gute Architektur ist gutes Branding, weil gute Architektur beziehungsfähig ist.

Im neuen Mercedes Benz Museum in Stuttgart werden die Besucher/innen von einem Pferd begrüsst. In Luzern haben Fachleute an den Architekturgesprächen 2008 über das Modethema diskutiert. Das Büro für Stadtfragen hat im werk, bauen+wohnen darüber berichtet.

Im Umfeld des Brandings, der unternehmerischen Markenführung, treffen die Architektur und die Stadt auf die Bedeutung und Wirkung einer zielgerichteten Darstellung und Verräumlichung von Werten und deren Zeichen, auf die Ökonomie des unternehmerischen Raums und dessen Wahrnehmung mit den Füssen, den Augen und den Ohren.

Ben van Berkel, Mitbegründer und Direktor von UNStudio, drückt es so aus: „Das Mercedes-Benz Museum verbindet eine Reihe radikaler räumlicher Grundsätze miteinander und schafft so im Endergebnis eine völlig neue Typologie.“

Mercedes Benz Museum Stuttgart

Obama gegen McCain, oder: schwarz oder weiss?

Gedanken aus Ecuador zum Kampf um die neuen Präsidentschaften in Ecuador und in den USA.

Im Geschäftsalltag, wie in den Medien und in Fachdiskussionen scheint kaum mehr Platz übrig zu sein für Orte, Themen und Meinungen zwischen Schwarz und Weiss, zwischen Gut oder Böse, zwischen go or no go. In der Politik Ecuadors geht es in diesen Tagen und noch bis zum 28. September 2008 um ein si o no a la constitución, um ein Ja oder Nein zur neuen Verfassung des Landes. La constitución ist ein persönliches Projekt des Staatspräsidenten Raffael Correa; die bevorstehende Abstimmung zum Referendum deshalb vor allem ein Ja oder Nein zur politischen Persönlichkeit Correa, der für viele ein Hoffnungsträger auf eine bessere und stabilere Zukunft darstellt. Zu selben Zeit, wie in Ecuador tagtäglich über die Grundzüge des politischen Zusammenlebens debattiert wird, findet weiter nördlich, in den USA, der Wahlkampf um die Nachfolge der Bush-Präsdentschaft statt. Auf meiner gegenwärtigen Reise durch Südamerika treffe ich sehr viele Amerikaner/innen. Nicht selten vertreten sie die Meinung, dass es auch bei der Wahl des neuen Präsidenten letztlich um eine einfache Frage geht: schwarz oder weiss?

Weniger Inhalt, kurze Sätze: Reden als Sightseeing-Tour

Dass in den Staaten die öffentliche Argumentation um politische Inhalte längst von der rhetorischen Taktik einer Common-Sense-Politik abgelöst worden ist, wurde am Beispiel von George Bushs Reden wissenschaftlich untersucht und bestätigt: Der Inhalt in den Reden nimmt ab, die Sätze werden immer kürzer, und die Reden orientieren sich hauptsächlich am Ziel, direkt oder via Medien, möglichst jene Themen positiv oder negativ auf den Punkt zu bringen, die die Leute, das jeweilige Zielpublikum, schon im Kopf und für sich bewertet hat. Das Phänomen der Common-Sense-Rhetorik in der Politik ist deshalb so etwas wie sprachliches Sightseeing. Man reist nicht, um Dinge kennen zu lernen, sondern, um sich die Dinge, die man schon kennt und wertvoll schätzt, vor Ort bestätigen zu lassen. Die politische Rede als Sightseeingtour hat demnach nicht das Ziel, Argumente zu vermitteln und auszutauschen, sie will vorhandene allgemeine Meinungen bestätigen, und den kleinsten gemeinsamen Nenner im Kopf der Zuhörer und Medienkonsumenten schwarz oder weiss auf den Punkt bringen: diese Form der persönlichen Bestätigung ist schmerzlos, nicht anstregend und so etwas wie Vertrauen als Produkt, zubereitet und verpackt nach der Art von Convenience-Food.

Eben doch nur schwarz-weiss

Welchen Beitrag eine solche Rhetorik an die Entwicklung eines Landes leistet, hat der ehemalige Schachweltmeister Garry Kasparov in  seinem Buch How Life imitates Chess formuliert: „No advantage, no improvement, can be found in what is obvious, or identical, for everyone“(p.3). Immerhin: Ein Blick auf die Rhetorik im gegenwärtigen US-Wahlkampf liefert ein gutes Argument für die Behauptung, dass unser Alltag und eben Ereignisse wie der Kampf um die Präsidentschaft in den USA, mit dem demokratischen Schwarzen Barack Obama und dem Weissen McCain im Endkampf, tatsächlich von einer einfachen Grundfrage entschieden wird: Schwarz oder Weiss?