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Neue Stadtmitte für Luzern

Zum Rendering „Stadt-Schmiede am Pilatusplatz“ in der NLZ, Dossier „Hochhaus“, 18. November 2011, S. 41.

(sta) Was liegt am Pilatusplatz in Luzern urbanistisch in der Luft? Die Geschichte des Ortes, die Ankunftsqualität, die Präsenz des Verkehrs und die baulichen Verdichtungsmöglichkeiten lassen erahnen, dass der Ort die Bedeutung einer neuen Stadtmitte in sich trägt. Das Rendering „Stadt-Schmiede am Pilatusplatz“ ist 2010, im Rahmen der Abstimmung zur alten Schmitte, entstanden. Es handelt sich nicht um ein Projekt, sondern um ein kritisches Sinnbild für die bisher unerkannten und ungenutzten Chancen am Pilatusplatz als neue Stadtmitte von Luzern. Beim abgebildeten Hochhaus handelt es sich um das Projekt skyvillage der holländischen Architekten MVRDV.

Bild: stadtfragen.ch / Thomas Stadelmann / Georg Vranek

 

Höhenweg auf Pilatus Kulm

Niklaus Graber & Christoph Steiger haben auf Pilatus Kulm die neue Panoramagalerie gebaut. In einem Gespräch erzählen die Architekten von den Hintergründen der Architektur, der eigenen Arbeitsweise als Autoren und dem kritischen Blick auf die Stadt Luzern. Das Interview mit dem Büro für Stadtfragen ist begleitend zu einer Fotoreportage im Kulturmagazin „041“, Ausgabe November 2011, erschienen.

Bilder: Dominique Marc Wehrli.Die Alten, die den Pilatus fürchteten, wurden mit ihm fertig, indem sie Gipfel und Klüfte mit den Gestalten der Sage bevölkerten (…). Wir Moderne, (…), die wilde Berge lieben, werden mit ihm fertig, indem wir ihn besteigen, entweder zu Fuss oder mit der Kletterbahn.“ J. C. Heer, in: Führer für Luzern, 1911

Thomas Stadelmann: Die „Alten“ fürchteten den Pilatus, wir modernen Touristen und Freizeitlerinnen und Freizeitler lieben den Berg. Wie werdet ihr mit dem Pilatus fertig?

G & S: Wir erklimmen den Pilatus am liebsten von Alpnachstad aus mit der Zahnradbahn  nahe den Felsen entlang. Für uns ist es eher eine romantische Vorstellung, dass hier oben noch Natur im ursprünglichen Sinn stattfindet. Deshalb müssen wir den Pilatus nicht unbedingt zu Fuss hochsteigen. Die Bahn ist eine technische Errungenschaft, dank der wir die Besteigung auf eine zeitgemässe und faszinierende Art und Weise geniessen können. Seien wir doch ehrlich: Das Bergerlebnis auf dem Pilatus ist durch die Technisierung der Alpen sogar noch gesteigert worden.

Die Panoramagalerie auf Pilatus Kulm sitzt auf einem zweiseitig exponierten Berggrat, d. h. auf den Mauern eines Festungsgebäudes der Schweizer Armee und zwischen zwei bestehenden Hotelbauten. Das klingt nach einer architektonischen Gratwanderung – wie seid ihr damit fertig geworden?

Zuerst einmal haben wir die zweiseitige Situation vor Ort tatsächlich im physischen und im übertragenen Sinn als Gratwanderung wahrgenommen. Das Armeegebäude haben wir von Anfang an als Sockel für den geplanten Neubau angesehen und als Gebäude eher ausgeblendet. Es ging uns deshalb nie um ein Um- oder Weiterbauen des bestehenden Gebäudes. Auf diese Weise entstand der zweiseitig auskragende Neubau der Panoramagalerie direkt über dem Armeegebäude, das wir so behandelt haben, als wäre es Fels.

Und der Anschluss an die bestehenden Hotels Pilatus-Kulm und Bellevue?

Wie immer bei unseren Entwürfen haben wir uns zuerst ein Grundthema vorgegeben. Auf dem Pilatus ging es uns um die räumliche Kontinuität zwischen den bestehenden Bauten, unserem Neubau, dem touristischen Ort und der alpinen Bergwelt. Mit der Halle, den Foyers, der Terrasse, den Treppen und Rampen bietet die Panoramagalerie verschiedene Bewegungs- und Aufenthaltsräume, die nicht Widerstände und Barrieren zum Bestehenden schaffen, sondern unterschiedliche neue Orte und Verbindungen. Zum historischen Hotel Pilatus-Kulm sind wir möglichst auf Distanz gegangen. Dadurch hatten wir genügend Platz für die offene Treppenanlage. Sie ist gleichzeitig Bühnenraum und Arena für die Gäste und führt hinauf zur Panoramaterrasse. Beim Hotel Bellevue und den Bahnstationen stand der präzise bauliche Anschluss im Vordergrund. Dazu mussten wir zwei Gebäudeebenen auf engem Raum überwinden und miteinander verbinden. Interessant war, dass beim Bellevue das Thema Auskragung bereits bestand.

Für die Sanierung bzw. Erneuerung der beiden Hotels waren andere Architekten zuständig. Ist das Ensemble auf Pilatus Kulm aus eurer Sicht trotzdem gelungen?

Es gab zu Beginn eine klare Aufgabenstellung für die Sanierung bzw. Erneuerung der beiden Hotels und für den Neubau. Das Konzept mit zwei Häusern und einer Verbindungsgalerie wurde auch so umgesetzt und ist leicht ablesbar. Innenräumlich kann man darüber diskutieren, wie gut es gelungen ist, die verschiedenen Nutzungen und Ziele des Bahnbetriebs, der Gastronomie und der Hotellerie gestalterisch aufeinander abzustimmen. Unsere Aufgabe bestand lediglich darin, einen eigenständigen Neubau zu erstellen. Rückblickend haben wir jedoch schon den Eindruck, dass einzelne Schnittstellen nicht ganz logisch festgesetzt wurden. Ein Beispiel dafür ist die zusätzlich gebaute Innentreppe, die von der Panoramagalerie aus hinauf zum Restaurant des Hotels Bellevue führt. Wir haben vorgeschlagen, den Anschluss zur Panoramagalerie über den bestehenden Treppenkern zu lösen. Durch den Bau der neuen Innentreppe hat der Anschluss nun leider an Grosszügigkeit verloren und ist nicht nahtlos geglückt. Dennoch: Das Ensemble mit dem Hotel Pilatus-Kulm aus der Zeit der Jahrhundertwende, dem Hotel Bellevue aus den 1960er-Jahren und unserem Neubau besteht aus zeitlich und inhaltlich erkennbaren Architekturen, die sinnfällig zusammenfinden und funktionieren.

Die Architektur der Panoramagalerie sieht so aus, als wolle sie der schroffen Bergwelt am Pilatus gleichzeitig trotzen und mit ihr verschmelzen. Ihr nennt das Prinzip „form follows mountain“. Könnt ihr das näher erklären?

Die karstige Bergwelt am Pilatus hat uns tatsächlich auf den ersten Blick fasziniert. Wie der Fels vor- und zurückspringt und erodiert ist besonders ausdrucksstark. So hat uns das Pilatusmassiv Mons fractus – „der gebrochene Berg“, wie er im Mittelalter genannt wurde – dazu angeregt, entsprechende Analogien in der Form, in der Materialisierung nahe am Kalkgestein und in der Gestaltqualität der Architektur zu finden. Uns gefällt besonders gut, wie sich die Panoramagalerie an einem Ort um eine Felsnase herumbewegt und an einem anderen Ort über die Felsen hinausragt. Wir glauben, dass es uns gelungen ist, mit dem Gebäude architektonisch zum Ausdruck zu bringen, was wir als Themen an diesem speziellen Ort vorgefunden und interpretiert haben, eben im Sinn von: form follows mountain.

Die Panoramagalerie leistet dadurch mehr als die ursprüngliche Aufgabe lautete, nämlich für die Touristen eine Verbindungsgalerie zwischen den Bahnen und Hotels zu bauen. Wann wurde aus der Verbindungsgalerie eine Panoramagalerie?

Diese Bezeichnung hat sich unseres Wissens erst spät in der Projektphase ergeben. Zunächst ist zu erwähnen, dass bereits ein Bauprojekt für ein Verbindungsbauwerk bestand. Im Masterplan von Steiner Sarnen, der schliesslich zu einem Studienauftrag führte, war bereits angedacht, dass eine Verbindungsgalerie an dieser exponierten Stelle auf Pilatus Kulm den Gästen unbedingt auch das beidseitige Panorama freigeben muss. Das Hauptthema „Aussicht“ war somit vorgegeben. Mit unserem Wettbewerbsbeitrag von 2008 haben wir dann offensichtlich am überzeugendsten aufgezeigt, wie diese Aufgabe architektonisch überhöht und standortgerecht gelöst werden kann. Schliesslich haben Marketingüberlegungen dazu geführt, dass sich der Begriff der Panoramagalerie offiziell durchgesetzt hat.

Welche Atmosphäre erwartet die jährlich 350’000 Gäste, wenn sie nach der Bahnfahrt in der Panoramagalerie ankommen? Was sehen sie genau? Was tun sie?

Das ist für uns nicht leicht zu beantworten, weil wir keine Touristen sind. Dennoch: Wir haben das Verhalten der Gäste nach Fertigstellung des Neubaus beobachtet – es ist abhängig vom Wetter, vom Besuchszeitpunkt, von der jeweiligen Stimmung am Berg. Besonders aufgefallen ist uns, wie direkt die Gäste schon in der Ankunftshalle der Bahn von den Panoramafenstern bzw. der Aussicht angezogen werden: Man sieht nur überraschte Gesichter. Wer vom Flachland mit der Seilbahn oder von Alpnachstad mit der Bahn auf den Pilatus kommt, für den oder die ist der offene Blick auf die jeweils andere Seite neu und überraschend offen. Dieser erste Augenblick bewirkt jenen visuellen und emotionalen Effekt, der dem Panorama als Wahrnehmungsmaschine historisch zugrunde liegt: Man sieht auf einmal alles. Gesteigert wir die Überraschung durch die Tatsache, dass die Menschen den Blick in die Berggipfel und ins Flachland in diesem Moment in einem geschützten Innenraum erleben, in einer Art Dia-Projektion, real – und irgendwie doch nicht ganz.

Worum geht es euch bei der Raumwahrnehmung an diesem speziellen Ort? Wie soll die Architektur der Panoramagalerie wirken?

Die zentrale Idee in unserem Entwurf ist die Inszenierung des Panoramaerlebnisses. Umgesetzt haben wir sie durch die Art und Weise, wie und an welcher Stelle das Gebäude auskragt und den Blick durch unterschiedlich hohe Fensteröffnungen und Brüstungen freigibt. Die Fenster haben dadurch eine szenografische Funktion bekommen. So sind sie in der Halle dort am grössten, wo die Auskragung am grössten ist. Es entstehen dadurch sowohl geborgene wie auch sehr exponierte Aufenthaltsorte. Die Bewegung in der Architektur macht dadurch jeden Ort, an dem man steht, speziell, was für uns ein wichtiges Ziel war. Die Besuchenden werden dazu angeregt, sich in der Halle oder auf der Terrasse wie auf einem Höhenweg zu bewegen und dabei den eigenen besten Standpunkt zu finden. Mit der sichtbaren, zickzackförmigen Dachtragstruktur und den unterschiedlich weit aufgespreizten V-förmigen Stützen haben wir die Idee der Bewegung in der Längs- und in der Querrichtung der Halle auch konstruktiv umgesetzt.

Ist es demnach richtig, die Panoramagalerie als künstliche, mit architektonischen Mitteln stilisierte Bergwelt zu bezeichnen?

Ja, wenn wir damit versuchen, das Gebäude als Erlebnisraum zu beschreiben, der, wie schon gesagt, einem alpinen Höhenweg gleicht. Falsch in unserem Sinn wäre, den Neubau als gebauten künstlichen Fels zu bezeichnen, nur weil er formal im Grundriss und Schnitt und mit der strukturierten Betonfassade die felsige Umgebung spiegelt. Die Panoramagalerie ist kein gebauter Berg. In unseren Augen haben wir mit dem Neubau eine architektonische Verwandtschaft zur Bergwelt erreicht, nicht eine bildhafte Umsetzung eines Felsens – was im Umfeld der globalen Tourismusindustrie auf dem Pilatus ja auch eine Möglichkeit gewesen wäre. Allerdings nicht für uns, weil wir in unserer Arbeit ohne postmoderne Zeichenhaftigkeit auskommen. Uns hat die Aufgabe geleitet, das inhaltliche Gefüge, die Beschaffenheit und Wahrnehmung der alpinen Bergwelt an diesem Ort räumlich abzubilden.

Also passt das Bild des gebauten Höhenwegs ganz gut zur Panoramagalerie?

Ja. Das Raumerlebnis in der Panoramagalerie, mit verschiedenen Anschlüssen an die Hotels, die Bahnen und an die umliegende Bergwelt, kann mit den Erfahrungen auf einem Höhenweg recht passend umschrieben werden. Als Erklärung für die Analogie hilft zudem der Vergleich mit der Situation vor dem Neubau: Wir haben auf Pilatus Kulm eine sehr unaufgeräumte Situation vorgefunden. Heute, nach der Fertigstellung des Neubaus, trifft die gleiche Menge Gäste auf dem Pilatus ein, allerdings sind die Menschen nun besser verteilt. Die Atmosphäre ist nicht mehr die einer Bahnhofshalle, die Bewegungen und Anschlüsse auf den unterschiedlichen Niveaus sind weniger hektisch, kontinuierlicher und dadurch kontrollierter. Wer zu Fuss oder mit der Bahn den Pilatusgrat erreicht, sich dort kurz oder als Hotelgast aufhält, kann die atemberaubende Aussicht – die Natur auf einen Blick individueller und von mehreren, ganz unterschiedlichen Standpunkten aus sicher geniessen und nebenbei auch noch ein Souvenir kaufen. So gesehen ist der architektonische Höhenweg, den die Panoramagalerie nachbildet, gleichzeitig ein zeitgemässer Ort für den Konsum unserer touristisch wertvollen Alpenwelt. Mit unserer Arbeit haben wir ebenso präzis versucht, die übergeordneten Marketing- und Verkaufsziele des Bauherrn 1:1 einzulösen, unmittelbar und ohne Klischees. Wir meinen, dass sich die Situation für die 350’000 Gäste, die pro Jahr auf den Pilatus kommen, dadurch magischer und entspannter präsentiert. Der Mehrwert, den unsere Architektur schafft, liegt darin, dass die Panoramagalerie gleichzeitig als Infrastruktur, als Verkaufsraum, als Wahrnehmungsmaschine und als individueller Ort für die kurzzeitige Erholung im Liegestuhl funktioniert.

Könnt ihr aus der Erfahrung auf dem Pilatus spezielle Vorgaben für Tourismusbauten, für eine Tourismusarchitektur nach dem Motto „Architektur macht gute und zufriedene Gäste“ ableiten?

Nein, nicht direkt. Die Panoramagalerie ist primär ein hochgradig öffentlicher Ort für Einheimische und Gäste aus aller Welt, der als Standort funktionieren muss. Die touristische Nutzung stand bei unseren Überlegungen nicht alleine im Vordergrund. Obwohl wir mit den Pilatus Bahnen einig waren, dass es sich beim Neubau nicht um eine austauschbare Tourismusarchitektur handeln darf, musste die Diskussion aber trotzdem immer wieder geführt werden: Wie viel Swissness mit Innendekoration, Fahnen und Alphorn ist notwendig und zulässig? Offensichtlich ist es uns nicht schlecht gelungen, der Klischee-Falle traditioneller, austauschbarer Tourismusarchitektur zu entkommen und dafür das Erlebnis der Destination ins Zentrum zu rücken. Argumentiert haben wir u. a. damit, dass der Pilatus urbanistisch als ein sehr attraktiver Ort und sogar als Teil der Stadt Luzern betrachtet werden kann – und deshalb nicht Disneyland ist. Im Planungsprozess haben wir entsprechende Nutzungen und regionale Bedürfnisse sogar angesprochen. Wieso sollten auf dem Pilatus künftig nicht auch Sonntags-Talks, Essen oder regionale Ausstellungen stattfinden?

Wo und in welche Themen wurden beim Bau der Pilatusgalerie am meisten Ideen, Zeit und Geld investiert? Worin liegt die Innovation?

Die grösste Herausforderung bestand darin, die Idee einer möglichst grossen und offenen Halle mit Auskragungen und einer Lastabtragung am Rand in eine statische Konstruktion mit Spannweiten bis zu 18 Metern zu übersetzen – und das bei einer angenommenen Schneelast auf der Panoramaterrasse von bis zu neun Metern. Um dies möglich zu machen, mussten die Bauherrschaft, die Planer und wir Architekten die Ressourcen vor allem in den architektonischen Raum und weniger in die Veredelung von Oberflächen investieren. Technisch innovativ ist sicher die Kombination von Hohlträgern aus Stahl mit eingegossenem, vorgespanntem Beton bei den einzelnen Deckenträgern und Stützen. Natürlich musste die Lösung trotzdem möglichst kostengünstig sein.

Sprechen wir über euren Erfolg als Architekten. Wer als Einheimischer auf dem Luzerner Hausberg für Gäste aus der ganzen Welt bauen darf, hat es geschafft. Wie definiert ihr für euch selbst Erfolg?

Unseren Erfolg messen wir an der Qualität unserer eigenen Arbeit. Wir wollen nach den oft mühsamen und intensiven Schritten vom Entwurf bis zum fertigen Bau selbst mit unseren Bauten zufrieden sein, unsere Begeisterung für die Architektur auch in den eigenen Bauten erleben können. Wenn wir sagen können, „es gefällt uns“, dann sind wir zufrieden. Das heisst auch, dass es an uns als Raumspezialisten liegt, zu bestimmen, was bei einer bestimmten Aufgabe gute Architektur ist. Gute Architektur entsteht bei uns dann, wenn uns eine Aufgabe vom Gedachten interessiert, wenn uns die entwerferische Umsetzung der Idee in Konstruktion und Materialisierung möglichst präzis gelingt und die räumliche Wahrnehmung den eigenen Vorstellungen entspricht. Zudem muss gute Architektur im Betrieb funktionieren. Natürlich freut es uns, wenn unsere Bauten durch eine breite, positive Resonanz eine gewisse Allgemeingültigkeit erhalten oder wenn wir erfahren, dass die Menschen unsere Architektur nach kurzer Zeit in Besitz nehmen oder schön finden. Es ist wie bei einem guten Koch: Wenn das Essen den Gästen schmeckt, hat er seine Arbeit gut gemacht und ist hoffentlich auch mit sich selbst zufrieden.

Das klingt nach viel Selbstvertrauen und erinnert an Aussagen zeitgenössischer Architekten, die sich Autoren nennen, um sich vom Berufsbild des Architekten als Dienstleister des Bauherrn abzugrenzen. Sind Niklaus Graber & Christoph Steiger Architekten auch solche Autorenarchitekten?

Wir sind der Meinung, dass hinter jedem Bau ein Autor steckt. Die Frage ist nur, ob überhaupt und wie die Autorschaft ablesbar ist. Weil wir daran interessiert sind und es wagen, unsere subjektive Wertung, eigene Ideen in die Umsetzung einer Aufgabe einzubringen und sie im Bauwerk lesbar zu machen, kann man uns auch als Autoren bezeichnen. Wichtig ist uns dabei nicht, wer als Person hinter einem Werk steht, dass wir als Personen im Bau sichtbar sind, sondern dass überhaupt jemand, eine persönliche Position, eine subjektive und tragfähige Idee im fertigen Bauwerk spürbar und erlebbar ist. Unsere Autorschaft ist also nicht eine Frage des erkennbaren Stils, sondern immer ein persönlicher Ausdruck einer gestalterischen Absicht im Umgang mit verschiedenen Aufgaben und Orten. Deshalb suchen wir nicht unbedingt nach jenen Aufgaben, die ein Generalunternehmer lösen kann.

Welcher Traumauftrag oder Wunschbauherr fehlt euch bisher?

Die Art der Aufgabe ist für uns weniger entscheidend. Es gibt in vielen Bereichen der Architektur herausfordernde Aufgaben. Wichtig sind uns die inhaltliche Herausforderung im Entwurf und eine vertrauensvolle Beziehung zu Bauherren, die unsere Arbeitsweise und Ziele möglichst unterstützen. Wir träumen eher davon, dass wir unabhängiger und freier von Normen und Vorgaben arbeiten können. Nur so wird es uns und anderen Berufskolleginnen und -kollegen in Zukunft weiterhin möglich sein, auf spezielle Aufgaben die architektonisch stimmige Antwort zu finden.

Eine heilpädagogische Schule in Altdorf, ein Einfamilienhaus am See, ein Fabrikgebäude auf dem Land: Was ist das Verbindende in den verschiedenen Bauten von Niklaus Graber und Christoph Steiger?

Unser grosses Interesse gilt dem Thema der Öffentlichkeit in der Architektur. Es liegt in der Natur der Sache, dass öffentliche bzw. grössere private Bauten mehr Möglichkeiten und Herausforderungen bieten, um das Thema Öffentlichkeit zu bearbeiten. Trotzdem haben wir uns dazu auch schon bei Einfamilienhäusern Gedanken gemacht, etwa bei unserem ersten Haus Stucki in Meggen, das mit seiner Nachbarschaft kommuniziert und dadurch eine gewisse Öffentlichkeit herstellt. Jedes Einfamilienhaus hat bestimmte Anteile an der Öffentlichkeit. Unsere Arbeiten verbindet zudem das Interesse an Vorbildern wie etwa den alten Meistern Louis Kahn und Ludwig Mies van der Rohe. Von ihm stammt übrigens die Aussage „Mit den Füssen auf dem Boden, mit dem Kopf in den Wolken“, die wir als Titel für unseren Wettbewerbsbeitrag zum Pilatus verwendet haben.

Das eigentliche Metier der Architektur haben wir im Studium an der ETH Zürich und bei Hans Kollhoff in Berlin gelernt, vor allem den analytisch scharfen Blick auf die Stadt und den Umgang mit der Frage des architektonischen Erbes und der städtebaulichen Kontinuität. Die Freude an der architektonischen Welt der Wunder, die Lust am Erforschen von neuen Aufgaben und Lösungen haben uns Jacques Herzog und Pierre de Meuron beigebracht. In ihrem Studio in Basel haben wir die Begeisterung dafür mitgenommen, dass Architektur nicht einfach eine Dienstleistung am Bauherrn ist, sondern dass sie sich als eigene Welt selbst erklären muss.

Wie arbeitet ihr als Team zusammen, oder anders gefragt: Seid ihr euch immer einig?

Wir haben in unserem Büro eine pragmatische Aufgabenteilung: Die Aufgaben werden halbiert. Dabei ergänzen wir uns deshalb sehr gut, weil wir beide eine eigene Vehemenz mitbringen, mit der wir die Aufgaben vom Entwurf bis zur Umsetzung immer wieder befragen und so lange bearbeiten, bis die Lösung für uns beide stimmt. Intern verhandeln und reden wir deshalb viel über die Stimmigkeit und Sinnfälligkeit von Ideen, Lösungen und Entwurfsvarianten. Dass wir bei jeder Aufgabenstellung zuerst ein konzeptionelles Grundthema setzen, macht es uns leichter, einzelne Fragen vom Entwurf bis zur Ausführung auch im Kleinen immer wieder zu überprüfen.

Werfen wir noch einen Blick auf Luzern. Nach Einbruch der Dunkelheit hat der Pilatusgipfel dank der beleuchteten Panoramagalerie eine neue Silhouette erhalten. Was seht ihr, wenn ihr vom Gipfel auf die Stadtlandschaft Luzern schaut?

Das Lichtermeer der Stadtlandschaft Luzern erinnert uns immer wieder an eine Studie, die wir 1996 zum Thema „Grossraum Luzern, ein polyzentrisches Modell“ gemacht haben. Vom Pilatus aus erkennt man sehr gut, dass der amöbenartige Stadtkörper, der sich nicht an die Stadtgrenze hält, durch mehrere kleinere Zentren gebildet wird und sich entlang der hügeligen Topografie entwickelt hat. Wir haben damals die Studie den Luzerner Behörden präsentiert, wurden aber noch eher belächelt. Heute sind die Themen von damals und die Art und Weise, wie die Stadt als zusammenhängender Raum zu lesen ist, längst akzeptiert: Wir reden selbstverständlich über Agglomerationsprojekte oder über die Stadtregion Luzern.

Der Blick vom Pilatus auf die Stadt ist zudem deshalb ein besonderer Anblick, weil er vor allem nachts eine gewisse Festlichkeit ausstrahlt. Dass die Sterne etwas Schönes sind, das wissen wir. Auf dem Pilatus sieht man, dass auch Stadt etwas Schönes sein kann. Geradezu phänomenal einmalig ist hier die Nähe von Stadt und Berg.

Die Frage können wir nicht beantworten, weil wir uns nicht als Luzerner Architekten verstehen, obwohl wir seit 15 Jahren unser Büro in Luzern haben. Unsere Bauten stehen an verschiedenen Orten in der Schweiz. In der Stadt Luzern haben wir bisher noch nicht gebaut. Sicher ist: Die Panoramagalerie ist ebenso wenig eine rein einheimische Architektur wie der Pilatus nur zu Luzern gehört. Sie könnte in ähnlicher Form auch an einem anderen Ort im alpinen Raum stehen. Und der Pilatus ist eine eigenständige Destination mit einer globalen Ausstrahlung. Schade ist, dass sich die Stadt Luzern ihrer weiten Ausstrahlungskraft nicht stärker bewusst ist und sich im Städtebau und in der Architektur entsprechend grosszügiger zeigt.

Ist das so zu verstehen, dass Luzern seine architektonischen Möglichkeiten nicht oder zu wenig nutzt?

Ja, durchaus. Wie glauben, dass aktuelle Planungen und Bauvorhaben zu wenig grosszügig sind und der geografischen Ausstrahlung von Luzern als Stadt und Standort hinterherhinken. Das liegt wohl daran, dass Planer und Politiker nach wie vor in der Mehrheit eher mit der räumlichen Kleinheit der Stadt Luzern und nicht mit der urbanistischen Ausstrahlung des Standorts argumentieren: „Wir sind nicht Basel, wir sind nicht Zürich, wir sind Kleinstadt.“ Dadurch gehen aus unserer Sicht architektonische Möglichkeiten verloren oder werden übersehen, wie sie Kirchenbauten, das 19. Jahrhundert und zuletzt das KKL am Europaplatz bis heute eindrücklich und wirkungsvoll repräsentieren.


Freie Fahrt am Reussquai

Stadtansichten halten historische Stadtwahrnehmungen fest. Der Krienser Fotograf Max A.Wyss hat dokumentiert, dass es 1951 möglich war, mit dem Auto direkt an den Reussquai zu fahren, um dort Kaffee zu trinken. Der Nachlass Max A. Wyss wird durch die Stiftung Fotodokumentation Kanton Luzern verwaltet und ist nun in Zusammenarbeit mit dem Staatsarchiv Luzern teilweise digitalisiert worden.

(sta) Max A. Wyss wurde am 18. Juli 1908 in Kriens geboren. Nach dem Erwerb des Sekundarlehrerpatentes an der Universität Zürich studierte er in Genf, Neuenburg und Paris Romanistik. Es folgte 1931 ein einjähriger Aufenthalt in Tanganjika (Afrika) als Hauslehrer beim Schweizer Konsul. Danach arbeitete er von 1935 bis 1965 als freier Journalist und Fotograf für zahlreiche Zeitungen, Wochenblätter und Periodika. 1952 war er als Hauptsekretär am Zustandekommen und dem Erfolg der Weltausstellung der Photographie 1952 Luzern beteiligt. In den frühen 1950er Jahren erregte er überdies mit surrealistischen Fotomontagen aufsehen. 1965 heiratete er Zita Keller. Im gleichen Jahr wurde er Redaktor der Fotozeitschrift Camera und betreute das Ressort Fotografie beim C.J. Bucher Verlag, Luzern. Als Autor, Herausgeber und Redaktor stand er ausserdem hinter vielen Bildbänden über die Natur, die im C.J. Bucher Verlag erschienen sind. Max A. Wyss starb am 12. September 1977 in Luzern. Textquelle und Copyright: Fotodok.ch.

Stadtschmiede am Pilatusplatz

Die Abstimmung über den Erhalt des baufälligen Relikts „Schmitte“ am Pilatusplatz in Luzern ist grotesk und eigentlich schon entschieden – aber sie bleibt urbanistisch brisant, denn: Die Vorlage für den 26. September mischt sich in die städtische Liegenschaftspolitik ein; sie bietet ein Widerstandsangebot gegen die ideenarme Stadtentwicklung an und weckt sogar die Hoffnung, dass der Pilatusplatz die Chance erhält, sein Potential als künftige Stadtmitte Luzerns unter Beweis zu stellen. Zum Beispiel im Rahmen einer innovativen Stadt-Schmiede, mit oder ohne die alte Schmiede aber noch vor dem geplanten Architekturwettbewerb.

Büro für Stadtfragen // visual©vranek

(sta) Nach über 40 Jahren Abbruchbewirtschaftung durch die Stadt Luzern ist die Abstimmung über den Erhalt oder den Abriss der alten Schmiede mit Wirtshaus eigentlich absurd: Der Bau von 1844 ist ein wirtschaftliches, bauliches und vielleicht sogar soziales Relikt einer dörflich-vorstädtischen Vielfalt aus dem 19. Jahrhundert. Die politische Botschaft der Stadt als Grundbesitzerin (B+A 17/2010 des Stadtrats) argumentiert auf 17 Seiten mit planerischen, betriebswirtschaftlichen, finanzpolitischen und immobilienstrategischen Gründen gegen ein Ja zum Erhalt der „Schmitte“. Argumentiert wird verwaltungstechnisch abstrakt: „Als gestärkter Knotenpunkt könnte der Pilatusplatz im Stadtgefüge Ausgangspunkt und Impulsgeber für die Innenstadtentwicklung sein und die angrenzenden Quartiere besser miteinander verbinden“. Alles klar?

Unbehagen

Es bleiben ein Unbehagen und Befürchtungen zurück, dass der Stadt Luzern eine tragfähige, übergeordnete Vorstellung fehlt, was der Pilatusplatz im unmittelbare benachbarten Stadtgefüge und im Kontext der Stadtregion genau sein soll und leisten kann. Die Kommunikation ist unvollständig und provoziert Fragen: Was passiert genau, wenn die Schmiede widerstandslos wegkommt? Was, wenn sie tatsächlich stehen bleibt? Einmal mehr scheint sich zu bewahrheiten: In der gefühlten Ohnmacht des Souveräns vor Entscheidungen an der Urne zeigt sich die wirkliche Kraft einer reaktiv-technokratischen Stadtentwicklungspolitik.

Neue Stadtmitte von Luzern?

Was liegt am Pilatusplatz urbanistisch in der Luft? Die vorstädtische Geschichte des Ortes, die Ankunftsqualität, die Verkehrspräsenz und die räumliche Dynamik – nicht zuletzt die baulichen Verdichtungsmöglichkeiten – lassen erahnen, dass der Pilatusplatz die Bedeutung einer Stadtmitte in sich trägt: Ist dem so, wäre die Vielfalt an primären und sekundären Nutzungen Tag- und Nacht, an Aufenthalts- und Freiraumqualitäten, die Offenheit gegenüber einer architektonisch innovativen Lösung und für eine Verkehrssituation, die für und nicht gegen die Stadt als Lebensraum auftritt, an dieser übergeordneten Idee der Stadtmitte auszurichten. Dass die Stadt Luzern diesem Potential auf der Spur ist, dagegen spricht die Argumentation in der Botschaft gegen die Vorlage „Rettet die Schmiede“. „Strassenbegleitende Bauten“, „Baufluchten“ aus einer Volumenstudie, das Marktversprechen auf eine künftige „Headquarterfunktion“ und eine Rendite in der staatlichen Immobilienpolitik sprechen eine andere Sprache. Auch die versprochene „Harmonie verschieden hoher Häuser“  und ein paar Baumreihen lassen am Pilatusplatz eine wenig innovative Fortsetzungsgeschichte erwarten.

Stadtlandschaft

Stadtlandschaften, wie Luzern seit dem Bau des KKL eine ist, verlangen nach einer Vielfalt und nach einer städtebaulicher Qualität, die nicht allein mit Hilfe funktionaler Planungskategorien entsteht und aus dem Glauben heraus an das Heil von Backstein, architektonischen Designqualitäten und wirtschaftlichen Wunschvorstellungen. Starke übergeordnete Bilder, elastische Planungs- und Betrachtungsperimeter, eine wohl überlegte Gewichtung der gewünschten Nutzungsdurchmischung im Quartiermassstab und 24h-Tagesverlauf sowie verständliche Aussagen zum künftigen Kräfteverhältnis zwischen den Verkehrsteilnehmenden sollten ebenso ins Spiel kommen. Dann lassen sich eher auch solche Fragen beantworten: Ist der Pilatusplatz künftig ein Ankunfts- oder ein Durchfahrtsort? Woran erkennen und erleben Quartierbewohner/innen, Einheimische, Gäste, Pendler und Durchreisende, dass sie am Pilatusplatz in der Stadtmitte von Luzern, im Zentrum einer Stadtregion leben oder eben gerade angekommen sind? Spätestens der geplante Wettbewerb (mit oder ohne Schmiede) wird wohl zeigen, dass es sinnvoller wäre, mögliche Antworten auf diese Fragen möglichst früh und aus Sicht der Stadtentwicklung zu beantworten. Am Pilatusplatz käme ein solches Vorgehen einer Stadt-Schmiede gleich. Dies würde für die Stadt und die Liegenschaftsbesitzer im Wirkungsraum des Pilatusplatzes bedeuten, nicht vor allem auf die Genialität von Planerteams im geplanten Areal-Wettbewerb zu hoffen, wenn es darum geht, gemeinsam eine überzeugende Vorstellungen von Stadt zu entwickeln und schrittweise zu realisieren.

Untergrund – Dorf  und Belvedere

Die Vorstellung, bei der alten Schmiede, dem ehemaligen Bahnhof der Krienserbahn, eine derartige Stadt-Schmiede zu lancieren, braucht Mut, Offenheit, eine Kultur des positiven Widerstands, sowie Bilder und Ideen, die mobilisieren und motivieren. Gelingt dies, werden am Pilatusplatz verschiedene Entwicklungsschritte denkbar – mit oder ohne „Schmitte“. Und wieso nicht nach diesem Drehbuch? Im Untergrund erhält der Pilatusplatz eine modulable Nutzung, im Fussgängerbereich ein vorstädtisches Dorf aus historischen Kleinbauten, darüber eine leistungsfähige, rentable Primärnutzung mit Wohnungen und Arbeitsplätzen und als Dach ein öffentlich zugängliches Belvedere über der neuen Stadtmitte von Luzern? (vgl. Bilder)

De quoi s’agit il?

Die Abstimmung über die Schmitte verstellt den Blick auf eine notwendige urbanistische Diskussion an einem für die Stadtentwicklung Luzern zentralen Ort. Wer in der Beiz am Pilatusplatz bisher nicht Gast ist, sieht im Vorbeigehen oder Vorbeifahren eine vor dem letzten Hammerschlag gerettete Ruine, die zu nahe am Strassenrand steht. Weil gleichzeitig eine tragfähige Zukunftsvorstellung fehlt, geht es bei der Abstimmung „Rettet die Schmiede“ letztlich um eine Art persönlichen, anonym öffentlich gemachten Kommentar zu den Ambitionen und Führungsqualitäten in der Stadt-, Standort- und Raumentwicklung Luzerns. Wer sich für solche Fragen nicht interessiert, und das wird eine Mehrheit sein, stimmt irgendwie oder gar nicht darüber ab. Wie auch immer: Aus urbanistischer Sicht darf das Stimmvolk eine intellektuelle Frage beantworten, die – ohne ausführliche Information und eingängigen Dialog – kaum öffentlichkeitstauglich ist: Welche eigene oder kollektive Vorstellung von Stadt erfordert ein Ja? Welche eigene oder kollektive Vorstellung von Stadt erfordert ein Nein?

NEIN. Die Schmiede muss weg!

So denkt und stimmt, wer am Pilatusplatz hauptsächlich die kontrollierbare, marktwirtschaftliche Optimierung eines städtischen Standorts im Sinn hat; wer die entsprechende städtische Liegenschaftspolitik (mitsamt der Abbruchbewirtschaftung seit 1967) unterstützt; wer für die lokale Markt-Dynamik im Sog der Greater Zürich Area (GZA) argumentiert; wer hofft, dass das visuelle Mitleiden am Pilatusplatz, das so ganz und gar nicht zur selbstverliebten Tourismusfassade von Luzern passt, möglichst bald der Vergangenheit angehört und durch Firmenarchitektur ersetzt wird.

JA. Der Pilatusplatz ist ein Ort für Innovation

So denkt und stimmt, wer sich für Luzern eine offenere und innovativere Stadtentwicklung erhofft und daran glaubt, dass der bauliche und demokratische Widerstand der Schmiede bzw. die Geschichte und die Möglichkeiten am Pilatusplatz gerade jetzt Anlass genug sind für eine innovative Stadt-Schmiede. Wer sich so in die Liegenschaftspolitik einmischt, erwartet von der Grundeigentümerin Stadt Luzern eine aktivere, offenere Haltung und von der Stadtentwicklung überzeugendere Ideen und Argumente. Mit dem Dilemma, trotz einem JA für den Abriss der Schmiede zu sein, lässt sich gut leben.

Werden wir noch staunen?

Die Schmitte ist ein Relikt einer dörflichen Vielfalt, die nicht durch eine leitungsfähigere Neubebauung ersetzt werden kann. Die Vielfalt und die urbanistischen Chancen hingegen, die mit der Diskussion um die Schmiede  – und einer möglichen Stadt-Schmiede am Pilatusplatz – in Verbindung gebracht werden können, haben das Potential, dass sie von einer neuen, wirtschaftlich rentablen und wie auch immer überzeugenden neuen Nachbarschaft geerbt werden können.

PS: Auf die Androhung im städtischen B+A, ein JA zur Vorlage würde am Pilatusplatz schnell zu unbezahlbaren Mieten in der alten Schmiede, zu einem Ertragswertverlust in der Stadtkasse und zur Situation „Stillstand statt Stadtentwicklung“ führen, hat G.B Shaw eine literarische Antwort parat: What is this life, if we don’t have the time to stand and stare. Schön wäre, wir könnten in den kommenden Jahren am Pilatusplatz auch dann immer wieder für Minuten staunend stehen bleiben, wenn wir nicht von der roten Fussgängerampel dazu gezwungen sind.

Grundlage für die Visualisierung durch visual©vranek sind Fotos aus dem Büro für Stadtfragen und das Projekt skyvillage der holländischen Architekten MVRDV:

Musikcampus gehört ins Lido, das Lido in die Stadt

Mit der Machbarkeitsstudie zum Standort der Salle Modulable in Luzern scheint für den Moment geklärt: Die grössten Chancen hat die Campusidee mit Musiktheater und Musikschule dann, wenn am Standort Lido geplant wird.

Statt Wunschvorstellungen zu einem zweiten KKL am See und einem jahrelangen K(r)ampf um einen Standort direkt am Wasser südlich des Bahnhofs (Werft oder Bootshafen) verspricht der Standort Lido eine umsetzbare Vision: Luzern überwindet Distanzen, die vor allem in den einheimischen Köpfen bestehen, und holt den Stadtteil Lido mit seiner Ausstellungs-, Event- und Freizeitinfrastruktur näher ins Zentrum. Mit der richtigen Architektur und etwas Mut kann die KKL- Stadtlandschaft so nachhaltig, mit einem innovativen Beitrag zum Thema der temporären Stadt und in einem überblickbaren Zeitraum verdichtet werden.

Text: Salle Modulable_Machbarkeit





Stille Stadtentwicklung statt Risikoplanung

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Film

Die Stadt Luzern verändert sich – gleichzeitig in ihrem Herz und am Rand. Was hat der Stadtkeller mit der Stadtregion zu tun?

Die NLZ berichtete gestern darüber: In der Altstadt droht der Stadtkeller zum «Lumpen-Laden» zu werden. Polo Hofer bedauert, und die Kulturchefin hat «rechtlich» weder eine Aufgabe noch Instrumente, um etwas dagegen zu tun. Szenenwechsel ein paar Seiten weiter: Ernst&Young, die Uni St.Gallen und Metron kümmern sich um das Projekt «Starke Stadtregion». Der Kopf in dieser Geschichte heisst Christian Sauter. Das eine hat mit dem anderen zu tun. In der Altstadt und regional geht es um die Zukunft des Wirtschafts- und Lebensraums Luzern, nur: Wer übernimmt für diese Aufgabe eigentlich die inhaltliche Verantwortung? Die Medien tun ihr Bestes: Sie schreiben über Symptome und persönliche Meinungen. Zurecht: In der Altstadt sind die Ursachen der Entwicklung hin zum zweitklassigen Shoppingcenter nämlich längst bekannt und mögliche gemeinsame Aufgaben der verschiedenen Akteure ebenso, jedoch: Sie sind in ihrem Wesen von anspruchsvoll über konfliktanfällig bis langwierig. Stille Stadtentwicklung ist angenehmer.

Chancen und Risiken

Als starke Wirtschaftsregion hat Luzern im Binnenmarkt und im Export ihre eigenen guten Chancen. Deshalb verwirrt es, wenn der Projektleiter der Stadtregion zum Start vor allem verlauten lässt, was er nicht will: über eine Fusion entscheiden. Das ist nämlich auch nicht nötig, weil für die Auftraggeber das politische Ziel (Fusion) sowieso klar ist; auch regionalökonomisch sprechen die Argumente deutlich für eine grössere Verwaltungseinheit. Nur: Investoren, Firmen, Kulturunternehmen, armen und reichen Familien, jungen Arbeitskräften und welttauglichen Kreativen ist es egal, ob ein oder vier Stadtoberhäupter regieren. Sie haben zuerst das Anrecht darauf und hoffentlich auch die Motivation dazu, in geeigneter Form mit zu gestalten und mit zu verantworten, was sie nicht gleich morgen aber bestimmt übermorgen selbst am meisten betrifft; die Entwicklung des gemeinsamen Wirtschafts- und Lebensraums. Dabei geht es um konkrete inhaltliche Anliegen, um Annahmen, Verteilung, Risiken und Konsequenzen; nicht zuerst darum, territoriale, wirtschaftliche und damit politische Machtansprüche durch Polit-Expertisen und Verfahren zu legitimieren. Das ist die eigentliche Chance für die luzernische Stadtentwicklung und Wirtschaftsförderung: Die Kommunikation mit den verschiedenen Akteuren als Teil der regionalen Zukunfts-Lösung zu betrachten, z.B. als Alternative zu einer lokal perfektionierten Mediokratie und Polit-PR.

Risikokultur statt Event-Kultur

Es ist gut, hat Luzern Fasnächtler, Events, Messen und den internationalen Tourismus: sie machen den traditionellen Lärm in einer ausgesprochen erfolgreichen Event-Stadt. Lärm, Laufstege und Selbstdarstellung reichen jedoch als Taktik für nachhaltige urbane Entwicklung schon in naher Zukunft nicht mehr aus, schon gar nicht, wenn die Region und damit das „Land“ um Luzern herum zur Diskussion steht. Die in den letzten Jahren erfolgreich praktizierte politische Inszenierung lokaler Kulturökonomie scheint deshalb tatsächlich ein Rezept aus dem letzten Jahrhundert zu sein. Eher gilt: Morgen ist schon heute; jetzt und wohl in naher Zukunft geht es vermehrt um messbare regionale Ressourcenpolitik, noch mehr darum, den Dialog „Stadt-Land“ nachhaltig und nicht von innen nach aussen zu führen; um Anpassungsstrategien statt um Planung; es geht um die politische Führerschaft unter den Bedingungen einer Risikogesellschaft. Eine Stadt wie Luzern, die gleichzeitig im Kern und am Rand vor bzw. mitten in Veränderungen steckt, muss nicht sehr kreativ und sehr laut sein, um ihre Chancen und Risiken zu erkennen, dialogisch zu vermitteln und zu nutzen; sie sind zuhauf vorhanden. Was es braucht sind Mut und Offenheit.