Misty – people met in architecture

Alle zwei Jahre im November geht die Architekturbiennale in Venedig zu Ende. Die 12. Ausgabe hat die Architektur sinnbildlich in den selbst geschaffenen Nebel sinnlicher Erlebnisse gestellt – und das ausgerechnet in der Lagunenstadt. Darüber hinaus gab es einzelne kritische Sätze, Gebäudesensationen und den gewohnten Mix aus Spannendem und Langweiligem in den Länderpavillons. Dennoch geht nichts über die Vorfreude auf 2012: Es wird dann die 13. Mostra Internazionale di Architettura sein.

Bilder: Stadtfragen

(sta) Die Weitsicht ist halb durchsichtig, das Blau über der Lagunenstadt herbstlich gedämpft, die verschiedenen Farben der Häuserzeilen entlang dem Canale Grande wirken ohne die harten Schatten der Sommersonne wohlwollend aufeinander abgestimmt. In den Giardini, dem berühmten Ausstellungspark Venedigs, sind nicht etwa nur die Architekt/innen, sondern auch das übrige Publikum meist dunkel gekleidet: Ähnliche Szenen und Eindrücke gehören zum Ende der Architektur-Biennale in Venedig, die alle zwei Jahre von Juli bis November stattfindet. Die Kombination von internationaler Architekturshow und der sich selbst darstellenden, unendlich schön sterbenden Stadt Venedig bietet im Spätherbst ganz besondere Erlebnisreize an.

Sinnliches und Währschaftes

People meet in architecture. Den Ausstellungstitel setzte Kazuyo Sejima, die 2010 als erste Frau die Architekturbiennale von Venedig leitete. Der Besuch der Hauptausstellungen in den Giardini und im Arsenale hinterliess dann auch tatsächlich der Eindruck, dass es eine Antwort auf die Frage gibt, was es denn eigentlich an Zutaten braucht, damit Menschen in der Architektur aufeinander treffen können. Die Antwort könnte lauten: Einen Cocktail aus sinnlichen Erlebnissen. Derartige Momente waren in Venedig einige zu sehen, etwa: die überzeugende monumental-konstruktivistische Installation von Garcia-Abril & Ensamble Studio (phantastisch), der Pirelli-Boden als Kunstwerk an der Wand des belgischen Pavillons (na ja), das holländische Architektur-Netzwerke aus Nägeln und Fäden (hübsch), die knallenden Wasserblitze aus Licht im Arsenale oder Modelle von Aires Mateus e associados (Modellbild oben). Auch mit dabei, aber eher währschaft und deshalb auf den zweiten Blick sinnlich, präsentierte sich die im Schweizer Pavillon ausgestellte heimische Brückenkunst. 2012 ist es nun wirklich Zeit für einen nationalen Wettbewerb.

Disziplinierter Gänsemarsch im Nebel

In der Lagunenstadt Venedig einen künstlichen Nebel auszustellen, muss man als mutiges Unterfangen bezeichnen. Transsolar + Tetsuo Kondo haben es mit ihrer minimalistischen Installation in der Hauptausstellung gewagt. Der Aufstieg durch verschiedene, künstlich hergestellte Kilmazonen bot durchaus ein architektonisches Erlebnis an. Akos Moravansky nannte das Thema jüngst Meteorologische Architektur (Tec 21, 42/43 2010); ein Bauen von Atmosphären statt Bildern, wenn Umwelt nicht mehr nur betrachtet, sondern auch als eingeatmet gedacht wird. Wer jedoch das Blur Building, eine begehbare Wassersprühwolke über dem Neuenburger See, entworfen von Diller + Scofidio 2002 für die Schweizerische Landesausstellung Expo.02 erlebt hat, konnte der Nebelarchitektur in Venedig kaum viel abgewinnen. Die Skulptur liess die Besuchenden im Gänsemarsch und mit Fotoapparat im Anschlag in die künstlichen aber sicheren Höhen bis zum höchsten aber harmlosen Wendepunkt über dem Boden der Realität der Halle aufsteigen. Nach dem Abstieg fand man sich wieder am Ausgangsort. Kein aussergewöhnliches Erlebnis, eher hatte die Begehung eine gewisse Symbolkraft für den Gänsemarsch der Ideen und Formen in der aktuellen architektonischen Produktion. Die eigene Disziplin Architektur in den eigenen Nebel gestellt; rückblickend passt dieses Leitmotiv eigentlich ganz gut zur 12. Mostra: misty – people met in architecture.

Kritische Beiträge

Wer regelmässig nach Venedig reist, kann sich kaum davor hüten, einzelnen Länderpavillons aufgrund früherer Besuche schon im Vorfeld mehr Wohlwollen und Interesse entgegen zu bringen. Bei mir gehört jeweils der Pavillon Japans dazu. Mehrmals war der Beitrag durch klar formulierte und gestalterisch überzeugende Statements eine Klasse für sich. Auch in diesem Jahr wurde ich nicht enttäuscht: Public urban spaces are authorithan devices for suppressing people lautete der Titel der Ausstellung, und er stand als einer der wenigen kritischen Sätze zur Lage des Urbanen, die an der Ausstellung zurecht nach Aufmerksamkeit verlangten. Zudem war es der Katalog Tokyo Metabolizing von Kitayama, Tsukamoto und Nishizawa wert, gekauft zu werden: Ein schön gemachter, interessanter Versuch, 50 Jahre nach der Gründung der Metabolisten-Bewegung über die urbanistische Theory und Praxis in der Stadt Tokyo zu berichten.

Mobilität für alle können wir uns nicht leisten, lautete ein kritischer Fetzen im Auftritt von Rem Koolhaas. Der Niederländer wurde mit dem Goldenen Löwen für sein bisheriges Lebenswerk ausgezeichnet. Seine journalistisch vereinfachte und sich auf Zahlenreihen und Fakten abstützende Selbstdarstellung als global denkender und bauender Baumeister wirkte jedoch etwas vom eigenen Erfolg überholt.

Erfrischend naiv: rethinking happiness

Bereits die 11. Biennale 2008 (me, myself and I) hinterliess den Eindruck, dass sich der Mensch als Objekt der Architektur zunehmend allein auf dieser Welt befinden will. 2010 schien es, dass die Architekten und ihre Disziplin es im speziellen auch sein wollen. Ganz im Sinn des Autorenarchitekten und seiner Grundhaltung ist die Essenz architektonischen Schaffens dann zuerst deren Sinnlichkeit: Die Wahrheit ist weder schön noch hässlich, weder chaotisch noch ordentlich, weder ökologisch noch unökologisch, sondern sinnhaft. Sie (die Form) ist die Konsequenz aus der Idee. Das was ich mache, verstehe ich als Kunst (Valerio Olgiati, „Der Architekt ist kein Dienstleister“, in: tec 21, 41/52 2010).

Es erstaunt daher nicht, dass People meet in architecture im Vergleich zu den letzten Biennalen eher noch weniger Hörbares, Lesbares und Wahrnehmbares darüber berichtete, wo und wie die Disziplinen Architektur und Städtebau in der Welt stehen. Bevorzugt im eigenen Nebel? Als Antwort auf diese Frage präsentierte Aldo Cibic seinen auf den ersten Blick naiven aber im Kern doch erfrischenden Beitrag rethinking happiness mit vier urbanistisch-architekonischen Beiträgen zur Zukunft eines glücklicheren Zusammenlebens. Sein idealer Siedlungsentwurf auf der Grundlage gemeinschaftlicher Selbstversorgung (Ernährung und Energie) geht davon aus, dass Idealprojekte keine Ideallösungen, sondern lediglich Annäherungen an die sozial, ökonomisch und umweltbedingte Forderung nach einer besseren Lebensqualität sind; neue Realitäten, um Lebensstile zu verändern: Rural Urbanism als Antithese zu Masdar City. Erfrischend an diesem Gedanken ist der Hinweis, dass die Nachhaltigkeitsforderung in der Planungs- und Baupraxis nicht mit der Vergabe von Labels erledigt ist: Eher erfordert aktuelles Wissen im Umgang mit Ressourcen und gesellschaftlichen Herausforderungen eine andauernde räumlich-gestalterische Annäherung an verbesserte Lebensformen, die das Glück der Menschen in den Vordergund stellen. Die Publikation dazu: Aldo Cibic, rethinking happiness, Corraini 2010.

Gebäudesensationen

Toyo Itos Bauten sind nicht einfach Bauten, sondern sinnlich motivierte Gebäudesensationen, und sie gehörten in Venedig zu den Höhepunkten unter den traditionellen Projektpräsentationen. Im gewohnten Mix aus Spannendem und Langweiligen, den die Biennale einmal mehr auszeichnete, hatten die ausgestellten Modelle und Zeichnungen ihre eigene, sogar touristische Wirkung: Das muss man in gebautem Zustand sehen! Diese Wirkung schafft die Biennale allein durch die Substanz der gezeigten Inhalte nicht mehr. Ein Mangel, der jedoch durch die Vorstellung der jeweils zu erwartenden Menge und mit zeitlichem Abstand auch durch die Vorfreude auf die nächste Venedig-Reise längst kompensiert werden kann, deshalb: 2012 wird es für das Büro für Stadtfragen die Reise zur 13. Mostra Internazionale di Architettura sein.

Casa Poli, Pezzo von Erlichhausen, Coliumo, Chile