Fünf Ansichten zu Frank Gehry

„Mir gefällt die Art und Weise, wie das Gebäude an diesen Ort passt“, sagte Frank Gehry anlässlich der Eröffnung der Cleveland Clinic for Brain Health 2010 in Las Vegas. „Ich habe nicht versucht, mit dem Chaos rundherum zu konkurrenzieren“. Das Büro für Stadtfragen hat das Gebäude besucht. Die Architektur überzeugt ausgerechnet hier in Vegas – auch wenn man Frank Gehry’s Formen-, Struktur- und Materalvirtuosität nicht ohne Vorbehalte begegnen kann. Eine Dokumentation in fünf Ansichten.

Bilder: Büro für Stadtfragen 2012, Zitate Frank Gehry: Interview ap 2010

Ansicht aus der Luft (Titelbild)

(sta/Las Vegas/2/2012) Gedanken an Las Vegas beginnen und enden gewöhnlich mit Gedanken an den berühmten Strip: Der sieben Kilometer lange Stadtstreifen mit seinen architektonisch inszenierten Themenwelten verkörpert weitaus erfolgreicher als etwa Einzelbauten die urbane Destination Las Vegas, die jährlich 39 Millionen Gäste in die Wüste Nevadas lockt. Nachdem Frank Gehry zuvor mehrere Bauaufträge in Las Vegas abgelehnt hatte, baute er hier zwischen 2007 und 2010 dann doch. Seine Cleveland Clinic (Bildmitte) sollte sich jedoch von der „cacaphony“ der Hochhaus- und Casino-Architektur, so Gehry, deutlich abheben. Dass dieses Unternehmen im Stadtkörper von Las Vegas nicht einfach ist, jedoch mit Hilfe einer überzeugenden, städtebaulich offenen Insellösung gelingen kann, lässt das Luftbild (Standort: Aussichtsturm Hotel Stratosphere) mit dem Gebäude in seiner Umgebung zuerst nur erahnen.

Das Areal ist eine städtebauliche Insel, die an der Ecke eines ehemaligen Eisenbahngrundstücks liegt, westlich von downtown Las Vegas mit der berühmten Freemont-Street und dem Golden Nugget. Meistens blauer Himmel, braune Berge, die rote Steinpyramide des Clark County Government Center prägen an diesem Ort die Aussicht. Im Stadtgrundriss ist die Anlage zudem von einem grossen, ja masslos großen Möbelausstellungshaus mit Convention Center, dem World Market Center flankiert, zudem von einer Outlet-Shopping Mall und der Baustelle für ein Kultur- und Konzertzentrum. Die Ankunft mit dem Auto erfolgt auf einem für Las Vegas typischen, grosszügigen Parkplatz.

Ansicht downtown

Gehry’s Entwurf besteht aus zwei unabhängigen Gebäuden: zum einen aus den viergeschossig aufgetürmten, kubischen Nutzungseinheiten der Tagesklinik (rechts im Bild), zum anderen aus dem formal dekonstruierten, metallisch glänzenden Event Center (linker Gebäudeteil). Den offenen Zwischenraum überdeckt eine mehrfach gefaltete Stahlskulptur. Als Fortsetzung der Fassade des Event Centers lehnt sie sich formal eigenwillig und scheinbar eher unwillig an die Tagesklinik an. „It’s not just blah, blah, blah, bland“, nicht nichtssagend, davon ist Gehry überzeugt, gerade weil die Architektur in indirekter Nachbarschaft zu downtown Las Vegas einen Beitrag an die Stadt liefere. Der Getränkeproduzent Larry Ruvo, dessen Vater an einer Hirnkrankheit gestorben war, hatte als Auftraggeber und Mäzen der Cleveland Clinic von Gehry nichts anderes als genau das erwartet: „Er hat mich gebeten, ein für Las Vegas einmaliges Gebäude zu schaffen, dass als solches, ähnlich einem Markengetränk in einem Shoppingcenter, sofort erkannt wird und das als Marketingsintrument verschiedene Gruppen anzieht, die hier Events durchführen“, so der Meister rückblickend. Die Arbeiten begannen 2007. Die Klinik wurde 2008 fertiggestellt, das Event Center 2010. Der Gesamteindruck, die Zugänge und Zwischenräume überraschen und überzeugen vor Ort gleichermassen; Klinik, Event Center und Gartenanlage bilden zusammen eine in ihrem Masstab eigenständige und stimmige Adresse. Gesamtkosten: 75 Millionen Franken.

Ansicht vor Ort

Die Cleveland Clinic offenbart vor Ort ihre Absichten unmittelbar – und auch jene bekannten des Architekten Frank Gehry: „You deliver a unique building, that creates a sense of pride, that works, that keeps the rain out, is uplifting and makes you happy to go to work and live in“. Dass der Regen draussen bleibt, dafür sorgt beim Event Center u.a. eine in China produzierte, rostfreie Stahlstruktur, die mit 18’000 an Ort und von Hand gebürsteten Elementen verkleidet ist. Wie das Interesse am Gebäude und die Reputation der Clinic zeigen, schafft die bei Tageslicht glänzende und nachts bunt illuminierte Architektur nicht nur für Patienten von Hirnkrankeiten wie Alzheimer oder Huntington einen Mehrwert, sondern auch für die Besitzer und sogar für die Stadt Las Vegas, die mehr sein will als eine „City of Entertainment“. Die ikonische Architektur Gehry’s stilisiert als Architekturmarke gleichzeitig die Win-Win-Situation der daran Beteiligten und deshalb die Rahmenbedingungen für die ökonomische Machbarkeit des Neubauunternehmens an diesem Ort. Wie offiziell erzählt wird, hatte vor allem die Wirkung und Formensprache von Gehry’s Architektur bereits in der frühen Entwurfs- und Projektphase mitgeholfen, das Bauprojekt, den späteren Betrieb und die Forschungsarbeiten in der Clinic mit Foundrising zu finanzieren.

Ansicht zu Fuss

Seit der Eröffnung macht die Architektur der Klinik Tages-Patienten und Forschende aus aller Welt glücklich. Besuchenden, die nicht in den Genuss einer Führung kommen, bereitet vor allem der öffentlich zugänglich Garten (Landschaftsarchitektur: Atelier Deneen Powell) eine Freude. Vom offenen Foyer zwischen den beiden Gebäudeteilen aus lädt er zu einem für die Autostadt Las Vegas eher ungewöhnlichen Areal-Spaziergang ein. Die Anlage der Cleveland Clinic präsentiert sich dabei als bauliches Gesamtkunstwerk: Wege, Ansichten, Bepflanzung, Kunstobjekte, Sitzgelegenheiten sind auf kleinstem Raum harmonisch mit dem Gebauten abgestimmt.

Innenansicht

„Es hat mir den Atem genommen“, soll Gehry, mittelweile 81 Jahr alt, bei der Eröffnung des Event Centers gesagt haben. Tatsächlich ist das Innere des Event Centers ohne direkten Augenschein kaum vorstellbar. Was aussen an der Fassade in Form einer Netzstruktur aus Fenstern leicht bis zerbrechlich wirkt, präsentiert sich innen als massive aber dennoch leichtfüssig tragende bzw. abgestützte Wand- und Deckenkonstruktion. Die statisch eigenständige, mehrfach gefaltete und gebogene innere Fenster-Fassade lässt sich im Gebrauchsfall mit allen Mitteln der Licht- und Tonkunst inszenieren: der rote Teppich, weisse Wände und eine vom Möbel bis zum Teller von Frank Gehry entworfene Ausstattung bilden die Grundausstattung. Too much? In den Augen Gehry’s wohl kaum, denn alle Entwürfe dienen einem übergeordneten Ziel, dem der Architekt seine Gestalt verleiht: „Das Wichtigste ist die Persönlichkeit des Gebäudes. Ich kann jedoch verstehen“, so Frank Gehry, wenn jemand das nicht versteht, „when somebody doesn’t get it“, denn solche Dinge benötigen seiner Meinung nach eben ihre Zeit. Zum Beispiel dann, wenn man Frank Gehry’s Formen-, Struktur- und Materalvirtuosität nicht vorbehaltlos begegnet. Erfrischend einfach wirkt in diesem Fall das Innenleben der Klinik. Helle, offene Räume und Frank Gehry’s Möbel aus Fichtenholz sorgen für eine angenehme Aufenthaltsqualität.