Es ist wieder Rudern

Architektur und Landschaft dauern aus dem Zug betrachtet nur einen kurzen Augenblick lang. Am Rotsee, auf der SBB-Linie zwischen Luzern nach Zürich, haben Andreas Fuhrimann und Gabrielle Hächler (afgh) für die Naturarena 2013 den neuen, dreigeschossigen Zielturm aus neuseeländischer Kauri-Fichte gebaut. Ein visueller Geheimnis-Kasten, eingebettet in die Landschaft, monumental, skulptural und ganz in sich selbst verankert.

 

sta. 7/18. Der fragile Ausdruck des Holzstapels wechselt sein Gesicht dann, wenn Rudern ist: Dann öffnet er seine Fenster, in den Tagen der Vorbereitung und Trainings nur zum Teil, während der nationalen und internationalen Regatten vollständig. Eine architektonische Skulptur haben die Architekten in die Landschaft gesetzt. Eine drop-sculpture ist hier gelandet, so nennen die Architekten das Gebäude liebevoll, die nicht nur die Zeit messen will, sondern auch den Anfangspunkt im Diskurse über Kunst im öffentlichen Raum stilisiert. Richard Serra hat dazu gemeint: „Das Spezifische an standortbezogenen Arbeiten ergibt sich daraus, dass sie für einen Platz konzipiert werden, von ihm abhängig und untrennbar mit ihm verbunden sind.“

Afgh haben sich im Wettbewerb 2012 mit dem Kennwort „Himitsu Bako“, was soviel wie „Geheimnis Kasten“ heisst, durchgesetzt. Der Holzturm wirkt irgendwie wackelig. Gleichzeitig sitzt er prominent und selbstbewusst in der Rotsee-Landschaft. Dieser Widerspruch ist kein Zufall, denn Hinter dem Entwurf steckt ein architektonisches Verfahren, durch das sich das Gebäude je nach Perspektive einer eindeutigen Wahrnehmung durch das Auge entzieht. Es ist irgendwie irritiert, findet wenig oder gar keinen Halt. Zudem wechselt der Holzstapel aus Fichtenholz, je nach Saison, Wetterlage und den Aktivitäten auf dem See, seine Eigenschaften: Er kann gross oder klein sein, offen und geschlossen, aktiv und stumm, sogar: lokal sanft eingebettet und für kurze Zeit global präsent wie bei internationalen Fernsehübertragungen.

Monumentalität ist bei dieser Architektur deshalb keine Frage der baulichen Masse, weil sich die Architektur sowohl im Gebrauch wie im Nicht-Gebrauch ihre Aufmerksamkeit selbst, mehrdeutig und temporär im ganz grossen Stil verschaffen kann. Dadurch ist am Rotsee baulich der Spagat zwischen den zwei Realitäten des Ruder-Spektakels und der Naherholung gelungen. Als Skulptur und als Zeitmesser gibt der Zielturm am Rotsee den zahlreichen Sportlern und seinem Publikum, Zug-Pendlern, Joggern und Hündelern mehr zu denken, als auf den ersten flüchtigen Blick sichtbar ist. So geht eben Baukunst, die in ihrer Grundhaltung offen ist, den realistischen Bezug zu den vorgefundenen Realitäten findet und dabei erst noch ganz bei sich selbst bleibt.