KKL (4) Trendgastronomie: Unheil oder Segen?

Das KKL Luzern hat seine Gastronomie umgebaut und stellt damit die fragile Symbiose zwischen dem architektonischen Gesamtkunstwerk und kommerziellen Zielen auf die Probe. Ateliers Jean Nouvel (AJN) durften lediglich den neuen Eingang zur Deli Cafébar Le Piaf mitbestimmen. Der Auftrag für die Innenarchitektur ging an das Atelier West in Baden. Stadtfragen hat die verantwortliche Innenarchitektin Guadalupe Falguera zu ihrer Arbeit befragt.

Guadalupe Falguera, Partnerin und Leiterin Innenarchitektur bei Atelier West / © Atelier West

sta/20618. In einem Museum von Herzog & de Meuron gestalten die Architekten auch die Cafeteria. Im Kultur- und Kongresszentrum Luzern von AJN tragen sogar die WCs die Handschrift des Meisters aus Paris. So funktioniert das Co-Branding zwischen Tourismusstandorten, Betreibern von Kulturhäusern und den Werken internationaler Autorenarchitekten: Im Wettbewerb um Aufmerksamkeit wird ein Gesamtkunstwerk angeboten. Das KKL Luzern ist deshalb seit 1998 bzw. 2000 eine Erfolgsgeschichte. Die Werktreue, mit der das Jahrhundertbauwerk damals realisiert wurde und die Sorgfalt, mit der seither diverse Anpassungen erfolgt sind, haben dem Zahn der Zeit gut standgehalten. Das ist nicht selbstverständlich: Mit jeder Veränderung, bei der Umsatzziele und Marketingmassnahmen auf den Anspruch treffen, das Gesamtkunstwerk am Europaplatz zu erhalten, riskieren die Besitzer und Betreiber, dass das wertvolle kulturelle Erbe KKL Luzern verblasst.

Urban und quirlig wachsen

In den nächsten Jahren setzt die Führung im KKL Luzern u.a. auf das Umsatzwachstum in der Gastronomie. Ein für Luzern neues, kulinarisches Angebot und Trends in der Innenarchitektur sollen es richten. Architektonisch will man sich urban, quirlig und instagrammable präsentieren, kurz: auch geeignet sein, gepostet zu werden. Das Word Café heisst jetzt Le Piaf, das Red neu Lucide. AJN konnte aus der Ferne die Lage und Gestaltung des neuen Hauseingangs für das Le Piaf an der Nordfassade mitbestimmen. An einem Vorschlag aus Paris für die Inneinrichtung war das KKL Luzern gemäss Stefan Zopp, Studio Direktor bei AJN, jedoch nicht interessiert. Eine erste Planung mit einem anderen Architekten wurde zudem nach ein paar Monaten wieder beendet. Schliesslich ging der Auftrag für die Innenarchitektur an das Atelier West aus Baden. Und wie ist der Spagat zwischen dem architektonischen Gesamtkunstwerk, den gastronomischen Vorgaben, Marketingzielen und neusten Einrichtungstrends nun letztlich gelungen?

Stadtfragen hat Guadalupe Falguera vom Atelier West aus Baden am 08. Juni 2020 interviewt.

Frau Falguera: Haben Sie Jean Nouvel persönlich getroffen? Nein. Wir haben bei unserer Arbeit nicht direkt mit dem Büro AJN in Paris kommuniziert, sondern immer via KKL Luzern. Inhaltlich ging es um den neuen Eingang, um die Schnittstelle zwischen der Innenarchitektur und der Fassade beim neuen Le Piaf. Eine direkte Zusammenarbeit wäre natürlich schön gewesen.

Weshalb? Durch den fachlichen Austausch zwischen AJN und unserem Büro hätte die eine oder andere Lösung vielleicht anders ausgesehen. Über die Innenarchitektur haben wir mit AJN zum Beispiel nie gesprochen. Die Art der Zusammenarbeit lag wohl auch daran, dass für den Umbau sehr wenig Zeit zur Verfügung stand.

Wussten Sie demnach nicht, dass AJN dem KKL Luzern einen eigenen Vorschlag für das Interior Design bzw. die neue Möblierung machen wollte? Nein. Bekannt war, dass vor uns bereits ein anderer Architekt einen Vorschlag ausgearbeitet hatte. Danach entschied sich das KKL für eine Ausschreibung unter drei Teams und wir wurden ausgewählt.

Was hat AJN letztlich zum Umbau beigetragen? AJN hat die genaue, asymmetrische Lage und die formale Gestaltung des neuen Eingangs bestimmt. Wichtig war AJN zudem, dass die bestehende Metallfassade mit einem Tor, das über dem neuen Eingang angebracht ist, bei Bedarf vollständig geschlossen werden kann. Das ist nun zwar nicht per Knopfdruck, aber mechanisch möglich.

Vorgabe von AJN für die asymmetrische Lage und die Gestaltung des neuen Eingangs an der Nordfassade / © AJN 2019

Wie hat es sich für Sie persönlich angefühlt, an der Architektur eines weltweit bekannten Architekten, der auch selber Inneneinrichtungen und Möbel entwirft, weiterzubauen? Das war für uns natürlich ein Highlight. Alle kennen und lieben Jean Nouvel und seine Arbeit. Nach dem ersten Jubel haben wir dann die Aufgabe mit dem notwendigen Respekt und mit klaren betrieblichen, finanziellen und terminlichen Vorgaben übernommen. Leider ging durch den Architektenwechsel wertvolle Zeit verloren, die wir quasi wieder aufholen mussten. Letztlich ging es darum, in nur acht Wochen Bauzeit den Auftrag des Kunden zu erfüllen.

Wie genau haben Sie dem KKL Luzern Respekt gezollt? Uns war es von Anfang an wichtig, dass die bestehende Fassade, die Hülle und die wesentlichen Elemente der originalen Innenarchitektur erhalten bleiben: Der Boden, die Innenwände aus Glas, die Decke aus Metall, das Grau der Stützen und der Fenster. Beim Entwurf hat uns zudem das Bild des «Vogelkäfigs» inspiriert. Der Begriff ist im Zusammenhang mit der Geschichte der geschlossenen, gitterförmigen Architektur der Fassade beim Bahnhofstrakt des KKL Luzern überliefert.

Aus dem World Café wurde so das Le Piaf, der Spatz. Welche Vorgaben mussten Sie erfüllen? Das neue Gastronomiekonzept sah eine Zonierung mit Hoch- und Esstischen vor. Hochtische für den schnellen Kaffee, Esstische für längere Pausen. Kurzum: Gastronomisch und betrieblich ging es darum, einen Ort für verschiedene Zielgruppen bzw. Bedürfnisse, Angebote und Tageszeiten zu realisieren.

Der neue Eingang zum Le Piaf mit dem Spatzen-Logo / © stadtfragen 2020

Wieso ist es richtig, einen Raum von dieser Grösse so unterschiedlich einzurichten? Gastronomisch bzw. unternehmerisch ist es richtig, einen derart prominenten Standort auf verschiedene Zielgruppen auszurichten. Unsere Gestaltung nimmt diese Zonierung auf, bietet verschiedene räumliche Situationen und Ausblicke an und verbindet letztlich den Innenraum wieder zu einem gestalterischen Ganzen.

Der Umbau wurde gemäss KKL von der «modernen Pariser Gastronomie inspiriert» Woran erkennt man das? Das müssen Sie die Gastronomie fragen (lacht).

Ich frage aber lieber Sie: Was steht beim Umbau für «Pariser Gastronomie»? Ich glaube, mit dieser Aussage ist das gastronomische Angebot im Le Piaf gemeint, nicht seine Innenarchitektur. Übersetzen könnte man die Aussage damit, dass es im Le Piaf nicht um Snacks oder Fast Food geht, sondern um ein neues kulinarisches Angebot für Luzern, das vielleicht gerade auch in Paris im Trend liegt.

Und weshalb wurden Innenarchitektur und Gastronomie nicht aufeinander abgestimmt? Wir fanden ein Entwurfskonzept zu fremd, das dem neuen Ort künstlich einen Pariser Charme einhaucht, konkret: Wir wollten keinen schwarz-weiss karierten Boden, Bilder von Monet an der Wand und Kronleuchter an der Decke. Geklonte Orte sind etwas für Las Vegas, nicht für Luzern. Wir haben den bahnhofseitigen Gebäudeteil des KKL Luzern als ‚Kunsthaus‘ gelesen und wollten das Le Piaf entsprechend einrichten. Diese Idee passte zu einem urbanen Lifestyle, ist spontan, locker, sie hat mit Kunst, mit Natur und dem Ort am Europaplatz zu tun. Das neue Le Piaf im «Vogelkäfig» wollten wir deshalb mit vogelartigen Skulpturen von regionalen Künstlern einrichten, die mit Origami, der Kunst des Papierfaltens, vertraut sind.

Die Idee wurde aber nicht umgesetzt. Leider. Die Kosten spielten eine Rolle. Das KKL wollte zudem mögliche Kompromisse in der Gastronomie sowie – aus Rücksicht auf das Kunstmuseum – eine öffentliche Künstlerdiskussion verhindern. Realisiert haben wir jedoch verschiedenfarbige Wände aus hochwertigen, handgefertigten Keramikplatten. Ihre Oberflächen folgen der Abwicklung eines Origamivogels. Die Wände wirken dadurch räumliche wie anonyme Kunstwerke. Unserer Idee des Cafés im Kunsthaus sind wir so im Ansatz treu geblieben. Wichtig für die Innenarchitektur sind zudem die echten Pflanzen direkt unter der Decke und die unterschiedlich dicht und hoch angeordneten Leuchten. Sie wirken wie ein zusammenhängendes Deckenrelief.

Wer das Le Piaf betritt, hat dadurch das Gefühl, die Leuchten direkt auf dem Kopf zu tragen. Das kann im Einzelfall so wirken. Im Eingangsbereich hängen die Leuchten auf der Mindesthöhe von 210 cm. Wir erreichen so den Effekt, dass die Gäste im niedrigen Eingangsbereich nach vorne zur Theke geleitet werden und von dort ihren Blick hinauf zum Angebot auf den Bildschirmen richten.

Die Theke im Le Piaf ist mit handgefertigten Keramikplatten verkleidet / © KKL Luzern

So wie bei Mc Donalds, Starbucks und den Food-Theken in der Bahnhofshalle? Der Vergleich hinkt schon alleine wegen der Küche und den Produkten, die das Le Piaf anbietet. Im KKL Luzern sind die verwendeten Materialien und die Möblierung hochwertiger als bei Starbucks. Klar orientiert sich die Innenarchitektur an aktuellen Trends beim Betrieb und in der Möblierung eines Gastronomiebetriebs, mit gutem Grund: Letztlich geht es bei der Einrichtung eines Gastronomiebetriebs nicht darum, architektonisch partout anders zu sein, sondern darum, kulinarisch und ästhetisch positiv wahrgenommen zu werden, auch medial und speziell in den sozialen Medien.

Und ist das gelungen? Ich bin überzeugt, dass das KKL Luzern mit dem Le Piaf einen Ort erhalten hat, der auf die Bedürfnisse der Gastronomie eine überzeugende Antwort gibt. Mit Respekt vor dem bestehenden Innenraum haben wir darüber hinaus eine neue Atmosphäre geschaffen, für die das Le Piaf sein Publikum findet. Ich habe selbst erlebt, wie Jugendliche die Kamera auf den Boden gelegt haben, um sich vor dem Hintergrund der herabhängenden Leuchten selbst abzulichten. Für mich ist das ein Zeichen dafür, dass das neue Gastronomieangebot im KKL Luzern in der Zeit von Selfies, Instagram und Co. erfolgreich angekommen ist.

Und wie lange dauert diese erfolgreiche Zeit an? Die Zeitrechnung in der Gastronomie sieht für die Innenarchitektur eine Lebensdauer von sechs bis maximal zehn Jahren vor. Sie ist daher mit gutem Grund nicht zeitlos, sondern reagiert vor allem auf die sich schnell verändernden Bedürfnisse der Gäste. Das ist der grosse Unterschied zwischen Architektur und Innenarchitektur. Und das ist auch der Unterschied zwischen einem klassischen Café in Paris, das seit 100 Jahren besteht und einem Gastronomiebetrieb im KKL Luzern. Hier gibt es keinen Stuck an der Decke, sondern ein Streckmetall.

Vielleicht ist diese Decke ja in dreissig Jahren auch «klassisch». Möglich. Deshalb haben wir sie ja auch so belassen, wie sie ist und sie nur schwarz gespritzt.

Welche Folgen hat diese Kurzfristigkeit von Trends für das architektonische Erbe KKL Luzern? Im Moment keine. Vielleicht ist es eher so, dass durch neue Angebote noch mehr und jüngere Menschen das KKL Luzern besuchen werden und erst dadurch auch das architektonische Erbe kennen lernen. Und wer weiss: Vielleicht wird in zehn Jahren aus dem Le Piaf eine Bibliothek. Dass Nutzungen sich verändern, ist ein weiterer Grund dafür, weshalb wir beim Umbau besonders sorgsam mit der bestehenden Hülle und dem Innenraum umgegangen sind.

Das Le Piaf an der städtebaulichen Engstelle zwischen KKL und Bahnhofplatz / © stadtfragen 2020

Reden wir noch über den Europaplatz. War es richtig, genau an der städtebaulichen Engstelle zwischen der grossen Blutbuche und der Stirnfassade des Kunstmuseums einen zusätzlichen Eingang zu setzen? Betrieblich schon, weil dort die meisten Leute sind.

Was sagt die Architektin dazu? Abstrakt über die Szenografie der Architektur und den Platz zu sprechen, das ist eine Sache. Wo und wie sich die Menschen gerne aufhalten, einen Kaffee trinken, anderen Menschen begegnen oder ihnen zuschauen, das ist eine ganz andere. Deshalb ist der neue Eingang richtig gesetzt, genau dort, wo man auch gerne draussen sitzt und dabei die Stadt und den See gleichzeitig im Blick hat.

Und wie kam es zur neuen Möblierung im Aussenbereich? Die durften wir auch vorschlagen. Das KKL Luzern hat sich neben grösseren Flächen für die Gastronomie auch klare Grenzen zwischen der privaten Nutzung durch das KKL und dem öffentlichen, städtischen Bereich auf dem Europaplatz gewünscht. Ausserhalb des Le Piaf zeigt die neue Möblierung deshalb auch an, wo es unter dem Nouveldach nicht mehr möglich ist, spontan ein Sit-in zu veranstalten oder ein Bahnhof-Sandwich zu verspeisen.

Reden wir noch kurz über den Spatz. Wie kam es dazu? Das wissen wir nicht genau. Wir haben erst bei der Abbruchparty für das World Café davon erfahren. Mir gefällt der Name sehr gut, weil er zu unserem Konzept für das Le Piaf im Vogelkäfig passt.

Das übergrosse Spatzen-Logo am Eingang war ihre gestalterische Entscheidung? Nein. Und ich gebe zu, dass meinem gestalterischen Herz eine abstraktere Grafik lieber gewesen wäre. Aber ich verstehe die unternehmerische Absicht, mit Grafik, Sonnenschirmen und Möbeln die Sichtbarkeit der Gastronomie möglichst zu erhöhen.

Was wird Jean Nouvel bei seinem nächsten Besuch in Luzern über das Le Piaf sagen? Oh! – Schön wäre, wenn er die Idee unserer Innenarchitektur erkennt. Bestimmt freut er sich darüber, dass wir die architektonische Hülle in seinem Sinn respektiert und die wichtigsten architektonischen Elemente im Innenraum erhalten haben. Als Unternehmer ist ihm wohl klar, dass die architektonische Sprache seines Gebäudes und die Gestaltung eines Gastronomiebetriebs unterschiedlich langen Lebenszyklen folgen. Und das Schlimmste wäre für ihn wohl, wenn er in seinem KKL Luzern auf ein leeres Café treffen würde.

Das Innere der neuen Cafébar Le Piaf / © KKL Luzern

www.kkl-luzern.ch / www.atelier-west.ch / www.jeannouvel.com