24 Stunden – La Chaux-de-Fonds bei Sonnenschein

sta. In der Dunkelheit und bei trübem Wetter lässt sich nicht so gut über Licht schreiben. Das gilt insbesondere in La Chaux-de-Fonds, der grössten Stadt im Hochjura, die auf rund 1000 Metern über Meer liegt. Bei Sonnenschein eignen sich 24 Stunden jedoch bestens für eine abwechslungsreiche Stadtführung, eine Übernachtung in der Chambre Le Corbusier auf dem Land und für ein paar Takte auf dem Flügel in der Maison Blanche, dem Erstling und Elternhaus des Architekten.

Erinnert an Le Havre: La Tour du Casino in der Mittagssonne von La-Chaux-de-Fonds / Stadtfragen 2020

Freitag, 12.00 Uhr: Ankunft und Mittagessen im Union. Es ist ratsam, in der Geburtsstadt von Le Corbusier bei schönem Wetter und am besten über die Mittagszeit anzukommen. Der blaue Himmel ist dann besonders eindrücklich, er leuchtet anders blau als etwa im schweizerischen Mittelland, fast so wie bei der Ankunft in Visp oder Lugano. Im Untergrund des Metropole Centre an der Rue Daniel-Jeanrichard 23 gibt es genügend Parkplätze, um mit dem Auto anzukommen. Und gleich um die Ecke, an der Avenue Léopold-Robert 29, liegt das Union Restaurant du Théâtre. Auch wer einen grossen Hunger mitbringt, sollte hier noch vor dem Mittagessen den für La Chaux-de-Fonds typischen Weitblick geniessen: Im Nordosten steht in der Fortsetzung zum Theater das Hochhaus La Tour du Casino (im Bild oben), gebaut von den Architekten Gabus et Dubois 1952. Das Bauwerk versprüht städtebaulich und architektonisch tatsächlich einen leisen Hauch der französischen Hafenstadt Le Havre. In dieser Fantasie läge dann in der Gegenrichtung das Meer. In der Realität von La Chaux-de-Fonds sind es Le Locle und vorher noch der Bahnhof. Sein Standort ist durch das einst höchste Gebäude der Schweiz markiert, den Tour de la Gare, gebaut von A. Ed. Wyss 1954-55. Die Sanierung des Turms hat das Erscheinungsbild des Gebäudes leider total verunstaltet. La Chaux-de-Fonds ist eben nicht so beschaulich wie Luzern, Solothurn oder die Kantonshauptstadt Neuchâtel: Die lesbaren Gegensätze und Brüche zwischen der Geschichte und der Gegenwart, zwischen dem rationalen Stadtaufbau und dem Niedergang einer ganzen Industrie, zwischen hoher Baukultur und dem Bauen im Alltag sind es, die den Ort heute prägen und urbanistisch interessant machen.

Freitag, 14.00 bis 16.00 Uhr: Stadtführung mit Myrianne von Büren. Bonjour Madame. Bonjour Monsieur! Auf einer Stadtführung durch die Ville à la campagne, wie La Chaux-de-Fonds auch genannt wird, grüssen sich Mann und Frau, Klein und Gross gerne höflich zu. Die Geste ist ein Zeichen dafür, dass die Stadt mit über 35’000 Einwohner/Innen ihren ländlichen Charakter bis heute behalten hat. Myrianne von Büren zeigt uns ihre Stadt zuerst vom Dach des Espacité aus, einem Hochhaus aus den 1990er Jahren. Mit der Stadtverwaltung als Hauptnutzerin und dem am Fuss des Turms angelegten Platz ist der Ort „das eigentliche Zentrum der Stadt“, so die Stadtführerin. Von der Turmspitze aus hat man einen freien Blick über die eindrückliche Dachlandschaft. Schnell wird klar, weshalb die schachbrettartig angelegte Stadt mit ihren zahlreichen Jugendstilbauten 2009 zum UNESCOWelterbe erklärt wurde. Ob die Verwalter des international angesehenen Kulturlabels allerdings Freude daran haben, dass ein froschgrüner Neubau, er trägt den Namen Le îlot vert, seit kurzem unhöflich auffallend aus der weitgehend einheitlichen Dachlandschaft herausragt, ist eher unwahrscheinlich. Und die Stadtführerin schweigt.

Blick vom Espacité auf die Avenue Léopold-Robert und den froschgrünen Neubau Le îlot vert / Stadtfragen 2020

Auf einem Stadtspaziergang begegnet man der Geschichte der Uhrenindustrie und den Ideen des Städteplaners Charles-Henri Junod auf Schritt und Tritt. Als La Chaux-de-Fonds 1794 und Le Locle 1833 niederbrennen, zeichnet er für die beiden Städte 1842 bzw. 1836 neue Pläne. Sein Plan général für La Chaux-de-Fonds setzte mit langen Häuserzeilen für Wohn- und Gewerbebauten direkt an den damaligen Dorfkern an. Junod plante in der Talsohle des Hochjura eine Bebauung parallel zur Avenue Léopold-Robert und weiteren Verkehrsachsen. Durch zusätzliche Querstrassen entstand ein schachbrettartiges Bebauungsmuster. La Chaux-de-Fonds gründet jedoch nicht, wie andere Industriestädte, auf einer politischen und sozialen Idealvorstellung im Sinne einer Stadtutopie. Sie ist vielmehr das Resultat eines rationalen, pragmatischen und effizienten Nutzungsschemas, das baulich an die Topografie und die Ausrichtung des Hochtals angepasst wurde: Strasse – Haus – Garten. Typologisch sind die bauliche Dichte und die schlanke Form der Häuserzeilen eine Konzession an jene Zeit, bevor im 20. Jahrhundert die grossen Uhrenfabriken entstanden sind. Als Junod La Chaux-de-Fonds erfand, galt es, den zahlreichen Uhrenarbeiter/innen in ihrem Zuhause genügend Licht und entsprechend hohe Innenräume anzubieten.

Eine städtebaulich sehenswerte Besonderheit ist die Rue de la Promenade. Sie verläuft quer zur städtebaulichen Hauptrichtung der Stadt und wurde als repräsentative, begrünte Hauptstrasse angelegt. Der Hanglage folgen mehrere Bauten, die auf massive Fundamenten gründen und über  repräsentative Treppenanlagen erschlossen sind. Auf der Rückseite sind kleine Waschhäuser und Grünflächen angeordnet. Aufgrund ihres Erscheinungsbilde wurde die Strasse mehr oder weniger liebevoll auch als Strasse der Aristokraten bezeichnet. Vom strassenbegleitenden Grün ist heute leider nichts mehr zu sehen.

Typische Häuserzeile nach dem Plan général von Charles-Henri Junod / Stadtfragen 2020

Freitag, 18.00 Uhr: Einchecken auf dem Land. La Chaux-de-Fonds kennt keinen Nebel, so wird erzählt. Das Maison d’hôtes Le Gros-Crêt, das in La Sombaille 33 auf über 1200 Metern über Meer, ein paar Minuten ausserhalb der Stadt seine Gäste empfängt, präsentiert sich an diesem Junitag trotzdem komplett in Nebel eingehüllt. Die Zimmer erinnern durch ihr Design und ihre Einrichtung an die drei Bürger von Weltruf, die in La Chaux-de-Fonds zwischen 1878  und 1887 geboren wurden: Louis-Joseph Chevrolet (der Autobauer), Charles-Edouard Jeanneret (der Architekt Le Corbusier) und Blaise Cendrars (der Schriftsteller und Abenteurer). Architektinnen und Architekten wird empfohlen, in der farbigen Chambre Le Corbusier zu nächtigen

La Maison Blanche / Stadtfragen 2020

Samstag, 10.00 Uhr: Le Corbusier, Maison Blanche. Le Corbusier wurde 1887 und somit zur gleichen Zeit geboren, als La Chaux-de Fonds sein für die weitere Stadtentwicklung zentrales Problem mit der eigenen Wasserversorgung lösen konnte. Dass Charles-Edouard Jeanneret bei der rasanten Stadtentwicklung unmittelbar zusehen konnte, so die These der Stadtführerin, lässt darauf schliessen, dass er mehr von seiner Geburtsstadt gelernt und profitiert haben soll, als umgekehrt die Stadt vom grossen Meister. Immerhin hat er einen Teil seines baulichen Erbes im Hochjura hinterlassen: Mit 25 Jahren baute Le Corbusier 1912 für seine Eltern sein erstes Werk als selbständiger Architekt. Die Fachwelt ordnet die Villa Maison Blanche am Chemin de Pouillerel 12 sowohl als Bruch mit dem Heimatstil und als Vorbotin zur Villa Turque ein, die Le Corbusier 1917 an der Rue du Doubs in La Chaux-de-Fonds realisiert hatte. Wer den Erstling historisch unbelastet und mit offenen Augen besucht, trifft auf eine Assemblage aus verschiedenen baustilistischen Einflüssen. Trotzdem ist dem jungen Architekten, nach mehreren Anpassungen, letztlich ein überzeugendes Ganzes mit ein paar schönen Details gelungen. In diesem Haus möchte man auch heute noch gerne wohnen und arbeiten. Übrigens lohnt sich auch der Besuch in der Maison Blanche vor allem bei sonnigem Wetter. Wer gleich 10.00 Uhr morgens und unter der Woche anreist, hat zudem sehr gute Chancen, das Haus für sich alleine zu haben – den Flügel im Wohnzimmer inklusive. 

Das Wohnzimmer in der Maison Blanche / Bild Maison Blanche

Die fachkundige Stadtführung in Deutsch hat das Office du tourisme ermöglicht.

www.chaux-de-fonds.ch / www.maisonblanche.ch / Maison d’hôtes Le Gros-Crêt

Literatur: La Chaux-de-Fonds, Le Locle. Urbanism Horloger, Editions G d’Encre, 2009

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