Innovation entsteht immer noch im Büro

Die FAZ lud online zum Kongress „Zukunft des Fortschritts“ ein. Zu Gast war auch das eingespielte Team Rem Koolhaas und Niklas Maak. Aufgeführt haben sie ein Kurzinterview u.a. zur Smart City und zum analogen Büroarbeitsplatz, an dem Innovation stattfindet.

Rem Koolhaas und der Architekturkritiker Niklas Maak im FAZ-Interview

sta/4/21. IBM hat die Smart City erfunden! Vor über zehn Jahren war IBM Smarter City die innovative Firmenstrategie eines Industrieunternehmens. Heute lautet der Claim von IBM Let’s put smart to work. Die abstrakte Positionierung ist zum Versprechen für erfolgreiches Handeln geworden: Smartness ist bei IBM nicht mehr ein Fixstern am Markthimmel urbanisierter Lebensräume, sondern eine Handlungsanleitung, die überall auf der Welt kollaborativ, technologisch intelligent und effizient umgesetzt wird. Die Smart City ist derweil weltweit der Claim für innovative Stadtentwicklung geblieben. Erwähnenswert bleibt, dass IBM das Konzept Smart City erfunden hat, „etwa so, wie Michelin die Strassenkarten und Touristenkarten (…), damit die Menschen auf Touren gehen und ihre Autos möglichst bis zum baldigen nächsten Pneuwechsel nutzen“,  wie Jérôme Chenal anfangs 2021 kritisch bemerkt hat. Gleichzeitig behauptet er, dass beim Bau der intelligenten Stadt mittlerweile Google und Co. auf der Überholspur fahren.

Und welche Bedeutung hat die Smart City für den Urbanisten Rem Koolhaas, wenn er über die Zukunft nachdenkt? „Smart City ist nicht viel mehr als ein cleverer Claim.“ Damit würden einseitig technologische Interessen vertreten, was aus urbanistischer Sicht zu Ausgrenzung führe, so Koolhaas. Symptomatisch dafür: Unsmart zu sein, werde mittlerweile mit old-fashioned gleichgesetzt. Das Konzept Smart City stehe zudem für eine Stadt, die vor allem zwei Dinge leisten und anbieten müsse: Sicherheit und Komfort. Koolhaas bedauert diese Diagnose, weil sie ausgerechnet in eine Zeit falle, in der die Stadt als vielfältigeres Zukunftsbild erst so richtig an Bedeutung gewonnen habe.

Koolhaas schaut auf die Landschaft und vorwärts. Neue Möglichkeiten für die Gestaltung der urbanistischen Zukunft hat der Niederländer derweil in der Countryside gefunden. Seine Hoffnungen auf die Landschaft schöpft er u.a. aus der Erforschung von afrikanischen Siedlungen. Sie haben seinen Zukunftsblick auf den permanenten Dualismus von Stadt und Land geschärft: „Man Lebt dort nie ganz in der Stadt oder ganz auf dem Land.“ Schnell gelernt hat Koolhaas zudem aus der bisherigen Coronapandemie: „Heute haben wir ein neues Bewusstsein dafür, dass wir die Welt in nur zwei Wochen verändern können. Und es ist uns klar geworden, dass wir gewisse Entscheidungen für die Zukunft nicht mehr aufschieben können. Koolhaas beurteilt die Aktualität deshalb als eine kreative Zeit für neue Lösungen. Gleichzeitig sei nun eine Sprache in der Architektur am Ende, die sich lange aus der Schuld an der gescheiterten Moderne genährt habe. Das vorherrschende kulturelle Erbe der Verzeihung, so Koolhaas, habe über dreissig Jahre lang verhindert,  dass die Stadt innovativ gedacht und neue Lösungen umgesetzt wurden. Auf diesem Hintergrund hat sich Koolhaas mit seinen stets positiven Erzählungen über die Themen Architektur und Stadt ebenso lange sehr erfolgreich bewegt; vielleicht eher mit Zauberei als mit Demut und Verzeihung, immer mit eingängigen questions and answers: *uck the context? «YE$».

Seine Theorien, Texte und Bauten können als Antwort auf die (generischen) Anforderungen im globalen Markt um mediale Aufmerksamkeit gelesen werden. Die Architektur von Koolhaas muss deshalb überraschen, ikonisch wirken und sich gleichzeitig in ein global zur Schau gestelltes Netz von Firmenarchitekturen einreihen. Der IBM-Claim Let’s put smart to work könnte auch über dem Haupteingang des Springer-Gebäudes stehen, das OMA 2020 in Berlin fertiggestellt hat. Auffallend anders sind darin die Struktur und die Anordnung der verschiedenen Arbeitsbereiche und Formen der Zusammenarbeit.

Arbeitsplätze im Innern des neuen Springer-Gebäudes in Berlin, OMA 2020 / Axel Springer

Innovation entsteht immer noch im Büro. Der finanzielle Anlagenotstand bei Investitionen in Immobilien macht Druck auf die Politik. Architekt*innen und Stadtplaner*innen müssen sich in ihrem Alltag deshalb permanent die Frage stellen: Bauen wir unsere Stadt eigentlich noch selbst, oder werden wir einfach umgebaut? Der Chief Digital Officer, der in den Datenräumen der Smart City navigiert, stellt die Frage anders: Programmieren wir unser Leben noch selbst, oder werden wir programmiert? Die Herausforderung der Digitalisierung in der Stadtentwicklung besteht darin, beide Fragen gleichzeitig zu bearbeiten. Nur reicht es nicht aus, dass Stadtplaner*innen, die Politik und der CDO besser zusammenarbeiten als dies heute der Fall ist. In Demokratien müssen, wohl oder übel, alle Menschen und Institutionen mitgenommen werden, die direkt oder indirekt von Veränderungen betroffen sind: Sie wollen nach der Krise weiterhin im Homeoffice arbeiten. Sie wohnen langjährig oder temporär an verschiedenen Orten. Sie wollen an den zweiten oder dritten Orten, die zu ihrem Leben gehören, nicht nur Gäste oder geduldet sein, sondern ebenfalls Einwohner*innen und Nachbar*innen. Sie wollen nachhaltig investieren und wissen, welche Auswirkungen der Klimawandel auf ihr eigenes und das Leben ihrer Nachkommen haben wird, kurz:. Veränderte Nutzungsanforderungen an Städte, die Digitalisierung und Krisen werden uns wohl in den kommenden Jahren im Gleichschritt begleiten..

Die Liste der Mutmassungen über die Folgen von Covid-19 für die Architektur und die Stadt ist bereits lang. Wenn Maak und Koolhaas über die Zukunft sprechen, wird sie noch länger: „Going to the office“, mutmasste Rem Koolhaas zum Schluss des Gesprächs , werde für die Architektur und den Städtebau wichtig bleiben, weil dadurch erst die richtigen und guten Lösungen für die Zukunft entstünden, denn: „Ohne analoge Kollaboration gibt es keine Innovation und keine Kreativität“.

Das sagt die Wissenschaft. Am Lehrstuhl für Raumentwicklung an der TU München hat Fabian Wenger die möglichen mittel- bis langfristigen Folgen einer stärkeren Nutzung von Telearbeit für die Wohnstandortwahl in der Metropolregion München untersucht. Ein Ausschnitt aus dem Arbeitspapier, das die Forschungsergebnisse zusammenfasst, besagt: „Das Arbeiten von Zuhause als Folge der Covid-19 Pandemie wird vermutlich auch nach der Pandemie weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Menschen die nicht mehr (oder seltener) an den Arbeitsplatz pendeln, könnten ihren Wohnstandort an einen Platz verlegen, der besser zu ihren veränderten Anforderungen passt. Dabei könnte zum Beispiel der Wunsch nach mehr Wohnfläche zu bezahlbaren Preisen eine Rolle spielen. Das wirft auch die Frage auf, welchen Einfluss die abnehmende Präsenz im Büro auf das Resultat aus Arbeitsprozessen haben wird, die insbesondere auf kreative und innovative Ergebnisse ausgerichtet sind.