von Thomas Stadelmann
„Es ist ruhig geworden um das Kieswerk“ (WB. 11.12.2025)
visp/tst_Das ehemalige Kieswerk im Visper Chatzuhüs steht seit über fünfzig Jahren leer; ein stilles Haus, das Bände spricht. Der Bau wird häufig als Schandfleck bezeichnet, zugleich ist er landschaftlich präsent und geschichtlich aufgeladen. Umbaupläne hat die Gemeinde erst noch letzten Sommer sistiert. Kann ein Schandfleck trotzdem Baukultur sein? Was bedeutet an diesem Standort der jahrzehntelange Leerstand für die künftige Nutzung? Vielleicht ist die Fusion 2027 ein Hoffnungsschimmer und das Kieswerk wird ein Lernfeld für den Umgang mit ähnlichen Projekten; unabhängig davon, ob ein Abriss, Umbau oder Neubau die Lösung sein wird.
Ein Gebäude ohne Nutzung
Das ehemalige Kieswerk im Naherholungsgebiet Chatzuhüs in Visp ist ein markanter Betonbau: weithin sichtbar, prägt er den Ort aus verschiedenen Perspektiven unterschiedlich. Unabhängig von der Zuschreibung „Schandfleck“ stellt sich die Frage, welche Bedeutung das Gebäude heute noch hat. Anzunehmen ist, dass die Aufgabe beim Kieswerk keine alltägliche Gebäudesanierung darstellt.
Eine gewisse Klarheit, wie es beim Kieswerk weitergeht, schaffte der Artikel „Es ist ruhig geworden um das Kieswerk“ im WB vom 11. Dezember 2025. Im Rahmen eines Interview mit der Gemeinde war zu lesen, dass das Projekt „Umbau Kieswerk“ bereits im letzten Sommer 2025 sistiert worden sei. Damit wurde entschieden, dass sich die lange Phase des Leerstands und der Planungen ohne Ergebnis fortsetzt: In den frühen 1990er Jahren haben mehrere Teams Ideen formuliert und Bauten für das Chatzuhüs entworfen. 2023 waren Architekturstudierende der Hochschule Luzern am Werk. Zuletzt haben Ende 2024 Architekten aus Brig, zusammen mit Fachschaften verschiedener Disziplinen, der Gemeinde ein detailliertes Vorprojekt vorgelegt. Der Bevölkerung wurde das Vorhaben – mit Kosten von rund zehn Mio. Franken – jedoch nicht präsentiert.
Eine Bauaufgabe mit besonderen Anforderungen
Schon der Standort des Kieswerks macht deutlich, dass es sich nicht um eine konventionelle Bauaufgabe handelt. Die ehemalige Industrieanlage liegt ausserhalb der Siedlung in einem landschaftlich sensiblen Umfeld. Eine Weiterentwicklung oder ein Rückbau müsste verschiedene Fragen berücksichtigen: bauliche und statische, verkehrliche, landschaftliche sowie Sicherheits- und Hochwasserschutzaspekte. Zu den spezifischen Merkmalen im Umgang mit dem Bestand zählen unter anderem die frühere Kiesförderung mittels Seilbahn sowie die besondere statische Situation des Gebäudes in Verbindung mit dem rückwärtigen Felsen. Diese Gegebenheiten begrenzen mögliche Eingriffe, eröffnen aber eigenständige und innovative Herangehensweisen.
Landmarke, Lost Place und Ort mit Geschichte
Aus grösserer Distanz betrachte, ist das Kieswerk eine Landmarke am Eingang zum Saastal und zum Mattertal. Das turmartige Gebäude prägt das Landschaftsbild nachhaltig. Kaum ein anderes Gebäude in Visp ist gleichzeitig so präsent und in seiner Bedeutung so offen.
Das Kieswerk fristet zudem ein digitales Dasein: Die Plattform UBEX listet das Gebäude bzw. das Chatzuhüs als Lost Place, Zitat aus einem Sightseeing-Bericht: „Pippi (Anm: Langstrumpf) hätte ihre Freude daran“. Darüber hinaus ist der Ort mit individuellen und kollektiven Erinnerungen angereichert. Persönlich berichtet wird von früheren Party-Nutzungen, informellen Aufenthalten und Übungen der Feuerwehr. Auch belastende Ereignisse gehören zur Geschichte des Ortes; etwa der mutmassliche Todesfall im Kieswerk 2024, über den nie berichtet wurde.
Leerstand in einem Gebäudes ist nie neutral und nie gänzlich ohne einen Nutzen. Wo Menschen sich aufhalten – geplant oder ungeplant – entsteht immer eine Bedeutung. Gebäude speichern Nutzungsspuren, Erinnerungen und Erfahrungen, die im Alltag nicht unbedingt ans Licht kommen. Trotzdem sind sie präsent.
Baukultur im Zustand des Wartens
Das Bundesamt für Kultur schreibt: „Wie wir mit unserer gebauten Umwelt umgehen, ist Ausdruck unserer Baukultur.“ Dazu zählen nicht nur schützenswerte Einzelbauten, sondern auch Prozesse, Diskussionen und Zeiträume ohne klare Entscheidung. Beim Kieswerk überlagern sich Baugeschichte, Erinnerungen und Stillstand in besonderer Art und Weise. Das Gebäude lässt sich weder allein auf seinen Beton reduzieren noch als rein technisches Problem oder Raumreserve behandeln. Geht es nach dem Gemeinderat von Visp, verharrt das Kieswerk somit wiederum auf unbestimmte Zeit im Zustand des Wartens.
Hoffnungsschimmer Fusion 2027
Zu einem Hoffnungsschimmer könnte die Gemeindefusion 2027 (Visp-Baltschieder-Eggerberg) werden: Fusionen betreffen nicht nur Verwaltungsstrukturen, sondern verändern auch den Umgang mit Räumen, Landschaften und dem baulichen Erbe. Unterschiedliche Erfahrungen und Bewertungen müssen neu eingeordnet werden. Das Kieswerk im Chatzuhüs könnte in diesem Zusammenhang ein Lernumfeld sein. An ihm liessen sich exemplarisch Fragen bearbeiten, die auch an anderen Standorten im künftigen Gemeindegebiet auftreten werden: der Umgang mit industriellem Erbe, mit langfristigem Leerstand und mit Orten, die weder klar nutzbar noch eindeutig aufzugeben sind.
Als Alternative zum Stillstand könnte die Auseinandersetzung mit dem Kieswerk – quasi die baukulturelle Herangehensweise an einen Schandfleck – entlang von drei Szenarien erfolgen:
Szenario 1: Vollständiger Rückbau und Erstellen einer Parkanlage
Szenario 2: Instandstellung (Redesign) der Bausubstanz für einfache, temporäre Nutzungen
Szenario 3: Bauliche Transformation (Neubau und Parkanlage) des Standorts für öffentliche Zwecke
Schlussbemerkung
Das Kieswerk im Chatzuhüs ist heute weder ein Bau-, noch ein Zukunftsprojekt. Es ist ein Ort, an dem sich Fragen des Umgangs mit Bestand, Leerstand und Erinnerung bündeln. Ob die Anlage künftig weiterhin als Schandfleck oder neu als Teil der Baukultur wahrgenommen wird, hängt weniger vom Gebäude selbst als vom gesellschaftlichen und politischen Umgang mit ihm ab.
Das Gute daran: Das Kieswerk gehört der Gemeinde Visp – und damit der Bevölkerung. Der Zeitpunkt für ein neues Kapitel der Auseinandersetzung über die Zukunft wäre passend.
Galerie: Neubau, Redesign und Realität.






*“Es ist ruhig geworden um das Kieswerk“ (WB. 11.12.2025)