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Wieso leistet sich Actelion Architektur?

Gute Architektur benötigt gute Bauherren. Business-to-business geht es in dieser Beziehung um spezifische unternehmerische Mehrwerte, um Reputation und damit um den Kampf im Wettbewerb um Aufmerksamkeit. Herzog & de Meuron (HdM) verfolgen in ihrer architektonischen Arbeit deshalb „keine ästhetischen Vorlieben, keinen Geschmack, keine Tabus“, wie sie selbst sagen. Als Autoren des spezifischen Konzepts sind die Architekten legitimiert, gleichermassen ohne Stil gleichzeitig für die Konkurrenten Roche, Novartis und Actelion zu bauen. Das Büro für Stadtfragen hat bei beim Bauherrn Actelion in Allschwil nachgefragt, ob diese These in diesem Fall stimmt, und wie es beim neuen Business Center in Allschwil (2007-2010) zum Direktauftrag an HdM gekommen ist. Fazit aus dem Interview mit Louis de Lassence: Actelion will und kann es sich leisten, mit den besten Architekten für die besten Mitarbeitenden zu bauen.

(sta) Interview mit Louis de Lassence, Vizepräsident, Leiter Corporate Services, Actelion Pharmaceuticals Ltd, Allschwil. 2005 bis 2010 Bauherrenvertreter beim Bau des Business Centers von Herzog & de Meuron Architekten, Basel:

Herr de Lassence: Hat Actelion eine Unternehmensphilosophie, die besagt, dass die Marke und die Unternehmenskultur durch architektonische Zeichen – durch eine Corporate Architecture – zu verdeutlichen ist?

Nein, wir haben keine Corporate-Architecture-Strategie niedergeschrieben. Das sieht man daran, dass wir in der noch jungen Firmengeschichte architektonisch auf Vielfalt gesetzt haben. Das Forschungsgebäude hier in Allschwil wurde zwischen 2002 und 2006 von Burckhardt+Partner AG geplant und realisiert, das Gebäude für die klinische Entwicklung von einem anderen Architekturbüro, ebenfalls aus Basel. Beim Business Center haben wir uns 2005 dazu entschieden, ein besonders innovatives Schlüsselgebäude zu realisieren. Auch dazu gab es keine formulierte Strategie. Entscheidend war der Anspruch, dass die Architektur unsere Unternehmenskultur abbilden sollte. Es ist also nicht etwa so, dass die Architektur uns diktiert, wie wir uns darzustellen haben.

Bei Unternehmen, die ohne ausformulierte Strategie zur Firmenarchitektur auskommen, ist das architektonische Gewissen oft personalisiert. Wer sagt bei Actelion, was für die Firma die richtige, gute Architektur ist?

Am Ende ist es der CEO Jean-Paul Clozel, der entscheidet. Er war von Beginn an involviert, als die Architekten Herzog & de Meuron ihre ersten Entwürfe präsentiert haben.

Wie hat Actelion über die vorgeschlagene Architektur diskutiert?

Sobald die ersten Skizzen vorlagen, wurden der Verwaltungsrat und das Management in den Entscheidungsprozess einbezogen. Wir realisieren ein Schlüsselgebäude nicht einfach top down ohne eine Diskussion. Es wurde von Anfang an viel über die Architektur diskutiert. Interessant war, dass wir alle vom präsentierten Projekt überzeugt waren, weil es genau unseren Anforderungen und der Unternehmensidentität von Actelion entspricht: Das Business Center handelt von Innovation und verkörpert baulich, was Kommunikation für das Unternehmen und unsere Mitarbeitenden bedeutet.

Und die Kosten?

Was das Budget angeht, so können wir uns das Business Center, so wie es geplant und realisiert wurde, leisten.

Gemäss Jacques Herzog ist Actelion ein Unternehmen, das „seine Identität gerade entwickelt und architektonisch an einem Ort festmachen möchte“ (NZZ, 14.2.2010). Hatte Actelion in den ersten zehn Jahren der Firmengeschichte demnach noch keine eigene Identität?

Actelion hatte selbstverständlich schon lange vor dem Business Center eine starke Identität. Schliesslich sind wir das grösste Biotechnologieunternehmen in Europa, und wir wachsen sehr schnell. Deshalb sage ich es nochmals: Bei Actelion kommen zuerst die Unternehmensziele und dann die Architektur. Mit dem Business Center von Herzog & de Meuron ist es uns gelungen, die bestehende Identität des Unternehmens gewissermassen baulich zu spiegeln.

Wie der CEO Jean-Paul Clozel und Sie selbst haben einige Führungskräfte bei Actelion zuvor langjährige Erfahrungen bei Roche gesammelt. Worin unterscheiden sich die Identitäten von Actelion und Roche?

Actelion ist viel kleiner als Roche. Wir haben allerdings mehr Raum und legen Wert auf eine schlanke Organisation mit flachen Hierarchien, einen möglichst direkten Zugang zur Führung und auf ein hohes Mass an Interaktion und Durchlässigkeit. Dadurch leisten wir uns für unsere Mitarbeitenden viel Freiraum zur Entfaltung von Eigeninitiative und Kreativität. Es herrscht eine ganz andere Stimmung. Bei uns kennen sich die Mitarbeitenden noch weitgehend persönlich, obwohl wir bald 2400 Beschäftigte zählen.

Das heisst, die Mitarbeitenden haben bei Actelion in vergleichbaren Positionen mehr Platz in ihren Büros als bei Roche?

Ja, das ist wohl so, weil das Raumangebot bei uns weniger standardisiert ist. Allerdings kann sich Roche bestimmt auch grössere Büros leisten, wenn die Firma das will. Der Komfort am Arbeitsplatz ist jedoch nicht eine Frage der Firmengrösse, sondern die direkte Antwort auf die Frage, wie wichtig es dem Unternehmen ist, dass die Mitarbeitenden einen für sie möglichst idealen Arbeitsplatz vorfinden.

Das Business Center ist ein flacher Gebäudestapel, der vielfältige Raum- und Sichtbezüge und einen zentralen Innenraum schafft. Roches neustes Projekt Bau1, ebenfalls ein Entwurf von Herzog & de Meuron, ist ein städtisches Hochhaus, das einen für Basel neuen städtebaulichen Massstab setzen will. Bringt diese Beschreibung den Unterschied zwischen den beiden Firmen auf den Punkt?

Ja, vielleicht. Nur muss man anmerken, dass wir in Allschwil (in Flughafennähe) ohnehin nicht höher als 20 Meter bauen durften. So gab es im wahrsten Sinn des Wortes überhaupt keinen Raum für eine Turmdiskussion. Zudem ist bei Roche die Aufgabe eine andere als beim Business Center: Beim Projekt Bau1 von Roche geht es darum, sehr viele Leute, die heute an verschiedenen Orten arbeiten, räumlich zu konzentrieren. Wenn wir darüber hinaus von der Architektursprache sprechen wollen, dann stand beim Business Center immer im Vordergrund, dass Form und Gestalt des Baukörpers unsere Offenheit und Transparenz widerspiegeln sollten.

 

Woran erkennen Sie, dass Sie das richtige Gebäude gebaut haben?

Das Business Center ist ein Bürogebäude für 350 Mitarbeitende. Der Einzug ist soeben erfolgt. Es wird  eine gewisse Zeit dauern, bis wir sehen können, wie das Gebäude ankommt. Aber ich bin überzeugt, dass es durch seine Struktur und Offenheit so funktioniert und auf die Mitarbeitenden wirkt, wie wir uns das vorgestellt haben. Das Personalrestaurant wurde jedenfalls bereits vor dem offiziellen Bezug der Büros rege benutzt.

 

Welche Rolle und Aufgaben hat das neue Business Center in der künftigen Unternehmenskommunikation, inhaltlich und visuell?

Das Gebäude hat jetzt kurz nach der Eröffnung in den Medien natürlich einen gewissen Aktualitätswert. Frau Bundesrätin Leuthard hat es bei der Eröffnungsfeier mit einem Leuchtturm verglichen. Allein deshalb wird das Business Center jedoch nicht zum neuen Aufhänger für die Unternehmenskommunikation: Bei Actelion geht es um Medikamente, nicht um Immobilien, und wir betreiben Wissenschaft. Man kann es einfach formulieren: Beim Business Center handelt es sich um ein schönes Gebäude, das unseren Mitarbeitenden die richtigen Arbeitsplätze bietet.

Actelion bezeichnet sich selbst als special type of company, Offenheit und Innovation sind die beiden zentralen Werte. Wieso entschied man sich bei der Firmenarchitektur dennoch für den Direktauftrag an die Hausarchitekten von Roche und gegen eine Auswahl von mehreren architektonischen Vorschlägen?

Wenn Sie unser Gebäude anschauen, werden Sie keinerlei Ähnlichkeiten mit einem Roche-Gebäude erkennen. Der Grund dafür ist – und das sagen Herzog & de Meuron von sich selbst –, dass die Architekten keinen eigenen Baustil pflegen. Anders als etwa bei Bauten von Richard Meyer oder Frank Gehry, die man auf den ersten Blick zuordnen kann, passen sich Herzog & de Meuron den Kunden und dem jeweiligen Ort an. Aus Sicht des Bauherrn sind sie dadurch sehr flexibel und erfinden etwas Neues, statt Variationen von etwas bereits Bestehendem zu bauen. So bestand also gar nie die Gefahr, dass beim Business Center von Actelion der Effekt „typisch Roche“ eintreten würde. Das Gleiche gilt auch für das zweite Gebäude von Herzog & de Meuron, das auf unserem Firmengelände in Allschwil entsteht. Auch für dieses Projekt wurde eine ganz eigene Architektursprache entwickelt.

Dennoch: War beim Bau des Business Centers die Durchführung eines Konkurrenzverfahrens – zum Beispiel ein Studienauftrag – nie ein Thema?

Doch. 2005 haben wir intern kurz darüber gesprochen. Wir hatten ja auch bisher mit verschiedenen Basler Büros zusammengearbeitet. Dann kam vor allem von Jean-Paul Clozel die Idee, mit Herzog & de Meuron darüber zu sprechen. Und Herzog & de Meuron hatten uns nach ersten Kontakten eine Projektskizze zu den bereits definierten Raumvolumen vorgelegt, die uns so überzeugte, dass wir von einem Wettbewerb Abstand nahmen.

So, wie andere Chefs ihren Mercedes, hat Jean-Paul Clozel einen Herzog & de Meuron bestellt.

Nein, die Angelegenheit war schon komplexer. Pierre de Meuron musste mit dem Projekt zuerst den Verwaltungsrat überzeugen. Zudem war die Tatsache, dass Herzog & de Meuron ihr Büro in Basel haben, ein sehr wichtiges Kriterium. Während der Planung und Ausführung hatten wir fast täglich Kontakt – und dies ohne unnötigen Zeitaufwand. Die Zusammenarbeit mit einem ausländischen Architekten wäre diesbezüglich viel komplizierter gewesen.

Am 10. Dezember 2010 wurde das Gebäude nicht etwa nur feierlich eröffnet, sondern gemäss Medienmitteilung offiziell „den Mitarbeitenden übergeben“. Actelion betont, dass die Mitarbeitenden für die Firma wichtig sind. Wann und wie sind deren Bedürfnisse in die Planung und den Bau des Business Centers eingeflossen?

Wir haben auf Stimmen aus der Mitarbeiterschaft gehört. So konnte jede Abteilung zwischen individuellen Büros oder einem Grossraumbüro wählen. Zwei Abteilungen, Business Operations und IT, haben sich für Grossraumbüros entschieden, alle anderen für individuelle Büros. Diese Einteilung ist nun allerdings bautechnisch mehr oder weniger fix. Allein schon wegen der Lüftung wäre es zu aufwendig, einzelne Wände zu verschieben. Zudem haben wir mit den Mitarbeitenden die Flächenanforderungen erarbeitet und spezielle Bedürfnisse wie Archivräume, Sitzungszimmer oder privacy rooms für Business Operations evaluiert.

Und wer hat über die Einrichtung bestimmt?

Das Thema der Einrichtung hat tatsächlich zu einer längeren Diskussion geführt, weil wir eine ganz andere Meinung hatten als Herzog & de Meuron. Vier Hersteller wurden deshalb eingeladen, um uns ihre Einrichtungsvorschläge zu präsentieren. Jede Abteilung konnte ein paar Mitarbeiter bestimmen, welche die eingerichteten Musterbüros besuchen und ihre Stimme für ein Mobiliarkonzept abgeben konnten. Diese Art der Mitwirkung war uns sehr wichtig, und sie hat den Entscheid beeinflusst. Nicht im Sinn einer Basisdemokratie  – schliesslich sind wir eine private Firma –, aber immerhin so, dass die Mitarbeitenden die Entscheidung mittragen konnten. Und so kam es, dass wir uns letztlich für ein eigenes Einrichtungskonzept entschieden haben.

 

Das Gebäude bietet rund 350 Arbeitsplätze an. Nach welchem Prinzip sind die Arbeitsplätze im Gebäude verteilt worden?

Eigentlich sollten im Business Center mehr Abteilungen untergebracht werden. Nicht alle haben aber Platz gefunden, weil wir zwischen 2005 und 2008 zu schnell gewachsen sind. Hinsichtlich der Belegung haben wir die jeweiligen Geschossflächen mit der Grösse der einzelnen Abteilungen verglichen und diese entsprechend im Gebäude verteilt. Wichtig war das Prinzip, die einzelnen Abteilungen nach Möglichkeit auf einer einzigen Ebene unterzubringen und die Büroanordnung durch sogenannte Kommunikationszonen zu unterbrechen. Hierarchische Kriterien spielten bei der Raumverteilung keine Rolle.

Gibt es für diese Kommunikationszonen Verhaltensregeln?

Zuerst möchte ich betonen, dass wir von der Notwendigkeit informeller Aufenthaltsbereiche überzeugt sind: Hier können sich die Mitarbeitenden spontan treffen und miteinander austauschen – und zwar nicht nur innerhalb der eigenen Abteilung. Deshalb haben wir die Kommunikationszonen in jedem Stockwerk zusätzlich mit je zwei Teeküchen ausgestattet. Für den Aufenthalt an diesen Orten gibt es keine internen Regeln, weil Regeln für mehr oder weniger spontane Begegnungen einfach keinen Sinn machen. Um den Austausch unter den Mitarbeitenden zusätzlich zu fördern, haben wir im Business Center auch ein Personalrestaurant und eine Cafeteria eingerichtet.

 

Woher kommen die Mitarbeitenden von Actelion hauptsächlich?

Rund 55 Prozent leben in der Schweiz, 45 Prozent im benachbarten Ausland. Schweizerinnen und Schweizer sind unter den Mitarbeitenden insgesamt eine Minderheit.

Wäre es für Actelion ohne das Business Center künftig schwieriger geworden, die besten Leute nach Allschwil zu holen, weil diese – in der Mehrheit ausländische Mitarbeitenden – ein urbanes Arbeitsumfeld, wie dasjenige im Campus von Novartis, doch eher bevorzugen?

Wir rekrutieren Leute mit ähnlichen Profilen wie Roche und Novartis. Im Wettbewerb um die besten Mitarbeitenden können und wollen wir nicht mehr bezahlen als unsere direkte Konkurrenz vor Ort. In einem Vergleich haben wir festgestellt, dass die Architektur am Arbeitsplatz mitunter einen grossen Einfluss auf den Entscheid der einzelnen Bewerberinnen und Bewerber hat. Deshalb haben wir bei Rekrutierungsgesprächen schon ab 2005 immer die Bilder des geplanten Business Centers gezeigt. Beinahe alle Kandidaten waren davon beeindruckt und haben positiv reagiert. Wir haben zudem festgestellt, dass eine attraktive Architektur für potenzielle Mitarbeitende insgesamt eine grössere Rolle spielt als etwa die Ausstattung mit luxuriösen Materialien.

Wie gross ist die Rolle der Architektur konkret, ist sie planbar?

Ich kann nur sagen, was wir den Kommentaren von Stellenbewerberinnen und -bewerbern entnehmen können. Wir machen uns natürlich fortlaufend ein Bild. Man darf auch nicht vergessen, dass bei Actelion immer noch die Strahlkraft des jungen, innovativen Biotech-Unternehmens anzieht. Das Gebäude ist ein zusätzlicher Aspekt in der Personalrekrutierung, den andere Firmen schon vor uns erkannt haben. In der Frühphase der Planung für das Business Center nahm ich an einer Präsentation zum Novartis Campus-Projekt teil. Der Projektmanager erklärte uns damals, die Idee, einen Campus unter Mitwirkung internationaler Architekten zu erstellen, gehe auf Erfahrungen von Sandoz zurück. Dort hatte man während einiger Jahre zu wenig in die Bausubstanz investiert und infolgedessen einige der besten Kandidaten verloren. Bei Actelion ist heute allen klar, dass die Arbeitsumgebung und die Architektur der Firmengebäude eine Rolle für den Erfolg der Firma spielen. Das gilt auch für den Bereich der Labors, die bei uns viel Licht haben, relativ gross, modern und deshalb für die Wissenschaftler attraktiv sind.

 

Sprechen wir nochmals über die Architektur: Das Business Center sendet eine formal aussergewöhnliche, nennen wir sie extravagante Botschaft in die Umgebung des Allschwiler Gewerbegebiets. Wie offen bzw. zugänglich ist im Gegenzug das Business Center für seine unmittelbare Umgebung?

Eigentlich ist es gar nicht offen. Das Gebäude steht nur Mitarbeitenden und Geschäftspartnern offen, sonst hätten wir ein Sicherheitsproblem. Vielleicht veranstalten wir für die Nachbarschaft und Interessierte einmal einen Tag der offenen Tür. Was die Botschaft der Architektur betrifft, so haben wir ausdrücklich nie die Absicht verfolgt, extravagant zu sein. Wir wollten lediglich ein aussergewöhnliches Gebäude realisieren.

Extravaganz ist auch für die Architekten Herzog & de Meuron ein Reizwort. Worin liegt für Sie, als Vertreter der Bauherrschaft, denn der Unterschied zwischen extravagant und aussergewöhnlich?

Aussergewöhnlich meint die Qualität einer Architektur, die ein Gebäude von anderen abhebt. Extravaganz hingegen verfolgt hauptsächlich den Zweck, sich zu exponieren. Menschen tun es, indem sie sich extravagant kleiden, um dadurch auf sich aufmerksam zu machen. Beim Business Center geht es nicht um Zurschaustellung. Der Neubau bildet unsere Innovationskraft und Offenheit ab, verkörpert sie gewissermassen räumlich und gestalterisch. Dieses Angebot schätzen unsere Mitarbeitenden, dadurch wird die interne Kommunikation gefördert und die Architektur leistet einen Beitrag an den Firmenerfolg – mehr nicht.

Herzog & de Meuron sind dennoch unbestritten internationale Stararchitekten mit grossem Markenwert, einem hohem Aufmerksamkeitspotenzial bei gleichzeitig globaler Reputation. Das kostet die Auftraggeber etwas. Wie verträgt sich die Zusatzinvestition in öffentliche Prominenz und mediale Aufmerksamkeit mit der wissenschaftlich-medizinischen Forschungskultur von Actelion?

Auf dem Gebäude steht das Logo von Actelion und nicht das von Herzog & de Meuron. Ich habe Pierre de Meuron zudem sehr oft getroffen und hatte nie den Eindruck, es mit einem Star zu tun zu haben. Am Anfang standen unsere Bedürfnisse, die von den Architekten aufgegriffen und umgesetzt wurden. Auch wenn wir uns nicht immer einig waren: Aus den Diskussionen sind immer innovative Lösungen entstanden. Das gelingt nur, wenn sich zwei gleichberechtigte Partner, die zueinander passen, gegenseitig zuhören.

 

Das Business Center (104’000 m3) hat 130 Millionen Franken gekostet. Können Sie den finanziellen Mehraufwand für die Zusammenarbeit mit den Stararchitekten abschätzen?

Die Kosten sind bei Herzog & de Meuron nicht grundsätzlich höher als bei anderen Architekten. Natürlich verursacht ein so ungewöhnlich ausgelegtes Gebäude mehr Arbeitsstunden als ein herkömmliches. Die teuersten Posten waren der Stahlbau und die Fassade. Wir haben den Stahl zu einem Zeitpunkt gekauft, als dieser am teuersten war. Das war Pech und hat uns einige Mehrkosten beschert.

Für das Business Center waren 6000 Seiten Konstruktionsbeschriebe, 1500 Detailpläne und ein beträchtlicher Mehraufwand aufgrund der enormen Gebäudeoberflächen notwendig. Wieso ist es nicht gelungen, gleichzeitig den baulichen Minergie-Standard zu erreichen?

In der Energiediskussion kommt es darauf an, was man genau unter Minergie versteht. Da wir in der Gesundheitsbranche tätig sind, haben wir eine Verpflichtung gegenüber der Umwelt. Das ist uns sehr bewusst. Dass wir das bauliche Minergie-Label dennoch nicht erreicht haben, war für uns schon ein Thema. Wir konnten u. a. bei der Energiegewinnung nicht das geplante System der Grundwassernutzung verwenden. Dennoch: Wir nutzen Sonnenenergie und werden auf dem Dach noch zusätzliche Solarzellen anbringen.

 

Actelion kommuniziert und lebt eine Wachstumsstrategie. Auf wie viele Jahre hinaus sind der Betrieb und der Unterhalt des neuen Business Centers ausgerichtet?

Das Gebäude ist für ungefähr 80 Jahre gebaut. Die Fassade werden wir nach 15 Jahren prüfen müssen. Wie sich das Gebäude mit dem personellen Wachstum von Actelion verträgt, werden wir sehen.

 

Welche baulichen Entwicklungsschritte sind bei Actelion in der Pipeline?

Zuerst werden wir unser nächstes Projekt, ein kombiniertes Forschungs- und Entwicklungszentrum, beenden. Der erste Teil des ebenfalls von Herzog & de Meuron erstellten Gebäudes für die klinische Entwicklung ist kürzlich bezogen worden. Der Forschungsteil soll Anfang 2012 bezugsbereit sein. Sonst haben wir zurzeit kein Bauvorhaben in der Pipeline.

Sind Herzog & de Meuron nun die Hausarchitekten von Actelion?

Hausarchitekten? Sie setzen zunächst einmal zwei Projekte für uns um – und dann werden wir sehen. Es können auch andere Architekten für Actelion bauen.

Was machen Sie mit den Architekturtouristen, die künftig mit der Nase an der Scheibe Einlass verlangen?

Das wissen wir noch nicht genau, aber wir werden wohl hin und wieder Führungen anbieten.

Interview, 14.1.2011 : Thomas Stadelmann

Abbildungsnachweise: Actelion / SFDRS / Büro für Stadtfragen / Web

Landgasthof für ZUGWEST

Das Aparthotel (2010) der Architekten Martin und Monika Jauch-Stolz hinter dem Bahnhof in Risch Rotkreuz ist ein urbaner Landgasthof, der ortsbaulich vor allem für sich selbst dasteht. Urban bedeutet hier, zum Wirtschaftsraum ZUGWEST gehörend.

Fotos: Reinhard Zimmermann

Vollständige Architekturkritik, in: werk, bauen+wohnen, Heft Nr. 4 /2011.

(sta) Das eigentlich Spannende an der Sache ist: Trotz der am Standort Risch Rotkreuz offensichtlich vorhandenen Standortgunst für geschäftliches und bezahlbares Hotelwohnen ist das Aparthotel keine Corporate Architecture einer Hotelkette, sondern local business, von der Idee bis zur Ausführung eine lokale Angelegenheit. Dem Bauträger (Rotkreuzhof-Immobilien AG) und den Architekten ist dadurch ein Unikat gelungen, das im Wirtschaftsraum ZUGWEST auf reges Interesse stösst. Die Architektur macht den Spagat zwischen traditionell ländlichen Rundschindeln (Fassade), den Anforderungen an einen Zweckbau und einer formal modernistischen Gestaltung.

Hybride Herberge

Das Aparthotel steht für den baulichen Trend hin zu hybriden Formen der Beherbergungsart, wie er von der Hotelbranche schweizweit festgestellt wird: Das Hotelzimmer ist auch Arbeitsplatz, Küche, Fitnessstudio, und es bietet einen möglichst direkten ÖV-Anschluss an das nächste Stadtzentrum an. Das Gebäude bietet Platz für 50 Hotelzimmer, vier Loftwohnungen, einen Gastrobetrieb mit Saal für 120 Personen, Seminarräume und ein Fitnesscenter.

Der vollständige Kommentar mit Plänen und Projektdaten wird im werk, bauen+wohnen, Heft Nr.4 /2011, werk-material (April) publiziert.

Freie Fahrt am Reussquai

Stadtansichten halten historische Stadtwahrnehmungen fest. Der Krienser Fotograf Max A.Wyss hat dokumentiert, dass es 1951 möglich war, mit dem Auto direkt an den Reussquai zu fahren, um dort Kaffee zu trinken. Der Nachlass Max A. Wyss wird durch die Stiftung Fotodokumentation Kanton Luzern verwaltet und ist nun in Zusammenarbeit mit dem Staatsarchiv Luzern teilweise digitalisiert worden.

(sta) Max A. Wyss wurde am 18. Juli 1908 in Kriens geboren. Nach dem Erwerb des Sekundarlehrerpatentes an der Universität Zürich studierte er in Genf, Neuenburg und Paris Romanistik. Es folgte 1931 ein einjähriger Aufenthalt in Tanganjika (Afrika) als Hauslehrer beim Schweizer Konsul. Danach arbeitete er von 1935 bis 1965 als freier Journalist und Fotograf für zahlreiche Zeitungen, Wochenblätter und Periodika. 1952 war er als Hauptsekretär am Zustandekommen und dem Erfolg der Weltausstellung der Photographie 1952 Luzern beteiligt. In den frühen 1950er Jahren erregte er überdies mit surrealistischen Fotomontagen aufsehen. 1965 heiratete er Zita Keller. Im gleichen Jahr wurde er Redaktor der Fotozeitschrift Camera und betreute das Ressort Fotografie beim C.J. Bucher Verlag, Luzern. Als Autor, Herausgeber und Redaktor stand er ausserdem hinter vielen Bildbänden über die Natur, die im C.J. Bucher Verlag erschienen sind. Max A. Wyss starb am 12. September 1977 in Luzern. Textquelle und Copyright: Fotodok.ch.

Misty – people met in architecture

Alle zwei Jahre im November geht die Architekturbiennale in Venedig zu Ende. Die 12. Ausgabe hat die Architektur sinnbildlich in den selbst geschaffenen Nebel sinnlicher Erlebnisse gestellt – und das ausgerechnet in der Lagunenstadt. Darüber hinaus gab es einzelne kritische Sätze, Gebäudesensationen und den gewohnten Mix aus Spannendem und Langweiligem in den Länderpavillons. Dennoch geht nichts über die Vorfreude auf 2012: Es wird dann die 13. Mostra Internazionale di Architettura sein.

Bilder: Stadtfragen

(sta) Die Weitsicht ist halb durchsichtig, das Blau über der Lagunenstadt herbstlich gedämpft, die verschiedenen Farben der Häuserzeilen entlang dem Canale Grande wirken ohne die harten Schatten der Sommersonne wohlwollend aufeinander abgestimmt. In den Giardini, dem berühmten Ausstellungspark Venedigs, sind nicht etwa nur die Architekt/innen, sondern auch das übrige Publikum meist dunkel gekleidet: Ähnliche Szenen und Eindrücke gehören zum Ende der Architektur-Biennale in Venedig, die alle zwei Jahre von Juli bis November stattfindet. Die Kombination von internationaler Architekturshow und der sich selbst darstellenden, unendlich schön sterbenden Stadt Venedig bietet im Spätherbst ganz besondere Erlebnisreize an.

Sinnliches und Währschaftes

People meet in architecture. Den Ausstellungstitel setzte Kazuyo Sejima, die 2010 als erste Frau die Architekturbiennale von Venedig leitete. Der Besuch der Hauptausstellungen in den Giardini und im Arsenale hinterliess dann auch tatsächlich der Eindruck, dass es eine Antwort auf die Frage gibt, was es denn eigentlich an Zutaten braucht, damit Menschen in der Architektur aufeinander treffen können. Die Antwort könnte lauten: Einen Cocktail aus sinnlichen Erlebnissen. Derartige Momente waren in Venedig einige zu sehen, etwa: die überzeugende monumental-konstruktivistische Installation von Garcia-Abril & Ensamble Studio (phantastisch), der Pirelli-Boden als Kunstwerk an der Wand des belgischen Pavillons (na ja), das holländische Architektur-Netzwerke aus Nägeln und Fäden (hübsch), die knallenden Wasserblitze aus Licht im Arsenale oder Modelle von Aires Mateus e associados (Modellbild oben). Auch mit dabei, aber eher währschaft und deshalb auf den zweiten Blick sinnlich, präsentierte sich die im Schweizer Pavillon ausgestellte heimische Brückenkunst. 2012 ist es nun wirklich Zeit für einen nationalen Wettbewerb.

Disziplinierter Gänsemarsch im Nebel

In der Lagunenstadt Venedig einen künstlichen Nebel auszustellen, muss man als mutiges Unterfangen bezeichnen. Transsolar + Tetsuo Kondo haben es mit ihrer minimalistischen Installation in der Hauptausstellung gewagt. Der Aufstieg durch verschiedene, künstlich hergestellte Kilmazonen bot durchaus ein architektonisches Erlebnis an. Akos Moravansky nannte das Thema jüngst Meteorologische Architektur (Tec 21, 42/43 2010); ein Bauen von Atmosphären statt Bildern, wenn Umwelt nicht mehr nur betrachtet, sondern auch als eingeatmet gedacht wird. Wer jedoch das Blur Building, eine begehbare Wassersprühwolke über dem Neuenburger See, entworfen von Diller + Scofidio 2002 für die Schweizerische Landesausstellung Expo.02 erlebt hat, konnte der Nebelarchitektur in Venedig kaum viel abgewinnen. Die Skulptur liess die Besuchenden im Gänsemarsch und mit Fotoapparat im Anschlag in die künstlichen aber sicheren Höhen bis zum höchsten aber harmlosen Wendepunkt über dem Boden der Realität der Halle aufsteigen. Nach dem Abstieg fand man sich wieder am Ausgangsort. Kein aussergewöhnliches Erlebnis, eher hatte die Begehung eine gewisse Symbolkraft für den Gänsemarsch der Ideen und Formen in der aktuellen architektonischen Produktion. Die eigene Disziplin Architektur in den eigenen Nebel gestellt; rückblickend passt dieses Leitmotiv eigentlich ganz gut zur 12. Mostra: misty – people met in architecture.

Kritische Beiträge

Wer regelmässig nach Venedig reist, kann sich kaum davor hüten, einzelnen Länderpavillons aufgrund früherer Besuche schon im Vorfeld mehr Wohlwollen und Interesse entgegen zu bringen. Bei mir gehört jeweils der Pavillon Japans dazu. Mehrmals war der Beitrag durch klar formulierte und gestalterisch überzeugende Statements eine Klasse für sich. Auch in diesem Jahr wurde ich nicht enttäuscht: Public urban spaces are authorithan devices for suppressing people lautete der Titel der Ausstellung, und er stand als einer der wenigen kritischen Sätze zur Lage des Urbanen, die an der Ausstellung zurecht nach Aufmerksamkeit verlangten. Zudem war es der Katalog Tokyo Metabolizing von Kitayama, Tsukamoto und Nishizawa wert, gekauft zu werden: Ein schön gemachter, interessanter Versuch, 50 Jahre nach der Gründung der Metabolisten-Bewegung über die urbanistische Theory und Praxis in der Stadt Tokyo zu berichten.

Mobilität für alle können wir uns nicht leisten, lautete ein kritischer Fetzen im Auftritt von Rem Koolhaas. Der Niederländer wurde mit dem Goldenen Löwen für sein bisheriges Lebenswerk ausgezeichnet. Seine journalistisch vereinfachte und sich auf Zahlenreihen und Fakten abstützende Selbstdarstellung als global denkender und bauender Baumeister wirkte jedoch etwas vom eigenen Erfolg überholt.

Erfrischend naiv: rethinking happiness

Bereits die 11. Biennale 2008 (me, myself and I) hinterliess den Eindruck, dass sich der Mensch als Objekt der Architektur zunehmend allein auf dieser Welt befinden will. 2010 schien es, dass die Architekten und ihre Disziplin es im speziellen auch sein wollen. Ganz im Sinn des Autorenarchitekten und seiner Grundhaltung ist die Essenz architektonischen Schaffens dann zuerst deren Sinnlichkeit: Die Wahrheit ist weder schön noch hässlich, weder chaotisch noch ordentlich, weder ökologisch noch unökologisch, sondern sinnhaft. Sie (die Form) ist die Konsequenz aus der Idee. Das was ich mache, verstehe ich als Kunst (Valerio Olgiati, „Der Architekt ist kein Dienstleister“, in: tec 21, 41/52 2010).

Es erstaunt daher nicht, dass People meet in architecture im Vergleich zu den letzten Biennalen eher noch weniger Hörbares, Lesbares und Wahrnehmbares darüber berichtete, wo und wie die Disziplinen Architektur und Städtebau in der Welt stehen. Bevorzugt im eigenen Nebel? Als Antwort auf diese Frage präsentierte Aldo Cibic seinen auf den ersten Blick naiven aber im Kern doch erfrischenden Beitrag rethinking happiness mit vier urbanistisch-architekonischen Beiträgen zur Zukunft eines glücklicheren Zusammenlebens. Sein idealer Siedlungsentwurf auf der Grundlage gemeinschaftlicher Selbstversorgung (Ernährung und Energie) geht davon aus, dass Idealprojekte keine Ideallösungen, sondern lediglich Annäherungen an die sozial, ökonomisch und umweltbedingte Forderung nach einer besseren Lebensqualität sind; neue Realitäten, um Lebensstile zu verändern: Rural Urbanism als Antithese zu Masdar City. Erfrischend an diesem Gedanken ist der Hinweis, dass die Nachhaltigkeitsforderung in der Planungs- und Baupraxis nicht mit der Vergabe von Labels erledigt ist: Eher erfordert aktuelles Wissen im Umgang mit Ressourcen und gesellschaftlichen Herausforderungen eine andauernde räumlich-gestalterische Annäherung an verbesserte Lebensformen, die das Glück der Menschen in den Vordergund stellen. Die Publikation dazu: Aldo Cibic, rethinking happiness, Corraini 2010.

Gebäudesensationen

Toyo Itos Bauten sind nicht einfach Bauten, sondern sinnlich motivierte Gebäudesensationen, und sie gehörten in Venedig zu den Höhepunkten unter den traditionellen Projektpräsentationen. Im gewohnten Mix aus Spannendem und Langweiligen, den die Biennale einmal mehr auszeichnete, hatten die ausgestellten Modelle und Zeichnungen ihre eigene, sogar touristische Wirkung: Das muss man in gebautem Zustand sehen! Diese Wirkung schafft die Biennale allein durch die Substanz der gezeigten Inhalte nicht mehr. Ein Mangel, der jedoch durch die Vorstellung der jeweils zu erwartenden Menge und mit zeitlichem Abstand auch durch die Vorfreude auf die nächste Venedig-Reise längst kompensiert werden kann, deshalb: 2012 wird es für das Büro für Stadtfragen die Reise zur 13. Mostra Internazionale di Architettura sein.

Casa Poli, Pezzo von Erlichhausen, Coliumo, Chile

Bau1: Stairway To Heaven

There’s a lady who’s sure // All that glitters is gold // And she’s buying a stairway to heaven // Led Zeppelin

Die Bilder zum Roche-Turm „Bau 1“ von HdM wirken besonders, weil es (einmal mehr) um Superlativen geht: Die Kräftigsten lassen sich von den Besten das Höchste bauen. Und Basel macht mit. Bei der neuen Roche-Konzernzentrale geht es aus urbanistischer Sicht auch darum, das schweizerische Hochhausdefizit zu bereinigen.

(sta) Der neue Roche-Turm „Bau 1“ von Herzog & de Meuron ist publiziert, mindestens die Bilder davon. Aus diesem Anlass beklagte jüngst das Hochparterre ausgerechnet von Zürich aus die nicht stattfindende Architekturdiskussion in Basel. Die «NZZ» vom 4. Januar 2010 befragte die neusten Renderings fast schon beinahe auf rhetorische Art und Weise: «Wird Basel um eine Attraktion reicher, oder führt der geplante Büroturm des Pharmakonzerns zu einer gravierenden Veränderung der Stadtsilhouette? (…) Fast scheint es, als ob der weisse Riese mit den besonnten Terrassen für eine Metropole am Meer konzipiert worden sei». Soweit so gut. Aber Jacques Herzog hat wirklich oft genug wiederholt, wie seine urbanistische Vision für Basel auf den Punkt gebracht lautet: „Basel, die Stadt am Fluss“.

Unsinnige Diskussion?

Anhand von ein paar Renderings über Städtebau und Architektur zu diskutieren, ist unsinnig, da stimme ich Amanda Levete’s Bemerkung zu. Zumal es sich beim Roche-Turm um ein für die Schweiz aussergewöhnliches Hochhausprojekt von aussergewöhnlich erfolgreichen Autorenarchitekten handelt. Die Fakten: 178 Meter, 42 Geschosse, das wäre neuer schweizerischer Höhen-Rekord; eine halbe Milliarde Franken; 10’000 Arbeitsplätze; 2015 ist Eröffnung. Das Missverhältnis zwischen dem schieren baulichen und finanziellen Umfang, der städtebaulichen und wirtschaftlichen Bedeutung des Bauvorhabens und der Intensität, wie darüber öffentlich diskutiert wird, ist tatsächlich gross. Daran ändern einzelne Feuilletonbeiträge, Leserbriefe und dieser Blog wenig bis gar nichts. Ernst zu nehmende Öffentlichkeit entstünde erst dann, wenn sich in Basel (unter dem Eindruck der Protestbewegung „Stuttgart 21“) die gefühlte Ohnmacht des Souveräns gegenüber einem urbanistischen Bigness-Entscheid des Systems ihr eigenes politisches Gehör verschafft hätte. Wenn die psychopolitische Regulierung des Gemeinwesens derart aus dem Ruder gerät, kann der Traum der Systeme schnell seine Ungeheuer gebären, so hat es Peter Sloterdijk im Spiegel („Der verletzte Stolz“, 45/2010) formuliert:“Das erleben die Regierenden auf ihre Weise, sobald unzufriedene Bürger sich ihren Projekten und Prozeduren in den Weg stellen“. Das wird in Basel kaum mehr passieren. Die Baubewilligung für den „Bau 1“ liegt vielleicht schon im Februar vor. Und: Nur wer am verhungern ist, beisst sogar in die Hände der eigenen Ernährer. Um den Gedanken dennoch zu Ende zu führen: Würde der Roche-Turm so nicht realisiert, könnte immerhin noch Jacques Herzogs harte Beurteilung zur Lage der Schweiz am eigenen Projekt zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden: „Seien wir ehrlich: Ausser bei den global ausgerichteten Konzernen ist in der lokalen Schweiz (Anm: dazu gehört auch Basel) zwar alles irgendwie okay, aber eigentlich doch nur eher mikrig.“

Infrastruktur und Symbol

Basel, die Chemiestadt und der trinationale Wirtschaftsstandort sind sich mit Roche und deren Hausarchitekten HdM darüber einig, dass es nachhaltig, sinnvoll und vertretbar ist, mit einer vertikalen Konzernzentrale der Marke HdM einen Meilenstein in der Firmengeschichte und gleichzeitig eine neue Adresse auf die Karte der Vertikal-Super-Architekturen von globalen Unternehmen zu setzen. Dies wurde schon mit dem ersten Entwurf von HdM für Roche klar, der im Nachhall der globalen Finanzkrise von 2008/9 kurzfristig umgekippt ist, angeblich aus betrieblich-finanziellen Gründen. Aufgrund der Bilder zum „Bau 1“ kann man aus urbanistischer Sicht der in vergleichbaren Projekten mittlerweile gängigen Argumentation folgen, dass damit ein weiterer, sinnvoller Beitrag an die Bereinigung des hiesigen Hochhausdefizits geleistet wird. Der Entwurf im zweiten Anlauf wird als formal schlicht gemachter, aber auch formal austauschbarer und wohl genau deshalb als „guter Bürobau“ für den Roche-Konzern präsentiert. Dank der Handschrift von HdM wird der „Bau 1“ sowieso als bauliches Symbol für die ökonomische Potenz und baukulturelle Selbstdarstellung der Besteller, Ersteller und des Standorts Basel wahrgenommen. Der Rest ist Grundriss-, Schnittarbeit und integrierte Planung – Architektur, Städtebau, Bau- und Immobilienmanagement auf einem Niveau, das Firmen wie HdM und deren Kunden beherrschen und sie vom Rest der zahlreichen Early-Follower und Nachahmer unterscheidet.

Offen bleibt, ob und in welcher Weise mit dem Roche-Turm letztlich mehr resultiert als eine weitere, durch Marken, Formen, Material und Personen symbolisch aufgeladene aber architektonisch gut gemachte Firmen-Infrastrukturbaute mit dem Anspruch auf globalen Reputationsgewinn aller Beteiligten. Hoffentlich, denn sonst ist die wiederholte Erfolgsgeschichte von Mehrwert, Wachstum und Reputation im Städtebau und in der Architektur bald zu schlicht für spannende Architekturbücher, Filme und Feuilleton-Berichte: Dass die Besten und Berühmtesten für die Reichsten und Globalsten die grössten und teuersten Häuser bauen, wird als Erzählung auf die Dauer langweilig.

Ergänzung vom 7. Januar 2013: In seinem NZZ-Artikel „Bedürfnisse, Werte, Träume“ vom 5. Januar 2013 schreibt Carl Fingerhuth, seines Zeichens von 1979 bis 1992 Kantonsbaumeister von Basel und grosser Förderer der damaligen jungen Basler Architektenszene, zum Bau1: „Bei meiner Arbeit für europäische Städte werde ich heute immer wieder mit einer Flut von Projekten konfrontiert, die jeden Bezug zum Spezifischen des Ortes ignorieren. Sie zeigen sich mit ihren Vorhaben selbstreferenziell und haben den Fokus nur auf die Vision ihrer Bauherren und Architekten gerichtet, mit Verachtung für die Menschen des Ortes und ihre Herkunft. Es scheint mir, dass vieles, was die Menschen heute bewegt, in der elitären Architektur noch nicht angekommen ist. Exemplarisch für diese Situation ist das Projekt für den Bau eines banalen, 175 Meter hohen Bürogebäudes in Kleinbasel. In seiner städtebaulichen Haltung dominiert das Projekt der Architekten Herzog & de Meuron alle bestehenden Schichten der Bausubstanz von Basel und macht sich selbst zum Zentrum der Aufmerksamkeit. Nach seiner Realisierung ist die städtebauliche Identität von Basel nicht mehr die über 2000 Jahre lang gewachsene Stadt um den Münsterhügel, sondern der Turm der Firma Roche. Das Schweigen der Politik und der Fachwelt zu diesem Projekt ist unverständlich. Es handelt sich um die gewalttätigste und respektloseste Architektur, die bis jetzt in der Schweiz gebaut wurde.“

Carte Blanche 2010

Zum Jahresende vergibt das Büro für Stadtfragen seine erste Carte Blanche in Form einer A5-Postkarte. 2010 geht sie an den Luzerner Gestalter Mart Meyer und sein Werk „Kloten“. Das Aquarell hat eine Grösse von 55 x 72 cm und ist 2010 entstanden.

Kloten, das ehemalige Flughafendorf, ist heute eine urbanistische Einzigartigkeit in der Schweiz und hat im Zentrum eben einen neuen baulichen Grundstein gelegt.

Mis-match in der Kritik

Wie beeinflussen Blogs die Architekturkritik? Die Londoner Architektin und Medienfrau Amanda Levete übt modernistische Medienkritik.

Architekturkritik? Wann sind Texte über Architektur reine Darstellung des Wohlgefallens an der Schönheit der Werkidee und deren Umsetzung; wann vor allem Übersetzungen der (unverstandenen) Anliegen einer Disziplin gegenüber ihrem breiten Publikum; und auf welchem Kanal dürfen, können, sollen Texte über Architektur und Städtebau überhaupt noch kritisch gegenüber den Auftraggebern, Planern, Autoren und Architekten sein? Wieso nicht gerade auf Blogs? Oder ist die Sache mit der Architekturkritik keine Frage des Mediums, sondern einfach so zu erklären, wie Lise Anne Couture und Hani Rashid 2008 an der Biennale in Venedig mit ihrem Statement zur Architekturvermittlung behauptet haben: Kritiker sind in der Regel “frightened” und Theoretiker frustiert!

Profilierung durch schnelles Schreiben

Die Deutsche Bauzeitung vom Oktober 2010 hat die Londoner Architektin Amanda Levete zum  Thema Architekturkritik und Blogs wie folgt zitiert:

„Architectural critique comes increasingly from profileration of blogs which give an instantaneus and anonymous critique based on a few seconds viewing of a few images online. And yet more is being asked of architects as thinkers and social commentators than ever before. There is a real mis-match here.“

Recht hat sie: Auch Architektinnen und Architekten sind im Zeitalter des Web 2.0, in dem Kommunikationsformen wie Blogs und Twitter als publizistische Schnellboote funktionieren, als Denkende und Sozialkommentatoren gefragt. Nur: Ihr Statement kann auch so – klassisch modern – interpretiert werden: Auf der einen Seite der oder die tiefgründig und mit Präzision denkende und entwerfende Architekt/in, dort die oberflächliche Masse mit dem schnellen Medium Internet, die es einmal mehr über die bessere (Architekten-)Welt aufzuklären gilt. Dazu taugt das Web gewiss nicht. Bleibt zudem die Frage, wer unter den Architekten/innen überhaupt noch die Zeit und das Können hat für fundierte Kommentare bzw. Gesellschafts- und Medienkritik. Architekten sind zum Bauen da. Und: Bei vielen Bauten lohnt es sich tatsächlich, nur ein paar wertvolle Sekunden Aufmerksamkeit zu verschwenden (siehe oben: die Theoretiker sind frustriert).

Future Systems

Was die Bauzeitung veröffentlicht hat, ist lediglich ein kurzes Zitat. Amanda Levete hat bestimmt mehr zu bieten. Sie ist zudem ein Beweis dafür, dass der Spagat zwischen dem Bauen und der Architekturvermittlung in Ausnahmefällen zu schaffen ist: Levete hat sich an der Architectural Association (AA) in London zur Architektin ausgebildet und danach für Richard Rogers gearbeitet, bevor sie 1989 als Partnerin bei Future Systems einstieg. Heute hat sie ihr eigenes Büro. Sie ist Gastprofessorin am Royal College of Art. Levete ist regelmässige am  TV und Radio anzutreffen und schreibt eine Kolummne für ein Baumagazin.


EBERLI’s Stadteingang

Am Anfang war das Plakat. Mitterweile wird Stadt als Hülle für Kommunikation in verschiedensten Formen temporär gestaltet; der Wettbewerb um Aufmerksamkeit im öffentlichen Raum ist hart umkämpft und die Zukunft wird digital. Zu diesem Thema trägt die Baustellenplakatierung auf dem Luzerner Rathausplatz seit Oktober eine harmlose aber amüsante Episode bei: Eberli’s Stadteingang in die Luzerner Altstadt. Jetzt wird die Baustelle temporär eingepackt.

(sta) Der Wettbewerb um Aufmerksamkeit im öffentlichen Raum entscheidet sich oft in Zentimetern und harten Diskussionen. In naher Zukunft werden die Diskussionen vermehrt von digitalen Formen der Kommunikation im öffentlichen Raum handeln: Medienfassaden, Out-of-home-Displays, Digital signage, Crossmedia in Echtzeit oder QR-Codes sind nur eine Auswahl von Stichworten, mit denen Werbestrategen schon heute eifrig an der Zukunft des Öffentlichen Raums arbeiten. Entwerfen und Gestalten wird dadurch zu einem Hybrid Design, an dem verschiedene Disziplinen beteiligt sind, auch die Architektur.

Neue Realitäten

2009 haben Teradadesign und Qosmo das N-Building realisiert: Der QR-Code (ein Identifikationssystem zur mobilen Datenerfassung z.B. durch Mobiltelefone) funktioniert als Fassade des Bürohauses in Tokyo. Das Beispiel zeigt: Werbung ist in dieser Form nicht mehr nur eine ökonomisch motivierte und legitimierbare Angelegenheit, sie wird  Teil der Kultur und ihres Kommunikationsraums und damit auch Bestandteil von Architektur. Die Diskussion um das Thema Medien und Stadt wird dadurch zwar erfrischend anders, bleibt jedoch nicht weniger verwirrend und wird gewiss hier und da Widerstände auslösen. Tim Elder von REALITIES:UNITED, eine Firma von Architekten und Künstlern, die sich auf Medienfassaden spezialisiert haben, hat die Situation mit dem Titel seines Vortrages an der Hochschule Luzern auf den Punkt gebracht: „ARCHITEKTUR MACHT KUNST STADT WERBUNG“.

Ausnahme Baustelle

Zurück in die Schweiz, nach Luzern, auf den Rathausplatz: Gesetzlich mehr Luft haben hier temporäre Formen öffentlicher Werbung und Selbstdarstellung: Events oder eben Baustellen. Sie schaffen zwischenzeitlich neue Mitteilungsflächen an Orten, die ansonsten aus historischen Gründen besonderen Schutz geniessen, sogar tabu sind. Urbanistisch kann deshalb die Frage immer wieder gestellt werden: Wie lange dauert nun eigentlich temporär, und welche Ansprüche sollen an die Gestaltung der temporären Stadtplakatierung, an die Vermehrung des öffentlichen Werberaums gestellt werden? Die Stadt Luzern setzt auf den gesunden Menschenverstand und weniger Bürokratie. Baustellenwerbung ist generell nicht bewilligungspflichtig. Diese Praxis folgt der kantonalen Reklameverordnung und gilt demnach sowohl in der Altstadt als auch entlang einer Hauptstrasse. Baustelle ist Baustelle, oder doch nicht?

Wie lange dauert temporär?

Zwischen Oktober 2010 und Dezember 2011 baut Architekt Ivan Bühler im Brandgässli ein Privathaus um. Gemäss Praxis gilt auch hier: Die über einjährige Baustellenplakatierung am Kran-Installationsplatz mitten auf dem Luzerner Rathausplatz ist temporär, somit eine werbetechnische Ausnahme und nicht bewilligungspflichtig. Das Resultat war nun einige Wochen zu bewundern: Eberli’s plakatierter Stadteingang in die Luzerner Altstadt, von weither sichtbar, direkt in der Sichtachse Achse zwischen Luzerner Theater und Rathausplatz. Für diejenigen, denen die Werbung bisher trotzdem noch nicht aufgefallen ist: Eberli ist eine Baufirma aus Sarnen, ja, es ist dieselbe Firma, die die Sportarena mitbaut. Droht dem luzernischen Stadtraum die gestalterische Verlandung? Nein. Jetzt soll die provinzielle Werbe-Episode ein Ende haben. Die Baustelle wird neu eingepackt – unbewilligt? Hoffentlich droht Luzern kein weiteres Kulturtheater. Fest steht: Temporär dauert in Sachen Baustellenplakatierung so lange, wie gebaut wird, und gebaut wird immer irgendwo.

Stadtschmiede am Pilatusplatz

Die Abstimmung über den Erhalt des baufälligen Relikts „Schmitte“ am Pilatusplatz in Luzern ist grotesk und eigentlich schon entschieden – aber sie bleibt urbanistisch brisant, denn: Die Vorlage für den 26. September mischt sich in die städtische Liegenschaftspolitik ein; sie bietet ein Widerstandsangebot gegen die ideenarme Stadtentwicklung an und weckt sogar die Hoffnung, dass der Pilatusplatz die Chance erhält, sein Potential als künftige Stadtmitte Luzerns unter Beweis zu stellen. Zum Beispiel im Rahmen einer innovativen Stadt-Schmiede, mit oder ohne die alte Schmiede aber noch vor dem geplanten Architekturwettbewerb.

Büro für Stadtfragen // visual©vranek

(sta) Nach über 40 Jahren Abbruchbewirtschaftung durch die Stadt Luzern ist die Abstimmung über den Erhalt oder den Abriss der alten Schmiede mit Wirtshaus eigentlich absurd: Der Bau von 1844 ist ein wirtschaftliches, bauliches und vielleicht sogar soziales Relikt einer dörflich-vorstädtischen Vielfalt aus dem 19. Jahrhundert. Die politische Botschaft der Stadt als Grundbesitzerin (B+A 17/2010 des Stadtrats) argumentiert auf 17 Seiten mit planerischen, betriebswirtschaftlichen, finanzpolitischen und immobilienstrategischen Gründen gegen ein Ja zum Erhalt der „Schmitte“. Argumentiert wird verwaltungstechnisch abstrakt: „Als gestärkter Knotenpunkt könnte der Pilatusplatz im Stadtgefüge Ausgangspunkt und Impulsgeber für die Innenstadtentwicklung sein und die angrenzenden Quartiere besser miteinander verbinden“. Alles klar?

Unbehagen

Es bleiben ein Unbehagen und Befürchtungen zurück, dass der Stadt Luzern eine tragfähige, übergeordnete Vorstellung fehlt, was der Pilatusplatz im unmittelbare benachbarten Stadtgefüge und im Kontext der Stadtregion genau sein soll und leisten kann. Die Kommunikation ist unvollständig und provoziert Fragen: Was passiert genau, wenn die Schmiede widerstandslos wegkommt? Was, wenn sie tatsächlich stehen bleibt? Einmal mehr scheint sich zu bewahrheiten: In der gefühlten Ohnmacht des Souveräns vor Entscheidungen an der Urne zeigt sich die wirkliche Kraft einer reaktiv-technokratischen Stadtentwicklungspolitik.

Neue Stadtmitte von Luzern?

Was liegt am Pilatusplatz urbanistisch in der Luft? Die vorstädtische Geschichte des Ortes, die Ankunftsqualität, die Verkehrspräsenz und die räumliche Dynamik – nicht zuletzt die baulichen Verdichtungsmöglichkeiten – lassen erahnen, dass der Pilatusplatz die Bedeutung einer Stadtmitte in sich trägt: Ist dem so, wäre die Vielfalt an primären und sekundären Nutzungen Tag- und Nacht, an Aufenthalts- und Freiraumqualitäten, die Offenheit gegenüber einer architektonisch innovativen Lösung und für eine Verkehrssituation, die für und nicht gegen die Stadt als Lebensraum auftritt, an dieser übergeordneten Idee der Stadtmitte auszurichten. Dass die Stadt Luzern diesem Potential auf der Spur ist, dagegen spricht die Argumentation in der Botschaft gegen die Vorlage „Rettet die Schmiede“. „Strassenbegleitende Bauten“, „Baufluchten“ aus einer Volumenstudie, das Marktversprechen auf eine künftige „Headquarterfunktion“ und eine Rendite in der staatlichen Immobilienpolitik sprechen eine andere Sprache. Auch die versprochene „Harmonie verschieden hoher Häuser“  und ein paar Baumreihen lassen am Pilatusplatz eine wenig innovative Fortsetzungsgeschichte erwarten.

Stadtlandschaft

Stadtlandschaften, wie Luzern seit dem Bau des KKL eine ist, verlangen nach einer Vielfalt und nach einer städtebaulicher Qualität, die nicht allein mit Hilfe funktionaler Planungskategorien entsteht und aus dem Glauben heraus an das Heil von Backstein, architektonischen Designqualitäten und wirtschaftlichen Wunschvorstellungen. Starke übergeordnete Bilder, elastische Planungs- und Betrachtungsperimeter, eine wohl überlegte Gewichtung der gewünschten Nutzungsdurchmischung im Quartiermassstab und 24h-Tagesverlauf sowie verständliche Aussagen zum künftigen Kräfteverhältnis zwischen den Verkehrsteilnehmenden sollten ebenso ins Spiel kommen. Dann lassen sich eher auch solche Fragen beantworten: Ist der Pilatusplatz künftig ein Ankunfts- oder ein Durchfahrtsort? Woran erkennen und erleben Quartierbewohner/innen, Einheimische, Gäste, Pendler und Durchreisende, dass sie am Pilatusplatz in der Stadtmitte von Luzern, im Zentrum einer Stadtregion leben oder eben gerade angekommen sind? Spätestens der geplante Wettbewerb (mit oder ohne Schmiede) wird wohl zeigen, dass es sinnvoller wäre, mögliche Antworten auf diese Fragen möglichst früh und aus Sicht der Stadtentwicklung zu beantworten. Am Pilatusplatz käme ein solches Vorgehen einer Stadt-Schmiede gleich. Dies würde für die Stadt und die Liegenschaftsbesitzer im Wirkungsraum des Pilatusplatzes bedeuten, nicht vor allem auf die Genialität von Planerteams im geplanten Areal-Wettbewerb zu hoffen, wenn es darum geht, gemeinsam eine überzeugende Vorstellungen von Stadt zu entwickeln und schrittweise zu realisieren.

Untergrund – Dorf  und Belvedere

Die Vorstellung, bei der alten Schmiede, dem ehemaligen Bahnhof der Krienserbahn, eine derartige Stadt-Schmiede zu lancieren, braucht Mut, Offenheit, eine Kultur des positiven Widerstands, sowie Bilder und Ideen, die mobilisieren und motivieren. Gelingt dies, werden am Pilatusplatz verschiedene Entwicklungsschritte denkbar – mit oder ohne „Schmitte“. Und wieso nicht nach diesem Drehbuch? Im Untergrund erhält der Pilatusplatz eine modulable Nutzung, im Fussgängerbereich ein vorstädtisches Dorf aus historischen Kleinbauten, darüber eine leistungsfähige, rentable Primärnutzung mit Wohnungen und Arbeitsplätzen und als Dach ein öffentlich zugängliches Belvedere über der neuen Stadtmitte von Luzern? (vgl. Bilder)

De quoi s’agit il?

Die Abstimmung über die Schmitte verstellt den Blick auf eine notwendige urbanistische Diskussion an einem für die Stadtentwicklung Luzern zentralen Ort. Wer in der Beiz am Pilatusplatz bisher nicht Gast ist, sieht im Vorbeigehen oder Vorbeifahren eine vor dem letzten Hammerschlag gerettete Ruine, die zu nahe am Strassenrand steht. Weil gleichzeitig eine tragfähige Zukunftsvorstellung fehlt, geht es bei der Abstimmung „Rettet die Schmiede“ letztlich um eine Art persönlichen, anonym öffentlich gemachten Kommentar zu den Ambitionen und Führungsqualitäten in der Stadt-, Standort- und Raumentwicklung Luzerns. Wer sich für solche Fragen nicht interessiert, und das wird eine Mehrheit sein, stimmt irgendwie oder gar nicht darüber ab. Wie auch immer: Aus urbanistischer Sicht darf das Stimmvolk eine intellektuelle Frage beantworten, die – ohne ausführliche Information und eingängigen Dialog – kaum öffentlichkeitstauglich ist: Welche eigene oder kollektive Vorstellung von Stadt erfordert ein Ja? Welche eigene oder kollektive Vorstellung von Stadt erfordert ein Nein?

NEIN. Die Schmiede muss weg!

So denkt und stimmt, wer am Pilatusplatz hauptsächlich die kontrollierbare, marktwirtschaftliche Optimierung eines städtischen Standorts im Sinn hat; wer die entsprechende städtische Liegenschaftspolitik (mitsamt der Abbruchbewirtschaftung seit 1967) unterstützt; wer für die lokale Markt-Dynamik im Sog der Greater Zürich Area (GZA) argumentiert; wer hofft, dass das visuelle Mitleiden am Pilatusplatz, das so ganz und gar nicht zur selbstverliebten Tourismusfassade von Luzern passt, möglichst bald der Vergangenheit angehört und durch Firmenarchitektur ersetzt wird.

JA. Der Pilatusplatz ist ein Ort für Innovation

So denkt und stimmt, wer sich für Luzern eine offenere und innovativere Stadtentwicklung erhofft und daran glaubt, dass der bauliche und demokratische Widerstand der Schmiede bzw. die Geschichte und die Möglichkeiten am Pilatusplatz gerade jetzt Anlass genug sind für eine innovative Stadt-Schmiede. Wer sich so in die Liegenschaftspolitik einmischt, erwartet von der Grundeigentümerin Stadt Luzern eine aktivere, offenere Haltung und von der Stadtentwicklung überzeugendere Ideen und Argumente. Mit dem Dilemma, trotz einem JA für den Abriss der Schmiede zu sein, lässt sich gut leben.

Werden wir noch staunen?

Die Schmitte ist ein Relikt einer dörflichen Vielfalt, die nicht durch eine leitungsfähigere Neubebauung ersetzt werden kann. Die Vielfalt und die urbanistischen Chancen hingegen, die mit der Diskussion um die Schmiede  – und einer möglichen Stadt-Schmiede am Pilatusplatz – in Verbindung gebracht werden können, haben das Potential, dass sie von einer neuen, wirtschaftlich rentablen und wie auch immer überzeugenden neuen Nachbarschaft geerbt werden können.

PS: Auf die Androhung im städtischen B+A, ein JA zur Vorlage würde am Pilatusplatz schnell zu unbezahlbaren Mieten in der alten Schmiede, zu einem Ertragswertverlust in der Stadtkasse und zur Situation „Stillstand statt Stadtentwicklung“ führen, hat G.B Shaw eine literarische Antwort parat: What is this life, if we don’t have the time to stand and stare. Schön wäre, wir könnten in den kommenden Jahren am Pilatusplatz auch dann immer wieder für Minuten staunend stehen bleiben, wenn wir nicht von der roten Fussgängerampel dazu gezwungen sind.

Grundlage für die Visualisierung durch visual©vranek sind Fotos aus dem Büro für Stadtfragen und das Projekt skyvillage der holländischen Architekten MVRDV:

Mailänder Sensation des Ortes

Das Büro für Stadtfragen hat in Begleitung der Architekten Mauro Piantelli und Enrico Garbin das umgebaute Dachgeschoss im Pirelli-Hochhaus von Gio Ponti und Pier Luigi Nervi in Mailand besichtigt. Der politischen Brisanz und Sensation des Ortes wird ein Blogeintrag nicht gerecht.

sta. Clive Owen alias Interpol-Agent Louis Salinger trifft sich hoch über den Dächern von Mailand mit dem italienischen Waffenproduzenten Umberto Calvini zu einem Geheimgespräch über den internationalen Geld- und Waffenmarkt. Die Szene spielt im Film The International (Columbia 2009). Die Sensation daran ist weder die Geschichte, noch sind es die Personen, die im Filmset auftreten. Der Ort selbst ist die Sensation: Hier im umgebauten Dachgeschoss des Pirelli-Hochhauses von Gio Ponti und Pier Luigi Nervi (1958) bietet sich bei guter Sicht ein einzigartiges urbanes Belvedere: Durch die restaurierte Glasfassade hindurch, den curtain wall des europäischen Pionier-Hochhauses, blickt man über die Dächer von Mailand hinaus in die Regione Lombardia. Seit 1978 ist die ehemalige Zentrale des Reifenherstellers Pirelli schon stolzer Hauptsitz der regionalen Regierung.

Brisante Geschichten

Die Architekturkritik hat den Pirellone, wie der Volksmund das Hochhaus nennt, in der Vergangenheit sowohl gelobt wie auch gehasst: „Das Pirelli-Hochhaus wirkt vor allem, weil es im faschistischen Setting eleganter gekleidet dasteht als seine Nachbarn“, schrieb Dieter Hoffmann-Axthelm 1991. Nach dem 18. April 2002, als der Schweizer Luigi Fasulo mit seiner Rockwell Commander in das Hochhaus direkt beim Mailänder Bahnhof stürzte und dabei ums Leben kam, titelte die NZZ: „Verletztes Wahrzeichen“.

Belvedere für den Präsidenten

Nicht weniger brisant ist die jüngste Schlagzeile: Das Pirelli-Hochhaus ist seit diesem Jahr nicht mehr das höchste Gebäude Mailands. Im Januar wurde in seiner Nachbarschaft der Turm des sich im Bau befindenden Palazzo Lombardia, dem neuen Verwaltungs- und Machtzentrum der Regione Lombardia, als neues höchstes Stadt-Gebäude gefeiert. Roberto Formigoni, Präsident der Region, hat die neue Architektur von Pei Cobb Freed&Partners (NY) persönlich mit einer Kopie der Madonnina des Mailänder Doms gekrönt, begleitet mit viel Medienrummel. Formigioni ist seit 1995 Präsident und wurde zwei Monate nach dem symbolischen Akt, im März 2010, für eine vierte Amtszeit wiedergewählt.

Spieglein, Spieglein an der Wand…

Derweil wurde die Sensation des Ortes im Dachgeschoss des Pirellone mit dem Projekt Belvedere der Architekten Mauro Piantelli und Enrico Garbin auf neue Art erfunden. Das Büro für Stadtfragen hat den Ort, der früher klimatisch offen und nun gleichzeitig (nicht zugängliches) Privatzimmer des Präsidenten sowie Repräsentations- und Ausstellungsraum, jedoch keine öffentlich zugängliche Aussichtsterrasse ist, in Begleitung von Sicherheitspersonal besichtigt: Nutzung, Symbolhaftigkeit, die Inszenierung der historischen Betontragstruktur des Pirellone und die hinzugefügte glasige Textur des neuen Belvedere sind architektonisch sehenswert. Gleichzeitig verspiegelt der Einbau im übertragenen Sinn die Sicht auf ein historisch schwieriges Thema in Italien, das mehr als ein Blogeintrag Wert ist: das Politische Moment in der Dynamik moderner Architektur.

Den Besuch vor Ort hat die Regione Lombardia ermöglicht. Vielen Dank.

Zentrum mit Goldrand

Kloten hat im Zentrum einen urbanistischen Grundstein gelegt. Die Überbauung SQUARE bietet eine dichte Wohnbaunutzung mit Service-Leistungen und Kleingewerbe an. Und sie ist ein starkes Zeichen im regen, regionalen Wettbewerb um Standorte für Wohnen und Arbeiten – direkt vor der Stadt Zürich. Die Architekturkritik dazu hat das Büro für Stadtfragen im Oktoberheft der Zeitschrift werk, bauen+wohnen publiziert.

Kloten hat zwischen 2003 und 2009 auf einem freien Acker sein neues Zentrum SQUARE geplant und realisiert. Auf dem ehemaligen Lirenächer wird seither kinderlos gewohnt, gefittet, eingekauft und gegessen. Ernst Niklaus Fausch Architekten haben zusammen mit der Politik die Zentrumsentwicklung konzeptionell angedacht, entworfen, geplant und im Auftrag der Specogna Immobilien AG Kloten auch noch gebaut.

Städtischer Nutzungsstapel

Nutzungsmix, Dichte, Stapelung der Geschosse, Wohnungsangebot, Material und der Concierge-Service geben Kloten an diesem Ort ein städtisches Gesicht. Die Durchlässigkeit der Verbindungs- und Erschliessungsräume, der Hühnerstall in der Nachbarschaft und die Ehrlichkeit, wie die Eigentumsverhältnisse und unterschiedlichen Qualitätsvorstellungen architektonisch zum Ausdruck kommen, zeigen, dass Kloten auch Dorf sein kann. Die beiden bis sechsgeschossigen Gebäude haben eine lebendige Klinkerfassade. Goldene Brüstungs- und Fassadenelemente wiederum sollen städtisches Ambiente stilisieren. Sie sind jedoch eher architektonische Episoden.

Vorstadt ohne Stadtplatz

Wie es mit Kloten als Vorstadt von Zürich genau weitergeht, ist derzeit noch offen. Fest steht: Die Realisierung des geplanten Stadtplatzes mit einer permanent überdachten Markthalle ging dem Souverän letztes Jahr  zu weit: Die Vorlage wurde deutlich abgelehnt. Dennoch wird SQUARE in der Flughafenstadt Weiteres bewirken. Die Politik konzentriert sich auf kooperative Planungen mit privaten Nachbarn. (Bild: Büro für Stadtfragen 2010)

Träumen mit Shimizu

Shimizu’s Träume

Die japanische Baufirma Shimizu Corporation hat eine über 200-jährige Geschichte. Das eigene Shimizu Institute of Technology in Tokyo spielt seit 1944 eine tragende Rolle in der Entwicklung neuer Konstruktionstechnologien: „Our philosophy is to act as an Open Institute of Technology. If architecture achieves a harmonious balance between nature and human activity, the architecture will become a unique part of the culture and the community.“ So gesagt, entwickelt Shimizu zukünftige Lebensräume, Städte der Zukunft, im ganz grossen Massstab: schwimmende, autarke Städte im Pazifik, Raumstationen, Wüstenstädte.

Unsterbliche Metabolisten

Es scheint fast so, als wären hier die japanischen Architekten und Stadtplaner Kisho Kurokawa, Kiyonori Kikutake, Fumihiko Maki, Sachio Otaka und Noboin Kawazoe, die 1959 unter der Bezeichnung Metabolisten zusammen fanden, immer noch selbst am Werk und quasi unsterblich. Das Thema der Futuristen war bereits vor 50 Jahren die Stadt im urbanen Kontext, die Stadt der zukünftigen Massengesellschaften und zwar als lebendiger Prozess gestaltbar durch flexible, erweiterbare Großstrukturen (Wikipedia). Die damaligen Ergebnisse wie die schwimmende Stadt am Meer (Projekt Unabara), die Turmstadt von Kiyonori Kikutake, die Wand-, Agrarstadt und sogenannte Helix-City von Kisho Kurokawa finden sich in den Träumen von Shimizu wieder. Unterschied zu damals: Die technische Machbarkeit ist auf dem Weg, die gesellschaftliche Akzeptanz in Vorbereitung und die Globalisierung und Ästhetisierung in der Architekturproduktion verniedlicht vernetzte Grösse und funktionale Radikalität (Stichworte: Bigness, Metropolitanräume) als gegebenes Zeichen der Zeit.

Kenzo Tange’s Planungsmodell für die Tokyo Bay, 1960

Das grosse Summen

Es ist Fussballweltmeisterschaft: Afrikas Elefanten brüllen, unsere Dörfer und Städte summen.

Meine erste Begegnung mit dem sportlichen Grossanlass WM ist nicht das lange erwartete Fernsehbild, sondern das eigenartige, stetige Summen der Übertragungen aus Afrika an den hiesigen Public-Viewing-Orten. Grund für die akustische instant city, mit der uns die FIFA in den nächsten vier Wochen beschert, sind die so genannten Vuvuzelas. Die Trompeten werden aus Plastik oder Blech hergestellt und sind ungefähr 50 Zentimeter lang. Ihr Klang ähnelt dem Brüllen eines Elefanten, so sagt man, er ist aber sogar noch lauter. Es ist also kein Bienengesang, der aus den Bierstuben, Kaffees und Privatgärten in die Stadt hallt, sondern es sind Elefantenrufe, die von Fussballbegeisterten mit Hilfe einer Spielzeugtrompete akustisch stilisiert, durch Aufnahmetechnik komprimiert, via Satellitenverbindungen in die Welt verschickt und vor Ort durch die Lautsprecher der Fernseher in unsere Städte und Dörfer übertragen werden. Je nach Modell, Lautstärke und Umgebungsakustik klingt es dann aus dem TV-Gerät eher nach einem Bienen- oder einem Mückenschwarm. Das bekannte Sprichwort lautet: Aus einer Mücke einen Elefanten machen. An der WM in Afrika lernen wir, dass es auch umgekehrt geht.

Ärger bei Spielern

Die Vuvuzuelas ärgern übrigens gewisse Spieler auf dem Feld. Xabi Alonso, Spaniens Mittelfeldspieler und erster Gegner der Schweizer Elf, hatte im Vorfeld der WM ein Verbot der Instrumente gefordert. Die Fifa jedoch hat die farbenfrohen Trompeten als kulturelle Eigenart des Gastlandes für das Turnier genehmigt.

Smarter City: Vorfilm zur Total Living Industry

(beta) Zum ersten Mal leben über 50 Prozent der Weltbevölkerung in urbanen Räumen. Stadt ist deshalb ein issue für Zukunftswerte und Zukunftsmärkte in Unternehmensstrategien, die in der Komplexität vernetzter, kontrollierter und individueller städtischer Lebensräume einen Wachstumsmarkt sehen. IBM Smarter City macht vor, wie das geht – auch auf Youtube. Aber: Sind wir dafür intelligent genug?

sta. Dass die halbe Erdkugel urbanisiert ist, entspricht einer statistischen Tatsache, die schon länger bekannt ist und sich in den Köpfen festgesetzt hat. Verbunden mit der Vorstellung, dass die Hälfte der Erde tatsächlich (schon heute oder in naher Zukunft) städtisch funktioniert und wahrgenommen wird, macht die statistische Aussage zur Über-50%-Weltstadt u.a. zu einem Kernthema für globale Unternehmensstrategien: Stadt wird gleichgesetzt mit dem Versprechen auf einen Wachstumsmarkt, der leistungsfähige und vernetzte Aufmerksamkeitsräume für neue Innovationen, Technologien, Dienstleistungen und Produkte anbietet.

Vernetzung, Kontrolle, Sicherheit

Historisch und aktuell steht die Stadt prototypisch für Vernetzung, Dichte, Austausch und für die menschlichen, politischen oder unternehmerischen Bedürfnisse nach Kontrolle und Sicherheit (im Bild oben: mobile Überwachungskamera in NY). Kombiniert man damit das Gebot der Stunde, dass im Informationszeitalter die einfache, bequeme, schnelle und individuelle Versorgung mit Information und Gütern – intelligent umgesetzte convenience den Weg zum Erfolg, bzw. zum Kunden aufzeigt, wird aus der Stadt ein smart place auf einem smart planet. IBM Smarter City macht vor, wie das geht. Die Videobotschaften dazu sind auf Youtube platziert: Sie können als einfache Werbebotschaften und als Vorfilme zur eigentlichen Hauptgeschichte gelesen werden, die städtischen Räumen weltweit bevorsteht: Ein Wettbewerb um kontrollierte und auf individuelle Bedürfnisse ausgerichtete, technisch intelligente Lebensräume, der  von einer Total Living Industry ausgetragen und kommunikativ inszeniert wird. Mehr dazu später.

Stadt als Testlabor für Mehrwerte

Wenn es um die Forschung und Gestaltung künftiger Städte geht, ist die ETH Zürich mit dabei: Im Oktober 2009 hat sie bekannt gegeben, dass sie ihr Engagement in Asien stärkt: Sie gründet in Singapore gemeinsam mit der National University of Singapore und der Nanyang Technological University das «Future Cities Laboratory», „eine neuartige Plattform für Stadtentwicklung“. Architekten und Wissenschaftler wollen dort das Phänomen Stadt mit einem ganzheitlichen Ansatz erforschen und gestalten. Nach Aussage eines beteiligten Forschers finanzieren fünf globale Unternehmen mit, die noch nicht genannt werden dürfen. Es geht um Mehrwerte.

Sind wir intelligent genug?

Warner aus dem Umfeld der Klimadiskussion geben der weltweiten ökologischen Katastrophe 15%, der globalen Krise mit anschliessender Verarmung unter neo-feudalen Strukturen 50% und dem Durchbruch einer politisch ausgehandelten „2000-Watt-Gesellschaft“ 35% Szenario-Chancen. Das sind schlechte Prognosen, nicht mehr und nicht weniger. Auch hier stehen Städte, vor allem Megastädte, im Zentrum der Diskussion. Die rettenden Schlüsselfaktoren, die dabei genannt werden, sind jenen der Smarter City ähnlich: menschliche Intelligenz, politische Vernunft, Einfachheit, Technologie und Innovation. Versprechungen und Lösungen für einen urbanen Smart Planet werden sich deshalb nicht nur an unternehmerischen Mehrwerten, sondern auch an einigen Problemstellungen messen lassen müssen, die zwar ausserhalb der Städte anzutreffen sind, jedoch die Über-50%-Weltstadt trotzdem direkt treffen: Abholzung der Wälder, Austrocknung von Seen, schmelzende Gletscher, Überflutung.

Firmenstrategien wie IBM Smarter City versprechen Lösungen für eine städtische Zukunft. Darauf können wir uns nur freuen, auch wenn die Frage berechtigt ist: Sind wir dafür intelligent genug?

«Gute Architektur ist nicht teurer als schlechte.»

Die Jugendherberge Scuol hat den Award für Marketing und Architektur 2010 gewonnen. Hinter dem Erfolg stehen die Verantwortlichen der Schweizerischen Stiftung für Sozialtourismus, ZürichDas Büro für Stadtfragen hat bei René Dobler, Architekt ETH und Geschäftsleiter der  Stiftung nachgefragt, was das genau bedeutet (Interview_Dobler_pdf):

Herr Dobler: Was hat Sozialtourismus mit den Vorstellungen von Produktemarketing gemeinsam?

Auch Sozialtourismus braucht Marketing. Bei den Schweizer Jugendherbergen versuchen wir sowohl beim Marketing wie auch bei der Architektur entsprechend den Wertvorstellungen unserer Organisation zu denken und zu handeln. Weder das eine noch das andere soll zum Selbstzweck werden oder sich vom Grundauftrag absetzen.

Wie äussert sich das im Umgang mit Architekturaufgaben innerhalb der Stiftung?

Unser Bauleitbild basiert auf dem Unternehmensleitbild. Die Ansprüche an die Architektur sind dieselben wie an die Dienstleistungen im Betrieb oder an das Marketing. Es werden dieselben Ziele verfolgt, nur mit andern Mitteln. Sie sehen das am Beispiel der Ökologie: Wir arbeiten mit den höchsten, messbaren und gängigen ökologischen Labels. Im Betrieb sind dies das EU-Umwelt- und das Steinbocklabel, beim Bauen sind dies Minergie- und Ecolabel. Das Marketing schreibt keine abgehobene Geschichte darüber, sondern berichtet bei Gelegenheit über die effektiven Leistungen.

Ihre Selbstdarstellung spricht von Werten wie «Vertrauen, Sicherheit und Geborgenheit». Die Jugendherbergen geben sich «lokal, sozial, nachhaltig, menschlich und preiswert». Woran erkennen Sie, dass ihre Architektur «grundehrlich» ist?

Ehrliche Architektur widerspiegelt in hohem Masse die Werte und Inhalte ihres eigentlichen Nutzens. Widerspricht oder überhöht die Architektur ihre Aufgabe, verselbständigt sie sich und gibt etwas vor, das nicht ist. Das kann in bestimmten Situationen angebracht sein, aber nicht beim Umbau oder Neubau einer sozialtouristischen Jugendherberge.

Was hat in den 90erJahren den neuen Qualitätsprozess beim Umbauen der Jugendherbergen ausgelöst. Welches waren die Hauptargumente?

Auslöser war die Fusion mehrerer regionaler Vereine zu einer gesamtschweizerischen Organisation. Damals initiierte der Präsident und ETH-Architekt Alain Paratte ein Bauleitbild. Dieses Bauleitbild wurde dann an der Jugendherberge Grindelwald getestet und wird seither durch ein stabiles Team kontinuierlich umgesetzt und weiterentwickelt. Das wichtigste messbare Hauptargument am Anfang war: Gute Architektur ist nicht teurer als schlechte. Seither beweist auch die wesentlich höhere Auslastung der einzelnen Jugendherbergen, dass dieses Argument stimmt. Finanzen sind immer ein schlagendes Argument: Was will man mehr als geringere Kosten bei höherem Ertrag?

Sehen Sie einen Unterschied zwischen Bauen und Architektur?

Ich denke, der Schritt vom Bauen zur Architektur passiert über die Auseinandersetzung mit Raum und Gestalt. Architektur bedarf eines klaren Gestaltungswillens, der vom Entwerfen bis zur Realisierung verfolgt wird. Ohne das planende Denken ist Bauen reine Funktionserfüllung und wird nie zu Architektur.

Wie finden Sie die richtigen ArchitektInnen? Welche Eigenschaften haben diese gemeinsam?

Mit Hilfe eines breiten und angemessenen Auswahlverfahrens. In Scuol haben wir alle regionalen und ein paar ausgewählte Büros aus dem übrigen Kantonsgebiet für eine Bewerbung eingeladen. Dann haben wir mit fünf Teams einen Wettbewerb durchgeführt. Unsere ArchitektInnen sind alle eher jung, und sie interessieren sich für aktuelle Werte und deren Übersetzung in gebauten Raum.

Kommen auch ausländische ArchitektInnen in Frage?

Wir setzen uns für eine moderne und regional verankerte Architektur ein. Die Authentizität des Ortes beginnt für uns bei regional verankerten Gestaltern, die den Ort kennen. Es gibt überall in der Schweiz genügend gute ArchitektInnen, womit sich eine Suche im Ausland für unsere Bauaufgabe erübrigt.

Mit welchen Architekt/innen möchten Sie unbedingt noch eine Jugendherberge bauen?

Mit uns noch unbekannten, jungen, visionären, engagierten ArchitektInnen, die von der Idee der Jugendherbergen überzeugt sind und die uns mit ihren Ideen überzeugen – so wie zuletzt Buchner Bründler Architekten bei der Jugendherberge in Basel.

Die neue Jugendherberge in Scuol erinnert, je nach Ansicht, an ein Stück Käse mit Löchern und Einschnitten oder an plakativ bündnerischen Heimatstil mit Engadinerfenstern – ein typisch schweizerischer Kompromissbau stilisiert in einem zeitgemässen Tourismus-Marketingkleid also. Lassen Sie diese Kritik gelten?

Ihre Beschreibung entspricht in keiner Art und Weise den gestalterischen Absichten. Die Jugendherberge Scuol ist ein moderner Bau, der traditionelle Elemente wie die Stüva oder das tief eingeschnittene Engadinerfenster spielerisch einbaut. Das ist kein Kompromiss, sondern ein gestalterischer Wille, welcher mit hohem Selbstvertrauen Tradition und Moderne verknüpft. Gerade deshalb kann sich der Bau von Ihrer Überzeichnung möglicher Assoziationen abgrenzen. Die Schweizer Jugendherbergen wollen in Bau und Marketing ihren unternehmerischen Zielen gerecht werden. Deshalb betreiben wir Marketing und Architektur ohne schreierisch zu werden, oder mehr zu versprechen als wir anbieten.

Die Unterkunftsbranche ist kurzlebig, sie muss sich schnellen Trends anpassen. Mit Preisen wie dem Marketing-Award bewegt sich die Stiftung nun in diesem Trendmarkt. Auf wie viele Jahre hinaus planen und realisieren Sie die Jugendherbergen?

Unsere Organisation besteht seit 86 Jahren, unser aktuelles Bauleitbild seit 17 Jahren, in Scuol vergingen von der Idee bis zur Fertigstellung zehn Jahre. Zeitgemäss zu sein, ist für eine Organisation mit so langer Geschichte wichtig; trendig zu sein, wäre für uns ein Eigentor. Unser Bauen ist langfristig, unsere Materialwahl ist langfristig. Unser Erneuerungszyklus von 25 Jahren verbietet uns geradezu, kurzfristig zu gestalten. Marketing hat den Ruf des Kurzfristigen, Kurzlebigen – der Award Marketing und Architektur zeigt nun aber, dass Architektur und Marketing auch dann gewinnen, wenn sie langfristig miteinandergehen.

Sie reden in Ihrem Auftritt von Aktivitäten in der Tourismusforschung. Was sagt die Forschung über die künftige Bedeutung der Architektur?

Forschung ist etwas hoch gegriffen. Wir versuchen in all unseren Tätigkeitsgebieten auf dem Stand der Dinge zu sein und dies mit einer visionären Haltung zu ergänzen. Die Bedeutung der Architektur im Tourismus, oder enger gefasst in der Hotellerie, war meiner Meinung nach immer gross, denn für das Zuhause auf Zeit bevorzugt jeder Gast ein authentisches, identifizierbares Gebäude, das ihn innert Kürze heimisch werden lässt. Die Globalisierung verstärkt dieses Bedürfnis mit Sicherheit. Fraglich ist jedoch, ob der grossen Nachfrage auch ein entsprechendes Angebot gegenübersteht. Die Hotellerie ist hier wohl oft betriebsblind und kann den eigentlichen Architekturaufgaben nicht gerecht werden.

Passt die Marketing-Architektur der Jugis eigentlich noch zum Image der günstigen Familien-Unterkunft? Bauen Sie künftig vor allem für internationale Single-Reisende?

Wir bauen für ein vielfältiges Publikum, das vom klassischen Backpacker, der inzwischen mit dem Rollkoffer vom Billigflug kommt, über Schulklassen und Familien bis zum wandernden Senioren reicht. Das schützt uns davor, für DEN GAST zu bauen. Wir bauen für weltoffene, kontaktfreudige, umweltbewusste, sozialverantwortliche Reisende mit kleinem Portemonnaie. Dies verlangt nach einer kostengünstigen Architektur, die ein hohes Mass an architektonischen und gesellschaftlichen Werten zum Ausdruck bringen muss.

Die Pressebilder zum Neubau in Scuol erinnern an ein Ambiente für Leserinnen und Leser der Annabelle. Ergänzen Sie ihre Unterkunftskategorien «simple», «classic» und «top» nun mit «Flagships»?

Unsere drei Kategorien sind vollkommen ausreichend, und wir haben bereits Flagships in top, classic und simple. Wenn sich auch Annabelle-Leser und -Leserinnen für unsere Jugendherbergen interessieren, ist das weniger unser Ziel, jedoch mehr Ausdruck dafür, dass sich ein enorm breites Publikum durch unser Angebot angesprochen fühlt.

Möchten Sie noch etwas anmerken?

Ich bedanke mich für die herausfordernden Fragen.

(Das Interview wurde per E-Mail durchgeführt.)

Indischer Honig für London’s East End

Die Olympischen Spiel 2012 in London inszenieren „Stadt“ als Event einer Public-Privat-Partnerschip. Jüngstes Beispiel: Der Künstler und Designer Anish Kapoor, Ingenieur Cecil Balmond von Arup, der indische Stahlkonzern ArcelorMittal und die Stadt London bauen zusammen den „ArcelorMittal Orbit“, eine 115 Meter hohe Stahl-Skulptur mit Aussichtsterrasse. Das ikonische Spektakel soll Touristen/innen und eine weltweite mediale Aufmerksamkeit vor und anlässlich der Games wie „Honig die Bienen“ anziehen (Medienmitteilung). Die Ausstellungsarchitektur ist zudem ein Symbol für die  Stadtentwicklung im East End von London.

Der Künstler Anish Kapoor hat den Zuschlag für den Bau seines 115 Meter hohen Turms erhalten. Die Skulptur, die in Zusammenarbeit mit Cecil Balmond von Arup entstanden ist, trägt den Namen ArcelorMittal Orbit. Das erklärte Markenzeichen im öffentlichen Raum der Olympischen Spiele 2010 in London ist auch Symbol für die Stadtentwicklung im Londoner East End. Die Brücke zwischen Kunst, Architektur, Städtebau, Engineering und Business, die hier geschlagen wird, soll eine Ausstellungsarchitektur schaffen, zu der einmal mehr die Superlative dazu gehört: Die Skulptur soll die Grösste in England werden und übertrifft mit Hilfe eines formalen Kraftakts, wie es in den Bildern scheint, doch noch die Freiheitsstatue in New York um ganze 22 Meter. Die Besucher/innen werden mit Liften auf die Aussichtsplattform gebracht und können danach spiralförmig die Treppe hinuntersteigen.

Kunstleiter in den Firmenhimmel

Die Skulptur besteht aus ineinander verdrehten Stahlröhren und Streben. In ihrer Form erinnert das Gebilde an eine orientalische Wasserpfeife. Ihr Name gehorcht der Reputations- und Markenpflege des Sponsors und setzt sich aus dem Firmennamen „ArcelorMittal“ und dem Zusatz „Orbit“ zusammen. Die Ikone ist demnach zugleich Showcase und stilisiertes Abbild der Umlaufbahn am Stahl- und Firmenhimmel, auf der sich die Mittals bewegen; man zeigt sich weltoffen, dynamisch-erfolgreich und jung: Lakshmi Mittal, CEO des indischen Familien-Stahlkonzerns ArcelorMittal kommentierte das Engagement bei der Bekanntgabe des Projekts:

“The Olympic Games are one of the few truly iconic global events. I was immediately excited by the prospect of ArcelorMittal becoming involved because ArcelorMittal is a global company with operations in more than 60 countries. Everyone at ArcelorMittal is delighted with the outcome of the ArcelorMittal Orbit. London will have a bold, beautiful and magnificent sculpture that also showcases the great versatility of steel.”

Diese Art von PR in Form eines idealen Stadtraums für Reputations- und Werbeziele einer Firma (Best Urban Space) kostet Geld: Mit der Grosszügigkeit eines Hauptsponsors übernimmt ArcelorMittal  85% der Kosten in der Höhe von rund 19 Millionen Pfund. 3 Millionen Pfund trägt die Londoner Development Agency bei.

Transnationaler Stahlkonzern

Der Stahlkonzern kann sich die Investition wahrlich leisten: ArcelorMittal ist ein transnationaler Stahlkonzern mit indischen Wurzeln. Das Unternehmen verfügt (laut Wikipedia) über rund 60 Werke in mehr als zwei Dutzend Staaten und beschäftigt rund 310.000 Mitarbeiter. Für das Jahr 2007 war ein EBITDA von 19,4 Mrd. US-Dollar angekündigt. Damit ist Arcelor Mittal in jeglicher Hinsicht der mit Abstand größte Stahlproduzent der Welt und einer der weltweit führenden multinationalen Konzerne. Er fand sich 2008 auf Platz 28 der Fortune 500 wieder. Unternehmenssitz ist Luxemburg. Der Konzern ist aus einer indischen Familiengeschichte heraus entstanden: In der Familiengeschichte Mittal waren immer mehr als 90 Prozent der Aktienanteile stets in Familienbesitz. Mittal Steel hat seinen Sitz in Rotterdam, wird aber vom Berkeley Square in London durch Lakshmi Mittal und dessen Sohn Aditya geleitet. Mittals größter Konkurrent Arcelor wurde in den Jahren 2006 bis 2007 durch feindliche Übernahme erworben; das Ende der Mittal Steel Company in ihrer bisherigen Form war damit besiegelt. Beide Unternehmen fusionierten zu ArcelorMittal. Lakshmi Mittal ist seit Ende 2006 Vorsitzender des Vorstands.

Monumentale Stadtskulptur

Der indische Künstler Anish Kapoor trägt den Turner Preis und ist bereits bekannt für monumentale Objekte, die er in Stadträume stellt. Geboren 1954 in Mumbai, Indien, kam Kapoor 1972 nach London und studierte zunächst Kunst und später Kunst und Design. Zu seinem Werk sagt er: ‘I am particularly attracted to it because of the opportunity to involve members of the public in a particularly close and personal way. It is the commission of a lifetime.’ Internationale Aufmerksamkeit erhielt Kapoor bereits in den 1970er Jahren mit Skulpturen aus Farbpigmenten. Über monochrome Rauminstallationen gelangte er zu Monumentalskulpturen aus ungewöhnlichen Werkstoffen: Marsyas in der Turbinenhalle der Tate Modern (2002), die Werkausstellung im Kunsthaus Bregenz 2003 mit einer 20 Tonnen schweren rote Skulptur aus Vaseline und Wachs (My red Homeland) und Cloud Gate, eine 110 Tonnen schwere, rostfreie Stahlkonstruktion im Millennium-Park in Chicago von 2004 sind Beispiele dafür.

Jugi in Scuol: beziehungsfähig, grundehrlich und einfach Gut

Sieht man über das gegenseitige Schulterklopfen und den austauschbaren Schick in Gestaltung und Sprache hinweg, dann macht der Award für Marketing und Architektur durchaus Sinn: Die eben ausgezeichnete Jugendherberge Scuol steht für die über Jahre aufgebaute, grundehrliche Beziehungsfähigkeit im Bauen und Umbauen von Jugendherbergen; der ausgezeichnete Laden von Ida Gut für eine überzeugende und engagierte Innenarchitektur.

Die Jugendherberge Scuol (2007) hat neben dem Award (10’000 Franken) gleich mehrere Auszeichnungen erhalten; als bestes Hotel und als Gewinnerin des Sonderpreises Green Technology (Architekten: ARGE Sursass). Hinter dem Erfolg stehen die Verantwortlichen der Schweizerischen Stiftung für Sozialtourismus in Zürich  – und eine jahrelange, kontinuierliche Arbeit. Als Marketingleistung hat die Jury ein architektonische Einzelobjekt ausgezeichnet, über dessen architektonische Award-Qualitäten man sich streiten kann. Wichtiger ist, dass ein im Spannungsfeld von Architektur und Kommunikation selten anzutreffendes Phänomen ausgezeichnet wurde: die langfristig gedachte, beziehungsfähige, gestalterisch offene und umwelttechnisch aktuelle Architekturvorstellung, die seit Jahren hinter dem Umbau und nun auch beim Neubau von Jugendherbergen in der Schweiz steht.

Schick, aber austauschbar

Die übrigen Bauten, die ausgezeichnet wurden, sind ein Abbild zum Stand der Dinge in Sachen Firmenarchitektur: Hier das stilisierte Abbild eines Gegenstands, das architektonische Ikon der Firma Laufen, das Lavabo als Haus; dort das trendige Interieur, die (selbstverständlich) transparente, schicke Fassade einer selbstverständlich (offenen) Firma: viel Interessantes aber auch viel austauschbarer Schick; wie die Bauten, so die Texte und Lobreden. Dass gute Architektur und Kommunikation die endlos und repetitiv wirkende Marketing-Sprachverwirrung eigentlich gar nicht nötig haben, um zwischen den Disziplinen und den beteiligten Menschen positiv zu wirken, zeigt Ida Gut mit ihrem ebenfalls ausgezeichneten, gleichnamigen Laden mit Atelier: Gut gemacht. Architekt (Froehlich & Hsu, Zürich) und Bauherrschaft (Ida Gut AG, Zürich) haben einfach so und mit wenig Geld verstanden, worum es geht: um Qualität. Gute Architektur ist gutes Branding.


Ein Ostergeschenk: Kaninchenvilla ROXY

„Hasenställe“ bedeuten im Volksmund, wenn damit flach gebaute und mehrgeschossig übereinander gestapelte, menschliche Behausungen am Stadtrand gemeint sind, eher nichts Gutes: Was für eine elende Form von Leben! Also haben sich die Produzenten von Tierställen etwas überlegt: Was für Menschen nicht geht – ein elendes Leben in einem Hasenstall – ist für Hasen auch nicht mehr tiergerecht. Als Resultat bietet der Markt nun eine ganze Reihe neuer Modelle von Tierbehausungen an. Augenfällig daran ist: Die Modelle orientieren sich an Wohntypologien und Architekturen, die sich beim Menschen lange vor der klassischen Moderne bewährt haben.

Juryentscheid einstimmig

Das Büro für Stadtfragen hat aktuell zu Ostern eine qualitative Recherche durchgeführt. Die interne Architektur-Fachjury hat dabei einstimmig das Modell ROXY ausgezeichnet. Mit gutem Grund: Die Gesamtform der zweigeschossigen Kaninchenvilla mit freiem Erdgeschoss; ihre komplementäre, nordisch unterkühlte Farbigkeit in Rot-Grün; die durch das weisse (beinahe) quadratische Fenster im Obergeschoss leise, klug und stimmig gesetzte Referenz an die Postmoderne eines Robert Venturi; zusammen haben diese Qualitäten die Jury letztlich überzeugt. Die Gebäudekosten (ohne Landanteil) belaufen sich bei ROXY auf rund 450 Franken. Die Autorenschaft ist der Jury nicht bekannt. Eine ausführliche Würdigung sämtlicher Wettbewerbsbeiträge erfolgt vielleicht nach Ostern.