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Winy Maas über die unternehmerische Stadt

Was macht die Identität, das Wesen einer Stadt aus? Das Büro für Stadtfragen hat dazu Winny Maas befragt. Der Holländer ist Mitgründer der Rotterdamer Architekten MVRDV. Das Interview ist 2012 im Buch «Stadtidentität der Zukunft» erschienen (M.L. Hilber, G. Datko (Hrsg.): Stadtidentität der Zukunft. Wie uns Städte glücklich machen, Berlin, 2012).

Bilder: Büro für Stadtfragen, Barcelona 2009

Thomas Stadelmann (sta): Was wir bei Menschen allgemein unter «Identität» verstehen, handelt von der Wahrnehmung des eigenen Wesens. Verrätst du uns mit einem Bild, wie du hier und jetzt aussehen würdest, wenn du ein Haus wärst?

Winny Maas: Wie ein holländischer Wohnwagen: klein, kompakt, mobil und nur mit dem Notwendigsten ausgestattet.

Die räumliche Identität einer Region, einer Stadt oder eines Ortes handelt ebenfalls von Wesentlichem. In welcher Form existiert die «Identität einer Stadt», über die wir hier sprechen wollen?

Das Wesen der Stadt ist ein unglaubliches Wort. Wir Architekten suchen danach, weil es den Kern der urbanistischen Identitätsfrage trifft: Worin besteht die Eigenartigkeit, der Charakter, die Substanz eines Ortes, einer Aufgabe? Mögliche Antworten suchen und finden wir mithilfe von Untersuchungen und Experimenten. Für mich steht fest, dass das, was wir unter Stadt verstehen und antreffen, heute ein anderes Wesen hat als vor hundert Jahren. Städte denken und handeln unternehmerischer, wollen sich unterscheiden und engagieren deshalb Büros wie MVRDV, um ihr Wesen als «Stadt.inc» zu identifizieren, in die Zukunft zu denken und zu vermarkten. Bei der Herangehensweise fallen mir drei Ähnlichkeiten auf: Städte haben durch ihre Bedeutung, Wahrnehmung und Wirkung heute eine Zentrumsfunktion, die das eigene Hoheitsgebiet weit überragt, und sie verstehen sich meistens als Einstiegsportal für das Hinterland. Zudem gibt sich beinahe heute jede Stadt grün.

Trotz dieser Ähnlichkeiten: Um zu Wesentlichen einer Stadt vorzudringen, besteht die wichtigste Aufgabe darin, jene Verschiedenheiten zu untersuchen und zu gewichten, die eine Identität letztlich ausmachen.

Stadtidentität ist demnach eine gedankliche Abstraktion, ein Wunschbild von Stadt, dass politisch-planerisch, baulich und durch Kommunikation mobilisiert wird?

«Abstraktion», «Wunschbild»: beides sind passende Worte. Der eigentliche Motor in einem Identitätsprozess ist jedoch die Hypothese zur Wirkung einer inhaltlich-räumlichen Spezialisierung. Sie geht davon aus, dass ein Raum erst dann konkurrenzfähig ist, wenn er sein eigenes Wesen, kennt, eigene Standpunkte vertritt und dadurch Spezialitäten für das Wohnen und Arbeiten, für Industrie und Gewerbe oder für die Kultur anbieten kann. Die Abstraktion in der Analyse und im Entwurf von Stadt ist also nur das Mittel, um entsprechende Wunschbilder, Planungen, Projekte und Aktivitäten zu definieren. Wie wahr und richtig der Ansatz der Spezialisierung bzw. der Differenzierung in der Stadtentwicklung ist, gilt es in jedem Fall einzeln zu beobachten und in der Theorie kritisch zu untersuchen (Anm: Winy Maas verweist auf die Arbeit von Saskia Sassen).

Die Globalisierung hat dazu beigetragen, dass traditionelle Bild- und Raumkonzepte für die Arbeit an der Stadt in Frage gestellt werden. MVRDV ist gerade deshalb zu einem weltweit in der Architektur- und Stadtproduktion tätigen Büro geworden. Kannst du das erklären?

Die Frage lautet: Warum braucht man in China ein holländisches Büro wie MVRDV? Meine Antwort lautet: für zwei Dinge. Erstens, um vor Ort mithilfe einer Aussenperspektive darüber reden zu können, was an einer Stadt, an einer Aufgabe in Peking, Melbourne, Bordeaux oder Zürich speziell ist. Wie bereits gesagt, geht es dabei um die Positionierung im Konkurrenzkampf zwischen Standorten. Zweitens ist das Phänomen weit verbreitet, dass Städte und Standorte weltweit anerkannte Kunst- und Kulturgüter und damit auch Städtebau und Architektur sammeln. So wollen Stadtoberhäupter in ihrer Kollektion nicht nur einen Picasso haben, sondern zudem vielleicht noch ein Gebäude von Zaha Hadid. MVRDV ist nicht aufgrund der Ähnlichkeit und Erkennbarkeit einzelner Gebäude zu einem weltweiten Sammlungsobjekt geworden. Im Rahmen der urbanistischen Globalisierung haben wird uns durch die Kombination von Architektur- und Identitätsproduktion eine spezielle Rolle und spezielle Marktchancen erarbeitet. Dass wir weltweit angefragt werden, wenn es darum geht, die Zukunft einer Stadt zu definieren, hat auch damit zu tun, dass Städte offener geworden sind, weil sie gleichzeitig in verschiedenen Betrachtungsräumen denken und handeln müssen. Das gilt auch für die Schweiz: Zur Identität von Basel gehört ebenso die traditionelle Fasnacht, die Entwicklung als Metropolitanraum, der Auftritt der Stadtregion und als Standort der globalen pharmazeutischen Industrie. Gewiss hatten viele Städte diese unterschiedlichen Rollen schon früher. Mit der Globalisierung und dem zunehmenden Wettbewerb um Märkte und um Aufmerksamkeit hat sich jedoch das Bewusststein für die Bedeutung und die Struktur dieser Rollen deutlich verstärkt.

…und damit die Konkurrenz untereinander. Geht es bei der Stadtplanung und beim Entwurf von Architektur deshalb weniger um Funktionen und mehr um die Darstellung von Marktvorteilen und Reputation?

Nein, aber die Konkurrenz ist immer der Motor für räumliche Veränderungen. Ohne Konkurrenz gibt es die Furcht nicht, zu spät zu sein. Sie sorgt deshalb für einen gewissen Druck, für Neugier, eine gewisse Beschleunigung im Denken und Handeln und dafür, dass neue Ideen die notwendige Anziehungskraft erhalten. Erst dann können unternehmerisch denkende Städte und Standorte produktiv werden. Und für uns und unsere Auftraggeber werden städtebauliche und architektonische Themen und Aufgaben ebenfalls zu Unternehmen. Unter dem Primat der Konkurrenz ist Stadtplanung gewissermassen als Stadtproduktion zu verstehen.

Rem Koolhaas Ende hatte Ende der 1990er Jahre die Aufgabe, der sich die Architektur mit der Dominanz der Weltökonomie stellen muss, als «manufacturing identities» bezeichnet und den Zeitgeist mit dem Claim Y€$ auf den Punkt gebracht. Heute befindet sich das globale Finanzsystem in der Krise. Steckt das Konzept der Identitätsproduktion durch global tätige Architekten ebenfalls in der Krise?

Ich bin mir nicht sicher, ob die Weltökonomie in der Krise steckt. Für mich persönlich ist der Prozess der wirtschaftlichen Globalisierung nicht zu Ende. Zudem bedaure ich, dass aktuelle Analysen und Vergleiche etwa mit der Krise in den 1920er Jahre oft Angstmacherei sind und nicht den Versuch unternehmen, über die Zukunft nachzudenken. Aus meiner Sicht droht Europa nicht zu implodieren, die europäische Krise führt nicht zu einer De-Globalisierung, Ich denke eher, dass die gegenwärtigen Veränderungen der Globalisierung noch mehr Aufwind verleihen. Wenn ich selbst erlebe, wie Banken z.B. in Südamerika aktuell mehr Land kaufen als zuvor, dass Regierungen in Afrika mehr investieren als noch vor kurzer Zeit, schliesse ich daraus, dass an neuen Orten, neue Chancen und Wege gesucht werden, um Siedlungsgebieten eine zukunftsfähige Identität zu geben. Rem Koolhaas’s urbanistisches Programm «manufacturing identities» ist deshalb aus meiner Sicht immer noch gültig – und es ist der falsche Zeitpunkt, um eine Wende herbeizureden.

Vor zehn Jahren standen für MVRDV die Themen «Mobilität», «Verdichtung» und «Vernetzung» von realen und virtuellen Welten im Vordergrund; futuristische Projekte wie die Einmillionenstadt «MIXMAX»; räumliche Visualisierungen von Mediengalaxien, Datensätzen und Diagrammen zur Zukunft der Stadt. Was hat sich an deiner Arbeit seither verändert?

Augenfällig ist, dass sich durch die ökologische Bewegung das Ausmass der Datenerhebung erweitert hat und uns in unserer eigenen Arbeit zusätzliche Daten zur Verfügung stehen. Heute können wir messen, welches die grünste Stadt Europas ist. Die grössere Nachfrage nach Daten vor allem in Europa ist ein Indiz dafür, dass die Konkurrenz unter dichten, wirtschaftlich prosperierenden Gebieten grösser geworden ist. Damit ist auch die Nachfrage nach einem möglichst sicheren Gefühl bei der Positionierung und dem Entscheid für oder gegen Zukunftsprojekte gestiegen. Monitoring in raumrelevanten Fragen ist in den letzten zehn Jahren zum Normalfall geworden. Zudem haben wir die Art und Weise, wie wir aus Daten räumlich relevante Kriterien ableiten können, in den letzten Jahren deutlich verbessert. So misst und vergleicht heute der ökologische Fussabdruck das, was wir bereits vor zehn Jahren als Architekten visualisiert haben.

Im direkten Umfeld unserer Arbeit ist zudem die nächste Generation von Architektinnen und Architekten herangewachsen. Sie ist weniger an den grossen Perspektiven, Visionen und Projekten wie «Meta City Datatown» interessiert. Irritiert durch die Macht der Medien, den Kult um weltweit tätige Stararchitekten konzentriert sich ein beträchtlicher Teil dieser Generation reaktionär auf lokale Aufgaben und hat dazu eine klare Botschaft: „Lass uns auf dem Boden der Realität arbeiten“. Aus meiner Sicht ist es deshalb eine aktuelle Aufgabe im Städtebau und in der Architektur, gleichzeitig mit gegenläufigen Tendenzen argumentieren zu können.

Würden die Zukunftsszenarien zur Schweiz, die MVRDV 2003 an die Publikation «Stadtland Schweiz» (Avenir Suisse, 2003) beigetragen hat, deshalb heute anders ausfallen?

Das ist eine gute Frage, weil ich die Arbeit in meinen Präsentationen immer noch als gutes Beispiel für den urbanistischen Umgang mit Daten zeige. Interessant ist, zu sehen, welche Reaktionen unsere Provokationen von damals in der Diskussion zur Zukunft der Schweiz ausgelöst haben. Eine davon ist in der Arbeit ablesbar, die das Studio Basel um Jacques Herzog, Pierre de Meuron und Marcel Meili seither geleistet hat. Unsere Zukunftsszenarien haben bestimmt mitgeholfen, räumlich auf eine neue Art und Weise über die Schweiz zu debattieren. Aus heutiger Sicht könnte ich mir für die Schweiz zusätzliche zu den bereits 2003 formulierten Thesen denken und entsprechende Projekte präziser visualisieren.


«Kommunikation ist der einzige Weg, um Städtebau und Architektur zu betreiben» ist ein Satz von dir. Im Zusammenhang mit der Identitätsdiskussion im Städtebau und in der Architektur kennen wir weitere Schlüsselbegriffe. Was fällt dir zu «Branding» als Kommunikationsprozess ein?

Branding ist zunächst ein gefährliches Wort, das bei vielen Berufskolleginnen und -kollegen negative Gefühle auslöst. Ich verbinde damit zuerst Werbeleute in schwarzen Anzügen und schlimmen Hemden, die grosse Worte ohne Inhalt machen. Im Städtebau wird Branding deshalb dann gefährlich, wenn Architekten ihre Konzepte mit einem einzigen Schlagwort zu erklären versuchen. Branding erhält sogar demagogische Züge, wenn damit Inhalte verkürzt oder unterdrückt, polarisiert und letztlich popularisiert werden. Branding als Kommunikationsprozess kann dann Realitäten verhüllen und wesentlichen Inhalten im Städtebau und in der Architektur widersprechen. Branding ist als Technik aus meiner Sicht ein Gewinn, wenn sie eingesetzt wird, um gemeinsame Standpunkte zu klären, zu vermitteln und räumlich umzusetzen. Dies gilt vor allem für die Erneuerung von öffentlichen Räumen in einer Zeit, in der wir als mobile Menschen unsere eigene Realität immer stärker und gleichzeitig individuell und räumlich zersplittert erleben.

Branding ist als baukultureller, sozialer und ökonomischer Identitätsbildungsprozess sehr sinnvoll, wenn gemeinschaftliche Zwecke fachlich wie emotional zugänglich gemacht und realisiert werden können. Im Städtebau und in der Architektur kann ein professionelles Branding daran gemessen werden, ob und in welchem Ausmass Planungen und Projekte eine höhere Qualität erhalten, d.h. für einen Ort authentisch sind und bessere Chancen für die Umsetzung erhalten.

Weil die Werbung mit austauschbaren Bildern arbeitet, haben Architekten in Brandingprozessen eine wichtige Aufgabe. Nur der Städtebau und die Architektur können räumlich zeigen, wie eine Stadt aussieht oder aussehen könnte, wenn man einer Hypothese, einer Botschaft bzw. einem Branding folgt.

Authentizität ist ein weiteres Zauberwort in der Identitätsdiskussion. Wie authentisch, d.h. auf ein Unternehmensziel, auf gemeinschaftliche Ziele oder auf sich selbst bezogen kann Städtebau und Architektur überhaupt sein, ohne autistisch, d.h. kommunikativ in sich selbst eingeschlossen zu werden?

Ich verstehe gut, dass von Projekten, die den Menschen Orientierung und Sicherheit in einer prinzipiell chaotischen Welt geben sollen, gefordert wird, dass die städtebaulichen und architektonischen Inhalte stimmig auf einen Ort, einen Zeitpunkt bzw. auf die Interessen und Wünsche von Zielgruppen abgestimmt sind, sprich: authentisch sind. Gleichzeitig ist Authentizität ein schwieriger Anspruch, weil sich die Wahrnehmung von Echtheit und Glaubwürdigkeit schnell und kontinuierlich verändert. Authentizität kann ich deshalb weniger als Qualitätsmerkmal eines Produkts oder eines Projekts beschreiben, sondern eher als Fähigkeit und Funktion von Personen oder Gruppen, sich mit der nötigen Geschwindigkeit auf Veränderungen in der eigenen Umwelt einzulassen. Ein authentisches Projekt oder Produkt bietet in diesem Sinn eine Art Hilfestellung für Menschen an, Veränderung in einer Mischung von Widerstand und dem absoluten Gefühl, Teil des Neuen zu sein, erleben zu können.

«Freitag» ist für mich z.B. eine sehr authentische Marke. Sie hat ein eigentliche «Freitag-Generation» geprägt, an die wir bei unserer Planung auf dem Basler Dreispitz-Areal gedacht haben. In Seoul wurden wir beauftragt, das Erscheinungsbild unseres Hochhausprojekts an die künftige Generation anpassen, d.h. authentischer zu gestalten. Grund? Unser Kunde hatte Bedenken, dass der architektonische «Wolkenbügel» die Bedeutung des Ortes derart steigern könnte, dass die Preise für die Freitag-Generation zu hoch ausfallen würden und deshalb zu viele zwar vermögende, jedoch ältere Leute einziehen.

Autistisch, d.h. in der Kommunikation mit der Umwelt gestört, sind Eingriffe in die Stadt dann, wenn Konzepte und Bauten mehr und lauter über den Entwerfenden sprechen als über die Stadt, ihre Zukunft, ihr Programm und die vielfältigen Wünsche der Bewohnerinnen und Bewohner.

Das Hochhaus als «Wolkenbügel» ist ein starkes Bild. Bei MVRDV tragen andere Projekte Namen wie «pig city», «mountain book» oder «city sofa». Welche Rolle spielen sprachliche und räumliche Bilder in der Produktion von Stadtidentität?

Eine zentrale Rolle. Als Architekt interessiert mich die Herausforderung, mehr als das nutzungsneutrale, architektonisch und städtebaulich integrierte Gebäude zu machen. MVRDV entwirft und produziert städtebauliche Konzepte und Gebäude, die innovative Bilder für die Neuinterpretation einer Stadt anbieten. Unsere Architektur kann dadurch ikonisch für das Neue, vielleicht für das Zauberhafte oder sogar für ein Weltwunder stehen. Uns ist es recht, wenn Bilder dazu verwendet werden. Selbstverständlich kenne ich die Bedenken, dass mittels Architektur stilisierte Zukunftsbilder eine zeitlich und inhaltlich beschränkte Wirkung und Legitimation besitzen. Uns beschäftigt die Frage sehr, mit welcher Botschaft, mit welcher Architektur wir es schaffen, unmittelbar und nachhaltig Wirkung zu erreichen. In diesem Spannungsfeld verfügt die Architektur über ein fantastisches und zeitgemässes Thema. Unser Ziel sind Bauten und Projekte, die beispielhaft einen Beitrag an die kritische Diskussion um Urbanität und Architektur ermöglichen. Dazu wünsche ich mir als Gegenüber wieder die entsprechenden Architekturkritiker in der NZZ oder in der New York Times. Ich meine, dass der Spagat zwischen dem inhaltlich zugespitzten Temporären und dem langfristig Gesicherten und Nutzungsneutralen einer Stadt oder einer Architektur ein grundlegendes Thema unserer Zeit darstellt, das mehr Öffentlichkeit verdient.

Stadtidentitäten gibt es so viele wie Stadtwahrnehmungen und Menschen. Entsprechende Konzepte sind jedoch oft für eine gewisse Zielgruppe und temporär gültig. Welchen Stellenwert hat die temporäre Stadt für die Diskussion über Identität?

Die temporäre Stadt ist heute eigentlich kein Thema. Es wird viel und intensiv über zeitgenössische Architektur, über den urbanistischen Zeitgeist und darüber, wie die Zukunft der Stadt aussehen soll, geredet. Während Bauten vielerorts für die Ewigkeit gebaut werden, können wir im Städtebau ebenso wie in der Wirtschaft nicht über die nächsten 100 Jahre reden, sondern im besten Fall über die nächsten 20 bis 30 Jahre. Das Spielfeld in unserer Arbeit ist deshalb durch die Kombination von Zeitgeist und naher Zukunft definiert. Städtebau und Architektur schlagen die Brücke zwischen heute und morgen. Aktuell ist die entsprechende Nachfrage nach der Restrukturierung bestehender Siedlungsgebiete in Europa enorm. Vielleicht erleben wir in den kommenden Jahren deshalb den letzten Versuch, das erfolgreiche europäische Modell der Kleinstadt mit 500’000 bis zu einer Million Menschen weltweit zu verwirklichen.


Kommen wir zu einzelnen Beispielen aus der Praxis. Welche würdest du in einer Vorlesung zum Thema «Identität im Städtebau und in der Architektur» erwähnen?

Ich würde niemals eine Vorlesung zu diesem Thema halten. Aber ich kann Beispiele aus unserer Praxis nennen, die von Stadtidentität handeln. Momentan bereiten wir im Auftrag der EU einen städtebaulichen Projekt- und Kriterienkatalog vor, der darüber Auskunft geben soll, wie sich das künftige Europa im Vergleich zu China, Asien oder Amerika profilieren kann. Themen wie Kleinmassstäblichkeit, Durchmischung, Vielfalt, Verdichtung und Identität werden darin eine Rolle spielen. Vielleicht werden wir vorschlagen, Strassen wieder sechs, statt 40 Meter breit zu bauen. Zudem werden wir das Konzept der «Spiegelstadt» thematisieren; Kriterien und städtebauliche Ansätze für spezielle Orte in Europa, die im Gegensatz zum erwähnten Modell der Kleinstadt stehen: uneuropäisch fremd in der Gestalt, grossmassstäblich und besonders liberal in der Gesetzgebung. Es gehört zur Methode unserer Arbeit, Stadtidentität in Gegensätzen zu denken und zu realisieren – auch wenn es um die räumliche Zukunft von Europa geht.

Ein holländisches Beispiel, das du gut kennst, ist die Retortenstadt Almere ausserhalb von Amsterdam. Sie hat sich vor Jahren mit grossem Aufwand als Pionierstadt positioniert.

Almere ist in den 1960er und 1970er Jahren für die ärmere Bevölkerung Amsterdams gebaut worden. Die Freitag-Generation, die nach Berlin zieht, trifft man dort nicht an: Die Stadt ist langweilig, sozialräumlich problematisch, die Preise sind tief. Das Wesen von Almere ist das Pioniergefühl. Das über Jahre aufgebaute Label «Pionierstadt» ist zugleich die einzige Zukunftschance geblieben. Hinsichtlich der vorhandenen städtebaulichen Vielfalt und der Standortqualität ist Almere für mich nicht interessant. Trotzdem veranschaulicht die Stadt gut, was Stadtidentität bedeuten kann. Zudem ist der Ort ein gutes Beispiel für die Zusammenarbeit von Soziologen, Politikern und Investoren, wenn es die dort noch gibt. Wie lange Almere das über Jahre aufgebaute Image der Pionierstadt noch weitertragen kann, ist eine interessante Frage. Wir haben dort Projekte vorgeschlagen, die das Pioniergefühl und die Freiheit der Einwohner/innen weiterentwickeln. Im Sinn eines organischen Städtebaus sollen die Menschen in Almere künftig nicht nur ihre Wohnungen selbst einrichten und gestalten können, sondern auch ihre Strassen und Wege in der Stadt, ihre Wasserlandschaft und vielleicht sogar ihre eigene Energieversorgung.

Welche Städte beschäftigen dich gegenwärtig am meisten?

Die Stadt Bordeaux. Hintergrund ist das politische Ziel der Stadt, sich gegenüber der Hauptstadt, nur zwei Bahnstunden von Paris entfernt, als Wohnstadt neu zu positionieren. Das Ziel unserer Arbeit ist ein Prototyp für eine zeitgemässe, konkurrenzfähige, südeuropäische Wohnstadt für den Mittelstand. In Oslo zeigen wir auf, welche städtebaulichen Antworten aktuelle Formen der sozioökonomischen Reurbanisierung erfordern. Oslo wird in den nächsten zwanzig Jahren zur reichsten Stadt Europas. Ein gutes Beispiel für eine Stadt, welche die Freitag-Generation durch gezielte Erneuerungen erreicht hat, ist Kopenhagen.

In der Schweiz finde ich Basel interessant, eine Stadt mit grosser Ausstrahlung, die ähnlich wie Rotterdam und Amsterdam, die Polarität zu Zürich braucht, um sich mit eigenen Standpunkten zu profilieren. Basel zeigt, dass sie als Stadt urbanistisch offener und experimenteller sein will als die Konkurrenz in Zürich. Ich weiss nicht so recht, was ich über Lausanne und Genf denken soll. Wichtig ist zu verstehen, dass wir als mobile und neugierige Einwohnerinnen und Einwohner von Europa – ich als Rotterdamer – heute für unsere Bedürfnisse grössere Gebiete als nur eine einzige Stadt brauche, um das Gefühl zu haben, ein Teil der Welt zu sein. Seinen eigenen Grossraum zu spüren, heisst, für ein Freizeiterlebnis nicht nach Nevada abreisen zu müssen. Ich bin überzeugt, dass eine Mehrzahl der Leute in Europa solche Gefühle und Bedürfnisse hat. Wir leisten unseren Beitrag, in dem wir diese einmalige Situation an einzelnen Orten in Europa räumlich definieren. Aus dieser Perspektive erhalten auch lokale Entwicklungen und Projekte in kleinen Städten, in der Bourgonne, im Engadin oder in der UNESCO Biosphäre Entlebuch eine andere Bedeutung und neue Chancen, wenn es darum geht, ihre eigene Identität in die Zukunft zu denken.


Kommen wir zurück zu Winy Maas. Bist du nun mehr Stadtentwickler oder mehr Architekt?

Das habe ich mir heute im Flugzeug überlegt. Ich liebe das Bauen, besonders Projekte wie das «unglückliche Haus», das wir für den in London lebenden Philosophen Alain de Botton gebaut haben. Das Haus schwebt und stellt die Frage, was wichtiger ist, das Wohnen, oder ein Haus, dass den kleinsten ökologischen Abdruck aufweist und den Hasen und Frösche nicht im Weg steht. Mir gefällt auch die landschaftliche Idee, die darin eingeschlossen ist. Städtebau und Architektur: Das eine geht nicht ohne das andere. Besonders wichtig ist mir, dass über Städtebau nicht nur geredet, sondern dass er gezeigt wird. Wir bei MVRDV bauen, worüber wir reden.

Gilt das auch für den holländischen Wohnwagen, als den du gerade in der Schweiz unterwegs bist?

Natürlich nicht. Ich habe in der Schweiz bereits ein eigenes Haus. Der Wohnwagen, den ich als Bild für meine aktuelle Identität eingangs genannt habe, sieht sowieso eher wie ein Sessel in der Businessklasse eines Flugzeugs aus. Und gerade jetzt ist der Tisch, an dem wir sitzen, so etwas wie ein Zuhause. Für mich liegt das Einmalige unseres Zeitalters darin, das wir überall und jederzeit die Freiheit haben, uns ein eigenes Zuhause einzurichten.

Heisst das, dass MVRDV in absehbarer Zeit in der Schweiz bauen wird?

Nein, obwohl wir in Basel und Zürich Wettbewerbe gewonnen haben und ich zeitweise in der Schweiz wohne. In Basel arbeiten wir an einer länderübergreifenden Planung weiter. Enttäuscht bin ich, dass es in Zürich Leutschenbach mit dem Projekt für die SRG nicht weitergegangen ist. Ich vermute, ein Grund, wieso wir in der Schweiz bisher nicht gebaut haben, ist der, dass die Schweiz sich gleichzeitig politisch offen zeigt, jedoch im Städtebau und in der Architektur aus europäischer Sicht letztlich doch zuerst introvertiert denkt und handelt.

Stadtidentitaet der Zukunft, Beispielseiten

Im O-Ton: Jacques Herzog über Politik und sich selbst

„Wohin treibt die Schweiz?“ Unter diesem Titel haben DIE ZEIT und das Theater Basel den Architekten Jacques Herzog (Herzog & de Meuron) am 3. Juni 2010 zu einem Vortrag und anschliessendem Gespräch mit dem Schweiz-Korrespondenten Peer Teuwsen in das Schauspielhaus Basel eingeladen. Das Büro für Stadtfragen ermöglicht den Vergleich zwischen dem Protokoll vor Ort (Vortrag und Interview) und der nachträglichen journalistischen Inszenierung des Events in die ZEIT – unautorisiert.

Quellen Büro für Stadtfragen: Vortrag // Interview // Artikel DIE ZEIT

Die Idee vom guten Diktator

(sta) Das journalistische Produkt des Events vom 3. Juni, den (Zitat) „Auszug aus einer Rede von Jacques Herzog“ hat DIE ZEIT in ihrer Ausgabe vom 17. Juni 2010 publiziert. Es handelt sich um eine Zusammenfassung aus dem Kurzvortrag von Jacques Herzog und dem anschliessenden Interview mit Peer Teuwsen. Die Verhaltensregel „Misch dich nicht ein!“ kritisierte der Basler Architekt an diesem Abend als eine typisch schweizerische Eigenart. Gleichzeitig gab er unter dem Eindruck der eigenen Arbeit in China seiner politischen Idee vom „guten Diktator“ Ausdruck (vgl. Interview). Das Büro für Stadtfragen mischt sich ebenso unschweizerisch in die verlegerische Inszenierung, das kommunikative CO-Branding von Zeitung und Stararchitekt ein und publiziert im O-Ton, was Jacques Herzog über Urbanität und Urbanismus, über Gemeindepolitik, die Macht der Bilder, China, Basel und Zürich, sich selbst und über die Schweiz gesagt hat: „Ich denke, die Demokratie, wie wir sie kennen, ist am Ende“, liess er u.a. verlauten.

Für das Protokoll: unautorisiert

Vortrag und Gespräch sind vor Ort aufgezeichnet und hier wohlwollend in Text übersetzt worden (vgl. Quellen). Dass Peer Teuwsen und Jacques Herzog die Abschriften auf Anfrage nicht autorisiert haben, ist durchaus verständlich. Dennoch: Ihre Reaktion spricht gleichzeitig dafür, die unmittelbare Form des Gespräch-Protokolls vor Ort gerade in Zeiten von Crossmedia-Strategien in der PR-Arbeit globaler Architekturunternehmen und den gleichzeitig schwindenen journalistischen Ressourcen in den Redaktionen weiterhin hoch zu halten – oder sie sogar wieder neu zu entdecken.

Architekt und Werk sind zweierlei

Als prominenter (Autor-)Architekt, Unternehmer und angesehener Lehrer hat Jacques Herzog bei seinem Auftritt das gemacht, was ihn selbst als Urbanist seit Jahren und zurecht auszeichnet, und was er selbst von „aufgeklärten, urbanen Menschen“ einfordert: Er hat sich in Basel gezeigt – einmal mehr und im O-Ton des Gesprächs über die Sache der Politik gefährlicher aber umso verständlicher und authentischer als später im Blatt. Beim Vergleich und der Bewertung der Texte und Aussagen gilt die Regel: Architekt und Werk sind zweierlei. „Dass Künstler und Kunstwerk nicht verwechselt werden dürfen, ist eine Proseminarweisheit“ (Nerdinger, Architektur, Macht, Erinnerung, Prestel 2004, S. 83).

«Gute Architektur ist nicht teurer als schlechte.»

Die Jugendherberge Scuol hat den Award für Marketing und Architektur 2010 gewonnen. Hinter dem Erfolg stehen die Verantwortlichen der Schweizerischen Stiftung für Sozialtourismus, ZürichDas Büro für Stadtfragen hat bei René Dobler, Architekt ETH und Geschäftsleiter der  Stiftung nachgefragt, was das genau bedeutet (Interview_Dobler_pdf):

Herr Dobler: Was hat Sozialtourismus mit den Vorstellungen von Produktemarketing gemeinsam?

Auch Sozialtourismus braucht Marketing. Bei den Schweizer Jugendherbergen versuchen wir sowohl beim Marketing wie auch bei der Architektur entsprechend den Wertvorstellungen unserer Organisation zu denken und zu handeln. Weder das eine noch das andere soll zum Selbstzweck werden oder sich vom Grundauftrag absetzen.

Wie äussert sich das im Umgang mit Architekturaufgaben innerhalb der Stiftung?

Unser Bauleitbild basiert auf dem Unternehmensleitbild. Die Ansprüche an die Architektur sind dieselben wie an die Dienstleistungen im Betrieb oder an das Marketing. Es werden dieselben Ziele verfolgt, nur mit andern Mitteln. Sie sehen das am Beispiel der Ökologie: Wir arbeiten mit den höchsten, messbaren und gängigen ökologischen Labels. Im Betrieb sind dies das EU-Umwelt- und das Steinbocklabel, beim Bauen sind dies Minergie- und Ecolabel. Das Marketing schreibt keine abgehobene Geschichte darüber, sondern berichtet bei Gelegenheit über die effektiven Leistungen.

Ihre Selbstdarstellung spricht von Werten wie «Vertrauen, Sicherheit und Geborgenheit». Die Jugendherbergen geben sich «lokal, sozial, nachhaltig, menschlich und preiswert». Woran erkennen Sie, dass ihre Architektur «grundehrlich» ist?

Ehrliche Architektur widerspiegelt in hohem Masse die Werte und Inhalte ihres eigentlichen Nutzens. Widerspricht oder überhöht die Architektur ihre Aufgabe, verselbständigt sie sich und gibt etwas vor, das nicht ist. Das kann in bestimmten Situationen angebracht sein, aber nicht beim Umbau oder Neubau einer sozialtouristischen Jugendherberge.

Was hat in den 90erJahren den neuen Qualitätsprozess beim Umbauen der Jugendherbergen ausgelöst. Welches waren die Hauptargumente?

Auslöser war die Fusion mehrerer regionaler Vereine zu einer gesamtschweizerischen Organisation. Damals initiierte der Präsident und ETH-Architekt Alain Paratte ein Bauleitbild. Dieses Bauleitbild wurde dann an der Jugendherberge Grindelwald getestet und wird seither durch ein stabiles Team kontinuierlich umgesetzt und weiterentwickelt. Das wichtigste messbare Hauptargument am Anfang war: Gute Architektur ist nicht teurer als schlechte. Seither beweist auch die wesentlich höhere Auslastung der einzelnen Jugendherbergen, dass dieses Argument stimmt. Finanzen sind immer ein schlagendes Argument: Was will man mehr als geringere Kosten bei höherem Ertrag?

Sehen Sie einen Unterschied zwischen Bauen und Architektur?

Ich denke, der Schritt vom Bauen zur Architektur passiert über die Auseinandersetzung mit Raum und Gestalt. Architektur bedarf eines klaren Gestaltungswillens, der vom Entwerfen bis zur Realisierung verfolgt wird. Ohne das planende Denken ist Bauen reine Funktionserfüllung und wird nie zu Architektur.

Wie finden Sie die richtigen ArchitektInnen? Welche Eigenschaften haben diese gemeinsam?

Mit Hilfe eines breiten und angemessenen Auswahlverfahrens. In Scuol haben wir alle regionalen und ein paar ausgewählte Büros aus dem übrigen Kantonsgebiet für eine Bewerbung eingeladen. Dann haben wir mit fünf Teams einen Wettbewerb durchgeführt. Unsere ArchitektInnen sind alle eher jung, und sie interessieren sich für aktuelle Werte und deren Übersetzung in gebauten Raum.

Kommen auch ausländische ArchitektInnen in Frage?

Wir setzen uns für eine moderne und regional verankerte Architektur ein. Die Authentizität des Ortes beginnt für uns bei regional verankerten Gestaltern, die den Ort kennen. Es gibt überall in der Schweiz genügend gute ArchitektInnen, womit sich eine Suche im Ausland für unsere Bauaufgabe erübrigt.

Mit welchen Architekt/innen möchten Sie unbedingt noch eine Jugendherberge bauen?

Mit uns noch unbekannten, jungen, visionären, engagierten ArchitektInnen, die von der Idee der Jugendherbergen überzeugt sind und die uns mit ihren Ideen überzeugen – so wie zuletzt Buchner Bründler Architekten bei der Jugendherberge in Basel.

Die neue Jugendherberge in Scuol erinnert, je nach Ansicht, an ein Stück Käse mit Löchern und Einschnitten oder an plakativ bündnerischen Heimatstil mit Engadinerfenstern – ein typisch schweizerischer Kompromissbau stilisiert in einem zeitgemässen Tourismus-Marketingkleid also. Lassen Sie diese Kritik gelten?

Ihre Beschreibung entspricht in keiner Art und Weise den gestalterischen Absichten. Die Jugendherberge Scuol ist ein moderner Bau, der traditionelle Elemente wie die Stüva oder das tief eingeschnittene Engadinerfenster spielerisch einbaut. Das ist kein Kompromiss, sondern ein gestalterischer Wille, welcher mit hohem Selbstvertrauen Tradition und Moderne verknüpft. Gerade deshalb kann sich der Bau von Ihrer Überzeichnung möglicher Assoziationen abgrenzen. Die Schweizer Jugendherbergen wollen in Bau und Marketing ihren unternehmerischen Zielen gerecht werden. Deshalb betreiben wir Marketing und Architektur ohne schreierisch zu werden, oder mehr zu versprechen als wir anbieten.

Die Unterkunftsbranche ist kurzlebig, sie muss sich schnellen Trends anpassen. Mit Preisen wie dem Marketing-Award bewegt sich die Stiftung nun in diesem Trendmarkt. Auf wie viele Jahre hinaus planen und realisieren Sie die Jugendherbergen?

Unsere Organisation besteht seit 86 Jahren, unser aktuelles Bauleitbild seit 17 Jahren, in Scuol vergingen von der Idee bis zur Fertigstellung zehn Jahre. Zeitgemäss zu sein, ist für eine Organisation mit so langer Geschichte wichtig; trendig zu sein, wäre für uns ein Eigentor. Unser Bauen ist langfristig, unsere Materialwahl ist langfristig. Unser Erneuerungszyklus von 25 Jahren verbietet uns geradezu, kurzfristig zu gestalten. Marketing hat den Ruf des Kurzfristigen, Kurzlebigen – der Award Marketing und Architektur zeigt nun aber, dass Architektur und Marketing auch dann gewinnen, wenn sie langfristig miteinandergehen.

Sie reden in Ihrem Auftritt von Aktivitäten in der Tourismusforschung. Was sagt die Forschung über die künftige Bedeutung der Architektur?

Forschung ist etwas hoch gegriffen. Wir versuchen in all unseren Tätigkeitsgebieten auf dem Stand der Dinge zu sein und dies mit einer visionären Haltung zu ergänzen. Die Bedeutung der Architektur im Tourismus, oder enger gefasst in der Hotellerie, war meiner Meinung nach immer gross, denn für das Zuhause auf Zeit bevorzugt jeder Gast ein authentisches, identifizierbares Gebäude, das ihn innert Kürze heimisch werden lässt. Die Globalisierung verstärkt dieses Bedürfnis mit Sicherheit. Fraglich ist jedoch, ob der grossen Nachfrage auch ein entsprechendes Angebot gegenübersteht. Die Hotellerie ist hier wohl oft betriebsblind und kann den eigentlichen Architekturaufgaben nicht gerecht werden.

Passt die Marketing-Architektur der Jugis eigentlich noch zum Image der günstigen Familien-Unterkunft? Bauen Sie künftig vor allem für internationale Single-Reisende?

Wir bauen für ein vielfältiges Publikum, das vom klassischen Backpacker, der inzwischen mit dem Rollkoffer vom Billigflug kommt, über Schulklassen und Familien bis zum wandernden Senioren reicht. Das schützt uns davor, für DEN GAST zu bauen. Wir bauen für weltoffene, kontaktfreudige, umweltbewusste, sozialverantwortliche Reisende mit kleinem Portemonnaie. Dies verlangt nach einer kostengünstigen Architektur, die ein hohes Mass an architektonischen und gesellschaftlichen Werten zum Ausdruck bringen muss.

Die Pressebilder zum Neubau in Scuol erinnern an ein Ambiente für Leserinnen und Leser der Annabelle. Ergänzen Sie ihre Unterkunftskategorien «simple», «classic» und «top» nun mit «Flagships»?

Unsere drei Kategorien sind vollkommen ausreichend, und wir haben bereits Flagships in top, classic und simple. Wenn sich auch Annabelle-Leser und -Leserinnen für unsere Jugendherbergen interessieren, ist das weniger unser Ziel, jedoch mehr Ausdruck dafür, dass sich ein enorm breites Publikum durch unser Angebot angesprochen fühlt.

Möchten Sie noch etwas anmerken?

Ich bedanke mich für die herausfordernden Fragen.

(Das Interview wurde per E-Mail durchgeführt.)

Jugi in Scuol: beziehungsfähig, grundehrlich und einfach Gut

Sieht man über das gegenseitige Schulterklopfen und den austauschbaren Schick in Gestaltung und Sprache hinweg, dann macht der Award für Marketing und Architektur durchaus Sinn: Die eben ausgezeichnete Jugendherberge Scuol steht für die über Jahre aufgebaute, grundehrliche Beziehungsfähigkeit im Bauen und Umbauen von Jugendherbergen; der ausgezeichnete Laden von Ida Gut für eine überzeugende und engagierte Innenarchitektur.

Die Jugendherberge Scuol (2007) hat neben dem Award (10’000 Franken) gleich mehrere Auszeichnungen erhalten; als bestes Hotel und als Gewinnerin des Sonderpreises Green Technology (Architekten: ARGE Sursass). Hinter dem Erfolg stehen die Verantwortlichen der Schweizerischen Stiftung für Sozialtourismus in Zürich  – und eine jahrelange, kontinuierliche Arbeit. Als Marketingleistung hat die Jury ein architektonische Einzelobjekt ausgezeichnet, über dessen architektonische Award-Qualitäten man sich streiten kann. Wichtiger ist, dass ein im Spannungsfeld von Architektur und Kommunikation selten anzutreffendes Phänomen ausgezeichnet wurde: die langfristig gedachte, beziehungsfähige, gestalterisch offene und umwelttechnisch aktuelle Architekturvorstellung, die seit Jahren hinter dem Umbau und nun auch beim Neubau von Jugendherbergen in der Schweiz steht.

Schick, aber austauschbar

Die übrigen Bauten, die ausgezeichnet wurden, sind ein Abbild zum Stand der Dinge in Sachen Firmenarchitektur: Hier das stilisierte Abbild eines Gegenstands, das architektonische Ikon der Firma Laufen, das Lavabo als Haus; dort das trendige Interieur, die (selbstverständlich) transparente, schicke Fassade einer selbstverständlich (offenen) Firma: viel Interessantes aber auch viel austauschbarer Schick; wie die Bauten, so die Texte und Lobreden. Dass gute Architektur und Kommunikation die endlos und repetitiv wirkende Marketing-Sprachverwirrung eigentlich gar nicht nötig haben, um zwischen den Disziplinen und den beteiligten Menschen positiv zu wirken, zeigt Ida Gut mit ihrem ebenfalls ausgezeichneten, gleichnamigen Laden mit Atelier: Gut gemacht. Architekt (Froehlich & Hsu, Zürich) und Bauherrschaft (Ida Gut AG, Zürich) haben einfach so und mit wenig Geld verstanden, worum es geht: um Qualität. Gute Architektur ist gutes Branding.


A wie authentisch: Zeit für eine Kurvendiskussion

Stadtfragen: Kurvendiskussion

Authentizität ist in der Wahrnehmung und Beurteilung von Architektur en vogue. Was hat das Zauberwort nun tatsächlich mit Qualität zu tun? Und worin zeigt sich diese? Natürlich an der qualitativ einzigartigen aber engen Spitze der Architekturproduktion: Dort, wo der Spagat zwischen Individualismus von Autor/innen, den Wünschen des Bauherrn und der Einzigartigkeit einer Bauaufgabe gerade noch gelingt, bevor narzistische Verlockungen medialer Aufmerksamkeit zum inhaltlosen Absturz führen.

Diagramm: Stadtfragen 2011: X-Achse=Beziehungsqualität; Y-Achse=Authentizität.

sta. Im Medienzeitalter interessieren Köpf mehr als Inhalte – Mediokratie könnte man das Phänomen nennen (Meyer). Dann, wenn das Denken, Handeln und Mitteilen in der Politik und in der Verwaltung nach den Spielregeln der Medien passiert: Im Zentrum steht dann die Person, ihre aussergewöhnliche Idee, ihre Glaubwürdigkeit, Qualität und der Mehrwert ihrer Einzigartigkeit. Das Zauberwort dazu heisst „Authentizität“. Als politisch glaubwürdig und mächtig gilt, wer ausdrücklich von sich spricht. Peter Schneider hat dies im Tagi vom 22.10.08 so kommentiert: „Die öffentliche Sphäre wird auf diese Weise privatisiert bzw. psychologisiert. Statt mehr Worte gibt es mehr Selbst.“ Kritisch ist diese Tendenz deshalb, weil je authentischer (d.h. identischer mit sich selbst) das Handeln und Auftreten ist, desto leerer ist es. Nachrichten und Entscheidungen aus der Politik drohen deshalb im Zustand der Mediokratie zu einem narzistischen Austausch zu werden. Jeder und jede versteht eigentlich nur noch sich selbst. Diese Art der Selbstdarstellung geniesst zwar die öffentliche Wahrnehmung, Präsenz und damit den Erfolg, sie bleibt jedoch beziehungsunfähig.

Macht zuviel Ego gute Architektur blind?

Stimmt die Diagnose der Mediokratie auch für das Denken, Entwerfen, Bauen und Vermitteln von Architekur und Stadt? Der weitgehend auch medial begründete Aufstieg der globalen Architekturstars, scheint zumindest nicht dagegen zu sprechen. Die viel zitierte und geforderte Authentizität im Entwurf und in der Beurteilung von Architektur macht deshalb möglicherweise nicht nur berühmt. Sie kann auch zur Bedrohung werden. Wer Architektur denkt, entwirft und baut und dabei einseitig auf den narzisstischen Austausch mit sich (oder einem engen Kreis von Gleichgesinnten) setzt, neigt zur Beziehungsunfähigkeit kann die Betrachter des Resultats narzisstischer Selbstverwirklichung sogar blind machen! Beispiele dafür, dass sich Architekten, Bauherren, Vertreter von Firmen CI’s und Markenkwerten explizit auf sich selbst beziehen und dadurch mediale Aufmerksamkeit geniessen können oder müssen, gibt es zuhauf. Sprachlich stehen dafür Begriffe  wie Autoren-Architektur, Marken-Architektur oder Coporate Architecture. Achtung: Gegen berühmte Architekten und ihre Werke ist nichts einzuwenden! Dennoch gilt es, abzuklären, an welchem Punkt die Forderung und das Verlangen nach Authentizität in der Architektur, so etwas wie der Spagat zwischen Qualität und Individualismus, in eine Richtung kippt, wo sie hauptsächlich beziehungslose Selbstdarstellung oder im Auge des Betrachters vor allem Leere hervorbringt.

Kurvendiskussion_traum

Versprechen am Marketinghimmel

Wie verhält es sich also mit der Behauptung, dass Architektur umso stimmiger und besser wird, je authentischer sie dem Ort, den Ideen des Architekten, den Vorgaben der Unternehmenswerte entspricht? Die lineare Steigerung ins Unendliche, das Versprechen zum linearen Weg in den Architekturhimmel des Marketings, gibt es nicht (vgl. Diagramm). Allein schon deshalb nicht, weil die Diskussion zwischen Architekt, Bauherr, Behörden und Unternehmer dem Wunsch nach uneingeschränkter Selbstverwirklichung im Weg steht. Vielleicht führt die Kurvendiskussion, die sich der architektonischen Qualität als Beziehungsqualität zwischen Entwerfer und Betrachter in Abhängigkeit vom Anteil des vom Autoren eingesetzten Individualismus bzw. seiner Authentizität eher zu folgender Einsicht: Dort, wo die Spitze der Architektur ihre seltenen Beispiele hervorbringt, haben es die am Bau Beteiligten aussergewöhnlich gut geschafft, die Einzigartigkeit und potentielle Authentizität einer Bauaufgabe nicht a priori dem Architekten zu überlassen. sondern im Prozess der Zusammenarbeit zu finden. Jede Spitze die Eigenschaft, beschränkt Platz anzubieten. Deshalb bleibt die Spitze dieser Art von Architekturproduktion nur wenigen vorbehalten.

Mediale Niederlage

Kommt hinzu, dass nicht nur Bergsteiger wissen: An der Spitze ist die Luft dünn, Orte oft einsam, es droht der Absturz. Auf dem Gipfel architektonischer Authentizität kann dieser Ort in die Einsamkeit und auf der Gegenseite in die Inhaltsleere und Blindheit der Betrachter führen. Wenn dem so ist, dann ist die Ausrichtung der Architektur auf die Regeln der personalisierten Medienwelt vielleicht sogar noch eine Abkürzung dorthin, wo die Beziehungsqualität vollends verkümmert. Es gilt dann lakonisch auszurufen: „Weniger Architektur, noch mehr Architektinnen und Architekten, Autorinnen und Autoren und Künstler“. Diese Entwicklung passt zur Beobachtung in der Mediengesellschaft, dass Architektinnen und Architekten und die Architektur als Mehrwert noch nie so präsent waren. Das muss nicht schlecht sein, wenn die Beziehungsqualität nicht ausschließlich darin gemessen wird. Denn sonst wird der Gipfelsturm der Authentizität zur Niederlage. „Der Sieg der medial auftrumpfenden Architektur ist ihre bitterste Niederlage“, wie Gerhard Matzig von der Süddeutschen Zeitung dazu einmal gesagt hat (HPT, 11/2008)

 

Selbstversuch: Wenn ich ein Haus wäre…

Selbstversuch 9/03

Die Forderung nach Authentizität in der Architektur kommt nicht am Thema Selbstgespräch vorbei: Welchen Anteil an der eigenen Persönlichkeit hat ein Entwurf? Wie stellt sich der Autor-Architekt selbst dar? Was bleibt, wenn das Bild für sich selbst spricht, ohne Expertensprache, Umweltbedingungen und bautechnische oder planerische Anforderungen? Die Fragen können Architektinnen und Architekten oder Bauherr/innen im Selbstversuch beantworten. Die Versuchsanordnung ist einfach: Flipchartpapier, roter Plakatstift und 20 Minuten Zeit und Ruhe braucht es, um die Frage „Wenn ich ein Haus wäre, würde ich heute so aussehen.“ zu beantworten.