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Rohstoff gegen die Angst vor Verstädterung

Das Zusammenleben in Städten ist der wichtigste Markt der Welt. Die freie Privatstadt,so lautet das Ansinnen von Titus Gebel (Bildquelle: NZZonline), liefert das richtige Businessmodell dafür. Das Buch ist kürzlich im Eigenverlag erschienen. Stadtfragen wollte wissen, wer und was genau dahinter steckt. Im Interview mit dem Autor klang es danach, dass in der Karibik die erste Umsetzung geplant ist. Auch die Schweiz hat inspiriert.

„Liebe Politiker, liebe Meinungsmacher, liebe Weltverbesserer, Wir möchten in Frieden und Freiheit leben. Wir möchten für uns selber sorgen. Wir können für uns selber sorgen. Wir wollen in Ruhe gelassen werden. Verstehen Sie das nicht?“ Titus Gebel, in: Freie Privatstädte. Mehr Wettbewerb im wichtigsten Markt der Welt, Aquila Urbis 2018.

sta. Um 1900 lebten gerade zehn Prozent der Menschheit in Städten, heute über die Hälfte, und 2050 werden es gemäss UNO siebzig Prozent sein. Keine Frage: Es wird enger auf dem Planeten. Gleichzeitig ist das, was wir allgemein unter einer guten Stadt verstehen, offensichtlich subjektiver, unsicherer und gleichzeitig vielfältiger geworden. Vor diesem Hintergrund – und auch weil er genug vom politischen Weg hat – will der ehemalige deutsche Rohstoffhändler und FDP-Politiker Titus Gebel eine Minderheit von gleichgesinnten Vertragsbürgern weltweit in eine selbstbestimmte urbane Freiheit führen: Mit seiner Firma Free Private Cities, Inc. und zusammen mit weiteren Geldgebern beabsichtigt er, Städte als gewinnorientierte Unternehmen zu führen, quasi ohne Staat, dafür mit eigenem Steuer- und Rechtssystem, ganz nach dem Vorbild von Freihandels- bzw. Sonderwirtschaftszonen.

Zeitgeist der knappen Botschaften

Gebel trifft mit seinem Buch rhetorisch einen Zeitgeist, der seine Aufmerksamkeit und Nahrung in knappen Botschaften findet: „Politik löst nicht Probleme, sie ist Teil des Problems.“ Deshalb müssen die Menschen von der Unterdrückung durch diese befreit werden, so sein Fazit nach den ersten hundert Seiten von Freie Privatstädte. Mehr Wettbewerb im wichtigsten Markt der Welt. Bei der Begründung von Absicht und Geschäftsidee folgt das Buch einer reaktionären Logik: Die fundamentale Systemkritik dient als Vorspann, um die herrschende Unordnung zu entlarven, danach wird die neue Lösung präsentiert: Nach der „Entmachtung der Politik“ soll in der freien Privatstadt jeder Bürger, quasi politikbefreit, seinen Lebensstil per Einzelvertrag mit seinem Stadtbetreiber aushandeln können. Dieser wiederum hat einen Vertrag mit dem Gastgeberstaat. Das Marktversprechen der weitgehend uneingeschränkten Selbstbestimmung und Selbstoptimierung, den Kauf des genau richtigen Autos, überträgt Gebel auf das Zusammenleben in der Stadt: „Stellen Sie sich vor, ein privates Unternehmen bietet Ihnen als Staatsdienstleister den Schutz von Leben, Freiheit und Eigentum in einem abgegrenzten Gebiet. Sie zahlen einen vertraglich fixierten Betrag für diese Leistungen pro Jahr. Um alles andere kümmern Sie sich selbst, können aber auch machen, was Sie wollen, solange Sie die Rechte anderer nicht beeinträchtigen.“

Im dreihundertseitigen Buch treffen Philosophie, Analyse, persönliche Diagnose, historische Referenzen von Venedig über die Hanse bis nach Dubai und Sandy Springs sowie unzählige, nicht datierte Zitate aufeinander. Ein Sammelsurium von Apercus bildet einen roten Faden, den sich die Leserin und der Leser merken sollen: In der freien Privatstadt gilt „Jeder ist der Souverän seiner selbst“. Das Bonmot „Stadtluft macht frei“ wird zum „Recht auf ein selbstbestimmtes Leben“. Über allem steht als Glaubensbekenntnis das Marktprinzip, „das bisher einzig bekannte, dauerhaft wirksame Entmachtungsmittel der Menschheit“, wie der Autor, nun in der Rolle als Revolutionär auf der Höhe seiner Zeit angekommen, schreibt. Damit in seiner Stadt die erwünschte soziale Harmonie herrscht, gibt es zum Dreigestirn Markt, Freiheit und Grundeigentum obendrauf nur eine „goldene Regel“ zu beachten: „Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg auch keinem anderen zu“, was frei übersetzt in die urbane Praxis stiller Orte heisst: Bitte verlasse das WC so, wie du es antreffen möchtest!

Holprig in der Umsetzung

Was die rechtliche und organisatorische Umsetzung des Geschäftsmodells betrifft, so begegnet man bei der Lektüre gleichzeitig vertraglichen Details, vielen Kann-Formulierungen schliesslich aber dann doch noch unerwartet konkreten Vorstellungen für den Alltag: Hässliche Todeswarnungen auf Zigarettenverpackungen soll es nicht mehr geben. Und Geisteswissenschafter seien wohl eher seltener anzutreffen, ist zu lesen. Auch die Schweiz hat bei den Überlegungen zur Umsetzung inspiriert, wie Gebel im Interview erklärt: durch die Kleinheit ihrer gut vernetzten, städtischen Siedlungsgebiete, den Steuerwettbewerb, die Gemeindeautonomie und die Wehrhaftigkeit.

Für Planer und Architekten geben das Buch und das Interview Entwarnung: „Marktorientierter Städtebau“, lautet der Ansatz von Patrik Schuhmacher, Partner bei Zaha Hadid Architects in London, der die Planung und Umsetzung der freien Privatstadt mit seiner Expertise beratend unterstützen soll. Gemeint ist: Vorschriften wird es in der freien Privatstadt eher weniger geben, dafür vielleicht einen nachbarschaftlichen Handel mit Gebäudehöhen, denkbar sind Experimente an der Peripherie. Eine Stadt am Markt zu bauen, impliziert für Titus Gebel und seine Zugewandten zunächst, den Versuch zu unternehmen, womöglich daran zu scheitern, aber in jedem Fall daraus zu lernen: „Staaten scheitern auch regelmässig. Da ist es aber ja wohl immer noch besser, wenn dies im kleineren Massstab einer Gruppe von Freiwilligen widerfährt, die alle genau gewusst haben, worauf sie sich vertraglich eingelassen haben.“ Die Entstehung der ersten Privatstadt wird gegenwärtig in der Karibik verhandelt. Ein Konsortium mit Sitz in den USA (Hauptinvestorin ist die Firma Free Private Cities, Inc.) will zuerst 25, danach 50 Mio. Euro bereitstellen. Aus Angst vor politischem Widerstand in einer frühen Phase ist der Standort vorerst noch geheim.

Ein Stadtmodell für Zielgruppen

Im Grunde genommen lanciert die freie Privatstadt die Diskussion über die Zukunft der Nationalstaatlichkeit, wie wir sie seit dem 19. Jahrhundert kennen. Als Gegenstand steht ein marktorientiertes Zusammenleben von gleichgesinnten Zielgruppen in einem räumlich abgeschlossenen, dennoch global vernetzten städtischen Ort (etwas ähnlich der City of London) zur Diskussion. Die entsprechenden Positionen und Perspektiven sind im Buch zwar umfassend, jedoch mal mehr und mal weniger eindeutig dargestellt. Die rustikal formulierte Demokratiekritik und das Themenpaket „Marktorientierung, Selbstbestimmung, Freiheit und Sicherheit“ werden dem Vorhaben wohl eine gewisse Aufmerksamkeit und vielleicht sogar eine Nachfrage bringen. Ein weiteres Marktargument spielt unausgesprochen mit: Wo Sicherheit nachgefragt wird, sind immer auch Ängste mit im Spiel. Im Diskurs über die Stadt der Zukunft sind dies globale und ganz lokale Ängste vor zunehmenden Nöten, Widersprüchen und Konflikten in sowohl wirtschaftlichen und technischen als auch sozialen und gesellschaftlichen als auch planerischen und räumlichen Themen unseres Zusammenlebens. Die freie Privatstadt kann auch als Gegenmittel dazu interpretiert werden: als Rohstoff gegen die Angst vor der Verstädterung.

Die Menschheit lebt aktuell auf nur drei Prozent der Erdoberfläche. Statistisch hat es noch genügend Platz für weiteres Wachstum. Trotzdem oder gerade deshalb ist die Notwendigkeit unbestritten, neue Ideen zu formulieren und zu diskutieren, wie noch mehr Menschen in der Zukunft in Städten und auf dem Land zusammenleben wollen, können oder ganz einfach nur müssen.

(Folgendes Interview mit Titus Gebel wurde am 12. Juni 2018, im Motel HotelOne in Zürich aufgenommen, die Abschrift gegengelesen.)

Thomas Stadelmann: Führt Sie ihr jüngst erschienenes Buch Freie Privatstädte nach Zürich? Und wenn ja, wen interessiert das Thema denn hierzulande?

Titus Gebel: Ja, das Buch bzw. mein Unternehmen Free Private Cities, Inc. sind der Anlass. Ichhabe gute Kontakte zu Unternehmen in der Schweiz und auch zu den Medien, etwa zur Autoren-zeitschrift schweizer monat. Diese gilt es zu pflegen. Im Übrigen hat mich das Liberale Institut in Zürich zu einem Vortrag eingeladen.

Sie vergleichen das Modell der freien Privatstadt und im Buch mit dem Betrieb eines Kreuzfahrtsschiffs. Wohin führte Sie Ihre letzte Schifffahrt, und können Sie den Vergleich kurz erklären?

Die Reise ging von Alaska nach Vancouver. Und das Bild ist sehr stimmig: Schiffe sind rechtlich kein schwimmendes Territorium des Flaggenlandes, sie müssen daher nicht eine vorbestimmte, sondern können unter einer für die jeweilige Fahrt zweckmässigen Rechtsordnung fahren. Es gilt quasi freie Rechtswahl. Zudem gibt es an Bord keine Mitbestimmung darüber, wo die Reise hingehen soll. Wer an Bord ist, weiss wohin die Reise geht und was er dafür bezahlen muss. Und: Der Kapitän, die höchste Instanz, macht nicht einfach das, was er selbst gerade möchte, weil er ein kommerzielles Interesse hat, seine Kunden zufrieden zu stellen und nicht gegen Verträge gegenüber der Rederei verstossen will, kurz: Freie Rechtswahl, Freiwilligkeit, Markt-orientierung und Vertragssicherheit sind auf hoher See ebenso grundlegende Bausteine, wie in einer freien Privatstadt, so wie ich sie haben möchte.

In der Danksagung zum Buch sind über 30 Personen genannt. Haben Sie das Buch eigentlich selbst geschrieben?

Alle Texte sind von mir aber nicht alle Ideen. Ich habe mich mit den im Buch erwähnten Leuten ausgetauscht, sehr intensiv u.a. mit Rolf W. Puster (Anm: Professor für Philosophie an der Universität Hamburg) und mit dem Architekten und Stadtplaner Patrik Schumacher (Anm: Partner im Büro Zaha Hadid Architects in London). Andere haben ihre eigenen Ideen eingebracht, vor allem Fragen gestellt, mit beantwortet, oder sie arbeiten bereits selber an ähnlichen Projekten. Joe Quirk etwa, der am Seastaeading Institute am Floating City Project arbeitet, einer ausserhalb von staatlichen Hoheitsgewässern schwimmenden Stadt. In der Szene der freien Privatstädte sind weltweit insgesamt vielleicht ein paar hundert Leute aktiv. Uns verbindet alle die Überzeugung, dass die erfolgreichsten Städte im Jahr 2050 keiner der heute noch gängigen Ideologien folgen werden.

Wie lange dauerte es von der ersten Vision, über die Geschäftsidee, bis zum Abschluss des Buches? Stand zu Beginn ein konkreter Anlass?

Am Buch habe ich drei Jahre gearbeitet. Seit der ersten Idee sind bestimmt zehn Jahre vergangen. Ich war zuvor jahrelang in der deutschen FDP engagiert, habe mich der politischen Macht angenähert. Als CEO der deutschen Rohstoff AG war ich bis 2014 auch im Umfeld des Wirtschaftsministeriums an Diskussionen über Rohstofffragen beteiligt. Nach über 30 Jahren politischem Denken und Beobachten habe ich dann mein Fazit gezogen: Ich möchte nicht mehr, dass die Regierung oder eine Mehrheit über mein Leben bestimmt, und mit diesem Ziel ist das aktuelle System nicht reformierbar. Auch für die Schweiz sehe ich da in der Tendenz keinen signifikanten Unterschied. Ein Aha-Erlebnis, das mich ebenfalls zur Idee der freien Privatstadt führte, habe ich erlebt, als ich in Monaco ankam. Nach dem Wegzug aus Deutschland fehlte mir jegliches Interesse dafür, mich in die lokale Politik einzumischen, einfach deshalb, weil ich als Bewohner einer Stadt hauptsächlich in Ruhe gelassen werden, meine Kinder auf die Strasse schicken können, niedrige Steuern bezahlen und eine gewisse Infrastruktur benützen will. Das aber ist eine Leistung, für die ich keinen Fürsten benötige – ein Privatunternehmen könnte das genauso leisten.

Das klingt so, als wären Sie nachhaltig von der Politik enttäuscht worden?

Ja, ich würde dem so sagen, auf den Punkt gebracht: Politik ist nicht ein Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. Meine Diagnose und mein Antrieb gehen aber weit über Politikerverdrossenheit hinaus: Die Menschen können nicht durch Politik überzeugt werden, dass Freiheit, Selbstbestimmung und Eigenverantwortung gute Dinge sind und dafür sorgen, dass es uns dann allen besser geht. Diese Werte sind nicht mehrheitsfähig, weil sie unbequem sind. Daher mein Fazit: Wenn ich und andere in Freiheit leben wollen, dann braucht es einen vollkommen neuen Ansatz; ein Nischenprodukt für diejenigen, denen Selbstbestimmung wichtiger ist als Mitbestimmung, die sich in den meisten Ländern zudem in der Abgabe einer Wahlstimme alle paar Jahre erschöpft. Funktioniert dieses Produkt werden die anderen Ähnliches wollen. Die Idee der freien Privatstadt ist im Grunde der Philosophie von Thomas Hobbes entnommen: Es gibt nur eine Sache, die wir alle gleichermaßen wollen: in Frieden leben. Wenn dem so ist, und die Menschen bereit sind, freiwillig und selbstbestimmt etwas dafür zu bezahlen, dann entsteht ein viel freieres, besseres und effizienteres System als eines, in dem eine Gruppe die anderen aufgrund politischer Macht zwingt, ihren Ideen und ihrer Weltanschauung zu folgen. Und so ist die Idee am Ende zusammen gewachsen: Die freie Privatstadt wird ein neues Produkt auf dem grössten Markt der Welt, dem Markt des Zusammenlebens. Freie Privatstädte werden geführt von Privatunternehmen, die möglichst autonom und gewinnbringend individuelle Staatsdienstleistungen anbietet. Solche Angebote müssen attraktiv sein, sonst kommt niemand bzw. die Einwohner wandern wieder ab.

Ihr Buch kommt wissenschaftlich daher, gleichzeitig ist der Text gespickt mit persönlichen Pauschalurteilen zur Lage der Demokratie und zum Scheitern des Sozialstaats: Für wen oder gegen wen und was haben Sie das Buch geschrieben?

Das Buch ist für diejenigen geschrieben, die nach Alternativen zu unserem jetzigen politischen System suchen.Es finden sich darin keine Schlussfolgerungen, die nicht begründet oder empirisch belegt sind. Es ist für jene, die auch daran glauben, dass der einfache Marktgedanke – ich bestelle, was ich will und bezahle nur das, was ich bestellt habe – auf unser Zusammenleben übertragen werden kann, und dass der Wettbewerb auch hier dazu führt, dass die „Produkte“ im Laufe der Zeit immer besser und immer billiger werden.

Sie betonen immer wieder, die freie Privatstadt sei eine Geschäftsidee und keine Vision. Weshalb schreiben sie denn hundert Seiten Demokratiekritik und die Forderung nach der „Entmachtung der Politik“, bevor sie im Buch das eigentliche Businessmodell erklären?

Die erste Hälfte verstehe ich als philosophisches Vermächtnis, die zweite Hälfte funktioniert als Handbuch, auch für diejenigen, die das freie Privatstadtkonzept nicht genau so machen wollen, aber den Reformbedarf erkannt haben. Auch Politiker sind angesprochen. Da kritische Themen in der Politik meistens jedoch nicht mehrheitsfähig sind, müssen sie eben von aussen und in aller Deutlichkeit formuliert werden. In erster Linie geht es mir darum, eine Alternative zur Politik aufzuzeigen. Die Profitorientierung der freien Privatstadt ist lediglich Mittel zum Zweck. Sie zeigt uns an, ob die Ressourcen ordentlich eingesetzt wurden.

Wie war denn bisher die Resonanz B2B und in den Medien auf das Buch?

Viel besser als erwartet. Ich sag es einmal so: Vor zehn Jahren wäre ich vermutlich geteert oder gefedert worden, die Leute hätten wohl gesagt, der Mann ist ein Spinner. Heute ist das anders: Jeder Zweite, mit dem ich spreche, sei es in Monaco, in Italien, Frankreich, in der Schweiz oder in Deutschland, gibt zum Ausdruck, dass an der Grundidee etwas dran sein könnte. Ich glaube, viele Menschen sind in der heutigen Welt offener für Werte, Ideen und Lebensvorstellungen, für welche die freie Privatstadt steht und sie merken auch, dass unsere politischen Systeme nicht mehr gut funktionieren, ohne die Gründe dafür genau benennen zu können.

Jede Epoche hat ihre Städte so gebaut, wir sie den jeweiligen Lebensbedürfnissen bzw. Machtverhältnissen entsprachen. Wie akut sind die Notwendigkeit und die Nachfrage, auf die Ihre Geschäftsidee gute Antworten hat?

In unseren Präsentationen für Investoren zeigen wir auf, dass Staatsaktivitäten den grössten Markt der Welt ausmachen, wobei 90 Prozent der Marktteilnehmer Verluste machen. 81 Prozent der Menschen sind mit der Art und Weise, wie ihr Land regiert wird, nicht zufrieden; die Schweiz vielleicht ausgenommen. Diesen riesigen Markt gilt es zu aktivieren. Dass uns das gelingen wird, zeigen immer wieder persönliche Reaktionen an Vorträgen, auch von jungen Menschen, die von weit her anreisen, vom Konzept überzeugt sind und die mich fragen: Ab wann können wir hingehen?

Ich erwähne zudem gerne das Beispiel von Sandy Springs, eine Stadt in den USA bei Atlanta, die es seit 2005 gibt: Ausser der Polizei und der Gerichte ist dort die ganze Stadtverwaltung privatisiert. Das Resultat: eine Kostenersparnis von zehn bis vierzig Prozent. Oliver Porter, der das Projekt initiiert hat (Anm: im Beraterstab von Free Private Cities aufgeführt), kennt zehn Städte mit zusammen rund eineinhalb Millionen Menschen, die das Modell Sandy Springs bereits kopiert haben. Zu bemerken gilt, dass diese Städte allesamt Neugründungen sind. Eine Umwandlung bestehender Kommunen ist trotz zahlreicher Versuche und trotz Kosten-senkungsgarantie noch immer gescheitert. Das ist ein weiteres Beispiel dafür, wie die Politik Wettbewerb und Innovationen verhindert, wenn dadurch ihre Macht geschmälert wird.

Privatisierte städtische Gebiete mit dem Label Smart City liegen im Trend. Alphabet, Googles Konzern-Mutter, baut mit Sidewalk Labs ein Areal am Hafen von Toronto, Facebook plant Zucktown. Worin liegt der Unterschied zwischen diesen Projekten und ihrem Stadtmodell?

Solange Smart Cities nicht gleichzeitig Free Cities sind, kann ich damit wenig anfangen. Ich denke, eine Mehrheit lebt tatsächlich lieber in einer Smart-City, wie sie die Chinesen oder globale Player wie Alphabet vorhaben als in einer Free Private City, die Eigenverantwortung fordert. Aber eben nicht Leute wie ich. Mit der freien Privatstadt wird eine Minderheit angesprochen, der Freiheit und Selbstbestimmung wichtiger sind als eine durch Technologie kontrollierte, politisch geführte Smart City, in der zudem die totale Überwachung und Entrechtung des Einzelnen drohen. Der grösste Unterschied liegt im Verhältnis zwischen den einzelnen Bürgern und Unternehmen zum jeweiligen Betreiber einer Privatstadt. Die Rechtsposition des Einzelnen ist im so genannten Bürgervertrag festgelegt. Dieser kann vom Betreiber oder auch einer Mehrheit nicht einfach geändert werden. Nach dem Prinzip jeder Bürger ist der Souverän seiner selbstbietet der Vertrag die Sicherheit gegenüber dem Betreiber der Stadt und den Schutz vor einer allfälligen Mehrheit, die Absichten haben, welche dem Einzelvertrag widersprechen. Ein Beispiel: Angenommen 99 Prozent in einer freien Privatstadt sind der Meinung, dass es einen Gemeinderat braucht und dazu noch ein neues Schwimmbad. Wenn diese 99 Prozent freiwillig mitmachen und das entscheiden, ist das solange kein Problem, wie dem einen Prozent und dem Betreiber nicht gesagt wird, dass er Entscheide des Gemeinde-rats mittragen und beim Schwimmbad mitbezahlen muss. Rentieren aus Sicht des Betreibers weder Gemeinderat noch das Schwimmbad, dann tragen die 99 Prozent somit die ganze Finanzierung.

Aus schweizerischer Sicht ist das eine eher fremde Vorstellung.

Sie müssen sich einfach vorstellen, dass Sie ihre jetzige Politikwelt verlassen und in der Welt des Grüntees angekommen sind (Anm: Titus Gebel trinkt gerade eine Tasse Grüntee). Ich habe einen Grüntee bestellt, weil ich einen Grüntee wollte, und weil ich bereit bin, den Preis dafür zu bezahlen. Ich habe deshalb aber kein Recht darauf, zu bestimmen, dass Sie auch einen Grüntee bekommen (Anm: Der Interviewer trinkt Mineralwasser) und noch unfreiwillig dafür bezahlen müssen. Genau das macht aber die Politik. Und das Prinzip betrifft dabei alle Lebensbereiche: Sie bezahlen überall für Leistungen mit, die sie gar nicht wollen oder die andere beziehen, ohne etwas dafür zu leisten. Daher die Überlegung: Wir verlassen die Wege von Sozialstaat und Mitbestimmung und wenden uns hin zur Selbstbestimmung in einer räumlich klar abge-grenzten freien Privatstadt von gleichgesinnten Vertragsbürgern.

Ich fahre kein Auto, gehe zu Fuss oder mit dem Velo zur Arbeit. Ich brauche also keine sechs Meter breite Strasse. Bezahle ich in Ihrer Stadt deshalb nichts an den Strassenbau?

In jedem Bürgervertrag wird festgehalten, wofür der Jahresbeitrag verwendet wird. Im Pflichtteil sind die Leistungen zum Erhalt der Sicherheit, für die Verwaltung, für den Unterhalt von Infrastrukturen und den Betrieb von Schiedsgerichten enthalten. Den Strassenbau würden wir als Stadtbetreiber soweit möglich an Private übertragen. Unterschiedliche Formen sind je nach Stadt denkbar, etwa die Vollfinanzierung aller Strassen oder der völlige Verzicht darauf, solange man in der Innenstadt wohnt. Als Nicht-Autofahrer können Sie nach Studium der Vertrags-bedingungen also frei entscheiden, ob Sie in eine solche Stadt ziehen wollen. Denkbar ist auch das Modell, dass kein Beitrag für den Strassenbau und den Unterhalt anfällt, weil private Betreiber dafür aufkommen und ihre Leistungen über eine Maut verrechnen.

Und wenn Sie scheitern, der Stadtbetreiber in Konkurs geht?

Natürlich können wir auch scheitern. Staaten scheitern schliesslich auch regelmässig. Da ist es aber ja wohl immer noch besser, wenn dies im kleineren Massstab einer Privatstadt passiert, und dies Freiwilligen widerfährt, die alle genau gewusst haben, worauf sie sich vertraglich eingelassen haben. Im Übrigen würden wir ganz geregelt in die Insolvenz gehen und ein besserer Betreiber würde weitermachen, oder die Bewohner übernehmen die Betreiber-gesellschaft in einem Resident-Buy-Out.

Neben dem Gastgeberstaat, dem Betreiber, dessen Anlegern und den Vertragsbürgern gehört ein Schiedsgericht zum Modell der freien Privatstadt dazu. Welches ist der schwierigste Vertrag, den es auszuhandeln gilt?

Derjenige zwischen dem Stadtbetreiber und dem Gastgeberstaat, weil darin im Grunde ein Teil politische Souveränität verhandelt bzw. abgegeben wird: Macht- und Einflussverlust der Politiker und Beamten drohen. Sonderwirtschaftszonen weltweit zeigen aber, dass es durchaus Staaten gibt, die dazu bereit sind. In Dubai und Abu Dhabi gilt quasi englisches Recht. Auch Hongkong hat eine eigene Währung und eine eigene Verfassung bzw. ein eigenes Rechts-system. Schwierigkeiten wird es mit der Politik aber – auch mit Verträgen – immer geben. Regierungen sind nicht die verlässlichsten Vertragspartner und neue Begehrlichkeiten können schnell entstehen, wenn eine freie Privatstadt erfolgreich unterwegs ist. Dagegen sichern wir uns vor allem über Investitionsschutzabkommen ab, welche die meisten Staaten abgeschlossen haben und die ausländische Investoren wie uns Ansprüche bei staatlichen Eingriffen gewähren.

Die Schweiz wird in ihrem Buch mehrmals positiv erwähnt. Worin liegt der Beitrag an die Idee und an die Umsetzung ihrer Geschäftsidee?

Das Beispiel Schweiz ist sehr wertvoll. Nämlich die Idee der weitgehenden Gemeindehoheit bei Entscheidungen, die Kleinheit und Überschaubarkeit von Gemeinden und Städten, die zudem untereinander im steuerlichen und Regulierungs- Wettbewerb stehen. Vieles davon entspricht im Grunde meiner Vision für die ganze Welt: Dass wir künftig für das Zusammenleben kleinere und grössere, jederzeit überschaubare Gebiete einrichten, die ihre eigenen Regeln selber machen und die gleichzeitig offen und bereit sind, mit anderen Gebietskörperschaften zu konkurrieren. Zudem ist die Stellung der Schweiz in Europe ein mögliches Vorbild für ein ganzes Netz aus Privatstädten: Zusammenschluss wird nur zum Schutz, zu Verteidigungszwecken und bei der Entwicklung von Märkten angestrebt.

Würden Sie auch aus einer finanziell maroden Schweizer Kleinstadt per Vertrag mit dem Gastgeberstaat CH und/oder dem jeweiligen Kanton eine freie Privatstadt aus Vertragsbürgern machen?

Ich würde diese Aufgabe sofort und mit Freude angehen. Das Problem wird sein, dass die Bürger damit einverstanden sein müssen, da wir niemanden gegen seinen Willen zu einem Leben in einer Privatstadt zwingen wollen. Und dazu gehören ein gewinnorientierter Betreiber, keine öffentlichen Güter, ein eigenes Steuer- bzw. Gebühren- und Polizeisystem sowie vor allem die Einsicht, dass die Mehrheit nicht einfach die Regeln ändern und der Minderheit diese aufzwingen kann.

In der Praxis würde man vermutlich zuerst abstimmen lassen: „Wollen Sie eine freie Privatstadt für die nächsten 15 Jahre sein, oder nicht?“ Die Geltung des Vertrages mit Bund und Kanton müsste angeordnet, und allen Bürgern, die nicht einverstanden sind, eine Entschädigung gegen Wegzug angeboten werden. Wahrscheinlicher als dieses Szenario wäre jedoch, dass in der Nachbarstadt zur maroden Kleinstadt, auf noch unbewohntem Gebiet, eine neue Stadt entstehen kann, und die Menschen sich dann entscheiden können, ob sie bleiben oder in die freie Privatstadt umziehen wollen. Für den Betrieb könnte ich mir auch eine Genossenschaft vorstellen. Der entscheidende Punkt würde in jedem Fall bleiben: Ein Bürgervertrag, der nicht einseitig gekündigt werden kann, regelt die gegenseitigen Pflichten und Leistungen. Und: der Betreiber hat das Recht, darüber zu entscheiden, wer Bürger wird und wer nicht.

Das Buch bleibt bei der Beschreibung der Umsetzung spekulativ und offen. Wie geht es mit der Produktentwicklung konkret weiter? Wann und wo sind die nächsten Meilensteine gesetzt?

Den Erfolg der Geschäftsidee können wir ganz einfach messen, indem wir Geld verdienen. Wir sind gerade in der Karibik dabei, über eine Sonderverwaltungszone auf der grünen Wiese zu verhandeln. Das Projekt kommt der Idee einer freien Privatstadt schon sehr nahe.

Wer sind „wir“?

Bei den Investoren handelt es sich um ein Konsortium mit Sitz in Washington. Mein eigenes Unternehmen Free Private Cities, Inc. ist einer der Hauptinvestoren.

Zurück in die Karibik. Wie viel Geld investieren Sie wo genau und wann?

Für das Projekt in der Karibik werden in einer ersten Finanzierungsrunde rund 25 Millionen, in einer zweiten rund 50 Millionen Euro investiert. Zum Ort kann ich noch keine Auskunft geben. Wird der Standort zu früh öffentlich, drohen endlose politische Widerstände. Nur soviel: Im Gegensatz zu Beispielen in China und Saudi Arabien, wo riesige Retortenstädte entstehen, gehen wir das Wachstum marktgerecht und organisch, d.h. in drei Phasen an: 1000, 10’000 und dann bis 100’000 Menschen. Aktuell verhandeln wir mit dem Gastgeberstaat die vertragliche Rahmenbewilligung aus. Die erste Phase bis 1000 Vertragsbürger wollen wir in den nächsten drei Jahren abschliessen.

Was wäre ihre persönliche Rolle, wenn die Stadt gebaut ist?

Aktuell gehöre ich der Betreibergesellschaft an und leite die Verhandlungen mit der Regierung des entsprechenden Landes. Um zu lernen, wäre ich gerne die ersten zwei, drei Jahre auch operativ dabei.

Als Verhandlungsführer beschäftigen Sie sich wiederum vor allem mit Politik, etwas, dass Sie nach dem Umzug von Deutschland nach Monaco eigentlich nicht mehr tun wollten?

Das kann ich leider nicht ändern, weil ich nicht gleich auf die Ideallösung setzen kann. Unsere ersten Städte werden noch keine freien Privatstädte sein, sondern eher dem Modell eine Public Private Partnership (PPP) gleichen. Das Schöne ist aber, dass es Länder gibt, die bereit sind, sich auf die Idee der freien Privatstadt einzulassen. Zugegeben, dies sind vor allem Länder, die Probleme haben und deshalb eher offen sind für neue Ansätze. Gelingt uns das Projekt in der Karibik, können wir dafür sorgen, dass die Post wieder funktioniert, Gerichte nicht korrupt sind und Kriminelle draussen gehalten oder ausgewiesen werden.

Das Prinzip „marktorientierter Städtebau“, das Sie im Buch Patrik Schuhmacher zuschreiben, ist nur sehr kurz abgehandelt. Stadtplanung soll  nicht ideologischen Zielen, sondern den Gesetzen des Marktes gehorchen und „soziale Harmonie“ ermöglichen. Wie verändert sich dadurch die Aufgabe der Städtebauer, Planer und Architekten?

Im Grunde genommen gar nicht. Der Stadtbetreiber wird von Fall zu Fall über die Anzahl und die Qualität der Planungsvorgaben und Instrumente (etwa die Zonierung oder eine Nutzungs-durchmischung) entscheiden. Soweit haben wir eine Vorstellung: Wir möchten einen Stadtkern haben, der relativ homogen aussieht, damit die Stadt attraktiv ist. Die Dichte an Vorgaben wird von innen nach aussen abnehmen, vielleicht bis an Orten am Rand der Stadt, wo gar keine baulichen Regeln mehr bestehen werden. Dort wird die freie Privatstadt dann zum städtebaulichen Experiment.

Wird Patrik Schumacher, der als Beirat Ihrer Firma aufgeführt ist, mit Zaha Hadid Architects als verantwortlicher Masterplaner fungieren?

Patrik Schumacher wird nicht als Hausarchitekt fungieren, sondern übergeordnet und in Planungsverfahren und Ausschreibungen für die Qualität sorgen und in dieser Rolle selbstverständlich seine eigenen architektonischen Ideen einbringen. Ich stelle mir zudem vor, dass wir ganze Stadtviertel an Immobilienentwickler vergeben werden und dabei sowohl Gestaltungs- wie Qualitätsvorgaben machen. Was es nicht geben wird, ist eine öffentliche Mitwirkung, wenn es darum geht, Planungsgrundlagen verbindlich zu machen. Der einzelne Bürger wird aber jederzeit wissen, welche Regeln gelten und wie der Handel mit Eigentums-rechten spielt. Als Grundeigentümer könnte ich z.B. zehn Stockwerke bauen, realisiere aber nur deren drei, deshalb verkaufe sieben an einen anderen Grundeigentümer, der dann siebzehn Stockwerke realisiert.

Nach zwei Generationen soll eine freie Privatstadt ein räumlich klar abgegrenzter Ort für eine (Zitat) „überdurchschnittlich zivilisierte“, „gewaltfreie“, aber gleichwohl „wehrhafte“ und „hoch mobile Gemeinschaft“ anbietet. Welche städtebaulichen Vorbilder fallen Ihnen ein?

Mein Ideal ist die italienische Stadt mit der Piazza. Dieses europäische Bild einer Stadt kann ich in der Karibik natürlich nicht 1:1 umsetzen. Städtebau muss sich an den lokalen Begebenheiten orientieren. Aber im Grunde schätze ich Orte, die eine architektonisch homogene Mitte haben und eine räumliche Grösse, die in kurzer Distanz und sicher begehbar ist. Was für das Konzept der freien Privatstadt gilt, muss auch die Leitidee für den Städtebau und die Architektur sein: Ich glaube an die Marktidee, weil sie auf Versuch und Irrtum basiert und Planung nicht als Orakel, sondern als Risiko versteht: Wie sollen wir denn heute vorausplanen können, was in zwanzig  Jahren richtig und gut sein wird?

Immerhin versprechen Sie schon heute den Erfolg von „individueller Freiheit“ und sozialer Harmonie“ in Privatstädten? Wir werden wir an der konkreten Gestaltung von Plätzen und Häusern erkennen, dass Sie Ihr versprechen ohne politischen Einfluss und ohne Mitwirkung durch die Bewohnenden eingelöst haben?

Ich bin kein Städtebauexperte, sehe aber, dass es viele Modelle und Theorien zu einer schön und gut gestalteten Stadt gibt. Das sind alles Spekulationen! Wir werden Städte realisieren und dabei schnell lernen. Unser Vorteil ist, dass wir dabei nicht von fremden gesetzlichen und politischen Machbarkeiten eingeschränkt werden. Im Grunde fangen wir jedes Mal neu an.

Wie möchten Sie am liebsten bezeichnet werden: als Utopist, Visionär, Reaktionär oder Schöpfer von Wohlstand und individueller Lebensqualität?

Jemand hat geschrieben, ich wäre ein visionärer Realist. Da ist was dran. Ich bin immer gegen Utopisten und Wolkenkuckucksheim-Leute gewesen. Was ich kann, sind visionäre Möglich-keiten, die uns der Markt des Zusammenlebens bietet, mit einem ganz realen Geschäftsmodell zu verbinden. Das ist meine Stärke. So machen es auch Aldi und die Migros erfolgreich: Sie stellen Produkte zur Verfügung. Und wenn das Produkt gut ist, wird es gekauft, wenn nicht, wird es am Markt scheitern. Ich bin überzeugt, dass die freie Privatstadt als Geschäftsmodell dem weltweiten Status quo der Städte künftig überlegen sein wird, weil daraus ein zusätzliches und vielfältiges Angebot entstehen kann, das viele Menschen von der Staatsabhängigkeit befreit und selbstbestimmter leben lässt.

Möchten Sie noch etwas ergänzen?

Ja, zurück zu ihrem Schweizer Beispiel: Wenn Sie tatsächlich so eine Stadt in der Schweiz kennen, die als freie Privatstadt in Frage käme, dann (…)

Höhenweg auf Pilatus Kulm

Niklaus Graber & Christoph Steiger haben auf Pilatus Kulm die neue Panoramagalerie gebaut. In einem Gespräch erzählen die Architekten von den Hintergründen der Architektur, der eigenen Arbeitsweise als Autoren und dem kritischen Blick auf die Stadt Luzern. Das Interview mit dem Büro für Stadtfragen ist begleitend zu einer Fotoreportage im Kulturmagazin „041“, Ausgabe November 2011, erschienen.

Bilder: Dominique Marc Wehrli.Die Alten, die den Pilatus fürchteten, wurden mit ihm fertig, indem sie Gipfel und Klüfte mit den Gestalten der Sage bevölkerten (…). Wir Moderne, (…), die wilde Berge lieben, werden mit ihm fertig, indem wir ihn besteigen, entweder zu Fuss oder mit der Kletterbahn.“ J. C. Heer, in: Führer für Luzern, 1911

Thomas Stadelmann: Die „Alten“ fürchteten den Pilatus, wir modernen Touristen und Freizeitlerinnen und Freizeitler lieben den Berg. Wie werdet ihr mit dem Pilatus fertig?

G & S: Wir erklimmen den Pilatus am liebsten von Alpnachstad aus mit der Zahnradbahn  nahe den Felsen entlang. Für uns ist es eher eine romantische Vorstellung, dass hier oben noch Natur im ursprünglichen Sinn stattfindet. Deshalb müssen wir den Pilatus nicht unbedingt zu Fuss hochsteigen. Die Bahn ist eine technische Errungenschaft, dank der wir die Besteigung auf eine zeitgemässe und faszinierende Art und Weise geniessen können. Seien wir doch ehrlich: Das Bergerlebnis auf dem Pilatus ist durch die Technisierung der Alpen sogar noch gesteigert worden.

Die Panoramagalerie auf Pilatus Kulm sitzt auf einem zweiseitig exponierten Berggrat, d. h. auf den Mauern eines Festungsgebäudes der Schweizer Armee und zwischen zwei bestehenden Hotelbauten. Das klingt nach einer architektonischen Gratwanderung – wie seid ihr damit fertig geworden?

Zuerst einmal haben wir die zweiseitige Situation vor Ort tatsächlich im physischen und im übertragenen Sinn als Gratwanderung wahrgenommen. Das Armeegebäude haben wir von Anfang an als Sockel für den geplanten Neubau angesehen und als Gebäude eher ausgeblendet. Es ging uns deshalb nie um ein Um- oder Weiterbauen des bestehenden Gebäudes. Auf diese Weise entstand der zweiseitig auskragende Neubau der Panoramagalerie direkt über dem Armeegebäude, das wir so behandelt haben, als wäre es Fels.

Und der Anschluss an die bestehenden Hotels Pilatus-Kulm und Bellevue?

Wie immer bei unseren Entwürfen haben wir uns zuerst ein Grundthema vorgegeben. Auf dem Pilatus ging es uns um die räumliche Kontinuität zwischen den bestehenden Bauten, unserem Neubau, dem touristischen Ort und der alpinen Bergwelt. Mit der Halle, den Foyers, der Terrasse, den Treppen und Rampen bietet die Panoramagalerie verschiedene Bewegungs- und Aufenthaltsräume, die nicht Widerstände und Barrieren zum Bestehenden schaffen, sondern unterschiedliche neue Orte und Verbindungen. Zum historischen Hotel Pilatus-Kulm sind wir möglichst auf Distanz gegangen. Dadurch hatten wir genügend Platz für die offene Treppenanlage. Sie ist gleichzeitig Bühnenraum und Arena für die Gäste und führt hinauf zur Panoramaterrasse. Beim Hotel Bellevue und den Bahnstationen stand der präzise bauliche Anschluss im Vordergrund. Dazu mussten wir zwei Gebäudeebenen auf engem Raum überwinden und miteinander verbinden. Interessant war, dass beim Bellevue das Thema Auskragung bereits bestand.

Für die Sanierung bzw. Erneuerung der beiden Hotels waren andere Architekten zuständig. Ist das Ensemble auf Pilatus Kulm aus eurer Sicht trotzdem gelungen?

Es gab zu Beginn eine klare Aufgabenstellung für die Sanierung bzw. Erneuerung der beiden Hotels und für den Neubau. Das Konzept mit zwei Häusern und einer Verbindungsgalerie wurde auch so umgesetzt und ist leicht ablesbar. Innenräumlich kann man darüber diskutieren, wie gut es gelungen ist, die verschiedenen Nutzungen und Ziele des Bahnbetriebs, der Gastronomie und der Hotellerie gestalterisch aufeinander abzustimmen. Unsere Aufgabe bestand lediglich darin, einen eigenständigen Neubau zu erstellen. Rückblickend haben wir jedoch schon den Eindruck, dass einzelne Schnittstellen nicht ganz logisch festgesetzt wurden. Ein Beispiel dafür ist die zusätzlich gebaute Innentreppe, die von der Panoramagalerie aus hinauf zum Restaurant des Hotels Bellevue führt. Wir haben vorgeschlagen, den Anschluss zur Panoramagalerie über den bestehenden Treppenkern zu lösen. Durch den Bau der neuen Innentreppe hat der Anschluss nun leider an Grosszügigkeit verloren und ist nicht nahtlos geglückt. Dennoch: Das Ensemble mit dem Hotel Pilatus-Kulm aus der Zeit der Jahrhundertwende, dem Hotel Bellevue aus den 1960er-Jahren und unserem Neubau besteht aus zeitlich und inhaltlich erkennbaren Architekturen, die sinnfällig zusammenfinden und funktionieren.

Die Architektur der Panoramagalerie sieht so aus, als wolle sie der schroffen Bergwelt am Pilatus gleichzeitig trotzen und mit ihr verschmelzen. Ihr nennt das Prinzip „form follows mountain“. Könnt ihr das näher erklären?

Die karstige Bergwelt am Pilatus hat uns tatsächlich auf den ersten Blick fasziniert. Wie der Fels vor- und zurückspringt und erodiert ist besonders ausdrucksstark. So hat uns das Pilatusmassiv Mons fractus – „der gebrochene Berg“, wie er im Mittelalter genannt wurde – dazu angeregt, entsprechende Analogien in der Form, in der Materialisierung nahe am Kalkgestein und in der Gestaltqualität der Architektur zu finden. Uns gefällt besonders gut, wie sich die Panoramagalerie an einem Ort um eine Felsnase herumbewegt und an einem anderen Ort über die Felsen hinausragt. Wir glauben, dass es uns gelungen ist, mit dem Gebäude architektonisch zum Ausdruck zu bringen, was wir als Themen an diesem speziellen Ort vorgefunden und interpretiert haben, eben im Sinn von: form follows mountain.

Die Panoramagalerie leistet dadurch mehr als die ursprüngliche Aufgabe lautete, nämlich für die Touristen eine Verbindungsgalerie zwischen den Bahnen und Hotels zu bauen. Wann wurde aus der Verbindungsgalerie eine Panoramagalerie?

Diese Bezeichnung hat sich unseres Wissens erst spät in der Projektphase ergeben. Zunächst ist zu erwähnen, dass bereits ein Bauprojekt für ein Verbindungsbauwerk bestand. Im Masterplan von Steiner Sarnen, der schliesslich zu einem Studienauftrag führte, war bereits angedacht, dass eine Verbindungsgalerie an dieser exponierten Stelle auf Pilatus Kulm den Gästen unbedingt auch das beidseitige Panorama freigeben muss. Das Hauptthema „Aussicht“ war somit vorgegeben. Mit unserem Wettbewerbsbeitrag von 2008 haben wir dann offensichtlich am überzeugendsten aufgezeigt, wie diese Aufgabe architektonisch überhöht und standortgerecht gelöst werden kann. Schliesslich haben Marketingüberlegungen dazu geführt, dass sich der Begriff der Panoramagalerie offiziell durchgesetzt hat.

Welche Atmosphäre erwartet die jährlich 350’000 Gäste, wenn sie nach der Bahnfahrt in der Panoramagalerie ankommen? Was sehen sie genau? Was tun sie?

Das ist für uns nicht leicht zu beantworten, weil wir keine Touristen sind. Dennoch: Wir haben das Verhalten der Gäste nach Fertigstellung des Neubaus beobachtet – es ist abhängig vom Wetter, vom Besuchszeitpunkt, von der jeweiligen Stimmung am Berg. Besonders aufgefallen ist uns, wie direkt die Gäste schon in der Ankunftshalle der Bahn von den Panoramafenstern bzw. der Aussicht angezogen werden: Man sieht nur überraschte Gesichter. Wer vom Flachland mit der Seilbahn oder von Alpnachstad mit der Bahn auf den Pilatus kommt, für den oder die ist der offene Blick auf die jeweils andere Seite neu und überraschend offen. Dieser erste Augenblick bewirkt jenen visuellen und emotionalen Effekt, der dem Panorama als Wahrnehmungsmaschine historisch zugrunde liegt: Man sieht auf einmal alles. Gesteigert wir die Überraschung durch die Tatsache, dass die Menschen den Blick in die Berggipfel und ins Flachland in diesem Moment in einem geschützten Innenraum erleben, in einer Art Dia-Projektion, real – und irgendwie doch nicht ganz.

Worum geht es euch bei der Raumwahrnehmung an diesem speziellen Ort? Wie soll die Architektur der Panoramagalerie wirken?

Die zentrale Idee in unserem Entwurf ist die Inszenierung des Panoramaerlebnisses. Umgesetzt haben wir sie durch die Art und Weise, wie und an welcher Stelle das Gebäude auskragt und den Blick durch unterschiedlich hohe Fensteröffnungen und Brüstungen freigibt. Die Fenster haben dadurch eine szenografische Funktion bekommen. So sind sie in der Halle dort am grössten, wo die Auskragung am grössten ist. Es entstehen dadurch sowohl geborgene wie auch sehr exponierte Aufenthaltsorte. Die Bewegung in der Architektur macht dadurch jeden Ort, an dem man steht, speziell, was für uns ein wichtiges Ziel war. Die Besuchenden werden dazu angeregt, sich in der Halle oder auf der Terrasse wie auf einem Höhenweg zu bewegen und dabei den eigenen besten Standpunkt zu finden. Mit der sichtbaren, zickzackförmigen Dachtragstruktur und den unterschiedlich weit aufgespreizten V-förmigen Stützen haben wir die Idee der Bewegung in der Längs- und in der Querrichtung der Halle auch konstruktiv umgesetzt.

Ist es demnach richtig, die Panoramagalerie als künstliche, mit architektonischen Mitteln stilisierte Bergwelt zu bezeichnen?

Ja, wenn wir damit versuchen, das Gebäude als Erlebnisraum zu beschreiben, der, wie schon gesagt, einem alpinen Höhenweg gleicht. Falsch in unserem Sinn wäre, den Neubau als gebauten künstlichen Fels zu bezeichnen, nur weil er formal im Grundriss und Schnitt und mit der strukturierten Betonfassade die felsige Umgebung spiegelt. Die Panoramagalerie ist kein gebauter Berg. In unseren Augen haben wir mit dem Neubau eine architektonische Verwandtschaft zur Bergwelt erreicht, nicht eine bildhafte Umsetzung eines Felsens – was im Umfeld der globalen Tourismusindustrie auf dem Pilatus ja auch eine Möglichkeit gewesen wäre. Allerdings nicht für uns, weil wir in unserer Arbeit ohne postmoderne Zeichenhaftigkeit auskommen. Uns hat die Aufgabe geleitet, das inhaltliche Gefüge, die Beschaffenheit und Wahrnehmung der alpinen Bergwelt an diesem Ort räumlich abzubilden.

Also passt das Bild des gebauten Höhenwegs ganz gut zur Panoramagalerie?

Ja. Das Raumerlebnis in der Panoramagalerie, mit verschiedenen Anschlüssen an die Hotels, die Bahnen und an die umliegende Bergwelt, kann mit den Erfahrungen auf einem Höhenweg recht passend umschrieben werden. Als Erklärung für die Analogie hilft zudem der Vergleich mit der Situation vor dem Neubau: Wir haben auf Pilatus Kulm eine sehr unaufgeräumte Situation vorgefunden. Heute, nach der Fertigstellung des Neubaus, trifft die gleiche Menge Gäste auf dem Pilatus ein, allerdings sind die Menschen nun besser verteilt. Die Atmosphäre ist nicht mehr die einer Bahnhofshalle, die Bewegungen und Anschlüsse auf den unterschiedlichen Niveaus sind weniger hektisch, kontinuierlicher und dadurch kontrollierter. Wer zu Fuss oder mit der Bahn den Pilatusgrat erreicht, sich dort kurz oder als Hotelgast aufhält, kann die atemberaubende Aussicht – die Natur auf einen Blick individueller und von mehreren, ganz unterschiedlichen Standpunkten aus sicher geniessen und nebenbei auch noch ein Souvenir kaufen. So gesehen ist der architektonische Höhenweg, den die Panoramagalerie nachbildet, gleichzeitig ein zeitgemässer Ort für den Konsum unserer touristisch wertvollen Alpenwelt. Mit unserer Arbeit haben wir ebenso präzis versucht, die übergeordneten Marketing- und Verkaufsziele des Bauherrn 1:1 einzulösen, unmittelbar und ohne Klischees. Wir meinen, dass sich die Situation für die 350’000 Gäste, die pro Jahr auf den Pilatus kommen, dadurch magischer und entspannter präsentiert. Der Mehrwert, den unsere Architektur schafft, liegt darin, dass die Panoramagalerie gleichzeitig als Infrastruktur, als Verkaufsraum, als Wahrnehmungsmaschine und als individueller Ort für die kurzzeitige Erholung im Liegestuhl funktioniert.

Könnt ihr aus der Erfahrung auf dem Pilatus spezielle Vorgaben für Tourismusbauten, für eine Tourismusarchitektur nach dem Motto „Architektur macht gute und zufriedene Gäste“ ableiten?

Nein, nicht direkt. Die Panoramagalerie ist primär ein hochgradig öffentlicher Ort für Einheimische und Gäste aus aller Welt, der als Standort funktionieren muss. Die touristische Nutzung stand bei unseren Überlegungen nicht alleine im Vordergrund. Obwohl wir mit den Pilatus Bahnen einig waren, dass es sich beim Neubau nicht um eine austauschbare Tourismusarchitektur handeln darf, musste die Diskussion aber trotzdem immer wieder geführt werden: Wie viel Swissness mit Innendekoration, Fahnen und Alphorn ist notwendig und zulässig? Offensichtlich ist es uns nicht schlecht gelungen, der Klischee-Falle traditioneller, austauschbarer Tourismusarchitektur zu entkommen und dafür das Erlebnis der Destination ins Zentrum zu rücken. Argumentiert haben wir u. a. damit, dass der Pilatus urbanistisch als ein sehr attraktiver Ort und sogar als Teil der Stadt Luzern betrachtet werden kann – und deshalb nicht Disneyland ist. Im Planungsprozess haben wir entsprechende Nutzungen und regionale Bedürfnisse sogar angesprochen. Wieso sollten auf dem Pilatus künftig nicht auch Sonntags-Talks, Essen oder regionale Ausstellungen stattfinden?

Wo und in welche Themen wurden beim Bau der Pilatusgalerie am meisten Ideen, Zeit und Geld investiert? Worin liegt die Innovation?

Die grösste Herausforderung bestand darin, die Idee einer möglichst grossen und offenen Halle mit Auskragungen und einer Lastabtragung am Rand in eine statische Konstruktion mit Spannweiten bis zu 18 Metern zu übersetzen – und das bei einer angenommenen Schneelast auf der Panoramaterrasse von bis zu neun Metern. Um dies möglich zu machen, mussten die Bauherrschaft, die Planer und wir Architekten die Ressourcen vor allem in den architektonischen Raum und weniger in die Veredelung von Oberflächen investieren. Technisch innovativ ist sicher die Kombination von Hohlträgern aus Stahl mit eingegossenem, vorgespanntem Beton bei den einzelnen Deckenträgern und Stützen. Natürlich musste die Lösung trotzdem möglichst kostengünstig sein.

Sprechen wir über euren Erfolg als Architekten. Wer als Einheimischer auf dem Luzerner Hausberg für Gäste aus der ganzen Welt bauen darf, hat es geschafft. Wie definiert ihr für euch selbst Erfolg?

Unseren Erfolg messen wir an der Qualität unserer eigenen Arbeit. Wir wollen nach den oft mühsamen und intensiven Schritten vom Entwurf bis zum fertigen Bau selbst mit unseren Bauten zufrieden sein, unsere Begeisterung für die Architektur auch in den eigenen Bauten erleben können. Wenn wir sagen können, „es gefällt uns“, dann sind wir zufrieden. Das heisst auch, dass es an uns als Raumspezialisten liegt, zu bestimmen, was bei einer bestimmten Aufgabe gute Architektur ist. Gute Architektur entsteht bei uns dann, wenn uns eine Aufgabe vom Gedachten interessiert, wenn uns die entwerferische Umsetzung der Idee in Konstruktion und Materialisierung möglichst präzis gelingt und die räumliche Wahrnehmung den eigenen Vorstellungen entspricht. Zudem muss gute Architektur im Betrieb funktionieren. Natürlich freut es uns, wenn unsere Bauten durch eine breite, positive Resonanz eine gewisse Allgemeingültigkeit erhalten oder wenn wir erfahren, dass die Menschen unsere Architektur nach kurzer Zeit in Besitz nehmen oder schön finden. Es ist wie bei einem guten Koch: Wenn das Essen den Gästen schmeckt, hat er seine Arbeit gut gemacht und ist hoffentlich auch mit sich selbst zufrieden.

Das klingt nach viel Selbstvertrauen und erinnert an Aussagen zeitgenössischer Architekten, die sich Autoren nennen, um sich vom Berufsbild des Architekten als Dienstleister des Bauherrn abzugrenzen. Sind Niklaus Graber & Christoph Steiger Architekten auch solche Autorenarchitekten?

Wir sind der Meinung, dass hinter jedem Bau ein Autor steckt. Die Frage ist nur, ob überhaupt und wie die Autorschaft ablesbar ist. Weil wir daran interessiert sind und es wagen, unsere subjektive Wertung, eigene Ideen in die Umsetzung einer Aufgabe einzubringen und sie im Bauwerk lesbar zu machen, kann man uns auch als Autoren bezeichnen. Wichtig ist uns dabei nicht, wer als Person hinter einem Werk steht, dass wir als Personen im Bau sichtbar sind, sondern dass überhaupt jemand, eine persönliche Position, eine subjektive und tragfähige Idee im fertigen Bauwerk spürbar und erlebbar ist. Unsere Autorschaft ist also nicht eine Frage des erkennbaren Stils, sondern immer ein persönlicher Ausdruck einer gestalterischen Absicht im Umgang mit verschiedenen Aufgaben und Orten. Deshalb suchen wir nicht unbedingt nach jenen Aufgaben, die ein Generalunternehmer lösen kann.

Welcher Traumauftrag oder Wunschbauherr fehlt euch bisher?

Die Art der Aufgabe ist für uns weniger entscheidend. Es gibt in vielen Bereichen der Architektur herausfordernde Aufgaben. Wichtig sind uns die inhaltliche Herausforderung im Entwurf und eine vertrauensvolle Beziehung zu Bauherren, die unsere Arbeitsweise und Ziele möglichst unterstützen. Wir träumen eher davon, dass wir unabhängiger und freier von Normen und Vorgaben arbeiten können. Nur so wird es uns und anderen Berufskolleginnen und -kollegen in Zukunft weiterhin möglich sein, auf spezielle Aufgaben die architektonisch stimmige Antwort zu finden.

Eine heilpädagogische Schule in Altdorf, ein Einfamilienhaus am See, ein Fabrikgebäude auf dem Land: Was ist das Verbindende in den verschiedenen Bauten von Niklaus Graber und Christoph Steiger?

Unser grosses Interesse gilt dem Thema der Öffentlichkeit in der Architektur. Es liegt in der Natur der Sache, dass öffentliche bzw. grössere private Bauten mehr Möglichkeiten und Herausforderungen bieten, um das Thema Öffentlichkeit zu bearbeiten. Trotzdem haben wir uns dazu auch schon bei Einfamilienhäusern Gedanken gemacht, etwa bei unserem ersten Haus Stucki in Meggen, das mit seiner Nachbarschaft kommuniziert und dadurch eine gewisse Öffentlichkeit herstellt. Jedes Einfamilienhaus hat bestimmte Anteile an der Öffentlichkeit. Unsere Arbeiten verbindet zudem das Interesse an Vorbildern wie etwa den alten Meistern Louis Kahn und Ludwig Mies van der Rohe. Von ihm stammt übrigens die Aussage „Mit den Füssen auf dem Boden, mit dem Kopf in den Wolken“, die wir als Titel für unseren Wettbewerbsbeitrag zum Pilatus verwendet haben.

Das eigentliche Metier der Architektur haben wir im Studium an der ETH Zürich und bei Hans Kollhoff in Berlin gelernt, vor allem den analytisch scharfen Blick auf die Stadt und den Umgang mit der Frage des architektonischen Erbes und der städtebaulichen Kontinuität. Die Freude an der architektonischen Welt der Wunder, die Lust am Erforschen von neuen Aufgaben und Lösungen haben uns Jacques Herzog und Pierre de Meuron beigebracht. In ihrem Studio in Basel haben wir die Begeisterung dafür mitgenommen, dass Architektur nicht einfach eine Dienstleistung am Bauherrn ist, sondern dass sie sich als eigene Welt selbst erklären muss.

Wie arbeitet ihr als Team zusammen, oder anders gefragt: Seid ihr euch immer einig?

Wir haben in unserem Büro eine pragmatische Aufgabenteilung: Die Aufgaben werden halbiert. Dabei ergänzen wir uns deshalb sehr gut, weil wir beide eine eigene Vehemenz mitbringen, mit der wir die Aufgaben vom Entwurf bis zur Umsetzung immer wieder befragen und so lange bearbeiten, bis die Lösung für uns beide stimmt. Intern verhandeln und reden wir deshalb viel über die Stimmigkeit und Sinnfälligkeit von Ideen, Lösungen und Entwurfsvarianten. Dass wir bei jeder Aufgabenstellung zuerst ein konzeptionelles Grundthema setzen, macht es uns leichter, einzelne Fragen vom Entwurf bis zur Ausführung auch im Kleinen immer wieder zu überprüfen.

Werfen wir noch einen Blick auf Luzern. Nach Einbruch der Dunkelheit hat der Pilatusgipfel dank der beleuchteten Panoramagalerie eine neue Silhouette erhalten. Was seht ihr, wenn ihr vom Gipfel auf die Stadtlandschaft Luzern schaut?

Das Lichtermeer der Stadtlandschaft Luzern erinnert uns immer wieder an eine Studie, die wir 1996 zum Thema „Grossraum Luzern, ein polyzentrisches Modell“ gemacht haben. Vom Pilatus aus erkennt man sehr gut, dass der amöbenartige Stadtkörper, der sich nicht an die Stadtgrenze hält, durch mehrere kleinere Zentren gebildet wird und sich entlang der hügeligen Topografie entwickelt hat. Wir haben damals die Studie den Luzerner Behörden präsentiert, wurden aber noch eher belächelt. Heute sind die Themen von damals und die Art und Weise, wie die Stadt als zusammenhängender Raum zu lesen ist, längst akzeptiert: Wir reden selbstverständlich über Agglomerationsprojekte oder über die Stadtregion Luzern.

Der Blick vom Pilatus auf die Stadt ist zudem deshalb ein besonderer Anblick, weil er vor allem nachts eine gewisse Festlichkeit ausstrahlt. Dass die Sterne etwas Schönes sind, das wissen wir. Auf dem Pilatus sieht man, dass auch Stadt etwas Schönes sein kann. Geradezu phänomenal einmalig ist hier die Nähe von Stadt und Berg.

Die Frage können wir nicht beantworten, weil wir uns nicht als Luzerner Architekten verstehen, obwohl wir seit 15 Jahren unser Büro in Luzern haben. Unsere Bauten stehen an verschiedenen Orten in der Schweiz. In der Stadt Luzern haben wir bisher noch nicht gebaut. Sicher ist: Die Panoramagalerie ist ebenso wenig eine rein einheimische Architektur wie der Pilatus nur zu Luzern gehört. Sie könnte in ähnlicher Form auch an einem anderen Ort im alpinen Raum stehen. Und der Pilatus ist eine eigenständige Destination mit einer globalen Ausstrahlung. Schade ist, dass sich die Stadt Luzern ihrer weiten Ausstrahlungskraft nicht stärker bewusst ist und sich im Städtebau und in der Architektur entsprechend grosszügiger zeigt.

Ist das so zu verstehen, dass Luzern seine architektonischen Möglichkeiten nicht oder zu wenig nutzt?

Ja, durchaus. Wie glauben, dass aktuelle Planungen und Bauvorhaben zu wenig grosszügig sind und der geografischen Ausstrahlung von Luzern als Stadt und Standort hinterherhinken. Das liegt wohl daran, dass Planer und Politiker nach wie vor in der Mehrheit eher mit der räumlichen Kleinheit der Stadt Luzern und nicht mit der urbanistischen Ausstrahlung des Standorts argumentieren: „Wir sind nicht Basel, wir sind nicht Zürich, wir sind Kleinstadt.“ Dadurch gehen aus unserer Sicht architektonische Möglichkeiten verloren oder werden übersehen, wie sie Kirchenbauten, das 19. Jahrhundert und zuletzt das KKL am Europaplatz bis heute eindrücklich und wirkungsvoll repräsentieren.


Landgasthof für ZUGWEST

Das Aparthotel (2010) der Architekten Martin und Monika Jauch-Stolz hinter dem Bahnhof in Risch Rotkreuz ist ein urbaner Landgasthof, der ortsbaulich vor allem für sich selbst dasteht. Urban bedeutet hier, zum Wirtschaftsraum ZUGWEST gehörend.

Fotos: Reinhard Zimmermann

Vollständige Architekturkritik, in: werk, bauen+wohnen, Heft Nr. 4 /2011.

(sta) Das eigentlich Spannende an der Sache ist: Trotz der am Standort Risch Rotkreuz offensichtlich vorhandenen Standortgunst für geschäftliches und bezahlbares Hotelwohnen ist das Aparthotel keine Corporate Architecture einer Hotelkette, sondern local business, von der Idee bis zur Ausführung eine lokale Angelegenheit. Dem Bauträger (Rotkreuzhof-Immobilien AG) und den Architekten ist dadurch ein Unikat gelungen, das im Wirtschaftsraum ZUGWEST auf reges Interesse stösst. Die Architektur macht den Spagat zwischen traditionell ländlichen Rundschindeln (Fassade), den Anforderungen an einen Zweckbau und einer formal modernistischen Gestaltung.

Hybride Herberge

Das Aparthotel steht für den baulichen Trend hin zu hybriden Formen der Beherbergungsart, wie er von der Hotelbranche schweizweit festgestellt wird: Das Hotelzimmer ist auch Arbeitsplatz, Küche, Fitnessstudio, und es bietet einen möglichst direkten ÖV-Anschluss an das nächste Stadtzentrum an. Das Gebäude bietet Platz für 50 Hotelzimmer, vier Loftwohnungen, einen Gastrobetrieb mit Saal für 120 Personen, Seminarräume und ein Fitnesscenter.

Der vollständige Kommentar mit Plänen und Projektdaten wird im werk, bauen+wohnen, Heft Nr.4 /2011, werk-material (April) publiziert.

Jugi in Scuol: beziehungsfähig, grundehrlich und einfach Gut

Sieht man über das gegenseitige Schulterklopfen und den austauschbaren Schick in Gestaltung und Sprache hinweg, dann macht der Award für Marketing und Architektur durchaus Sinn: Die eben ausgezeichnete Jugendherberge Scuol steht für die über Jahre aufgebaute, grundehrliche Beziehungsfähigkeit im Bauen und Umbauen von Jugendherbergen; der ausgezeichnete Laden von Ida Gut für eine überzeugende und engagierte Innenarchitektur.

Die Jugendherberge Scuol (2007) hat neben dem Award (10’000 Franken) gleich mehrere Auszeichnungen erhalten; als bestes Hotel und als Gewinnerin des Sonderpreises Green Technology (Architekten: ARGE Sursass). Hinter dem Erfolg stehen die Verantwortlichen der Schweizerischen Stiftung für Sozialtourismus in Zürich  – und eine jahrelange, kontinuierliche Arbeit. Als Marketingleistung hat die Jury ein architektonische Einzelobjekt ausgezeichnet, über dessen architektonische Award-Qualitäten man sich streiten kann. Wichtiger ist, dass ein im Spannungsfeld von Architektur und Kommunikation selten anzutreffendes Phänomen ausgezeichnet wurde: die langfristig gedachte, beziehungsfähige, gestalterisch offene und umwelttechnisch aktuelle Architekturvorstellung, die seit Jahren hinter dem Umbau und nun auch beim Neubau von Jugendherbergen in der Schweiz steht.

Schick, aber austauschbar

Die übrigen Bauten, die ausgezeichnet wurden, sind ein Abbild zum Stand der Dinge in Sachen Firmenarchitektur: Hier das stilisierte Abbild eines Gegenstands, das architektonische Ikon der Firma Laufen, das Lavabo als Haus; dort das trendige Interieur, die (selbstverständlich) transparente, schicke Fassade einer selbstverständlich (offenen) Firma: viel Interessantes aber auch viel austauschbarer Schick; wie die Bauten, so die Texte und Lobreden. Dass gute Architektur und Kommunikation die endlos und repetitiv wirkende Marketing-Sprachverwirrung eigentlich gar nicht nötig haben, um zwischen den Disziplinen und den beteiligten Menschen positiv zu wirken, zeigt Ida Gut mit ihrem ebenfalls ausgezeichneten, gleichnamigen Laden mit Atelier: Gut gemacht. Architekt (Froehlich & Hsu, Zürich) und Bauherrschaft (Ida Gut AG, Zürich) haben einfach so und mit wenig Geld verstanden, worum es geht: um Qualität. Gute Architektur ist gutes Branding.


Ein Stadion für Superbauern – von Nestern und Autoreifen

Ein Stadion für die Superbauern

Selbsternannte ikonische Bauten erzählen die Geschichte davon, wie das stilisierte Abbild eines Gegenstands, einer Idee, eines Kommunikationsziels geplant, verräumlicht und als Kultbild baulich verewigt werden kann. Die Gegenthese dazu lautet: Als Instrument und Rezept im Entwurf ist ikonisches Denken nicht anderes als ein Bauen für Zielgruppen – und deshalb noch lange nicht Architektur.

Ein stilisiertes Abbild eines Gegenstands ist ein Ikon. Bauten, die sich als Ikon verstehen, stehen demnach zeichenhaft für einen Gegenstand, eine Idee, eine Absicht, den die Betrachtenden aufgrund von Ähnlichkeiten erkennen. So einfach scheint es: Ein Stadion erinnert an einen Autoreifen. Und im Beispiel des holländischen Clubs ‘de Graafschap’ stimmt die Erzählung für alle Beteiligten: Das Stadion für 20’000 Fussballfans erinnert auf den ersten Blick an einen Traktorreifen. Der Investor Licotec, spezialisiert auf Dachkonstruktionen, will für die dortigen Fans, die „Superboeren’ (Superbauern), ein Stadion bauen, mit dem sie sich auf den ersten Blick identifizieren: „Ich, Fan und Superbauer, bin zufrieden, mein Stadion ist ein grosser Autoreifen.“

Ein architektonisches Ikon ist keine Ikone in Gestalt von Architektur

Die Sache hat einen Hacken: Ein Ikon ist nicht gleich einer Ikone. Eine Ikone ist historisch betrachtet ein religiöses Kultbild, und ein Heiligenbild ist mehr als eine stilisierte Abbildung eines Gegenstand bzw. einer Person. Aber: Das Birds Nest von HdM in Peking wurde doch bereits vor den Spielen, noch während der Bauarbeiten, medial weltweit als Kultbild, als Ikone dargestellt? Die Annahme, HdM hätten in China eine architektonische Ikone geschaffen, ist vertretbar. Die Annahme schon. Damit ist jedoch noch lange nicht die Frage beantwortet, ob das Bauwerk den Anspruch, von den Menschen als Kultbild identifiziert zu werden, tatsächlich erfüllen wird. Eine Antwort benötigt Zeit und darin liegt das Dilemma: Der Selbstdarstellung globaler Architekturproduzenten fehlt im Zeitalter der Ad-hoc-Publizität eben genau diese Ressource: Zeit.

Bauen oder Architektur?

Gibt es also überhaupt einen Unterschied zwischen dem Nest in Peking und dem geplanten Autoreifen in Holland? Vielleicht diesen in Form einer Behauptung: Das Stadion in Peking ist ein ernst zu nehmender Beitrag an die aktuelle Architekturdiskussion, das Stadion in Holland ein banales Bauen für Zielgruppen, oder anders formuliert: Ikonisches Bauen als direkte Stilisierung eines Gegenstands hat nicht a priori die Gestaltqualität, Wirkung und damit die architektonische Bedeutung eines von Menschen wahrgenommenen und getragenen Kultbilds, das die Form und Gestalt von Architektur angenommen hat. Ikonisch ist also nicht gleich ikonisch.

Zeitgeist medialer Bilderwelt

Soviel scheint klar: Ikonisches Denken und Bauen verspricht im Zeitgeist medialer Bilderwelten und unter dem Einfluss einer Kultur der Gesichter, in der jedes Produkt und repräsentative Bauten schnell bildlich und medial zum Sprechen gebracht werden müssen, eine anwendbare sichere Lösung für Aufmerksamkeit und damit für Erfolg. Das Entwerfen gleicht sich dabei leicht der Planung von Kommunikationsinstrument an: selbsternannte architektonische Ikons, wie das Stadion für die Superbauern in Holland, entstehen durch das eindimensionale Wirkungsdenken im Bauen für Zielgruppen. Daran ist im Prinzip nichts Schlechtes, wenn die kreative Leistung davon ausgeht, dass Bedeutungsinhalte auf vielfältigere Art und Weise – und in verschiedenen Köpfen, Kulturen, Situationen und Zeitdimensionen auf unterschiedlich Art und Weise – die Gestalt von Architektur annehmen können. Produkte, Management- und Kommunikationsziele haben immer noch kürzere Beine als Bauten aus Glas und Stein.

Architektur oder Design?

So spannt sich zwischen der banalen stilisierten Abbildung und der möglichen Wahrnehmung eines architektonischen Kultbilds ein Möglichkeitsraum auf, der über die Planbarkeit und die kommunikative Kontrolle von Marketingzielen hinausgeht und einen entscheidenden Faktor ins Spiel bringt: Zeit. Zudem stellen sich grundsätzliche Fragen, die die Architektur und die Kommunikation gleichermassen betreffen – vielleicht sogar auch die dehnbare Trennlinie zwischen Architektur und Design. Der italienische Architekt und Designer Cittério an diese Trennlinie anlässlich der Architekturgespräche 2008 in Luzern in seinem Sinn auf den Punkt gebracht: Der Designer denkt, „Ich baue, damit der Bauherr Geld verdient“. Der (traditionelle) Architekt denkt: „Ich baue, damit der Bauherr sein Geld ausgibt“.

Intelligente Architekten bauen für Zielgruppen

Es liegt wohl in der Natur der Sache, dass das Ikon als vereinfachtes und instrumentalisiertes Abbildungsmotiv in der Architektur, der angewandte und vereinfachte Ikonismus, die kommunikative Bedeutung und Möglichkeit im Planen und Bauen bis zur Banalisierung vereinfacht. Der Kreis um das Haus als Ente oder dekorierter Schuppen  bei Venturi schliesst sich einmal mehr. Das Innere ist jedoch vielschichtiger geworden: In der Logik einer unternehmerischen Markenarchitektur ist der Bau als Ikon umso attraktiver, je erfolgreicher er einen Beitrag leistet, dass die Zielgruppe sich wunschgemäss verhält, sprich kauft. Bei BMW hat man dazu genauere, systematisierte Vorstellungen zum Design und zur Rolle des Architekten entwickelt: Der „Intelligente Markenarchitekte“ (Zitat BMW) steht ganz im Dienst der baulich stilisierten Markenwerte. Die Marke – „das Grundeigentum der Wissensgesellschaft“ (Cittério) – und die zuständige Marketingabteilung gibt formale und materielle Vorgaben für Verkaufsräume: Scheiben- und Glasarchitektur und tragende Mauerscheiben stellen den Markenwert „dynamisch“ dar. Der gestalterische Spielraum für die Umsetzung wird sehr schnell, sehr eng. Intelligente Markenarchitekten sind deshalb bei BMW keine Stars und bleiben unsichtbar. Die Stars heissen bei BMW intern „flexible Stars“. So wie Coop Himmelb(l)au) in München leisten sie durch ihre eigenen Namen einen Mehrwert an den Markenwert der Firma bzw. der Produkte. Co-Branding heisst diese Markenstrategie. BMW ist nicht die einzige Firma, die damit erfolgreich ist. Herzog und de Meuron haben sich bei PRADA auf ein Co-Branding von Architektur, Produkt und Architekten eingelassen. Fortsetzung folgt. In Basel ist man einen Schritt weiter: Bei den Kunden von Hdm geht es darum, die Logik von Identitäten, architektonisch abzubilden.

Bildersturm statt Fussball

Zurück nach Holland, zum Stadion als Ikon: Die holländischen ‚Superboeren’, Fans, Sponsoren und die Spieler, verstehen ohne weitere Erklärung, wieso ihr Stadion wie ein Traktorreifen aussieht. Vielleicht sind alle Beteiligten unbewusst sogar froh darüber, dass ikonische Architektur, die in ihrer Wirkung und Bedeutung dem Ikonenbild nahe kommt, erst durch die Wahrnehmung in der Zeit entsteht und deshalb auch im Umfeld der Fussballgötter selten nachgefragt und auf Bestellung realisiert wird. Denn wer weiss: Wäre ihr Stadion von einem weltweit tätigen, flexiblen BMW-Star entworfen worden, hätten die Investoren und Erbauer statt eines Fussballfestes vielleicht einen holländischen Ikonoklasmus der Superbauern riskiert: den ersten Bildersturm aufgebrachter Fussballfans gegen das eigene Stadion.

Farbanschläge

In Zeiten wirtschaftlicher Blüte spriessen die Phantasien, wie die wirtschaftliche Potenz in Form von Architektur dargestellt werden kann. Sind diese Phantasien kurzfristig, droht ein architektonisches Selbstgespräch, das über Nacht, so wie im Zuge der aktuellen Wirtschaftskrise, unlesbar bizarr werden kann. Beispiel: AFG’s neuer Hauptsitz von Edgar Oehler.

Die eigene Position, die Firmenkultur, der Erfolg können mit gutem Gewissen, handfest und mit klarem Ziel vor Augen verräumlicht werden. Wer sich eine Corporate Architecture leistet, gewinnt im Wettbewerb um Aufmerksamkeit an Vorsprung, so die kommunikative Logik, die heute jede Marketingabteilung verstanden hat. In guten Zeiten ist Corporate Architecture eine angenehme Sache; der Turm lockt, der Stararchitekt, die beste Adresse, oder zumindest der mutige Neubau aus Glas, Stein, Alu oder Beton; oder dann das Spiel mit der Farbigkeit, expressive Nachtarchitektur. Wie aber steht es um die Ausdruckskraft gebauter Architektur in Krisenzeiten?

Das Dilemma mit der Zeit

Das Dilemma der Zauberformel gute Architektur = gute Firma= erfolgreicher Chef liegt in der Zeit. Die letzten Monate haben es vor Augen geführt: Kursentwicklungen und gebaute CD-Selbstdarstellungen haben kürzere Lebenszyklen als Bauten und Chefpositionen: Vertrauen und Mut können schnell verloren gehen. Kurse brechen ein, Botschaften sind schnell unpassend – Bauten bleiben stehen, die Lichter an; jedenfalls solange, wie noch gearbeitet wird. Einige Firmen haben schon 2008 schnell gehandelt: Roche hat auf die Label-Architektur von HdM, auf den Turm in Basel, in letzter Minute verzichtet (Basel tickt zuerst). Einige Gebäude der UBS (im Bild: UBS in Zürich) sind unter dem Einfluss desselben Zeitgeschehens ungewollt farbiger geworden, indem sie Farbanschlägen zum Opfer wurden. Dieser Schaden lässt sich beheben. Wieder andere Bauten vermitteln plötzlich den Eindruck, aus einer anderen Zeit zu sein. Obwohl man sie kennt, schaut man sie noch einmal an, anders eben, und denkt sich: Würden die das heute auch noch so bauen?

Beispiel AFG

Die international tätige Bauausrüsterin Arbonia Forster-Holding AG hat just anfang 2008 einen prestigeträchtigen Neubau fertiggestellt, in Rekordzeit. Architekt ist der lokale Hausarchitekt und der Patron selbst. Der Hauptsitz der Holding repräsentiert u.a. die Marken Piatti, Forster und Miele. Der langgezogene Hauptbaukörper am Rand des Siedlungsgebiets schliesst rund ab, hier sitzen die Chefs, übereinander. Nachts leuchtet das Gebäude in Blau, Orange bzw. Rot, zuoberst auf dem Dach dreht sich das Firmenlogo, an einen Stern erinnernd, leuchtend im Kreis. Das Corporate Center repräsentiert gemäss AFG die „neue AFG“. Die verwendeten Materialien stammen mehrheitlich aus der eigenen Produktepalette. Architektur ist für die Kommunikation des Unternehmens ein scheinbar omnipotenes Marketinginstrument. Der Chef, Edgar Oehler, erklärte seinen 900 Eröffnungsgästen die Architektur so: „Das Corporate Center ist sozusagen das Gesicht unseres Unternehmens und veranschaulicht unsere Firmenphilosophie: Innovation, Technologie, Qualität, Ökologie und Internationalität. Es widerspiegelt unser Selbstbewusstsein als Unternehmen, das gewohnt ist, sein Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. (…) mit seiner gläsernen Architektur (Anm: ist der Bau) ein Symbol für die Offenheit und Transparenz, welche die Kultur unseres Unternehmens entscheidend prägt.“ (Medienmitteilung). Im Januar gab der internationale Bauausrüster Arbonia Forster-Holding AG bekannt, dass er im Premium-Bereich seine Küchen künftig zusammen mit dem Designer Philippe Starck baut. Fortsetzung folgt.

Rückzug

Webansicht

Oliver Krell hat in Oberkirch LU ein Einfamilienhaus gebaut. Ein Erstling der zeigt, dass es eben doch gelingen kann: Bauen für Verwandte.

Foto: Andri Stadler, Luzern

sta. „In facialen Kulturen dominieren die Visualität der Blicke, die Statue und das Bild“ (Thomas Macho in, „Kopf an Kopf“, MfG Zürich, 2008, S. 50 ff.). Dieser Logik einer Gesellschaft der Gesichter folgend, ist es leicht zu verstehen, dass nicht nur politische Themen, sondern auch Waren aller Art von der Tageszeitung bis zum Staubsauger insgeheim beseelt werden, im Design und in der Werbung „als gesprächs- und kontaktfähige Lebewesen erscheinen“. Der Wettbewerb um Aufmerksamkeit folgt der Logik des menschlichen Blicks: „Was angeschaut wird, blickt zurück und versucht, den Betrachter zum (…) Rendevous einzuladen.“

Das Haus von Edelmann Krell Architekten, Zürich im luzernischen Oberkirch (2008) will nicht angesehen werden, die Bauherren haben sich hier den Wunsch nach einem privaten Rückzugsort erfüllt. Dennoch: Wer an der unförmigen Eckparzelle mit dem Neubau vorbeispaziert, kommt kaum umhin, hinzuschauen. Denn das Haus, das an ein Bollwerk erinnert, spricht irgendwie für sich: Die Architektur, die Art und Weise, wie das Gebäude sich partout nicht an die Regeln hält, die in der Nachbarschaft gelten, und sogar davon profitiert, ist verblüffend.

Die ausführliche Architekturkritik ist erschienen im werk, bauen+wohnen Nr.6/2009.

Gute Architektur ist gutes Branding


Gute Architektur ist gutes Branding, weil gute Architektur beziehungsfähig ist.

Im neuen Mercedes Benz Museum in Stuttgart werden die Besucher/innen von einem Pferd begrüsst. In Luzern haben Fachleute an den Architekturgesprächen 2008 über das Modethema diskutiert. Das Büro für Stadtfragen hat im werk, bauen+wohnen darüber berichtet.

Im Umfeld des Brandings, der unternehmerischen Markenführung, treffen die Architektur und die Stadt auf die Bedeutung und Wirkung einer zielgerichteten Darstellung und Verräumlichung von Werten und deren Zeichen, auf die Ökonomie des unternehmerischen Raums und dessen Wahrnehmung mit den Füssen, den Augen und den Ohren.

Ben van Berkel, Mitbegründer und Direktor von UNStudio, drückt es so aus: „Das Mercedes-Benz Museum verbindet eine Reihe radikaler räumlicher Grundsätze miteinander und schafft so im Endergebnis eine völlig neue Typologie.“

Mercedes Benz Museum Stuttgart