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Winy Maas über die unternehmerische Stadt

Was macht die Identität, das Wesen einer Stadt aus? Das Büro für Stadtfragen hat dazu Winny Maas befragt. Der Holländer ist Mitgründer der Rotterdamer Architekten MVRDV. Das Interview ist 2012 im Buch «Stadtidentität der Zukunft» erschienen (M.L. Hilber, G. Datko (Hrsg.): Stadtidentität der Zukunft. Wie uns Städte glücklich machen, Berlin, 2012).

Bilder: Büro für Stadtfragen, Barcelona 2009

Thomas Stadelmann (sta): Was wir bei Menschen allgemein unter «Identität» verstehen, handelt von der Wahrnehmung des eigenen Wesens. Verrätst du uns mit einem Bild, wie du hier und jetzt aussehen würdest, wenn du ein Haus wärst?

Winny Maas: Wie ein holländischer Wohnwagen: klein, kompakt, mobil und nur mit dem Notwendigsten ausgestattet.

Die räumliche Identität einer Region, einer Stadt oder eines Ortes handelt ebenfalls von Wesentlichem. In welcher Form existiert die «Identität einer Stadt», über die wir hier sprechen wollen?

Das Wesen der Stadt ist ein unglaubliches Wort. Wir Architekten suchen danach, weil es den Kern der urbanistischen Identitätsfrage trifft: Worin besteht die Eigenartigkeit, der Charakter, die Substanz eines Ortes, einer Aufgabe? Mögliche Antworten suchen und finden wir mithilfe von Untersuchungen und Experimenten. Für mich steht fest, dass das, was wir unter Stadt verstehen und antreffen, heute ein anderes Wesen hat als vor hundert Jahren. Städte denken und handeln unternehmerischer, wollen sich unterscheiden und engagieren deshalb Büros wie MVRDV, um ihr Wesen als «Stadt.inc» zu identifizieren, in die Zukunft zu denken und zu vermarkten. Bei der Herangehensweise fallen mir drei Ähnlichkeiten auf: Städte haben durch ihre Bedeutung, Wahrnehmung und Wirkung heute eine Zentrumsfunktion, die das eigene Hoheitsgebiet weit überragt, und sie verstehen sich meistens als Einstiegsportal für das Hinterland. Zudem gibt sich beinahe heute jede Stadt grün.

Trotz dieser Ähnlichkeiten: Um zu Wesentlichen einer Stadt vorzudringen, besteht die wichtigste Aufgabe darin, jene Verschiedenheiten zu untersuchen und zu gewichten, die eine Identität letztlich ausmachen.

Stadtidentität ist demnach eine gedankliche Abstraktion, ein Wunschbild von Stadt, dass politisch-planerisch, baulich und durch Kommunikation mobilisiert wird?

«Abstraktion», «Wunschbild»: beides sind passende Worte. Der eigentliche Motor in einem Identitätsprozess ist jedoch die Hypothese zur Wirkung einer inhaltlich-räumlichen Spezialisierung. Sie geht davon aus, dass ein Raum erst dann konkurrenzfähig ist, wenn er sein eigenes Wesen, kennt, eigene Standpunkte vertritt und dadurch Spezialitäten für das Wohnen und Arbeiten, für Industrie und Gewerbe oder für die Kultur anbieten kann. Die Abstraktion in der Analyse und im Entwurf von Stadt ist also nur das Mittel, um entsprechende Wunschbilder, Planungen, Projekte und Aktivitäten zu definieren. Wie wahr und richtig der Ansatz der Spezialisierung bzw. der Differenzierung in der Stadtentwicklung ist, gilt es in jedem Fall einzeln zu beobachten und in der Theorie kritisch zu untersuchen (Anm: Winy Maas verweist auf die Arbeit von Saskia Sassen).

Die Globalisierung hat dazu beigetragen, dass traditionelle Bild- und Raumkonzepte für die Arbeit an der Stadt in Frage gestellt werden. MVRDV ist gerade deshalb zu einem weltweit in der Architektur- und Stadtproduktion tätigen Büro geworden. Kannst du das erklären?

Die Frage lautet: Warum braucht man in China ein holländisches Büro wie MVRDV? Meine Antwort lautet: für zwei Dinge. Erstens, um vor Ort mithilfe einer Aussenperspektive darüber reden zu können, was an einer Stadt, an einer Aufgabe in Peking, Melbourne, Bordeaux oder Zürich speziell ist. Wie bereits gesagt, geht es dabei um die Positionierung im Konkurrenzkampf zwischen Standorten. Zweitens ist das Phänomen weit verbreitet, dass Städte und Standorte weltweit anerkannte Kunst- und Kulturgüter und damit auch Städtebau und Architektur sammeln. So wollen Stadtoberhäupter in ihrer Kollektion nicht nur einen Picasso haben, sondern zudem vielleicht noch ein Gebäude von Zaha Hadid. MVRDV ist nicht aufgrund der Ähnlichkeit und Erkennbarkeit einzelner Gebäude zu einem weltweiten Sammlungsobjekt geworden. Im Rahmen der urbanistischen Globalisierung haben wird uns durch die Kombination von Architektur- und Identitätsproduktion eine spezielle Rolle und spezielle Marktchancen erarbeitet. Dass wir weltweit angefragt werden, wenn es darum geht, die Zukunft einer Stadt zu definieren, hat auch damit zu tun, dass Städte offener geworden sind, weil sie gleichzeitig in verschiedenen Betrachtungsräumen denken und handeln müssen. Das gilt auch für die Schweiz: Zur Identität von Basel gehört ebenso die traditionelle Fasnacht, die Entwicklung als Metropolitanraum, der Auftritt der Stadtregion und als Standort der globalen pharmazeutischen Industrie. Gewiss hatten viele Städte diese unterschiedlichen Rollen schon früher. Mit der Globalisierung und dem zunehmenden Wettbewerb um Märkte und um Aufmerksamkeit hat sich jedoch das Bewusststein für die Bedeutung und die Struktur dieser Rollen deutlich verstärkt.

…und damit die Konkurrenz untereinander. Geht es bei der Stadtplanung und beim Entwurf von Architektur deshalb weniger um Funktionen und mehr um die Darstellung von Marktvorteilen und Reputation?

Nein, aber die Konkurrenz ist immer der Motor für räumliche Veränderungen. Ohne Konkurrenz gibt es die Furcht nicht, zu spät zu sein. Sie sorgt deshalb für einen gewissen Druck, für Neugier, eine gewisse Beschleunigung im Denken und Handeln und dafür, dass neue Ideen die notwendige Anziehungskraft erhalten. Erst dann können unternehmerisch denkende Städte und Standorte produktiv werden. Und für uns und unsere Auftraggeber werden städtebauliche und architektonische Themen und Aufgaben ebenfalls zu Unternehmen. Unter dem Primat der Konkurrenz ist Stadtplanung gewissermassen als Stadtproduktion zu verstehen.

Rem Koolhaas Ende hatte Ende der 1990er Jahre die Aufgabe, der sich die Architektur mit der Dominanz der Weltökonomie stellen muss, als «manufacturing identities» bezeichnet und den Zeitgeist mit dem Claim Y€$ auf den Punkt gebracht. Heute befindet sich das globale Finanzsystem in der Krise. Steckt das Konzept der Identitätsproduktion durch global tätige Architekten ebenfalls in der Krise?

Ich bin mir nicht sicher, ob die Weltökonomie in der Krise steckt. Für mich persönlich ist der Prozess der wirtschaftlichen Globalisierung nicht zu Ende. Zudem bedaure ich, dass aktuelle Analysen und Vergleiche etwa mit der Krise in den 1920er Jahre oft Angstmacherei sind und nicht den Versuch unternehmen, über die Zukunft nachzudenken. Aus meiner Sicht droht Europa nicht zu implodieren, die europäische Krise führt nicht zu einer De-Globalisierung, Ich denke eher, dass die gegenwärtigen Veränderungen der Globalisierung noch mehr Aufwind verleihen. Wenn ich selbst erlebe, wie Banken z.B. in Südamerika aktuell mehr Land kaufen als zuvor, dass Regierungen in Afrika mehr investieren als noch vor kurzer Zeit, schliesse ich daraus, dass an neuen Orten, neue Chancen und Wege gesucht werden, um Siedlungsgebieten eine zukunftsfähige Identität zu geben. Rem Koolhaas’s urbanistisches Programm «manufacturing identities» ist deshalb aus meiner Sicht immer noch gültig – und es ist der falsche Zeitpunkt, um eine Wende herbeizureden.

Vor zehn Jahren standen für MVRDV die Themen «Mobilität», «Verdichtung» und «Vernetzung» von realen und virtuellen Welten im Vordergrund; futuristische Projekte wie die Einmillionenstadt «MIXMAX»; räumliche Visualisierungen von Mediengalaxien, Datensätzen und Diagrammen zur Zukunft der Stadt. Was hat sich an deiner Arbeit seither verändert?

Augenfällig ist, dass sich durch die ökologische Bewegung das Ausmass der Datenerhebung erweitert hat und uns in unserer eigenen Arbeit zusätzliche Daten zur Verfügung stehen. Heute können wir messen, welches die grünste Stadt Europas ist. Die grössere Nachfrage nach Daten vor allem in Europa ist ein Indiz dafür, dass die Konkurrenz unter dichten, wirtschaftlich prosperierenden Gebieten grösser geworden ist. Damit ist auch die Nachfrage nach einem möglichst sicheren Gefühl bei der Positionierung und dem Entscheid für oder gegen Zukunftsprojekte gestiegen. Monitoring in raumrelevanten Fragen ist in den letzten zehn Jahren zum Normalfall geworden. Zudem haben wir die Art und Weise, wie wir aus Daten räumlich relevante Kriterien ableiten können, in den letzten Jahren deutlich verbessert. So misst und vergleicht heute der ökologische Fussabdruck das, was wir bereits vor zehn Jahren als Architekten visualisiert haben.

Im direkten Umfeld unserer Arbeit ist zudem die nächste Generation von Architektinnen und Architekten herangewachsen. Sie ist weniger an den grossen Perspektiven, Visionen und Projekten wie «Meta City Datatown» interessiert. Irritiert durch die Macht der Medien, den Kult um weltweit tätige Stararchitekten konzentriert sich ein beträchtlicher Teil dieser Generation reaktionär auf lokale Aufgaben und hat dazu eine klare Botschaft: „Lass uns auf dem Boden der Realität arbeiten“. Aus meiner Sicht ist es deshalb eine aktuelle Aufgabe im Städtebau und in der Architektur, gleichzeitig mit gegenläufigen Tendenzen argumentieren zu können.

Würden die Zukunftsszenarien zur Schweiz, die MVRDV 2003 an die Publikation «Stadtland Schweiz» (Avenir Suisse, 2003) beigetragen hat, deshalb heute anders ausfallen?

Das ist eine gute Frage, weil ich die Arbeit in meinen Präsentationen immer noch als gutes Beispiel für den urbanistischen Umgang mit Daten zeige. Interessant ist, zu sehen, welche Reaktionen unsere Provokationen von damals in der Diskussion zur Zukunft der Schweiz ausgelöst haben. Eine davon ist in der Arbeit ablesbar, die das Studio Basel um Jacques Herzog, Pierre de Meuron und Marcel Meili seither geleistet hat. Unsere Zukunftsszenarien haben bestimmt mitgeholfen, räumlich auf eine neue Art und Weise über die Schweiz zu debattieren. Aus heutiger Sicht könnte ich mir für die Schweiz zusätzliche zu den bereits 2003 formulierten Thesen denken und entsprechende Projekte präziser visualisieren.


«Kommunikation ist der einzige Weg, um Städtebau und Architektur zu betreiben» ist ein Satz von dir. Im Zusammenhang mit der Identitätsdiskussion im Städtebau und in der Architektur kennen wir weitere Schlüsselbegriffe. Was fällt dir zu «Branding» als Kommunikationsprozess ein?

Branding ist zunächst ein gefährliches Wort, das bei vielen Berufskolleginnen und -kollegen negative Gefühle auslöst. Ich verbinde damit zuerst Werbeleute in schwarzen Anzügen und schlimmen Hemden, die grosse Worte ohne Inhalt machen. Im Städtebau wird Branding deshalb dann gefährlich, wenn Architekten ihre Konzepte mit einem einzigen Schlagwort zu erklären versuchen. Branding erhält sogar demagogische Züge, wenn damit Inhalte verkürzt oder unterdrückt, polarisiert und letztlich popularisiert werden. Branding als Kommunikationsprozess kann dann Realitäten verhüllen und wesentlichen Inhalten im Städtebau und in der Architektur widersprechen. Branding ist als Technik aus meiner Sicht ein Gewinn, wenn sie eingesetzt wird, um gemeinsame Standpunkte zu klären, zu vermitteln und räumlich umzusetzen. Dies gilt vor allem für die Erneuerung von öffentlichen Räumen in einer Zeit, in der wir als mobile Menschen unsere eigene Realität immer stärker und gleichzeitig individuell und räumlich zersplittert erleben.

Branding ist als baukultureller, sozialer und ökonomischer Identitätsbildungsprozess sehr sinnvoll, wenn gemeinschaftliche Zwecke fachlich wie emotional zugänglich gemacht und realisiert werden können. Im Städtebau und in der Architektur kann ein professionelles Branding daran gemessen werden, ob und in welchem Ausmass Planungen und Projekte eine höhere Qualität erhalten, d.h. für einen Ort authentisch sind und bessere Chancen für die Umsetzung erhalten.

Weil die Werbung mit austauschbaren Bildern arbeitet, haben Architekten in Brandingprozessen eine wichtige Aufgabe. Nur der Städtebau und die Architektur können räumlich zeigen, wie eine Stadt aussieht oder aussehen könnte, wenn man einer Hypothese, einer Botschaft bzw. einem Branding folgt.

Authentizität ist ein weiteres Zauberwort in der Identitätsdiskussion. Wie authentisch, d.h. auf ein Unternehmensziel, auf gemeinschaftliche Ziele oder auf sich selbst bezogen kann Städtebau und Architektur überhaupt sein, ohne autistisch, d.h. kommunikativ in sich selbst eingeschlossen zu werden?

Ich verstehe gut, dass von Projekten, die den Menschen Orientierung und Sicherheit in einer prinzipiell chaotischen Welt geben sollen, gefordert wird, dass die städtebaulichen und architektonischen Inhalte stimmig auf einen Ort, einen Zeitpunkt bzw. auf die Interessen und Wünsche von Zielgruppen abgestimmt sind, sprich: authentisch sind. Gleichzeitig ist Authentizität ein schwieriger Anspruch, weil sich die Wahrnehmung von Echtheit und Glaubwürdigkeit schnell und kontinuierlich verändert. Authentizität kann ich deshalb weniger als Qualitätsmerkmal eines Produkts oder eines Projekts beschreiben, sondern eher als Fähigkeit und Funktion von Personen oder Gruppen, sich mit der nötigen Geschwindigkeit auf Veränderungen in der eigenen Umwelt einzulassen. Ein authentisches Projekt oder Produkt bietet in diesem Sinn eine Art Hilfestellung für Menschen an, Veränderung in einer Mischung von Widerstand und dem absoluten Gefühl, Teil des Neuen zu sein, erleben zu können.

«Freitag» ist für mich z.B. eine sehr authentische Marke. Sie hat ein eigentliche «Freitag-Generation» geprägt, an die wir bei unserer Planung auf dem Basler Dreispitz-Areal gedacht haben. In Seoul wurden wir beauftragt, das Erscheinungsbild unseres Hochhausprojekts an die künftige Generation anpassen, d.h. authentischer zu gestalten. Grund? Unser Kunde hatte Bedenken, dass der architektonische «Wolkenbügel» die Bedeutung des Ortes derart steigern könnte, dass die Preise für die Freitag-Generation zu hoch ausfallen würden und deshalb zu viele zwar vermögende, jedoch ältere Leute einziehen.

Autistisch, d.h. in der Kommunikation mit der Umwelt gestört, sind Eingriffe in die Stadt dann, wenn Konzepte und Bauten mehr und lauter über den Entwerfenden sprechen als über die Stadt, ihre Zukunft, ihr Programm und die vielfältigen Wünsche der Bewohnerinnen und Bewohner.

Das Hochhaus als «Wolkenbügel» ist ein starkes Bild. Bei MVRDV tragen andere Projekte Namen wie «pig city», «mountain book» oder «city sofa». Welche Rolle spielen sprachliche und räumliche Bilder in der Produktion von Stadtidentität?

Eine zentrale Rolle. Als Architekt interessiert mich die Herausforderung, mehr als das nutzungsneutrale, architektonisch und städtebaulich integrierte Gebäude zu machen. MVRDV entwirft und produziert städtebauliche Konzepte und Gebäude, die innovative Bilder für die Neuinterpretation einer Stadt anbieten. Unsere Architektur kann dadurch ikonisch für das Neue, vielleicht für das Zauberhafte oder sogar für ein Weltwunder stehen. Uns ist es recht, wenn Bilder dazu verwendet werden. Selbstverständlich kenne ich die Bedenken, dass mittels Architektur stilisierte Zukunftsbilder eine zeitlich und inhaltlich beschränkte Wirkung und Legitimation besitzen. Uns beschäftigt die Frage sehr, mit welcher Botschaft, mit welcher Architektur wir es schaffen, unmittelbar und nachhaltig Wirkung zu erreichen. In diesem Spannungsfeld verfügt die Architektur über ein fantastisches und zeitgemässes Thema. Unser Ziel sind Bauten und Projekte, die beispielhaft einen Beitrag an die kritische Diskussion um Urbanität und Architektur ermöglichen. Dazu wünsche ich mir als Gegenüber wieder die entsprechenden Architekturkritiker in der NZZ oder in der New York Times. Ich meine, dass der Spagat zwischen dem inhaltlich zugespitzten Temporären und dem langfristig Gesicherten und Nutzungsneutralen einer Stadt oder einer Architektur ein grundlegendes Thema unserer Zeit darstellt, das mehr Öffentlichkeit verdient.

Stadtidentitäten gibt es so viele wie Stadtwahrnehmungen und Menschen. Entsprechende Konzepte sind jedoch oft für eine gewisse Zielgruppe und temporär gültig. Welchen Stellenwert hat die temporäre Stadt für die Diskussion über Identität?

Die temporäre Stadt ist heute eigentlich kein Thema. Es wird viel und intensiv über zeitgenössische Architektur, über den urbanistischen Zeitgeist und darüber, wie die Zukunft der Stadt aussehen soll, geredet. Während Bauten vielerorts für die Ewigkeit gebaut werden, können wir im Städtebau ebenso wie in der Wirtschaft nicht über die nächsten 100 Jahre reden, sondern im besten Fall über die nächsten 20 bis 30 Jahre. Das Spielfeld in unserer Arbeit ist deshalb durch die Kombination von Zeitgeist und naher Zukunft definiert. Städtebau und Architektur schlagen die Brücke zwischen heute und morgen. Aktuell ist die entsprechende Nachfrage nach der Restrukturierung bestehender Siedlungsgebiete in Europa enorm. Vielleicht erleben wir in den kommenden Jahren deshalb den letzten Versuch, das erfolgreiche europäische Modell der Kleinstadt mit 500’000 bis zu einer Million Menschen weltweit zu verwirklichen.


Kommen wir zu einzelnen Beispielen aus der Praxis. Welche würdest du in einer Vorlesung zum Thema «Identität im Städtebau und in der Architektur» erwähnen?

Ich würde niemals eine Vorlesung zu diesem Thema halten. Aber ich kann Beispiele aus unserer Praxis nennen, die von Stadtidentität handeln. Momentan bereiten wir im Auftrag der EU einen städtebaulichen Projekt- und Kriterienkatalog vor, der darüber Auskunft geben soll, wie sich das künftige Europa im Vergleich zu China, Asien oder Amerika profilieren kann. Themen wie Kleinmassstäblichkeit, Durchmischung, Vielfalt, Verdichtung und Identität werden darin eine Rolle spielen. Vielleicht werden wir vorschlagen, Strassen wieder sechs, statt 40 Meter breit zu bauen. Zudem werden wir das Konzept der «Spiegelstadt» thematisieren; Kriterien und städtebauliche Ansätze für spezielle Orte in Europa, die im Gegensatz zum erwähnten Modell der Kleinstadt stehen: uneuropäisch fremd in der Gestalt, grossmassstäblich und besonders liberal in der Gesetzgebung. Es gehört zur Methode unserer Arbeit, Stadtidentität in Gegensätzen zu denken und zu realisieren – auch wenn es um die räumliche Zukunft von Europa geht.

Ein holländisches Beispiel, das du gut kennst, ist die Retortenstadt Almere ausserhalb von Amsterdam. Sie hat sich vor Jahren mit grossem Aufwand als Pionierstadt positioniert.

Almere ist in den 1960er und 1970er Jahren für die ärmere Bevölkerung Amsterdams gebaut worden. Die Freitag-Generation, die nach Berlin zieht, trifft man dort nicht an: Die Stadt ist langweilig, sozialräumlich problematisch, die Preise sind tief. Das Wesen von Almere ist das Pioniergefühl. Das über Jahre aufgebaute Label «Pionierstadt» ist zugleich die einzige Zukunftschance geblieben. Hinsichtlich der vorhandenen städtebaulichen Vielfalt und der Standortqualität ist Almere für mich nicht interessant. Trotzdem veranschaulicht die Stadt gut, was Stadtidentität bedeuten kann. Zudem ist der Ort ein gutes Beispiel für die Zusammenarbeit von Soziologen, Politikern und Investoren, wenn es die dort noch gibt. Wie lange Almere das über Jahre aufgebaute Image der Pionierstadt noch weitertragen kann, ist eine interessante Frage. Wir haben dort Projekte vorgeschlagen, die das Pioniergefühl und die Freiheit der Einwohner/innen weiterentwickeln. Im Sinn eines organischen Städtebaus sollen die Menschen in Almere künftig nicht nur ihre Wohnungen selbst einrichten und gestalten können, sondern auch ihre Strassen und Wege in der Stadt, ihre Wasserlandschaft und vielleicht sogar ihre eigene Energieversorgung.

Welche Städte beschäftigen dich gegenwärtig am meisten?

Die Stadt Bordeaux. Hintergrund ist das politische Ziel der Stadt, sich gegenüber der Hauptstadt, nur zwei Bahnstunden von Paris entfernt, als Wohnstadt neu zu positionieren. Das Ziel unserer Arbeit ist ein Prototyp für eine zeitgemässe, konkurrenzfähige, südeuropäische Wohnstadt für den Mittelstand. In Oslo zeigen wir auf, welche städtebaulichen Antworten aktuelle Formen der sozioökonomischen Reurbanisierung erfordern. Oslo wird in den nächsten zwanzig Jahren zur reichsten Stadt Europas. Ein gutes Beispiel für eine Stadt, welche die Freitag-Generation durch gezielte Erneuerungen erreicht hat, ist Kopenhagen.

In der Schweiz finde ich Basel interessant, eine Stadt mit grosser Ausstrahlung, die ähnlich wie Rotterdam und Amsterdam, die Polarität zu Zürich braucht, um sich mit eigenen Standpunkten zu profilieren. Basel zeigt, dass sie als Stadt urbanistisch offener und experimenteller sein will als die Konkurrenz in Zürich. Ich weiss nicht so recht, was ich über Lausanne und Genf denken soll. Wichtig ist zu verstehen, dass wir als mobile und neugierige Einwohnerinnen und Einwohner von Europa – ich als Rotterdamer – heute für unsere Bedürfnisse grössere Gebiete als nur eine einzige Stadt brauche, um das Gefühl zu haben, ein Teil der Welt zu sein. Seinen eigenen Grossraum zu spüren, heisst, für ein Freizeiterlebnis nicht nach Nevada abreisen zu müssen. Ich bin überzeugt, dass eine Mehrzahl der Leute in Europa solche Gefühle und Bedürfnisse hat. Wir leisten unseren Beitrag, in dem wir diese einmalige Situation an einzelnen Orten in Europa räumlich definieren. Aus dieser Perspektive erhalten auch lokale Entwicklungen und Projekte in kleinen Städten, in der Bourgonne, im Engadin oder in der UNESCO Biosphäre Entlebuch eine andere Bedeutung und neue Chancen, wenn es darum geht, ihre eigene Identität in die Zukunft zu denken.


Kommen wir zurück zu Winy Maas. Bist du nun mehr Stadtentwickler oder mehr Architekt?

Das habe ich mir heute im Flugzeug überlegt. Ich liebe das Bauen, besonders Projekte wie das «unglückliche Haus», das wir für den in London lebenden Philosophen Alain de Botton gebaut haben. Das Haus schwebt und stellt die Frage, was wichtiger ist, das Wohnen, oder ein Haus, dass den kleinsten ökologischen Abdruck aufweist und den Hasen und Frösche nicht im Weg steht. Mir gefällt auch die landschaftliche Idee, die darin eingeschlossen ist. Städtebau und Architektur: Das eine geht nicht ohne das andere. Besonders wichtig ist mir, dass über Städtebau nicht nur geredet, sondern dass er gezeigt wird. Wir bei MVRDV bauen, worüber wir reden.

Gilt das auch für den holländischen Wohnwagen, als den du gerade in der Schweiz unterwegs bist?

Natürlich nicht. Ich habe in der Schweiz bereits ein eigenes Haus. Der Wohnwagen, den ich als Bild für meine aktuelle Identität eingangs genannt habe, sieht sowieso eher wie ein Sessel in der Businessklasse eines Flugzeugs aus. Und gerade jetzt ist der Tisch, an dem wir sitzen, so etwas wie ein Zuhause. Für mich liegt das Einmalige unseres Zeitalters darin, das wir überall und jederzeit die Freiheit haben, uns ein eigenes Zuhause einzurichten.

Heisst das, dass MVRDV in absehbarer Zeit in der Schweiz bauen wird?

Nein, obwohl wir in Basel und Zürich Wettbewerbe gewonnen haben und ich zeitweise in der Schweiz wohne. In Basel arbeiten wir an einer länderübergreifenden Planung weiter. Enttäuscht bin ich, dass es in Zürich Leutschenbach mit dem Projekt für die SRG nicht weitergegangen ist. Ich vermute, ein Grund, wieso wir in der Schweiz bisher nicht gebaut haben, ist der, dass die Schweiz sich gleichzeitig politisch offen zeigt, jedoch im Städtebau und in der Architektur aus europäischer Sicht letztlich doch zuerst introvertiert denkt und handelt.

Stadtidentitaet der Zukunft, Beispielseiten

Landgasthof für ZUGWEST

Das Aparthotel (2010) der Architekten Martin und Monika Jauch-Stolz hinter dem Bahnhof in Risch Rotkreuz ist ein urbaner Landgasthof, der ortsbaulich vor allem für sich selbst dasteht. Urban bedeutet hier, zum Wirtschaftsraum ZUGWEST gehörend.

Fotos: Reinhard Zimmermann

Vollständige Architekturkritik, in: werk, bauen+wohnen, Heft Nr. 4 /2011.

(sta) Das eigentlich Spannende an der Sache ist: Trotz der am Standort Risch Rotkreuz offensichtlich vorhandenen Standortgunst für geschäftliches und bezahlbares Hotelwohnen ist das Aparthotel keine Corporate Architecture einer Hotelkette, sondern local business, von der Idee bis zur Ausführung eine lokale Angelegenheit. Dem Bauträger (Rotkreuzhof-Immobilien AG) und den Architekten ist dadurch ein Unikat gelungen, das im Wirtschaftsraum ZUGWEST auf reges Interesse stösst. Die Architektur macht den Spagat zwischen traditionell ländlichen Rundschindeln (Fassade), den Anforderungen an einen Zweckbau und einer formal modernistischen Gestaltung.

Hybride Herberge

Das Aparthotel steht für den baulichen Trend hin zu hybriden Formen der Beherbergungsart, wie er von der Hotelbranche schweizweit festgestellt wird: Das Hotelzimmer ist auch Arbeitsplatz, Küche, Fitnessstudio, und es bietet einen möglichst direkten ÖV-Anschluss an das nächste Stadtzentrum an. Das Gebäude bietet Platz für 50 Hotelzimmer, vier Loftwohnungen, einen Gastrobetrieb mit Saal für 120 Personen, Seminarräume und ein Fitnesscenter.

Der vollständige Kommentar mit Plänen und Projektdaten wird im werk, bauen+wohnen, Heft Nr.4 /2011, werk-material (April) publiziert.

EBERLI’s Stadteingang

Am Anfang war das Plakat. Mitterweile wird Stadt als Hülle für Kommunikation in verschiedensten Formen temporär gestaltet; der Wettbewerb um Aufmerksamkeit im öffentlichen Raum ist hart umkämpft und die Zukunft wird digital. Zu diesem Thema trägt die Baustellenplakatierung auf dem Luzerner Rathausplatz seit Oktober eine harmlose aber amüsante Episode bei: Eberli’s Stadteingang in die Luzerner Altstadt. Jetzt wird die Baustelle temporär eingepackt.

(sta) Der Wettbewerb um Aufmerksamkeit im öffentlichen Raum entscheidet sich oft in Zentimetern und harten Diskussionen. In naher Zukunft werden die Diskussionen vermehrt von digitalen Formen der Kommunikation im öffentlichen Raum handeln: Medienfassaden, Out-of-home-Displays, Digital signage, Crossmedia in Echtzeit oder QR-Codes sind nur eine Auswahl von Stichworten, mit denen Werbestrategen schon heute eifrig an der Zukunft des Öffentlichen Raums arbeiten. Entwerfen und Gestalten wird dadurch zu einem Hybrid Design, an dem verschiedene Disziplinen beteiligt sind, auch die Architektur.

Neue Realitäten

2009 haben Teradadesign und Qosmo das N-Building realisiert: Der QR-Code (ein Identifikationssystem zur mobilen Datenerfassung z.B. durch Mobiltelefone) funktioniert als Fassade des Bürohauses in Tokyo. Das Beispiel zeigt: Werbung ist in dieser Form nicht mehr nur eine ökonomisch motivierte und legitimierbare Angelegenheit, sie wird  Teil der Kultur und ihres Kommunikationsraums und damit auch Bestandteil von Architektur. Die Diskussion um das Thema Medien und Stadt wird dadurch zwar erfrischend anders, bleibt jedoch nicht weniger verwirrend und wird gewiss hier und da Widerstände auslösen. Tim Elder von REALITIES:UNITED, eine Firma von Architekten und Künstlern, die sich auf Medienfassaden spezialisiert haben, hat die Situation mit dem Titel seines Vortrages an der Hochschule Luzern auf den Punkt gebracht: „ARCHITEKTUR MACHT KUNST STADT WERBUNG“.

Ausnahme Baustelle

Zurück in die Schweiz, nach Luzern, auf den Rathausplatz: Gesetzlich mehr Luft haben hier temporäre Formen öffentlicher Werbung und Selbstdarstellung: Events oder eben Baustellen. Sie schaffen zwischenzeitlich neue Mitteilungsflächen an Orten, die ansonsten aus historischen Gründen besonderen Schutz geniessen, sogar tabu sind. Urbanistisch kann deshalb die Frage immer wieder gestellt werden: Wie lange dauert nun eigentlich temporär, und welche Ansprüche sollen an die Gestaltung der temporären Stadtplakatierung, an die Vermehrung des öffentlichen Werberaums gestellt werden? Die Stadt Luzern setzt auf den gesunden Menschenverstand und weniger Bürokratie. Baustellenwerbung ist generell nicht bewilligungspflichtig. Diese Praxis folgt der kantonalen Reklameverordnung und gilt demnach sowohl in der Altstadt als auch entlang einer Hauptstrasse. Baustelle ist Baustelle, oder doch nicht?

Wie lange dauert temporär?

Zwischen Oktober 2010 und Dezember 2011 baut Architekt Ivan Bühler im Brandgässli ein Privathaus um. Gemäss Praxis gilt auch hier: Die über einjährige Baustellenplakatierung am Kran-Installationsplatz mitten auf dem Luzerner Rathausplatz ist temporär, somit eine werbetechnische Ausnahme und nicht bewilligungspflichtig. Das Resultat war nun einige Wochen zu bewundern: Eberli’s plakatierter Stadteingang in die Luzerner Altstadt, von weither sichtbar, direkt in der Sichtachse Achse zwischen Luzerner Theater und Rathausplatz. Für diejenigen, denen die Werbung bisher trotzdem noch nicht aufgefallen ist: Eberli ist eine Baufirma aus Sarnen, ja, es ist dieselbe Firma, die die Sportarena mitbaut. Droht dem luzernischen Stadtraum die gestalterische Verlandung? Nein. Jetzt soll die provinzielle Werbe-Episode ein Ende haben. Die Baustelle wird neu eingepackt – unbewilligt? Hoffentlich droht Luzern kein weiteres Kulturtheater. Fest steht: Temporär dauert in Sachen Baustellenplakatierung so lange, wie gebaut wird, und gebaut wird immer irgendwo.

Das grosse Summen

Es ist Fussballweltmeisterschaft: Afrikas Elefanten brüllen, unsere Dörfer und Städte summen.

Meine erste Begegnung mit dem sportlichen Grossanlass WM ist nicht das lange erwartete Fernsehbild, sondern das eigenartige, stetige Summen der Übertragungen aus Afrika an den hiesigen Public-Viewing-Orten. Grund für die akustische instant city, mit der uns die FIFA in den nächsten vier Wochen beschert, sind die so genannten Vuvuzelas. Die Trompeten werden aus Plastik oder Blech hergestellt und sind ungefähr 50 Zentimeter lang. Ihr Klang ähnelt dem Brüllen eines Elefanten, so sagt man, er ist aber sogar noch lauter. Es ist also kein Bienengesang, der aus den Bierstuben, Kaffees und Privatgärten in die Stadt hallt, sondern es sind Elefantenrufe, die von Fussballbegeisterten mit Hilfe einer Spielzeugtrompete akustisch stilisiert, durch Aufnahmetechnik komprimiert, via Satellitenverbindungen in die Welt verschickt und vor Ort durch die Lautsprecher der Fernseher in unsere Städte und Dörfer übertragen werden. Je nach Modell, Lautstärke und Umgebungsakustik klingt es dann aus dem TV-Gerät eher nach einem Bienen- oder einem Mückenschwarm. Das bekannte Sprichwort lautet: Aus einer Mücke einen Elefanten machen. An der WM in Afrika lernen wir, dass es auch umgekehrt geht.

Ärger bei Spielern

Die Vuvuzuelas ärgern übrigens gewisse Spieler auf dem Feld. Xabi Alonso, Spaniens Mittelfeldspieler und erster Gegner der Schweizer Elf, hatte im Vorfeld der WM ein Verbot der Instrumente gefordert. Die Fifa jedoch hat die farbenfrohen Trompeten als kulturelle Eigenart des Gastlandes für das Turnier genehmigt.

Indischer Honig für London’s East End

Die Olympischen Spiel 2012 in London inszenieren „Stadt“ als Event einer Public-Privat-Partnerschip. Jüngstes Beispiel: Der Künstler und Designer Anish Kapoor, Ingenieur Cecil Balmond von Arup, der indische Stahlkonzern ArcelorMittal und die Stadt London bauen zusammen den „ArcelorMittal Orbit“, eine 115 Meter hohe Stahl-Skulptur mit Aussichtsterrasse. Das ikonische Spektakel soll Touristen/innen und eine weltweite mediale Aufmerksamkeit vor und anlässlich der Games wie „Honig die Bienen“ anziehen (Medienmitteilung). Die Ausstellungsarchitektur ist zudem ein Symbol für die  Stadtentwicklung im East End von London.

Der Künstler Anish Kapoor hat den Zuschlag für den Bau seines 115 Meter hohen Turms erhalten. Die Skulptur, die in Zusammenarbeit mit Cecil Balmond von Arup entstanden ist, trägt den Namen ArcelorMittal Orbit. Das erklärte Markenzeichen im öffentlichen Raum der Olympischen Spiele 2010 in London ist auch Symbol für die Stadtentwicklung im Londoner East End. Die Brücke zwischen Kunst, Architektur, Städtebau, Engineering und Business, die hier geschlagen wird, soll eine Ausstellungsarchitektur schaffen, zu der einmal mehr die Superlative dazu gehört: Die Skulptur soll die Grösste in England werden und übertrifft mit Hilfe eines formalen Kraftakts, wie es in den Bildern scheint, doch noch die Freiheitsstatue in New York um ganze 22 Meter. Die Besucher/innen werden mit Liften auf die Aussichtsplattform gebracht und können danach spiralförmig die Treppe hinuntersteigen.

Kunstleiter in den Firmenhimmel

Die Skulptur besteht aus ineinander verdrehten Stahlröhren und Streben. In ihrer Form erinnert das Gebilde an eine orientalische Wasserpfeife. Ihr Name gehorcht der Reputations- und Markenpflege des Sponsors und setzt sich aus dem Firmennamen „ArcelorMittal“ und dem Zusatz „Orbit“ zusammen. Die Ikone ist demnach zugleich Showcase und stilisiertes Abbild der Umlaufbahn am Stahl- und Firmenhimmel, auf der sich die Mittals bewegen; man zeigt sich weltoffen, dynamisch-erfolgreich und jung: Lakshmi Mittal, CEO des indischen Familien-Stahlkonzerns ArcelorMittal kommentierte das Engagement bei der Bekanntgabe des Projekts:

“The Olympic Games are one of the few truly iconic global events. I was immediately excited by the prospect of ArcelorMittal becoming involved because ArcelorMittal is a global company with operations in more than 60 countries. Everyone at ArcelorMittal is delighted with the outcome of the ArcelorMittal Orbit. London will have a bold, beautiful and magnificent sculpture that also showcases the great versatility of steel.”

Diese Art von PR in Form eines idealen Stadtraums für Reputations- und Werbeziele einer Firma (Best Urban Space) kostet Geld: Mit der Grosszügigkeit eines Hauptsponsors übernimmt ArcelorMittal  85% der Kosten in der Höhe von rund 19 Millionen Pfund. 3 Millionen Pfund trägt die Londoner Development Agency bei.

Transnationaler Stahlkonzern

Der Stahlkonzern kann sich die Investition wahrlich leisten: ArcelorMittal ist ein transnationaler Stahlkonzern mit indischen Wurzeln. Das Unternehmen verfügt (laut Wikipedia) über rund 60 Werke in mehr als zwei Dutzend Staaten und beschäftigt rund 310.000 Mitarbeiter. Für das Jahr 2007 war ein EBITDA von 19,4 Mrd. US-Dollar angekündigt. Damit ist Arcelor Mittal in jeglicher Hinsicht der mit Abstand größte Stahlproduzent der Welt und einer der weltweit führenden multinationalen Konzerne. Er fand sich 2008 auf Platz 28 der Fortune 500 wieder. Unternehmenssitz ist Luxemburg. Der Konzern ist aus einer indischen Familiengeschichte heraus entstanden: In der Familiengeschichte Mittal waren immer mehr als 90 Prozent der Aktienanteile stets in Familienbesitz. Mittal Steel hat seinen Sitz in Rotterdam, wird aber vom Berkeley Square in London durch Lakshmi Mittal und dessen Sohn Aditya geleitet. Mittals größter Konkurrent Arcelor wurde in den Jahren 2006 bis 2007 durch feindliche Übernahme erworben; das Ende der Mittal Steel Company in ihrer bisherigen Form war damit besiegelt. Beide Unternehmen fusionierten zu ArcelorMittal. Lakshmi Mittal ist seit Ende 2006 Vorsitzender des Vorstands.

Monumentale Stadtskulptur

Der indische Künstler Anish Kapoor trägt den Turner Preis und ist bereits bekannt für monumentale Objekte, die er in Stadträume stellt. Geboren 1954 in Mumbai, Indien, kam Kapoor 1972 nach London und studierte zunächst Kunst und später Kunst und Design. Zu seinem Werk sagt er: ‘I am particularly attracted to it because of the opportunity to involve members of the public in a particularly close and personal way. It is the commission of a lifetime.’ Internationale Aufmerksamkeit erhielt Kapoor bereits in den 1970er Jahren mit Skulpturen aus Farbpigmenten. Über monochrome Rauminstallationen gelangte er zu Monumentalskulpturen aus ungewöhnlichen Werkstoffen: Marsyas in der Turbinenhalle der Tate Modern (2002), die Werkausstellung im Kunsthaus Bregenz 2003 mit einer 20 Tonnen schweren rote Skulptur aus Vaseline und Wachs (My red Homeland) und Cloud Gate, eine 110 Tonnen schwere, rostfreie Stahlkonstruktion im Millennium-Park in Chicago von 2004 sind Beispiele dafür.

instant city _ angerührt an der LUGA 2009

Instant ist nicht nur der Kaffee seit über hundert Jahren; auch Stadt kann sofort und überall angerührt werden, z.B. in Form von Events. Luzern lebt vermeintlich gut davon.

1901 erfand der japanische Wissenschafter Satori Kato in Chicago den Instantkaffee. Den Grundstein für die industrielle Herstellung legte 1938 die Schweizer Firma Nestle. Die Zubereitung eines Instantkaffees ist einfacher als bei normalem, frischem Kaffee. Wieder 30 Jahre später, zwischen 1968 und 1970, erfand die englische Architektengruppe Archigram die Utopie der Instant City: Vorstellungen über temporäre Städte, die eingeflogen werden und quasi über Nacht entstehen. Es gelang der Gruppe dadurch allerdings nicht, die beabsichtige fundierte gesellschaftskritische Meinung zur Inszenierung der Umwelt durch die aufkommenden Massenmedien, einzunehmen, ganz im Gegenteil: Sie entwickelten einen unbeschränkten Technologie-Optimismus verbunden mit einer undistanzierten Medienfaszination, abgebildet in poppigen Bildwelten. Die frühen Gedanken zu einer (einfach und schnell angerührten) Stadt der Massen- bzw. Mediengesellschaften lassen sich heute ohne grosse Anstrengung u.a. in der städtischen Event-Kultur wieder erkennen. Anzumerken ist jedoch: Luna-Paks sind älter als Archigrams Instant City-Fantasien.

Beispiel Luzern: Stadt als Event

Der Vergleich zwischen instant Kaffee und instant City, dem schnellen globalen Getränk und der schnellen globalen Stadtproduktion, lässt sich an vielen Beispielen erklären: Die Stadt als Event ist einfach zuzubereiten, massentauglich, global und medial anwend- und verwertbar. Zum Beispiel in Luzern: Die Stadt hat sich in den letzten Jahrhunderten mangels alternativer wirtschaftlicher Ressourcen immer wieder dem politischen, touristischen und baulichen Entwicklungskonzept „Kultur“ verschrieben, zuletzt eindrücklich und erfolgreich in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts. Der Paukenschlag KKL hallt seither in der Öffentlichkeit bis heute nach. Events sind hier im Zuge der globalisierten Kulturökonomie zum Dach der luzernischen Stadtlandschaft geworden: Lucerne Festival, Rose d’Or, BlueBalls, Marathon. Das Rezept für eine derartig städtische Kulturpolitik könnte als Dreischritt zusammengefasst werden: 1. Private Top-Down-Investitionen in die Kultur lokalpolitisch integrieren und so inszenieren, wie es Jean Nouvel mit seiner entwerferischen ‚inclusion‘ für das KKL vorgezeigt hat. 2. Sozio-kultureller Widerstand und Innovation von unten baulich disziplinieren (Lido, BOA, Südpol). 3. Öffentlicher Stadtraum hoheitlich verwalten und kommerziell als Hülle, Objekt und Lebensraum für eigene oder fremde kommunikative Botschaften von Veranstaltern und Sponsoren anbieten.

Instant Cities und instant Kaffee sind globale Phänomene und Produkte der Informationsgesellschaft. Luzern lebt gut davon und vielleicht bald noch besser: Während die Sportarena auf der Allmend noch gebaut wird, ist das Projekt Salle Modulable daran, das nächste Kapitel Kulturgeschichte zu schreiben: private 100 Mio Franken (Top-Down-Investition) stehen dafür bereit.

Bilder: Blick aus dem diesjährigen Gelände des Luga-Lunaparks auf den Pilatus.

Kommunikation diagonal

Cross-Media hat sich als Taktik im Management von verschiedenen Mitteln und Kanälen in der Kommunikation bewährt. Stadt- und Medienräume kommen sich näher – reale und virtuelle Räume lassen sich gewinnbringend verbinden. Mercedes als Beispiel für einen Best Urban Space rund um das Pferd.

Wenn im 20Min steht: „Mehr Bilder dazu gibt es auf www.20min.ch“, dann nennt sich das Prinzip, Inhalte diagonal auf verschiedene Medien zu verteilen, „Cross-Media“. Sinn und Zweck sind klar. Wenn ich die Leserinnen vom Blatt ins Internet bringe, können davon zwei Inserate bzw. Werbeplattformen profitieren, kurz: Der wirtschaftliche Werbepotenzial vergrössert sich zusammen mit dem Kommunikationsraum. Zudem berücksichtigt Cross-Media eine wichtige Grundregel erfolgreicher Kommunikation: Das Medium ist die Botschaft. Im Internet kann ich Botschaften anders vermitteln als auf Papier.

Cross-Media verräumlicht

Cross-Media ist in Unternehmen, die ihre Marke mit Hilfe der Firmenarchitektur pflegen, räumlich relevant. Das Beispiel Mercedes: Im neuen Museum in Stuttgart stehen die Besuchenden am Anfang der Ausstellung nicht vor einem Auto, sondern vor einem Pferd. Mercedes ist Sponsor des CIS in Zürich. Der Pferde-Anlass findet in einer Halle statt, wird jedoch u.a. mit Hilfe einer Reiterparade durch die Stadt Zürich promotet. Die Kommunikation findet diagonal zwischen verschiedenen Räumen statt; zwischen Haus, Stadt und virtuellen Kommunikationsräumen. Architektonisch im Museumsbau, städtebaulich in der Altstadt von Zürich, temporäre in der Event-Halle des CSI sowie medial im Internet und traditionell auf Printprodukten. Gemeinsames Symbol und Ausdruck der Markenwerte ist immer das Pferd.

Cross-Media ist nicht nur eines von mehreren Instrumenten der Unternehmenskommunikation. Cross-Media entwickelt sich darüber hinaus zu einem eigenständigen Segment im Kommunikationsmarkt: der Verwertung von öffentlichem Stadtraum. Hostcities, als spezielle Form von Event, heisst eines der Zauberworte: Der Fussballrasen im Stadion, die ökonomische Grundlage der FIFA und der UEFA, wird als kommerzieller Kommunikationsraum nicht nur medial vervielfacht, sondern auch im städtebaulichen Masstab gezielt verräumlicht. Cross-Media bedeutet hier, Botschaften, und damit Werbefläche, möglichst nahe und exklusiv mit dem Lebensraum (an die räumlich Identifikation) von Kunden zu verknüpfen. Weil dabei immer an Zielgruppen gedacht wird, schliesst Cross-Media deshalb immer auch Zielgruppen aus. Das Prinzip nennt sich entsprechend einladend: Clean City.

Architektur diagonal

Kommunikation diagonal (Cross-Media) heisst demnach, dass sich Architektur, Stadt, Medien- bzw. virtuelle Räume sich gewinnbringend näher kommen können. Aus Sicht der Unternehmenskommunikation sind Markenziele oder Wirkungsziele in der Kommunikation die Ausgangslage für die Art und Weise dieser Verbindung. Wie verhalten sich demgegenüber die öffentlichen und privaten Disziplinen der Architektur, des Städtebaus und der Raumplanung?

Lancia: Schönheit und Tölpelei

"Schönheit"

Venedig macht vor, wie die Stadt des permanenten Untergangs nach den Regeln des Sightseeings als Hülle und Objekt vermarktet wird. Ein Augenschein vor Ort.

Sightseeing ist nichts anderes als ein sich Vergewissern vor Ort. Venedig besuchen jährlich 20 Millionen Touristinnen und Touristen um zu sehen, was Sie in den meisten Fällen schon kennen: den Markusplatz, die Gondeln, die Gassen, den Blick auf die Seufzerbrücke. Auch die Tatsache, dass die Stadt unterzugehen droht und dass sie schrumpft, macht den Mythos Venedig attraktiv: Immer weniger Venezianer leben in ihrer Stadt.  Bei knapp 60’000 EinwohnerInnen verliert die Stadt rund 2’000 im Jahr. Statistisch droht die Lagunenstadt Venedig, die nach ihrem wirtschaftlichen Niedergang im 18. Jahrhundert zum meistbesuchten Reiseziel Europas geworden ist, zur blossen Kulisse zu werden. Zu werden? Sie ist es schon, wie das Beispiel Seufzerbrücke demonstriert: Der berühmte Blick auf das historische Denkmal ist im Zuge einer Baustellenwerbung zum Werbeauftritt für Lancia geworden. In der Diskussion um das Bild der Stadt, das hier offensichtlich ein temporäre Veränderung erfahren hat, ist es einfach, den Untergang Venedigs nun auch kulturell zu beklagen. Die Kommerzialisierung des öffentlichen Raums, die für alle Beteiligten erfogreiche Repräsentation der kapitalistischen Gier im urbanen Raum, wird damit jedoch nicht besonders innovativ zum Ausdruck gebracht, im Gegenteil: Der Untergang der Lagunenstadt gehört bekanntlich längst zum Mythos Venedig, und er ist hier als touristischer Markt- bzw. Markenwert einmal mehr perfekt inszeniert worden. Lancia, der Stadt und den Investoren ist ein „Win-Win-Auftritt“ gelungen, nicht mehr und nicht weniger: Der Mythos der italienischen Sportmarke Lancia wird dadurch vielleicht noch etwas unsterblicher.

Die Stadt als Bild

Akzeptiert man an diesem Beispiel nur die Diskussion um das Werbeplakat als zeitgemässen Ausdruck eines Stadtbildes, dann kann man die Aktion, ganz im Sinn von Erich Mendelsohn, wie Martino Stierli im Artikel in der NZZ vom 1.11.2008 „Die Stadt als Bild“ ausführt, durchaus so oder so beurteilen: Einerseits wirkt ihre „phantastische Schönheit“ bei Nacht, und erst bei Tageslicht überwiegt der Eindruck, dass hier eine ganz und gar „grandiose Tölpelei des Weltjahrmarktes“ aufgeführt wird. Ernst ist die Sache in der „Stadt des Auges und der Bilder“ (Gerhard Mack) allemal, vor allem dann, wenn Goethe Recht haben sollte:

(…) Dummes aber vor’s Auge gestellt. / Hat ein magisches Recht. / Weil es die Sinne gefesselt hält. / Bleibt der Geist ein Knecht.

(aus: „Mit Bildern lügen“, Liebert/Metten 2007)