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«Gute Architektur ist nicht teurer als schlechte.»

Die Jugendherberge Scuol hat den Award für Marketing und Architektur 2010 gewonnen. Hinter dem Erfolg stehen die Verantwortlichen der Schweizerischen Stiftung für Sozialtourismus, ZürichDas Büro für Stadtfragen hat bei René Dobler, Architekt ETH und Geschäftsleiter der  Stiftung nachgefragt, was das genau bedeutet (Interview_Dobler_pdf):

Herr Dobler: Was hat Sozialtourismus mit den Vorstellungen von Produktemarketing gemeinsam?

Auch Sozialtourismus braucht Marketing. Bei den Schweizer Jugendherbergen versuchen wir sowohl beim Marketing wie auch bei der Architektur entsprechend den Wertvorstellungen unserer Organisation zu denken und zu handeln. Weder das eine noch das andere soll zum Selbstzweck werden oder sich vom Grundauftrag absetzen.

Wie äussert sich das im Umgang mit Architekturaufgaben innerhalb der Stiftung?

Unser Bauleitbild basiert auf dem Unternehmensleitbild. Die Ansprüche an die Architektur sind dieselben wie an die Dienstleistungen im Betrieb oder an das Marketing. Es werden dieselben Ziele verfolgt, nur mit andern Mitteln. Sie sehen das am Beispiel der Ökologie: Wir arbeiten mit den höchsten, messbaren und gängigen ökologischen Labels. Im Betrieb sind dies das EU-Umwelt- und das Steinbocklabel, beim Bauen sind dies Minergie- und Ecolabel. Das Marketing schreibt keine abgehobene Geschichte darüber, sondern berichtet bei Gelegenheit über die effektiven Leistungen.

Ihre Selbstdarstellung spricht von Werten wie «Vertrauen, Sicherheit und Geborgenheit». Die Jugendherbergen geben sich «lokal, sozial, nachhaltig, menschlich und preiswert». Woran erkennen Sie, dass ihre Architektur «grundehrlich» ist?

Ehrliche Architektur widerspiegelt in hohem Masse die Werte und Inhalte ihres eigentlichen Nutzens. Widerspricht oder überhöht die Architektur ihre Aufgabe, verselbständigt sie sich und gibt etwas vor, das nicht ist. Das kann in bestimmten Situationen angebracht sein, aber nicht beim Umbau oder Neubau einer sozialtouristischen Jugendherberge.

Was hat in den 90erJahren den neuen Qualitätsprozess beim Umbauen der Jugendherbergen ausgelöst. Welches waren die Hauptargumente?

Auslöser war die Fusion mehrerer regionaler Vereine zu einer gesamtschweizerischen Organisation. Damals initiierte der Präsident und ETH-Architekt Alain Paratte ein Bauleitbild. Dieses Bauleitbild wurde dann an der Jugendherberge Grindelwald getestet und wird seither durch ein stabiles Team kontinuierlich umgesetzt und weiterentwickelt. Das wichtigste messbare Hauptargument am Anfang war: Gute Architektur ist nicht teurer als schlechte. Seither beweist auch die wesentlich höhere Auslastung der einzelnen Jugendherbergen, dass dieses Argument stimmt. Finanzen sind immer ein schlagendes Argument: Was will man mehr als geringere Kosten bei höherem Ertrag?

Sehen Sie einen Unterschied zwischen Bauen und Architektur?

Ich denke, der Schritt vom Bauen zur Architektur passiert über die Auseinandersetzung mit Raum und Gestalt. Architektur bedarf eines klaren Gestaltungswillens, der vom Entwerfen bis zur Realisierung verfolgt wird. Ohne das planende Denken ist Bauen reine Funktionserfüllung und wird nie zu Architektur.

Wie finden Sie die richtigen ArchitektInnen? Welche Eigenschaften haben diese gemeinsam?

Mit Hilfe eines breiten und angemessenen Auswahlverfahrens. In Scuol haben wir alle regionalen und ein paar ausgewählte Büros aus dem übrigen Kantonsgebiet für eine Bewerbung eingeladen. Dann haben wir mit fünf Teams einen Wettbewerb durchgeführt. Unsere ArchitektInnen sind alle eher jung, und sie interessieren sich für aktuelle Werte und deren Übersetzung in gebauten Raum.

Kommen auch ausländische ArchitektInnen in Frage?

Wir setzen uns für eine moderne und regional verankerte Architektur ein. Die Authentizität des Ortes beginnt für uns bei regional verankerten Gestaltern, die den Ort kennen. Es gibt überall in der Schweiz genügend gute ArchitektInnen, womit sich eine Suche im Ausland für unsere Bauaufgabe erübrigt.

Mit welchen Architekt/innen möchten Sie unbedingt noch eine Jugendherberge bauen?

Mit uns noch unbekannten, jungen, visionären, engagierten ArchitektInnen, die von der Idee der Jugendherbergen überzeugt sind und die uns mit ihren Ideen überzeugen – so wie zuletzt Buchner Bründler Architekten bei der Jugendherberge in Basel.

Die neue Jugendherberge in Scuol erinnert, je nach Ansicht, an ein Stück Käse mit Löchern und Einschnitten oder an plakativ bündnerischen Heimatstil mit Engadinerfenstern – ein typisch schweizerischer Kompromissbau stilisiert in einem zeitgemässen Tourismus-Marketingkleid also. Lassen Sie diese Kritik gelten?

Ihre Beschreibung entspricht in keiner Art und Weise den gestalterischen Absichten. Die Jugendherberge Scuol ist ein moderner Bau, der traditionelle Elemente wie die Stüva oder das tief eingeschnittene Engadinerfenster spielerisch einbaut. Das ist kein Kompromiss, sondern ein gestalterischer Wille, welcher mit hohem Selbstvertrauen Tradition und Moderne verknüpft. Gerade deshalb kann sich der Bau von Ihrer Überzeichnung möglicher Assoziationen abgrenzen. Die Schweizer Jugendherbergen wollen in Bau und Marketing ihren unternehmerischen Zielen gerecht werden. Deshalb betreiben wir Marketing und Architektur ohne schreierisch zu werden, oder mehr zu versprechen als wir anbieten.

Die Unterkunftsbranche ist kurzlebig, sie muss sich schnellen Trends anpassen. Mit Preisen wie dem Marketing-Award bewegt sich die Stiftung nun in diesem Trendmarkt. Auf wie viele Jahre hinaus planen und realisieren Sie die Jugendherbergen?

Unsere Organisation besteht seit 86 Jahren, unser aktuelles Bauleitbild seit 17 Jahren, in Scuol vergingen von der Idee bis zur Fertigstellung zehn Jahre. Zeitgemäss zu sein, ist für eine Organisation mit so langer Geschichte wichtig; trendig zu sein, wäre für uns ein Eigentor. Unser Bauen ist langfristig, unsere Materialwahl ist langfristig. Unser Erneuerungszyklus von 25 Jahren verbietet uns geradezu, kurzfristig zu gestalten. Marketing hat den Ruf des Kurzfristigen, Kurzlebigen – der Award Marketing und Architektur zeigt nun aber, dass Architektur und Marketing auch dann gewinnen, wenn sie langfristig miteinandergehen.

Sie reden in Ihrem Auftritt von Aktivitäten in der Tourismusforschung. Was sagt die Forschung über die künftige Bedeutung der Architektur?

Forschung ist etwas hoch gegriffen. Wir versuchen in all unseren Tätigkeitsgebieten auf dem Stand der Dinge zu sein und dies mit einer visionären Haltung zu ergänzen. Die Bedeutung der Architektur im Tourismus, oder enger gefasst in der Hotellerie, war meiner Meinung nach immer gross, denn für das Zuhause auf Zeit bevorzugt jeder Gast ein authentisches, identifizierbares Gebäude, das ihn innert Kürze heimisch werden lässt. Die Globalisierung verstärkt dieses Bedürfnis mit Sicherheit. Fraglich ist jedoch, ob der grossen Nachfrage auch ein entsprechendes Angebot gegenübersteht. Die Hotellerie ist hier wohl oft betriebsblind und kann den eigentlichen Architekturaufgaben nicht gerecht werden.

Passt die Marketing-Architektur der Jugis eigentlich noch zum Image der günstigen Familien-Unterkunft? Bauen Sie künftig vor allem für internationale Single-Reisende?

Wir bauen für ein vielfältiges Publikum, das vom klassischen Backpacker, der inzwischen mit dem Rollkoffer vom Billigflug kommt, über Schulklassen und Familien bis zum wandernden Senioren reicht. Das schützt uns davor, für DEN GAST zu bauen. Wir bauen für weltoffene, kontaktfreudige, umweltbewusste, sozialverantwortliche Reisende mit kleinem Portemonnaie. Dies verlangt nach einer kostengünstigen Architektur, die ein hohes Mass an architektonischen und gesellschaftlichen Werten zum Ausdruck bringen muss.

Die Pressebilder zum Neubau in Scuol erinnern an ein Ambiente für Leserinnen und Leser der Annabelle. Ergänzen Sie ihre Unterkunftskategorien «simple», «classic» und «top» nun mit «Flagships»?

Unsere drei Kategorien sind vollkommen ausreichend, und wir haben bereits Flagships in top, classic und simple. Wenn sich auch Annabelle-Leser und -Leserinnen für unsere Jugendherbergen interessieren, ist das weniger unser Ziel, jedoch mehr Ausdruck dafür, dass sich ein enorm breites Publikum durch unser Angebot angesprochen fühlt.

Möchten Sie noch etwas anmerken?

Ich bedanke mich für die herausfordernden Fragen.

(Das Interview wurde per E-Mail durchgeführt.)

Neue Monte Rosa-Hütte SAC, glänzend verpackt

Am 25. September wurde sie offiziell eröffnet: die neue Monte Rosa-Hütte SAC auf 2883 M.ü.M. Der Schweizerische Alpenclub SAC als Bauherrin, die ETH Zürich und zahlreiche Sponsoren haben das Bauwerk möglich gemacht. In einer Art wissenschaftlich-baulichen Beweisführung wurde aus einer Idee, Vision und „Täuschung“ (so nennt Andrea Deplazes das Projekt-Rendering) ein konstruktiv entworfenes Bauwerk, dessen Erfolg auf einem eindrücklichen Konsens zum nachhaltigen Bauen gründet. Das Büro für Stadtfragen flog mit dem Heli zur Eröffnung.

Bilder: Stadtfragen 2009

Die ETH macht sich damit selbst ein Geburtstagsgeschenk und beweist zusammen mit weiteren Beteiligten eindrücklich, wie schweizerische Bau- und Technologiekunst als Ereignis zelebriert werden kann. Bei so viel Medienlärm, erhabener Landschaft und Symbolkraft ist es nicht einfach, einen konzentrierten Blick auf die Architektur selber zu richten.

Klar scheint: Nachhaltigkeit zwingt dazu, die Architektur konsequent in die Zukunft zu denken. Dass dabei die Bedeutung und Qualität eines Bauwerks bereits durch das Ausmass an medialer Aufmerksamkeit bestimmt wird, ist hoffentlich nicht auch eine Regeln.

Eröffnung 25. September 2009

Artikel zur Fertigstellung der Monte Rosa-Hütte SAC ist im werk, bauen+wohnen Nr. 12/2009 erschienen.

J. MAYER H. über die CH, Sevilla und Nachhaltigkeit

Das Büro für Stadtfragen traf den Architekten Jürgen MAYER H. zum Interview. Wir sprachen über die Schweiz, Sevilla und die Themen Nachhaltigkeit und Kommunikation.
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Herr Mayer, welchen Bezug haben Sie zur Schweiz?

Eines der ersten Wettbewerbsprojekte, für das wir einen Preis gewinnen konnten, war für Ascona. Es ging damals um die Neugestaltung der Uferzone als Ort für Infrastruktur und Tourismus. Wir haben eine vielfältig nutzbare, auch touristische und vor allem saisonale Lösung angeboten. Dieser Wettbewerb war für uns ein wichtiger Schritt, um zu verstehen, was der Tourismus als wirtschaftsfördernde Branche für die Architektur bedeuten kann. Wir haben daraus gelernt, mit unseren Entwürfen Möglichkeitsräume anzubieten und über das geforderte Raumprogramm und die vorgeschriebenen Funktionen hinauszudenken. Unter Flexibilität von Nutzungen verstehen wir jedoch nicht totale Offenheit. Es geht uns um mögliche künftige Anforderungen an den urbanen Raum, die wir mit entwerfen.

Bei welchem Architekturbüro in der Schweiz würden Sie gerne arbeiten?

Beim keinem (lacht). Ich habe mein eigenes Büro. Nein, ernsthaft: Ich glaube, dass die Schweiz international ein sehr eingeschränktes Bild von ihrer Architektur vermittelt. Ich selbst nehme die schweizerische Architektur vielfältiger wahr.

Was wird denn dabei eingeschränkt?

Verstehen Sie mich nicht falsch. Die schweizerische Architektur hat die Landesgrenzen schon längst und in einigen Fällen sehr erfolgreich überschritten. Dennoch scheint mir, dass die Schweiz gegen aussen ein eher eindimensionales Bild von ihrer Bauproduktion erzählt. Da geht es meistens um Materialgerechtigkeit, um Ernsthaftigkeit, um die Wahrheit in der Analyse des Orts und so weiter. Ich kenne einige jüngere Berufskollegen/innen, die arbeiten ironischer, komplexer, präsentieren sich internationaler und können freier mit der Interpretation des Ortes umgehen. Vielleicht fehlt dieser Generation einfach noch der richtige Kommunikationskanal.

Wann bauen Sie zum ersten Mal in der Schweiz?

Das weiss ich nicht. Ich würde aber sehr gerne hier bauen.

Ist das für Sie schwierig?

Ja, komischerweise geht es in anderen Ländern einfacher. Mir scheint, dass in der Schweiz gegen Teams zum Beispiel aus Holland, Spanien oder Deutschland zumindest eine gewisse Abwehrhaltung besteht. Aber das ist nur ein persönlicher Eindruck, den ich nicht weiter recherchiert habe. Wir haben uns deshalb jedenfalls nicht oft und bisher ohne Erfolg für Wettbewerbe in der Schweiz beworben. In Ascona gab es immerhin einen Preis.

In Ascona haben Sie etwas über den Tourismus gelernt. Ist er im Projekt Metropol Parasol für Sevilla auch ein Thema?

Ja, auch. Aber es geht dort hauptsächlich um einen Marktplatz als Zentrum eines jahrelang vernachlässigten Platzes mitten in der Stadt. In Sevilla gab der Wettbewerb vor, das archäologische Ausgrabungsfeld als Museum zu nutzen und zu erreichen, dass die Marktstände, und mit ihnen das nachbarschaftliche Leben, auf die Plaza de la Encarnacion zurückkommen. Unser Projekt Metropol Parasol ist deshalb weit mehr als eine touristische Einrichtung.


Was sind die wichtigsten Themen?

Unser Projekt spricht gleich mehrere räumliche Dimensionen an: Es geht zunächst um die lokalen Nachbarschaften, für die ist der Marktplatz und die Markthalle entscheidend. Dann geht es um Städtebau im Sinn einer Stadtreparatur und einer Aufwertung der benachbarten Quartiere. Und schliesslich will auch Sevilla international wahrgenommen werden. Den Beteiligten geht es um die Positionierung der Stadt als innovativer Standort. Dazu war ein Sprung notwendig, denn man muss sich vorstellen: Die Placa de la Encarnacion war dreissig Jahre lang eine Art schwarzes Loch. Da war Nichts ausser einem provisorischen Parkplatz. Nun geht es darum, den Ort mit Hilfe von kulturellen und kommerziellen Nutzungen und der richtigen Architektur aufzuwerten und wieder in das Stadtleben zu integrieren. Sevilla misst dich dabei mit anderen spanischen Städten und Orten wie Bilbao, Valencia, Teneriffa oder Cran Canaria. Sie alle wollen, in einer Art sportlichem Wettkampf um Aufmerksamkeit und Reputation, ihre Fähigkeit zur urbanistischen Erneuerung zeigen und mit Hilfe der entsprechenden Architektur inszenieren.

Sie haben Barcelona vergessen.

Barcelona spielt erfolgreich mit, die Stadt war Vorreiterin dieser Dynamik. Das Beispiel zeigt, dass es bei diesem Wettbewerb nicht nur um den internationalen Tourismus geht, sondern auch um die wirtschaftliche Zukunft. In Sevilla sollen das historische Erbe und neue innovative Attraktionen, z.B. internationale Architektur, gleichzeitig gezeigt und angeboten werden. Letztlich geht es darum, neben Touristen auch junge Berufsleute und mit ihnen die Wirtschaft in die Stadt zu holen.

Das alles kann moderne Architektur leisten?

Es scheint zu funktionieren.

So wie es Bilbao vorgemacht hat?

Ich glaube, dass der so genannte ‚Bilbao-Effekt’ ganz gut funktioniert hat. Bilbao ist mit dem Museumsbau von Frank O. Gehry auf der Weltkarte der globalen Städte gelandet und konnte sich wirtschaftlich weiterentwickeln. Metropol Parasol hat jedoch eine andere städtebauliche Aufgabe und das Programm ist vielfältiger. Neben dem archäologischen Museum und dem Markt wird es kommerzielle nutzbare Flächen geben. Und ‚on top’ der Parasol, der Sonnenschirme, ein Dachrestaurant mit einem grossartigen Blick über die Dächer der Stadt. Es war uns jedoch ein grosses Anliegen, dass trotz kommerzieller Nutzungen die Plaza öffentlich zugänglich und benutzbar bleibt. Das Dach der Markthalle ist im Prinzip nur eine erhöhte Plaza.

Und die Geldgeber waren damit einverstanden?

Ja. Metropol Parasol ist ein Public-Private-Partnership-Projekt. Die rund 60 Mio Euro Baukosten teilen sich je zur Hälfte die Stadt Sevilla und die private Baufirma Sacyr. Bis und mit Baueingabe war die Stadt unsere Bauherrin, seit Baubeginn ist es Sacyr. Ihre Schwesterfirma Testa wird das Bauwerk für die ersten 40 Jahre betreiben.

In einem PR-Video nennen Sie das Projekt „demokratische Kathedrale“! Das klingt ziemlich hoch gegriffen.

Kommunikation ist in unserer Arbeit ein wichtiges Thema. Ich fange aber lieber so an: Entscheidend war in Sevilla die offene Vorgehensweise. Zu Beginn wurde ein Ideenwettbewerb ausgeschrieben. Dadurch war der Druck weg, mit dem Wettbewerb direkt eine bauliche Lösung finden zu müssen. Also konnte eine offenere Diskussion mit den Verantwortlichen der Stadt und mit möglichen Investoren entstehen. Die erste Entwurfsphase wurde anonym durchgeführt. Danach durften zehn Teams nach Sevilla fahren und ihre Projekte im Rahmen von öffentlichen Veranstaltungen vorstellen. Sämtliche Informationen wurden zudem im Internet publiziert und dort kommentiert. Der Ausdruck ‚demokratische Kathedrale’ ist im Zusammenhang mit dieser öffentlichen Diskussion entstanden.


War diese öffentliche Information wirklich notwendig?

Uns hat sie geholfen. Wir haben genau hingehört, die Chance für unsere eigenen Argumente genutzt und einige öffentliche Reaktionen in unsere Arbeit aufgenommen. Im Nachhinein betrachtet war das Vorgehen in Sevilla sehr intelligent gewählt. Erst die positive Resonanz in der Bevölkerung hat das Projekt in der Wahrnehmung der Entscheidungsträger tragfähig gemacht. Aus dem anfänglichen Ideenwettbewerb wurde so ein Realisierungswettbewerb mit einem jurierten Projekt. Hilfreich war zudem, dass die provisorische Baugrundsicherung für den ursprünglich geplanten Bau einer Tiefgarage, nach dem Fund römischer Stadtreste und einem Baustopp, mittlerweile zum Risiko geworden war. Das politische Argument, weniger als ein Jahr nach dem Wettbewerbsentscheid gleich mit dem Bau zu beginnen, lag im übertragenen Sinn schon in der Baugrube.

Und welche Rolle spielte die „demokratische Kathedrale“?

Der Begriff ist Ausdruck für die Art und Weise, wie wir unsere Arbeit vermitteln. Ich meine, in der Architektur geht es darum, Bilder anzubieten, die im übertragenen Sinn vermitteln können. Sie sind ein Beitrag unseres Berufs an die heutige Zeit. Architekten/innen, die zeitgenössisch bauen wollen, müssen eine emotional zugängliche Geschichte anzubieten haben. Die Frage ist nur, mit welcher Rhetorik und welcher Sprache gearbeitet, und ob sie verstanden wird.

Sie machen mit ihrer Architektur also so etwas wie Story-Telling?

Ja, so könnte man es nennen.

Bei der Mensa in Karlsruhe war es die Metapher vom aufgeklappten Nutella-Brot.

Tatsächlich (lacht)! Auch eine schöne Geschichte, die erst im Nachhinein entstanden ist. Sie ist eine Lesehilfe für unsere Idee eines elastischen Raums.


Welche Rhetorik hat Sie zum Sevilla-Projekt inspiriert?

In der Nachbarschaft zur Plaza de la Encarnacion haben wir einen Platz mit grossen Ficus-Benjamini Bäumen entdeckt. Sie bestimmen die Aufenthaltsqualität und haben eine skulpturale Wirkung, die wir so auch mit Metropol Parasol erzielen wollen. Zudem hat uns die innere gotische Tragkonstruktion und das geschwungene Steindach der Kathedrale, das an einen fliegenden Teppich erinnert, zu einer ‚schwebenden’ Dachstruktur über einem öffentlichen Stadtraum inspiriert. Deshalb macht es Sinn, über Metropl Parasol als ‚demokratische Kathedrale’ zu sprechen. Klar handelt es sich um eine vereinfachte Argumentation. Wir verstehen das sprachliche Bild jedoch als Hilfestellung des Experten an die Bevölkerung, um sich dem Projekt gedanklich nähern zu können. Und das ist tatsächlich passiert.

Haben Sie deshalb besser kommuniziert als die anderen Teams?

Offenbar haben wir die verschiedenen Ansprüche gut erkannt und im Entwurf synthetisch zusammengebracht: den Wunsch nach einem künftigen Wahrzeichen; den respektvollen Umgang mit der Archäologie; die Aufwertung des öffentlichen Raums. Angefangen haben wir mit der Dachidee. Dann haben wir uns gefragt, wo und wie wir die Struktur abstützen können. Schliesslich haben wir die Vorstellung für den Markt entwickelt. Insgesamt wird Metropol Parasol eine atmosphärische Grossskulptur sein, die Sevilla ein neues, unverwechselbares Stadtbild gibt.

Wieso sind die ‚Sonnenschirme’ aus Holz?

Bei uns spielt das Material im Entwurfsprozess keine so grosse Rolle. Der beabsichtigte Gesamteindruck ist entscheidender. Die Konstruktion und Materialisierung des geplanten gitterförmigen Rasters haben wir u.a. zusammen mit den Ingenieuren von ARUP konkretisiert. Entwickelt wurde es von uns schon für die Mensa in Karlsruhe. In Sevilla haben wir Themen wie Kostensicherheit, Unterhalt, Wartung, Vorfabrikation, Bauzeit, Logistik in der Anwendung von verschiedenen Materialien verglichen. Holz war nicht die einzige, aber im Vergleich eindeutig die beste Variante.

Sie wurden mit dem Mies-van-der-Rohe Nachwuchspreis 2003 und dem Holcim Award 2005 für nachhaltige Architektur ausgezeichnet. Wie denken Sie über Nachhaltigkeit?

Nachhaltigkeit ist heute in der Architektur eine Selbstverständlichkeit. Mich interessiert das Thema aus einem Grund: Nachhaltigkeit weist der Architektur den Weg in die Zukunft. Endlich, müsste man sagen. Zulange wurde über die Rolle und das Material der Geschichte in der Architektur und im Städtebau diskutiert. Das Thema Nachhaltigkeit steht zudem für die grosse Unsicherheit in unserer Gesellschaft. Was heute als richtig gilt, kann morgen schon wieder falsch sein. Das gilt auch für die Diskussion über nachhaltige Architektur.

Wird dadurch die Wahrnehmung, was gute Architektur ist, beeinflusst?

Gute Architektur ist automatisch nachhaltig, weil sie nicht nur für den Moment verantwortungsvoll mit einer Bauaufgabe umgeht, sondern weil sie insgesamt die aktuelle Zeit auf den Punkt bringt und dadurch in Zukunft als Zeitzeugin Bedeutung hat. Schauen Sie sich die Staatsgalerie von James Stirling in Stuttgart an, die 1984 gebaut wurde.

Sie sind jung, international erfolgreich? Was möchten Sie denn am liebsten noch entwerfen und bauen?

Uns ist nicht eine bestimmte Bauaufgabe oder die Grösse eines Projekts wichtig. Wir entwerfen alles: Häuser, Möbel oder Kugelschreiber. Unseren Auftraggebern gemeinsam ist, dass sie mit uns die Neugier für das ‚Abenteuer Architektur’ teilen.

Interview: Thomas Stadelmann

J. MAYER H., 1996 in Berlin gegründet, arbeitet an den Schnittstellen von Architektur, Kommunikation und Neuen Technologien. Jürgen Mayer H. studierte Architektur an der Universität Stuttgart, The Cooper Union New York und an der Princeton University. Seit 1996 unterrichtet er an verschiedenen Universitäten, z.B. an der Universtität der Künste Berlin, am GSD der Harvard University, an der AA in London und an der Collumbia University in New York.

*Metropol Parasol, Plaza de la Encarnacion, Sevilla, Spain, Internationaler Wettbewerb, 2004, Realisierung 2005-2010, www.mayer.de, ARUP GmbH NL Berlin/Madrid