Die Eigentümerfamilie Hauser will mit einem etappierten Umbau und der baulichen Erweiterung des Hotels Belvedere in Grindelwald einen touristischen Hotspot mit viel Geschichte reinszenieren. Aebi &Vincent Architekten aus Bern haben sich auf die Spurensuche gemacht. Die Essenz aus ihrem Fundus hat die Jury mit dem Gewinn des Studienauftrags belohnt.

von Thomas Stadelmann

Die Geschwister Carole und Philip Hauser leiten den Betrieb in vierter Generation und planen eine nachhaltige Zukunft des 4-Sterne-Superior-Hauses. Das Resultat aus einem Studienauftrag haben sie in diesen Tagen der Bevölkerung und Medien vorgestellt. Im Bericht der Jury ist über das Siegerprojekt zu lesen:

„Das Team Aebi &Vincent schlägt ein Projekt vor, welches aus der Spurensuche um das Belvedere ein neues Narrativ schafft. Die Verfassenden nehmen den Betrachter mit auf eine Reise durch die Geschichte und schaffen ein Verständnis für den Ort und die architektonische Aufgabe, und weit darüber hinaus, für die Kraft der Bergkulisse, die Aura des Vergangenen und dadurch erzeugte Emotionen.“ Die handfesten Elemente des Entwurfs umfassen u.a. den An- und Umbau des Hauptbaus sowie die Erweiterung und Neugestaltung des Foyers. Das zusätzliche Zimmerangebot von 40 Zimmern findet Platz in einem freigestellten, pavillonartigen Turmbau.

Idee: Weiterbauen

Als neues Ganzes vermittelt die Architektur eine unübersehbare zentrale Botschaft: USP des Belvedere ist und bleibt der Blick auf die Nordwand des Eiger. Die DNA des Entwurfs verspricht ein prozesshaftes Weiterbauen am Bestand und im nahen Austausch mit den Eigentümerfamilie, die das Haus zukunftsfähig gestalten und betreiben will. Sanierung, Umbau und Neubau greifen über mehrere Etappen ineinander, wobei jede Phase mit laufendem Hotelbetrieb bereits als eigenständiger Zustand wirtschaftlich tragfähig, funktional vollständig und architektonisch überzeugen soll. Passend dazu wurde mit den Studienauftrag eine robuste räumliche und architektonische Grundordnung ausgewählt, die Veränderungen zulässt, ohne beliebig zu werden.

Aufgabe: Widerspruch auflösen

Die grosse Herausforderung, der sich Bauherrschaft und Architekten mit dem Belvedere stellen, ist die Beantwortung einer widersprüchlichen Frage: Wie kann man etappenweise bauen, ohne nur in Etappen zu denken? Was die Akteure in Grindelwald als Antwort darauf beabsichtigen, könnte man als ganzheitliche Etappierung bezeichnen. Das Projekt wird in zeitlichen Abschnitten gebaut, aber die gesamte betriebliche und architektonische Qualität steht jederzeit im Vordergrund.

Das Hotel Belvedere in Grindelwald und seine geplante Nordfassade. Am linken Bildrand die zusätzlichen Zimmer, Bild: zvg

Zu wünschen: flexible Rechtsgrundlage

Die nächste Hürde, die ansteht, ist von planungsrechtlicher Art: Das Dorf kann über die notwendige Anpassung der bestehenden Überbauungsordnung abstimmen. Als Grundlage für den Entscheid erarbeiten die Architekten aus dem Siegerprojekt ein Richtprojekt. Den Akteuren und dem touristischen Hotspot ist zu wünschen, dass ihnen für die Projektierung und Umsetzung des künftigen Belvedere eine angemessen mutige, d.h. flexible Rechtsverbindlichkeit zugestanden wird. Ohne eine Überbauungsordnung, die der prozesshaften Bauweise ebenbürtig oder mindestens positiv zugewandt ist, droht dem Vorhaben womöglich ein wiederkehrender, politischer und planungsrechtlicher Hürdenlauf.