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Rohstoff gegen die Angst vor Verstädterung

Das Zusammenleben in Städten ist der wichtigste Markt der Welt. Die freie Privatstadt,so lautet das Ansinnen von Titus Gebel (Bildquelle: NZZonline), liefert das richtige Businessmodell dafür. Das Buch ist kürzlich im Eigenverlag erschienen. Stadtfragen wollte im Interview mit dem Autor wissen, wer und was genau dahinter steckt. Auch die Schweiz hat zur Idee inspiriert.

„Liebe Politiker, liebe Meinungsmacher, liebe Weltverbesserer. Wir möchten in Frieden und Freiheit leben. Wir möchten für uns selber sorgen. Wir können für uns selber sorgen. Wir wollen in Ruhe gelassen werden. Verstehen Sie das nicht?“ Titus Gebel, in: Freie Privatstädte. Mehr Wettbewerb im wichtigsten Markt der Welt, Aquila Urbis 2018.

sta. Um 1900 lebten gerade zehn Prozent der Menschheit in Städten, heute über die Hälfte, und 2050 werden es gemäss UNO siebzig Prozent sein. Keine Frage: Es wird enger auf dem Planeten. Gleichzeitig ist das, was wir allgemein unter einer guten Stadt verstehen, offensichtlich subjektiver, unsicherer und gleichzeitig vielfältiger geworden. Vor diesem Hintergrund – und auch weil er genug vom politischen Weg hat – will der ehemalige deutsche Rohstoffhändler und FDP-Politiker Titus Gebel eine Minderheit von gleichgesinnten Vertragsbürgern weltweit in eine selbstbestimmte urbane Freiheit führen: Mit seiner Firma Free Private Cities, Inc. und zusammen mit weiteren Geldgebern beabsichtigt er, Städte als gewinnorientierte Unternehmen zu führen, quasi ohne Staat, dafür mit eigenem Steuer- und Rechtssystem, ganz nach dem Vorbild von Freihandels- bzw. Sonderwirtschaftszonen.

Zeitgeist der knappen Botschaften

Gebel trifft mit seinem Buch rhetorisch einen Zeitgeist, der seine Aufmerksamkeit und Nahrung in knappen Botschaften findet: „Politik löst nicht Probleme, sie ist Teil des Problems.“ Deshalb müssen die Menschen von der Unterdrückung durch diese befreit werden, so sein Fazit nach den ersten hundert Seiten von Freie Privatstädte. Mehr Wettbewerb im wichtigsten Markt der Welt. Bei der Begründung von Absicht und Geschäftsidee folgt das Buch einer reaktionären Logik: Die fundamentale Systemkritik dient als Vorspann, um die herrschende Unordnung zu entlarven, danach wird die neue Lösung präsentiert: Nach der „Entmachtung der Politik“ soll in der freien Privatstadt jeder Bürger, quasi politikbefreit, seinen Lebensstil per Einzelvertrag mit seinem Stadtbetreiber aushandeln können. Dieser wiederum hat einen Vertrag mit dem Gastgeberstaat. Das Marktversprechen der weitgehend uneingeschränkten Selbstbestimmung und Selbstoptimierung, den Kauf des genau richtigen Autos, überträgt Gebel auf das Zusammenleben in der Stadt: „Stellen Sie sich vor, ein privates Unternehmen bietet Ihnen als Staatsdienstleister den Schutz von Leben, Freiheit und Eigentum in einem abgegrenzten Gebiet. Sie zahlen einen vertraglich fixierten Betrag für diese Leistungen pro Jahr. Um alles andere kümmern Sie sich selbst, können aber auch machen, was Sie wollen, solange Sie die Rechte anderer nicht beeinträchtigen.“

Im dreihundertseitigen Buch treffen Philosophie, Analyse, persönliche Diagnose, historische Referenzen von Venedig über die Hanse bis nach Dubai und Sandy Springs sowie unzählige, nicht datierte Zitate aufeinander. Ein Sammelsurium von Apercus bildet einen roten Faden, den sich die Leserin und der Leser merken sollen: In der freien Privatstadt gilt „Jeder ist der Souverän seiner selbst“. Das Bonmot „Stadtluft macht frei“ wird zum „Recht auf ein selbstbestimmtes Leben“. Über allem steht als Glaubensbekenntnis das Marktprinzip, „das bisher einzig bekannte, dauerhaft wirksame Entmachtungsmittel der Menschheit“, wie der Autor, nun in der Rolle als Revolutionär auf der Höhe seiner Zeit angekommen, schreibt. Damit in seiner Stadt die erwünschte soziale Harmonie herrscht, gibt es zum Dreigestirn Markt, Freiheit und Grundeigentum obendrauf nur eine „goldene Regel“ zu beachten: „Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg auch keinem anderen zu“, was frei übersetzt in die urbane Praxis stiller Orte heisst: Bitte verlasse das WC so, wie du es antreffen möchtest!

Holprig in der Umsetzung

Was die rechtliche und organisatorische Umsetzung des Geschäftsmodells betrifft, so begegnet man bei der Lektüre gleichzeitig vertraglichen Details, vielen Kann-Formulierungen schliesslich aber dann doch noch unerwartet konkreten Vorstellungen für den Alltag: Hässliche Todeswarnungen auf Zigarettenverpackungen soll es nicht mehr geben. Und Geisteswissenschafter seien wohl eher seltener anzutreffen, ist zu lesen. Auch die Schweiz hat bei den Überlegungen zur Umsetzung inspiriert, wie Gebel im Interview erklärt: durch die Kleinheit ihrer gut vernetzten, städtischen Siedlungsgebiete, den Steuerwettbewerb, die Gemeindeautonomie und die Wehrhaftigkeit.

Für Planer und Architekten geben das Buch und das Interview Entwarnung: „Marktorientierter Städtebau“, lautet der Ansatz von Patrik Schuhmacher, Partner bei Zaha Hadid Architects in London, der die Planung und Umsetzung der freien Privatstadt mit seiner Expertise beratend unterstützen soll. Gemeint ist: Vorschriften wird es in der freien Privatstadt eher weniger geben, dafür vielleicht einen nachbarschaftlichen Handel mit Gebäudehöhen, denkbar sind Experimente an der Peripherie. Eine Stadt am Markt zu bauen, impliziert für Titus Gebel und seine Zugewandten zunächst, den Versuch zu unternehmen, womöglich daran zu scheitern, aber in jedem Fall daraus zu lernen: „Staaten scheitern auch regelmässig. Da ist es aber ja wohl immer noch besser, wenn dies im kleineren Massstab einer Gruppe von Freiwilligen widerfährt, die alle genau gewusst haben, worauf sie sich vertraglich eingelassen haben.“ Die Entstehung der ersten Privatstadt wird gegenwärtig in der Karibik verhandelt. Ein Konsortium mit Sitz in den USA (Hauptinvestorin ist die Firma Free Private Cities, Inc.) will zuerst 25, danach 50 Mio. Euro bereitstellen. Aus Angst vor politischem Widerstand in einer frühen Phase ist der Standort vorerst noch geheim.

Ein Stadtmodell für Zielgruppen

Im Grunde genommen lanciert die freie Privatstadt die Diskussion über die Zukunft der Nationalstaatlichkeit, wie wir sie seit dem 19. Jahrhundert kennen. Als Gegenstand steht ein marktorientiertes Zusammenleben von gleichgesinnten Zielgruppen in einem räumlich abgeschlossenen, dennoch global vernetzten städtischen Ort (etwas ähnlich der City of London) zur Diskussion. Die entsprechenden Positionen und Perspektiven sind im Buch zwar umfassend, jedoch mal mehr und mal weniger eindeutig dargestellt. Die rustikal formulierte Demokratiekritik und das Themenpaket „Marktorientierung, Selbstbestimmung, Freiheit und Sicherheit“ werden dem Vorhaben wohl eine gewisse Aufmerksamkeit und vielleicht sogar eine Nachfrage bringen. Ein weiteres Marktargument spielt dabei noch unausgesprochen mit: Wo Sicherheit nachgefragt und erfolgreich angeboten wird, sind immer auch Ängste mit im Spiel. Im täglichen Erleben und im Diskurs über die Stadt der Zukunft sind dies globale und ganz lokale Ängste vor zunehmenden Nöten, Widersprüchen und Konflikten in unserem Zusammenleben. Die freie Privatstadt kann als Gegenmittel dazu interpretiert werden: als vermeintlich wertvoller Rohstoff gegen die Angst vor der Verstädterung.

Die Menschheit lebt aktuell auf nur drei Prozent der Erdoberfläche. Statistisch hat es noch genügend Platz für weiteres Wachstum. Trotzdem oder gerade deshalb ist die Notwendigkeit unbestritten, neue Ideen zu formulieren und zu diskutieren, wie noch mehr Menschen in der Zukunft in Städten und auf dem Land zusammenleben wollen, können oder ganz einfach nur müssen.

(Folgendes Interview mit Titus Gebel wurde am 12. Juni 2018, im Motel HotelOne in Zürich aufgenommen, die Abschrift gegengelesen.)

Thomas Stadelmann: Führt Sie ihr jüngst erschienenes Buch Freie Privatstädte nach Zürich? Und wenn ja, wen interessiert das Thema denn hierzulande?

Titus Gebel: Ja, das Buch bzw. mein Unternehmen Free Private Cities, Inc. sind der Anlass. Ichhabe gute Kontakte zu Unternehmen in der Schweiz und auch zu den Medien, etwa zur Autoren-zeitschrift schweizer monat. Diese gilt es zu pflegen. Im Übrigen hat mich das Liberale Institut in Zürich zu einem Vortrag eingeladen.

Sie vergleichen das Modell der freien Privatstadt und im Buch mit dem Betrieb eines Kreuzfahrtsschiffs. Wohin führte Sie Ihre letzte Schifffahrt, und können Sie den Vergleich kurz erklären?

Die Reise ging von Alaska nach Vancouver. Und das Bild ist sehr stimmig: Schiffe sind rechtlich kein schwimmendes Territorium des Flaggenlandes, sie müssen daher nicht eine vorbestimmte, sondern können unter einer für die jeweilige Fahrt zweckmässigen Rechtsordnung fahren. Es gilt quasi freie Rechtswahl. Zudem gibt es an Bord keine Mitbestimmung darüber, wo die Reise hingehen soll. Wer an Bord ist, weiss wohin die Reise geht und was er dafür bezahlen muss. Und: Der Kapitän, die höchste Instanz, macht nicht einfach das, was er selbst gerade möchte, weil er ein kommerzielles Interesse hat, seine Kunden zufrieden zu stellen und nicht gegen Verträge gegenüber der Rederei verstossen will, kurz: Freie Rechtswahl, Freiwilligkeit, Markt-orientierung und Vertragssicherheit sind auf hoher See ebenso grundlegende Bausteine, wie in einer freien Privatstadt, so wie ich sie haben möchte.

In der Danksagung zum Buch sind über 30 Personen genannt. Haben Sie das Buch eigentlich selbst geschrieben?

Alle Texte sind von mir aber nicht alle Ideen. Ich habe mich mit den im Buch erwähnten Leuten ausgetauscht, sehr intensiv u.a. mit Rolf W. Puster (Anm: Professor für Philosophie an der Universität Hamburg) und mit dem Architekten und Stadtplaner Patrik Schumacher (Anm: Partner im Büro Zaha Hadid Architects in London). Andere haben ihre eigenen Ideen eingebracht, vor allem Fragen gestellt, mit beantwortet, oder sie arbeiten bereits selber an ähnlichen Projekten. Joe Quirk etwa, der am Seastaeading Institute am Floating City Project arbeitet, einer ausserhalb von staatlichen Hoheitsgewässern schwimmenden Stadt. In der Szene der freien Privatstädte sind weltweit insgesamt vielleicht ein paar hundert Leute aktiv. Uns verbindet alle die Überzeugung, dass die erfolgreichsten Städte im Jahr 2050 keiner der heute noch gängigen Ideologien folgen werden.

Wie lange dauerte es von der ersten Vision, über die Geschäftsidee, bis zum Abschluss des Buches? Stand zu Beginn ein konkreter Anlass?

Am Buch habe ich drei Jahre gearbeitet. Seit der ersten Idee sind bestimmt zehn Jahre vergangen. Ich war zuvor jahrelang in der deutschen FDP engagiert, habe mich der politischen Macht angenähert. Als CEO der deutschen Rohstoff AG war ich bis 2014 auch im Umfeld des Wirtschaftsministeriums an Diskussionen über Rohstofffragen beteiligt. Nach über 30 Jahren politischem Denken und Beobachten habe ich dann mein Fazit gezogen: Ich möchte nicht mehr, dass die Regierung oder eine Mehrheit über mein Leben bestimmt, und mit diesem Ziel ist das aktuelle System nicht reformierbar. Auch für die Schweiz sehe ich da in der Tendenz keinen signifikanten Unterschied. Ein Aha-Erlebnis, das mich ebenfalls zur Idee der freien Privatstadt führte, habe ich erlebt, als ich in Monaco ankam. Nach dem Wegzug aus Deutschland fehlte mir jegliches Interesse dafür, mich in die lokale Politik einzumischen, einfach deshalb, weil ich als Bewohner einer Stadt hauptsächlich in Ruhe gelassen werden, meine Kinder auf die Strasse schicken können, niedrige Steuern bezahlen und eine gewisse Infrastruktur benützen will. Das aber ist eine Leistung, für die ich keinen Fürsten benötige – ein Privatunternehmen könnte das genauso leisten.

Das klingt so, als wären Sie nachhaltig von der Politik enttäuscht worden?

Ja, ich würde dem so sagen, auf den Punkt gebracht: Politik ist nicht ein Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. Meine Diagnose und mein Antrieb gehen aber weit über Politikerverdrossenheit hinaus: Die Menschen können nicht durch Politik überzeugt werden, dass Freiheit, Selbstbestimmung und Eigenverantwortung gute Dinge sind und dafür sorgen, dass es uns dann allen besser geht. Diese Werte sind nicht mehrheitsfähig, weil sie unbequem sind. Daher mein Fazit: Wenn ich und andere in Freiheit leben wollen, dann braucht es einen vollkommen neuen Ansatz; ein Nischenprodukt für diejenigen, denen Selbstbestimmung wichtiger ist als Mitbestimmung, die sich in den meisten Ländern zudem in der Abgabe einer Wahlstimme alle paar Jahre erschöpft. Funktioniert dieses Produkt werden die anderen Ähnliches wollen. Die Idee der freien Privatstadt ist im Grunde der Philosophie von Thomas Hobbes entnommen: Es gibt nur eine Sache, die wir alle gleichermaßen wollen: in Frieden leben. Wenn dem so ist, und die Menschen bereit sind, freiwillig und selbstbestimmt etwas dafür zu bezahlen, dann entsteht ein viel freieres, besseres und effizienteres System als eines, in dem eine Gruppe die anderen aufgrund politischer Macht zwingt, ihren Ideen und ihrer Weltanschauung zu folgen. Und so ist die Idee am Ende zusammen gewachsen: Die freie Privatstadt wird ein neues Produkt auf dem grössten Markt der Welt, dem Markt des Zusammenlebens. Freie Privatstädte werden geführt von Privatunternehmen, die möglichst autonom und gewinnbringend individuelle Staatsdienstleistungen anbietet. Solche Angebote müssen attraktiv sein, sonst kommt niemand bzw. die Einwohner wandern wieder ab.

Ihr Buch kommt wissenschaftlich daher, gleichzeitig ist der Text gespickt mit persönlichen Pauschalurteilen zur Lage der Demokratie und zum Scheitern des Sozialstaats: Für wen oder gegen wen und was haben Sie das Buch geschrieben?

Das Buch ist für diejenigen geschrieben, die nach Alternativen zu unserem jetzigen politischen System suchen.Es finden sich darin keine Schlussfolgerungen, die nicht begründet oder empirisch belegt sind. Es ist für jene, die auch daran glauben, dass der einfache Marktgedanke – ich bestelle, was ich will und bezahle nur das, was ich bestellt habe – auf unser Zusammenleben übertragen werden kann, und dass der Wettbewerb auch hier dazu führt, dass die „Produkte“ im Laufe der Zeit immer besser und immer billiger werden.

Sie betonen immer wieder, die freie Privatstadt sei eine Geschäftsidee und keine Vision. Weshalb schreiben sie denn hundert Seiten Demokratiekritik und die Forderung nach der „Entmachtung der Politik“, bevor sie im Buch das eigentliche Businessmodell erklären?

Die erste Hälfte verstehe ich als philosophisches Vermächtnis, die zweite Hälfte funktioniert als Handbuch, auch für diejenigen, die das freie Privatstadtkonzept nicht genau so machen wollen, aber den Reformbedarf erkannt haben. Auch Politiker sind angesprochen. Da kritische Themen in der Politik meistens jedoch nicht mehrheitsfähig sind, müssen sie eben von aussen und in aller Deutlichkeit formuliert werden. In erster Linie geht es mir darum, eine Alternative zur Politik aufzuzeigen. Die Profitorientierung der freien Privatstadt ist lediglich Mittel zum Zweck. Sie zeigt uns an, ob die Ressourcen ordentlich eingesetzt wurden.

Wie war denn bisher die Resonanz B2B und in den Medien auf das Buch?

Viel besser als erwartet. Ich sag es einmal so: Vor zehn Jahren wäre ich vermutlich geteert oder gefedert worden, die Leute hätten wohl gesagt, der Mann ist ein Spinner. Heute ist das anders: Jeder Zweite, mit dem ich spreche, sei es in Monaco, in Italien, Frankreich, in der Schweiz oder in Deutschland, gibt zum Ausdruck, dass an der Grundidee etwas dran sein könnte. Ich glaube, viele Menschen sind in der heutigen Welt offener für Werte, Ideen und Lebensvorstellungen, für welche die freie Privatstadt steht und sie merken auch, dass unsere politischen Systeme nicht mehr gut funktionieren, ohne die Gründe dafür genau benennen zu können.

Jede Epoche hat ihre Städte so gebaut, wir sie den jeweiligen Lebensbedürfnissen bzw. Machtverhältnissen entsprachen. Wie akut sind die Notwendigkeit und die Nachfrage, auf die Ihre Geschäftsidee gute Antworten hat?

In unseren Präsentationen für Investoren zeigen wir auf, dass Staatsaktivitäten den grössten Markt der Welt ausmachen, wobei 90 Prozent der Marktteilnehmer Verluste machen. 81 Prozent der Menschen sind mit der Art und Weise, wie ihr Land regiert wird, nicht zufrieden; die Schweiz vielleicht ausgenommen. Diesen riesigen Markt gilt es zu aktivieren. Dass uns das gelingen wird, zeigen immer wieder persönliche Reaktionen an Vorträgen, auch von jungen Menschen, die von weit her anreisen, vom Konzept überzeugt sind und die mich fragen: Ab wann können wir hingehen?

Ich erwähne zudem gerne das Beispiel von Sandy Springs, eine Stadt in den USA bei Atlanta, die es seit 2005 gibt: Ausser der Polizei und der Gerichte ist dort die ganze Stadtverwaltung privatisiert. Das Resultat: eine Kostenersparnis von zehn bis vierzig Prozent. Oliver Porter, der das Projekt initiiert hat (Anm: im Beraterstab von Free Private Cities aufgeführt), kennt zehn Städte mit zusammen rund eineinhalb Millionen Menschen, die das Modell Sandy Springs bereits kopiert haben. Zu bemerken gilt, dass diese Städte allesamt Neugründungen sind. Eine Umwandlung bestehender Kommunen ist trotz zahlreicher Versuche und trotz Kosten-senkungsgarantie noch immer gescheitert. Das ist ein weiteres Beispiel dafür, wie die Politik Wettbewerb und Innovationen verhindert, wenn dadurch ihre Macht geschmälert wird.

Privatisierte städtische Gebiete mit dem Label Smart City liegen im Trend. Alphabet, Googles Konzern-Mutter, baut mit Sidewalk Labs ein Areal am Hafen von Toronto, Facebook plant Zucktown. Worin liegt der Unterschied zwischen diesen Projekten und ihrem Stadtmodell?

Solange Smart Cities nicht gleichzeitig Free Cities sind, kann ich damit wenig anfangen. Ich denke, eine Mehrheit lebt tatsächlich lieber in einer Smart-City, wie sie die Chinesen oder globale Player wie Alphabet vorhaben als in einer Free Private City, die Eigenverantwortung fordert. Aber eben nicht Leute wie ich. Mit der freien Privatstadt wird eine Minderheit angesprochen, der Freiheit und Selbstbestimmung wichtiger sind als eine durch Technologie kontrollierte, politisch geführte Smart City, in der zudem die totale Überwachung und Entrechtung des Einzelnen drohen. Der grösste Unterschied liegt im Verhältnis zwischen den einzelnen Bürgern und Unternehmen zum jeweiligen Betreiber einer Privatstadt. Die Rechtsposition des Einzelnen ist im so genannten Bürgervertrag festgelegt. Dieser kann vom Betreiber oder auch einer Mehrheit nicht einfach geändert werden. Nach dem Prinzip jeder Bürger ist der Souverän seiner selbstbietet der Vertrag die Sicherheit gegenüber dem Betreiber der Stadt und den Schutz vor einer allfälligen Mehrheit, die Absichten haben, welche dem Einzelvertrag widersprechen. Ein Beispiel: Angenommen 99 Prozent in einer freien Privatstadt sind der Meinung, dass es einen Gemeinderat braucht und dazu noch ein neues Schwimmbad. Wenn diese 99 Prozent freiwillig mitmachen und das entscheiden, ist das solange kein Problem, wie dem einen Prozent und dem Betreiber nicht gesagt wird, dass er Entscheide des Gemeinde-rats mittragen und beim Schwimmbad mitbezahlen muss. Rentieren aus Sicht des Betreibers weder Gemeinderat noch das Schwimmbad, dann tragen die 99 Prozent somit die ganze Finanzierung.

Aus schweizerischer Sicht ist das eine eher fremde Vorstellung.

Sie müssen sich einfach vorstellen, dass Sie ihre jetzige Politikwelt verlassen und in der Welt des Grüntees angekommen sind (Anm: Titus Gebel trinkt gerade eine Tasse Grüntee). Ich habe einen Grüntee bestellt, weil ich einen Grüntee wollte, und weil ich bereit bin, den Preis dafür zu bezahlen. Ich habe deshalb aber kein Recht darauf, zu bestimmen, dass Sie auch einen Grüntee bekommen (Anm: Der Interviewer trinkt Mineralwasser) und noch unfreiwillig dafür bezahlen müssen. Genau das macht aber die Politik. Und das Prinzip betrifft dabei alle Lebensbereiche: Sie bezahlen überall für Leistungen mit, die sie gar nicht wollen oder die andere beziehen, ohne etwas dafür zu leisten. Daher die Überlegung: Wir verlassen die Wege von Sozialstaat und Mitbestimmung und wenden uns hin zur Selbstbestimmung in einer räumlich klar abge-grenzten freien Privatstadt von gleichgesinnten Vertragsbürgern.

Ich fahre kein Auto, gehe zu Fuss oder mit dem Velo zur Arbeit. Ich brauche also keine sechs Meter breite Strasse. Bezahle ich in Ihrer Stadt deshalb nichts an den Strassenbau?

In jedem Bürgervertrag wird festgehalten, wofür der Jahresbeitrag verwendet wird. Im Pflichtteil sind die Leistungen zum Erhalt der Sicherheit, für die Verwaltung, für den Unterhalt von Infrastrukturen und den Betrieb von Schiedsgerichten enthalten. Den Strassenbau würden wir als Stadtbetreiber soweit möglich an Private übertragen. Unterschiedliche Formen sind je nach Stadt denkbar, etwa die Vollfinanzierung aller Strassen oder der völlige Verzicht darauf, solange man in der Innenstadt wohnt. Als Nicht-Autofahrer können Sie nach Studium der Vertrags-bedingungen also frei entscheiden, ob Sie in eine solche Stadt ziehen wollen. Denkbar ist auch das Modell, dass kein Beitrag für den Strassenbau und den Unterhalt anfällt, weil private Betreiber dafür aufkommen und ihre Leistungen über eine Maut verrechnen.

Und wenn Sie scheitern, der Stadtbetreiber in Konkurs geht?

Natürlich können wir auch scheitern. Staaten scheitern schliesslich auch regelmässig. Da ist es aber ja wohl immer noch besser, wenn dies im kleineren Massstab einer Privatstadt passiert, und dies Freiwilligen widerfährt, die alle genau gewusst haben, worauf sie sich vertraglich eingelassen haben. Im Übrigen würden wir ganz geregelt in die Insolvenz gehen und ein besserer Betreiber würde weitermachen, oder die Bewohner übernehmen die Betreiber-gesellschaft in einem Resident-Buy-Out.

Neben dem Gastgeberstaat, dem Betreiber, dessen Anlegern und den Vertragsbürgern gehört ein Schiedsgericht zum Modell der freien Privatstadt dazu. Welches ist der schwierigste Vertrag, den es auszuhandeln gilt?

Derjenige zwischen dem Stadtbetreiber und dem Gastgeberstaat, weil darin im Grunde ein Teil politische Souveränität verhandelt bzw. abgegeben wird: Macht- und Einflussverlust der Politiker und Beamten drohen. Sonderwirtschaftszonen weltweit zeigen aber, dass es durchaus Staaten gibt, die dazu bereit sind. In Dubai und Abu Dhabi gilt quasi englisches Recht. Auch Hongkong hat eine eigene Währung und eine eigene Verfassung bzw. ein eigenes Rechts-system. Schwierigkeiten wird es mit der Politik aber – auch mit Verträgen – immer geben. Regierungen sind nicht die verlässlichsten Vertragspartner und neue Begehrlichkeiten können schnell entstehen, wenn eine freie Privatstadt erfolgreich unterwegs ist. Dagegen sichern wir uns vor allem über Investitionsschutzabkommen ab, welche die meisten Staaten abgeschlossen haben und die ausländische Investoren wie uns Ansprüche bei staatlichen Eingriffen gewähren.

Die Schweiz wird in ihrem Buch mehrmals positiv erwähnt. Worin liegt der Beitrag an die Idee und an die Umsetzung ihrer Geschäftsidee?

Das Beispiel Schweiz ist sehr wertvoll. Nämlich die Idee der weitgehenden Gemeindehoheit bei Entscheidungen, die Kleinheit und Überschaubarkeit von Gemeinden und Städten, die zudem untereinander im steuerlichen und Regulierungs- Wettbewerb stehen. Vieles davon entspricht im Grunde meiner Vision für die ganze Welt: Dass wir künftig für das Zusammenleben kleinere und grössere, jederzeit überschaubare Gebiete einrichten, die ihre eigenen Regeln selber machen und die gleichzeitig offen und bereit sind, mit anderen Gebietskörperschaften zu konkurrieren. Zudem ist die Stellung der Schweiz in Europe ein mögliches Vorbild für ein ganzes Netz aus Privatstädten: Zusammenschluss wird nur zum Schutz, zu Verteidigungszwecken und bei der Entwicklung von Märkten angestrebt.

Würden Sie auch aus einer finanziell maroden Schweizer Kleinstadt per Vertrag mit dem Gastgeberstaat CH und/oder dem jeweiligen Kanton eine freie Privatstadt aus Vertragsbürgern machen?

Ich würde diese Aufgabe sofort und mit Freude angehen. Das Problem wird sein, dass die Bürger damit einverstanden sein müssen, da wir niemanden gegen seinen Willen zu einem Leben in einer Privatstadt zwingen wollen. Und dazu gehören ein gewinnorientierter Betreiber, keine öffentlichen Güter, ein eigenes Steuer- bzw. Gebühren- und Polizeisystem sowie vor allem die Einsicht, dass die Mehrheit nicht einfach die Regeln ändern und der Minderheit diese aufzwingen kann.

In der Praxis würde man vermutlich zuerst abstimmen lassen: „Wollen Sie eine freie Privatstadt für die nächsten 15 Jahre sein, oder nicht?“ Die Geltung des Vertrages mit Bund und Kanton müsste angeordnet, und allen Bürgern, die nicht einverstanden sind, eine Entschädigung gegen Wegzug angeboten werden. Wahrscheinlicher als dieses Szenario wäre jedoch, dass in der Nachbarstadt zur maroden Kleinstadt, auf noch unbewohntem Gebiet, eine neue Stadt entstehen kann, und die Menschen sich dann entscheiden können, ob sie bleiben oder in die freie Privatstadt umziehen wollen. Für den Betrieb könnte ich mir auch eine Genossenschaft vorstellen. Der entscheidende Punkt würde in jedem Fall bleiben: Ein Bürgervertrag, der nicht einseitig gekündigt werden kann, regelt die gegenseitigen Pflichten und Leistungen. Und: der Betreiber hat das Recht, darüber zu entscheiden, wer Bürger wird und wer nicht.

Das Buch bleibt bei der Beschreibung der Umsetzung spekulativ und offen. Wie geht es mit der Produktentwicklung konkret weiter? Wann und wo sind die nächsten Meilensteine gesetzt?

Den Erfolg der Geschäftsidee können wir ganz einfach messen, indem wir Geld verdienen. Wir sind gerade in der Karibik dabei, über eine Sonderverwaltungszone auf der grünen Wiese zu verhandeln. Das Projekt kommt der Idee einer freien Privatstadt schon sehr nahe.

Wer sind „wir“?

Bei den Investoren handelt es sich um ein Konsortium mit Sitz in Washington. Mein eigenes Unternehmen Free Private Cities, Inc. ist einer der Hauptinvestoren.

Zurück in die Karibik. Wie viel Geld investieren Sie wo genau und wann?

Für das Projekt in der Karibik werden in einer ersten Finanzierungsrunde rund 25 Millionen, in einer zweiten rund 50 Millionen Euro investiert. Zum Ort kann ich noch keine Auskunft geben. Wird der Standort zu früh öffentlich, drohen endlose politische Widerstände. Nur soviel: Im Gegensatz zu Beispielen in China und Saudi Arabien, wo riesige Retortenstädte entstehen, gehen wir das Wachstum marktgerecht und organisch, d.h. in drei Phasen an: 1000, 10’000 und dann bis 100’000 Menschen. Aktuell verhandeln wir mit dem Gastgeberstaat die vertragliche Rahmenbewilligung aus. Die erste Phase bis 1000 Vertragsbürger wollen wir in den nächsten drei Jahren abschliessen.

Was wäre ihre persönliche Rolle, wenn die Stadt gebaut ist?

Aktuell gehöre ich der Betreibergesellschaft an und leite die Verhandlungen mit der Regierung des entsprechenden Landes. Um zu lernen, wäre ich gerne die ersten zwei, drei Jahre auch operativ dabei.

Als Verhandlungsführer beschäftigen Sie sich wiederum vor allem mit Politik, etwas, dass Sie nach dem Umzug von Deutschland nach Monaco eigentlich nicht mehr tun wollten?

Das kann ich leider nicht ändern, weil ich nicht gleich auf die Ideallösung setzen kann. Unsere ersten Städte werden noch keine freien Privatstädte sein, sondern eher dem Modell eine Public Private Partnership (PPP) gleichen. Das Schöne ist aber, dass es Länder gibt, die bereit sind, sich auf die Idee der freien Privatstadt einzulassen. Zugegeben, dies sind vor allem Länder, die Probleme haben und deshalb eher offen sind für neue Ansätze. Gelingt uns das Projekt in der Karibik, können wir dafür sorgen, dass die Post wieder funktioniert, Gerichte nicht korrupt sind und Kriminelle draussen gehalten oder ausgewiesen werden.

Das Prinzip „marktorientierter Städtebau“, das Sie im Buch Patrik Schuhmacher zuschreiben, ist nur sehr kurz abgehandelt. Stadtplanung soll  nicht ideologischen Zielen, sondern den Gesetzen des Marktes gehorchen und „soziale Harmonie“ ermöglichen. Wie verändert sich dadurch die Aufgabe der Städtebauer, Planer und Architekten?

Im Grunde genommen gar nicht. Der Stadtbetreiber wird von Fall zu Fall über die Anzahl und die Qualität der Planungsvorgaben und Instrumente (etwa die Zonierung oder eine Nutzungs-durchmischung) entscheiden. Soweit haben wir eine Vorstellung: Wir möchten einen Stadtkern haben, der relativ homogen aussieht, damit die Stadt attraktiv ist. Die Dichte an Vorgaben wird von innen nach aussen abnehmen, vielleicht bis an Orten am Rand der Stadt, wo gar keine baulichen Regeln mehr bestehen werden. Dort wird die freie Privatstadt dann zum städtebaulichen Experiment.

Wird Patrik Schumacher, der als Beirat Ihrer Firma aufgeführt ist, mit Zaha Hadid Architects als verantwortlicher Masterplaner fungieren?

Patrik Schumacher wird nicht als Hausarchitekt fungieren, sondern übergeordnet und in Planungsverfahren und Ausschreibungen für die Qualität sorgen und in dieser Rolle selbstverständlich seine eigenen architektonischen Ideen einbringen. Ich stelle mir zudem vor, dass wir ganze Stadtviertel an Immobilienentwickler vergeben werden und dabei sowohl Gestaltungs- wie Qualitätsvorgaben machen. Was es nicht geben wird, ist eine öffentliche Mitwirkung, wenn es darum geht, Planungsgrundlagen verbindlich zu machen. Der einzelne Bürger wird aber jederzeit wissen, welche Regeln gelten und wie der Handel mit Eigentums-rechten spielt. Als Grundeigentümer könnte ich z.B. zehn Stockwerke bauen, realisiere aber nur deren drei, deshalb verkaufe sieben an einen anderen Grundeigentümer, der dann siebzehn Stockwerke realisiert.

Nach zwei Generationen soll eine freie Privatstadt ein räumlich klar abgegrenzter Ort für eine (Zitat) „überdurchschnittlich zivilisierte“, „gewaltfreie“, aber gleichwohl „wehrhafte“ und „hoch mobile Gemeinschaft“ anbietet. Welche städtebaulichen Vorbilder fallen Ihnen ein?

Mein Ideal ist die italienische Stadt mit der Piazza. Dieses europäische Bild einer Stadt kann ich in der Karibik natürlich nicht 1:1 umsetzen. Städtebau muss sich an den lokalen Begebenheiten orientieren. Aber im Grunde schätze ich Orte, die eine architektonisch homogene Mitte haben und eine räumliche Grösse, die in kurzer Distanz und sicher begehbar ist. Was für das Konzept der freien Privatstadt gilt, muss auch die Leitidee für den Städtebau und die Architektur sein: Ich glaube an die Marktidee, weil sie auf Versuch und Irrtum basiert und Planung nicht als Orakel, sondern als Risiko versteht: Wie sollen wir denn heute vorausplanen können, was in zwanzig  Jahren richtig und gut sein wird?

Immerhin versprechen Sie schon heute den Erfolg von „individueller Freiheit“ und sozialer Harmonie“ in Privatstädten? Wir werden wir an der konkreten Gestaltung von Plätzen und Häusern erkennen, dass Sie Ihr versprechen ohne politischen Einfluss und ohne Mitwirkung durch die Bewohnenden eingelöst haben?

Ich bin kein Städtebauexperte, sehe aber, dass es viele Modelle und Theorien zu einer schön und gut gestalteten Stadt gibt. Das sind alles Spekulationen! Wir werden Städte realisieren und dabei schnell lernen. Unser Vorteil ist, dass wir dabei nicht von fremden gesetzlichen und politischen Machbarkeiten eingeschränkt werden. Im Grunde fangen wir jedes Mal neu an.

Wie möchten Sie am liebsten bezeichnet werden: als Utopist, Visionär, Reaktionär oder Schöpfer von Wohlstand und individueller Lebensqualität?

Jemand hat geschrieben, ich wäre ein visionärer Realist. Da ist was dran. Ich bin immer gegen Utopisten und Wolkenkuckucksheim-Leute gewesen. Was ich kann, sind visionäre Möglich-keiten, die uns der Markt des Zusammenlebens bietet, mit einem ganz realen Geschäftsmodell zu verbinden. Das ist meine Stärke. So machen es auch Aldi und die Migros erfolgreich: Sie stellen Produkte zur Verfügung. Und wenn das Produkt gut ist, wird es gekauft, wenn nicht, wird es am Markt scheitern. Ich bin überzeugt, dass die freie Privatstadt als Geschäftsmodell dem weltweiten Status quo der Städte künftig überlegen sein wird, weil daraus ein zusätzliches und vielfältiges Angebot entstehen kann, das viele Menschen von der Staatsabhängigkeit befreit und selbstbestimmter leben lässt.

Möchten Sie noch etwas ergänzen?

Ja, zurück zu ihrem Schweizer Beispiel: Wenn Sie tatsächlich so eine Stadt in der Schweiz kennen, die als freie Privatstadt in Frage käme, dann (…)

Baukunst im Vorstadtparadies

Emmen, mit 30’000 Einwohnern statistisch die zweitgrösste Stadt im Kanton Luzern, wird in den nächsten Jahren zur Stadtlandschaft umgebaut. Damit dies gelingt, sind generelle Gedanken zur Stadt, eine offene Planungs- und Baukultur, städtebauliche Vielfalt und eine urbane Praxis unumgänglich, die Experimente zulässt. Das Departement Design & Kunst der Hochschule Luzern macht mit ihrem Bocksprung in die Viscosistadt vor, wie das geht. 

Der Text ist in Kurzform anlässlich der Eröffnung des Baus 745 am 23. September 2016 erschienen: „Kunst im Vorstadtparadies Emmen“, in: Gabriela Christen, Lucerne University of Applied Sciences and Arts, (Hrsg.): Nordwärts, Nummern, Band 6, p. 13-15.

«Stadt ist nicht, wo nur Studenten sind (…).» Luzius Burkardt[i]

sta/ beta. Auch ausserhalb der Metropolen und Kernstädte wird geplant, investiert und gebaut, was das Zeug hält. Le Corbusiers Diagnose von 1925, «La température de la ville est à la fièvre»,[ii] trifft deshalb auch für die Gemeinde Emmen zu. «Dort, wo die Schweiz umgebaut wird», titelte die NZZ 2014 und erkannte im Luzerner Vorort etwas, das schweizweit interessiert: der Umbau einer Vorstadt und Agglomeration. Allein die Zahlen beeindrucken, und sie lassen den Anstieg der Fieberkurve erahnen: 2015 waren in Emmen rund tausend neue Wohnungen im Bau. Emmen hat heute 30’000 Einwohnerinnen und Einwohner, in wenigen Jahren sollen es bis 36’000 werden. Emmen ist damit im Vergleich zahlenmässig mächtiger als neun Kantonshauptorte. Für zusätzliche Dynamik sorgt, dass im September 2016 mehrere Hundert Studierende und Mitarbeitende der Hochschule Luzern – Design & Kunst im historisch bedeutsamen Ortsteil Emmenbrücke, in die Viscosistadt, eingezogen sind.

Die zahlreichen Grossprojekte, die Emmen gerade umtreiben, werfen, neben der Hoffnung auf nachhaltige baukünstlerische, soziale und steuerliche Mehrwerte, auch kritische Fragen auf: Bauen wir um, oder werden wir umgebaut? Und: Kann sich Emmen das geplante Wachstum eigentlich leisten? Und noch weiter: Gelingt es den am Stadtumbau Beteiligten, nicht nur mehr Dichte, mehr umbauter Raum pro Fläche, sondern auch die notwendige öffentliche Akzeptanz für das, was im Kern entsteht – nämlich für mehr Stadt – zu schaffen? In der Vision «Emmen 2025» sind die politischen Handlungsfelder für die Entwicklung der Gemeinde festgehalten. Von «Stadt» ist darin nicht zu lesen. An der Urne wurde vor wenigen Jahren gar gegen die offizielle Bezeichnung als «Stadt» abgestimmt. Dennoch stehen die politischen Behörden und Planungspartner vor der Aufgabe, dem Umbau der zweitgrössten Gemeinde im Kanton zur «zweitgrössten Stadt»[iii] mit Überzeugung die richtigen Inhalte und Bedeutung zu geben. Mehr noch: Objektiv zur Stadt gehörende Themen werden im Alltag oft zu politischen Issues, gar zu subjektiven Streitfragen in der Kommunalpolitik. Sie müssen dennoch fachlich gelöst werden. Was müssen Strassen für wenn alles leisten können? Wie hoch und wie nahe nebeneinander dürfen Häuser stehen? Welche baulichen Potenziale sind auch sozialräumlich verträglich? Benötigt eine Vorstadt wie Emmen überhaupt einen Park – und WC-Anlagen im öffentlichen Raum? Wie gehen wir mit der Aussenwerbung um? Wird die Landwirtschaft zur Landschaftswirtschaft?

Die Stadt gibt es nicht – es lebe die Verstädterung

In der aktuellen Situation teilt Emmen das Schicksal mit anderen städtischen Agglomerationen: Der Versuch, die Entwicklung von der Agglomeration zur städtisch geprägten Siedlung auf dem Hintergrund einer einheitlichen Stadtidee darzustellen, stösst hier auf ein grundlegendes Problem: Die Stadt gibt es nicht. Ausgerechnet in einer Zeit, in der zum ersten Mal über 50 Prozent der Weltbevölkerung in städtischen Siedlungsgebieten leben, ist die Verständigung über Urbanität und Stadt zu einem fachlich, politisch und medial aufgereizten Tanz um ein Plastikwort geworden. 2030 werden es über 70 Prozent sein. Nicht einmal die Expertinnen und Experten sind sich darin einig: Für die einen wird das Thema Stadt einseitig und zu wenig sozial von Architekten bestimmt, für die anderen steckt zu viel Soziologie drin, zu viel Statistik, zu viel Kunst; dann wieder dominiert die globale Marktwirtschaft, oder die Interessen der Politik finden die Oberhand; schliesslich wird der Diskurs, wenn er überhaupt stattfindet, nicht selten durch  Techniken der Kommunikation, durch Stadtmarketing und Branding, vernebelt. Wer dabei im inszenierten Wettbewerb um Aufmerksamkeit auf die Rechtmässigkeit und hoheitliche Definitionsmacht von Behörden glaubt, findet auch beim Bund keine Klärungshilfe. Ist Emmen eine Stadt? Gemäss der offiziellen Raumgliederung Schweiz ist Emmen gleichzeitig «Kleinagglomeration», «übriges städtisches Gebiet», weder «Kleinstadt- noch Mittelstadt». Was denn nun?

Halten wir nüchtern fest: Was wir allgemein unter Stadt verstehen, ist offensichtlich subjektiver und unsicherer sowie gleichzeitig vielfältiger geworden. Die Festellung, dass es bis heute keine eigentliche Wissenschaft von Stadt gibt, scheint sich zu bewahrheiten. Angelehnt an Henri Lefebvre und sein Buch „Revolution der Städte“ (CEP, Hamburg 2014) befinden wir uns in einem Prozess der Verstädterung, und damit unter dem Einfluss einer, wie sie Levebre nennt, „kritischen Phase“. Kritisch daran ist: Aus ehemaligen Handels- und Industriestädten oder bäuerlich geprägten Gesellschaften werden heute und morgen Stadtgesellschaften, von denen wir, trotz Theorie- und Methodenvielfalt und Monitoring, offensichtlich noch nicht genau wissen, wie wir sie beschreiben und wirkungsvoll gestalten können. Die Ausgangslage in dieser Phase der Verstädterung vergleicht Lefebvre mit einer Blackbox, die es zu kritisch zu betrachten und allenfalls zu bearbeiten gilt: „Man kennt den Input, manchmal kann man den Output wahrnehmen.“ Jedoch: „Mann weiss nicht recht, was drinnen vorgeht.“ (ebenda, p. 24). Trotz dieser Verunsicherung: Wer sich in Emmen mit dem Umbau eines Industrievororts in eine Stadt beschäftigt, dem bleibt die Möglichkeit, Phänomene und einzelne Objekte der Verstädterung zusammenzutragen, zu gewichten und weiterzudenken. Lefebvre spricht bei diesem Vorgehen von einer „urbanen Praxis“.

Wettbewerb der Interessen

Zunächst geht es in dieser Praxis darum, Wohnen, Arbeiten, Ver- und Entsorgung sowie Mobilität so zu gestalten, dass daraus Lebensqualität entsteht. Weil es in einer global vernetzten Welt um eine neue Art der Verteilung und gleichzeitig vor allem um Wettbewerb und um Aufmerksamkeit geht, geraten die Akteure, die Stadt bauen, verwalten und gestalten, zunehmend in ein Konkurrenzsituation. Vermehrt sind es Markt- und damit Kommunikationsprozesse, die darüber bestimmen, was die Stadt vermeintlich ist, benötigt und ausmacht. Raum- und Stadtplanung und der Städtebau werden dann zunehmend von der Dynamik einer eigentlichen Stadtproduktion angetrieben. Zugespitzt und an die Adresse der Planer und Architekten formuliert, bedeutet dies ein Umdenken: Im Spagat zwischen Angebot und Nachfrage, zwischen Interessen und Investitionen, Notwendigkeiten und Vorstellungen lösen nicht Planungen und Stadtentwürfe raumrelevante Entwicklungen aus. Städtischer Wandel funktioniert gerade andersherum: Die über 50%-Weltstadt wird angetrieben durch die Bedingungen einer unsicheren und gleichzeitig vielfältigen Markt- und Risikogesellschaft. Und die Folgen? Stadtplanern, Stadtbaumeistern und allen die sich professionell mit Verstädterung beschäftigen, drängt sich die Frage auf, welche Veränderungen überhaupt noch zeitgerecht antizipiert und wirkungsvoll gestaltet werden können: Bauen wir um, oder werden wir umgebaut? So lautet in Emmen die Frage. In dieser Situation der Unsicherheit vermag der Ruf nach einer klareren Positionierung von Behörden, Standorten und Arealen für den Moment für Beruhigung, Klarheit und vermeintliche Kontrolle sorgen. Mit dem Ausrufen der unternehmerisch geprägten Stadt.inc allein (den Begriff hat u.a. Winny Maas geprägt) lassen sich Veränderungen im urbanen Umfeld dennoch nicht zielführend und lösungsorientiert einsetzen. Vielmehr bestimmen politische Haltungen und Verwerfungen, globale Marktkräfte und private Bewegungen wie die Protestaktion „Occupy“, hochgradig vernetzt und gleichzeitig den Prozess der Verstädterung. Wird dieser im Sog der Globalisierungskritik erlebt und führt gar in die Ohnmacht, stellen sich an der Seite der Paradigmen Macht und Recht, längst ebenso wirkungsvoll wie staatliche und wirtschaftspolitische Stadt- und Raumentwicklungsprogramme, eine Vielzahl von Interessen von Menschen, Gruppen und Institutionen auf, die sich aufgrund ihrer Befürchtungen, Emotionen und Ängste für Lebensräume einsetzen. So gleicht die Aufgabe der nachhaltigen Stadtentwicklung mehr und mehr einem Jonglieren mit Bällen, einer Herausforderung, bei der ein Einsatz von Macht, Regeln und Vermittlung nur in Abstimmung zum Erfolg führt: “Juggling the complex web of activities in urban Environments is an ideal place to start thinking through the trade-offs that sustainable development can imply”, schrieb die OECD 2008 in ihrer Publikation “Sustainable Development” (Reihe OECD insights, Tracey Strange, Anne Bayley, S. 28).

Wenn das, was wir unter Stadt verstehen können, zunehmend aus der Konkurrenz zwischen Macht, Regeln, Interessen und Befürchtungen heraus entsteht, dann wird Verstädterung, bevor sie zur gelungenen Show von Künstlern und Gauklern wird, werden Eingriffe in die Blackbox der urbanen (verstädterten) Gesellschaft, wieder vermehrt eine Sache von Verhandlungen. Wer Stadt aktiv gestalten, eine urbane Praxis etablieren und sogar innovativ sein will, wird Konfliktpotentiale, Trends, die Reaktion auf Notwendigkeiten, den Umgang mit temporären Ereignissen ebenso hoch gewichten, wie hoheitlich erstellte politische und fachliche Leitbilder und Planungsziele. Kooperationen und eine kluge öffentliche Mitwirkung unter den Bedingungen einer verschärften Konkurrenz sind dann nicht länger ein Muss, sondern selbstredend ein Teil der richtigen und guten Lösung, die, solange wir von Demokratie sprechen, von einer Mehrheit als richtig und gut befunden wird. Mit anderen Worten: Alleine mit fünf Bällen zu jonglieren, ist eine professionelle Leistung eines Einzelnen. In der Zusammenarbeit mit den anderen, die sich die urbane Arena teilen und dabei das Publikum vor Augen haben, müssen daraus mindestens 20 Bälle werden. Wenn also heute bei der Frage nach dem Stadtumbau vordergründig die Antwort Wachstum lautet, stehen im Hintergrund wesentlich bestimmendere Frage im Raum: Welche Stadt können wir gemeinsam mit wem und für wen überhaupt noch bauen. Und mit welcher Wirkung. Und mit welchen Folgen?

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Planungskultur wider die Krise

Ob das Bild der Stadt als ein durch Verhandlung gezielt ausgewähltes und kooperativ gestaltetes Produkt aus Interessen, Marktchancen, guter Baukultur – und somit das Paradigma der postfordistischen Stadtproduktion – neue Chancen oder eine weitere Krise bedeuten, bleibt ebenso unbeantwortet wie die Frage nach der normativen Stadtdefinition. Für Emmen bedeutet dies: Den Fragen, Phänomenen und Aufgaben, welche die zahlenmässig zweitgrösste Gemeinde im Kanton Luzern auf ihrem Weg zur Stadt begegnet, ist in jedem Fall früh, offen und kritisch zu begegnen; und zwar bevor die sichtbaren Veränderungen – und mit ihnen der politische Alltagsslogan „Emmen boomt“ – als Krise wahrgenommen werden. Lucius Burkhardt hat dazu 1961 eine Leitlinie vermerkt, die, aus aktuellem Anlass in der Viscosistadt, wo gerade Studierende einziehen, nicht treffender sein könnte: «Stadt ist nicht, wo nur Studenten sind, wo nur Bankhäuser sind, wo nur Vergnügungspublikum zwischen Restaurants flaniert, nicht einmal dort, wo nur Einkauf ist.» Für den Soziologen und Planungskritiker zeigt sich das Wesen der Stadt nur, «wo sich mehrere ihrer Funktionen überschneiden».[iv] Damit propagierte er die Vorzüge einer offenen Planungskultur und Stadtidee, die von Vielfalt, Durchmischung und Vernetzung lebt. Das klingt stimmig. Kommt hinzu: Die Themen von damals sind den heutigen zumindest ähnlich. Damals wie heute ging es, bzw. geht es um die Bewältigung eines Bevölkerungswachstums, um Verdichtung und Investitionsbedarf bei Infrastrukturbauten, um zusätzliche Ansprüche an den öffentlichen Raum, um die Transformation von Nutzräumen, um die Frage nach den richtigen Anreizen und Intervention in der Finanz- und Raumpolitik, kurz: im Grunde um die richtige Planungs- und Baukultur.

Städtisches kann vermitteln

Als Vorgabe für städtebauliche Aufgaben und Veränderungen, wie sie sich in Emmen gleich mehrfach stellen, bedeutet Offenheit im Planen und Bauen zunächst, anzuerkennen, dass städtische Wirklichkeit auf verschiedenen Ebenen stattfindet. Lefebvre folgend, können deren drei unterschieden werden: die globale, jene der staatlichen, institutionellen und marktwirtschaftlichen Mächte; die private des individuellen Alltagsleben und dazwischen eine dritte, die konkret räumliche städtische Ebene. Einfacher erklärt: Verstädterung wird global durch Behörden, Firmen und übergeordnete Planungen und durch mich als Automobilist, als Nachbar, Mieter und Kunde gestaltet. Dazwischen, vermittelnd zwischen globaler und privater Spähre, sind es konkrete städtebauliche und soziale Orte sowie Dienstleistungen, lokale Machtverhältnisse und damit auch einzelne Planungen und Bauprojekte, die über das Resultat im Prozess der Verstädterung bestimmen. Logisch scheint, dass Städte und Gemeinden daher weder durch reaktionäre Vereinfachungen, mit Positionen wie die freie Fahrt für freie Bürger (die das „Ich“ ins Zentrum stellen) noch durch hoheitliche Planungen ohne Mitwirkung zum Ziel kommen. Planung und Städtebau haben deshalb immer die Aufgabe, vermittelnd zwischen globalen Themen und dem privaten Alltagsleben, in kooperativ gestalt- und verhandelbaren Räumen das „Wir“ zu schaffen, in der Gestalt von neuen Orte oder bereits bestehende, die aufgewertet werden.

Landschaft schützt_bearbeitetStadtlandschaft als Hintergrund

Zurück zu unserer Eingangsfrage. Ist Emmen eine Stadt? Wo genau liegt eigentlich Emmen? Zwischen Luzern, Ebikon und Rothenburg. Oder doch eher an einem geografischen Ort zwischen Kernstadt und Land, wo weder der ursprüngliche Naturraum noch das traditionelle Dorf, noch eine traditionelle städtische Mitte existieren. Die Rettung findet Emmen in der Stadtlandschaft Luzern[v], wie hier behauptet wird. In Emmen von einer Stadtlandschaft zu sprechen, passt, und bringt erst noch den Vorteil mit sich, dass sich der festgefahrene Dialog «Städtische versus ländliche Schweiz»[vi] darin auflösen kann. An seine Stelle tritt ein Gegenkonzept, welches in der fachlichen Diskussion zunächst das ganze «Stadtland Schweiz»[vii] im Auge hatte. Und noch ein Argument spricht für die Stadtlandschaft: Vor Ort und in einzelnen Planungen die Stadtlandschaft Emmen als konzeptionellen Hintergrund zu propagieren, ist sinnvoll, weil darin die Vielfalt und die Polyvalenz, verschiedene Beziehungen, Bedeutungen und Funktionen zwischen unterschiedlichen Orten innerhalb und ausserhalb der Stadt- und der Gemeindegrenzen, bereits enthalten sind. Zwischen Emmen und Luzern sind nicht nur Politik, Ökonomie, Gesellschaft und Bildung vernetzt; auch Bauten, Strassen, Flüsse und die Landwirtschaft bilden ein mehr oder weniger sichtbar und gelebtes Netzwerk. Was die Stadtlandschaft Emmen letztlich jedoch ausmacht, sind die Menschen und ihre Bedürfnisse. Die einen finden gegenwärtig im Wohnungsangebot auf der Feldbreite ihr Wohnparadies, andere künftig am Seetalplatz ihren neuen Arbeitsplatz, wieder andere für sich einen kulturellen Mehrwert als Bewohner/in der Viscosistadt oder ein Zuhause im Einfamilienhaus unmittelbar an der Grenze zur Landwirtschaft. Sich über eine Stadtlandschaft wie Emmen zu verständigen, erfordert und benötigt deshalb keine einheitliche Stadtidee, sondern Prinzipien und hauptsächlich dies: den Austausch über stadt- und lebensräumliche Qualitäten (das Wir) am Beispiel einzelner konkreter Aufgaben und Projekte. Reicher werden kann für Emmen dann bedeuten, dass dadurch mit guten Lösungen die bauliche Vielfalt und das Angebot an Lebensräumen gestärkt werden. Oder dass Orte von zentraler Bedeutung innerhalb der Gemeinde und im Umfeld aufgewertet, verdichtet und besser angebunden werden: einzelne Areale an die S-Bahn-Stationen, Quartiere an Strassen- und Flussräume, die Natur und der Wald an die Räume der Landwirtschaft, privates Wohnen an öffentlich zugängliche Freiräume.

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Bocksprung

Wenn die Hochschule Luzern im Sommer 2016 nordwärts zieht, lässt sich die Reise mit einem Bocksprung[viii] vergleichen. Beim Sprung über die Stadtgrenze hinaus mitten in die Viscosistadt trifft die Abteilung Kunst und Design  auf ein ehemaliges Industrieareal, das bis vor Kurzem nicht öffentlich zugänglich war und sich neu als Zukunftsort mit Industrie, Kultur, Büros und Wohnungen positioniert. Was in der Viscosistadt passiert, öffnet den Blick auf die Möglichkeiten an anderen Orten in der Stadtlandschaft Emmen: Nebenan ist das neue Stadtzentrum rund um den Seetalplatz bereits am entstehen. In der Ferne lassen die Gebiete Sonnenhof, die Feldbreite oder die Grünmatt als Stadtentwicklungsgebiete grüssen. Auch das Emmen Center wetteifert mit einem Redesign um seine Stellung im regionalen Einkausfmart. Beidseits des Bahnhofs Emmenbrücke und im Quartier Meierhöfli schlummern weitere Entwicklungspotenziale, die, einmal gebaut, ihre eigene Struktur, Dichte, Lebensqualität und Atmosphäre erzeugen werden. In ihrer Vielfalt gleicht die Stadtlandschaft, die in Emmen entsteht heute noch  einem Archipel, einem an vielen Stellen noch nicht bestellten «Paradis fantastique»[ix] aus einzelnen städtebaulichen beziehungsweise landschaftlich geprägten Inseln. Im Einzelfall und im Zusammenspiel werden die Möglichkeiten und der Widerstand dieser Inseln gegenüber Veränderungen den Umbau Emmens zur Stadt wesentlich prägen. Dazwischen sind es Strassenzüge, Fluss- und Grünräume sowie Freizeitanlagen, Gewerbe- und Einfamilienhausgebiete und nicht zuletzt die Landwirtschaft, welche die Aufgabe haben, Orte, Verbindungen und Hotspots so zu schaffen, dass sie dem Eindruck einer anonymen Agglomeration entgegenwirken.

Auf dem Weg zur Stadtlandschaft kommt für Emmen die Hochschule für Design & Kunst somit gerade rechtzeitig. Kunst als Form der Aktualisierung von bisher unsichtbaren Realitäten, die offene Erkundung des Unfertigen, Möglichen und Vielfältigen hat Tradition. Auch Architektur und Städtebau bedeuten in einem Stadtumbau gleichzeitig eine Technik und Kunst. So ist zu hoffen, dass die Hochschule mit ihrer Präsenz in der Viscosistadt dazu beitragen kann, zu aktualisieren, was Emmen heute und morgen als Stadtlandschaft brauchen oder gar auszeichnen kann. Zu wünschen ist, dass im 745 Experimente entstehen, die – ganz im Sinn der Möglichkeiten einer Kunst im Vorstadtparadies Emmen – für eine lebenswerte, offene und erfolgreiche Stadtidee stehen. Dann hat sich der Bocksprung für alle gelohnt: Stadt Emmen hin oder her.

[i] Burckhardt, Lucius: Wer plant die Planung? Kassel 1980, S. 135.

[ii] Le Corbusier: Urbanisme, Paris 1994, S. 120.

[iii] Zitat aus der Plakatkampagne der Gemeinde Emmen vom November/Dezember 2015.

[iv] Ebd., S. 135.

[v] Zum Begriff Stadtlandschaft: Archithese Sondernummer 1997: Stadt-Landschaft oder Landschafts-Stadt.

[vi] Kreis, Georg (Hrsg.): Städtische versus ländliche Schweiz? NZZ Libro 2015.

[vii] Vgl. Eisinger, Angelus und Schneider, Michel: Stadtland Schweiz. Zürich 2005.

[viii] Bocksprung ist hier dt. für «leapfrog», vgl. dazu: Christopher, Alexander: A New Theory of Urban Design. Oxford 1987, S. 143.

[ix] In Erinnerung an das Werk «Le Paradis fantastique», ein Ensemble aus Skulpturen von Niki de Saint Phalle und Maschinen von Jean Tinguely.

KKL (2): Der zerbrochene Monolith als Referenz

Die Kirche Sainte Bernadette du Banlay in Nevers (F), gebaut von Claude Parent und Paul Virilio zwischen 1964 und 1966, ist ein gebautes Manifest der französischen Architekten- und Künstlergruppe Architecture Principe. Die Eröffnung des Bauwerks war medial ein kleiner Skandal. Jean Nouvel war als junger Architekt im Büro von Parent und Virilio tätig. Der Bau in Nevers schlägt dadurch eine Brücke zur Architektur des Konzertsaals im KKL Luzern.

Bilder: Stadtfragen/2014

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sta/nevers. Seit 1958 hatte sich Paul Virilio mit der Archäologie der Bunkeranlagen aus dem II. Weltkrieg entlang des Atlantikwalls in der Normandie beschäftigt. Zusammen mit dem Architekten Claude Parent, Michel Carrande, ein Maler und dem Plastiker Morice Lipsi gründete Virilio die Gruppe Architecture Principe. Sie löste sich 1968 wieder auf. In der kurzen Zeit ihres Bestehens erschienen zwischen Januar und Dezember 1966 neun Ausgaben der gleichnamigen Zeitschrift. Die Kirche Sainte Barnadette du Banlay in Nevers wurde mehr oder weniger gleichzeitig entworfen und realisiert. Sie gilt deshalb als das gebaute Manifest der Gruppe. Avantgardistisch und kritisch gegenüber der Moderne und den in die Höhe schiessenden Bauten der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts unternahm Architecture Principe den Versuch, das Spannungsverhältnis zwischen Begriffen, Verfahren und der Materialisierung in der Architektur und im Städtebau neu auszuloten. Daraus entstand eine kritische Ästhetik gegenüber dem, was die Disziplinen Architektur und Städtebau aktuell realisierten. Die Architekten- und Künstlergruppe wollte partout nicht mehr daran glauben, dass die geschlossene architektonische Form, der Monolith, die Notwendigkeiten und Probleme der Zeit weiterhin befriedigen konnte – schon gar nicht in der Beschränkung durch das Entwerfen und Bauen in der Horizontalen und Vertikalen. Als neue Gegenstände im Entwurf von gedanklichen und baulichen Experimenten propagierte sie zwei neue Paradigmen, man könnte sagen, zwei neue Sinnfelder im Entwurf: die Funktion der Schräge und der aufgebrochene Monolith.

Nevers-Web

Territorium als Kontext

Die Anreise nach Nevers, ein Wallfahrtsort mit dem seit 1925 unverwesten Leichnam der barmherzigen Schwester Bernadette Soubirous (1858 Seherin von Lourdes) als Hauptattraktion, erledigt ein GPS problemlos. Vor Ort kann jedoch der Versuch, die Kirche innen zu besichtigen, gerade in den Sommermonaten zu einem Abenteuer werden. So am Sonntag, den 10. Juli: Weder die Versuche direkt vor Ort und im lokalen Tourismusbüro, noch mehrere Telefonate an die Kirchgemeinde führen zum Ziel. Die Eingangstür bleibt zu, die Meldungen auf dem AB unbeantwortet. Es bleibt ein Rundgang um das Gebäude herum. Dafür gibt es allerdings keinen vorgegebenen Weg: Das Gebäude ist von hohem Gras umgeben. Erst bei näherem Hinschauen zeigt sich ein Zementstreifen, der dadrin eingelegt ist. Dezent, aber bestimmt, steckt er ein rechteckiges Territorium ab und ergänzt die Landschaftsarchitektur, die topografisch mit augenfälligen Terrainsprüngen und einem Beton-Sockel am Eingang des Grundstücks spielt. Im Kopf entstehen Bilder, die an ein für Zivilisten eigentlich unzugängliches militärisches Gelände erinnern. Das Gebäude zeigt sich gegenüber neugierigen Besuchenden und dem umliegenden Quartier programmatisch borstig, ablehnend gar: Bis heute scheint das Gebäude ortsfremd, nicht von bzw. für diesen Ort zu sein. Die kräftige architektonische Sprache des Gebäudes und seine unmittelbare Umgebung erinnern an ein Bauwerk, dass sich eigentlich niemand in der direkten Nachbarschaft wünscht. Der angetroffene städtebauliche Kontext, so könnte man festhalten, manifestiert sich in einem mit Kriegsrhetorik ausgestatteten Territorium: Es hat gleichzeitig die totale Kontrolle über den Ort und demonstriert die durch die Architekten im Entwurf in Form gebrachte Logistik der Unsichtbarkeit und Abwesenheit.

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Zahnloser Engel

Zur Dialektik zwischen Kontrolle und Abwesenheit passt, dass es eines Zufalls bedarf – und wohl die Kraft der heiligen Bernadette – um die Kirche innen besichtigen zu können: Am nächsten Tag scheint die Sonne. Der Monolith zeigt sich in einem anderen Licht als tags zuvor. Ein paar zusätzliche Fotos lohnen sich. Und tatsächlich erscheint das unvorhergesehen Willkommene in der Person eines Quartierbewohners, wir nennen in hier liebevoll und schicksalshaft den zahnlosen Engel: Er kommt in letzter Minute ungefragt auf uns zu und erklärt uns, wo und wie einfach der Schlüssel zum Kirchenraum zu finden ist: gleich um die Ecke, im Hof, an der Tür des Pfarrhauses. Zehn Minuten später stehen wir im Innern von Sainte Bernadette du Banlay und erleben die Wirkung des ständigen Wechsels zwischen Sonnenlicht und Wolken. Über die zentrale Treppe im Kirchenraum über dem Erdgeschoss angekommen, wirkt das programmatische Experiment der Architecture Principe mit der Schräge und dem gebrochenen Monolithen unmittelbar. Überall dort, wo der Monolith aus Stahlbetonrippen seine Bruchstellen aufweist, wo sich Gebäudeteile im Schnitt und im Grundriss, wo schiefe Ebenen und Wände partout nicht monolithisch aufeinandertreffen dürfen, fällt gelbes Licht in den Baukörper, und über uns hinein. Ich begreife: Virilio und Parent ging es in ihrer kritischen Haltung um eine veränderte Wahrnehmung durch das Erleben von Desorientierung. Ihre Architektur verfolgt das Ziel einer individuellen, kritischen, körperlichen und visuellen Erfahrung, die überhaupt erst aus der freiwilligen oder unfreiwilligen Aufmerksamkeit von Körper und Augen für das bisher Ungewohnte und Unbekannte entstehen kann. 

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Form in Bewegung

Der Neubau in Nevers war bei seiner Eröffnung 1966, zumindest in den Medien, ein kleiner Skandal. „C’est une église“, titelte die L’Union am 10. Dezember lakonisch. Was den sonst? Die Architectural Review nannte die Architekten gar zwei „incorrigible propagandists“. Ähnliches hätte sich 1998 anlässlich der Eröffnung des Konzertsaals im KKL tatsächlich auch in Luzern ereignen können. Der Grund: Jean Nouvel, Architekt des KKL in Luzern, arbeitete nach seinem Studium zuerst bei den beiden philosophes de l’urbanisme, wie Parent und Virilio auch genannt werden. Anzunehmen ist, dass ihn die Ereignisse in Nevers, die dort aufgeführte kritische Auseinandersetzung mit der Moderne und der architektonischen Form, die in der Schräge in Bewegung gerät, in seinen ersten Berufsjahren mit geprägt haben. Ein Hinweis: „Das Wesen der Architektur besteht darin, über ihre eigenen Grenzen hinauszugehen“, schrieb Nouvel in seinem Beitrag zur deutschen Ausgabe von „architecture principe, 1966 und 1996“ (Bernd Wilczek, Editions de L‘ Imprimeur, 2000).

Beim KKL in Luzern (1995-2000) lotete Jean Nouvel die Grenze der Disziplin offensichtlich mit dem weit auskragenden Flügeldach aus, zu dem, im Vorfeld der demokratischen Abstimmungen, die Bauherrschaft eine öffentliche Haushaltdiskussion tunlichst vermied. Ein Besuch der Kirche von Virilo und Parent in Nevers lässt erahnen, dass auch der monolithischen Form und Konstruktion des Konzertsaals am Europaplatz mit dem Neverskomplex in Verbindung gebracht werden kann; mit jener radikal kritischen Haltung, welche die Grenzerfahrung zwischen Körper und Raum auslotet und taktisch in Architektur umsetzt. So sitzt der Konzertsaal in Luzern, akustisch hermetisch abgeschlossen, im Bauch des KKL, aussen in der ganzen Höhe bis hinauf zum Dach des KKL sichtbar. Im mehgeschossigen Foyer beherrscht das Saalvolumen die Raumwahrnehmung der Besuchenden, ohne dass sein Innenleben unmittelbar offenbar wird. Ähnlich wie in Nevers demonstriert damit das Herz des KKL die Gleichzeitigkeit der architektonischen Kontrolle und Abwesenheit. Die Radikalität der Kirche in Nevers verliert der Saal an seiner Oberfläche. Aussen präsentiert sich die Betonkonstruktion als eigenständige, fast schon liebliche Form aus Holz. Die Oberfläche im Kleid eines edlen Riegelahornfurniers erinnert an die Rückseite einer Geige. Der Koloss aus Beton, die architektonische Tatsache, soll in den Augen der Besuchenden, in der Interpretation der eigenen Wahrnehmung, bildlich gesprochen als Musikinstrument erklingen. Man könnte sagen: Der Bauch des Konzertsaals wird zur Einladung, einzutreten in die Welt der Musik. Ein möglicher Hinweis auf die Kirche Sainte Bernadette du Nevers lieferte der Saal aus diesem Grund vor allem damals, als er noch im Rohbau stand. Zum Beispiel beim Gang durch den Haupteingang in das Parkett, das im Untergeschoss liegt. Was an Nevers erinnert: Zunächst steigt der Weg hinein in den Saal hier kurz an, bevor der Boden im Saalinnern zur Bühne hin ein leichtes Gefälle aufweist und die Schräge das Erlebnis der eigenen Bewegung im Raum bestimmt.

Eingeschlossene Radikalität

Mit dieser Erfahrung lässt sich durchaus darüber spekulieren: Wäre nach dem Rohbau in Luzern nicht die Verkleidung aus Holz und damit das architektonische Bild eines übergrossen Musikinstruments hinzugefügt worden, vielleicht hätte die lokale Presse 1998, anlässlich der Eröffnung des KKL, analog zur Presse 1966 in Nevers getitelt: „Das ist ein Konzertsaal“. Was denn sonst? Es kam anders. Das KKL ist kein gebautes Manifest, eher Ausdruck einer radikal verinnerlichten Taktik, wie unter den Bedingungen des globalen Wettbewerbs unter Kulturstandorten, gute Architektur realisiert werden kann. Die architektonische Radikalität, die in Nevers 1:1 an der Gestaltqualität des Bauwerks ablesbar geblieben ist, liegt in Luzern hinter einer architektonisch stimmigen und im lokalen Kontext (auch wenn nur mit einer herausragenden Leistung) machbaren Logistik der öffentlichen Erzählung und Wahrnehmung über die Nutzung und Bedeutung einer Architektur für das 21. Jahrhundert verborgen. Nouvels Architektur als Gegenstand der öffentlichen Wahrnehmung muss deshalb politisch korrekt sein, ist deshalb folgerichtig mehr ein architektonischer Event und ein Bilderbuch denn ein Manifest oder das sichtbare Ergebnis einer ideellen Selbstverwirklichung eines Autorenarchitekten. So erinnert das Bauwerk in Luzern in seiner Form und Gestalt auf den ersten Blick kaum noch an die Ideen der Propagandisten aus der Gruppe Architecture Principe. In Erinnerung an den Rohbau bleibt für den Kritiker die gedankliche Brücke zwischen Luzern und Nevers trotzdem ein nennenswertes und erlebbares Ereignis. Am Endpunkt in Luzern lässt es sich begrifflich einordnen: Als Konzept des dirty realism beschreibt die Architekturtheorie seit den 90er Jahren des letzten Jahrtausends jene erfolgreiche Taktik im Programmieren, Entwerfen und Bauen von Architektur, die es schafft, eigenständige (und durchaus radikale) Haltungen und Ideen in den Disziplinen Architektur und Städtebau in einen dafür noch nicht vorgesehenen, jedoch aus fachlicher Sicht in der gegeben Zeit und für die nahe Zukunft stimmigen Kontext einzuschliessen. Damit ist auch beantwortet, weshalb Jean Nouvel seinen Entwurf für Luzern überaus authentisch als „l’inclusion“ beschrieben hat.

PS: Wer sich selbst vor Augen führen will, wie der Konzertsaal in Luzern 1997 im Rohbau gewirkt haben könnte, kommt nicht umhin, selbst eine Reise nach Nevers zu unternehmen. Die heilige Bernadette und der zahnlose Engel werden sich über den Besuch bestimmt freuen.

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KKL (1): Die Vision ist erwachsen

Heute vor genau 20 Jahren, am 12. Juni 1994, hat Luzern an der Urne dem Bau des «Kultur- und Kongresshauses am See» zugestimmt. Jean Nouvel verpackte im Vorfeld die Antwort auf die für das Vorhaben KKL existenzielle Frage „Welche Stadt wollen wir?“ mit strategischem Kalkül in eine offene Erzählung über die Geschichte und die Zukunft am Europaplatz. Interpretiert als Bildprojekt eines gelungenen urbanistischen Bocksprungs fasziniert und verunsichert die damals wichtigste Projektdarstellung, ein Landschaftsbild, bis heute. So lautet die Annahme. Stadtfragen geht deshalb in loser Folge der Frage nach, wieso das so ist, und welche Folgen sich daraus für die Stadtentwicklung ableiten lassen.

Bild: Archiv Stadtfragen (© JNEC, Vincent Lafont, Trägerstiftung Kultur- und Kongresszentrum am See, Luzern)

(…) La „nouvelle“ maison est à la fois paisible et animée. Elle s’incrit dejà comme l’évenement-symbole d’un nouveau chapitre de l’histoire de Lucerne“  Jean Nouvel, Juli 1993

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sta. Insgesamt viermal stimmte das Luzerner Stimmvolk bis zur Eröffnung 1998 über das KKL am Europaplatz ab. Die entscheidende Hürde nahm das „Kultur und Kongresshaus am See“, wie das Projekt damals hiess, vor genau 20 Jahren: Am 12. Juni 1994, nur ein paar Wochen nach der Feier zum Wiederaufbau der Kapellbrücke, stimmten 65,76 Prozent der Stimmberechtigten dem städtischen Baukredit in der Höhe von 94 Mio. Franken zu. Im gleichen Urnengang schickte die politische Schweiz die Blauhelmvorlage, den Kulturartikel und die erleichterte Einbürgerung von jungen Ausländern bachab. Luzern war zurecht stolz auf sich: „NEIN. NEIN. NEIN“ und „Luzern glaubt an sich“, titelte die lokale Tageszeitung gleichzeitig. Der Erfolg der Vision KKL an der Urne wurde politisch als Bestätigung für eine in den Jahren zuvor ausgehandelte Kulturpolitik interpretiert. Das „JA“ drückte in einer Zahl aus, dass das Vorprojekt des Pariser Architekten Jean Nouvel im äthetischen Urteil der Bevölkerung eine Mehrheit gefunden hatte. Gar von einer „architektonischen Absolution für den Star aus Paris“ schrieb die Lokalzeitung euphorisch.

Erfolgreiche Aufführung

Bei so viel Segen für zeitgemässe Architektur in der Öffentlichkeit einer Kleinstadt wie Luzern sind neben Begeisterung auch kritische Zweifel angebracht: Hat sich 1994 tatsächlich eine Mehrheit der Bevölkerung für eine international beachtete, zeitgemässe Architektur eines ausländischen Architekten ausgesprochen? Notabene für einen, der die Wirkung moderner Architektur in der Öffentlichkeit aufgrund ihrer inhärenten Radikalität immer als (Zitat) „Schock“ bezeichnet? Aus heutiger Sicht scheint diese Diagnose noch unwahrscheinlicher zu sein als damals, zur Zeit der Abstimmung, denn: Luzern fühlte wohl 1994 bereits die Sogkraft des nahenden Jahrtausendwechsels und zeigte sich gegenüber prägenden Ereignissen und Veränderung deshalb offener als gewöhnlich. Trotzdem: Näher an die damalige und heutige Realität im barock-selbstverliebten Luzern kommt die Annahme, dass den Protagonisten 1994, auf dem Hintergrund einer Vision in Aktion, letztlich nicht weniger gelungen ist, als der dramaturgische Höhepunkt in einer über Jahre bemerkenswert stimmigen Aufführung zu einem politisch, wirtschaftlich und kulturell notwendigen Wandel. Aufgeführt und legitimiert wurde damit auch ein für die Stadt wegweisender urbanistischer Bocksprung, der mit Hilfe von Jean Nouvels Architektur bis 1998 bzw. 2000 Form und Material werden sollte. Mit dem positiven Ereignis am 12. Juni 1994 war (bewusst oder unbewusst) klar geworden, dass – vis-a-vis der Seestadt aus dem 19. Jahrhundert mit ihren stilbildenden Hotels und Quaianlagen – eine Stadtlandschaft für das 21. Jahrhundert entsteht.

Eindrückliche Konsistenz

Stimmt die hier gemachte Annahme, dass vor 20 Jahren an der Urne hauptsächlich eine Aufführung der Vision KKL gelungen ist, dann wurde an der Urne zwar über einen Baukredit und damit über ein Haus am Europaplatz mit unterschiedlichen Nutzungen unter einem gemeinsamen Dach abgestimmt; nicht aber über die Inhalte, das Wesen der Architektur von Jean Nouvel. Gegenstand der Abstimmung war ein „JA“ zu einer kooperativ erarbeiteten Vorstellung über die Zukunft der Kulturstadt und des Tourismusstandorts Luzern. Zum Glück. Nicht auszudenken ist, wohin wohl die Reise einer breit ausgelegten, öffentlichen Haushaltdiskussion über die Mittel und den Ausdruck von Jean Nouvels Architektur – über ein mehr als 40 Meter auskragendes Vordach – geführt hätte!

Mit Recht lebt die Reputation der Erfolgsgeschichte KKL deshalb von der Faszination darüber, wie konsistent, zielgerichtet und werktreu die „Chance für Luzern“ im kooperativen Prozess von der Idee bis zur Eröffnung verhandelt, vermittelt und letztlich öffentlich kommuniziert wurde. Performativer Städtebau at its best frohlockt am Ende des Tages der Kritiker! Mit welchen Mitteln der Vermittlung und Überzeugung das „JA“ zustande kam, daran erinnert bis heute die im Vorfeld der Abstimmung vom Juni 1994 wohl wichtigste Projektdarstellung (Titelbild). Das Rendering zum Vorprojekt erzählt emblematisch davon, was am Europaplatz über die Geschichte und die Zukunft der Stadt Luzern zu lesen ist. Was auf den ersten Blick als unscharfes, beinahe lieblich anmutendes Landschaftsbild erscheint, zeigt sich bei näherer Betrachtung als ein mit strategischem Kalkül ausgearbeitetes Bildprojekt, als eine Erfindung und Bildmaschine: Mit Hilfe der Darstellung, die vom Pariser Gestalter Vincent Lafont 1993 im Auftrag von JNEC (Jean Nouvel et Emmanuel Cattani) erstellt wurde, gelang es, den Blick für ein zugleich offenes und spezifisches Zusammenspiel von Stadt, Landschaft und Gebäude an einem ganz bestimmten Ort, zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt zu öffnen. Die dabei verwendete Bildlogik und Symbolik  man könnte sagen: die mit dem Entwurf des Architekten hergestellte, neue integrative Realität in den Augen der Betrachtenden  hat Jean Nouvel in seinem original Untertitel vom Juli 1993 in seinen eigenen Worten so beschrieben:

Sérénité du lac, grandeur du paysage, à ses confins bâtir un nouveau signe de civilisation, un témoignage de la foi en son avenir, un lieu où se mettent en scène ses activités et sa vie culturelle. La „nouvelle“ maison est à la fois paisible et animée. Elle s’incrit dejà comme l’évenement-symbole d’un nouveau chapitre de l’histoire de Lucerne“.

Die Abbildung wurde am  27. Juli 1993 erstmals veröffentlicht – wahrscheinlich nicht ganz zufällig exklusiv in der NZZ. Einen Monat später fand die Pressekonferenz zum Vorprojekt Kultur- und Kongresshaus Luzern statt, über das heute genau vor 20 Jahren erfolgreich an der Urne abgestimmt wurde, deshalb: Happy Birthday Vision KKL!


Fortsetzung: Worüber reden wir eigentlich, wenn wir am Europaplatz von der „Stadt“ sprechen?

KKL (0): Das (fast) perfekte Museum

Juan Munoz, The Wasteland, 1987, Foto: Stefano Schröter

Nouvelles bôites!, die aktuelle Gruppenausstellung im Kunstmuseum Luzern, setzt sich mit den Räumen der Architektur Jean Nouvels auseinander. „Die Räume sind perfekt“, hat die Kuratorin Fanni Fetzer an der Vernissage zu ihrer Antrittsausstellung in Luzern betont. Fast, denn, was Jean Nouvel nicht geschafft hat, das gelingt in der Ausstellung nun erstmals Jim Isermann: eine perfekte Museumsdecke.

(sta) Perfekt vorgestellt ist nicht dasselbe, wie perfekt gebaut, denkt man sich beim Anblick der an den Rändern deutlich verschatteten, abgehängten Lichtdecke im KKL-Museum. Jedoch: Zwölf Jahre nach der Eröffnung interessiert sich kaum jemand mehr dafür, was damals konstruktiv, finanziell und überhaupt schief gelaufen war. Man stelle sich die Reaktionen vor, wenn die neue Kuratorin im Namen der perfekten Kunstinszenierung gerade jetzt, gleichzeitig mit der Dachsanierung beim KKL, einfordern würde, den ästhetischen Mangel an der Museumsdecke zu beheben! Manuela Jost, die Präsidentin der Kunstgesellschaft und neu gewählte Baudirektorin der Stadt Luzern, wäre von dieser Idee wohl kaum entzückt. Lassen wir es deshalb bei der gedachten Perfektion von Jean Nouvels Innenleben im Kunstmuseum bleiben, denn die Ausstellung soll ja explizit nicht als Kritik an der Museumsarchitektur verstanden werden. Es handelt sich um eine kuratorische Untersuchung.

Jim Isermann Drop Ceiling 2011, Foto: Stefano Schröter

Nouvelles bôites! befragt das Kunstmuseum nach seinem Potenzial, und zwar in jedem einzelnen Raum anders: einmal mithilfe einer zwar bunt „gemalten“ aber umso gemeineren Irritation der räumlichen Wahrnehmung (Juan Munoz); dann in Form einer mit minimalem Materialaufwand verspiegelten Black-Box (Spiegellampen von Kitty Kraus); andernorts mit dem Designer-White-Cube von Jim Isermann (Drop Ceiling) und schliesslich sogar durch die Inszenierung eines permanenten Übergangs zwischen Black & White während der ganzen Ausstellungsdauer (Malaktion von Nedko Solakov).

„Sinnlich, kunstvoll soll ein Nachdenken über die Räume des Kunstmuseums Luzern und die Präsentationsbedingungen von Kunst angeregt werden“, so die Kuratorin, die sich an der Vernissage ganz in Rot präsentierte. Fetzer wagt es mit der Ausstellung tatsächlich, ihre Gäste in die Metakommunikation über Kunst und Architektur zu verführen. Das ist in Luzern ein mutiger Schritt, hat doch der Austausch über die Bedeutung des KKL als Gesamtkunstwerk, als Emblem einer cité nouvelle in der Stadt Luzern, bis heute nicht stattgefunden. Dass Nouvelles bôites! diese Auseinandersetzung zumindest innerhalb des Museums gelingt, liegt daran, dass die Art und Weise einen gewissen Witz hat: Witzig ist auch, dass Jim Isermann ausgerechnet in den Räumen von Jean Nouvel’s nicht ganz gelungener Museumskiste mit seinem Deckenraster aus 170 Platten im handelsüblichen Format eine zweite, lichtdurchlässige Museumsdecke schafft. Und die ist nun wirklich perfekt.

Sendai: Wirklichkeiten in einer virtuellen Welt

Bei einer Katastrophe, wie sie  Japan derzeit erlebt, zählt der Schaden, der an aussergewöhnlicher Architektur angerichtet wird, zur Nebensache. Trotzdem ist erwähnenswert: Toyo Ito’s beschädigte Mediatheque in Sendai leistet in einem Youtube-Video einen Beitrag an die globale Medienberichterstattung und vermittelt damit unter tragischen Umständen quasi in eigener Sache auch eine Botschaft zum Thema mediale Wirklichkeiten. „Mit der fortschreitenden Entwicklung der elektronischen Technologie verlieren wir den Sinn für die Wirklichkeit“, sagte Toyo Ito vor der Eröffnung der Mediatheque 2001.

(sta) Die berühmte Mediatheque von Toyo Ito (2001) wurde offenbar beschädigt, aber nicht zerstört. Ein Video auf Youtube dokumentiert die Situation im Innern des Gebäudes während des Bebens vom 11. März 2011. Die Filmkamera blickt vom Boden aus an die Decke. Die Filmenden haben unter einem Tisch Schutz gesucht. Zwei Dinge sind besonders: Die Länge des Bebens und die Art und Weise, wie die Konstruktion des Gebäudes die Naturkräfte aushält.

Das Erdbeben in Japan, erlebt in der Mediatheque von Sendai:

Metapher des fliessenden Raums

Das Büro für Stadtfragen hat Toyo Ito im September 2000 in Pontresina zu einem kurzen Gespräch getroffen. Itos Bestreben, eine Metapher zu finden für den natürlichen und digitalen Informationsfluss zwischen Innen und Aussen eines Medienzentrums, zwischen Natur, Stadt, Gebäude und seinen Benutzern, finden in der Mediatheque ihren Ausdruck in einer völlig offen projektierten Raumstruktur im Ausmass von 50 x 50 x 30 Meter und in der primären Tragstruktur aus Pylonen, die an Bäume und Seetang im Wasser erinnern. Toyo Ito sagte damals, kurz vor der Fertigstellung des Gebäudes: „Die Mediathek in Sendai ist beinahe beendet. Das Bild, welches ich mir für diese Architektur vorgestellt habe, war ein transparenter Raum, der schwerelos zu sein scheint. Wie dem auch sei, in den letzten vier Jahren habe ich mit dem Stahlgerüst gekämpft. Was wir durch diese Auseinandersetzung entdeckt haben, ist nicht die Transparenz als eine Oberfläche, sondern die Wirklichkeit des Objekts hinter dieser Oberfläche.

Architekturvideo zum Innern des Gebäudes von Toyo Ito:

Verlorener Sinn?

Der Vergleich der beiden Videos ermöglicht die Wahrnehmung unterschiedlicher medialer Wirklichkeiten in denselben Räumen: Hier die beinahe stumme Vermittlung einer Architekturkomposition als Metapher für die fliessende Natur des Raumes, dort das individuell erlebte und global publizierte Ereignis einer Naturkatastrophe. Der Realität einer Katastrophe hat das Bauwerk standgehalten. Die statisch für Erdbeben ausgelegten Konstruktion aus „Bäumen“ hat gehalten. Nur, welchen Sinn macht die im Erdbeben-Video gezeigte Wirklichkeit, neben der Unterhaltung? Ito mahnte 2000: In Tokio benutzt jeder Zweite oder Dritte ein Mobiltelefon, um sich zu unterhalten oder um Mitteilungen auszutauschen. Mit der fortschreitenden Entwicklung der elektronischen Technologie verlieren wir den Sinn für die Wirklichkeit. Im Gegensatz dazu habe ich die passende Wirklichkeit für die Mediathek in Sendai gefunden.“ Diese Wirklichkeit hat sich im März 2011 verändert, und die Welt hat zugeschaut.

Zitate aus: Thomas Stadelmann, Zum Stand der Dinge: Wirklichkeit in einer virtuellen Welt. in: Global City versus Local Identity, Kompendium 3. Internationales Architektursymposium Pontresina, 13.-15. September 2000


Träumen mit Shimizu

Shimizu’s Träume

Die japanische Baufirma Shimizu Corporation hat eine über 200-jährige Geschichte. Das eigene Shimizu Institute of Technology in Tokyo spielt seit 1944 eine tragende Rolle in der Entwicklung neuer Konstruktionstechnologien: „Our philosophy is to act as an Open Institute of Technology. If architecture achieves a harmonious balance between nature and human activity, the architecture will become a unique part of the culture and the community.“ So gesagt, entwickelt Shimizu zukünftige Lebensräume, Städte der Zukunft, im ganz grossen Massstab: schwimmende, autarke Städte im Pazifik, Raumstationen, Wüstenstädte.

Unsterbliche Metabolisten

Es scheint fast so, als wären hier die japanischen Architekten und Stadtplaner Kisho Kurokawa, Kiyonori Kikutake, Fumihiko Maki, Sachio Otaka und Noboin Kawazoe, die 1959 unter der Bezeichnung Metabolisten zusammen fanden, immer noch selbst am Werk und quasi unsterblich. Das Thema der Futuristen war bereits vor 50 Jahren die Stadt im urbanen Kontext, die Stadt der zukünftigen Massengesellschaften und zwar als lebendiger Prozess gestaltbar durch flexible, erweiterbare Großstrukturen (Wikipedia). Die damaligen Ergebnisse wie die schwimmende Stadt am Meer (Projekt Unabara), die Turmstadt von Kiyonori Kikutake, die Wand-, Agrarstadt und sogenannte Helix-City von Kisho Kurokawa finden sich in den Träumen von Shimizu wieder. Unterschied zu damals: Die technische Machbarkeit ist auf dem Weg, die gesellschaftliche Akzeptanz in Vorbereitung und die Globalisierung und Ästhetisierung in der Architekturproduktion verniedlicht vernetzte Grösse und funktionale Radikalität (Stichworte: Bigness, Metropolitanräume) als gegebenes Zeichen der Zeit.

Kenzo Tange’s Planungsmodell für die Tokyo Bay, 1960

Smarter City: Vorfilm zur Total Living Industry

(beta) Zum ersten Mal leben über 50 Prozent der Weltbevölkerung in urbanen Räumen. Stadt ist deshalb ein issue für Zukunftswerte und Zukunftsmärkte in Unternehmensstrategien, die in der Komplexität vernetzter, kontrollierter und individueller städtischer Lebensräume einen Wachstumsmarkt sehen. IBM Smarter City macht vor, wie das geht – auch auf Youtube. Aber: Sind wir dafür intelligent genug?

sta. Dass die halbe Erdkugel urbanisiert ist, entspricht einer statistischen Tatsache, die schon länger bekannt ist und sich in den Köpfen festgesetzt hat. Verbunden mit der Vorstellung, dass die Hälfte der Erde tatsächlich (schon heute oder in naher Zukunft) städtisch funktioniert und wahrgenommen wird, macht die statistische Aussage zur Über-50%-Weltstadt u.a. zu einem Kernthema für globale Unternehmensstrategien: Stadt wird gleichgesetzt mit dem Versprechen auf einen Wachstumsmarkt, der leistungsfähige und vernetzte Aufmerksamkeitsräume für neue Innovationen, Technologien, Dienstleistungen und Produkte anbietet.

Vernetzung, Kontrolle, Sicherheit

Historisch und aktuell steht die Stadt prototypisch für Vernetzung, Dichte, Austausch und für die menschlichen, politischen oder unternehmerischen Bedürfnisse nach Kontrolle und Sicherheit (im Bild oben: mobile Überwachungskamera in NY). Kombiniert man damit das Gebot der Stunde, dass im Informationszeitalter die einfache, bequeme, schnelle und individuelle Versorgung mit Information und Gütern – intelligent umgesetzte convenience den Weg zum Erfolg, bzw. zum Kunden aufzeigt, wird aus der Stadt ein smart place auf einem smart planet. IBM Smarter City macht vor, wie das geht. Die Videobotschaften dazu sind auf Youtube platziert: Sie können als einfache Werbebotschaften und als Vorfilme zur eigentlichen Hauptgeschichte gelesen werden, die städtischen Räumen weltweit bevorsteht: Ein Wettbewerb um kontrollierte und auf individuelle Bedürfnisse ausgerichtete, technisch intelligente Lebensräume, der  von einer Total Living Industry ausgetragen und kommunikativ inszeniert wird. Mehr dazu später.

Stadt als Testlabor für Mehrwerte

Wenn es um die Forschung und Gestaltung künftiger Städte geht, ist die ETH Zürich mit dabei: Im Oktober 2009 hat sie bekannt gegeben, dass sie ihr Engagement in Asien stärkt: Sie gründet in Singapore gemeinsam mit der National University of Singapore und der Nanyang Technological University das «Future Cities Laboratory», „eine neuartige Plattform für Stadtentwicklung“. Architekten und Wissenschaftler wollen dort das Phänomen Stadt mit einem ganzheitlichen Ansatz erforschen und gestalten. Nach Aussage eines beteiligten Forschers finanzieren fünf globale Unternehmen mit, die noch nicht genannt werden dürfen. Es geht um Mehrwerte.

Sind wir intelligent genug?

Warner aus dem Umfeld der Klimadiskussion geben der weltweiten ökologischen Katastrophe 15%, der globalen Krise mit anschliessender Verarmung unter neo-feudalen Strukturen 50% und dem Durchbruch einer politisch ausgehandelten „2000-Watt-Gesellschaft“ 35% Szenario-Chancen. Das sind schlechte Prognosen, nicht mehr und nicht weniger. Auch hier stehen Städte, vor allem Megastädte, im Zentrum der Diskussion. Die rettenden Schlüsselfaktoren, die dabei genannt werden, sind jenen der Smarter City ähnlich: menschliche Intelligenz, politische Vernunft, Einfachheit, Technologie und Innovation. Versprechungen und Lösungen für einen urbanen Smart Planet werden sich deshalb nicht nur an unternehmerischen Mehrwerten, sondern auch an einigen Problemstellungen messen lassen müssen, die zwar ausserhalb der Städte anzutreffen sind, jedoch die Über-50%-Weltstadt trotzdem direkt treffen: Abholzung der Wälder, Austrocknung von Seen, schmelzende Gletscher, Überflutung.

Firmenstrategien wie IBM Smarter City versprechen Lösungen für eine städtische Zukunft. Darauf können wir uns nur freuen, auch wenn die Frage berechtigt ist: Sind wir dafür intelligent genug?

Early Follower: Nachahmer in der Architektur (beta)

First-to-market-Architektur verlangt nach den besten Entwerfer/innen und nach Unternehmen, die ihr Marktumfeld als Architekturbüro, als Ersteller oder Besteller genau kennen und die Zusammenarbeit auf Innovation einstellen. Innovation ist in der Architektur deshalb selten anzutreffen. Nachahmer, Early Follower, prägen den schweizerischen Architekturalltag. Dahinter folgen unzählige Varianten der Swissbox , stellvertretend für eine weit verbreitete Sprachlosigkeit im Bauen von Lebensräumen.

ETH-Gebäude HIT 2007 Baumschlager Eberle

EMMI-Hauptsitz 2010, Rüssli Architekten 2012-2014

Der frühe Nachfolger, Second-to-market oder Early Follower genannt, tritt in der Wirtschaftswelt relativ kurz nach dem Pionier, noch in der Einführungs- und frühen Wachstumsphase des Produkts, in den Markt ein. Das Modell lässt sich auf die Architektur übertragen: intellektuelle, logistische, typologische, formal-konstruktive und argumentative Pionierleistungen sind auch hier selten. Häufiger sind Projekte und Bauten mit Early-Follower-Qualitäten. Das Thema der Nachahmung ist in der Fach-Diskussion jedoch ein Tabu. Mindestens noch so lange, wie die individuelle Erfindungsgabe von Architekten/innen als Grundwert und berufsspezifisches Alleinstellungsmerkmal hochgehalten und vom Besteller (zu Recht oder Unrecht) auch bezahlt wird.

Multiplikatoren für Baukultur

Early-Follower-Strategien werden im Typen-, Formen- und Bildermarkt der Architektur sichtbar. Wie (fast) jedes Bauwerk sind sie ein Gemeinschaftswerk von mehreren Akteuren und das Resultate aus Wettbewerbsverfahren oder Direktaufträgen. Dass architektonische Innovation weder zu jedem Zeitpunkt noch in jeder Situation gefragt, geschweige denn überhaupt möglich und finanzierbar ist, liegt auf der Hand: Luzern braucht kein zweites KKL, Coop ist nicht Actelion, EMMI nicht Novartis oder die ETH Zürich, Altdorf nicht Basel, eine Villa am See kein Massenwohnungsbau. Early Follower in der Architektur sind genau deswegen ebenso wichtig für die Baukultur wie ihre Vorbilder: Durch die Nachahmung innovativer Vorbilder  können neue Themen und Standards aufgenommen und weitertragen werden. Man könnte sogar behaupten: Nachahmer-Bauten sind der wichtigste Beitrag an die breite Verständigung über Architekturkultur.

Substanz erkennen

Dies setzt jedoch voraus, dass die (aktuelle oder historische) Innovationsleistung von Vorbildern in ihrer Substanz erkannt und situationsbezogen in einen eigenständigen baulichen Beitrag übersetzt wird. Nur so erhält die Vermittlung architektonischer Qualität tragfähige, neue Argumente. Ausgesprochen oder nicht ausgesprochen haben Early Follower Strategien deshalb das Berufsbild des Architekten, der Architektin längst verändert: Nebst offenen Augen und der Lust am Bauen ist eine Logistik der Informationsbeschaffung notwendig, ein überdurchschnittlichen Mass an verfügbarer (und bezahlbarer) Kreativität gefragt, zudem eine Kommunikation im Entwurf und in der Zusammenarbeit, die einen materiellen Beitrag an die „spezifische Lösung“ leistet.

Zumthor wie OMA

Und wie machen es die Besten? Man müsste sie einzeln befragen. Erkennen lässt sich: Investoren, Bauherren und Architekten mit First-to-market-Absichten sind partout darauf angewiesen, dass Werte, kreative Leistung, Bestellung und der fertige Bau sich dem Primat der Innovation unterstellen. Es scheint, dass dieses Unterfangen nur an den Grenzen des bereits Denk- und Machbaren, des Bekannten, des Finanzierbaren, des schon Gesehenen bzw. schon wieder Vergessenen gelingt – und sich einem harten Wettbewerb um öffentliche Aufmerksamkeit stellt. Was das Prinzip dieses Grenzgangs angeht, unterscheiden sich Peter Zumthor’s Arbeit und jene im OMA von Rem Koolhaas kaum. Die Differenzen zeigen sich in der Art und Weise der ästhetischen Verpackung und in den Persönlichkeiten der am Projekt beteiligten.

Schicksal oder Strategie

Ist die Marktstellung in der Architektur tatsächlich eine bewusste Wahl oder doch nur Zufall? In den meisten Fällen ist sie wohl mehr oder weniger Schicksal. Der Grund dafür liegt vermutlich darin: Eine first-to-market Strategie gelingt in der Architektur nur dann, wenn sie gleichermassen durch aussergewöhnliche Kreativität und Können im Entwurf, in einem gemeinsamen Qualitätsverständnis bei Besteller und Ersteller sowie im richtigen Handeln und Verhandeln vis-à-vis einer zunehmend globalisierten (Finanz-)Welt begründet ist. Diese Kombination ist selten, aber es gibt sie. HdM können sich ihre Aufträge und ihren Marktauftritt aussuchen.

Swissbox: ein Ausdruck für die Sprachlosigkeit

Bauherrschaft, Investoren, Architekten, Planer und Bewilligungsbehörden sitzen immer zusammen in einem Boot:  Das Bonmot, Zeige mir deine Bauherrschaft und ich sage dir, was für ein Architekt du bist, gilt ebenso wie, Zeige mir deine Architektur und ich sage dir, was für eine Firma, für eine Stadt oder was für ein Chef du bist. Die Grenze zwischen first- und second-market lässt sich dabei noch einigermassen leicht erkennen. Mehr Schwierigkeiten bietet das grösste Arbeitsfeld im Planen und Bauen, das in den Reihen dahinter stattfindet: Gemeint sind die landein, landaus gebauten Adaptionen, Repetitionen und Banalisierungen von Architektur-Vorbildern. Der Begriff „Swissbox“ steht stellvertretend für das Phänomen, das dahinter steckt: Eine weit verbreitete Sprachlosigkeit bei der Bestellung, beim Entwurf und bei der Bewilligung von Lebensräumen.

Dialog in Planungsprozessen

Verfahren (vgl. Studienauftrag gemäss SIA 143) in Planung und Architektur setzen vermehrt auf den direkten Kontakt mit den beteiligten Teams. Das Büro für Stadtfragen hat die Argumente und die Voraussetzungen zusammengestellt, wieso und wann ein echter Dialog und damit weniger Anonymität zur besseren Lösung und mehr Planungssicherheit beitragen.

(sta) Der Begriff Dialog ist in der Architektur und in der Stadtentwicklung in aller Munde, wenn auch öfters als unverbindliches Plastikwort. Die Häufigkeit ist dennoch erstaunlich, denn Dialog ist anstrengend und bisweilen genau so gefährlich wie ein Gespräch in einem Krimi von Agatha Christie, denn: Im Dialog teilt sich der Mensch immer selbst mit, ob er das will oder nicht. In der Abgrenzung zum Monolog oder zur Information erhält der Begriff an Schärfe: Dialog ist immer zweiseitig und deshalb die Voraussetzung für Verständigung. Das für einen echten Dialog zur Verfügung stehende Material besteht aus fachspezifischen Informationen und aus persönlichen Bildern und Erinnerungen der daran Beteiligten. Die persönlichen Bilder geben sich oft erst durch Nachfrage zu erkennen, weil sie in mental maps abgelegt sind, in Landschaften im Kopf. Karl Schlögel (Im Raume lesen wir die Zeit, 2007) hat dazu treffen bemerkt: „Wer an diese Landschaften im Kopf herankommen will, muss Menschen zum Sprechen bringen, ihren Erzählungen zuhören.“

Sieben Argumente sprechen für mehr Dialog und weniger Anonymität in planerischen Wettbewerbsverfahren:

  • Die Diskussion um Anonymität (Erkennbarkeit von Autoren im Plan) erübrigt sich im entscheidenden Moment;
  • das gegenseitige Erleben des persönlichen Kontakts erhöht die Planungssicherheit und die Akzeptanz für Entscheidungen;
  • Dialog ist verlässlicher, direkter und ehrlicher als Planinformationen und Architekturbilder;
  • Dialog kann zielgruppen-, zeit- und mittelgerecht als Kontrolle eingesetzt werden;
  • Dialog bricht dem Primat der medialen Vermittlungsqualität von Projekten die Spitze;
  • Dialog macht es einfacher, über gewisse Dinge nicht zu reden;
  • Dialog kann adhoc einen zusätzlichen inhaltlichen Beitrag an die beste Lösung leisten.

Damit der Dialog gelingt, sind folgende Voraussetzungen zu erfüllen:

  • Dialog entspricht der Kultur und den Zielen des Veranstalters sowie der teilnehmenden Experten/innen;
  • ein Verfahren wird durch den Dialog gleichzeitig ergebnisoffener und wirtschaftlicher;
  • der Dialog findet in einem professionellen kommunikativen Umfeld statt;
  • die Form des Dialogs wird von den daran Beteiligten als echt wahrgenommen;
  • der Dialog wird von einer unabhängigen Person moderiert.

Vivre la différence!

Der Städteverband hat heute, anlässlich des Städtetags 2009 in Luzern, eine rhetorische Frage gestellt: „Wem gehört der öffentliche Raum?“ Der Öffentlichkeit, wem denn sonst! Im Zusatz-Titel „Nutzungen zwischen Anspruch und Verantwortung“ kam das eigentliche Thema dann zum Vorschein. Der Städteverband hat seine Tagung aktuellen Themen wie Littering, Event-Kultur und Sicherheit gewidmet.

Eveline Widmer-Schlumpf und die Stadt

Es hat Tradition, dass am Städtetag ein Mitglied des Bundesrates einen Auftritt hat und dabei die schweizerische Befindlichkeit gegenüber der Stadt zur Sprache bringt. BR Eveline Widmer-Schlumpf hat diese Aufgabe heute in Luzern übernommen, dreisprachig und wie schon ihre Vorgänger/innen im rhetorischen Spagat zwischen den Ansprüchen eher ländlich geprägter individueller Eigenheit und der Vision einer städtisch-urbanen Gemeinschaft: „Die Allmend prägt unsere Vorstellung von Stadt in der Schweiz“, so Widmer-Schlumpf, was etwa heissen will: Wir haben gelernt, dass wir gemeinsam etwas teilen müssen, um in unserer kleinräumigen Einzigartigkeit erfolgreich überleben zu können. Es ist deshalb nur logisch, hat Widmer-Schlumpf ihre Rede einer „offenen (Anm: toleranten) Stadt“ gewidmet. Geschlossen hat sie dann, ebenso logisch, auf Französisch und knapp: „Vivre la différence!“, leben wir den Unterschied.

Ein guter Freund von mir, der es wissen muss, vertritt übrigens die kulturwissenschaftliche These, dass es schon die gemeinsame Allmend war, die uns gelehrt hat, den Spagat zwischen Einzigartigkeit und Gemeinschaft zu kultivieren. Aber die Geschichte über die Befindlichkeit der Schweiz könne man seiner Meinung nach auch am Beispiel der gemeinsamen Waschküche weiter erzählen. Vielleicht ist das ein Thema für den Städtetag 2010.

Auszeiten ziehen Talente an

 

Obergrundstrasse 21

Häuser wie jenes an der Obergrundstrasse 21 in Luzern leisten Widerstand gegen die Stadtentwicklung. Wie geht das?

Seit Jahren wundert es mich, wie es möglich ist, dass das kleine Haus an der Obergrundstrasse 21 in Luzern bis heute stehen bleiben konnte. Grösse, Form, Nutzung stehen im wahrsten Sinne völlig quer zur Nachbarschaft. Die Antwort lautet: Das putzige Haus hat offenbar erfolgreich Widerstand geleistet, obwohl es schon 1950, damals noch zusammen mit dem Rest der Häuserzeile, als fremd in seiner Umgebung bezeichnet wurde: „Kein Zweifel, unsere alten Häuserzeilen nehmen sich angesichts des neuzeitlichen Verkehrs seltsam aus“ (LNN. 1.8.1950).

Die ’normale‘ zu erwartende Stadtentwicklung hat sich hier eine Auszeit geleistet. Eine Auszeit, englische Planer nennen das Phänomen period of resistance, beschreibt einen bestimmten Zustand in der Entwicklung einer Stadt, eines Areals oder eines einzelnen Grundstücks oder Bauwerks. Die Auszeit ist meistens durch eine historisch, sozial oder kulturell nachgewiesene Widerstandskraft (eben eine period of resistance) begründet. Sie liegt also fern von Renditeüberlegungen. Ist die Auszeit stark, die Eigentümer offen und die Politik mutig genug, kann sie selbst organisierten Wandel zulassen und sogar die Durchsetzungskraft einer ungeplanten temporären Umzonung erhalten (Berlin hat es nach der Wende erlebt, Luzern hatte den Sedel). Zwischennutzungen in ehemaligen Industriearealen können als kontrollierte Form von Auszeit gesehen werden.

Zurück zum Beispiel an der Obergrundstrasse 21 in Luzern: Das Haus war einst Teil der Häusergruppe Nr. 21-31 entlang der Obergrundstrasse, seit dem 18. Jahrhundert aktenkundig. 1950 wurde die Häuserzeile mit Ausnahme der Nummer 21 abgebrochen zur Sanierung der Moosstrasse (LNN, 1.8. 1950, Vaterland 5.2. 1980). Auf dem Weg nach Kriens, dem Krienbach folgend, hat ein Vorstadthäuschen aus dem 18. Jahrhundert bis heute der Verstädterung entlang der alten Ausfallstrasse Widerstand und sich quasi selbst eine Auszeit geleistet. Was ist passiert, wer liefert die Erklärung?

Physik, Politik, Psychologie oder Foucault?

Widerstände werden in der Physik dazu verwendet, um den elektrischen Strom auf sinnvolle Werte zu begrenzen bzw. um elektrische Energie in Wärmeenergie umzuwandeln. Als technische und physikalische Größen ist Widerstand eine hemmende physikalische Kraft. Widerstand bedeutet in der Psychologie eine Ablehnung oder Abwehrhaltung. Politisch verweigert Widerstand die Gehorsamsverweigerung und Opposition gegen die Obrigkeit, zum Beispiel durch das Auflösen von Hausbesetzungen.

Michel Foucault hat Widerstand als Angriff auf Macht- und Herrschaftsverhältnisse definiert, die sich in eben diesen Verhältnissen bewegen und etablieren. Daraus zieht er den Schluss, dass sich Widerstand als Gegenpol mit der Macht wechselseitig bedingt. Machtverhältnisse können nur durch eine Vielfalt von Widerstandspunkten existieren, diese sind im Machtnetz präsent sowohl als Gegner wie auch als Stützpunkte, als Einfallstore und Zielscheiben (Wicki). Die illegale Aktion“ Danslieu“ 2006 an bester Lage vor dem Kongresshaus in Zürich hat vorgeführt, was das bedeutet. Nach dem Start der Aktion waren die Medien sofort da, um über die kreative Besetzerstadt aus Pappe, Stroh, Stoff, Draht und Holz (vgl. Bild mit aufgemalten Kameras) zu berichten; Politik und Polizei auch, und dennoch: Die demonstrativ vorgeführte Illegalität im öffentliche Stadtraum (es wurde dort auch geschlafen und ungeniert auf den Quai uriniert) wurde ein paar Tage lang geduldet.  Widerstand wurde in seiner kulturell und ideell überhöhten Form unausgesprochen als Teil des damals noch nicht geborenen Slogans „Wir leben Zürich“ interpretiert. ETH und UNI hatten gerade Semesterferien.

Ausdruck mutiger Stadtentwicklung

Glauben wir Foucault, dann gilt 1.: Widerstand ist immer Teil einer Stadtentwicklung, ob er sich nun durch alte Bausubstanz, Aktionen im öffentlichen Raum oder in Hausbesetzungen äussert. 2. Die Geschichte urbaner Auszeiten kann noch geschrieben werden, so auch an der Obergrundstrasse 21. 3. Wer weiss, vielleicht wird die Auszeit, der unkontrollierte Widerstand, dereinst sogar in städtebauliche Planungen und Projekte aufgenommen – dereinst. 4. Städtebauliche Auszeiten sind unter den Vorzeichen einer mutigen Stadtentwicklungspolitik ein möglicher Nährboden und Motor für innovativen Bedeutungswandel, der jede Stadt benötigt, will sie sich nicht allein auf Imagekampagnen und auf die Höhen und Tiefen im Immobilienmarkt verlassen. Vielleicht gilt sogar: Räumliche Auszeiten sind Ausdruck von Toleranz und sie ziehen Talente an!

 

Ein Stadion für Superbauern – von Nestern und Autoreifen

Ein Stadion für die Superbauern

Selbsternannte ikonische Bauten erzählen die Geschichte davon, wie das stilisierte Abbild eines Gegenstands, einer Idee, eines Kommunikationsziels geplant, verräumlicht und als Kultbild baulich verewigt werden kann. Die Gegenthese dazu lautet: Als Instrument und Rezept im Entwurf ist ikonisches Denken nicht anderes als ein Bauen für Zielgruppen – und deshalb noch lange nicht Architektur.

Ein stilisiertes Abbild eines Gegenstands ist ein Ikon. Bauten, die sich als Ikon verstehen, stehen demnach zeichenhaft für einen Gegenstand, eine Idee, eine Absicht, den die Betrachtenden aufgrund von Ähnlichkeiten erkennen. So einfach scheint es: Ein Stadion erinnert an einen Autoreifen. Und im Beispiel des holländischen Clubs ‘de Graafschap’ stimmt die Erzählung für alle Beteiligten: Das Stadion für 20’000 Fussballfans erinnert auf den ersten Blick an einen Traktorreifen. Der Investor Licotec, spezialisiert auf Dachkonstruktionen, will für die dortigen Fans, die „Superboeren’ (Superbauern), ein Stadion bauen, mit dem sie sich auf den ersten Blick identifizieren: „Ich, Fan und Superbauer, bin zufrieden, mein Stadion ist ein grosser Autoreifen.“

Ein architektonisches Ikon ist keine Ikone in Gestalt von Architektur

Die Sache hat einen Hacken: Ein Ikon ist nicht gleich einer Ikone. Eine Ikone ist historisch betrachtet ein religiöses Kultbild, und ein Heiligenbild ist mehr als eine stilisierte Abbildung eines Gegenstand bzw. einer Person. Aber: Das Birds Nest von HdM in Peking wurde doch bereits vor den Spielen, noch während der Bauarbeiten, medial weltweit als Kultbild, als Ikone dargestellt? Die Annahme, HdM hätten in China eine architektonische Ikone geschaffen, ist vertretbar. Die Annahme schon. Damit ist jedoch noch lange nicht die Frage beantwortet, ob das Bauwerk den Anspruch, von den Menschen als Kultbild identifiziert zu werden, tatsächlich erfüllen wird. Eine Antwort benötigt Zeit und darin liegt das Dilemma: Der Selbstdarstellung globaler Architekturproduzenten fehlt im Zeitalter der Ad-hoc-Publizität eben genau diese Ressource: Zeit.

Bauen oder Architektur?

Gibt es also überhaupt einen Unterschied zwischen dem Nest in Peking und dem geplanten Autoreifen in Holland? Vielleicht diesen in Form einer Behauptung: Das Stadion in Peking ist ein ernst zu nehmender Beitrag an die aktuelle Architekturdiskussion, das Stadion in Holland ein banales Bauen für Zielgruppen, oder anders formuliert: Ikonisches Bauen als direkte Stilisierung eines Gegenstands hat nicht a priori die Gestaltqualität, Wirkung und damit die architektonische Bedeutung eines von Menschen wahrgenommenen und getragenen Kultbilds, das die Form und Gestalt von Architektur angenommen hat. Ikonisch ist also nicht gleich ikonisch.

Zeitgeist medialer Bilderwelt

Soviel scheint klar: Ikonisches Denken und Bauen verspricht im Zeitgeist medialer Bilderwelten und unter dem Einfluss einer Kultur der Gesichter, in der jedes Produkt und repräsentative Bauten schnell bildlich und medial zum Sprechen gebracht werden müssen, eine anwendbare sichere Lösung für Aufmerksamkeit und damit für Erfolg. Das Entwerfen gleicht sich dabei leicht der Planung von Kommunikationsinstrument an: selbsternannte architektonische Ikons, wie das Stadion für die Superbauern in Holland, entstehen durch das eindimensionale Wirkungsdenken im Bauen für Zielgruppen. Daran ist im Prinzip nichts Schlechtes, wenn die kreative Leistung davon ausgeht, dass Bedeutungsinhalte auf vielfältigere Art und Weise – und in verschiedenen Köpfen, Kulturen, Situationen und Zeitdimensionen auf unterschiedlich Art und Weise – die Gestalt von Architektur annehmen können. Produkte, Management- und Kommunikationsziele haben immer noch kürzere Beine als Bauten aus Glas und Stein.

Architektur oder Design?

So spannt sich zwischen der banalen stilisierten Abbildung und der möglichen Wahrnehmung eines architektonischen Kultbilds ein Möglichkeitsraum auf, der über die Planbarkeit und die kommunikative Kontrolle von Marketingzielen hinausgeht und einen entscheidenden Faktor ins Spiel bringt: Zeit. Zudem stellen sich grundsätzliche Fragen, die die Architektur und die Kommunikation gleichermassen betreffen – vielleicht sogar auch die dehnbare Trennlinie zwischen Architektur und Design. Der italienische Architekt und Designer Cittério an diese Trennlinie anlässlich der Architekturgespräche 2008 in Luzern in seinem Sinn auf den Punkt gebracht: Der Designer denkt, „Ich baue, damit der Bauherr Geld verdient“. Der (traditionelle) Architekt denkt: „Ich baue, damit der Bauherr sein Geld ausgibt“.

Intelligente Architekten bauen für Zielgruppen

Es liegt wohl in der Natur der Sache, dass das Ikon als vereinfachtes und instrumentalisiertes Abbildungsmotiv in der Architektur, der angewandte und vereinfachte Ikonismus, die kommunikative Bedeutung und Möglichkeit im Planen und Bauen bis zur Banalisierung vereinfacht. Der Kreis um das Haus als Ente oder dekorierter Schuppen  bei Venturi schliesst sich einmal mehr. Das Innere ist jedoch vielschichtiger geworden: In der Logik einer unternehmerischen Markenarchitektur ist der Bau als Ikon umso attraktiver, je erfolgreicher er einen Beitrag leistet, dass die Zielgruppe sich wunschgemäss verhält, sprich kauft. Bei BMW hat man dazu genauere, systematisierte Vorstellungen zum Design und zur Rolle des Architekten entwickelt: Der „Intelligente Markenarchitekte“ (Zitat BMW) steht ganz im Dienst der baulich stilisierten Markenwerte. Die Marke – „das Grundeigentum der Wissensgesellschaft“ (Cittério) – und die zuständige Marketingabteilung gibt formale und materielle Vorgaben für Verkaufsräume: Scheiben- und Glasarchitektur und tragende Mauerscheiben stellen den Markenwert „dynamisch“ dar. Der gestalterische Spielraum für die Umsetzung wird sehr schnell, sehr eng. Intelligente Markenarchitekten sind deshalb bei BMW keine Stars und bleiben unsichtbar. Die Stars heissen bei BMW intern „flexible Stars“. So wie Coop Himmelb(l)au) in München leisten sie durch ihre eigenen Namen einen Mehrwert an den Markenwert der Firma bzw. der Produkte. Co-Branding heisst diese Markenstrategie. BMW ist nicht die einzige Firma, die damit erfolgreich ist. Herzog und de Meuron haben sich bei PRADA auf ein Co-Branding von Architektur, Produkt und Architekten eingelassen. Fortsetzung folgt. In Basel ist man einen Schritt weiter: Bei den Kunden von Hdm geht es darum, die Logik von Identitäten, architektonisch abzubilden.

Bildersturm statt Fussball

Zurück nach Holland, zum Stadion als Ikon: Die holländischen ‚Superboeren’, Fans, Sponsoren und die Spieler, verstehen ohne weitere Erklärung, wieso ihr Stadion wie ein Traktorreifen aussieht. Vielleicht sind alle Beteiligten unbewusst sogar froh darüber, dass ikonische Architektur, die in ihrer Wirkung und Bedeutung dem Ikonenbild nahe kommt, erst durch die Wahrnehmung in der Zeit entsteht und deshalb auch im Umfeld der Fussballgötter selten nachgefragt und auf Bestellung realisiert wird. Denn wer weiss: Wäre ihr Stadion von einem weltweit tätigen, flexiblen BMW-Star entworfen worden, hätten die Investoren und Erbauer statt eines Fussballfestes vielleicht einen holländischen Ikonoklasmus der Superbauern riskiert: den ersten Bildersturm aufgebrachter Fussballfans gegen das eigene Stadion.

Kommunikation diagonal

Cross-Media hat sich als Taktik im Management von verschiedenen Mitteln und Kanälen in der Kommunikation bewährt. Stadt- und Medienräume kommen sich näher – reale und virtuelle Räume lassen sich gewinnbringend verbinden. Mercedes als Beispiel für einen Best Urban Space rund um das Pferd.

Wenn im 20Min steht: „Mehr Bilder dazu gibt es auf www.20min.ch“, dann nennt sich das Prinzip, Inhalte diagonal auf verschiedene Medien zu verteilen, „Cross-Media“. Sinn und Zweck sind klar. Wenn ich die Leserinnen vom Blatt ins Internet bringe, können davon zwei Inserate bzw. Werbeplattformen profitieren, kurz: Der wirtschaftliche Werbepotenzial vergrössert sich zusammen mit dem Kommunikationsraum. Zudem berücksichtigt Cross-Media eine wichtige Grundregel erfolgreicher Kommunikation: Das Medium ist die Botschaft. Im Internet kann ich Botschaften anders vermitteln als auf Papier.

Cross-Media verräumlicht

Cross-Media ist in Unternehmen, die ihre Marke mit Hilfe der Firmenarchitektur pflegen, räumlich relevant. Das Beispiel Mercedes: Im neuen Museum in Stuttgart stehen die Besuchenden am Anfang der Ausstellung nicht vor einem Auto, sondern vor einem Pferd. Mercedes ist Sponsor des CIS in Zürich. Der Pferde-Anlass findet in einer Halle statt, wird jedoch u.a. mit Hilfe einer Reiterparade durch die Stadt Zürich promotet. Die Kommunikation findet diagonal zwischen verschiedenen Räumen statt; zwischen Haus, Stadt und virtuellen Kommunikationsräumen. Architektonisch im Museumsbau, städtebaulich in der Altstadt von Zürich, temporäre in der Event-Halle des CSI sowie medial im Internet und traditionell auf Printprodukten. Gemeinsames Symbol und Ausdruck der Markenwerte ist immer das Pferd.

Cross-Media ist nicht nur eines von mehreren Instrumenten der Unternehmenskommunikation. Cross-Media entwickelt sich darüber hinaus zu einem eigenständigen Segment im Kommunikationsmarkt: der Verwertung von öffentlichem Stadtraum. Hostcities, als spezielle Form von Event, heisst eines der Zauberworte: Der Fussballrasen im Stadion, die ökonomische Grundlage der FIFA und der UEFA, wird als kommerzieller Kommunikationsraum nicht nur medial vervielfacht, sondern auch im städtebaulichen Masstab gezielt verräumlicht. Cross-Media bedeutet hier, Botschaften, und damit Werbefläche, möglichst nahe und exklusiv mit dem Lebensraum (an die räumlich Identifikation) von Kunden zu verknüpfen. Weil dabei immer an Zielgruppen gedacht wird, schliesst Cross-Media deshalb immer auch Zielgruppen aus. Das Prinzip nennt sich entsprechend einladend: Clean City.

Architektur diagonal

Kommunikation diagonal (Cross-Media) heisst demnach, dass sich Architektur, Stadt, Medien- bzw. virtuelle Räume sich gewinnbringend näher kommen können. Aus Sicht der Unternehmenskommunikation sind Markenziele oder Wirkungsziele in der Kommunikation die Ausgangslage für die Art und Weise dieser Verbindung. Wie verhalten sich demgegenüber die öffentlichen und privaten Disziplinen der Architektur, des Städtebaus und der Raumplanung?

Logistik

 

Detail aus Stuttgart

„Der Architekt braucht seine eigene Logistik“, sagte Jean Nouvel zu einer Zeit, als er in Luzern noch darüber nachdachte, ob denn das KKL wohl je einmal gebaut würde. Logistik kann vieles heissen, und sie kommt in unterschiedlichster Form zum Ausdruck, oft im Detail. Das eine abgebildete Detail ist in Stuttgart am Mercedes-Museum anzuschauen, Architekt ist Ben van Berkel. Das andere findet man am Nordfuss des Pilatus, dort steht ein Fünfeckhaus von Oskar Burri aus dem Jahr 1944. In Stuttgart bleibt man (als Architekt/in) stehen und fragt sich, wie wohl das Alles auf einem Punkt irgendwie fast genau zusammen passt? What is this life, if we don’t have the time to stay and stare? (GBShaw), Logistik als Einladung zum Staunen, das passt irgendwie zum Museum eines Autokonzerns. Vor dem Haus von Oskar Burri bleiben die meisten Wanderer staunend stehen: Der Blick an den Berg ist fantastisch, die Details sind egal.

 

Detail Oskar Burri 1944

A wie authentisch: Zeit für eine Kurvendiskussion

Stadtfragen: Kurvendiskussion

Authentizität ist in der Wahrnehmung und Beurteilung von Architektur en vogue. Was hat das Zauberwort nun tatsächlich mit Qualität zu tun? Und worin zeigt sich diese? Natürlich an der qualitativ einzigartigen aber engen Spitze der Architekturproduktion: Dort, wo der Spagat zwischen Individualismus von Autor/innen, den Wünschen des Bauherrn und der Einzigartigkeit einer Bauaufgabe gerade noch gelingt, bevor narzistische Verlockungen medialer Aufmerksamkeit zum inhaltlosen Absturz führen.

Diagramm: Stadtfragen 2011: X-Achse=Beziehungsqualität; Y-Achse=Authentizität.

sta. Im Medienzeitalter interessieren Köpf mehr als Inhalte – Mediokratie könnte man das Phänomen nennen (Meyer). Dann, wenn das Denken, Handeln und Mitteilen in der Politik und in der Verwaltung nach den Spielregeln der Medien passiert: Im Zentrum steht dann die Person, ihre aussergewöhnliche Idee, ihre Glaubwürdigkeit, Qualität und der Mehrwert ihrer Einzigartigkeit. Das Zauberwort dazu heisst „Authentizität“. Als politisch glaubwürdig und mächtig gilt, wer ausdrücklich von sich spricht. Peter Schneider hat dies im Tagi vom 22.10.08 so kommentiert: „Die öffentliche Sphäre wird auf diese Weise privatisiert bzw. psychologisiert. Statt mehr Worte gibt es mehr Selbst.“ Kritisch ist diese Tendenz deshalb, weil je authentischer (d.h. identischer mit sich selbst) das Handeln und Auftreten ist, desto leerer ist es. Nachrichten und Entscheidungen aus der Politik drohen deshalb im Zustand der Mediokratie zu einem narzistischen Austausch zu werden. Jeder und jede versteht eigentlich nur noch sich selbst. Diese Art der Selbstdarstellung geniesst zwar die öffentliche Wahrnehmung, Präsenz und damit den Erfolg, sie bleibt jedoch beziehungsunfähig.

Macht zuviel Ego gute Architektur blind?

Stimmt die Diagnose der Mediokratie auch für das Denken, Entwerfen, Bauen und Vermitteln von Architekur und Stadt? Der weitgehend auch medial begründete Aufstieg der globalen Architekturstars, scheint zumindest nicht dagegen zu sprechen. Die viel zitierte und geforderte Authentizität im Entwurf und in der Beurteilung von Architektur macht deshalb möglicherweise nicht nur berühmt. Sie kann auch zur Bedrohung werden. Wer Architektur denkt, entwirft und baut und dabei einseitig auf den narzisstischen Austausch mit sich (oder einem engen Kreis von Gleichgesinnten) setzt, neigt zur Beziehungsunfähigkeit kann die Betrachter des Resultats narzisstischer Selbstverwirklichung sogar blind machen! Beispiele dafür, dass sich Architekten, Bauherren, Vertreter von Firmen CI’s und Markenkwerten explizit auf sich selbst beziehen und dadurch mediale Aufmerksamkeit geniessen können oder müssen, gibt es zuhauf. Sprachlich stehen dafür Begriffe  wie Autoren-Architektur, Marken-Architektur oder Coporate Architecture. Achtung: Gegen berühmte Architekten und ihre Werke ist nichts einzuwenden! Dennoch gilt es, abzuklären, an welchem Punkt die Forderung und das Verlangen nach Authentizität in der Architektur, so etwas wie der Spagat zwischen Qualität und Individualismus, in eine Richtung kippt, wo sie hauptsächlich beziehungslose Selbstdarstellung oder im Auge des Betrachters vor allem Leere hervorbringt.

Kurvendiskussion_traum

Versprechen am Marketinghimmel

Wie verhält es sich also mit der Behauptung, dass Architektur umso stimmiger und besser wird, je authentischer sie dem Ort, den Ideen des Architekten, den Vorgaben der Unternehmenswerte entspricht? Die lineare Steigerung ins Unendliche, das Versprechen zum linearen Weg in den Architekturhimmel des Marketings, gibt es nicht (vgl. Diagramm). Allein schon deshalb nicht, weil die Diskussion zwischen Architekt, Bauherr, Behörden und Unternehmer dem Wunsch nach uneingeschränkter Selbstverwirklichung im Weg steht. Vielleicht führt die Kurvendiskussion, die sich der architektonischen Qualität als Beziehungsqualität zwischen Entwerfer und Betrachter in Abhängigkeit vom Anteil des vom Autoren eingesetzten Individualismus bzw. seiner Authentizität eher zu folgender Einsicht: Dort, wo die Spitze der Architektur ihre seltenen Beispiele hervorbringt, haben es die am Bau Beteiligten aussergewöhnlich gut geschafft, die Einzigartigkeit und potentielle Authentizität einer Bauaufgabe nicht a priori dem Architekten zu überlassen. sondern im Prozess der Zusammenarbeit zu finden. Jede Spitze die Eigenschaft, beschränkt Platz anzubieten. Deshalb bleibt die Spitze dieser Art von Architekturproduktion nur wenigen vorbehalten.

Mediale Niederlage

Kommt hinzu, dass nicht nur Bergsteiger wissen: An der Spitze ist die Luft dünn, Orte oft einsam, es droht der Absturz. Auf dem Gipfel architektonischer Authentizität kann dieser Ort in die Einsamkeit und auf der Gegenseite in die Inhaltsleere und Blindheit der Betrachter führen. Wenn dem so ist, dann ist die Ausrichtung der Architektur auf die Regeln der personalisierten Medienwelt vielleicht sogar noch eine Abkürzung dorthin, wo die Beziehungsqualität vollends verkümmert. Es gilt dann lakonisch auszurufen: „Weniger Architektur, noch mehr Architektinnen und Architekten, Autorinnen und Autoren und Künstler“. Diese Entwicklung passt zur Beobachtung in der Mediengesellschaft, dass Architektinnen und Architekten und die Architektur als Mehrwert noch nie so präsent waren. Das muss nicht schlecht sein, wenn die Beziehungsqualität nicht ausschließlich darin gemessen wird. Denn sonst wird der Gipfelsturm der Authentizität zur Niederlage. „Der Sieg der medial auftrumpfenden Architektur ist ihre bitterste Niederlage“, wie Gerhard Matzig von der Süddeutschen Zeitung dazu einmal gesagt hat (HPT, 11/2008)

 

Selbstversuch: Wenn ich ein Haus wäre…

Selbstversuch 9/03

Die Forderung nach Authentizität in der Architektur kommt nicht am Thema Selbstgespräch vorbei: Welchen Anteil an der eigenen Persönlichkeit hat ein Entwurf? Wie stellt sich der Autor-Architekt selbst dar? Was bleibt, wenn das Bild für sich selbst spricht, ohne Expertensprache, Umweltbedingungen und bautechnische oder planerische Anforderungen? Die Fragen können Architektinnen und Architekten oder Bauherr/innen im Selbstversuch beantworten. Die Versuchsanordnung ist einfach: Flipchartpapier, roter Plakatstift und 20 Minuten Zeit und Ruhe braucht es, um die Frage „Wenn ich ein Haus wäre, würde ich heute so aussehen.“ zu beantworten.

Me, myself and the city

 

Show me! Architektur setzt Menschen in Bewegung

Die 11. Architektur Biennale in Venedig inszeniert unausgesprochen die Aufgaben der Architektur in einer fortschreitenden Ich-Gesellschaft: Rückmeldung, Interaktion, Inszenierung, Bestätigung, Selbstdarstellung. Derweil fordert das Thema Nachhaltigkeit die Gestalter/innen zum Blick in die Augen der eigenen Klientel auf.

Haben Lise Anne Couture und Hani Rashid mit ihrem Statement Recht, dass Kritiker in der Regel verängstigt, („frightened“) und die Theoretiker frustiert sind („that is the reality), dann ist ein Selbstgespräch über den Besuch der 11. Mostra Internazionale di Architettura unter dem Titel OUT THERE _ BEYOND ARCHITECTURE eine durchaus sinnvolle alternative Kurzberichterstattung: Ein Blog ist weder Kritik an die Adresse eines Empfängers, noch ist die Textform ernsthaft genug für eine theoretische Argumentation. Ein Blog genügt an erster Stelle sich selbst, darf behaupten, und er ist selbst einer von vielen Pendelschlägen, die in Richtung einer fortschreitenden „Ich-Gesellschaft“ zeigen.

Blick in die Augen

Stabile Verbindungen entstehen dann, wenn man den Menschen dort ernst nimmt, wo er sich gerade aufhält, und wo er sich möglicherweise sogar kollektiv in eine neue Richtung bewegt. „A sustainable city will put people first“, liess sich Barbara Southworth in der Publikation ecotopedia, die anlässlich der Biennale erschienen ist, zitieren. Die Menschen an den Anfang der Überlegungen zu einer nachhaltigen Stadt stellen, so lautet ihr Standpunkt. Dieser hat wenig mit der modernen Vorstellung des Architekten als Weltverbesserer und Heiler gemein. Vielmehr ist gemeint, dass sich Architekten und Urbanisten (als Autoren und Künstler) unter dem Primat der Nachhaltigkeit künftig konzentrierter auf den Blick in die Augen ihrer Klientel einzulassen haben; und dazu gehören nicht nur die direkten Auftraggeber.

Events sprechen Englisch

Me, myself and the city, so könnte der Slogan und gleichzeitig der Versuch lauten, eine Verbindung zwischen den in Venezia vorgetragenen Projekten, Manifesten und Installationen sowie dem durch die Veranstalter zur Diskussion gestellten Thema einer Architektur BEYOND BUILDING herzustellen. Im Arsenale stellen gleich mehrere Beiträge mögliche Forderungen auf, die die Menschen in der Ich-Gesellschaft an die Architektur und an die Stadt (und nicht umgekehrt!) stellen: Show me (interaktiver Auftakt im Arsenale), replace me (das Hologramm von Fuksas), touch and move me (u.a. Coop Himmelb(l)au), talk about me (Alphabetic City), but please, let me alone at home (S1NGLETOWN). Aus der Event-Sprache ins Deutsche übersetzt könnte das heissen: Architektur und städtische Räume bauen künftig dann eine authentische Verbindung zu den Menschen auf, wenn sie, die Menschen, von der gebauten Umwelt eine Rückmeldung und Bestätigung auf die eigene Bewegung erhalten, Auftrittsmöglichkeiten, Kanäle um sich mitzuteilen und einen auf die jeweilige Lebenssituation perfekt zugeschnittenen privaten Lebensraum.

BEYOND BUILDING: Sightseeing in Venedig

Sightseeing: Sehen mit der Kamera

Von einer derartigen Interpretation unberührt bleiben an der Mostra die Auftritte von Architekturstars, die Gastkünstler den Vortritt lassen (wie HdM und AI WEIWEI) oder Beiträge, bei denen das Staunen über die Perfektion der neusten Architektur-, Medien- und Interaktionsformen (Hadid/Asymptote/Lynn/MVRDV) zusammen mit der Jagd nach dem besten Foto die Wahrnehmung bestimmen. Und schliesslich Botschaften, die versuchen, die Kunst der Architektur als kulturelle Leitdisziplin wiederherzustellen wollen (Video-Interview mit Greg Lynn), scheitern an der Mostra 2008 daran, dass der Event institutionell und inhaltlich mehr oder weniger festgefahren ist und dabei die Zielgruppe der Touristenmassen aus aller Welt im Aug hat: Sie gehen – wie ich – hin, um zu sehen und abzulichten, was sie aus Bildern und Büchern schon kennen. Schon beinahe radikal zeitgemäss erscheint deshalb der schweizerische Beitrag: Experten führen via Video eine Diskussion mit sich selbst. Bravo.

Gute Architektur ist gutes Branding


Gute Architektur ist gutes Branding, weil gute Architektur beziehungsfähig ist.

Im neuen Mercedes Benz Museum in Stuttgart werden die Besucher/innen von einem Pferd begrüsst. In Luzern haben Fachleute an den Architekturgesprächen 2008 über das Modethema diskutiert. Das Büro für Stadtfragen hat im werk, bauen+wohnen darüber berichtet.

Im Umfeld des Brandings, der unternehmerischen Markenführung, treffen die Architektur und die Stadt auf die Bedeutung und Wirkung einer zielgerichteten Darstellung und Verräumlichung von Werten und deren Zeichen, auf die Ökonomie des unternehmerischen Raums und dessen Wahrnehmung mit den Füssen, den Augen und den Ohren.

Ben van Berkel, Mitbegründer und Direktor von UNStudio, drückt es so aus: „Das Mercedes-Benz Museum verbindet eine Reihe radikaler räumlicher Grundsätze miteinander und schafft so im Endergebnis eine völlig neue Typologie.“

Mercedes Benz Museum Stuttgart

Gefährliches Gespräch

Konversation

In Agatha Christie’s Krimi „The ABC Murders“, eine typische Ferien-Lektüre am Strand von Buzios, Brasilien, steht geschrieben, welche Gefahr jedes Gespräch in sich trägt. Hercule Poirot, pensionierter aber dennoch aktiver ‚detective‘, schreibt über die direkteste und alltäglichste Form der Kommunikation folgendes: „(…) there is nothing so dangerous for any one who has something to hide as conversation. Speech, (…) is an invention of man’s to prevent him from thinking. It is also an infallible means of discovering that which he wishes to hide. A human being (…) cannot resist the opportunity to reveal himself and express his personality which conversation gives him. Every time he will give himself away“. Und meint ungefähr: Für jemanden, der etwas zu verstecken hat, gibt es nichts Gefährlicheres als ein Gespräch, weil dabei kein Mensch der Möglichkeit widersteht, sich selbst mitzuteilen und dabei seine eigenes Versteck Preis zu geben. Es lebe der Alltagskrimi!