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32 Stunden – Weimar (D)

Der Besuch in der Stadt Weimar in Thüringen ist kein Vergnügen. Unweigerlich begegnet man den deutschen Klassikern und Nietzsche, der Weimarer Republik, der Moderne; trifft auf Adolf Hitlers gebautes Erbe, auf Kaffee und Kuchen, Rostbratwürste und Kutschenfahrten. Das Bauhaus wurde 1919 in Weimar geboren. Ihm widmet sich das neuste Museum am Platz, das zur Eröffnung keine Erfolgsgeschichte schreibt. Im Hotel Elephant am Marktplatz fällt der Abschied versöhnlich aus.

 

 

 

 

 

 

 

 

sta/Weimar/Bilder: Stadtfragen 2019

sta/190623. Freitag, 14.57 Uhr, Bahnhof Weimar. Orte entstehen, wenn Menschen sich in Räumen bewegen. Orte schreiben deshalb Geschichten. Im Hauptbahnhof in Weimar wurden zur Zeit des Nationalsozialismus die Häftlingstransporte zum nahegelegenen Konzentrations-lager Buchenwald bewegt. Wer diese Geschichte kennt, reist hier nicht heiter an.

Das Empfangsgebäude der DB, 1914-1922 im neoklassischen Stil erbaut, ist heute ein beschaulicher Ort. Die Station ist seit 2015 vom Netz der ICE-Züge abgeschnitten. Geblieben ist der kleinste McDonalds im Land. Er hat die Grösse eines Kiosk. Umso mehr Platz in der Bahnhofshalle nimmt der «Mäc-Geiz» ein. Willkommen in der Geburtsstadt der Weimarer Republik und des berühmten staatlichen Bauhauses! Dazu jedoch später.

Freitag, 17.30 Uhr, Bauhaus-Universität Weimar. Studierende der Fachrichtung Architektur sind bekannt dafür, dass sie lange an ihren Entwürfen arbeiten. So besteht an einem späten Freitag Nachmittag die Chance, dass im Hauptgebäude der Bauhaus-Universität Weimar noch Betrieb herrscht. Tatsächlich gelingt mir ein Blick in einen der Oberlichtsäle, wo Entwürfe skizziert und Modelle gebaut werden. Über hundert Jahre nach der Eröffnung des «Kunstgewerbeschulhaus», 1905/06 von Henry Van-de-Velde gebaut, hinterlässt der Arbeitsort immer noch den Eindruck von zeitlosen Räumen für ein kreatives und konzentriertes Schaffen. 

Freitag, 18.30 Uhr, Rostbratwurst und Spaziergang im Ilmpark. Wer sich ein dérive, das ziellose Schlendern vom Bahnhof aus, der Carl-August-Allee folgend, via Bauhaus-Universität, bis hinunter in das Stadtzentrum leistet, landet unweigerlich auf dem Weimarer Marktplatz. Für Kaffee und Kuchen (z.B. im «Frauentor») ist es um 18.30 Uhr schon eher (zu) spät – ebenso für einen Abstecher in Goethes Wohnhaus. Dafür ist der richtige Zeitpunkt gekommen für eine Thüringer Rostbratwurst mit obligater Senflinie obendrauf, die von fliegenden Wurstbuden angeboten werden. Danach eignet sich ein abendliches Sightseeing im Park an der Ilm. Der größte und bekannteste Landschaftspark in Weimar erstreckt sich auf einer Fläche von 48 Hektar beiderseits der Ilm über eine Länge von 1,6 km. Baumbestand, Landschaftsfenster und Parkarchitekturen machen den Ort zu einer der am besten erhaltenen städtischen Grünanlagen im Stil des Klassizismus und der Romantik. Seit 1998 steht der Ilmpark auf der Welterbeliste der UNESCO.

Samstag, 11.00 Uhr, Moderne zum Ersten. Das erste Bauhaus-Museum wurde 1995 in der ehemaligen Wagenremise am Theaterplatz in Weimar als Provisorium eingerichtet. Zum 100. Gründungsjubiläum des Bauhauses ist nun am 5. April 2019 ein Neubau am Stéphane-Hessel-Platz eröffnet worden. Im internationalen Architekturwettbewerb mit über 2000 Teilnehmenden aus 60 Nationen setzte sich 2011 das Team Heike Hanada um Benedict Tonon aus Berlin durch. Bis zur Eröffnung folgte ein steiniger Weg, begleitet durch eine öffentliche Fach- und Haushaltsdiskussion über die Richtigkeit und Schönheit der vorgeschlagenen Architektur, kurz: Beton oder Glas, Kiste oder Pavillon? Die direkt Betroffenen, die Stadt Weimar, die Fachkritiker und letztlich das Gebäude selbst, sind in diesem Streit, zumindest medial, gemeinsam gescheitert: Prompt folgte die Abrechnung punktgenau zur Eröffnung, nun unter den Augen eines internationalen Publikums. Der Reputationsschaden kann erahnt werden, stellt man sich sinnbildlich vor, dass in der klassischen Kultur- und Musikstadt Weimar, anlässlich der Uraufführung und Premiere eines prestigeträchtigen Werks – an Stelle eines selbstbewussten Auftakts mit einem Paukenschlag – schräge Töne aus allen Registern erklingen: üble Sache. Schon fast aberwitzig wirkt es deshalb, wenn die Lokalzeitung Thüringer Nachrichten einen Ausschnitt der Fassade des neuen Museums zum Bilderrätsel macht: «Was ist das?» (siehe Bild weiter unten).

 Wolfgang Kil ist es zu verdanken, dass er die Meinungen der Fachkollegen zum Neubau recherchiert und für die Nachwelt als Zitate-Sammlung unter dem Titel «Zwischen Wille und Verhängnis» veröffentlicht hat (marlowes.de, 30.4.19) : «Luftschutzbunker im Germania-Dekor», «eingehauster, havarierter Reaktor», «Mahnmal für etwas Schlimmes, was hier passiert ist», «Sarkophag», «düsterer Klotz». Und weiter: «Traurigkeit», «Beklemmung», «Lieblosigkeit», «Monotonie» und «Härte» soll der Neubau beim Publikum ausgelöst haben. Der harschen Kritik kann entgegnet werden, dass das, was mit dem Bauhausmuseum entstanden ist, zunächst doch eigentlich ganz vertraut kling: Der Neubau ist architektonisch ein minimalistischer, monumental anmutender Kubus am Rande des Weimarhallenparks. Die Fassade des Baukörpers ist aus gegossenem Beton und wird von horizontalen, nachts leuchtenden, Glasbändern gegliedert, die durch schwarze Streifen unterbrochen sind. Wo liegt die Quelle für die öffentliche Aufregung?

Niklas Maak hat in der FAZ den treffendsten Titel gesetzt: «Die eingehauste Moderne». Das neue Bauhaus-Museum ist nicht einfach nur ein Museum. Das Bauhaus steht für das Paradigma der Moderne und ihre grundlegenden Werte. Auf der an diesem Samstag windigen Terrasse der Cafeteria sitzend, bringt die FAZ-Schlagzeile mich dazu, meine eigenen Eindrücke aus dem Besuch des Museum zu sammeln. Da steht stellvertretend für andere Exponate die berühmte Bauhauswiege von Peter Keller (1922) hinter der dicken Betonmauer in einer Glasvitrine, umgeben von weiteren Vitrinen und Tischen. Das Gedränge, um einen Blick auf das Lieblingsstück zu erhaschen, ist  gross. Der Raum im ersten Obergeschoss und weitere, die folgen, sind wohl für manch anderen Gast auch zu dunkel und zu dicht möbliert. Wer vom Neubau etwa Grosszügigkeit, Kreativität und die Lust an der Gestaltung des neuen Menschen erwartet, für welche die Idee Bauhaus ja letztlich steht, wird enttäuscht.

Das auf 1.874 Quadratmetern eingehauste Bauhaus-Erbe lässt trotz feinen architektonischen Linien, grau in grau abgestimmten Materialien und einzelnen, sehr eindrücklichen Exponaten neben Enttäuschung auch eine Vermutung zu: Die Besteller und die Entwerferin, die Peter Zumthor ganz gut findet (sind die engen, einläufigen Treppen sogar ein Bregenzer Zitat?), haben sich hier an einer mit Bedeutungen und Erwartungen übermässig aufgeladenen Aufgabe die Zähne ausgebissen.

Aber wie konnte das nur passieren? Lag es an der falsch eingeschätzten, vermeintlichen Vertrautheit und Überzeugungskraft des architektonischen Konzepts, nämlich mit einer minimalistischen Kiste und formalen Analogien aus der Umgebungsarchitektur einen Ort für das Bauhaus-Erbe bauen und gleichzeitig den durch die NAZIS angerichteten, konfliktvollen Städtebau in der Nachbarschaft heilen zu wollen?

Oder waren die politisch und kulturell überhöhten Erwartungen an ein neues Museum in der Weimarer Öffentlichkeit einfach zu mächtig, als dass die Aufgabe unter Applaus hätte gelöst werden können?

Nicht zufällig fiel die Vertreibung des Bauhauses aus Weimar 1925 in das Jahr, in dem im Weimarer Landtag ein grundlegender, rechtsradikaler Wandel  gegen die noch junge Weimarer Republik stattfand. Ging es beim Neubau daher nicht auch darum, an die Adresse des Bauhauses, der Nachkommenschaft und des Kulturstandorts Weimar 100 Jahre nach der Vertreibung einen würdigen und versöhnlichen Erinnerungsort zu schaffen, gar eine politisch-gesellschaftliche Wiedergutmachung? 

An meiner Tasse Tee auf der Museumsterrasse nippend, wage ich ein vorläufiges Urteil: 100 Jahre Geschichte und ehrgeizig formulierte Standortmarketingziele reichen als Legitimation für die architektonische Einhausung einer Legende, was das Bauhaus ist, einfach nicht aus. Das neue Museum wird deshalb nicht erreichen, dass auch die Seele der Institution Bauhaus, die kulturelle und emotionale Verbundenheit mit der ursprünglichen Idee, mindestens ein Stückweit, wieder näher an die Geburtsstadt Weimar heranrückt. Das Museum ist überdies ein gutes Beispiel dafür, wie nachhaltige gesellschaftliche Veränderungen funktionieren: Nicht durch Technik, nicht durch Städtebau und Beton, sondern im Kern kulturell initiiert und emotional breit mitgetragen, wie es damals 1919 bei der Bauhausgründung zumindest in einer kleinen Gruppe der Fall gewesen sein mag.

Samstag, 14.00 Uhr, Moderne zum Zweiten. Das Haus am Horn kann seit Mai 2019 wieder besichtigt werden. In den Prospekten ist das Baudenkmal eine «architektonische Sensation». Was als Musterhaus für das neue Wohnen anlässlich der in Weimar ersten Bauhaus-Ausstellung 1923 das Publikum beeindruckt haben mag, wirkt heute jedoch eher wie ein Mahnmal gegen das funktionalistische Versprechen auf ein zweckmässiges Lebens: Das quadratisch angelegte Gebäude mit überhohem zentralen Wohnraum wirkt mickrig. Schon bei 24 Grad Celsius Aussentemperatur gleicht das Innenklima einem Backofen. Leicht zu erkennen ist: Die exemplarisch propagierte, scharfe Trennung der verschiedenen Wohnfunktionen (beispielhaft das «Zimmer des Herren») hat sich, mit den heutigen Augen betrachtet, verlebt.

Die Bedeutung, die dem Haus in Weimar 95 Jahre nach der Entstehung heute noch zugetragen wird, gründet wohl darin, dass der Prototyp das einzige in Weimar fertig gestellte Zeugnis des Bauhauses darstellt. Das Gebäude am Horn wurde 1924 vom Bauhaus-Direktor Walter Gropius als Bauherr und nach dem Entwurf von Georg Muche in Auftrag gegeben. Die Siedlung der «Meisterhäuser» konnte erst in Dessau, nachdem das Bauhaus 1925 aus Weimar vertrieben worden war, realisiert werden. Seit 1996 ist auch das Haus am Horn, das zwischenzeitlich bewohnt und 1998/99 letztmals saniert wurde, UNESCO Weltkulturerbe.

Samstag, 16.30 Uhr, Gauforum mit Hitler-Rippe. Zwei grosse Anlagen hat Adolf Hitlers Machtapparat der Stadt Weimar aus dem II. Weltkrieg hinterlassen: Das Konzentrationslager Buchenwald auf dem Ettersberg, das wenige Kilometer ausserhalb der Stadt liegt und das Gauforum auf halbem Weg zwischen Bahnhof und Innenstadt. Adolf Hitler soll Weimar persönlich als Musterstadt für den Bau eine sogenannten «Gauforums» bestimmt haben (vgl. dazu: N. Korrek, Das Gauforum in Weimar, Verlag der Bauhaus-Universität Weimar, 2011). Damit verbunden war die Aufgabe, Verwaltungs- und Repräsentationsbauten sowie einen Aufmarschplatz für die Partei, die Volksgemeinschaft und deren Anführer zu schaffen.

1926 kehrte Hitler als Führer der NSDAP nach Weimar zurück. In seinen Augen war die Architektur damals «unter dem Motto der Sachlichkeit» (ebenda.) bereits degradiert, ja zum «zum künstlerischen Unsinn, zum Betrug» geworden. Für den Bau des Gauforums galt indes Hitlers Formel, dass «Je grösser die Anforderungen des Staates an seine Bürger sind, um so gewaltiger muss der Staat auch seinen Bürgern erscheinen» (Korrek).

Mit der Realisierung des Gauforums nach den Plänen von Hermann Giesler wurden 150 Häuser und Wohn- und Gewerberaum von 1 600 Weimarer Bürgerinnen zerstört. Mit «Gradlinigkeit», «Wucht» und «Grösse» sollten die Bauten die nationalsozialistische Willens- und Gestaltungskraft zum Ausdruck bringen. Hitler selbst erhöhte die Symbolik des Gauforums zusätzlich, indem er dem Bauprogramm, zusätzlich zu den bereits geplanten Gebäuden für die Partei, einen über 60 Meter hohen Glockenturm und eine Mehrzweckhalle für Feste und Rituale hinzufügte. Die «Halle der Volksgemeinschaft» sollte in der Bedeutung im Zentrum stehen und 15 000 Menschen Platz bieten. Städtebau und Architektur des Gauforums stehen beispielhaft dafür, wie sie durch die Nazis als Medium der Kriegspropaganda eingesetzt wurden: Als Orte für grosse, gemeinsame Feste, Symbole für die bevorstehende Schlacht, bevor man gemeinsam in den richtigen Krieg zog.

Der Bau des Weimarer Gauforums ab 1936 wurde aufgrund des Kriegsverlaufs nie abgeschlossen. Nach Kriegsende wurde der Aufmarschplatz mit dem Namen «Platz Adolf Hitlers» durch die Amerikaner (sic!) zum «Karl-Marx-Platz» umbenannt. Seit 1999 hat das Gauforum die Adresse «Weimarplatz». Der geplante Glockenturm blieb Stückwerk. Die grosse Halle für das Volk blieb nach Kriegsende als unvollendete Tragwerkskonstruktion aus Spannbeton-Bindern bestehen. Im Volksmund bürgerte sich für den Anblick, den das Bauwerk anbot, die Bezeichnung «Hitler-Rippe» ein. In den 1970er Jahren wurde aus dem Gebäude eine Mehrzweckhalle mit Restaurant. Seit ein paar Jahren sind sämtliche Gebäude des Gauforums restauriert. In die grosse Halle wurde das «Atrium» eingebaut, ein Shoppingcenter. Die Tiefgarage liegt unter dem als Aufmarschplatz geplanten Bereich, der dadurch nicht betreten werden kann. Im dritten Geschoss des Konsumtempels liegt die historische Dachkonstruktion teilweise immer noch frei. Ein Ausschnitt der «Hitler-Rippe» ist bis heute sichtbar geblieben.

Samstag, 20.00 Uhr, Hotel Elephant. Zurück am Weimarer Markplatz. 1937 wurde hier das 400-jährige historische Hotel-Gebäude, der «Elephant», wegen angeblicher Baufälligkeit abgerissen und 1938 wieder neu errichtet. Das Hotel galt damals mit seinem Autolift als eines der modernsten in Europa. Das Motto für den Neubau kam vom Architekten Hermann Giesler, der zuvor schon das Gauforum entworfen hatte: «Keine Karawanserei und keine aufgeblasene Hotelarroganz, keine Effekthascherei – sondern eine zeitentsprechende Gestaltung, die der Tradition und der Würde des alten ‚Elephanten‘ entspricht. Schlichtheit, verbunden mit solider Ausführung, auch in allen Details.» Adolf Hitler ließ sich bei seinen Aufenthalten in Weimar von der Bevölkerung mit folgendem Vers auf den für ihn geschaffenen Balkon des Hotels rufen: «Lieber Führer, komm heraus aus dem Elefantenhaus.» Das «Elephant» wurde 1955 wiedereröffnet, es gehört heute zur Marke «Marriott International» und gilt mit seinem ausgezeichneten Restaurant als eine der besten Adressen in Weimar. In der blauen Stunde über dem Weimarer Marktplatz und bei einem Glas Wein eignet sich der Elephant für einen versöhnlichen Abschied aus Thüringen sehr gut.