Archiv der Kategorie: Stadtentwicklung

Das Neue Luzerner Theater muss dort sein, wo das Leben in der Stadt pulsiert.

Ein Gespräch mit Max Bosshard über seine Herkunft und seine Arbeit als Architekt.

Architekt Max Bosshard in seinem Büro an der Mythenstrasse 7 in Luzern. Bild: Ralph Eichenberger

sta/2105. 1973 stand Max Bosshard aus Zürich als junger Architekt mit langen Haaren und Bart auf dem Klassenfoto zur Ausstellung La Città analoga anlässlich der 15. Triennale de Milano. Zu seiner Linken sein berühmter Lehrer Aldo Rossi (†1997). Seither hat Max Bosshard seine Liebe zum Reisen und zur Stadt gelebt, zusammen mit Christoph Luchsinger (†2019) geforscht, publiziert, in Luzern und Wien Architekturbüros geführt und an der ZHAW Winterthur das Institut Urban Landscape geleitet. Zum Projekt Neues Luzerner Theater hat er im Auftrag der Stadt und der Projektierungsgesellschaft nicht nur eigene Studien beigetragen, sondern auch eine dezidierte, persönliche Meinung: Ein Neubau mitten in der Stadt ist die beste Lösung. Heute ist Max Bosshard 72, und er spielt mit dem Gedanken, sein Architekturbüro irgendwann aufzulösen

Max, weshalb bist du Architekt geworden? Das war keine Berufung, eher eine Wahl im Ausschlussverfahren: Ich war als Schüler am Gymnasium in Wetzikon sehr gut in den Naturwissenschaften. Unser Fachlehrer wollte deshalb, dass aus mir ein Chemiestudent wird. Ich wollte aber nicht dasselbe studieren, wie ein Grossteil meiner Mitschüler*innen. Und für Sprachen fehlte mir leider das Talent. Also habe ich Architektur gewählt.

Dein Architekturstudium war ein Zufall? Nicht ganz. Ich habe mich damals eher unbewusst für die richtige Berufswahl entschieden. Durch die Reisen mit der Familie vor allem nach Italien interessierten mich Städte mit ihren historischen Bauten schon sehr früh. Auch das Zeichnen, die Fotografie und der Film haben mich fasziniert. Und: Le Corbusier war mir damals durchaus ein Begriff!

Le Corbusier ist ein überzeugendes Argument für die Wahl deines Studiums. (lacht) Ich habe mich gut auf das Gespräch vorbereitet.

So wie auf deine ganze Karriere? Ganz und gar nicht. Ich habe nie weit vorausgeplant. Lieber habe ich in meinem Leben immer wieder Möglichkeiten für mich erkannt und sie dann auch genutzt.

Wie entscheidend war das Studiensemester an der ETH Zürich unter Aldo Rossi? Sehr wichtig. Aldo Rossi war damals in Zürich Gastdozent. Er gab mir in meinem vierten Studienjahr die Möglichkeit, mein Projekt an der 15. Triennale de Milano zu zeigen. Als Beweis dafür gibt es ein «Klassenfoto» mit allen, die damals an der Ausstellung beteiligt waren[1]. Mit Bruno Reichlin, Fabio Reinhart und Heinrich Helfenstein sind übrigens noch drei weitere Schweizer auf dem Bild. Bruno Reichlin und Fabio Reinhart hatten mit einem Projekt zum Seeanstoss der linksufrigen Limmatstadt einen wesentlichen Beitrag an die Ausstellung geleistet. Heinrich Helfenstein war der Fotograf. Alle drei waren Assistenten von Aldo Rossi an der ETHZ.

Auffallend ist, dass die Schweizer auf dem Bild damals alle Bärte trugen. Stimmt. Bei mir war das so: Auf einer dreimonatigen Reise entlang der Dalmatinischen Küste, durch die Ägäis und über Anatolien und Syrien bis nach Beirut liess ich meine Haare und eben einen Bart wachsen. Ich erinnere mich gut, dass die Bärte für Aldo damals typisch waren für die ‘urchigen’ Schweizer Architekten.

Klassenfoto vor Arduino Cantaforas Wandgemälde «La Città analoga» für die XV. Triennale di Milano 1973. Max Bosshard: hintere Reihe, 5. von links. Aldo Rossi: 6. von links / Bild: Heinrich Helfenstein

Was ging dir mit 24 Jahren durch den Kopf, als du in Mailand neben Aldo Rossi porträtiert wurdest? Ich war damals vor allem sehr stolz darauf, in Italien an einer grossen Ausstellung meine eigene Studentenarbeit ausstellen zu dürfen. Das war speziell. Dass ich auf dem Bild direkt neben Aldo Rossi und dem damaligen Team in seinem Studio stehe, ist aber ein Zufall.

Wohl nicht ganz: Ein Jahr später hast du selbst bei Rossi in Mailand gearbeitet. Was hast du dort genau gemacht? Das stimmt allerdings. Wahrscheinlich half auch, dass Rossi bei mir mit seinem Unterricht an der ETH die Begeisterung und das Interesse für den Entwurf wieder-geweckt hatte. Im Büroalltag in Mailand haben wir Mitarbeiter vor allem seine skizzierten Ideen zeichnerisch ebenbürtig umgesetzt. Die Pläne mit harten und dunklen Schatten erinnerten damals sehr an Werke des Künstlers Giorgio de Chirico, z.B. an das Gemälde Piazza d’Italia (1945–49). Oft war Rossi unterwegs und deshalb gar nicht im Büro anwesend. Mich persönlich hat damals in Mailand der neue kulturelle Hintergrund geprägt, ich sage es mal so: Im Büro von Rossi wurde vor allem bei den gemeinsamen Essen mehr über Film, Theater und Kulinarisches gesprochen als über Bauten.

Und bestimmt war die Politik ein Thema. Rossi war ein überzeugter Kommunist und wurde deshalb als Professor suspendiertHat er dich auch politisiert? Nein, das geschah bei mir schon früher im Studium: Das berühmte Jahr 1968 war mein erstes Studienjahr. Im dritten, bei dem Gastdozenten Jörn Janssen, haben wir gar nicht mehr entworfen, dafür umso heftiger hierarchiefrei diskutiert, basisdemokratisch entschieden und uns mit Politischer Ökonomie befasst. Viele meiner Freunde und Mitstudierende haben sich zu dieser Zeit linken Organisationen wie der KPS/ML (Anmerkung: Kommunistische Partei der Schweiz/Marxisten-Leninisten) angeschlossen und ihren Blick nach China ausgerichtet. Das war nichts für mich. Trotzdem würde ich mich bis heute als einen politisch denkenden Architekten beschreiben. Die Zeit bei Rossi hat mich vor allem gelehrt, als Architekt Haltung zu zeigen.

Äusserst du dich auch politisch? Ich war nie Mitglied einer Partei, obwohl ich früher die POCH gewählt habe und heute die Grünen unterstütze. Ich kann mich als Architekt trotzdem sehr gut politisch äussern: mit meinen Entwürfen, als Experte oder als Lehrer. Zum Beispiel sind städtebauliche Aufgaben für mich nie nur gestalterische Angelegenheiten oder Fragen des Ortsbildschutzes. Wenn ich als Architekt der Meinung bin, dass eine Architektur aufgrund ihrer Nutzung dem Ort nicht gerecht wird, dann ist das immer auch eine politische Aussage.

Denkst du dabei an ein bestimmtes Beispiel? In Luzern könnte man den Erhalt der Zentralbibliothek oder das Projekt Neues Luzerner Theater nennen. In beiden Beispielen geht es im Kern auch um die politische Frage nach einer öffentlichen Nutzung an einem zentralen Standort in der Stadt.

Aldo Rossi hat für die Architekturbiennale 1979 in Venedig das Teatro del Mondo gebaut: einen schwimmenden Theaterbau, gleichzeitig Gebäude, Kulisse und eine Inszenierung der Landschaft. Was hat das Projekt mit der Diskussion um den Theaterneubau in Luzern zu tun? Das Theatro del Mondo war ein architektonisches Objekt auf Zeit, das in Beziehung gesetzt wurde zur Architektur Venedigs. In ihm haben sich verschiedene Bedeutungen überlagert, die über die Funktion als Theater hinausgingen. Das Neue Luzerner Theater sollte ein städtebaulich, architektonisch und funktional bedeutungsvolles Gebäude werden, sicher kein historisierender Kulissenbau oder eine hermetische Blackbox. In Analogie zum Teatro del Mondo sind am Theaterplatz in Luzern der Bezug zum Wasser, zum Stadtprospekt des Flussraums und zur Geschichte des Theaterbaus entscheidende Entwurfsthemen.

Gebäude, Kulisse und inszenierte Landschaft: Das Teatro del Mondo in Venedig. Aldo Rossi, 1979 / Bild: unbekannt

Das Anliegen der Denkmalpflege, das bestehende Gebäude bzw. einen Teil der Fassade zu erhalten, könnte man durchaus als Aufforderung zum Kulissenbau interpretieren. Was ist deine Haltung? Worum es in dieser Diskussion eigentlich geht, ist mir bis heute nicht ganz klar geworden: Geht es um den Erhalt des Ortsbildes, oder geht es um einen weitgehenden Erhalt des bestehenden Gebäudes? Für mich bedeutet Ortsbildschutz immer die Möglichkeit, den Interpretationsspielraum zu haben, welche Qualitäten und baulichen Elemente erhalten werden sollen. Mit unserer Machbarkeitsstudie zu einem Neubau haben wir vorgeschlagen, mit einem leicht höheren Bauvolumen über dem bestehenden Fussabdruck sowie mit dem Erhalt der stadträumlichen Situation zur Reuss künftig an das heutige Theater zu erinnern. Mit einer Sanierung und einem Anbau an das bestehende Haus können die bestellten Nutzungen und technischen Einrichtungen hingegen kaum untergebracht werden. Es braucht an diesem Ort deshalb einen städtebaulich und architektonisch überzeugenden Neuanfang: einen Neubau.

Das jetzige Theater ist aus deiner Sicht demnach nicht schützenswert? Das Gebäude ist gesetzlich nicht geschützt. Die bauliche Substanz ist in einem schlechten Zustand und wurde in der Vergangenheit mehrfach verändert. In der bisherigen Diskussion ging es aus meiner Sicht vor allem um Planungssicherheit, nämlich darum, allfällige Einsprachen im Planungsprozess vorab zu vermeiden. Unbestritten ist, dass die heutige Stellung des Theatergebäudes im Stadtbild von Bedeutung ist.  Neu zu interpretieren und zu gestalten gilt es deshalb den Standort am Fluss, an der Bahnhofstrasse und in der Nachbarschaft zur Jesuitenkirche. Kulturell könnte man auch argumentieren, dass am Theaterplatz hauptsächlich ein Kapitel Theatergeschichte und ein Kulturstandort zu erhalten sind. Im Spätmittelalter bis in die frühe Neuzeit fanden die Aufführungen zuerst auf den Plätzen der Altstadt statt, später im benachbarten Jesuitenhof und erst danach im Luzerner Theater.

Schliesst du demnach alternative Standorte aus? Eigentlich schon. In dieser Frage stehe ich auf der Seite der Tradition. Das neue Luzerner Theater muss dort sein, wo die Menschen sind, auch dann, wenn sie nicht ins Theater gehen. In Luzern ist dieser Ort der Theaterplatz. Ich habe mir dazu einige interessante Beispiele aus den 1950er Jahren in Deutschland angeschaut. Postuliert wurde damals eine ‘demokratische’ Architektur: Im neuen Nationaltheater Mannheim (1957) wurde das Foyer als Teil des Stadtraums verstanden. Das Geschehen im Foyer des Musiktheaters im Revier in Gelsenkirchen (1959) musste für jedermann einsehbar sein. Von diesen Ideen bin ich heute noch überzeugt. Sie schaffen die nötige Nähe zum Publikum und zur Bevölkerung. Ähnlich wie in den genannten Beispielen kann am Theaterplatz Luzern mit einem Neubau ein durchlässiger öffentlicher Raum entstehen. Das wurde im Pflichtenheft der Testplanung bereits so formuliert. Und davon werden das städtische Leben und der Theaterbetrieb in Luzern gleichermassen profitieren. Das Gegenteil wäre die erwähnte Blackbox: ein hermetisch abgeschlossenes Bauvolumen, in das man für den Besuch einer Theateraufführung quasi hineinschlüpfen muss. Ein solches Szenario kann ich mir für den Theaterplatz in Luzern nicht vorstellen.

Das Luzerner Theater an seiner heutigen, städtebaulich prominenten Lage direkt an der Reuss. Bild: Keystone

Das Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen (1959) zeigt seine Offenheit und Transparenz gegenüber der Stadt. Bild: dpa©picture-alliance/ dpa

Wenn du König von Luzern wärst, welche Architekten würdest du direkt mit dem Neubau beauftragen? (Spontan) Roger Diener, weil er Mitglied der Eidgenössischen Kommission für Denkmalpflege ist, die sich vehement gegen einen Neubau ausgesprochen hat.

Das meinst du jetzt zynisch! Ganz und gar nicht. Gerade Roger Diener hat mit seinen Gebäuden immer wieder bewiesen, dass ein baulicher Bestand erfolgreich in eine neue Aufgabenstellung integriert werden kann. Zudem steht es den Teilnehmenden am Wettbewerb, trotz Entscheid für einen Neubau, ja immer noch frei, das bestehende Theatergebäude oder Teile davon in ihren Projektvorschlag einzubeziehen. Deshalb würde ein Lösungsansatz aus dem Architekturbüro Roger Diener bestimmt zu einer interessanten Auseinandersetzung mit der Aufgabenstellung führen.

Sprechen wir über deine eigene Arbeit. Wie kam es zu deiner weniger technisch, dafür umso mehr kulturell motivierten Liebe zur Stadt? Von Aldo Rossi haben wir bereits gesprochen. Meine Liebe zur Stadt habe ich dann spätestens als Assistent bei Paul Hofer an der ETH so richtig entdeckt. Wir haben Städte damals vor allem morphologisch untersucht. Die geteilte Freude an Reisen und der Erkundung von Städten waren entscheidend dafür, dass es zur Zusammenarbeit mit Christoph Luchsinger und 1990 zur Bürogründung kam. Kennen gelernt hatten wir uns schon vorher als Assistenten an der ETH. Wir waren damals oft gemeinsam auf Studienreisen unterwegs.

Gibt es ein Gebäude, das typisch ist für die Architektur von Bosshard & Luchsinger? Ein typisches Gebäude im Sinne einer Handschrift gibt es nicht. Uns hat es nie interessiert, eine eigene Architektur-Marke zu etablieren. Aldo Rossi würde sagen: ‘Ein Projekt kannst du nur in der Stadt verankern, wenn du die allgemeinen Eigenarten der Stadt auf die Motive des eigenen Entwurfs überträgst.’ Dieser Haltung sind wir bei Bosshard & Luchsinger stets treu geblieben. Unsere Projekte haben immer verschiedene Ansätze verfolgt: Einmal war der Kontext für die Formfindung entscheidend, ein andermal vielleicht hauptsächlich die geforderte Nutzung. Vielleicht ist diese Haltung auch der Grund dafür, dass wir keines unserer Projekte jemals bereut haben, so wie das Berufskolleg*innen manchmal tun.

Trotzdem: Gibt es dein persönliches Lieblingsprojekt? Es gibt mehrere: Ein wichtiges und hinsichtlich einer Haltung typisches Projekt ist der Neubau der Siedlung Weinbergli, den wir für die abl in Luzern realisiert haben. Das lange Wohnhaus am Hang zeigt eine klare städtebauliche Haltung. Die Architektur prägt das Stadtbild.

Inszenierte Landschaft mit Blick auf die Rigi: Wohnsiedlung Weinbergli von Bosshard & Luchsinger Architekten, 2012. Bild: archithese

Und wie lautete eure Leitidee für den Entwurf? Die markante Gebäudezeile inszeniert die doppelte Hanglage sowie die Ausblicke auf die Rigi und auf den See. Die Architektur wird zu einem Statement gegenüber der Landschaft. Das Projekt erinnert mich an unsere Publikation «Verrücktes Luzern»[2]. Wir haben darin mit zahlreichen Beispielen aufgezeigt, dass die Inszenierung der Landschaft und ihre Verwertung in der Baugeschichte von Luzern eine lange Tradition haben. Das Entwurfsthema Landschaft haben wir auch bei der Turnhalle für das Sälischulhaus augenfällig umgesetzt. Sie ist im Boden versenkt und das Dach steht als Terrasse zur Verfügung. Dadurch haben wir die Schulanlage nicht einfach zusätzlich bebaut, sondern städtebaulich und in ihrer Funktion als Freiraum landschaftlich neu modelliert.

Das leuchtet ein und passt irgendwie zu einer Forderung von euch: Pragmatismus statt «akribisch durchdeklinierte Details und Zeitgeist». Was bedeutet das für den Alltag mit Bauherren, Terminplänen und Budgets? Mir geht es beim Pragmatismus um eine Grundeinstellung, die nicht den schweizerischen Perfektionismus in der Umsetzung von Architektur sucht. Entscheidend ist nicht das Design jeder einzelnen Schraube. Es geht darum, einer überzeugenden Idee zu folgen und diese präzise umzusetzen. Aldo Rossi war der Auffassung, dass in einem architektonischen oder städtebaulichen Projekt immer nur ein paar wenige Dinge entscheidend sind: die Grundidee, die gewählte Typologie, das Material. Einmal mehr geht es darum, dass ich als Architekt ein klares Statement abgeben und umsetzen kann.

Ihr habt eure Bauten immer ausführlich beschrieben und erklärt. Weshalb ist es nicht selbstverständlich, dass Architekten ihre Bauten erklären können? Aldo Rossi hat zwischen den «professionisti» und den «anderen» Architekt*innen unterschieden. Wir setzen nicht nur möglichst professionell ein Bauprogramm um, sondern verorten den Entwurf in einem stadträumlichen und kulturellen Kontext. So bringen wir auch einen Diskurs über Architektur ein und das einzelne Gebäude erhält seinen kulturellen Wert. Zu dieser Arbeit gehören auch das Sprechen und Nachdenken über die eigene Tätigkeit als Architekt im Allgemeinen und über den einzelnen Entwurf im Speziellen. Diese Auffassung steht für die Schule, in der ich gross geworden bin. Sie ist für mich selbstverständlich.

Dein Büropartner Christoph Luchsinger ist Ende 2019 verstorben. Du selbst wirst 72. Wie geht es mit dem Büro weiter? Das Büro werde ich wahrscheinlich dann schliessen, wenn keine Aufträge mehr da sind. Vorher würde ich gerne noch das eine oder andere machen, z.B. an städtebaulichen Studien arbeiten. Die Teilnahme am Wettbewerb für das Neue Luzerner Theater ist aber im Büro kein Thema. Das Projekt dauert zu lange und die Aufgabe ist für die Bürogrösse zu aufwändig.

War eine Nachfolge nie ein Thema? Wir haben immer wieder über die Zukunft des Büros in Luzern und unserer Filiale in Wien, die Christoph geführt hat, gesprochen. Die Nachfolgeplanung sind wir aber nie konkret angegangen und haben sie irgendwie verpasst. Unter meinen Berufskolleg*innen gibt es solche, die ihr Büro an Partner*innen übergeben. Andere haben es aufgelöst. Ich werde Bosshard & Luchsinger wohl auch irgendwann auflösen. Wie bereits gesagt: Ich habe in meinem Leben nie weit vorausgeplant.

Blick auf die Stadtlandschaft von Split / Foto: Max Bosshard, undatiert

Ich habe dich gebeten, einen Gegenstand zum Gespräch mitzubringen, den du auf eine einsame Insel mitnehmen würdest. Weshalb hast du deine Leica ausgewählt? Kurz vor meiner Matura habe ich gemeinsam mit einem Freund in Paris ein Wahlfachsemester in Fotografie besucht und in der französischen Hauptstadt danach verschiedene Themen und Orte fotografisch erkundet. So wurde die Erforschung von Stadtlandschaften mit dem Fotoapparat für mich zu einer Leidenschaft. Sie führte mich in italienische und böhmische Städte, rumänische Dörfer, in den Orient, um nur einige Stationen zu nennen. Im späteren Berufsleben habe ich den Fotoapparat dann gegen die Reißschiene und den Bleistift ausgetauscht. Heute hätte ich gerne wieder mehr Zeit für meine Leidenschaft. Die Leica hat ein Objektiv mit fester Brennweite. So bin ich gezwungen, den Standort und den Bildausschnitt sehr präzis zu wählen.

Und wo würde deine Insel liegen, wenn du wählen könntest? Ich mache tatsächlich gerne Inselferien und fühle mich an verschiedenen Orten auf dieser Welt zuhause. Mit einer einsamen Insel in der Südsee könnte ich mich weniger gut anfreunden. Meine Liebe gilt dem Kulturraum des Mittelmeeres. Deshalb würde ich zusätzlich zur Leica ein Werk des Historikers Fernand Braudel mit auf die Insel nehmen: «Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Epoche Philipps II». Meine Wahl fällt definitiv auf eine Insel im Mittelmeer.

Das Interview hat Stadtfragen im April 2021 an der Mythenstrasse 7 in Luzern geführt.

[1] Frédéric Migayrou, «LA TENDENZA», Katalog zur Ausstellung 2012 im Centre Pompidou in Paris, p.61.

[2] Max Bosshard & Christoph Luchsinger, Verrücktes Luzern, Stadt und Landschaft als Ereignis, 1997

 

Innovation entsteht immer noch im Büro

Die FAZ lud online zum Kongress „Zukunft des Fortschritts“ ein. Zu Gast war auch das eingespielte Team Rem Koolhaas und Niklas Maak. Aufgeführt haben sie ein Kurzinterview u.a. zur Smart City und zum analogen Büroarbeitsplatz, an dem Innovation stattfindet.

Rem Koolhaas und der Architekturkritiker Niklas Maak im FAZ-Interview

sta/4/21. IBM hat die Smart City erfunden! Vor über zehn Jahren war IBM Smarter City die innovative Firmenstrategie eines Industrieunternehmens. Heute lautet der Claim von IBM Let’s put smart to work. Die abstrakte Positionierung ist zum Versprechen für erfolgreiches Handeln geworden: Smartness ist bei IBM nicht mehr ein Fixstern am Markthimmel urbanisierter Lebensräume, sondern eine Handlungsanleitung, die überall auf der Welt kollaborativ, technologisch intelligent und effizient umgesetzt wird. Die Smart City ist derweil weltweit der Claim für innovative Stadtentwicklung geblieben. Erwähnenswert bleibt, dass IBM das Konzept Smart City erfunden hat, „etwa so, wie Michelin die Strassenkarten und Touristenkarten (…), damit die Menschen auf Touren gehen und ihre Autos möglichst bis zum baldigen nächsten Pneuwechsel nutzen“,  wie Jérôme Chenal anfangs 2021 kritisch bemerkt hat. Gleichzeitig behauptet er, dass beim Bau der intelligenten Stadt mittlerweile Google und Co. auf der Überholspur fahren.

Und welche Bedeutung hat die Smart City für den Urbanisten Rem Koolhaas, wenn er über die Zukunft nachdenkt? „Smart City ist nicht viel mehr als ein cleverer Claim.“ Damit würden einseitig technologische Interessen vertreten, was aus urbanistischer Sicht zu Ausgrenzung führe, so Koolhaas. Symptomatisch dafür: Unsmart zu sein, werde mittlerweile mit old-fashioned gleichgesetzt. Das Konzept Smart City stehe zudem für eine Stadt, die vor allem zwei Dinge leisten und anbieten müsse: Sicherheit und Komfort. Koolhaas bedauert diese Diagnose, weil sie ausgerechnet in eine Zeit falle, in der die Stadt als vielfältigeres Zukunftsbild erst so richtig an Bedeutung gewonnen habe.

Koolhaas schaut auf die Landschaft und vorwärts. Neue Möglichkeiten für die Gestaltung der urbanistischen Zukunft hat der Niederländer derweil in der Countryside gefunden. Seine Hoffnungen auf die Landschaft schöpft er u.a. aus der Erforschung von afrikanischen Siedlungen. Sie haben seinen Zukunftsblick auf den permanenten Dualismus von Stadt und Land geschärft: „Man Lebt dort nie ganz in der Stadt oder ganz auf dem Land.“ Schnell gelernt hat Koolhaas zudem aus der bisherigen Coronapandemie: „Heute haben wir ein neues Bewusstsein dafür, dass wir die Welt in nur zwei Wochen verändern können. Und es ist uns klar geworden, dass wir gewisse Entscheidungen für die Zukunft nicht mehr aufschieben können. Koolhaas beurteilt die Aktualität deshalb als eine kreative Zeit für neue Lösungen. Gleichzeitig sei nun eine Sprache in der Architektur am Ende, die sich lange aus der Schuld an der gescheiterten Moderne genährt habe. Das vorherrschende kulturelle Erbe der Verzeihung, so Koolhaas, habe über dreissig Jahre lang verhindert,  dass die Stadt innovativ gedacht und neue Lösungen umgesetzt wurden. Auf diesem Hintergrund hat sich Koolhaas mit seinen stets positiven Erzählungen über die Themen Architektur und Stadt ebenso lange sehr erfolgreich bewegt; vielleicht eher mit Zauberei als mit Demut und Verzeihung, immer mit eingängigen questions and answers: *uck the context? «YE$».

Seine Theorien, Texte und Bauten können als Antwort auf die (generischen) Anforderungen im globalen Markt um mediale Aufmerksamkeit gelesen werden. Die Architektur von Koolhaas muss deshalb überraschen, ikonisch wirken und sich gleichzeitig in ein global zur Schau gestelltes Netz von Firmenarchitekturen einreihen. Der IBM-Claim Let’s put smart to work könnte auch über dem Haupteingang des Springer-Gebäudes stehen, das OMA 2020 in Berlin fertiggestellt hat. Auffallend anders sind darin die Struktur und die Anordnung der verschiedenen Arbeitsbereiche und Formen der Zusammenarbeit.

Arbeitsplätze im Innern des neuen Springer-Gebäudes in Berlin, OMA 2020 / Axel Springer

Innovation entsteht immer noch im Büro. Der finanzielle Anlagenotstand bei Investitionen in Immobilien macht Druck auf die Politik. Architekt*innen und Stadtplaner*innen müssen sich in ihrem Alltag deshalb permanent die Frage stellen: Bauen wir unsere Stadt eigentlich noch selbst, oder werden wir einfach umgebaut? Der Chief Digital Officer, der in den Datenräumen der Smart City navigiert, stellt die Frage anders: Programmieren wir unser Leben noch selbst, oder werden wir programmiert? Die Herausforderung der Digitalisierung in der Stadtentwicklung besteht darin, beide Fragen gleichzeitig zu bearbeiten. Nur reicht es nicht aus, dass Stadtplaner*innen, die Politik und der CDO besser zusammenarbeiten als dies heute der Fall ist. In Demokratien müssen, wohl oder übel, alle Menschen und Institutionen mitgenommen werden, die direkt oder indirekt von Veränderungen betroffen sind: Sie wollen nach der Krise weiterhin im Homeoffice arbeiten. Sie wohnen langjährig oder temporär an verschiedenen Orten. Sie wollen an den zweiten oder dritten Orten, die zu ihrem Leben gehören, nicht nur Gäste oder geduldet sein, sondern ebenfalls Einwohner*innen und Nachbar*innen. Sie wollen nachhaltig investieren und wissen, welche Auswirkungen der Klimawandel auf ihr eigenes und das Leben ihrer Nachkommen haben wird, kurz:. Veränderte Nutzungsanforderungen an Städte, die Digitalisierung und Krisen werden uns wohl in den kommenden Jahren im Gleichschritt begleiten..

Die Liste der Mutmassungen über die Folgen von Covid-19 für die Architektur und die Stadt ist bereits lang. Wenn Maak und Koolhaas über die Zukunft sprechen, wird sie noch länger: „Going to the office“, mutmasste Rem Koolhaas zum Schluss des Gesprächs , werde für die Architektur und den Städtebau wichtig bleiben, weil dadurch erst die richtigen und guten Lösungen für die Zukunft entstünden, denn: „Ohne analoge Kollaboration gibt es keine Innovation und keine Kreativität“.

Das sagt die Wissenschaft. Am Lehrstuhl für Raumentwicklung an der TU München hat Fabian Wenger die möglichen mittel- bis langfristigen Folgen einer stärkeren Nutzung von Telearbeit für die Wohnstandortwahl in der Metropolregion München untersucht. Ein Ausschnitt aus dem Arbeitspapier, das die Forschungsergebnisse zusammenfasst, besagt: „Das Arbeiten von Zuhause als Folge der Covid-19 Pandemie wird vermutlich auch nach der Pandemie weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Menschen die nicht mehr (oder seltener) an den Arbeitsplatz pendeln, könnten ihren Wohnstandort an einen Platz verlegen, der besser zu ihren veränderten Anforderungen passt. Dabei könnte zum Beispiel der Wunsch nach mehr Wohnfläche zu bezahlbaren Preisen eine Rolle spielen. Das wirft auch die Frage auf, welchen Einfluss die abnehmende Präsenz im Büro auf das Resultat aus Arbeitsprozessen haben wird, die insbesondere auf kreative und innovative Ergebnisse ausgerichtet sind.

Die Innerschweiz hat einen Central Park

Die Luzerner Allmend wird zur grünen Mitte für Luzern, Kriens und Horw – inklusive Jazzklub und Hochschule für Musik (NZZ online und Printausgabe vom 10.09.2020)

Die neue Hochschule Luzern – Musik im Vordergrund des Pilatus / Stadtfragen 2020

sta/2009. In der Stadt Kriens, direkt an die Stadt Luzern angrenzend, zirpt es im Gras und geigt es aus den Fenstern: Neben dem «Metzgercenter Zentralschweiz» beziehen die Abteilung Musik der Hochschule Luzern und das Luzerner Sinfonieorchester gleichzeitig zwei Neubauten. So hat die Musikstadt Luzern wieder Grund zum Feiern, nachdem die «Salle Modulable» 2016 politisch abgestürzt war.

Die Hochschule konzentriert die Institute Jazz, Klassik und Kirchenmusik, Neue Musik und Musikpädagogik an einem Standort und erfindet gleichzeitig den «Kampus Südpol»: Das «K» kommt von Kultur. Das Sinfonieorchester erhält endlich sein Orchesterhaus mit einem Probensaal in feinster Eiche und Räumen für die Musikvermittlung. Was hier in einem Streich an Infrastruktur, Talent und Wissen zusammenfindet, bewegt Musikfreunde, ist in der Schweiz einmalig und bringt gleichzeitig die internationalen Ambitionen zum Ausdruck. Bereits vor Ort sind der Kulturbetrieb Südpol, das Luzerner Theater und die Musikschule der Stadt Luzern.

Nicht ganz 100 Millionen Franken wurden mit den Neubauten investiert. Sie kommen architektonisch solid daher, allerdings bieten sie dem Ort keine städtebaulich überzeugende Adresse an. Von unschätzbarem Wert ist die direkte Nachbarschaft zur Allmend: Sie ist Park- und Naturlandschaft, ein für Mensch und Tier wertvoller Lebensraum und – als grüne Mitte zwischen Luzern, Kriens und Horw – die eigentliche Bühne für die bauliche Stadtentwicklung.

Krisenerprobtes Gelände

Im Covid-19-Frühling hat die Allmend bewiesen, dass sie krisenresistent ist: Über Nacht waren auf Platz plötzlich nicht mehr Jogger und Hündeler in der Mehrheit. Mit dem nationalen Ausnahmezustand und der Schliessung der Seepromenade kamen weitere Freizeitdisziplinen dazu: Grillen, Golfen, Biken, Kampfsport, Yoga. «Noch bevor wir planmässig unsere neuen Parkranger einsetzen konnten, wurde die Allmend von Menschen fast überrannt», berichtet Stefan Herfort, Bereichsleiter Natur- und Landschaftsschutz bei der Stadt Luzern. Er weiss, dass Veränderungen auf der Allmend zu ihrer Geschichte gehören: Ab 1918 militärischer Fliegerstützpunkt, wurde sie erst später zum Spiel- und Sportplatz und Messegelände. Seither wird die Allmend mit einem wiederkehrenden Programm bespielt: LUGA, Zirkus Knie, Messen, FCL-Fussballspiele. Ab und an gibt es ein eidgenössisches Fest, besondere Ereignisse oder Kuriositäten. Papst Johannes Paul II hatte 1984 seinen Auftritt. Im letzten Jahr reisten für einen Firmenausflugs an einem Tag nicht weniger als 4 000 Chinesinnen und Chinesen in 95 Bussen an.

2011 war das ehemalige Infanteriegelände auf der Allmend noch umkämpft / Stadtfragen

Und es ging in der Geschichte auch kämpferisch zu und her: Dem Widerstand der Armee ist es zu verdanken, dass die Stadt Luzern in den 1950er Jahren nicht einen Drittel der Allmend an die Firma Schindler verkaufen konnte. Noch keine zehn Jahre sind es her, dass der Übungsplatz der Infanterie als Kampfplatz zwischen politischen Behörden, der Polizei sowie rechten und linken Gruppen ungeplant Schlagzeilen machte: Argumente wurden mit Mauersteinen, Spraydosen, illegalen Partys, Vorschriften, Anzeigen und gutem Zureden ausgetauscht. Heute ist es im westlichen Teil der Allmend ruhig. Es bellen, singen und quaken fast nur noch Hunde, Vögel und der Gelbbauchunke.

Auftritt der hohen Häuser

Die heutige Luzerner Allmend ist das Resultat einer vorausschauenden Planung. Projekte wie das neue Fussballstadion,  Neubauten für die Messe Luzern und die unterirdische Verlegung der Zentralbahn erforderten, ab 2005 einer tragenden Idee für den Zwischenraum zu folgen: «Aus den bisherigen Restflächen wurden vernetzte Natur-, Erholungs- und Freizeiträume. Sie bilden heute das Rückgrat im Landschaftspark Allmend», erklärt Herfort die Kehrtwende, die über Jahre schrittweise umgesetzt wurde. Die oberirdische Schiessanlage, Tonnen von Altlasten, die Pferderennbahn und die Infanteriebunker sind verschwunden. Hinzugekommen sind markante Neubauten, das «Indoor Schiesssportzentrum», Spiel- und Trainingsplätze, eine Hundezone sowie zahlreiche, ökologisch wertvolle Gebiete zur Erholung.

Aus dem ehemaligen Schiessgelände ist ein Naturparadies geworden / Stadtfragen 2020

Mit etwas Fantasie erinnert ein Spaziergang vor Ort an den Besuch im Central Park in New York. Auch der Landschaftspark Allmend ist eine grüne Lunge für die umgebende Siedlung, ein Verkehrsraum und sie bietet Platz für verschiedenste Nutzungen. Zudem hat man hier ebenfalls eine gute Aussicht auf die Höhenflüge der Stadtentwicklung in Luzern, Kriens und Horw. Auf der Allmend überzeugen zuerst die Gebäude des Armee- und Ausbildungszentrums beim Eichwald, ja: Robert Zünd hat hier 1882 ein gleichnamiges Bild gemalt. Alt und Neu sind hier architektonisch unaufgeregt in der jeweiligen Bauzeit verankert. Die Zwillingstürme «HochZwei», die mit dem Fussballstadion und dem Sportgebäude im Osten ein Ensemble bilden, sind aufgrund ihrer ikonischen Wirkung nicht mehr von diesem Ort wegzudenken. Auch das neue, glitzernde Wohnhochhaus in Horw Mitte funktioniert noch als entfernte Landmarke. Die grösste bauliche Veränderung spielt sich gegenwärtig im Quartier Mattenhof ab, am westlichen Rand der Allmend, beim neuen Krienser Stadtbahnhof. Schrebergärten, Hochhäuser, McDonald’s, Hundeschule und Pferdeschuppen sind hier direkte Nachbarn. Das geplante 110 Meter-Hochhaus der «Pilatus Arena» ist sogar in der weit entfernten Sauna hoch über dem Fussballstadion ein Thema. Je höher gebaut wird, umso kritischer schaut man sich eben dabei zu. Dazu sollte man wissen: Bei der Planung des «HochZwei» 2007 – notabene auf Luzerner Stadtboden – waren in der Ebene am Fuss des Hausbergs Pilatus 88 Meter Gebäudehöhe landschaftsverträglich.

Als Landmarke nicht mehr wegzudenken: die Sportarena und die Wohnhochhäuser „HochZwei“ / Stadtfragen 2020

Überwindbare Grenzen

Mit 349 Hektar nimmt der Central Park in New York etwa sechs Prozent der Bodenfläche Manhattans ein. Die Luzerner Allmend entspricht mit rund 100 Hektar etwa einem Prozent der Bodenfläche von Luzern, Kriens und Horw. Auch im Vergleich der baulichen Dichten bleibt die Allmend ein beschaulicher Ort. Der «Kampus Südpol» ist hingegen für den Landschaftspark weitaus mehr als nur ein Anhängsel. Zu Sport, Freizeit, Erholung und Wirtschaft gesellt sich mit einem Paukenschlag noch mehr Kultur dazu. Die zwei Neubauten – der eine ist in Stein, der andere in Aluminium verkleidet – sind eine Co-Produktion der Architekten Enzmann Fischer & und Büro Konstrukt AG. Zum Raumprogramm der Musikhochschule gehören Probe- und Unterrichtsräume sowie drei Säle, einer davon ist modular (sic) nutzbar, der Club «Knox» hat Anschluss an ein Bistrot. Hohe akkustische Anforderungen und damit viel Sichtbeton sowie eine stringente Baustruktur machnen die Architektur aus. Sehenswert sind die grosse Halle, die Bibliothek und der Konzertsaal «Salquin».

Der Neubau der Hochschule Luzern – Musik / Parkansicht / zvg

2014: Wettbewerbsprojekt von Caruso St John Architects mit offenem Zugang zur Allmend / zvg

Und wie nutzt der «Kampus Südpol» die Allmend als Bühne? Zurückhaltend und mit klaren Grenzen. Auf die «eher kraftlose Parkansicht» des Neubaus der Musikschule hatte schon die Wettbewerbsjury 2014 hingewiesen. Der fertige Bau hinterlässt denselben Eindruck, trotz über das Dach herausragenden «Klangtürmen». Von der Musikschule aus führt ein Trampelpfad direkt in den Landschaftspark. Geschlossene Hecken verhindern auf Fussgängerniveau direkte Sichtbeziehungen, und die Veloautobahn «Freigleis» bildet eine klare Grenze. Dennoch werden wohl die über 500 Studierenden und Gäste – nach unzähligen Übungsstunden oder einem Konzert im neuen Jazzclub «Knox» – die Allmend als Pausenplatz oder sogar als Aufführungsort entdecken. Luzerns heimlicher Central Park und die Stimme des Gelbbauchunken sind auch dafür gut vorbereitet.

KKL (4) Trendgastronomie: Unheil oder Segen?

Das KKL Luzern hat seine Gastronomie umgebaut und stellt damit die fragile Symbiose zwischen dem architektonischen Gesamtkunstwerk und kommerziellen Zielen auf die Probe. Ateliers Jean Nouvel (AJN) durften lediglich den neuen Eingang zur Deli Cafébar Le Piaf mitbestimmen. Der Auftrag für die Innenarchitektur ging an das Atelier West in Baden. Stadtfragen hat die verantwortliche Innenarchitektin Guadalupe Falguera zu ihrer Arbeit befragt.

Guadalupe Falguera, Partnerin und Leiterin Innenarchitektur bei Atelier West / © Atelier West

sta/20618. In einem Museum von Herzog & de Meuron gestalten die Architekten auch die Cafeteria. Im Kultur- und Kongresszentrum Luzern von AJN tragen sogar die WCs die Handschrift des Meisters aus Paris. So funktioniert das Co-Branding zwischen Tourismusstandorten, Betreibern von Kulturhäusern und den Werken internationaler Autorenarchitekten: Im Wettbewerb um Aufmerksamkeit wird ein Gesamtkunstwerk angeboten. Das KKL Luzern ist deshalb seit 1998 bzw. 2000 eine Erfolgsgeschichte. Die Werktreue, mit der das Jahrhundertbauwerk damals realisiert wurde und die Sorgfalt, mit der seither diverse Anpassungen erfolgt sind, haben dem Zahn der Zeit gut standgehalten. Das ist nicht selbstverständlich: Mit jeder Veränderung, bei der Umsatzziele und Marketingmassnahmen auf den Anspruch treffen, das Gesamtkunstwerk am Europaplatz zu erhalten, riskieren die Besitzer und Betreiber, dass das wertvolle kulturelle Erbe KKL Luzern verblasst.

Urban und quirlig wachsen

In den nächsten Jahren setzt die Führung im KKL Luzern u.a. auf das Umsatzwachstum in der Gastronomie. Ein für Luzern neues, kulinarisches Angebot und Trends in der Innenarchitektur sollen es richten. Architektonisch will man sich urban, quirlig und instagrammable präsentieren, kurz: auch geeignet sein, gepostet zu werden. Das Word Café heisst jetzt Le Piaf, das Red neu Lucide. AJN konnte aus der Ferne die Lage und Gestaltung des neuen Hauseingangs für das Le Piaf an der Nordfassade mitbestimmen. An einem Vorschlag aus Paris für die Inneinrichtung war das KKL Luzern gemäss Stefan Zopp, Studio Direktor bei AJN, jedoch nicht interessiert. Eine erste Planung mit einem anderen Architekten wurde zudem nach ein paar Monaten wieder beendet. Schliesslich ging der Auftrag für die Innenarchitektur an das Atelier West aus Baden. Und wie ist der Spagat zwischen dem architektonischen Gesamtkunstwerk, den gastronomischen Vorgaben, Marketingzielen und neusten Einrichtungstrends nun letztlich gelungen?

Stadtfragen hat Guadalupe Falguera vom Atelier West aus Baden am 08. Juni 2020 interviewt.

Frau Falguera: Haben Sie Jean Nouvel persönlich getroffen? Nein. Wir haben bei unserer Arbeit nicht direkt mit dem Büro AJN in Paris kommuniziert, sondern immer via KKL Luzern. Inhaltlich ging es um den neuen Eingang, um die Schnittstelle zwischen der Innenarchitektur und der Fassade beim neuen Le Piaf. Eine direkte Zusammenarbeit wäre natürlich schön gewesen.

Weshalb? Durch den fachlichen Austausch zwischen AJN und unserem Büro hätte die eine oder andere Lösung vielleicht anders ausgesehen. Über die Innenarchitektur haben wir mit AJN zum Beispiel nie gesprochen. Die Art der Zusammenarbeit lag wohl auch daran, dass für den Umbau sehr wenig Zeit zur Verfügung stand.

Wussten Sie demnach nicht, dass AJN dem KKL Luzern einen eigenen Vorschlag für das Interior Design bzw. die neue Möblierung machen wollte? Nein. Bekannt war, dass vor uns bereits ein anderer Architekt einen Vorschlag ausgearbeitet hatte. Danach entschied sich das KKL für eine Ausschreibung unter drei Teams und wir wurden ausgewählt.

Was hat AJN letztlich zum Umbau beigetragen? AJN hat die genaue, asymmetrische Lage und die formale Gestaltung des neuen Eingangs bestimmt. Wichtig war AJN zudem, dass die bestehende Metallfassade mit einem Tor, das über dem neuen Eingang angebracht ist, bei Bedarf vollständig geschlossen werden kann. Das ist nun zwar nicht per Knopfdruck, aber mechanisch möglich.

Vorgabe von AJN für die asymmetrische Lage und die Gestaltung des neuen Eingangs an der Nordfassade / © AJN 2019

Wie hat es sich für Sie persönlich angefühlt, an der Architektur eines weltweit bekannten Architekten, der auch selber Inneneinrichtungen und Möbel entwirft, weiterzubauen? Das war für uns natürlich ein Highlight. Alle kennen und lieben Jean Nouvel und seine Arbeit. Nach dem ersten Jubel haben wir dann die Aufgabe mit dem notwendigen Respekt und mit klaren betrieblichen, finanziellen und terminlichen Vorgaben übernommen. Leider ging durch den Architektenwechsel wertvolle Zeit verloren, die wir quasi wieder aufholen mussten. Letztlich ging es darum, in nur acht Wochen Bauzeit den Auftrag des Kunden zu erfüllen.

Wie genau haben Sie dem KKL Luzern Respekt gezollt? Uns war es von Anfang an wichtig, dass die bestehende Fassade, die Hülle und die wesentlichen Elemente der originalen Innenarchitektur erhalten bleiben: Der Boden, die Innenwände aus Glas, die Decke aus Metall, das Grau der Stützen und der Fenster. Beim Entwurf hat uns zudem das Bild des «Vogelkäfigs» inspiriert. Der Begriff ist im Zusammenhang mit der Geschichte der geschlossenen, gitterförmigen Architektur der Fassade beim Bahnhofstrakt des KKL Luzern überliefert.

Aus dem World Café wurde so das Le Piaf, der Spatz. Welche Vorgaben mussten Sie erfüllen? Das neue Gastronomiekonzept sah eine Zonierung mit Hoch- und Esstischen vor. Hochtische für den schnellen Kaffee, Esstische für längere Pausen. Kurzum: Gastronomisch und betrieblich ging es darum, einen Ort für verschiedene Zielgruppen bzw. Bedürfnisse, Angebote und Tageszeiten zu realisieren.

Der neue Eingang zum Le Piaf mit dem Spatzen-Logo / © stadtfragen 2020

Wieso ist es richtig, einen Raum von dieser Grösse so unterschiedlich einzurichten? Gastronomisch bzw. unternehmerisch ist es richtig, einen derart prominenten Standort auf verschiedene Zielgruppen auszurichten. Unsere Gestaltung nimmt diese Zonierung auf, bietet verschiedene räumliche Situationen und Ausblicke an und verbindet letztlich den Innenraum wieder zu einem gestalterischen Ganzen.

Der Umbau wurde gemäss KKL von der «modernen Pariser Gastronomie inspiriert» Woran erkennt man das? Das müssen Sie die Gastronomie fragen (lacht).

Ich frage aber lieber Sie: Was steht beim Umbau für «Pariser Gastronomie»? Ich glaube, mit dieser Aussage ist das gastronomische Angebot im Le Piaf gemeint, nicht seine Innenarchitektur. Übersetzen könnte man die Aussage damit, dass es im Le Piaf nicht um Snacks oder Fast Food geht, sondern um ein neues kulinarisches Angebot für Luzern, das vielleicht gerade auch in Paris im Trend liegt.

Und weshalb wurden Innenarchitektur und Gastronomie nicht aufeinander abgestimmt? Wir fanden ein Entwurfskonzept zu fremd, das dem neuen Ort künstlich einen Pariser Charme einhaucht, konkret: Wir wollten keinen schwarz-weiss karierten Boden, Bilder von Monet an der Wand und Kronleuchter an der Decke. Geklonte Orte sind etwas für Las Vegas, nicht für Luzern. Wir haben den bahnhofseitigen Gebäudeteil des KKL Luzern als ‚Kunsthaus‘ gelesen und wollten das Le Piaf entsprechend einrichten. Diese Idee passte zu einem urbanen Lifestyle, ist spontan, locker, sie hat mit Kunst, mit Natur und dem Ort am Europaplatz zu tun. Das neue Le Piaf im «Vogelkäfig» wollten wir deshalb mit vogelartigen Skulpturen von regionalen Künstlern einrichten, die mit Origami, der Kunst des Papierfaltens, vertraut sind.

Die Idee wurde aber nicht umgesetzt. Leider. Die Kosten spielten eine Rolle. Das KKL wollte zudem mögliche Kompromisse in der Gastronomie sowie – aus Rücksicht auf das Kunstmuseum – eine öffentliche Künstlerdiskussion verhindern. Realisiert haben wir jedoch verschiedenfarbige Wände aus hochwertigen, handgefertigten Keramikplatten. Ihre Oberflächen folgen der Abwicklung eines Origamivogels. Die Wände wirken dadurch räumliche wie anonyme Kunstwerke. Unserer Idee des Cafés im Kunsthaus sind wir so im Ansatz treu geblieben. Wichtig für die Innenarchitektur sind zudem die echten Pflanzen direkt unter der Decke und die unterschiedlich dicht und hoch angeordneten Leuchten. Sie wirken wie ein zusammenhängendes Deckenrelief.

Wer das Le Piaf betritt, hat dadurch das Gefühl, die Leuchten direkt auf dem Kopf zu tragen. Das kann im Einzelfall so wirken. Im Eingangsbereich hängen die Leuchten auf der Mindesthöhe von 210 cm. Wir erreichen so den Effekt, dass die Gäste im niedrigen Eingangsbereich nach vorne zur Theke geleitet werden und von dort ihren Blick hinauf zum Angebot auf den Bildschirmen richten.

Die Theke im Le Piaf ist mit handgefertigten Keramikplatten verkleidet / © KKL Luzern

So wie bei Mc Donalds, Starbucks und den Food-Theken in der Bahnhofshalle? Der Vergleich hinkt schon alleine wegen der Küche und den Produkten, die das Le Piaf anbietet. Im KKL Luzern sind die verwendeten Materialien und die Möblierung hochwertiger als bei Starbucks. Klar orientiert sich die Innenarchitektur an aktuellen Trends beim Betrieb und in der Möblierung eines Gastronomiebetriebs, mit gutem Grund: Letztlich geht es bei der Einrichtung eines Gastronomiebetriebs nicht darum, architektonisch partout anders zu sein, sondern darum, kulinarisch und ästhetisch positiv wahrgenommen zu werden, auch medial und speziell in den sozialen Medien.

Und ist das gelungen? Ich bin überzeugt, dass das KKL Luzern mit dem Le Piaf einen Ort erhalten hat, der auf die Bedürfnisse der Gastronomie eine überzeugende Antwort gibt. Mit Respekt vor dem bestehenden Innenraum haben wir darüber hinaus eine neue Atmosphäre geschaffen, für die das Le Piaf sein Publikum findet. Ich habe selbst erlebt, wie Jugendliche die Kamera auf den Boden gelegt haben, um sich vor dem Hintergrund der herabhängenden Leuchten selbst abzulichten. Für mich ist das ein Zeichen dafür, dass das neue Gastronomieangebot im KKL Luzern in der Zeit von Selfies, Instagram und Co. erfolgreich angekommen ist.

Und wie lange dauert diese erfolgreiche Zeit an? Die Zeitrechnung in der Gastronomie sieht für die Innenarchitektur eine Lebensdauer von sechs bis maximal zehn Jahren vor. Sie ist daher mit gutem Grund nicht zeitlos, sondern reagiert vor allem auf die sich schnell verändernden Bedürfnisse der Gäste. Das ist der grosse Unterschied zwischen Architektur und Innenarchitektur. Und das ist auch der Unterschied zwischen einem klassischen Café in Paris, das seit 100 Jahren besteht und einem Gastronomiebetrieb im KKL Luzern. Hier gibt es keinen Stuck an der Decke, sondern ein Streckmetall.

Vielleicht ist diese Decke ja in dreissig Jahren auch «klassisch». Möglich. Deshalb haben wir sie ja auch so belassen, wie sie ist und sie nur schwarz gespritzt.

Welche Folgen hat diese Kurzfristigkeit von Trends für das architektonische Erbe KKL Luzern? Im Moment keine. Vielleicht ist es eher so, dass durch neue Angebote noch mehr und jüngere Menschen das KKL Luzern besuchen werden und erst dadurch auch das architektonische Erbe kennen lernen. Und wer weiss: Vielleicht wird in zehn Jahren aus dem Le Piaf eine Bibliothek. Dass Nutzungen sich verändern, ist ein weiterer Grund dafür, weshalb wir beim Umbau besonders sorgsam mit der bestehenden Hülle und dem Innenraum umgegangen sind.

Das Le Piaf an der städtebaulichen Engstelle zwischen KKL und Bahnhofplatz / © stadtfragen 2020

Reden wir noch über den Europaplatz. War es richtig, genau an der städtebaulichen Engstelle zwischen der grossen Blutbuche und der Stirnfassade des Kunstmuseums einen zusätzlichen Eingang zu setzen? Betrieblich schon, weil dort die meisten Leute sind.

Was sagt die Architektin dazu? Abstrakt über die Szenografie der Architektur und den Platz zu sprechen, das ist eine Sache. Wo und wie sich die Menschen gerne aufhalten, einen Kaffee trinken, anderen Menschen begegnen oder ihnen zuschauen, das ist eine ganz andere. Deshalb ist der neue Eingang richtig gesetzt, genau dort, wo man auch gerne draussen sitzt und dabei die Stadt und den See gleichzeitig im Blick hat.

Und wie kam es zur neuen Möblierung im Aussenbereich? Die durften wir auch vorschlagen. Das KKL Luzern hat sich neben grösseren Flächen für die Gastronomie auch klare Grenzen zwischen der privaten Nutzung durch das KKL und dem öffentlichen, städtischen Bereich auf dem Europaplatz gewünscht. Ausserhalb des Le Piaf zeigt die neue Möblierung deshalb auch an, wo es unter dem Nouveldach nicht mehr möglich ist, spontan ein Sit-in zu veranstalten oder ein Bahnhof-Sandwich zu verspeisen.

Reden wir noch kurz über den Spatz. Wie kam es dazu? Das wissen wir nicht genau. Wir haben erst bei der Abbruchparty für das World Café davon erfahren. Mir gefällt der Name sehr gut, weil er zu unserem Konzept für das Le Piaf im Vogelkäfig passt.

Das übergrosse Spatzen-Logo am Eingang war ihre gestalterische Entscheidung? Nein. Und ich gebe zu, dass meinem gestalterischen Herz eine abstraktere Grafik lieber gewesen wäre. Aber ich verstehe die unternehmerische Absicht, mit Grafik, Sonnenschirmen und Möbeln die Sichtbarkeit der Gastronomie möglichst zu erhöhen.

Was wird Jean Nouvel bei seinem nächsten Besuch in Luzern über das Le Piaf sagen? Oh! – Schön wäre, wenn er die Idee unserer Innenarchitektur erkennt. Bestimmt freut er sich darüber, dass wir die architektonische Hülle in seinem Sinn respektiert und die wichtigsten architektonischen Elemente im Innenraum erhalten haben. Als Unternehmer ist ihm wohl klar, dass die architektonische Sprache seines Gebäudes und die Gestaltung eines Gastronomiebetriebs unterschiedlich langen Lebenszyklen folgen. Und das Schlimmste wäre für ihn wohl, wenn er in seinem KKL Luzern auf ein leeres Café treffen würde.

Das Innere der neuen Cafébar Le Piaf / © KKL Luzern

www.kkl-luzern.ch / www.atelier-west.ch / www.jeannouvel.com

32 Stunden in Weimar (D)

In der Stadt Weimar im Bundesland Thüringen begegnen sich Faszination und Entsetzen Schritt auf Schritt. Deutsche Klassiker und Nietzsche, die Weimarer Republik und die Moderne treffen in Fussdistanz auf Adolf Hitlers gebautes Erbe. Dem Bauhaus widmet sich das neuste Museum am Platz: Es ist eine Enttäuschung, Ein Reisebericht,

Bilder: Stadtfragen 2019

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Freitag, 14.57 Uhr, Bahnhof Weimar. Orte entstehen, wenn Menschen durch Räume gehen. Orte schreiben erst dann ihre Geschichten. Vom Hauptbahnhof in Weimar aus wurden zur Zeit des Nationalsozialismus die Häftlingstransporte zum nahegelegenen Konzentrationslager Buchenwald bewegt. Wer diese Geschichte kennt, reist hier als Tourist auch drei Generationen später nicht gerade heiter an. Heute wirkt die Stimmung im Empfangsgebäude der Deutschen Bahn, 1914-1922 im neoklassischen Stil erbaut, sehr beschaulich. 2015 wurde die Stadt Weimar vom Netz der ICE-Züge abgeschnitten. Geblieben ist der kleinste McDonalds im ganzen Land, in die Grösse eines Kiosk. Mehr Platz nimmt in der Bahnhofshalle die Filiale von «Mäc-Geiz» ein. So sieht die Ankunft in der Geburtsstadt der grossen Deutschen Dichter und Denker aus: Herzlich willkommen in Weimar!

Freitag, 17.30 Uhr, Bauhaus-Universität Weimar. Studierende der Fachrichtung Architektur sind bekannt dafür, dass sie jeweils lange, ja sogar sehr lange an ihren Entwürfen arbeiten. Auch an einem späten Freitag Nachmittag herrscht deshalb in den Oberlichtsälen der Bauhaus-Universität Weimar immer noch rege Betriebsamkeit. Über hundert Jahre nach der Eröffnung des Kunstgewerbeschulhauses, 1905/06 von Henry Van-de-Velde gebaut, hinterlassen die Ateliers  immer noch den Eindruck, dass den angehenden Architekt*innen für die Arbeit an ihren Entwürfen und Modellen hier ein ausgesprochen avantgardistischer Arbeitsort zur Verfügung steht.

Freitag, 18.30 Uhr, Rostbratwurst und Spaziergang im Ilmpark. Wer sich vom Bahnhof aus direkt ein dérive leistet und der Carl-August-Allee entlang schlendert, via Bauhaus-Universität, bis hinunter in das historische Stadtzentrum, landet unweigerlich am berühmten Marktplatz. Für Kaffee und Kuchen ist es schon zu spät – für einen Abstecher in Goethes Wohnhaus ebenso. Dafür ist jetzt der richtige Zeitpunkt für eine typische Thüringer Rostbratwurst mit Senflinie obendrauf, die hier von fliegenden Wurstbuden angeboten werden. Als Freundschaftsgruss an den eigenen Magen lohnt sich vom touristischen Hotspot aus ein abendlicher Spaziergang im Park an der Ilm. Dieser liegt gleich um die Ecke, und er ist der größte und bekannteste Landschaftspark in Weimar. Auf einer Fläche von 48 Hektar erstreckt sich das Grün beiderseits der Ilm über eine Länge von 1,6 Kilometern. Der imposante, landschaftsarchitektonisch inszenierte Baumbestand, die Wiesen und Wege machen den Ort zu einer der am besten erhaltenen städtischen Grünanlagen im Stil des Klassizismus und der Romantik. Seit 1998 steht der Ilmpark deshalb auf der Liste des UNESCO Welterbes.

Samstag, 11.00 Uhr, Moderne zum Ersten. Das erste Bauhaus-Museum am Theaterplatz wurde 1995 als Provisorium in der ehemaligen Wagenremise eingerichtet. Zum hundertsten Geburtstag erhielt das Bauhaus am 5. April 2019 am Stéphane-Hessel-Platz ein neues Museum. Im Architekturwettbewerb setzten sich Heike Hanada und Benedict Tonon aus Berlin angeblich gegen über 2000 Teilnehmende aus 60 Nationen durch. Bis zur Eröffnung folgte allerdings ein steiniger Weg. Das Projekt musste eine öffentliche Fach- und Haushaltsdiskussion über die Richtigkeit und Schönheit der richtigen Architektur überstehen: Wollen wir Beton oder Glas, eine Kiste oder doch lieber einen Pavillon? Verlierer in diesem Streit waren die direkt Betroffenen, die Stadt Weimar, die Fachkritiker und letztlich das Gebäude selbst. Medial sind sie gemeinsam gescheitert und die Abrechnung folgte punktgenau zur Eröffnung, nun sogar unter den Augen eines internationalen Publikums. Der Schaden für die Reputation kann erahnt werden, stellt man sich sinnbildlich vor, dass in der klassischen Kultur- und Musikstadt Weimar, anlässlich der Uraufführung und Premiere eines prestigeträchtigen Werks – an Stelle eines selbstbewussten Auftakts mit einem Paukenschlag – schräge Töne aus allen Registern erklingen: eine üble Sache. Schon fast witzig wirkt daher, wenn die Lokalzeitung Thüringer Nachrichten am Tag unserer Besuchs die Fassade des Neubaus zum Bilderrätsel macht und ihre Leserschaft fragt: «Was ist das?»

 Wolfgang Kil hat für die Nachwelt eine Sammlung von Zitaten aus der Fachwelt veröffentlicht («Zwischen Wille und Verhängnis», marlowes.de, 30.4.19) : «Luftschutzbunker im Germania-Dekor», «eingehauster Reaktor», «Mahnmal für etwas Schlimmes, was hier passiert ist», «Sarkophag», «düsterer Klotz». Und weiter: «Traurigkeit», «Beklemmung», «Lieblosigkeit», «Monotonie» und «Härte» soll der Neubau beim Publikum ausgelöst haben. Der harschen Kritik kann entgegnet werden, dass das, was mit dem Bauhausmuseum entstanden ist, zunächst doch eigentlich ganz vertraut kling: Der Neubau ist architektonisch ein minimalistischer, monumental anmutender Kubus am Rande des Weimarhallenparks. Die Fassade des Baukörpers ist aus gegossenem Beton und wird von horizontalen, nachts leuchtenden, Glasbändern gegliedert, die durch schwarze Streifen unterbrochen sind. Worin also liegt die Quelle für die öffentliche Aufregung?

Niklas Maak hat in der FAZ den wohl treffendsten Titel gesetzt: «Die eingehauste Moderne». Das neue Bauhaus-Museum ist nicht einfach nur ein Museum. Das Bauhaus steht für das Paradigma der Moderne und ihre grundlegenden Werte. Auf der an diesem Samstag windigen Terrasse der Cafeteria sitzend, bringt die FAZ-Schlagzeile mich dazu, meine eigenen Eindrücke aus dem Besuch des Museum zu sammeln. Da steht zum Beispiel die berühmte Bauhauswiege von Peter Keller (1922) hinter der dicken Betonmauer in einer Glasvitrine, umgeben von weiteren Vitrinen und Tischen. Das Gedränge, um einen Blick auf das Lieblingsstück zu erhaschen, ist  gross. Der Raum im ersten Obergeschoss und weitere, die folgen, sind wohl für manch anderen Gast auch zu dunkel und ebenfalls zu dicht möbliert. Wer von einem Neubau für das Bauhausmuseum etwas Grosszügigkeit, Kreativität und die Lust an der Gestaltung des neuen Menschen erwartet, für die das Bauhaus letztlich steht, wird bitter enttäuscht.

Das auf 1.874 Quadratmetern eingehauste Bauhaus-Erbe lässt trotz feinen architektonischen Linien, grau in grau abgestimmten Materialien und einzelnen, sehr eindrücklichen Exponaten neben Enttäuschung auch eine Vermutung zum Grund des Scheiterns zu: Die Besteller und die Entwerferin, die Peter Zumthor ganz gut findet (sind die engen, einläufigen Treppen sogar ein Bregenzer Zitat?), haben sich hier an einer mit Bedeutungen und Erwartungen übermässig aufgeladenen Aufgabe die Zähne ausgebissen.

Bilderrätsel zum neuen Museum in der Tagespresse

 Wie konnte das passieren? Lag es an der falsch eingeschätzten, vermeintlichen Vertrautheit und Überzeugungskraft des architektonischen Konzepts, mit einer minimalistischen Kiste und formalen Analogien aus der Umgebungsarchitektur einen Ort für das Bauhaus-Erbe bauen und gleichzeitig den durch die NAZIS angerichteten, konfliktvollen Städtebau in der Nachbarschaft heilen zu wollen?

Oder waren die politisch und kulturell überhöhten Erwartungen an ein neues Museum in der Weimarer Öffentlichkeit einfach zu mächtig, als dass die Aufgabe hätte unter Applaus gelöst werden können?

Nicht zufällig fiel die Vertreibung des Bauhauses aus Weimar 1925 in das Jahr, in dem im Weimarer Landtag ein grundlegender, rechtsradikaler Wandel  gegen die noch junge Weimarer Republik stattfand. Ging es beim Neubau daher nicht auch darum, an die Adresse des Bauhauses, der Nachkommenschaft und des Kulturstandorts Weimar 100 Jahre nach der Vertreibung einen würdigen und versöhnlichen Erinnerungsort zu schaffen, gar eine politisch-gesellschaftliche Wiedergutmachung? 

An meiner Tasse Tee auf der Museumsterrasse nippend, wage ich ein vorläufiges Urteil: 100 Jahre Geschichte und ehrgeizig formulierte Standortmarketingziele reichen als Legitimation für die architektonische Einhausung einer Legende, was das Bauhaus ist, einfach nicht aus. Das neue Museum wird deshalb nicht erreichen, dass auch die Seele der Institution Bauhaus, die kulturelle und emotionale Verbundenheit mit der ursprünglichen Idee, mindestens ein Stückweit, wieder näher an die Geburtsstadt Weimar heranrückt. Das Museum ist überdies ein gutes Beispiel dafür, wie nachhaltige gesellschaftliche Veränderungen funktionieren: Nicht durch Technik, nicht durch Städtebau und Beton, sondern im Kern kulturell initiiert und emotional breit mitgetragen, wie es damals 1919 bei der Bauhausgründung zumindest in einer kleinen Gruppe der Fall gewesen sein mag.

Samstag, 14.00 Uhr, Moderne zum Zweiten. Das Haus am Horn kann seit Mai 2019 wieder besichtigt werden. In den Prospekten ist das Baudenkmal eine «architektonische Sensation». Was als Musterhaus für das neue Wohnen anlässlich der in Weimar ersten Bauhaus-Ausstellung 1923 das Publikum beeindruckt haben mag, wirkt heute jedoch eher wie ein Mahnmal gegen das funktionalistische Versprechen auf ein zweckmässiges Lebens: Das quadratisch angelegte Gebäude mit überhohem zentralen Wohnraum wirkt mickrig. Schon bei 24 Grad Celsius Aussentemperatur gleicht das Innenklima an diesem Samstag einem Backofen. Leicht zu erkennen ist: Die exemplarisch propagierte, scharfe Trennung der verschiedenen Wohnfunktionen (beispielhaft das «Zimmer des Herren») hat sich, mit den heutigen Augen betrachtet, verlebt.

Die Bedeutung, die dem Haus in Weimar 95 Jahre nach der Entstehung heute noch zugetragen wird, gründet wohl darin, dass der Prototyp das einzige in Weimar fertig gestellte Zeugnis des Bauhauses darstellt. Das Gebäude am Horn wurde 1924 vom Bauhaus-Direktor Walter Gropius als Bauherr und nach dem Entwurf von Georg Muche in Auftrag gegeben. Die Siedlung der «Meisterhäuser» konnte erst in Dessau, nachdem das Bauhaus 1925 aus Weimar vertrieben worden war, realisiert werden. Seit 1996 ist auch das Haus am Horn, das zwischenzeitlich bewohnt und 1998/99 letztmals saniert wurde, UNESCO Weltkulturerbe.

Samstag, 16.30 Uhr, Gauforum mit Hitler-Rippe. Zwei grosse Anlagen hat Adolf Hitlers Machtapparat der Stadt Weimar aus dem II. Weltkrieg hinterlassen: Das Konzentrationslager Buchenwald auf dem Ettersberg, das wenige Kilometer ausserhalb der Stadt liegt und das Gauforum auf halbem Weg zwischen Bahnhof und Innenstadt. Adolf Hitler soll Weimar persönlich als Musterstadt für den Bau eine sogenannten «Gauforums» bestimmt haben (vgl. dazu: N. Korrek, Das Gauforum in Weimar, Verlag der Bauhaus-Universität Weimar, 2011). Damit verbunden war die Aufgabe, Verwaltungs- und Repräsentationsbauten sowie einen Aufmarschplatz für die Partei, die Volksgemeinschaft und deren Anführer zu schaffen.

1926 kehrte Hitler als Führer der NSDAP nach Weimar zurück. In seinen Augen war die Architektur damals «unter dem Motto der Sachlichkeit» (ebenda.) bereits degradiert, ja zum «zum künstlerischen Unsinn, zum Betrug» geworden. Für den Bau des Gauforums galt indes Hitlers Formel: «Je grösser die Anforderungen des Staates an seine Bürger sind, um so gewaltiger muss der Staat auch seinen Bürgern erscheinen».

Mit der Realisierung des Gauforums nach den Plänen von Hermann Giesler wurden 150 Häuser und Wohn- und Gewerberaum von 1 600 Weimarer Bürgerinnen zerstört. Mit «Gradlinigkeit», «Wucht» und «Grösse» sollten die Bauten die nationalsozialistische Willens- und Gestaltungskraft zum Ausdruck bringen. Hitler selbst erhöhte die Symbolik des Gauforums zusätzlich, indem er dem Bauprogramm, zusätzlich zu den bereits geplanten Gebäuden für die Partei, einen über 60 Meter hohen Glockenturm und eine Mehrzweckhalle für Feste und Rituale hinzufügte. Die «Halle der Volksgemeinschaft» sollte in der Bedeutung im Zentrum stehen und 15 000 Menschen Platz bieten. Städtebau und Architektur des Gauforums stehen beispielhaft dafür, wie sie durch die Nazis als Medium der Kriegspropaganda eingesetzt wurden: Als Orte für grosse, gemeinsame Feste, Symbole für die bevorstehende Schlacht, bevor man gemeinsam in den richtigen Krieg zog.

Der Bau des Weimarer Gauforums ab 1936 wurde aufgrund des Kriegsverlaufs nie abgeschlossen. Nach Kriegsende wurde der Aufmarschplatz mit dem Namen «Platz Adolf Hitlers» durch die Amerikaner (sic!) zum «Karl-Marx-Platz» umbenannt. Seit 1999 hat das Gauforum die Adresse «Weimarplatz». Der geplante Glockenturm blieb Stückwerk. Die grosse Halle für das Volk blieb nach Kriegsende als unvollendete Tragwerkskonstruktion aus Spannbeton-Bindern bestehen. Im Volksmund bürgerte sich für den Anblick, den das Bauwerk anbot, die Bezeichnung «Hitler-Rippe» ein. In den 1970er Jahren wurde aus dem Gebäude eine Mehrzweckhalle mit Restaurant. Seit ein paar Jahren sind sämtliche Gebäude des Gauforums restauriert. In die grosse Halle wurde das «Atrium» eingebaut, ein Shoppingcenter. Die Tiefgarage liegt unter dem als Aufmarschplatz geplanten Bereich, der dadurch nicht betreten werden kann. Im dritten Geschoss des Konsumtempels liegt die historische Dachkonstruktion teilweise immer noch frei. Ein Ausschnitt der «Hitler-Rippe» ist bis heute sichtbar geblieben.

Samstag, 20.00 Uhr, Hotel Elephant. Zurück am Weimarer Markplatz. 1937 wurde hier das 400-jährige historische Hotel-Gebäude, der «Elephant», wegen angeblicher Baufälligkeit abgerissen und 1938 wieder neu errichtet. Das Hotel galt damals mit seinem Autolift als eines der modernsten in Europa. Das Motto für den Neubau kam vom Architekten Hermann Giesler, der zuvor schon das Gauforum entworfen hatte: «Keine Karawanserei und keine aufgeblasene Hotelarroganz, keine Effekthascherei – sondern eine zeitentsprechende Gestaltung, die der Tradition und der Würde des alten ‚Elephanten‘ entspricht. Schlichtheit, verbunden mit solider Ausführung, auch in allen Details.» Adolf Hitler ließ sich bei seinen Aufenthalten in Weimar von der Bevölkerung mit folgendem Vers auf den für ihn geschaffenen Balkon des Hotels rufen: «Lieber Führer, komm heraus aus dem Elefantenhaus.» Das «Elephant» wurde 1955 wiedereröffnet, es gehört heute zur Marke «Marriott International» und gilt mit seinem ausgezeichneten Restaurant als eine der besten Adressen in Weimar. In der blauen Stunde über dem Weimarer Marktplatz und bei einem Glas Wein eignet sich der Elephant für einen versöhnlichen Abschied aus Thüringen sehr gut.

Rohstoff gegen die Angst vor Verstädterung

Das Zusammenleben in Städten ist der wichtigste Markt der Welt. Die freie Privatstadt,so lautet das Ansinnen von Titus Gebel (Bildquelle: NZZonline), liefert das richtige Businessmodell dafür. Das Buch ist kürzlich im Eigenverlag erschienen. Stadtfragen wollte im Interview mit dem Autor wissen, wer und was genau dahinter steckt. Auch die Schweiz hat zur Idee inspiriert.

„Liebe Politiker, liebe Meinungsmacher, liebe Weltverbesserer. Wir möchten in Frieden und Freiheit leben. Wir möchten für uns selber sorgen. Wir können für uns selber sorgen. Wir wollen in Ruhe gelassen werden. Verstehen Sie das nicht?“ Titus Gebel, in: Freie Privatstädte. Mehr Wettbewerb im wichtigsten Markt der Welt, Aquila Urbis 2018.

sta. Um 1900 lebten gerade zehn Prozent der Menschheit in Städten, heute über die Hälfte, und 2050 werden es gemäss UNO siebzig Prozent sein. Keine Frage: Es wird enger auf dem Planeten. Gleichzeitig ist das, was wir allgemein unter einer guten Stadt verstehen, offensichtlich subjektiver, unsicherer und gleichzeitig vielfältiger geworden. Vor diesem Hintergrund – und auch weil er genug vom politischen Weg hat – will der ehemalige deutsche Rohstoffhändler und FDP-Politiker Titus Gebel eine Minderheit von gleichgesinnten Vertragsbürgern weltweit in eine selbstbestimmte urbane Freiheit führen: Mit seiner Firma Free Private Cities, Inc. und zusammen mit weiteren Geldgebern beabsichtigt er, Städte als gewinnorientierte Unternehmen zu führen, quasi ohne Staat, dafür mit eigenem Steuer- und Rechtssystem, ganz nach dem Vorbild von Freihandels- bzw. Sonderwirtschaftszonen.

Zeitgeist der knappen Botschaften

Gebel trifft mit seinem Buch rhetorisch einen Zeitgeist, der seine Aufmerksamkeit und Nahrung in knappen Botschaften findet: „Politik löst nicht Probleme, sie ist Teil des Problems.“ Deshalb müssen die Menschen von der Unterdrückung durch diese befreit werden, so sein Fazit nach den ersten hundert Seiten von Freie Privatstädte. Mehr Wettbewerb im wichtigsten Markt der Welt. Bei der Begründung von Absicht und Geschäftsidee folgt das Buch einer reaktionären Logik: Die fundamentale Systemkritik dient als Vorspann, um die herrschende Unordnung zu entlarven, danach wird die neue Lösung präsentiert: Nach der „Entmachtung der Politik“ soll in der freien Privatstadt jeder Bürger, quasi politikbefreit, seinen Lebensstil per Einzelvertrag mit seinem Stadtbetreiber aushandeln können. Dieser wiederum hat einen Vertrag mit dem Gastgeberstaat. Das Marktversprechen der weitgehend uneingeschränkten Selbstbestimmung und Selbstoptimierung, den Kauf des genau richtigen Autos, überträgt Gebel auf das Zusammenleben in der Stadt: „Stellen Sie sich vor, ein privates Unternehmen bietet Ihnen als Staatsdienstleister den Schutz von Leben, Freiheit und Eigentum in einem abgegrenzten Gebiet. Sie zahlen einen vertraglich fixierten Betrag für diese Leistungen pro Jahr. Um alles andere kümmern Sie sich selbst, können aber auch machen, was Sie wollen, solange Sie die Rechte anderer nicht beeinträchtigen.“

Im dreihundertseitigen Buch treffen Philosophie, Analyse, persönliche Diagnose, historische Referenzen von Venedig über die Hanse bis nach Dubai und Sandy Springs sowie unzählige, nicht datierte Zitate aufeinander. Ein Sammelsurium von Apercus bildet einen roten Faden, den sich die Leserin und der Leser merken sollen: In der freien Privatstadt gilt „Jeder ist der Souverän seiner selbst“. Das Bonmot „Stadtluft macht frei“ wird zum „Recht auf ein selbstbestimmtes Leben“. Über allem steht als Glaubensbekenntnis das Marktprinzip, „das bisher einzig bekannte, dauerhaft wirksame Entmachtungsmittel der Menschheit“, wie der Autor, nun in der Rolle als Revolutionär auf der Höhe seiner Zeit angekommen, schreibt. Damit in seiner Stadt die erwünschte soziale Harmonie herrscht, gibt es zum Dreigestirn Markt, Freiheit und Grundeigentum obendrauf nur eine „goldene Regel“ zu beachten: „Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg auch keinem anderen zu“, was frei übersetzt in die urbane Praxis stiller Orte heisst: Bitte verlasse das WC so, wie du es antreffen möchtest!

Holprig in der Umsetzung

Was die rechtliche und organisatorische Umsetzung des Geschäftsmodells betrifft, so begegnet man bei der Lektüre gleichzeitig vertraglichen Details, vielen Kann-Formulierungen schliesslich aber dann doch noch unerwartet konkreten Vorstellungen für den Alltag: Hässliche Todeswarnungen auf Zigarettenverpackungen soll es nicht mehr geben. Und Geisteswissenschafter seien wohl eher seltener anzutreffen, ist zu lesen. Auch die Schweiz hat bei den Überlegungen zur Umsetzung inspiriert, wie Gebel im Interview erklärt: durch die Kleinheit ihrer gut vernetzten, städtischen Siedlungsgebiete, den Steuerwettbewerb, die Gemeindeautonomie und die Wehrhaftigkeit.

Für Planer und Architekten geben das Buch und das Interview Entwarnung: „Marktorientierter Städtebau“, lautet der Ansatz von Patrik Schuhmacher, Partner bei Zaha Hadid Architects in London, der die Planung und Umsetzung der freien Privatstadt mit seiner Expertise beratend unterstützen soll. Gemeint ist: Vorschriften wird es in der freien Privatstadt eher weniger geben, dafür vielleicht einen nachbarschaftlichen Handel mit Gebäudehöhen, denkbar sind Experimente an der Peripherie. Eine Stadt am Markt zu bauen, impliziert für Titus Gebel und seine Zugewandten zunächst, den Versuch zu unternehmen, womöglich daran zu scheitern, aber in jedem Fall daraus zu lernen: „Staaten scheitern auch regelmässig. Da ist es aber ja wohl immer noch besser, wenn dies im kleineren Massstab einer Gruppe von Freiwilligen widerfährt, die alle genau gewusst haben, worauf sie sich vertraglich eingelassen haben.“ Die Entstehung der ersten Privatstadt wird gegenwärtig in der Karibik verhandelt. Ein Konsortium mit Sitz in den USA (Hauptinvestorin ist die Firma Free Private Cities, Inc.) will zuerst 25, danach 50 Mio. Euro bereitstellen. Aus Angst vor politischem Widerstand in einer frühen Phase ist der Standort vorerst noch geheim.

Ein Stadtmodell für Zielgruppen

Im Grunde genommen lanciert die freie Privatstadt die Diskussion über die Zukunft der Nationalstaatlichkeit, wie wir sie seit dem 19. Jahrhundert kennen. Als Gegenstand steht ein marktorientiertes Zusammenleben von gleichgesinnten Zielgruppen in einem räumlich abgeschlossenen, dennoch global vernetzten städtischen Ort (etwas ähnlich der City of London) zur Diskussion. Die entsprechenden Positionen und Perspektiven sind im Buch zwar umfassend, jedoch mal mehr und mal weniger eindeutig dargestellt. Die rustikal formulierte Demokratiekritik und das Themenpaket „Marktorientierung, Selbstbestimmung, Freiheit und Sicherheit“ werden dem Vorhaben wohl eine gewisse Aufmerksamkeit und vielleicht sogar eine Nachfrage bringen. Ein weiteres Marktargument spielt dabei noch unausgesprochen mit: Wo Sicherheit nachgefragt und erfolgreich angeboten wird, sind immer auch Ängste mit im Spiel. Im täglichen Erleben und im Diskurs über die Stadt der Zukunft sind dies globale und ganz lokale Ängste vor zunehmenden Nöten, Widersprüchen und Konflikten in unserem Zusammenleben. Die freie Privatstadt kann als Gegenmittel dazu interpretiert werden: als vermeintlich wertvoller Rohstoff gegen die Angst vor der Verstädterung.

Die Menschheit lebt aktuell auf nur drei Prozent der Erdoberfläche. Statistisch hat es noch genügend Platz für weiteres Wachstum. Trotzdem oder gerade deshalb ist die Notwendigkeit unbestritten, neue Ideen zu formulieren und zu diskutieren, wie noch mehr Menschen in der Zukunft in Städten und auf dem Land zusammenleben wollen, können oder ganz einfach nur müssen.

(Folgendes Interview mit Titus Gebel wurde am 12. Juni 2018, im Motel HotelOne in Zürich aufgenommen, die Abschrift gegengelesen.)

Thomas Stadelmann: Führt Sie ihr jüngst erschienenes Buch Freie Privatstädte nach Zürich? Und wenn ja, wen interessiert das Thema denn hierzulande?

Titus Gebel: Ja, das Buch bzw. mein Unternehmen Free Private Cities, Inc. sind der Anlass. Ichhabe gute Kontakte zu Unternehmen in der Schweiz und auch zu den Medien, etwa zur Autoren-zeitschrift schweizer monat. Diese gilt es zu pflegen. Im Übrigen hat mich das Liberale Institut in Zürich zu einem Vortrag eingeladen.

Sie vergleichen das Modell der freien Privatstadt und im Buch mit dem Betrieb eines Kreuzfahrtsschiffs. Wohin führte Sie Ihre letzte Schifffahrt, und können Sie den Vergleich kurz erklären?

Die Reise ging von Alaska nach Vancouver. Und das Bild ist sehr stimmig: Schiffe sind rechtlich kein schwimmendes Territorium des Flaggenlandes, sie müssen daher nicht eine vorbestimmte, sondern können unter einer für die jeweilige Fahrt zweckmässigen Rechtsordnung fahren. Es gilt quasi freie Rechtswahl. Zudem gibt es an Bord keine Mitbestimmung darüber, wo die Reise hingehen soll. Wer an Bord ist, weiss wohin die Reise geht und was er dafür bezahlen muss. Und: Der Kapitän, die höchste Instanz, macht nicht einfach das, was er selbst gerade möchte, weil er ein kommerzielles Interesse hat, seine Kunden zufrieden zu stellen und nicht gegen Verträge gegenüber der Rederei verstossen will, kurz: Freie Rechtswahl, Freiwilligkeit, Markt-orientierung und Vertragssicherheit sind auf hoher See ebenso grundlegende Bausteine, wie in einer freien Privatstadt, so wie ich sie haben möchte.

In der Danksagung zum Buch sind über 30 Personen genannt. Haben Sie das Buch eigentlich selbst geschrieben?

Alle Texte sind von mir aber nicht alle Ideen. Ich habe mich mit den im Buch erwähnten Leuten ausgetauscht, sehr intensiv u.a. mit Rolf W. Puster (Anm: Professor für Philosophie an der Universität Hamburg) und mit dem Architekten und Stadtplaner Patrik Schumacher (Anm: Partner im Büro Zaha Hadid Architects in London). Andere haben ihre eigenen Ideen eingebracht, vor allem Fragen gestellt, mit beantwortet, oder sie arbeiten bereits selber an ähnlichen Projekten. Joe Quirk etwa, der am Seastaeading Institute am Floating City Project arbeitet, einer ausserhalb von staatlichen Hoheitsgewässern schwimmenden Stadt. In der Szene der freien Privatstädte sind weltweit insgesamt vielleicht ein paar hundert Leute aktiv. Uns verbindet alle die Überzeugung, dass die erfolgreichsten Städte im Jahr 2050 keiner der heute noch gängigen Ideologien folgen werden.

Wie lange dauerte es von der ersten Vision, über die Geschäftsidee, bis zum Abschluss des Buches? Stand zu Beginn ein konkreter Anlass?

Am Buch habe ich drei Jahre gearbeitet. Seit der ersten Idee sind bestimmt zehn Jahre vergangen. Ich war zuvor jahrelang in der deutschen FDP engagiert, habe mich der politischen Macht angenähert. Als CEO der deutschen Rohstoff AG war ich bis 2014 auch im Umfeld des Wirtschaftsministeriums an Diskussionen über Rohstofffragen beteiligt. Nach über 30 Jahren politischem Denken und Beobachten habe ich dann mein Fazit gezogen: Ich möchte nicht mehr, dass die Regierung oder eine Mehrheit über mein Leben bestimmt, und mit diesem Ziel ist das aktuelle System nicht reformierbar. Auch für die Schweiz sehe ich da in der Tendenz keinen signifikanten Unterschied. Ein Aha-Erlebnis, das mich ebenfalls zur Idee der freien Privatstadt führte, habe ich erlebt, als ich in Monaco ankam. Nach dem Wegzug aus Deutschland fehlte mir jegliches Interesse dafür, mich in die lokale Politik einzumischen, einfach deshalb, weil ich als Bewohner einer Stadt hauptsächlich in Ruhe gelassen werden, meine Kinder auf die Strasse schicken können, niedrige Steuern bezahlen und eine gewisse Infrastruktur benützen will. Das aber ist eine Leistung, für die ich keinen Fürsten benötige – ein Privatunternehmen könnte das genauso leisten.

Das klingt so, als wären Sie nachhaltig von der Politik enttäuscht worden?

Ja, ich würde dem so sagen, auf den Punkt gebracht: Politik ist nicht ein Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. Meine Diagnose und mein Antrieb gehen aber weit über Politikerverdrossenheit hinaus: Die Menschen können nicht durch Politik überzeugt werden, dass Freiheit, Selbstbestimmung und Eigenverantwortung gute Dinge sind und dafür sorgen, dass es uns dann allen besser geht. Diese Werte sind nicht mehrheitsfähig, weil sie unbequem sind. Daher mein Fazit: Wenn ich und andere in Freiheit leben wollen, dann braucht es einen vollkommen neuen Ansatz; ein Nischenprodukt für diejenigen, denen Selbstbestimmung wichtiger ist als Mitbestimmung, die sich in den meisten Ländern zudem in der Abgabe einer Wahlstimme alle paar Jahre erschöpft. Funktioniert dieses Produkt werden die anderen Ähnliches wollen. Die Idee der freien Privatstadt ist im Grunde der Philosophie von Thomas Hobbes entnommen: Es gibt nur eine Sache, die wir alle gleichermaßen wollen: in Frieden leben. Wenn dem so ist, und die Menschen bereit sind, freiwillig und selbstbestimmt etwas dafür zu bezahlen, dann entsteht ein viel freieres, besseres und effizienteres System als eines, in dem eine Gruppe die anderen aufgrund politischer Macht zwingt, ihren Ideen und ihrer Weltanschauung zu folgen. Und so ist die Idee am Ende zusammen gewachsen: Die freie Privatstadt wird ein neues Produkt auf dem grössten Markt der Welt, dem Markt des Zusammenlebens. Freie Privatstädte werden geführt von Privatunternehmen, die möglichst autonom und gewinnbringend individuelle Staatsdienstleistungen anbietet. Solche Angebote müssen attraktiv sein, sonst kommt niemand bzw. die Einwohner wandern wieder ab.

Ihr Buch kommt wissenschaftlich daher, gleichzeitig ist der Text gespickt mit persönlichen Pauschalurteilen zur Lage der Demokratie und zum Scheitern des Sozialstaats: Für wen oder gegen wen und was haben Sie das Buch geschrieben?

Das Buch ist für diejenigen geschrieben, die nach Alternativen zu unserem jetzigen politischen System suchen.Es finden sich darin keine Schlussfolgerungen, die nicht begründet oder empirisch belegt sind. Es ist für jene, die auch daran glauben, dass der einfache Marktgedanke – ich bestelle, was ich will und bezahle nur das, was ich bestellt habe – auf unser Zusammenleben übertragen werden kann, und dass der Wettbewerb auch hier dazu führt, dass die „Produkte“ im Laufe der Zeit immer besser und immer billiger werden.

Sie betonen immer wieder, die freie Privatstadt sei eine Geschäftsidee und keine Vision. Weshalb schreiben sie denn hundert Seiten Demokratiekritik und die Forderung nach der „Entmachtung der Politik“, bevor sie im Buch das eigentliche Businessmodell erklären?

Die erste Hälfte verstehe ich als philosophisches Vermächtnis, die zweite Hälfte funktioniert als Handbuch, auch für diejenigen, die das freie Privatstadtkonzept nicht genau so machen wollen, aber den Reformbedarf erkannt haben. Auch Politiker sind angesprochen. Da kritische Themen in der Politik meistens jedoch nicht mehrheitsfähig sind, müssen sie eben von aussen und in aller Deutlichkeit formuliert werden. In erster Linie geht es mir darum, eine Alternative zur Politik aufzuzeigen. Die Profitorientierung der freien Privatstadt ist lediglich Mittel zum Zweck. Sie zeigt uns an, ob die Ressourcen ordentlich eingesetzt wurden.

Wie war denn bisher die Resonanz B2B und in den Medien auf das Buch?

Viel besser als erwartet. Ich sag es einmal so: Vor zehn Jahren wäre ich vermutlich geteert oder gefedert worden, die Leute hätten wohl gesagt, der Mann ist ein Spinner. Heute ist das anders: Jeder Zweite, mit dem ich spreche, sei es in Monaco, in Italien, Frankreich, in der Schweiz oder in Deutschland, gibt zum Ausdruck, dass an der Grundidee etwas dran sein könnte. Ich glaube, viele Menschen sind in der heutigen Welt offener für Werte, Ideen und Lebensvorstellungen, für welche die freie Privatstadt steht und sie merken auch, dass unsere politischen Systeme nicht mehr gut funktionieren, ohne die Gründe dafür genau benennen zu können.

Jede Epoche hat ihre Städte so gebaut, wir sie den jeweiligen Lebensbedürfnissen bzw. Machtverhältnissen entsprachen. Wie akut sind die Notwendigkeit und die Nachfrage, auf die Ihre Geschäftsidee gute Antworten hat?

In unseren Präsentationen für Investoren zeigen wir auf, dass Staatsaktivitäten den grössten Markt der Welt ausmachen, wobei 90 Prozent der Marktteilnehmer Verluste machen. 81 Prozent der Menschen sind mit der Art und Weise, wie ihr Land regiert wird, nicht zufrieden; die Schweiz vielleicht ausgenommen. Diesen riesigen Markt gilt es zu aktivieren. Dass uns das gelingen wird, zeigen immer wieder persönliche Reaktionen an Vorträgen, auch von jungen Menschen, die von weit her anreisen, vom Konzept überzeugt sind und die mich fragen: Ab wann können wir hingehen?

Ich erwähne zudem gerne das Beispiel von Sandy Springs, eine Stadt in den USA bei Atlanta, die es seit 2005 gibt: Ausser der Polizei und der Gerichte ist dort die ganze Stadtverwaltung privatisiert. Das Resultat: eine Kostenersparnis von zehn bis vierzig Prozent. Oliver Porter, der das Projekt initiiert hat (Anm: im Beraterstab von Free Private Cities aufgeführt), kennt zehn Städte mit zusammen rund eineinhalb Millionen Menschen, die das Modell Sandy Springs bereits kopiert haben. Zu bemerken gilt, dass diese Städte allesamt Neugründungen sind. Eine Umwandlung bestehender Kommunen ist trotz zahlreicher Versuche und trotz Kosten-senkungsgarantie noch immer gescheitert. Das ist ein weiteres Beispiel dafür, wie die Politik Wettbewerb und Innovationen verhindert, wenn dadurch ihre Macht geschmälert wird.

Privatisierte städtische Gebiete mit dem Label Smart City liegen im Trend. Alphabet, Googles Konzern-Mutter, baut mit Sidewalk Labs ein Areal am Hafen von Toronto, Facebook plant Zucktown. Worin liegt der Unterschied zwischen diesen Projekten und ihrem Stadtmodell?

Solange Smart Cities nicht gleichzeitig Free Cities sind, kann ich damit wenig anfangen. Ich denke, eine Mehrheit lebt tatsächlich lieber in einer Smart-City, wie sie die Chinesen oder globale Player wie Alphabet vorhaben als in einer Free Private City, die Eigenverantwortung fordert. Aber eben nicht Leute wie ich. Mit der freien Privatstadt wird eine Minderheit angesprochen, der Freiheit und Selbstbestimmung wichtiger sind als eine durch Technologie kontrollierte, politisch geführte Smart City, in der zudem die totale Überwachung und Entrechtung des Einzelnen drohen. Der grösste Unterschied liegt im Verhältnis zwischen den einzelnen Bürgern und Unternehmen zum jeweiligen Betreiber einer Privatstadt. Die Rechtsposition des Einzelnen ist im so genannten Bürgervertrag festgelegt. Dieser kann vom Betreiber oder auch einer Mehrheit nicht einfach geändert werden. Nach dem Prinzip jeder Bürger ist der Souverän seiner selbstbietet der Vertrag die Sicherheit gegenüber dem Betreiber der Stadt und den Schutz vor einer allfälligen Mehrheit, die Absichten haben, welche dem Einzelvertrag widersprechen. Ein Beispiel: Angenommen 99 Prozent in einer freien Privatstadt sind der Meinung, dass es einen Gemeinderat braucht und dazu noch ein neues Schwimmbad. Wenn diese 99 Prozent freiwillig mitmachen und das entscheiden, ist das solange kein Problem, wie dem einen Prozent und dem Betreiber nicht gesagt wird, dass er Entscheide des Gemeinde-rats mittragen und beim Schwimmbad mitbezahlen muss. Rentieren aus Sicht des Betreibers weder Gemeinderat noch das Schwimmbad, dann tragen die 99 Prozent somit die ganze Finanzierung.

Aus schweizerischer Sicht ist das eine eher fremde Vorstellung.

Sie müssen sich einfach vorstellen, dass Sie ihre jetzige Politikwelt verlassen und in der Welt des Grüntees angekommen sind (Anm: Titus Gebel trinkt gerade eine Tasse Grüntee). Ich habe einen Grüntee bestellt, weil ich einen Grüntee wollte, und weil ich bereit bin, den Preis dafür zu bezahlen. Ich habe deshalb aber kein Recht darauf, zu bestimmen, dass Sie auch einen Grüntee bekommen (Anm: Der Interviewer trinkt Mineralwasser) und noch unfreiwillig dafür bezahlen müssen. Genau das macht aber die Politik. Und das Prinzip betrifft dabei alle Lebensbereiche: Sie bezahlen überall für Leistungen mit, die sie gar nicht wollen oder die andere beziehen, ohne etwas dafür zu leisten. Daher die Überlegung: Wir verlassen die Wege von Sozialstaat und Mitbestimmung und wenden uns hin zur Selbstbestimmung in einer räumlich klar abge-grenzten freien Privatstadt von gleichgesinnten Vertragsbürgern.

Ich fahre kein Auto, gehe zu Fuss oder mit dem Velo zur Arbeit. Ich brauche also keine sechs Meter breite Strasse. Bezahle ich in Ihrer Stadt deshalb nichts an den Strassenbau?

In jedem Bürgervertrag wird festgehalten, wofür der Jahresbeitrag verwendet wird. Im Pflichtteil sind die Leistungen zum Erhalt der Sicherheit, für die Verwaltung, für den Unterhalt von Infrastrukturen und den Betrieb von Schiedsgerichten enthalten. Den Strassenbau würden wir als Stadtbetreiber soweit möglich an Private übertragen. Unterschiedliche Formen sind je nach Stadt denkbar, etwa die Vollfinanzierung aller Strassen oder der völlige Verzicht darauf, solange man in der Innenstadt wohnt. Als Nicht-Autofahrer können Sie nach Studium der Vertrags-bedingungen also frei entscheiden, ob Sie in eine solche Stadt ziehen wollen. Denkbar ist auch das Modell, dass kein Beitrag für den Strassenbau und den Unterhalt anfällt, weil private Betreiber dafür aufkommen und ihre Leistungen über eine Maut verrechnen.

Und wenn Sie scheitern, der Stadtbetreiber in Konkurs geht?

Natürlich können wir auch scheitern. Staaten scheitern schliesslich auch regelmässig. Da ist es aber ja wohl immer noch besser, wenn dies im kleineren Massstab einer Privatstadt passiert, und dies Freiwilligen widerfährt, die alle genau gewusst haben, worauf sie sich vertraglich eingelassen haben. Im Übrigen würden wir ganz geregelt in die Insolvenz gehen und ein besserer Betreiber würde weitermachen, oder die Bewohner übernehmen die Betreiber-gesellschaft in einem Resident-Buy-Out.

Neben dem Gastgeberstaat, dem Betreiber, dessen Anlegern und den Vertragsbürgern gehört ein Schiedsgericht zum Modell der freien Privatstadt dazu. Welches ist der schwierigste Vertrag, den es auszuhandeln gilt?

Derjenige zwischen dem Stadtbetreiber und dem Gastgeberstaat, weil darin im Grunde ein Teil politische Souveränität verhandelt bzw. abgegeben wird: Macht- und Einflussverlust der Politiker und Beamten drohen. Sonderwirtschaftszonen weltweit zeigen aber, dass es durchaus Staaten gibt, die dazu bereit sind. In Dubai und Abu Dhabi gilt quasi englisches Recht. Auch Hongkong hat eine eigene Währung und eine eigene Verfassung bzw. ein eigenes Rechts-system. Schwierigkeiten wird es mit der Politik aber – auch mit Verträgen – immer geben. Regierungen sind nicht die verlässlichsten Vertragspartner und neue Begehrlichkeiten können schnell entstehen, wenn eine freie Privatstadt erfolgreich unterwegs ist. Dagegen sichern wir uns vor allem über Investitionsschutzabkommen ab, welche die meisten Staaten abgeschlossen haben und die ausländische Investoren wie uns Ansprüche bei staatlichen Eingriffen gewähren.

Die Schweiz wird in ihrem Buch mehrmals positiv erwähnt. Worin liegt der Beitrag an die Idee und an die Umsetzung ihrer Geschäftsidee?

Das Beispiel Schweiz ist sehr wertvoll. Nämlich die Idee der weitgehenden Gemeindehoheit bei Entscheidungen, die Kleinheit und Überschaubarkeit von Gemeinden und Städten, die zudem untereinander im steuerlichen und Regulierungs- Wettbewerb stehen. Vieles davon entspricht im Grunde meiner Vision für die ganze Welt: Dass wir künftig für das Zusammenleben kleinere und grössere, jederzeit überschaubare Gebiete einrichten, die ihre eigenen Regeln selber machen und die gleichzeitig offen und bereit sind, mit anderen Gebietskörperschaften zu konkurrieren. Zudem ist die Stellung der Schweiz in Europe ein mögliches Vorbild für ein ganzes Netz aus Privatstädten: Zusammenschluss wird nur zum Schutz, zu Verteidigungszwecken und bei der Entwicklung von Märkten angestrebt.

Würden Sie auch aus einer finanziell maroden Schweizer Kleinstadt per Vertrag mit dem Gastgeberstaat CH und/oder dem jeweiligen Kanton eine freie Privatstadt aus Vertragsbürgern machen?

Ich würde diese Aufgabe sofort und mit Freude angehen. Das Problem wird sein, dass die Bürger damit einverstanden sein müssen, da wir niemanden gegen seinen Willen zu einem Leben in einer Privatstadt zwingen wollen. Und dazu gehören ein gewinnorientierter Betreiber, keine öffentlichen Güter, ein eigenes Steuer- bzw. Gebühren- und Polizeisystem sowie vor allem die Einsicht, dass die Mehrheit nicht einfach die Regeln ändern und der Minderheit diese aufzwingen kann.

In der Praxis würde man vermutlich zuerst abstimmen lassen: „Wollen Sie eine freie Privatstadt für die nächsten 15 Jahre sein, oder nicht?“ Die Geltung des Vertrages mit Bund und Kanton müsste angeordnet, und allen Bürgern, die nicht einverstanden sind, eine Entschädigung gegen Wegzug angeboten werden. Wahrscheinlicher als dieses Szenario wäre jedoch, dass in der Nachbarstadt zur maroden Kleinstadt, auf noch unbewohntem Gebiet, eine neue Stadt entstehen kann, und die Menschen sich dann entscheiden können, ob sie bleiben oder in die freie Privatstadt umziehen wollen. Für den Betrieb könnte ich mir auch eine Genossenschaft vorstellen. Der entscheidende Punkt würde in jedem Fall bleiben: Ein Bürgervertrag, der nicht einseitig gekündigt werden kann, regelt die gegenseitigen Pflichten und Leistungen. Und: der Betreiber hat das Recht, darüber zu entscheiden, wer Bürger wird und wer nicht.

Das Buch bleibt bei der Beschreibung der Umsetzung spekulativ und offen. Wie geht es mit der Produktentwicklung konkret weiter? Wann und wo sind die nächsten Meilensteine gesetzt?

Den Erfolg der Geschäftsidee können wir ganz einfach messen, indem wir Geld verdienen. Wir sind gerade in der Karibik dabei, über eine Sonderverwaltungszone auf der grünen Wiese zu verhandeln. Das Projekt kommt der Idee einer freien Privatstadt schon sehr nahe.

Wer sind „wir“?

Bei den Investoren handelt es sich um ein Konsortium mit Sitz in Washington. Mein eigenes Unternehmen Free Private Cities, Inc. ist einer der Hauptinvestoren.

Zurück in die Karibik. Wie viel Geld investieren Sie wo genau und wann?

Für das Projekt in der Karibik werden in einer ersten Finanzierungsrunde rund 25 Millionen, in einer zweiten rund 50 Millionen Euro investiert. Zum Ort kann ich noch keine Auskunft geben. Wird der Standort zu früh öffentlich, drohen endlose politische Widerstände. Nur soviel: Im Gegensatz zu Beispielen in China und Saudi Arabien, wo riesige Retortenstädte entstehen, gehen wir das Wachstum marktgerecht und organisch, d.h. in drei Phasen an: 1000, 10’000 und dann bis 100’000 Menschen. Aktuell verhandeln wir mit dem Gastgeberstaat die vertragliche Rahmenbewilligung aus. Die erste Phase bis 1000 Vertragsbürger wollen wir in den nächsten drei Jahren abschliessen.

Was wäre ihre persönliche Rolle, wenn die Stadt gebaut ist?

Aktuell gehöre ich der Betreibergesellschaft an und leite die Verhandlungen mit der Regierung des entsprechenden Landes. Um zu lernen, wäre ich gerne die ersten zwei, drei Jahre auch operativ dabei.

Als Verhandlungsführer beschäftigen Sie sich wiederum vor allem mit Politik, etwas, dass Sie nach dem Umzug von Deutschland nach Monaco eigentlich nicht mehr tun wollten?

Das kann ich leider nicht ändern, weil ich nicht gleich auf die Ideallösung setzen kann. Unsere ersten Städte werden noch keine freien Privatstädte sein, sondern eher dem Modell eine Public Private Partnership (PPP) gleichen. Das Schöne ist aber, dass es Länder gibt, die bereit sind, sich auf die Idee der freien Privatstadt einzulassen. Zugegeben, dies sind vor allem Länder, die Probleme haben und deshalb eher offen sind für neue Ansätze. Gelingt uns das Projekt in der Karibik, können wir dafür sorgen, dass die Post wieder funktioniert, Gerichte nicht korrupt sind und Kriminelle draussen gehalten oder ausgewiesen werden.

Das Prinzip „marktorientierter Städtebau“, das Sie im Buch Patrik Schuhmacher zuschreiben, ist nur sehr kurz abgehandelt. Stadtplanung soll  nicht ideologischen Zielen, sondern den Gesetzen des Marktes gehorchen und „soziale Harmonie“ ermöglichen. Wie verändert sich dadurch die Aufgabe der Städtebauer, Planer und Architekten?

Im Grunde genommen gar nicht. Der Stadtbetreiber wird von Fall zu Fall über die Anzahl und die Qualität der Planungsvorgaben und Instrumente (etwa die Zonierung oder eine Nutzungs-durchmischung) entscheiden. Soweit haben wir eine Vorstellung: Wir möchten einen Stadtkern haben, der relativ homogen aussieht, damit die Stadt attraktiv ist. Die Dichte an Vorgaben wird von innen nach aussen abnehmen, vielleicht bis an Orten am Rand der Stadt, wo gar keine baulichen Regeln mehr bestehen werden. Dort wird die freie Privatstadt dann zum städtebaulichen Experiment.

Wird Patrik Schumacher, der als Beirat Ihrer Firma aufgeführt ist, mit Zaha Hadid Architects als verantwortlicher Masterplaner fungieren?

Patrik Schumacher wird nicht als Hausarchitekt fungieren, sondern übergeordnet und in Planungsverfahren und Ausschreibungen für die Qualität sorgen und in dieser Rolle selbstverständlich seine eigenen architektonischen Ideen einbringen. Ich stelle mir zudem vor, dass wir ganze Stadtviertel an Immobilienentwickler vergeben werden und dabei sowohl Gestaltungs- wie Qualitätsvorgaben machen. Was es nicht geben wird, ist eine öffentliche Mitwirkung, wenn es darum geht, Planungsgrundlagen verbindlich zu machen. Der einzelne Bürger wird aber jederzeit wissen, welche Regeln gelten und wie der Handel mit Eigentums-rechten spielt. Als Grundeigentümer könnte ich z.B. zehn Stockwerke bauen, realisiere aber nur deren drei, deshalb verkaufe sieben an einen anderen Grundeigentümer, der dann siebzehn Stockwerke realisiert.

Nach zwei Generationen soll eine freie Privatstadt ein räumlich klar abgegrenzter Ort für eine (Zitat) „überdurchschnittlich zivilisierte“, „gewaltfreie“, aber gleichwohl „wehrhafte“ und „hoch mobile Gemeinschaft“ anbietet. Welche städtebaulichen Vorbilder fallen Ihnen ein?

Mein Ideal ist die italienische Stadt mit der Piazza. Dieses europäische Bild einer Stadt kann ich in der Karibik natürlich nicht 1:1 umsetzen. Städtebau muss sich an den lokalen Begebenheiten orientieren. Aber im Grunde schätze ich Orte, die eine architektonisch homogene Mitte haben und eine räumliche Grösse, die in kurzer Distanz und sicher begehbar ist. Was für das Konzept der freien Privatstadt gilt, muss auch die Leitidee für den Städtebau und die Architektur sein: Ich glaube an die Marktidee, weil sie auf Versuch und Irrtum basiert und Planung nicht als Orakel, sondern als Risiko versteht: Wie sollen wir denn heute vorausplanen können, was in zwanzig  Jahren richtig und gut sein wird?

Immerhin versprechen Sie schon heute den Erfolg von „individueller Freiheit“ und sozialer Harmonie“ in Privatstädten? Wir werden wir an der konkreten Gestaltung von Plätzen und Häusern erkennen, dass Sie Ihr versprechen ohne politischen Einfluss und ohne Mitwirkung durch die Bewohnenden eingelöst haben?

Ich bin kein Städtebauexperte, sehe aber, dass es viele Modelle und Theorien zu einer schön und gut gestalteten Stadt gibt. Das sind alles Spekulationen! Wir werden Städte realisieren und dabei schnell lernen. Unser Vorteil ist, dass wir dabei nicht von fremden gesetzlichen und politischen Machbarkeiten eingeschränkt werden. Im Grunde fangen wir jedes Mal neu an.

Wie möchten Sie am liebsten bezeichnet werden: als Utopist, Visionär, Reaktionär oder Schöpfer von Wohlstand und individueller Lebensqualität?

Jemand hat geschrieben, ich wäre ein visionärer Realist. Da ist was dran. Ich bin immer gegen Utopisten und Wolkenkuckucksheim-Leute gewesen. Was ich kann, sind visionäre Möglich-keiten, die uns der Markt des Zusammenlebens bietet, mit einem ganz realen Geschäftsmodell zu verbinden. Das ist meine Stärke. So machen es auch Aldi und die Migros erfolgreich: Sie stellen Produkte zur Verfügung. Und wenn das Produkt gut ist, wird es gekauft, wenn nicht, wird es am Markt scheitern. Ich bin überzeugt, dass die freie Privatstadt als Geschäftsmodell dem weltweiten Status quo der Städte künftig überlegen sein wird, weil daraus ein zusätzliches und vielfältiges Angebot entstehen kann, das viele Menschen von der Staatsabhängigkeit befreit und selbstbestimmter leben lässt.

Möchten Sie noch etwas ergänzen?

Ja, zurück zu ihrem Schweizer Beispiel: Wenn Sie tatsächlich so eine Stadt in der Schweiz kennen, die als freie Privatstadt in Frage käme, dann (…)

Baukunst im Vorstadtparadies

Emmen, mit 30’000 Einwohnern statistisch die zweitgrösste Stadt im Kanton Luzern, wird in den nächsten Jahren zur Stadtlandschaft umgebaut. Damit dies gelingt, sind generelle Gedanken zur Stadt, eine offene Planungs- und Baukultur, städtebauliche Vielfalt und eine urbane Praxis unumgänglich, die Experimente zulässt. Das Departement Design & Kunst der Hochschule Luzern macht mit ihrem Bocksprung in die Viscosistadt vor, wie das geht. 

Der Text ist in Kurzform anlässlich der Eröffnung des Baus 745 am 23. September 2016 erschienen: „Kunst im Vorstadtparadies Emmen“, in: Gabriela Christen, Lucerne University of Applied Sciences and Arts, (Hrsg.): Nordwärts, Nummern, Band 6, p. 13-15.

«Stadt ist nicht, wo nur Studenten sind (…).» Luzius Burkardt[i]

sta/ beta. Auch ausserhalb der Metropolen und Kernstädte wird geplant, investiert und gebaut, was das Zeug hält. Le Corbusiers Diagnose von 1925, «La température de la ville est à la fièvre»,[ii] trifft deshalb auch für die Gemeinde Emmen zu. «Dort, wo die Schweiz umgebaut wird», titelte die NZZ 2014 und erkannte im Luzerner Vorort etwas, das schweizweit interessiert: der Umbau einer Vorstadt und Agglomeration. Allein die Zahlen beeindrucken, und sie lassen den Anstieg der Fieberkurve erahnen: 2015 waren in Emmen rund tausend neue Wohnungen im Bau. Emmen hat heute 30’000 Einwohnerinnen und Einwohner, in wenigen Jahren sollen es bis 36’000 werden. Emmen ist damit im Vergleich zahlenmässig mächtiger als neun Kantonshauptorte. Für zusätzliche Dynamik sorgt, dass im September 2016 mehrere Hundert Studierende und Mitarbeitende der Hochschule Luzern – Design & Kunst im historisch bedeutsamen Ortsteil Emmenbrücke, in die Viscosistadt, eingezogen sind.

Die zahlreichen Grossprojekte, die Emmen gerade umtreiben, werfen, neben der Hoffnung auf nachhaltige baukünstlerische, soziale und steuerliche Mehrwerte, auch kritische Fragen auf: Bauen wir um, oder werden wir umgebaut? Und: Kann sich Emmen das geplante Wachstum eigentlich leisten? Und noch weiter: Gelingt es den am Stadtumbau Beteiligten, nicht nur mehr Dichte, mehr umbauter Raum pro Fläche, sondern auch die notwendige öffentliche Akzeptanz für das, was im Kern entsteht – nämlich für mehr Stadt – zu schaffen? In der Vision «Emmen 2025» sind die politischen Handlungsfelder für die Entwicklung der Gemeinde festgehalten. Von «Stadt» ist darin nicht zu lesen. An der Urne wurde vor wenigen Jahren gar gegen die offizielle Bezeichnung als «Stadt» abgestimmt. Dennoch stehen die politischen Behörden und Planungspartner vor der Aufgabe, dem Umbau der zweitgrössten Gemeinde im Kanton zur «zweitgrössten Stadt»[iii] mit Überzeugung die richtigen Inhalte und Bedeutung zu geben. Mehr noch: Objektiv zur Stadt gehörende Themen werden im Alltag oft zu politischen Issues, gar zu subjektiven Streitfragen in der Kommunalpolitik. Sie müssen dennoch fachlich gelöst werden. Was müssen Strassen für wenn alles leisten können? Wie hoch und wie nahe nebeneinander dürfen Häuser stehen? Welche baulichen Potenziale sind auch sozialräumlich verträglich? Benötigt eine Vorstadt wie Emmen überhaupt einen Park – und WC-Anlagen im öffentlichen Raum? Wie gehen wir mit der Aussenwerbung um? Wird die Landwirtschaft zur Landschaftswirtschaft?

Die Stadt gibt es nicht – es lebe die Verstädterung

In der aktuellen Situation teilt Emmen das Schicksal mit anderen städtischen Agglomerationen: Der Versuch, die Entwicklung von der Agglomeration zur städtisch geprägten Siedlung auf dem Hintergrund einer einheitlichen Stadtidee darzustellen, stösst hier auf ein grundlegendes Problem: Die Stadt gibt es nicht. Ausgerechnet in einer Zeit, in der zum ersten Mal über 50 Prozent der Weltbevölkerung in städtischen Siedlungsgebieten leben, ist die Verständigung über Urbanität und Stadt zu einem fachlich, politisch und medial aufgereizten Tanz um ein Plastikwort geworden. 2030 werden es über 70 Prozent sein. Nicht einmal die Expertinnen und Experten sind sich darin einig: Für die einen wird das Thema Stadt einseitig und zu wenig sozial von Architekten bestimmt, für die anderen steckt zu viel Soziologie drin, zu viel Statistik, zu viel Kunst; dann wieder dominiert die globale Marktwirtschaft, oder die Interessen der Politik finden die Oberhand; schliesslich wird der Diskurs, wenn er überhaupt stattfindet, nicht selten durch  Techniken der Kommunikation, durch Stadtmarketing und Branding, vernebelt. Wer dabei im inszenierten Wettbewerb um Aufmerksamkeit auf die Rechtmässigkeit und hoheitliche Definitionsmacht von Behörden glaubt, findet auch beim Bund keine Klärungshilfe. Ist Emmen eine Stadt? Gemäss der offiziellen Raumgliederung Schweiz ist Emmen gleichzeitig «Kleinagglomeration», «übriges städtisches Gebiet», weder «Kleinstadt- noch Mittelstadt». Was denn nun?

Halten wir nüchtern fest: Was wir allgemein unter Stadt verstehen, ist offensichtlich subjektiver und unsicherer sowie gleichzeitig vielfältiger geworden. Die Festellung, dass es bis heute keine eigentliche Wissenschaft von Stadt gibt, scheint sich zu bewahrheiten. Angelehnt an Henri Lefebvre und sein Buch „Revolution der Städte“ (CEP, Hamburg 2014) befinden wir uns in einem Prozess der Verstädterung, und damit unter dem Einfluss einer, wie sie Levebre nennt, „kritischen Phase“. Kritisch daran ist: Aus ehemaligen Handels- und Industriestädten oder bäuerlich geprägten Gesellschaften werden heute und morgen Stadtgesellschaften, von denen wir, trotz Theorie- und Methodenvielfalt und Monitoring, offensichtlich noch nicht genau wissen, wie wir sie beschreiben und wirkungsvoll gestalten können. Die Ausgangslage in dieser Phase der Verstädterung vergleicht Lefebvre mit einer Blackbox, die es zu kritisch zu betrachten und allenfalls zu bearbeiten gilt: „Man kennt den Input, manchmal kann man den Output wahrnehmen.“ Jedoch: „Mann weiss nicht recht, was drinnen vorgeht.“ (ebenda, p. 24). Trotz dieser Verunsicherung: Wer sich in Emmen mit dem Umbau eines Industrievororts in eine Stadt beschäftigt, dem bleibt die Möglichkeit, Phänomene und einzelne Objekte der Verstädterung zusammenzutragen, zu gewichten und weiterzudenken. Lefebvre spricht bei diesem Vorgehen von einer „urbanen Praxis“.

Wettbewerb der Interessen

Zunächst geht es in dieser Praxis darum, Wohnen, Arbeiten, Ver- und Entsorgung sowie Mobilität so zu gestalten, dass daraus Lebensqualität entsteht. Weil es in einer global vernetzten Welt um eine neue Art der Verteilung und gleichzeitig vor allem um Wettbewerb und um Aufmerksamkeit geht, geraten die Akteure, die Stadt bauen, verwalten und gestalten, zunehmend in ein Konkurrenzsituation. Vermehrt sind es Markt- und damit Kommunikationsprozesse, die darüber bestimmen, was die Stadt vermeintlich ist, benötigt und ausmacht. Raum- und Stadtplanung und der Städtebau werden dann zunehmend von der Dynamik einer eigentlichen Stadtproduktion angetrieben. Zugespitzt und an die Adresse der Planer und Architekten formuliert, bedeutet dies ein Umdenken: Im Spagat zwischen Angebot und Nachfrage, zwischen Interessen und Investitionen, Notwendigkeiten und Vorstellungen lösen nicht Planungen und Stadtentwürfe raumrelevante Entwicklungen aus. Städtischer Wandel funktioniert gerade andersherum: Die über 50%-Weltstadt wird angetrieben durch die Bedingungen einer unsicheren und gleichzeitig vielfältigen Markt- und Risikogesellschaft. Und die Folgen? Stadtplanern, Stadtbaumeistern und allen die sich professionell mit Verstädterung beschäftigen, drängt sich die Frage auf, welche Veränderungen überhaupt noch zeitgerecht antizipiert und wirkungsvoll gestaltet werden können: Bauen wir um, oder werden wir umgebaut? So lautet in Emmen die Frage. In dieser Situation der Unsicherheit vermag der Ruf nach einer klareren Positionierung von Behörden, Standorten und Arealen für den Moment für Beruhigung, Klarheit und vermeintliche Kontrolle sorgen. Mit dem Ausrufen der unternehmerisch geprägten Stadt.inc allein (den Begriff hat u.a. Winny Maas geprägt) lassen sich Veränderungen im urbanen Umfeld dennoch nicht zielführend und lösungsorientiert einsetzen. Vielmehr bestimmen politische Haltungen und Verwerfungen, globale Marktkräfte und private Bewegungen wie die Protestaktion „Occupy“, hochgradig vernetzt und gleichzeitig den Prozess der Verstädterung. Wird dieser im Sog der Globalisierungskritik erlebt und führt gar in die Ohnmacht, stellen sich an der Seite der Paradigmen Macht und Recht, längst ebenso wirkungsvoll wie staatliche und wirtschaftspolitische Stadt- und Raumentwicklungsprogramme, eine Vielzahl von Interessen von Menschen, Gruppen und Institutionen auf, die sich aufgrund ihrer Befürchtungen, Emotionen und Ängste für Lebensräume einsetzen. So gleicht die Aufgabe der nachhaltigen Stadtentwicklung mehr und mehr einem Jonglieren mit Bällen, einer Herausforderung, bei der ein Einsatz von Macht, Regeln und Vermittlung nur in Abstimmung zum Erfolg führt: “Juggling the complex web of activities in urban Environments is an ideal place to start thinking through the trade-offs that sustainable development can imply”, schrieb die OECD 2008 in ihrer Publikation “Sustainable Development” (Reihe OECD insights, Tracey Strange, Anne Bayley, S. 28).

Wenn das, was wir unter Stadt verstehen können, zunehmend aus der Konkurrenz zwischen Macht, Regeln, Interessen und Befürchtungen heraus entsteht, dann wird Verstädterung, bevor sie zur gelungenen Show von Künstlern und Gauklern wird, werden Eingriffe in die Blackbox der urbanen (verstädterten) Gesellschaft, wieder vermehrt eine Sache von Verhandlungen. Wer Stadt aktiv gestalten, eine urbane Praxis etablieren und sogar innovativ sein will, wird Konfliktpotentiale, Trends, die Reaktion auf Notwendigkeiten, den Umgang mit temporären Ereignissen ebenso hoch gewichten, wie hoheitlich erstellte politische und fachliche Leitbilder und Planungsziele. Kooperationen und eine kluge öffentliche Mitwirkung unter den Bedingungen einer verschärften Konkurrenz sind dann nicht länger ein Muss, sondern selbstredend ein Teil der richtigen und guten Lösung, die, solange wir von Demokratie sprechen, von einer Mehrheit als richtig und gut befunden wird. Mit anderen Worten: Alleine mit fünf Bällen zu jonglieren, ist eine professionelle Leistung eines Einzelnen. In der Zusammenarbeit mit den anderen, die sich die urbane Arena teilen und dabei das Publikum vor Augen haben, müssen daraus mindestens 20 Bälle werden. Wenn also heute bei der Frage nach dem Stadtumbau vordergründig die Antwort Wachstum lautet, stehen im Hintergrund wesentlich bestimmendere Frage im Raum: Welche Stadt können wir gemeinsam mit wem und für wen überhaupt noch bauen. Und mit welcher Wirkung. Und mit welchen Folgen?

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Planungskultur wider die Krise

Ob das Bild der Stadt als ein durch Verhandlung gezielt ausgewähltes und kooperativ gestaltetes Produkt aus Interessen, Marktchancen, guter Baukultur – und somit das Paradigma der postfordistischen Stadtproduktion – neue Chancen oder eine weitere Krise bedeuten, bleibt ebenso unbeantwortet wie die Frage nach der normativen Stadtdefinition. Für Emmen bedeutet dies: Den Fragen, Phänomenen und Aufgaben, welche die zahlenmässig zweitgrösste Gemeinde im Kanton Luzern auf ihrem Weg zur Stadt begegnet, ist in jedem Fall früh, offen und kritisch zu begegnen; und zwar bevor die sichtbaren Veränderungen – und mit ihnen der politische Alltagsslogan „Emmen boomt“ – als Krise wahrgenommen werden. Lucius Burkhardt hat dazu 1961 eine Leitlinie vermerkt, die, aus aktuellem Anlass in der Viscosistadt, wo gerade Studierende einziehen, nicht treffender sein könnte: «Stadt ist nicht, wo nur Studenten sind, wo nur Bankhäuser sind, wo nur Vergnügungspublikum zwischen Restaurants flaniert, nicht einmal dort, wo nur Einkauf ist.» Für den Soziologen und Planungskritiker zeigt sich das Wesen der Stadt nur, «wo sich mehrere ihrer Funktionen überschneiden».[iv] Damit propagierte er die Vorzüge einer offenen Planungskultur und Stadtidee, die von Vielfalt, Durchmischung und Vernetzung lebt. Das klingt stimmig. Kommt hinzu: Die Themen von damals sind den heutigen zumindest ähnlich. Damals wie heute ging es, bzw. geht es um die Bewältigung eines Bevölkerungswachstums, um Verdichtung und Investitionsbedarf bei Infrastrukturbauten, um zusätzliche Ansprüche an den öffentlichen Raum, um die Transformation von Nutzräumen, um die Frage nach den richtigen Anreizen und Intervention in der Finanz- und Raumpolitik, kurz: im Grunde um die richtige Planungs- und Baukultur.

Städtisches kann vermitteln

Als Vorgabe für städtebauliche Aufgaben und Veränderungen, wie sie sich in Emmen gleich mehrfach stellen, bedeutet Offenheit im Planen und Bauen zunächst, anzuerkennen, dass städtische Wirklichkeit auf verschiedenen Ebenen stattfindet. Lefebvre folgend, können deren drei unterschieden werden: die globale, jene der staatlichen, institutionellen und marktwirtschaftlichen Mächte; die private des individuellen Alltagsleben und dazwischen eine dritte, die konkret räumliche städtische Ebene. Einfacher erklärt: Verstädterung wird global durch Behörden, Firmen und übergeordnete Planungen und durch mich als Automobilist, als Nachbar, Mieter und Kunde gestaltet. Dazwischen, vermittelnd zwischen globaler und privater Spähre, sind es konkrete städtebauliche und soziale Orte sowie Dienstleistungen, lokale Machtverhältnisse und damit auch einzelne Planungen und Bauprojekte, die über das Resultat im Prozess der Verstädterung bestimmen. Logisch scheint, dass Städte und Gemeinden daher weder durch reaktionäre Vereinfachungen, mit Positionen wie die freie Fahrt für freie Bürger (die das „Ich“ ins Zentrum stellen) noch durch hoheitliche Planungen ohne Mitwirkung zum Ziel kommen. Planung und Städtebau haben deshalb immer die Aufgabe, vermittelnd zwischen globalen Themen und dem privaten Alltagsleben, in kooperativ gestalt- und verhandelbaren Räumen das „Wir“ zu schaffen, in der Gestalt von neuen Orte oder bereits bestehende, die aufgewertet werden.

Stadtlandschaft als Hintergrund

Zurück zu unserer Eingangsfrage. Ist Emmen eine Stadt? Wo genau liegt eigentlich Emmen? Zwischen Luzern, Ebikon und Rothenburg. Oder doch eher an einem geografischen Ort zwischen Kernstadt und Land, wo weder der ursprüngliche Naturraum noch das traditionelle Dorf, noch eine traditionelle städtische Mitte existieren. Die Rettung findet Emmen in der Stadtlandschaft Luzern[v], wie hier behauptet wird. In Emmen von einer Stadtlandschaft zu sprechen, passt, und bringt erst noch den Vorteil mit sich, dass sich der festgefahrene Dialog «Städtische versus ländliche Schweiz»[vi] darin auflösen kann. An seine Stelle tritt ein Gegenkonzept, welches in der fachlichen Diskussion zunächst das ganze «Stadtland Schweiz»[vii] im Auge hatte. Und noch ein Argument spricht für die Stadtlandschaft: Vor Ort und in einzelnen Planungen die Stadtlandschaft Emmen als konzeptionellen Hintergrund zu propagieren, ist sinnvoll, weil darin die Vielfalt und die Polyvalenz, verschiedene Beziehungen, Bedeutungen und Funktionen zwischen unterschiedlichen Orten innerhalb und ausserhalb der Stadt- und der Gemeindegrenzen, bereits enthalten sind. Zwischen Emmen und Luzern sind nicht nur Politik, Ökonomie, Gesellschaft und Bildung vernetzt; auch Bauten, Strassen, Flüsse und die Landwirtschaft bilden ein mehr oder weniger sichtbar und gelebtes Netzwerk. Was die Stadtlandschaft Emmen letztlich jedoch ausmacht, sind die Menschen und ihre Bedürfnisse. Die einen finden gegenwärtig im Wohnungsangebot auf der Feldbreite ihr Wohnparadies, andere künftig am Seetalplatz ihren neuen Arbeitsplatz, wieder andere für sich einen kulturellen Mehrwert als Bewohner/in der Viscosistadt oder ein Zuhause im Einfamilienhaus unmittelbar an der Grenze zur Landwirtschaft. Sich über eine Stadtlandschaft wie Emmen zu verständigen, erfordert und benötigt deshalb keine einheitliche Stadtidee, sondern Prinzipien und hauptsächlich dies: den Austausch über stadt- und lebensräumliche Qualitäten (das Wir) am Beispiel einzelner konkreter Aufgaben und Projekte. Reicher werden kann für Emmen dann bedeuten, dass dadurch mit guten Lösungen die bauliche Vielfalt und das Angebot an Lebensräumen gestärkt werden. Oder dass Orte von zentraler Bedeutung innerhalb der Gemeinde und im Umfeld aufgewertet, verdichtet und besser angebunden werden: einzelne Areale an die S-Bahn-Stationen, Quartiere an Strassen- und Flussräume, die Natur und der Wald an die Räume der Landwirtschaft, privates Wohnen an öffentlich zugängliche Freiräume.

Bocksprung

Wenn die Hochschule Luzern im Sommer 2016 nordwärts zieht, lässt sich die Reise mit einem Bocksprung[viii] vergleichen. Beim Sprung über die Stadtgrenze hinaus mitten in die Viscosistadt trifft die Abteilung Kunst und Design  auf ein ehemaliges Industrieareal, das bis vor Kurzem nicht öffentlich zugänglich war und sich neu als Zukunftsort mit Industrie, Kultur, Büros und Wohnungen positioniert. Was in der Viscosistadt passiert, öffnet den Blick auf die Möglichkeiten an anderen Orten in der Stadtlandschaft Emmen: Nebenan ist das neue Stadtzentrum rund um den Seetalplatz bereits am entstehen. In der Ferne lassen die Gebiete Sonnenhof, die Feldbreite oder die Grünmatt als Stadtentwicklungsgebiete grüssen. Auch das Emmen Center wetteifert mit einem Redesign um seine Stellung im regionalen Einkausfmart. Beidseits des Bahnhofs Emmenbrücke und im Quartier Meierhöfli schlummern weitere Entwicklungspotenziale, die, einmal gebaut, ihre eigene Struktur, Dichte, Lebensqualität und Atmosphäre erzeugen werden. In ihrer Vielfalt gleicht die Stadtlandschaft, die in Emmen entsteht heute noch  einem Archipel, einem an vielen Stellen noch nicht bestellten «Paradis fantastique»[ix] aus einzelnen städtebaulichen beziehungsweise landschaftlich geprägten Inseln. Im Einzelfall und im Zusammenspiel werden die Möglichkeiten und der Widerstand dieser Inseln gegenüber Veränderungen den Umbau Emmens zur Stadt wesentlich prägen. Dazwischen sind es Strassenzüge, Fluss- und Grünräume sowie Freizeitanlagen, Gewerbe- und Einfamilienhausgebiete und nicht zuletzt die Landwirtschaft, welche die Aufgabe haben, Orte, Verbindungen und Hotspots so zu schaffen, dass sie dem Eindruck einer anonymen Agglomeration entgegenwirken.

Auf dem Weg zur Stadtlandschaft kommt für Emmen die Hochschule für Design & Kunst somit gerade rechtzeitig. Kunst als Form der Aktualisierung von bisher unsichtbaren Realitäten, die offene Erkundung des Unfertigen, Möglichen und Vielfältigen hat Tradition. Auch Architektur und Städtebau bedeuten in einem Stadtumbau gleichzeitig eine Technik und Kunst. So ist zu hoffen, dass die Hochschule mit ihrer Präsenz in der Viscosistadt dazu beitragen kann, zu aktualisieren, was Emmen heute und morgen als Stadtlandschaft brauchen oder gar auszeichnen kann. Zu wünschen ist, dass im 745 Experimente entstehen, die – ganz im Sinn der Möglichkeiten einer Kunst im Vorstadtparadies Emmen – für eine lebenswerte, offene und erfolgreiche Stadtidee stehen. Dann hat sich der Bocksprung für alle gelohnt: Stadt Emmen hin oder her.

[i] Burckhardt, Lucius: Wer plant die Planung? Kassel 1980, S. 135.

[ii] Le Corbusier: Urbanisme, Paris 1994, S. 120.

[iii] Zitat aus der Plakatkampagne der Gemeinde Emmen vom November/Dezember 2015.

[iv] Ebd., S. 135.

[v] Zum Begriff Stadtlandschaft: Archithese Sondernummer 1997: Stadt-Landschaft oder Landschafts-Stadt.

[vi] Kreis, Georg (Hrsg.): Städtische versus ländliche Schweiz? NZZ Libro 2015.

[vii] Vgl. Eisinger, Angelus und Schneider, Michel: Stadtland Schweiz. Zürich 2005.

[viii] Bocksprung ist hier dt. für «leapfrog», vgl. dazu: Christopher, Alexander: A New Theory of Urban Design. Oxford 1987, S. 143.

[ix] In Erinnerung an das Werk «Le Paradis fantastique», ein Ensemble aus Skulpturen von Niki de Saint Phalle und Maschinen von Jean Tinguely.

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Foto und Grafik: Stadtfragen 2015

Ein eindrückliches Beispiel dafür, wie der urbane Informationsraum unsere Wahrnehmung im Alltag beherrscht, ohne dass wir uns dessen bewusst sind, findet sich in der S Bahn von San Francisco: Eingefärbt sind Fahrgastinformationen, Anweisungen, Warnungen sowie die Möglichkeit, die Fahrgäste über Lautsprecher zu informieren. Die Dichte beeindruckt.

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KKL (1): Die Vision ist erwachsen

Heute vor genau 20 Jahren, am 12. Juni 1994, hat Luzern an der Urne dem Bau des «Kultur- und Kongresshauses am See» zugestimmt. Jean Nouvel verpackte im Vorfeld die Antwort auf die für das Vorhaben KKL existenzielle Frage „Welche Stadt wollen wir?“ mit strategischem Kalkül in eine offene Erzählung über die Geschichte und die Zukunft am Europaplatz. Interpretiert als Bildprojekt eines gelungenen urbanistischen Bocksprungs fasziniert und verunsichert die damals wichtigste Projektdarstellung, ein Landschaftsbild, bis heute. So lautet die Annahme. Stadtfragen geht deshalb in loser Folge der Frage nach, wieso das so ist, und welche Folgen sich daraus für die Stadtentwicklung ableiten lassen.

Bild: Archiv Stadtfragen (© JNEC, Vincent Lafont, Trägerstiftung Kultur- und Kongresszentrum am See, Luzern)

(…) La „nouvelle“ maison est à la fois paisible et animée. Elle s’incrit dejà comme l’évenement-symbole d’un nouveau chapitre de l’histoire de Lucerne“  Jean Nouvel, Juli 1993

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Vincent Lafont 1993: Perspective, graphite et crayons de couleur sur calque superposé sur tirage papier 35,5 x 102 cm

sta. Insgesamt viermal stimmte das Luzerner Stimmvolk bis zur Eröffnung 1998 über das KKL am Europaplatz ab. Die entscheidende Hürde nahm das „Kultur und Kongresshaus am See“, wie das Projekt damals hiess, vor genau 20 Jahren: Am 12. Juni 1994, nur ein paar Wochen nach der Feier zum Wiederaufbau der Kapellbrücke, stimmten 65,76 Prozent der Stimmberechtigten dem städtischen Baukredit in der Höhe von 94 Mio. Franken zu. Im gleichen Urnengang schickte die politische Schweiz die Blauhelmvorlage, den Kulturartikel und die erleichterte Einbürgerung von jungen Ausländern bachab. Luzern war zurecht stolz auf sich: „NEIN. NEIN. NEIN“ und „Luzern glaubt an sich“, titelte die lokale Tageszeitung gleichzeitig. Der Erfolg der Vision KKL an der Urne wurde politisch als Bestätigung für eine in den Jahren zuvor ausgehandelte Kulturpolitik interpretiert. Das „JA“ drückte in einer Zahl aus, dass das Vorprojekt des Pariser Architekten Jean Nouvel im äthetischen Urteil der Bevölkerung eine Mehrheit gefunden hatte. Gar von einer „architektonischen Absolution für den Star aus Paris“ schrieb die Lokalzeitung euphorisch.

Erfolgreiche Aufführung

Bei so viel Segen für zeitgemässe Architektur in der Öffentlichkeit einer Kleinstadt wie Luzern sind neben Begeisterung auch kritische Zweifel angebracht: Hat sich 1994 tatsächlich eine Mehrheit der Bevölkerung für eine international beachtete, zeitgemässe Architektur eines ausländischen Architekten ausgesprochen? Notabene für einen, der die Wirkung moderner Architektur in der Öffentlichkeit aufgrund ihrer inhärenten Radikalität immer als (Zitat) „Schock“ bezeichnet? Aus heutiger Sicht scheint diese Diagnose noch unwahrscheinlicher zu sein als damals, zur Zeit der Abstimmung, denn: Luzern fühlte wohl 1994 bereits die Sogkraft des nahenden Jahrtausendwechsels und zeigte sich gegenüber prägenden Ereignissen und Veränderung deshalb offener als gewöhnlich. Trotzdem: Näher an die damalige und heutige Realität im barock-selbstverliebten Luzern kommt die Annahme, dass den Protagonisten 1994, auf dem Hintergrund einer Vision in Aktion, letztlich nicht weniger gelungen ist, als der dramaturgische Höhepunkt in einer über Jahre bemerkenswert stimmigen Aufführung zu einem politisch, wirtschaftlich und kulturell notwendigen Wandel. Aufgeführt und legitimiert wurde damit auch ein für die Stadt wegweisender urbanistischer Bocksprung, der mit Hilfe von Jean Nouvels Architektur bis 1998 bzw. 2000 Form und Material werden sollte. Mit dem positiven Ereignis am 12. Juni 1994 war (bewusst oder unbewusst) klar geworden, dass – vis-a-vis der Seestadt aus dem 19. Jahrhundert mit ihren stilbildenden Hotels und Quaianlagen – eine Stadtlandschaft für das 21. Jahrhundert entsteht.

Eindrückliche Konsistenz

Stimmt die hier gemachte Annahme, dass vor 20 Jahren an der Urne hauptsächlich eine Aufführung der Vision KKL gelungen ist, dann wurde an der Urne zwar über einen Baukredit und damit über ein Haus am Europaplatz mit unterschiedlichen Nutzungen unter einem gemeinsamen Dach abgestimmt; nicht aber über die Inhalte, das Wesen der Architektur von Jean Nouvel. Gegenstand der Abstimmung war ein „JA“ zu einer kooperativ erarbeiteten Vorstellung über die Zukunft der Kulturstadt und des Tourismusstandorts Luzern. Zum Glück. Nicht auszudenken ist, wohin wohl die Reise einer breit ausgelegten, öffentlichen Haushaltdiskussion über die Mittel und den Ausdruck von Jean Nouvels Architektur – über ein mehr als 40 Meter auskragendes Vordach – geführt hätte!

Mit Recht lebt die Reputation der Erfolgsgeschichte KKL deshalb von der Faszination darüber, wie konsistent, zielgerichtet und werktreu die „Chance für Luzern“ im kooperativen Prozess von der Idee bis zur Eröffnung verhandelt, vermittelt und letztlich öffentlich kommuniziert wurde. Performativer Städtebau at its best frohlockt am Ende des Tages der Kritiker! Mit welchen Mitteln der Vermittlung und Überzeugung das „JA“ zustande kam, daran erinnert bis heute die im Vorfeld der Abstimmung vom Juni 1994 wohl wichtigste Projektdarstellung (Titelbild). Das Rendering zum Vorprojekt erzählt emblematisch davon, was am Europaplatz über die Geschichte und die Zukunft der Stadt Luzern zu lesen ist. Was auf den ersten Blick als unscharfes, beinahe lieblich anmutendes Landschaftsbild erscheint, zeigt sich bei näherer Betrachtung als ein mit strategischem Kalkül ausgearbeitetes Bildprojekt, als eine Erfindung und Bildmaschine: Mit Hilfe der Darstellung, die vom Pariser Gestalter Vincent Lafont 1993 im Auftrag von JNEC (Jean Nouvel et Emmanuel Cattani) erstellt wurde, gelang es, den Blick für ein zugleich offenes und spezifisches Zusammenspiel von Stadt, Landschaft und Gebäude an einem ganz bestimmten Ort, zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt zu öffnen. Die dabei verwendete Bildlogik und Symbolik  man könnte sagen: die mit dem Entwurf des Architekten hergestellte, neue integrative Realität in den Augen der Betrachtenden  hat Jean Nouvel in seinem original Untertitel vom Juli 1993 in seinen eigenen Worten so beschrieben:

Sérénité du lac, grandeur du paysage, à ses confins bâtir un nouveau signe de civilisation, un témoignage de la foi en son avenir, un lieu où se mettent en scène ses activités et sa vie culturelle. La „nouvelle“ maison est à la fois paisible et animée. Elle s’incrit dejà comme l’évenement-symbole d’un nouveau chapitre de l’histoire de Lucerne“.

Die Abbildung wurde am  27. Juli 1993 erstmals veröffentlicht – wahrscheinlich nicht ganz zufällig exklusiv in der NZZ. Einen Monat später fand die Pressekonferenz zum Vorprojekt Kultur- und Kongresshaus Luzern statt, über das heute genau vor 20 Jahren erfolgreich an der Urne abgestimmt wurde, deshalb: Happy Birthday Vision KKL!


Fortsetzung: Worüber reden wir eigentlich, wenn wir am Europaplatz von der „Stadt“ sprechen?

Moderierte Stadt für Karlsruhe

Der Pavillon zum Stadtjubiläum im Karlsruher Schlosspark von Architekt Jürgen  Mayer H. ist eine temporäre Architektur für eine temporäre Stadt. Sie dauert vom Juni bis im September 2015, wurde vom Stadtmarketing bestellt und wird – so lautet hier die Prognose – ein beispielhafter Erfolg einer moderierten Stadtproduktion, in deren Ambiente sich die einzelnen Besucher/innen aus Nah und Fern, allenfalls auch in Reisegruppen und zusammen mit ein paar Freunden, vor allem selbst feiern werden.

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Bilder: J. Mayer H. 2014

sta. „Heute findet ein Wechsel vom Monument zum Event statt“, schreibt Hannelore Schlaffer in ihrem lesenswerten und scharfsinnigen Essay über das heutige Strassenleben in der City, der „geplanten Stadt“ (zu Klampen 2013). Sie meint damit jene oft beschriebene Stadtrealität, in der politische Behörden nicht mehr dadurch als Machthaber auftreten, indem sie ihre ästhetische Selbstdarstellung mit Denkmälern und Monumenten feiern. Noch weniger wollen sie als blosse Verwalter oder Ordnungshüter auftreten: „Lieber spielen sie den Moderator bei den Unterhaltungsangeboten für ihre Bürger“, so Schlaffer. Städtische Immobilien dürfen deshalb weder einschüchtern, noch den Anschein machen, dass bei ihrem Bau und Betrieb nicht die kluge Ökonomie oberstes Ziel gewesen ist. Politische Macht in gebauter Form scheint daher umso sinnfälliger in Form von Kulturbauten und Events ihren der Zeit angepassten Ausdruck finden zu müssen. Jedoch nicht nur aus Selbstzweck, denn: Dem modernen und oft temporären Stadtbürger vom Land vergegenwärtigen Museen, Konzerthallen, Pavillons und Open-Air-Veranstaltungen bei einem Besuch weniger die Kraft der Staatsmacht, sondern vor allem seine oder ihre persönliche, sinnliche Präsenz und Aufmerksamkeit, die auf einer meist ungefährlichen, im besten Fall etwas schicken und in jeden Fall urbanen Bühne erlebt werden darf. Dieses persönliche Recht auf Stadt ist weder kritisch noch revolutionär, es konsumiert. Die zahlreichen Anderen gehören nicht zu einer organisierten Masse, sie sind einfach halt auch noch da.

Instant-Architektur für die friedliche Menge

Mit dem Wechsel vom Monument zum Event werden Bauten wie der Pavillon für Karlsruhe 2015 aus urbanistischer Sicht so zum persönlichen temporären Ereignis in der temporären Stadt; politisch und planerisch angerührt, schmackhaft und konsumierbar wie ein hochwertiger Instantkaffee, der in einem mobilen Pappbecher durch die Instant City für eine friedlich-fröhliche Menge getragen wird. Geordert durch das zuständige Stadtmarketing muss oder kann die Architektur dem Event gleichzeitig seinen baulichen Rahmen, seine gestalterische Exklusivität, den inhaltlichen Sinn und seinen Promotoren und Konsumenten letztlich den gewünschten kommunikativen Symbol(mehr)wert verleihen. Erfolgreiches Design als Beitrag an die temporäre Stadtproduktion integriert deshalb stets gleichermassen das Material und die Form eines geplanten Stadt- und Standortmarketings.

Temporäres Stabwerk von J. Mayer H.

Beispielhaft. Und absehbar ein Erfolg eines Meisters der architektonischen Inszenierung. Globales Architekturdesigns auf höchstem Niveau. Das sind Schlagworte, die in diesem Fall nicht übertreiben, weil für die Feierlichkeiten zum 300. Gründungstag der Stadt Karlsruhe 2015 im Schlosspark ein temporärer Veranstaltungspavillon von Jürgen Mayer H. entsteht. Der Architekt und Designer trägt immerhin den Mies-van-der-Rohe Nachwuchspreis 2003. In der offenen Struktur seines Entwurfs finden während des Festivalsommers verschiedenste Konzerte, Theateraufführungen, Autorenlesungen, Filmvorführungen und Ausstellungen statt. Der Pavillon bietet einen großen Saal mit Bühne, er ist zentraler Informationsort für die über die Stadt verteilten Jubiläumsaktivitäten und ein Treffpunkt mit Café. Das verformte Raster des Pavillons bezieht sich auf den streng geometrisch-radialen Grundriss der Barock-Stadt Karlsruhe mit dem Schloss als Fokus und transformiert diesen in ein räumliches Linienfeld: Ortsbezug als Strategie gehört zum gefestigten Repertoire einer zeitgemässen Stadtproduktion durch Bauten. Auf mehreren Ebenen in und auf der Struktur entstehen Ausstellungs-, Ruhe- und Aussichtsplattformen. Die Aufbauarbeiten beginnen im März 2015. Die Ausstellung zum Jubiläum dauert von Juni bis September. Im Oktober wird der Pavillon wieder demontiert.

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Dorf macht Sinn!

«Die Schweiz hat ein Dorf im Kopf». So tönt es kritisch aus Fachkreisen. Das «Dorf» macht als Hintergrund für die Arbeit von Planern und Architekten dennoch Sinn. Stadtfragen hat in Deitingen, Innertkirchen und Näfels nachgeschaut, was Architekten aus Basel, Luzern und Zürich dazu zu sagen haben. Entscheidend für das Gelingen einzelner Interventionen im Dorf scheint die glückliche Konstellation vor Ort zu sein. Der vollständige Text «Frischs Dorf» ist in der Dezemberausgabe 2013 der Zeitschrift werk, bauen+wohnen erschienen.

Titelbild: Der neue Wydenhof in Näfels, Fotos: Stadtfragen 2013

sta. Das Pamphlet in «achtung: Die Schweiz» forderte 1955 auf, dort hinzusehen, wo das Mittelland aufgehört hatte, eine Landschaft zu sein, wo es weder Stadt noch Dorf war. Damals ging es um die Bewältigung des Wachstums der Schweiz durch Städtebau und Architektur, kurz: «Wir bauen eine neue Stadt». In Innertkirchen, Deitingen und Näfels handelte die Aufgabe der Politik, der Investoren und Architekten von der Suche nach dem «neuen Dorf».

Identität macht den Unterschied

Mit dem Bonmot «Die Schweiz hat ein Dorf im Kopf» wird einer Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer üblicherweise fehlender Mut zur Urbanität unterstellt. Das Dorf im Kopf, so lautete die These hier, ist eine gute Sache. Dann «das Dorf» kann als Sinnfeld einer offenen Wahrnehmung produktiv werden, wenn es als vielfältiger, gemeinsamer Hintergrund in der Wahrnehmung von Laien und Experten verstanden wird. Dies ändert jedoch nichts daran, dass einzelne bauliche Eingriffe umso klarer nachvollziehbar machen müssen, was sie mit zur Idee «Dorf» zu sagen und beizutragen haben. Das Sinnfeld «Dorf» kann bereits im Entwurfs- und Bauprozess, auf dem Weg zum architektonischen Konzept, zum Charakter, zum neuen Bild, zur Atmosphäre oder zur klugen Analogie zum Ausgangspunkt einer spezifischen Schaffung von Dorfidentität werden. Die Kritik am einzelnen Objekt interessiert sich dann für die Schnittstellen zwischen der architektonisch behaupteten und der tatsächlich wahrnehmbaren Identität vor Ort.

Boxenstopp in Innertkirchen

In Innertkirchen haben die Gschwind Architekten aus Basel das «Grimseltor» realisiert. Das touristische Informationszentrum mit Einkaufsladen, Post, Dorfplatz und Saal soll als «neues Herz der Gemeinde» identifiziert werden. Der Ausdruck der Architektur spricht vom Umgang mit Abstrakta aus der Architektur-Landschaft. Der robuste Betonbau erinnert an hiesige Kraftwerksanlagen. Im Spiel mit der alpinen Naturkulisse von Innertkirchen entstehen so reizvolle Bilder. Gebäude und Dorfplatz wirken gleichzeitig selbstbewusst und selbstbezogen – das monolithische Objekt in Weissbeton könnte sich für weitere Standorte an anderen Passstrassen eignen. Den Dorfplatz bezeichnen die Architekten als «Dorfbühne». Der Besuch vor Ort wirft die Frage auf: Wie gut taugt generisch programmierte Architektur vor Ort tatsächlich zu einer Aufführung einer lokalen Dorfmitte?

Wohnen in Näfels

Näfels gehört zur Grossgemeinde «Glarus Nord». Die «Zentrumsüberbauung Wydenhof» wurde benachbart zum Freulerpalast vom Luzerner Architekturbüro Lussi + Halter realisiert. Die Bank Raiffeisen und ein privater Landbesitzer haben den Ersatzneubau einer Villa mit Garten ermöglicht. Die fünf Gebäude mit Giebeldach, divers in Form und Ausrichtung, bilden ein stattliches Ensemble. Die Bank Raiffeisen steht direkt an der Kantonsstrasse. Vier Häuser mit 18 Eigentumswohnungen interpretieren die dörfliche Siedlungsstruktur und Dichte von Näfels. Mit dem Massstab der Baukörper und Aussenräume, der Anordnung und Ausformulierung der Fassaden und dem Kellenwurf-Putz wollen die Erbauer an die Umgebung im Ort erinnern. Die szenischen Ein- und Ausblicke im privaten Wydenhof sind sehenswert.

Über den Dächern von Deitingen

Für das neue Dorfzentrum von Schmid Schärer und Krayer & Smolenicky Architekten aus Zürich diente das öffentliche Wegnetz als Ausgangspunkt. Inmitten der weilerartigen Bebauungsstruktur bilden zwei Neubauten und das Gemeindehaus den neuen Siedlungskern mit Dorfplatz. Ein Laden, ein Café, eine Poststelle, eine Bankfiliale, die Spitex und Parkplätze sorgen für die notwendige Dichte an Nutzungen und dafür, dass die neue Dorfmitte funktioniert. Das Wohnangebot «über den Dächern von Deitingen» wird von Einheimischen und Rückkehrenden genutzt. Die längere Planungsgeschichte des Zentrums steht für eine projektbezogene Planung mit einer anschliessenden Diskussion um Höhen, Ausdruck und dörfliche Identität. Im Kompromiss wurde der Kopfbau um ein Geschoss reduziert. Dennoch spricht die realisierte Architektur eine selbstbewusste Sprache, die die vorgefundene, gebaute Dörflichkeit urbanisieren will. Daran ändert nichts, dass die Baukörper mit ihrer Stellung zur Strasse und ihrer Farbigkeit den abstrakten, analogen Bezug zu den umliegenden Bauernhäusern suchen.

Konstellationen

Die drei Beispiele sind anregend und fordern dazu auf, dass die Suche nach dem neuen Dorf weiter geht. Es lohnt sich nämlich nach wie vor, dort einzugreifen, wo das Mittelland droht, weder ganz Stadt noch spezifisches Dorf ist. Das gelingt vielleicht überzeugender, wenn das Dorf als gemeinsames Sinnfeld von Laien und Experten nicht ausstirbt. Städtebau und Architektur sind gefragt und nützlich, wenn sich beide Disziplinen lokal für die glückliche Bündelung von Notwendigkeiten, Kräften und Akteuren einsetzen. Im Dorf erfordert dies, sich bei der Programmierung von Bauaufgaben auf eine politisch fragile, sozial nahe und deshalb zeitintensive «Konstellation» einzulassen.

Lit: Lucius Burckhardt, Max Frisch, Markus Kutter: achtung: Die Schweiz, 1955

Der Masterplaner

Der Holländer Kees Christiaanse ist Architekt, Städtebauer und ETH-Professor. Stadtfragen traf ihn an einem grauen 9. März in seinem Ferienhaus im bündnerischen Feldis auf 1500 Meter ü.M. Wir sprachen über seine Arbeit, den Zustand der  Raumplanung und «Desakota» – über das urbanistische Phänomen der Stadtlandschaft. Das Interview ist ohne die ergänzenden Kommentare in der Zeitschrift „Komplex Nr. 6 2013“ erschienen.

Fotos: Herbert Zimmermann, Luzern

sta. Wir sitzen in der offenen Wohnküche des von Kees Christiaanse selbst (um)gebauten Holzhauses. Von hier aus geht er auf Wanderungen und Skitouren. Es gibt Tee und Früchte, draussen ist es grau, die Atmosphäre für ein Gespräch ist entspannt, die umgebende Landschaft braun-weiss gefleckt: Sie scheint parat für den Frühling.

Thomas Stadelmann: Hinter Ihnen hängen Landschaftsbilder an der Wand. Sie malen in Ihrer Freizeit?

Kees Christiaanse: «Das mache ich, um meinen Kopf leer zu bekommen. Jeden Tag sind es zwei oder drei Aquarelle im Postkartenformat. Dabei verwende ich absichtlich nur eine Technik und nur einen Pinsel.»

Die Aquarelle sind in Reih und Glied an die Wand gepinnt. Christiaanse verschenkt sie gerne an Freunde und Verwandte, wie er verrät – jedoch nicht an Journalisten. Trotz der privaten Umgebung nutzt mein Gegenüber die erste Gelegenheit, um von seiner Arbeit zu sprechen: präzis, gradlinig und schlüssig. Seine Gedankengänge scheinen einem sicher ausgelegten Pfad entlang von urbanistisch bedeutsamen Wegmarken dieser Welt zu folgen. Und dann: Unerwartet aber umso passender zu meiner zweiten Einstiegsfrage lichten sich über Feldis die Nebelbänke. In der Ferne sind Berggipfel zu sehen:

Denken Sie mit Blick auf die Berge auch über die Stadt nach?

«Natürlich. Dieser Ort besteht nicht nur aus Aussicht und Erholung. Er ist auch der beste Arbeitsplatz, den man sich vorstellen kann. Hier arbeite ich an Vorlesungen und Entwürfen.»

Welche Themen treiben Sie denn bei Ihrer Arbeit besonders an?

«Vor allem ein urbanistisches Phänomen, das wir in Holland ‹Desakota› nennen. Der Begriff stammt aus dem Indonesischen und steht für ‹Stadtland› oder ‹Landstadt›. Man muss sich vorstellen: Auf Java lebt über die Hälfte der Indonesier in einem Netz aus Städten, Dörfern und Landwirtschaft. ‹Desakota› sehe ich auch in der Schweiz. Die Täler im Graubünden oder das Mittelland sind urbanisierte Landschaften. Zu deren Wandel gehört der Rückgang der Landwirtschaft und eine veränderte, fein vernetzte Ökonomie. In Feldis waren die Menschen bis 1960 mehrheitlich Bergbauern, heute gibt es noch eine Handvoll. Gäste oder Ferienhausbesitzer, die hier arbeiten, bilden die Mehrheit. Zum Beispiel hilft eine Ex-Stewardess von Pan Am, die sich hier zur Ruhe gesetzt hat, beim Skiliftbetrieb, und ein holländischer Banker betreibt seine Geschäfte hier online. Diese neue Ökonomie hat sich nicht nur in den Städten und am Rand der Städte breit gemacht, sondern ebenso in den Bergen.»

Neben Feldis ist auch Zürich für Christiaanse zu einer Art Heimat geworden, wie er sagt. Zudem arbeitet er regelmässig in Singapur: Christiaanse ist ein Global Player des Städtebaus. Mich interessiert, wie dieses Leben funktioniert:

Sie leben und arbeiten hauptsächlich in Zürich und Singapur. Wie geht das?

«Zürich ist mein neues Zuhause, dort wohne und arbeite ich. Es erinnert mich an das frühere Amsterdam: eine kleine Stadt mit einem metropolitanen Kulturleben. Dann gibt es Singapur. Als Programmleiter des ‹Future Cities Laboratory› habe ich die Möglichkeit, in einem Moment eine aktive Rolle einzunehmen, da Asien sich zum global wichtigsten Wirtschaftsfaktor wandelt. Für mich als Holländer ist die Nähe Singapurs zu Indonesien zudem nicht nur historisch, sondern auch familiär von grosser Bedeutung. Mein Vater wurde in Indonesien geboren. Meine Arbeitszeit in Singapur widme ich hauptsächlich der intensiven Urbanisierung und Wirtschaftsentwicklung, die dort gerade stattfindet.»

Was interessiert Sie als Europäer in Asien am meisten?

«Der Unterschied zu Nordwesteuropa. Die Städte in Asien zählen zwischen 1 und 10 Millionen Einwohner und liegen 1000 Kilometer auseinander. In Europa sind es 100 000 bis eine Million Leute und 100 Kilometer Distanz. Hinzu kommt, dass mit dem Erfolg der Billigflieger in Asien das Flugzeug jene Entwicklungskraft erhält, die in Europa die Eisen- bahn einmal hatte. Als Forscher beschäftigen mich die Themen Stadt und Flughafen sowie die transnationalen Verbindungen zwischen den Städtenetzen. Zudem erforsche ich die Gemeinsamkeiten von kulturell, politisch und geografisch unterschiedlichen städtischen Räumen überall in der Welt. Aktuell untersuchen wir die Wirkung von mikroökonomischen Strukturen und städtebaulichen Typologien auf Nachbarschaften. Vergleichbare Phänomene lassen sich in Zürich, Schanghai, Singapur, London oder Berlin beobachten und auswerten. Städtische Vielfalt und Veränderungsprozesse sind dadurch messbar, und wir wissen, an welchen Schrauben Planer und Politiker drehen können, um die Dynamik in einem Stadtquartier zu verbessern.»

An unterschiedlichen Orten zu arbeiten, erlaubt es Christiaanse, sehr schnell und dennoch spezifisch auf einzelne Städte einzugehen. Seine Heimat Holland ist dabei prägend: Wer mit Christiaanse spricht, muss deshalb keine Fragen zu den Niederlanden vorbereiten. Seine Antworten führen früher oder später dorthin. Trotz Lehrstuhl in Zürich und dem Feriendomizil in Feldis hat sich Christiaanse zudem die Freiheit bewahrt, offen über seinen persönlichen Eindruck zum Zustand des hiesigen Alpenlands Auskunft zu geben. Also frage ich ihn nach seinem Schweizbild:

Kommen wir zurück in die Schweiz. Aus Ihrer Sicht sollen die Städte hier besonders schön, gut organisiert und vergleichsweise sicher sein. Was machen wir denn besser als zum Beispiel die Holländer?

«Die Schweiz handelt nicht besser, sie hat lediglich die bessere Ausgangslage. In Holland leben mehr als doppelt so viele Leute, das Land ist flach und die Dichte entspricht etwa dem schweizerischen Mittelland. Als traditioneller Zufluchtsort für Menschen aus aller Welt ist die holländische Gesellschaft konfliktanfälliger, die Raumplanung komplexer als anderswo, und Stadterweiterungen sind oft von heftigem politischen Widerstand begleitet. In der Schweiz ist die Raumordnung auf Konsens ausgerichtet. Ich glaube, das Verhältnis zwischen unberührter Natur und der Siedlung ist hier eigentlich sehr entspannt, weil über 800 Meter über Meer auf einer grossen Fläche kaum gewohnt wird. Zudem sind es in den Zentren von Zürich, Basel oder Genf jeweils nur 15 Minuten zu Fuss in die Natur. Eine unglaubliche Qualität! Mich erstaunt, dass die Schweiz davon spricht, wie schlimm und gefährlich die Zersiedlung geworden ist. Aus meiner Sicht befindet sich die Schweiz in einem raumplanerisch gut beherrschbaren Zustand.»

Und wo gilt es dennoch anzusetzen?

«Bei den Fehlern. So führt die bäuerlich geprägte Bodenpolitik dazu, dass der Umgang mit Land zum Beispiel in Zug oder Wollerau aufgrund einseitiger ökonomischer Interessen ‹texanisch› anmutet. Der Steuerfuss ist niedrig, was Leute anzieht, die Steuern sparen wollen, was wiederum einen Bauboom auslöst, der als Selbstverständlichkeit hingenommen wird. Die Raumplanung in der Schweiz kann also genauso schlecht funktionieren wie anderswo. Eine zweite Herausforderung ist das Aus- ufern der Gewerbeaktivität im schweizerischen Mittelland. Im Umgang mit der aktuellen Nachfrage hat die Schweiz keine Tradition. Jedoch verfügt sie über weit entwickelte Planungsinstrumente. Rotterdam könnte sich einen Richtplan wie im Kanton Zürich nur wünschen. Baugebiete und Nichtbaugebiete sind darin ebenso festgelegt wie die Forderung, bestehende Siedlungen nach innen zu verdichten. Auf diese Art und Weise mit Wachstum umzugehen ist vorbildlich.»

Wie wirkt sich das ‹Ja› zur Revision des Raumplanungsgesetzes aus?

«Aus meiner Sicht ist der Volksentscheid vom 3. März eine Bestätigung dafür, was vorher – zum Beispiel mit dem Raumkonzept Schweiz – bereits erarbeitet wurde. Ich glaube, die Bevölkerung ist sich nach der Zweitwohnungsinitiative und der Raumplanungsgesetz -Revision ihrer Aufgabe sehr bewusst. Man muss aufpassen, dass die Landschaft nicht überbaut wird. Bei der Umsetzung werden konsensbasierte Konzepte sehr wichtig sein, weil Gesetze und Vorschriften zu wenig flexibel sind.»

Das Wallis hat Christiaanse – politisch korrekt und belesen wie er ist – von seiner allgemeinen Einschätzung der schweizerischen Befindlichkeit in Sachen Raumentwicklung ausgenommen. Und er erwähnt, dass aus Sicht einer nachhaltigen Entwicklung sogar in Zürich Fehler begangen werden, etwa bei der Entwicklung von Grosssiedlungen in Glattbrugg oder Affoltern, die, so Christiaanse, hauptsächlich die Nachfrage im Massenwohnungsbau befriedigen würden. Trotzdem: Beim Zuhören schleicht sich heimlich das Gefühle an, dass wir in der schweizerischen Raumplanung über Luxusprobleme debattieren: Es wird landauf und landab fleissig geplant, investiert und gebaut; Instrumente wie das „RES“ (Raumentwicklungsstrategie) für Zürich sind im Vergleich mit anderen europäischen Städten vorbildlich. Keine Anzeichen also von härteren Zeiten, alles im Butter. Ich frage nach.

Können wir uns, trotz Fehler, weiterhin auf eine stabile urbanistische Schönwetterlage einstellen?

«Die Frage ist, ob die schweizerische Insel der Prosperität bestehen bleibt. Als Schönwetter-Urbanismus würde ich die Situation im Städtebau nicht bezeichnen. Wir werden kaum eine endlose Wachstumsphase erleben, die in eine ebensolche Urbanisierung führt. Dazu ist die Weltlage für Europa zu schwierig: Die Industrie droht allmählich wegzubrechen, wenn sie nicht modernisiert, sprich automatisiert, wird. Die Chancen der Schweiz liegen im technologischen Vorsprung, zudem unter anderem in der Produktion von sauberer und günstiger Energie. Die Gebäudetechnologie ist heute so weit entwickelt, dass in wenigen Jahren zu normalen Baupreisen sämtliche Gebäude zu Energieproduzenten umgerüstet werden könnten. Ich persönlich glaube zudem an den Mythos, dass alles, was du hast, in der Schweiz am sichersten ist.»

Besser kann man den USP der Schweiz nicht auf den Punkt bringen und in die Zukunft denken: Eine Schweiz als urbane Stadtlandschaft, gespickt mit qualitativ hochstehenden, sprich rentablen Immobilienobjekten, die technisch sehr hochwertig sind. Christiaanse präzisiert, dass mit diesem Szenario der Trend in Richtung Urbanisierung einhergeht: Menschen ziehen wieder vermehrt in die Stadt. Jedoch nicht, weil sie genug vom Landleben haben, sondern weil sie die Ökonomie der Stadt dorthin zieht: feine Netzwerke, kurze Wege, Beziehungsmöglichkeiten, die Nachfrage nach immer neuen Dienstleistungen. Zudem sei es in der Stadt sauberer geworden, die Luft noch besser, die Ausbildungsmöglichkeiten vielfältiger, die Dichte an Erlebnissen höher. Für Christiaanse passe die Beschreibung derartiger urbaner Verhältnisse in unserem Land nicht nur für städtische Zentren, sondern zunehmend für die ganze Stadtlandschaft Schweiz: Freitag sei ja auch nach Oerlikon gezogen. Wieso also nicht von einer urbanisierten Schweiz träumen, die als rentable, sichere und erholsame „Desakota“ für Menschen aus aller Welt funktioniert? Die Idee ist nicht neu.

Was kann das für die Zukunft bedeuten?

«Rem Koolhaas hat einmal einen Plan von Europa gemacht. Darauf sind die Alpen mit der Schweiz als Central Park dargestellt. Das Stadtland Schweiz wäre demnach aus der Sicht von Europa ein urbanisierter Landschaftspark, eine ‹Desakota› mit privilegierten Erholungs-, Arbeits- und Wohngebieten.»

Apropos Rem Kohlhaas: Christiaanse ist nicht nur Professor für Städtebau, der Phänomene der Stadt erforscht und vermittelt. Als Architekt ist er im Büro von Rem Koolhaas gross geworden. Als Masterplaner realisiert er heute, was er dabei gelernt und erfahren hat. Die eigenen Büros sind in Amsterdam, Zürich und Shanghai stationiert.

Sprechen wir über Ihre Arbeit als Masterplaner. Wie bringen Sie die Anforderungen an Planungen und Ihre fachliche Offenheit mit den menschlichen Bedürfnissen nach Ordnung und Orientierung zusammen?

«Mit Erfahrung und einer eigenen Herangehensweise. Anders als die traditionelle Stadtplanung sichern wir zuerst die räumliche und bauliche Substanz, von der wir meinen, dass sie nicht berührt werden darf. Was dann übrig bleibt, überführen wir schrittweise in eine vernünftige Raum- und Baustruktur. Diese Strategie ist sehr effektiv, und der Masterplan hat sich als Instrument bewährt. Architekten können am besten damit umgehen, weil ein guter Städtebauer ein Ex-Architekt ist. Anders als ein Architekt, der sich für sein schönes Objekt interessiert, setze ich als Masterplaner den kollektiven Mangel an Geschmack so um, dass etwas Schönes daraus entsteht. Dabei nehmen wir in unserem Büro raumplanerische Themen aus den Sozial- und Ingenieurwissenschaften in unsere Arbeit auf. Wir sind deshalb keine Soziologen, haben aber ein Wissen über die Stadtsoziologie. Ein Masterplan ist zu 50 Prozent ein städtebaulicher Entwurf und zu 50 Prozent Prozessentwicklung. Derjenige, der einen Masterplan macht, muss demzufolge Prozesse moderieren können.»

Als Moderator haben Sie eine starke Position und die Macht des Planers.

«Die Position des Planers und Moderators ist eine Machtposition, die manchmal in die Ohnmacht führt.“

Und wieder kennt Christiaanse ein Zitat von „Kollege“ Rem Koolhaas: „Die Position des Architekten bewegt sich zwischen Omnipotenz und Impotenz“. Und weiter:

„Als Masterplaner bin ich nur einer von mehreren Akteuren und deshalb nie alleine wirksam. Wer dies verstanden hat, weiss eher, wo eine Weiche erfolgreich zu stellen ist, damit eine gewünschte Wirkung erreicht wird. Wer denkt, er könne alles kontrollieren, wird hoffnungslos scheitern. Die Macht des Masterplaners oder des Masterplans liegt in der Möglichkeit, den Prozess der Raum- und Bauentwicklung zu moderieren. In dieser Rolle bin ich die Vertrauensperson der Öffentlichkeit und nicht des Stadtpräsidenten, des Investors oder des Gestalters.»

Und woran messen Sie in dieser Rolle Ihren Erfolg?

«An den realisierten Projekten. Für mich war immer entscheidend, Projekte zu implementieren und so lange wie möglich am Prozess hängen zu bleiben, auch wenn das oft schwierig und manchmal sogar frustrierend ist. Die Bauaufträge und Honorare gehen ja dann letztlich an die Architekten. So gesehen ist die Disziplin Städtebau zu Unrecht schlecht bezahlt und die rechtliche Position als Autor eines Masterplans leider oft sehr schwach.»

Ich habe extra nachgefragt, ob ich über die schlechte Bezahlung im Städtebau schreiben darf: „Natürlich“, so Christiaanse, der schon über zehn Jahre bei der Entwicklung der Hafencity in Hamburg mit dabei ist. Beim Masterplan für die Europaallee sei die Bezahlung allerdings in Ordnung gewesen.

Wie beurteilen Sie das Resultat an der Europaallee in Zürich?

«Ich bin zu 100 Prozent überzeugt,  dass  die Europaallee als Quartier und Ergänzung zum Stadtzentrum funktionieren wird. Für unseren Masterplan ist typisch, dass die Qualität und die Ausgestaltung der Übergänge zwischen Öffentlich und Privat stimmen. Der Raum muss dazu sehr gut strukturiert und die Zwischenräume so organisiert sein, dass die Menschen sie sich aneignen und Aktivitäten entfalten. Wenn die Erdgeschosse im Übergang zwischen Öffentlich, Halböffentlich und Privat stimmen, ist dies ein positiver Indikator für das ganze Stadtquartier.»

Natürlich interessiere ich mich für seine bisher besten Arbeiten: Christiaanse empfiehlt mir, seine ECO-Siedlung in Amsterdam anzuschauen, die dortige Qualität und Ausgestaltung der Übergänge zwischen Privat und Öffentlich, die Struktur und Anordnung der Baufelder. Christiaanse ist dann besonders stolz auf seine Entwürfe, wenn die Erdgeschosse gut funktionieren. Aktuell ist er vor allem mit dem TGV-Quartier in Montpellier beschäftigt. Und in der Schweiz? Sein Ferienhaus in Feldis ist bisher sein einziges Bauwerk als Architekt. Wie ist das möglich? Für Christiaanse sind Masterpläne sein Hauptberuf und die Architektur „ein Hobby“, wie er sagt. Dass sein Zürcher Büro mit Wettbewerbsbeiträgen in der Schweiz (z.B. für Würth in Rorschach) bisher erfolglos war, sieht der Architekt dennoch selbstkritisch. Zuwenig ökonomisch effizient, zuwenig programmtreu und gegenüber der Schweizer Konkurrenz in der Gestaltung zu romantisch-plastisch, seien die Entwürfe bisher wohl gewesen. Oder liegt es einfach daran, dass für den an „Amerika orientierten“ Städtebauer in der Schweiz zu wenig Hochhäuser gebaut werden?

Wir haben bis jetzt noch gar nicht über Hochhäuser gesprochen.

«Für mich sind Hochhäuser nichts Besonderes, sie sind normal. Was damit zu tun hat, dass ich im Office of Metropolitan Architecture (OMA) aufgewachsen bin und mich eher an Amerika orientiere. In der Schweiz wundert mich die Aufregung über Hochhäuser immer wieder. Der Prime Tower in Zürich ist mit seinen 126 Metern doch nur ungefähr ein Viertel so hoch wie der Uetliberg! Andererseits zeigt man sich gegenüber höheren Bauten dann doch offen, sonst gäbe es die neuen Hochhäuser in Zug und auf der Luzerner Allmend nicht.»

In Luzern sind sie architektonisch jedoch zu kurz geraten.

«Stimmt. Es ist oft so, dass die Höhe letztlich einen politischen Konsens darstellt. Bei der Europaallee waren am Anfang Höhen bis zu hundert 100 Metern geplant, der Kompromiss lag letztlich bei 40 bis 60 Metern. Die Herausforderung von Hochhäusern ist jedoch die Art und Weise, wie sie auf den Boden treffen. Mischnutzungen in den Sockeln sind wichtig – und Schlankheit. Zudem sind Hochhäuser städtebauliche Zeichen und dienen der Orientierung, so wie auf meinem Weg nach Feldis die beiden neuen Hochhäuser in Chur: Die finde ich ganz ok».

Biografie

Prof. Kees Christiaanse (60) studierte Architektur und Stadtplanung an der TU Delft. Bis 1989 arbeitete er für das OMA in Rotterdam, 1983 wurde er dort Partner. Fünf Jahre später gründete er das Büro Kees Christiaanse Architects & Planners mit Sitz in Rotterdam, Shanghai und Zürich. 1996 bis 2003 lehrte er an der TU Berlin, seit 2003 ist er Professor an der ETH Zürich. 2009 war Christiaanse Kurator der Internationalen Architektur Biennale Rotterdam. Seit 2011 vertritt er die ETH als Programmleiter des Future Cities Laboratory in Singapur. Neben seiner Arbeit als Architekt gilt sein Fokus urbanen Prozessen in komplexen städtebaulichen Situationen. Beispiele sind die Hafenrevitalisierung Pakhuizen Oostelijke Handelskade, das Raumplanungskonzept Flughafen Schiphol in Amsterdam, der Masterplan HafenCity in Hamburg, die Nachnutzung des Olympischen Dorfes 2012 in London und der Masterplan für die Europaallee in Zürich. www.kcap.eu.

Feldis, 9. März 2013

Entlebuch ist die Marke

Dorfentwicklung handelt von Menschen und gemeinsamen Interessen. Stadtfragen hat die Gemeinde Entlebuch zwischen 2009 und 2012 in der Dorfentwicklung begleitet. Das Spezifische an der Aufgabe: Entlebuch liegt in der UNESCO Biosphäre Entlebuch (UBE) und ist eine Marke. Sie als Ausgangslage für die Siedlungsentwicklung zu nutzen, ist eine Chance, wenn im Planen und Bauen die Themen Offenheit, Zusammenarbeit und Qualitätsbewusstsein hochgehalten werden. Der Anfang ist gemacht.

sta. In der offiziellen Sprache der UNESCO Biosphäre Entlebuch (UBE) ist ein Dorfkern ein so genanntes „Menschenvorranggebiet“. Damit ist eigentlich das Wesentliche schon gesagt: In der Dorfentwicklung geht es immer um Menschen, um deren Bedürfnisse und Interessen. Dass diese Bedürfnisse und Interessen auf dem Land ebenso vielfältig sind wie in der Stadt, d.h. ebenso unterschiedlich wie die Menschen selbst, macht die Sache aus Sicht der Planenden und der Politik komplex und arbeitsintensiv. Nicht nur für Gemeinden in der UBE gilt: Erfolg hat in der Dorfentwicklung nur, wer es schafft, Interessen zu formulieren, politisch und wirtschaftlich machbar umzusetzen, die für eine Mehrheit der Bevölkerung, für Gäste und künftige Bewohner/innen und Investoren Sinn machen, sprich einen monetären, persönlichen oder symbolischen Mehrwert bedeuten.

Empfangsort in der UBE

Als geografischer Empfangsort in der UBE hat die Gemeinde Entlebuch einen Status, den andere Gemeinden nicht haben und in den meisten Fällen auch nicht benötigen: Entlebuch ist eine Marke. Das Label UBE, seine Werte, Destinationen, geschützten Landschaften, Produkte und Menschenvorranggebiete tragen den Namen der Gemeinde in die Welt hinaus. Im Wettbewerb zwischen Städten, Gemeinden, Wohn-, Gewerbe- und Arbeitsstandorten beantworten Marken die Frage, wofür, für welche Werte und welchen Nutzen eine Gemeinde steht. Eine Marke ist demnach in erster Linie ein Kommunikations- und Führungsinstrument, das folgende Fragen möglichst wiederspruchsvoll und authentisch beantwortet: Wofür steht Entlebuch für mich als Bewohner/in, als Investor, als Gast, als künftige Steuerzahlende? Wirtschaftlich steht der Standort Entlebuch bislang für ein geringes Wachstum mit Grenzen und einem historisch schwierigen Erbe in der Haltung gegenüber Stadt. Geografisch hat das Dorf eine landschaftlich ausgezeichnete Lagequalität, verkehrstechnisch unterbindet die Hanglage jedoch den leichten Anschluss des Dorfkerns an die Schienenverbindungen nach Bern und Luzern. Bauliches Wachstum ist ökonomisch dort attraktiv, wo es der Landschaft am meisten Schaden zufügt; am Siedlungsrand. 2009 hat sich der damalige Gemeinderat entschieden, die anstehenden Aufgaben im Planen und Bauen im Dorfkern tatkräftig anzugehen und die Gemeinde als Empfangsort in der UBE zu positionieren.

Eigeninitiative, Kooperation und Qualität

Drei Jahre später geben der 2012 als NRP-Projekt des Bundes realisierte Neubau des Schützenhauses sowie die geplante Umgestaltung der Kantonsstrasse K 10 dem „Menschenvorranggebiet Entlebuch“ ein neues Gesicht: Beide Projekte zeigen, dass die Marke Entlebuch in planerischen und baulichen Aufgaben für politische Eigeninitiative, für die Kooperation mit der Bevölkerung, Investoren und Politischen Behörden und nicht zuletzt für den Einsatz im Dienst der Qualität steht. Das Schützenhauses ist nicht nur ein architektonisch zeitgemässer Neubau: Das Gebäude, für dessen Realisierung die Baulinie im Dorfkern einseitig um acht Meter verschoben wurde, steht vor allem als ein Ausgangspunkt für eine neue Planungs- und Baukultur im Dorf: Der Neubau entstand auf dem Hintergrund privater und öffentlicher Investitionen und folgt einer neuen ortsbaulichen Ordnung zwischen dem Hotel Drei Könige und dem Marktplatz. Lage, ortsbaulicher Ausdruck und architektonische Gestaltung des Neubaus wurden bis zum Schluss durch einen Beirat mit lokalen und auswärtigen unabhängigen Fachexperten begleitet. Das Projekt für die Sanierung der Kantonsstrasse K 10 hat die Gemeinde aus Notwendigkeit und Eigeninitiative selbst neu lanciert und erfahren, wie Verkehr und Siedlung auch entlang einer Hauptverkehrsachse und in hartnäckig verhandelter Kooperation mit Betroffenen und politischen Behörden aufeinander abgestimmt werden können.

Ein Anfang

Gemessen an den bevorstehenden Aufgaben im Dorfkern und am Siedlungsrand von Entlebuch ist der Neubau des Schützenhauses erst ein guter Anfang und ein Orientierungspunkt für die nächsten Schritte. Weitere Geschichten in der Dorfentwicklung Entlebuch müssen wiederum neu geschrieben, erfolgreich kommuniziert und letztlich umgesetzt werden. „Gemeindeentwicklung ist heute in den meisten Gemeinden ebenso wichtig, wie die Steuerpolitik“, so hat Ulrich König, Direktor des Schweizerischen Gemeindeverbands, die Bedeutung der Aufgabe Gemeindeentwicklung auf den Punkt gebracht. In Entlebuch geht es in naher Zukunft um die Neugestaltung des Marktplatzes, die Realisierung der Strassenraumgestaltung entlang der K 10, um ein Siedlungsleitbild auf der Grundlage der UBE-Werte und um die Klärung der lokalen und regionalen Bedeutung und Zukunft des Gewerbe-und Dienstleitungsstandorts am Bahnhof (Aentlebuch). Zwischennutzungen und der gezielte Einbezug der Bevölkerung werden ebenso wichtige Aufgaben bleiben, denn: Der Wettbewerb um Investitionen, Steuerzahlende, finanzielle Beiträge und um öffentliche Aufmerksamkeit wird  eher härter als einfacher werden. Der geforderte behutsame Umgang mit den Ressourcen Landschaft und Boden wird zudem politisch, am Markt, in den Einfamilienhäusern am Siedlungsrand und am Stammtisch zur Folge haben, dass die Rufe nach stimmigen, professionell und mit der lokalen Bevölkerung erarbeiteten Lösungen lauter werden.

Die Vorteile einer Marke, die gelebte Eigeninitiative, echte Kooperation und der tägliche Einsatz für Qualität bilden in Entlebuch eine gute Ausgangslage, mit der sich die Dorfgemeinschaft und der Standort in der weiteren Dorfentwicklung gut vernetzt, offen für qualitative Lösungen und wachsam an den Chancen der Zukunft orientieren kann.

Dieser Artikel ist in kürzerer Form 15. März 2013 in einer Sonderbeilage des Entlebucher Anzeigers erschienen.

 

Winy Maas über die unternehmerische Stadt

Was macht die Identität, das Wesen einer Stadt aus? Das Büro für Stadtfragen hat dazu Winy Maas befragt. Der Holländer ist Mitgründer der Rotterdamer Architekten MVRDV. Das Interview ist 2012 im Buch «Stadtidentität der Zukunft» erschienen (M.L. Hilber, G. Datko (Hrsg.): Stadtidentität der Zukunft. Wie uns Städte glücklich machen, Berlin, 2012).

Bilder: Büro für Stadtfragen, Barcelona 2009

Thomas Stadelmann (sta): Was wir bei Menschen allgemein unter «Identität» verstehen, handelt von der Wahrnehmung des eigenen Wesens. Verrätst du uns mit einem Bild, wie du hier und jetzt aussehen würdest, wenn du ein Haus wärst?

Winy Maas: Wie ein holländischer Wohnwagen: klein, kompakt, mobil und nur mit dem Notwendigsten ausgestattet.

Die räumliche Identität einer Region, einer Stadt oder eines Ortes handelt ebenfalls von Wesentlichem. In welcher Form existiert die «Identität einer Stadt», über die wir hier sprechen wollen?

Das Wesen der Stadt ist ein unglaubliches Wort. Wir Architekten suchen danach, weil es den Kern der urbanistischen Identitätsfrage trifft: Worin besteht die Eigenartigkeit, der Charakter, die Substanz eines Ortes, einer Aufgabe? Mögliche Antworten suchen und finden wir mithilfe von Untersuchungen und Experimenten. Für mich steht fest, dass das, was wir unter Stadt verstehen und antreffen, heute ein anderes Wesen hat als vor hundert Jahren. Städte denken und handeln unternehmerischer, wollen sich unterscheiden und engagieren deshalb Büros wie MVRDV, um ihr Wesen als «Stadt.inc» zu identifizieren, in die Zukunft zu denken und zu vermarkten. Bei der Herangehensweise fallen mir drei Ähnlichkeiten auf: Städte haben durch ihre Bedeutung, Wahrnehmung und Wirkung heute eine Zentrumsfunktion, die das eigene Hoheitsgebiet weit überragt, und sie verstehen sich meistens als Einstiegsportal für das Hinterland. Zudem gibt sich beinahe heute jede Stadt grün.

Trotz dieser Ähnlichkeiten: Um zu Wesentlichen einer Stadt vorzudringen, besteht die wichtigste Aufgabe darin, jene Verschiedenheiten zu untersuchen und zu gewichten, die eine Identität letztlich ausmachen.

Stadtidentität ist demnach eine gedankliche Abstraktion, ein Wunschbild von Stadt, dass politisch-planerisch, baulich und durch Kommunikation mobilisiert wird?

«Abstraktion», «Wunschbild»: beides sind passende Worte. Der eigentliche Motor in einem Identitätsprozess ist jedoch die Hypothese zur Wirkung einer inhaltlich-räumlichen Spezialisierung. Sie geht davon aus, dass ein Raum erst dann konkurrenzfähig ist, wenn er sein eigenes Wesen, kennt, eigene Standpunkte vertritt und dadurch Spezialitäten für das Wohnen und Arbeiten, für Industrie und Gewerbe oder für die Kultur anbieten kann. Die Abstraktion in der Analyse und im Entwurf von Stadt ist also nur das Mittel, um entsprechende Wunschbilder, Planungen, Projekte und Aktivitäten zu definieren. Wie wahr und richtig der Ansatz der Spezialisierung bzw. der Differenzierung in der Stadtentwicklung ist, gilt es in jedem Fall einzeln zu beobachten und in der Theorie kritisch zu untersuchen (Anm: Winy Maas verweist auf die Arbeit von Saskia Sassen).

Die Globalisierung hat dazu beigetragen, dass traditionelle Bild- und Raumkonzepte für die Arbeit an der Stadt in Frage gestellt werden. MVRDV ist gerade deshalb zu einem weltweit in der Architektur- und Stadtproduktion tätigen Büro geworden. Kannst du das erklären?

Die Frage lautet: Warum braucht man in China ein holländisches Büro wie MVRDV? Meine Antwort lautet: für zwei Dinge. Erstens, um vor Ort mithilfe einer Aussenperspektive darüber reden zu können, was an einer Stadt, an einer Aufgabe in Peking, Melbourne, Bordeaux oder Zürich speziell ist. Wie bereits gesagt, geht es dabei um die Positionierung im Konkurrenzkampf zwischen Standorten. Zweitens ist das Phänomen weit verbreitet, dass Städte und Standorte weltweit anerkannte Kunst- und Kulturgüter und damit auch Städtebau und Architektur sammeln. So wollen Stadtoberhäupter in ihrer Kollektion nicht nur einen Picasso haben, sondern zudem vielleicht noch ein Gebäude von Zaha Hadid. MVRDV ist nicht aufgrund der Ähnlichkeit und Erkennbarkeit einzelner Gebäude zu einem weltweiten Sammlungsobjekt geworden. Im Rahmen der urbanistischen Globalisierung haben wird uns durch die Kombination von Architektur- und Identitätsproduktion eine spezielle Rolle und spezielle Marktchancen erarbeitet. Dass wir weltweit angefragt werden, wenn es darum geht, die Zukunft einer Stadt zu definieren, hat auch damit zu tun, dass Städte offener geworden sind, weil sie gleichzeitig in verschiedenen Betrachtungsräumen denken und handeln müssen. Das gilt auch für die Schweiz: Zur Identität von Basel gehört ebenso die traditionelle Fasnacht, die Entwicklung als Metropolitanraum, der Auftritt der Stadtregion und als Standort der globalen pharmazeutischen Industrie. Gewiss hatten viele Städte diese unterschiedlichen Rollen schon früher. Mit der Globalisierung und dem zunehmenden Wettbewerb um Märkte und um Aufmerksamkeit hat sich jedoch das Bewusststein für die Bedeutung und die Struktur dieser Rollen deutlich verstärkt.

…und damit die Konkurrenz untereinander. Geht es bei der Stadtplanung und beim Entwurf von Architektur deshalb weniger um Funktionen und mehr um die Darstellung von Marktvorteilen und Reputation?

Nein, aber die Konkurrenz ist immer der Motor für räumliche Veränderungen. Ohne Konkurrenz gibt es die Furcht nicht, zu spät zu sein. Sie sorgt deshalb für einen gewissen Druck, für Neugier, eine gewisse Beschleunigung im Denken und Handeln und dafür, dass neue Ideen die notwendige Anziehungskraft erhalten. Erst dann können unternehmerisch denkende Städte und Standorte produktiv werden. Und für uns und unsere Auftraggeber werden städtebauliche und architektonische Themen und Aufgaben ebenfalls zu Unternehmen. Unter dem Primat der Konkurrenz ist Stadtplanung gewissermassen als Stadtproduktion zu verstehen.

Rem Koolhaas Ende hatte Ende der 1990er Jahre die Aufgabe, der sich die Architektur mit der Dominanz der Weltökonomie stellen muss, als «manufacturing identities» bezeichnet und den Zeitgeist mit dem Claim Y€$ auf den Punkt gebracht. Heute befindet sich das globale Finanzsystem in der Krise. Steckt das Konzept der Identitätsproduktion durch global tätige Architekten ebenfalls in der Krise?

Ich bin mir nicht sicher, ob die Weltökonomie in der Krise steckt. Für mich persönlich ist der Prozess der wirtschaftlichen Globalisierung nicht zu Ende. Zudem bedaure ich, dass aktuelle Analysen und Vergleiche etwa mit der Krise in den 1920er Jahre oft Angstmacherei sind und nicht den Versuch unternehmen, über die Zukunft nachzudenken. Aus meiner Sicht droht Europa nicht zu implodieren, die europäische Krise führt nicht zu einer De-Globalisierung, Ich denke eher, dass die gegenwärtigen Veränderungen der Globalisierung noch mehr Aufwind verleihen. Wenn ich selbst erlebe, wie Banken z.B. in Südamerika aktuell mehr Land kaufen als zuvor, dass Regierungen in Afrika mehr investieren als noch vor kurzer Zeit, schliesse ich daraus, dass an neuen Orten, neue Chancen und Wege gesucht werden, um Siedlungsgebieten eine zukunftsfähige Identität zu geben. Rem Koolhaas’s urbanistisches Programm «manufacturing identities» ist deshalb aus meiner Sicht immer noch gültig – und es ist der falsche Zeitpunkt, um eine Wende herbeizureden.

Vor zehn Jahren standen für MVRDV die Themen «Mobilität», «Verdichtung» und «Vernetzung» von realen und virtuellen Welten im Vordergrund; futuristische Projekte wie die Einmillionenstadt «MIXMAX»; räumliche Visualisierungen von Mediengalaxien, Datensätzen und Diagrammen zur Zukunft der Stadt. Was hat sich an deiner Arbeit seither verändert?

Augenfällig ist, dass sich durch die ökologische Bewegung das Ausmass der Datenerhebung erweitert hat und uns in unserer eigenen Arbeit zusätzliche Daten zur Verfügung stehen. Heute können wir messen, welches die grünste Stadt Europas ist. Die grössere Nachfrage nach Daten vor allem in Europa ist ein Indiz dafür, dass die Konkurrenz unter dichten, wirtschaftlich prosperierenden Gebieten grösser geworden ist. Damit ist auch die Nachfrage nach einem möglichst sicheren Gefühl bei der Positionierung und dem Entscheid für oder gegen Zukunftsprojekte gestiegen. Monitoring in raumrelevanten Fragen ist in den letzten zehn Jahren zum Normalfall geworden. Zudem haben wir die Art und Weise, wie wir aus Daten räumlich relevante Kriterien ableiten können, in den letzten Jahren deutlich verbessert. So misst und vergleicht heute der ökologische Fussabdruck das, was wir bereits vor zehn Jahren als Architekten visualisiert haben.

Im direkten Umfeld unserer Arbeit ist zudem die nächste Generation von Architektinnen und Architekten herangewachsen. Sie ist weniger an den grossen Perspektiven, Visionen und Projekten wie «Meta City Datatown» interessiert. Irritiert durch die Macht der Medien, den Kult um weltweit tätige Stararchitekten konzentriert sich ein beträchtlicher Teil dieser Generation reaktionär auf lokale Aufgaben und hat dazu eine klare Botschaft: „Lass uns auf dem Boden der Realität arbeiten“. Aus meiner Sicht ist es deshalb eine aktuelle Aufgabe im Städtebau und in der Architektur, gleichzeitig mit gegenläufigen Tendenzen argumentieren zu können.

Würden die Zukunftsszenarien zur Schweiz, die MVRDV 2003 an die Publikation «Stadtland Schweiz» (Avenir Suisse, 2003) beigetragen hat, deshalb heute anders ausfallen?

Das ist eine gute Frage, weil ich die Arbeit in meinen Präsentationen immer noch als gutes Beispiel für den urbanistischen Umgang mit Daten zeige. Interessant ist, zu sehen, welche Reaktionen unsere Provokationen von damals in der Diskussion zur Zukunft der Schweiz ausgelöst haben. Eine davon ist in der Arbeit ablesbar, die das Studio Basel um Jacques Herzog, Pierre de Meuron und Marcel Meili seither geleistet hat. Unsere Zukunftsszenarien haben bestimmt mitgeholfen, räumlich auf eine neue Art und Weise über die Schweiz zu debattieren. Aus heutiger Sicht könnte ich mir für die Schweiz zusätzliche zu den bereits 2003 formulierten Thesen denken und entsprechende Projekte präziser visualisieren.


«Kommunikation ist der einzige Weg, um Städtebau und Architektur zu betreiben» ist ein Satz von dir. Im Zusammenhang mit der Identitätsdiskussion im Städtebau und in der Architektur kennen wir weitere Schlüsselbegriffe. Was fällt dir zu «Branding» als Kommunikationsprozess ein?

Branding ist zunächst ein gefährliches Wort, das bei vielen Berufskolleginnen und -kollegen negative Gefühle auslöst. Ich verbinde damit zuerst Werbeleute in schwarzen Anzügen und schlimmen Hemden, die grosse Worte ohne Inhalt machen. Im Städtebau wird Branding deshalb dann gefährlich, wenn Architekten ihre Konzepte mit einem einzigen Schlagwort zu erklären versuchen. Branding erhält sogar demagogische Züge, wenn damit Inhalte verkürzt oder unterdrückt, polarisiert und letztlich popularisiert werden. Branding als Kommunikationsprozess kann dann Realitäten verhüllen und wesentlichen Inhalten im Städtebau und in der Architektur widersprechen. Branding ist als Technik aus meiner Sicht ein Gewinn, wenn sie eingesetzt wird, um gemeinsame Standpunkte zu klären, zu vermitteln und räumlich umzusetzen. Dies gilt vor allem für die Erneuerung von öffentlichen Räumen in einer Zeit, in der wir als mobile Menschen unsere eigene Realität immer stärker und gleichzeitig individuell und räumlich zersplittert erleben.

Branding ist als baukultureller, sozialer und ökonomischer Identitätsbildungsprozess sehr sinnvoll, wenn gemeinschaftliche Zwecke fachlich wie emotional zugänglich gemacht und realisiert werden können. Im Städtebau und in der Architektur kann ein professionelles Branding daran gemessen werden, ob und in welchem Ausmass Planungen und Projekte eine höhere Qualität erhalten, d.h. für einen Ort authentisch sind und bessere Chancen für die Umsetzung erhalten.

Weil die Werbung mit austauschbaren Bildern arbeitet, haben Architekten in Brandingprozessen eine wichtige Aufgabe. Nur der Städtebau und die Architektur können räumlich zeigen, wie eine Stadt aussieht oder aussehen könnte, wenn man einer Hypothese, einer Botschaft bzw. einem Branding folgt.

Authentizität ist ein weiteres Zauberwort in der Identitätsdiskussion. Wie authentisch, d.h. auf ein Unternehmensziel, auf gemeinschaftliche Ziele oder auf sich selbst bezogen kann Städtebau und Architektur überhaupt sein, ohne autistisch, d.h. kommunikativ in sich selbst eingeschlossen zu werden?

Ich verstehe gut, dass von Projekten, die den Menschen Orientierung und Sicherheit in einer prinzipiell chaotischen Welt geben sollen, gefordert wird, dass die städtebaulichen und architektonischen Inhalte stimmig auf einen Ort, einen Zeitpunkt bzw. auf die Interessen und Wünsche von Zielgruppen abgestimmt sind, sprich: authentisch sind. Gleichzeitig ist Authentizität ein schwieriger Anspruch, weil sich die Wahrnehmung von Echtheit und Glaubwürdigkeit schnell und kontinuierlich verändert. Authentizität kann ich deshalb weniger als Qualitätsmerkmal eines Produkts oder eines Projekts beschreiben, sondern eher als Fähigkeit und Funktion von Personen oder Gruppen, sich mit der nötigen Geschwindigkeit auf Veränderungen in der eigenen Umwelt einzulassen. Ein authentisches Projekt oder Produkt bietet in diesem Sinn eine Art Hilfestellung für Menschen an, Veränderung in einer Mischung von Widerstand und dem absoluten Gefühl, Teil des Neuen zu sein, erleben zu können.

«Freitag» ist für mich z.B. eine sehr authentische Marke. Sie hat ein eigentliche «Freitag-Generation» geprägt, an die wir bei unserer Planung auf dem Basler Dreispitz-Areal gedacht haben. In Seoul wurden wir beauftragt, das Erscheinungsbild unseres Hochhausprojekts an die künftige Generation anpassen, d.h. authentischer zu gestalten. Grund? Unser Kunde hatte Bedenken, dass der architektonische «Wolkenbügel» die Bedeutung des Ortes derart steigern könnte, dass die Preise für die Freitag-Generation zu hoch ausfallen würden und deshalb zu viele zwar vermögende, jedoch ältere Leute einziehen.

Autistisch, d.h. in der Kommunikation mit der Umwelt gestört, sind Eingriffe in die Stadt dann, wenn Konzepte und Bauten mehr und lauter über den Entwerfenden sprechen als über die Stadt, ihre Zukunft, ihr Programm und die vielfältigen Wünsche der Bewohnerinnen und Bewohner.

Das Hochhaus als «Wolkenbügel» ist ein starkes Bild. Bei MVRDV tragen andere Projekte Namen wie «pig city», «mountain book» oder «city sofa». Welche Rolle spielen sprachliche und räumliche Bilder in der Produktion von Stadtidentität?

Eine zentrale Rolle. Als Architekt interessiert mich die Herausforderung, mehr als das nutzungsneutrale, architektonisch und städtebaulich integrierte Gebäude zu machen. MVRDV entwirft und produziert städtebauliche Konzepte und Gebäude, die innovative Bilder für die Neuinterpretation einer Stadt anbieten. Unsere Architektur kann dadurch ikonisch für das Neue, vielleicht für das Zauberhafte oder sogar für ein Weltwunder stehen. Uns ist es recht, wenn Bilder dazu verwendet werden. Selbstverständlich kenne ich die Bedenken, dass mittels Architektur stilisierte Zukunftsbilder eine zeitlich und inhaltlich beschränkte Wirkung und Legitimation besitzen. Uns beschäftigt die Frage sehr, mit welcher Botschaft, mit welcher Architektur wir es schaffen, unmittelbar und nachhaltig Wirkung zu erreichen. In diesem Spannungsfeld verfügt die Architektur über ein fantastisches und zeitgemässes Thema. Unser Ziel sind Bauten und Projekte, die beispielhaft einen Beitrag an die kritische Diskussion um Urbanität und Architektur ermöglichen. Dazu wünsche ich mir als Gegenüber wieder die entsprechenden Architekturkritiker in der NZZ oder in der New York Times. Ich meine, dass der Spagat zwischen dem inhaltlich zugespitzten Temporären und dem langfristig Gesicherten und Nutzungsneutralen einer Stadt oder einer Architektur ein grundlegendes Thema unserer Zeit darstellt, das mehr Öffentlichkeit verdient.

Stadtidentitäten gibt es so viele wie Stadtwahrnehmungen und Menschen. Entsprechende Konzepte sind jedoch oft für eine gewisse Zielgruppe und temporär gültig. Welchen Stellenwert hat die temporäre Stadt für die Diskussion über Identität?

Die temporäre Stadt ist heute eigentlich kein Thema. Es wird viel und intensiv über zeitgenössische Architektur, über den urbanistischen Zeitgeist und darüber, wie die Zukunft der Stadt aussehen soll, geredet. Während Bauten vielerorts für die Ewigkeit gebaut werden, können wir im Städtebau ebenso wie in der Wirtschaft nicht über die nächsten 100 Jahre reden, sondern im besten Fall über die nächsten 20 bis 30 Jahre. Das Spielfeld in unserer Arbeit ist deshalb durch die Kombination von Zeitgeist und naher Zukunft definiert. Städtebau und Architektur schlagen die Brücke zwischen heute und morgen. Aktuell ist die entsprechende Nachfrage nach der Restrukturierung bestehender Siedlungsgebiete in Europa enorm. Vielleicht erleben wir in den kommenden Jahren deshalb den letzten Versuch, das erfolgreiche europäische Modell der Kleinstadt mit 500’000 bis zu einer Million Menschen weltweit zu verwirklichen.


Kommen wir zu einzelnen Beispielen aus der Praxis. Welche würdest du in einer Vorlesung zum Thema «Identität im Städtebau und in der Architektur» erwähnen?

Ich würde niemals eine Vorlesung zu diesem Thema halten. Aber ich kann Beispiele aus unserer Praxis nennen, die von Stadtidentität handeln. Momentan bereiten wir im Auftrag der EU einen städtebaulichen Projekt- und Kriterienkatalog vor, der darüber Auskunft geben soll, wie sich das künftige Europa im Vergleich zu China, Asien oder Amerika profilieren kann. Themen wie Kleinmassstäblichkeit, Durchmischung, Vielfalt, Verdichtung und Identität werden darin eine Rolle spielen. Vielleicht werden wir vorschlagen, Strassen wieder sechs, statt 40 Meter breit zu bauen. Zudem werden wir das Konzept der «Spiegelstadt» thematisieren; Kriterien und städtebauliche Ansätze für spezielle Orte in Europa, die im Gegensatz zum erwähnten Modell der Kleinstadt stehen: uneuropäisch fremd in der Gestalt, grossmassstäblich und besonders liberal in der Gesetzgebung. Es gehört zur Methode unserer Arbeit, Stadtidentität in Gegensätzen zu denken und zu realisieren – auch wenn es um die räumliche Zukunft von Europa geht.

Ein holländisches Beispiel, das du gut kennst, ist die Retortenstadt Almere ausserhalb von Amsterdam. Sie hat sich vor Jahren mit grossem Aufwand als Pionierstadt positioniert.

Almere ist in den 1960er und 1970er Jahren für die ärmere Bevölkerung Amsterdams gebaut worden. Die Freitag-Generation, die nach Berlin zieht, trifft man dort nicht an: Die Stadt ist langweilig, sozialräumlich problematisch, die Preise sind tief. Das Wesen von Almere ist das Pioniergefühl. Das über Jahre aufgebaute Label «Pionierstadt» ist zugleich die einzige Zukunftschance geblieben. Hinsichtlich der vorhandenen städtebaulichen Vielfalt und der Standortqualität ist Almere für mich nicht interessant. Trotzdem veranschaulicht die Stadt gut, was Stadtidentität bedeuten kann. Zudem ist der Ort ein gutes Beispiel für die Zusammenarbeit von Soziologen, Politikern und Investoren, wenn es die dort noch gibt. Wie lange Almere das über Jahre aufgebaute Image der Pionierstadt noch weitertragen kann, ist eine interessante Frage. Wir haben dort Projekte vorgeschlagen, die das Pioniergefühl und die Freiheit der Einwohner/innen weiterentwickeln. Im Sinn eines organischen Städtebaus sollen die Menschen in Almere künftig nicht nur ihre Wohnungen selbst einrichten und gestalten können, sondern auch ihre Strassen und Wege in der Stadt, ihre Wasserlandschaft und vielleicht sogar ihre eigene Energieversorgung.

Welche Städte beschäftigen dich gegenwärtig am meisten?

Die Stadt Bordeaux. Hintergrund ist das politische Ziel der Stadt, sich gegenüber der Hauptstadt, nur zwei Bahnstunden von Paris entfernt, als Wohnstadt neu zu positionieren. Das Ziel unserer Arbeit ist ein Prototyp für eine zeitgemässe, konkurrenzfähige, südeuropäische Wohnstadt für den Mittelstand. In Oslo zeigen wir auf, welche städtebaulichen Antworten aktuelle Formen der sozioökonomischen Reurbanisierung erfordern. Oslo wird in den nächsten zwanzig Jahren zur reichsten Stadt Europas. Ein gutes Beispiel für eine Stadt, welche die Freitag-Generation durch gezielte Erneuerungen erreicht hat, ist Kopenhagen.

In der Schweiz finde ich Basel interessant, eine Stadt mit grosser Ausstrahlung, die ähnlich wie Rotterdam und Amsterdam, die Polarität zu Zürich braucht, um sich mit eigenen Standpunkten zu profilieren. Basel zeigt, dass sie als Stadt urbanistisch offener und experimenteller sein will als die Konkurrenz in Zürich. Ich weiss nicht so recht, was ich über Lausanne und Genf denken soll. Wichtig ist zu verstehen, dass wir als mobile und neugierige Einwohnerinnen und Einwohner von Europa – ich als Rotterdamer – heute für unsere Bedürfnisse grössere Gebiete als nur eine einzige Stadt brauche, um das Gefühl zu haben, ein Teil der Welt zu sein. Seinen eigenen Grossraum zu spüren, heisst, für ein Freizeiterlebnis nicht nach Nevada abreisen zu müssen. Ich bin überzeugt, dass eine Mehrzahl der Leute in Europa solche Gefühle und Bedürfnisse hat. Wir leisten unseren Beitrag, in dem wir diese einmalige Situation an einzelnen Orten in Europa räumlich definieren. Aus dieser Perspektive erhalten auch lokale Entwicklungen und Projekte in kleinen Städten, in der Bourgonne, im Engadin oder in der UNESCO Biosphäre Entlebuch eine andere Bedeutung und neue Chancen, wenn es darum geht, ihre eigene Identität in die Zukunft zu denken.


Kommen wir zurück zu Winy Maas. Bist du nun mehr Stadtentwickler oder mehr Architekt?

Das habe ich mir heute im Flugzeug überlegt. Ich liebe das Bauen, besonders Projekte wie das «unglückliche Haus», das wir für den in London lebenden Philosophen Alain de Botton gebaut haben. Das Haus schwebt und stellt die Frage, was wichtiger ist, das Wohnen, oder ein Haus, dass den kleinsten ökologischen Abdruck aufweist und den Hasen und Frösche nicht im Weg steht. Mir gefällt auch die landschaftliche Idee, die darin eingeschlossen ist. Städtebau und Architektur: Das eine geht nicht ohne das andere. Besonders wichtig ist mir, dass über Städtebau nicht nur geredet, sondern dass er gezeigt wird. Wir bei MVRDV bauen, worüber wir reden.

Gilt das auch für den holländischen Wohnwagen, als den du gerade in der Schweiz unterwegs bist?

Natürlich nicht. Ich habe in der Schweiz bereits ein eigenes Haus. Der Wohnwagen, den ich als Bild für meine aktuelle Identität eingangs genannt habe, sieht sowieso eher wie ein Sessel in der Businessklasse eines Flugzeugs aus. Und gerade jetzt ist der Tisch, an dem wir sitzen, so etwas wie ein Zuhause. Für mich liegt das Einmalige unseres Zeitalters darin, das wir überall und jederzeit die Freiheit haben, uns ein eigenes Zuhause einzurichten.

Heisst das, dass MVRDV in absehbarer Zeit in der Schweiz bauen wird?

Nein, obwohl wir in Basel und Zürich Wettbewerbe gewonnen haben und ich zeitweise in der Schweiz wohne. In Basel arbeiten wir an einer länderübergreifenden Planung weiter. Enttäuscht bin ich, dass es in Zürich Leutschenbach mit dem Projekt für die SRG nicht weitergegangen ist. Ich vermute, ein Grund, wieso wir in der Schweiz bisher nicht gebaut haben, ist der, dass die Schweiz sich gleichzeitig politisch offen zeigt, jedoch im Städtebau und in der Architektur aus europäischer Sicht letztlich doch zuerst introvertiert denkt und handelt.

Stadtidentitaet der Zukunft, Beispielseiten

Einen Augenblick: Meisterlich

Sonntag, 29. April 2012: Stadion St. Jakob-Park – alias JoggeliSektor C3, Reihe 14, Platz Nr. 320, Basel-Lausanne Sports 3:1, 15. Meistertitel, der Dritte in Folge: Wer dem FC Basel 90 Minuten beim Fussball zuschaut, erlebt das Zusammenspiel von Städtebau, Architektur und Sport.

Bilder: Stadtfragen

sta. Fussballfans wissen es: Das „B“ im Kürzel „FCB“ kann für „B“ wie „Basel“, „Barcelona“ oder „Bayern München“ stehen. Zudem: Die Klubfarben Rot und Blau gehören zu Barcelona und zum FC Basel. Fussball- und Architekturfans wissen sogar noch mehr: Ausschliesslich für die Stadt Basel und den hiesigen FCB steht „Rot-Blau“ in Verbindung mit der Architektur von Herzog & de Meuron. Seit 2008 bilden in der Stadt am Rhein der St. Jakob-Park (1999-2001) mit Shopping-Center, Seniorenresidenz und dem Fussballstadion – das Joggeli – und der 71 Meter hohe St. Jakob-Turm ein urbanistisches Ensemble. Wer dem FCB – wie etwa am letzten Sonntag beim Gewinn der Meisterschaft – zusieht, erlebt bewusst oder unbewusst die symbiotische Wirkungskraft von Städtebau, Architektur und Sport: Stadt findet als Phänomen gleichzeitig im Event, im städtebaulichen Ort, beim Shopping und in der Architektur der einzelnen Bauten einen stimmigen und für Basel spezifischen Ausdruck. „B“ steht in Basel daher auch beispielhaft für einen Best Urban Space.

Ausserhalb des Stadions stilisiert der St. Jakob-Turm ein kristallines Stadttor an der Basler Stadt- bzw. Kantonsgrenze zu Basel-Landschaft. Mit seiner unaufgeregten, subtil ikonisch anmutenden Präsenz, dem Angebot an Wohn-, Büro- und Dienstleistungsflächen und der städtebaulichen Anbindung an den Stadionbau hat das Hochhaus mindestens drei Gesichter: Eines für seine Bewohner/innen, eines für die nahe und fernere Stadtsilhouette und eines für die Besuchenden der FCB-Fussballspiele. In der Turmspitze befinden sich zwei Maisonette-Wohnungen. Nicht nur das Stadioninnere ist von dort aus gut sichtbar, sondern bald auch HdM’s Himmelsleiter „Bau1“ für Roche.

Sportlich gesehen, bedeutete der 3:1 Sieg vom letzten Sonntag gegen Lausanne Sports den 15. Meistertitel und gleichzeitig der Dritte in Folge. Welchen Anteil daran der Städtebau und die Architektur der Basler Architekten und Fussballfans Jacques Herzog und Pierre de Meuron haben, darüber liesse sich bestimmt sehr lustvoll debattieren. Unbestritten ist, dass sowohl Fussballclub und Architekturbüro sportlich wie unternehmerisch erfolgreich in der Champions League spielen können.

In Luzern vom Mittelmeer träumen

Die Überbauung Citybay in Luzern überrascht mit einem grünen Innenhof. Die Citybay ist ein Gemeinschaftswerk der Lussi+Halter Architekten und Koepflipartner, Landschaftsarchitekten aus Luzern. Der folgende Artikel ist in der Sonntagszeitung vom 27. November 2011 erschienen.

Fotos: Fotosolar Luzern / Ralph Bensberg

(sta) Unter dem KKL-Dach am Europaplatz in Luzern hat Jean Nouvel drei Häuser zu einem städtebaulichen Ensemble zusammengefügt. Ein ähnlicher Entwurfsansatz ist vor Kurzem einige hundert Meter vom KKL entfernt realisiert worden, hier allerdings ohne verbindendes Dach: Die drei Bauten der Überbauung «Citybay» beim Güterareal, in direkter Nachbarschaft zum Hotel Radisson und zur Schiffswerft, bilden ein offeneres Ensemble als das KKL. «Living», «Residence» und «Business» heissen die Gebäude selbsterklärend. «Citybay» – das bedeutet also mehr oder weniger luxuriöses Wohnen, zentrumsnahes Arbeiten und grosszügige Gewerberäume in der zweiten Reihe am Ufer des Vierwaldstättersees.

Die Architektur, die aussen hauptsächlich mit Betonelementen und der Farbpalette Beige, Ocker und Graubraun spielt, ringt dem städtebaulich anspruchsvollen Ort eine wenig spezifische neue Identität ab. Dazu flirten die Bauten der Lussi+Halter Architekten zu direkt mit Referenzen, wie sie von Orten wie dem Sulzer Areal in Winterthur oder von verdichteten Vorstädten der Schweiz mittlerweile gut bekannt sind. Es sind deshalb vor allem die Fussdistanz zum KKL, zum See, zum Bahnhof und zur Altstadt, es sind die Luzerner Preise und die Aussicht auf Aussicht, die das mittlere Gebäude der «Citybay», die «Residence», für die Besitzer der 92 Wohnungen zu einer einmaligen Adresse machen. «Alle Wohnungen sind verkauft. Wir danken für Ihr Vertrauen», heisst es auf der Internetseite stolz. Im Innenhof der «Residence» danken die Koepflipartner Landschaftsarchiteken den neuen Bewohnerinnen und Bewohnern für ihr Vertrauen mit einem an diesem Ort überraschenden Garten.

Hortus conclusus

Die «Residence» ist ein geschlossener Blockrand mit exklusiven Stadtwohnungen und zweigeschossigen Ateliers im Erdgeschoss. Die unmittelbare Umgebung entlang der Werftstrasse wirkt eher anonym, noch unbestimmt und ist von Hartbelägen, noch jungen Bauminseln, gepflästerten Bereichen und Bahnschienen bestimmt. Umso mehr werden Stadtspaziergänger vom Eindruck überrascht, wenn sie den 35 mal 22 Meter grossen Innenhof betreten: Das Erdgeschoss mit den Ateliernutzungen lässt den Blick vom Hof in die Umgebung schweifen, die Stimmung im grünen Innenhof ist trotzdem aufgeräumt und ruhig. Stefan Koepfli erklärt, dass sie hier einen «Hortus conclusus» realisiert haben. «Der umschlossene Innenhof der ‹Residence› verweist typologisch und bildlich auf die Anfänge der Disziplin Landschaftsarchitektur: Der Hortus conclusus ist ein sicherer Ort, ein Garten als Gegenwelt zum urbanen Umfeld, der das Bedürfnis nach Ruhe und nach Aufmerksamkeit für die eigenen Gedanken befriedigt.» Für die Umsetzung der Idee haben Koepflipartner Steineichen, immergrüne Magnolienbäume und Palmen im Innenhof zu Gruppen komponiert – es sind alles Pflanzen, die in südlichen Ländern vorkommen und ganzjährig grün bleiben. Zusammen mit den Holzlamellen an der Innenhoffassade der «Residence» wirkt das Resultat zugleich abstrakt und ortsfremd, ist aber trotzdem überzeugend selbstverständlich, und es werden gar Erinnerungen an Wohnhöfe in grösseren Städten am Mittelmeer wach.

Luzerner Regen und Blütenpracht

Wenn die Pflanzen in den nächsten Jahren wachsen und die Magnolienbäume einmal im Jahr für kurze Zeit in voller Blüte stehen, dann werden die geschützten Lauben der «Residence» zum wohl prominentesten Ort, an dem man mitten in Luzern vom Mittelmeer träumen kann. Dank der inneren Qualitäten des Gebäudes haben die Bewohnerinnen und Bewohner in der «Residence» gleich mehrere Gelegenheiten, mit Aussicht zu wohnen und ihren Innenhof zu geniessen: Der Garten ist für die Bewohner zugänglich, auf verschiedenen Wegen begehbar und mit Sitzgelegenheiten ausgestattet. In den Wohnungen selbst sind die Wohnzimmer zwischen der Aussenfassade und dem Innenhof durchgehend offen.

Erst die milden klimatischen Bedingungen im geschützten Innenhof und der Mut der Landschaftsarchitekten, technische Herausforderungen anzunehmen, haben es möglich gemacht, mitten in Luzern diesen Garten zu realisieren. Weil der Innenhof direkt über der Tiefgarage liegt, haben die Pflanzen keinen Kontakt zum natürlich gewachsenen Boden. Sie wachsen auf einer 70 cm tiefen, künstlichen Lebensgrundlage, die ihnen der spezielle Bodenaufbau anbietet. Der Wasserbedarf wird in erster Linie durch den anfallenden Regen gedeckt. Darüber hinaus ist der Pflegeaufwand für die verwendeten Pflanzenarten nicht allzu gross. Sie sind robust und insbesondere beim Wurzelsystem anpassungsfähig. Die Unterbepflanzung besteht aus schattenverträglichen Farnen und ebenfalls immergrünen Bodendeckern.

«Citybay»: Luzerner Gemeinschaftswerk

Die Überbauung «Citybay» in Luzern mit einer Arealfläche von 10’000 m2 ist das Resultat aus einem Studienauftrag, den die Arbeitsgemeinschaft Lussi+Halter Architekten und Koepflipartner, Landschaftsarchitekten aus Luzern 2006 für sich entschieden haben. Stefan Koepfli gründete sein Büro 1995 und entwickelt die Projekte seit 2001 in Zusammenarbeit mit Blanche Keeris und Jeannette Rinderknecht. Ihr Hauptinteresse gilt Themen und Aufgaben, die sich speziell in der Beziehung zwischen der Landschaft und dem Gebauten stellen. Der Eulachpark in Winterthur, die Freiräume um den Schweizerhof in Luzern, der Beitrag an die Architektur der Fensterfabrik Baumgartner in Hagendorn sowie die Aufwertung der Bahnhofstrasse in Yverdon gehören zu ihren bisher wichtigsten Arbeiten.

Neue Stadtmitte für Luzern

Zum Rendering „Stadt-Schmiede am Pilatusplatz“ in der NLZ, Dossier „Hochhaus“, 18. November 2011, S. 41.

(sta) Was liegt am Pilatusplatz in Luzern urbanistisch in der Luft? Die Geschichte des Ortes, die Ankunftsqualität, die Präsenz des Verkehrs und die baulichen Verdichtungsmöglichkeiten lassen erahnen, dass der Ort die Bedeutung einer neuen Stadtmitte in sich trägt. Das Rendering „Stadt-Schmiede am Pilatusplatz“ ist 2010, im Rahmen der Abstimmung zur alten Schmitte, entstanden. Es handelt sich nicht um ein Projekt, sondern um ein kritisches Sinnbild für die bisher unerkannten und ungenutzten Chancen am Pilatusplatz als neue Stadtmitte von Luzern. Beim abgebildeten Hochhaus handelt es sich um das Projekt skyvillage der holländischen Architekten MVRDV.

Bild: stadtfragen.ch / Thomas Stadelmann / Georg Vranek

 

Architekturdesign für Japan

LUCERNE FESTIVAL mit Michael Häfliger und die japanische Konzertagentur Kajimoto Music haben heute im KKL Luzern den Entwurf des Projekts ARK NOVA präsentiert, eine transportable Konzerthalle für hochstehende künstlerische Darbietungen. ARK NOVA soll der vom Erdbeben schwer getroffenen Region Higashi-Nihon im Norden Japans ab Frühling 2012 mit Musik und Architektur Hoffnung und Zuversicht bringen. Der japanische Architekt Arata Isozaki und der britisch-indische Künstler Anish Kapoor haben ARK NOVA gemeinsam entworfen. Noch nicht bekannte Sponsoren sollen das mit viel kulturpolitischem Prestige angereicherte Projekt für vier bis fünf Millionen Euro finanzieren.

(sta) „ARK NOVA – A Tribute to Higashi Nihon“ ist von der Idee beseelt, dass im vom März-Erdbeben dieses Jahres geschwächten Norden Japans nicht nur Häuser und die Infrastruktur, sondern auch die Hoffnung und Zuversicht der Menschen wieder aufgebaut werden müssen. Mit dem Ziel, „the power of art, architecture and music“ zu den Menschen zu bringen, wird derzeit unter der Führung des japanischen Architekten Arata Isozaki eine mobile Konzerthalle projektiert, die in verschiedene Region transportiert werden kann. Im Frühling 2012 sollen darin die ersten Events stattfinden.

Der heute präsentierte Entwurf zeigt eine Halle (72 m x 42 m im Grundriss), die  500 bis 700 Sitzplätze anbietet und 23 m hoch wird. Die aufblasbare Hülle (pneumatische Struktur) besteht aus einem elastischen Material, das einen schnellen Auf- und Abbau und den Transport mit einem Konvoi aus Lastwagen erlaubt. Für das Design der Konzerthalle arbeitet Isozaki mit dem indischen Künstler Yanish Kapoor zusammen. Sein aufblasbare Skulptur „Leviathan“, ein biomorph geformtes „Monster“ (Kapoor),  dient dem Projekt als Vorbild. Yasuhisa Toyota von Nagata Acoustics sorgt für die richtige Akustik. Und der Londoner Theaterexperte David Staples, bereits Mitstreiter von Michael Häfliger beim Projekt Salle Modulable, ist ebenfalls als Berater beigezogen worden.

Bühne und Begegnungsort mit Prestige

Die heutige Präsentation im KKL mit einer Live-Schaltung nach Tokyo zum Kulturminister und einem Kurzkonzert unter der Leitung von Claudio Abbado hat gezeigt, dass ARK NOVA (eine Umdeutung der Arche Noah) aufgrund der beteiligten „Dream-Teams“ (Masahide Kajimoto) und im Sinn der Promotoren eine wichtige und breit abgestützte, humanitäre Geste darstellt. Gleichzeitig ist das Projekt unübersehbar mit viel kulturpolitischem Prestige angereichert worden, das in der Umsetzung auf eine entsprechend global ausgerichtete Aufmerksamkeitsökonomie angewiesen ist. Die Sponsoren und Donatoren, die ARK NOVA möglich machen, konnten Michael Häfliger und Masahide Kajimoto heute trotzdem noch nicht präsentieren. Die rote Halle soll gleichzeitig als Bühne für verschiedenste Aufführungen und als Ort der Inspiration eingesetzt werden können. Klassische Musik, Jazz und Tanz sollen ebenso möglich sein wie Multimedia- und Kunstprojekte. Für die Programmierung der Konzerthalle sorgen LUCERNE FESTIVAL und der japanischen Konzert- und Künstleragentur Kajimoto nahe stehende Persönlichkeiten. Das Sponsoring soll ermöglichen, dass der Besuch der Veranstaltungen ohne Eintrittsgeld möglich ist.

Arata Isozaki

Arata Isozaki, geboren 1931, gehört zu den weltbekanntesten Architekten. Bevor er 1963 sein Büro gründete, arbeitete er u.a. bei Kenzo Tange. Bekannt geworden ist Isozaki in den 1960er Jahren mit seinen Projekten in Japan (Metabolisten) und in den 1990er Jahren mit Bauten u.a. in Barcelona, Orlando, Kraków, Kyoto, La Coruña and Berlin (Potsdamer Platz). Heute ist Isozaki weltweit tätig. Für die Präsentation in Luzern musste er sich ganz kurzfristig entschuldigen.

Kapoor: Monumentale Skulpuren

Der indische Künstler Anish Kapoor trägt den Turner Preis und ist bereits bekannt für monumentale Objekte, die er in Stadträume stellt. Mit seinem Stahlturm ArcelorMittal Orbit leistet er einen wesentlichen Beitrag für das ikonische Spektakel an den Olympischen Spielen 2012 in London. Geboren 1954 in Mumbai, Indien, kam Kapoor 1972 nach London und studierte zunächst Kunst und später Kunst und Design. Internationale Aufmerksamkeit erhielt Kapoor bereits in den 1970er Jahren mit Skulpturen aus Farbpigmenten. Über monochrome Rauminstallationen gelangte er zu Monumentalskulpturen aus ungewöhnlichen Werkstoffen: Marsyas in der Turbinenhalle der Tate Modern (2002), die Werkausstellung im Kunsthaus Bregenz 2003 mit einer 20 Tonnen schweren rote Skulptur aus Vaseline und Wachs (My red Homeland) und Cloud Gate, eine 110 Tonnen schwere, rostfreie Stahlkonstruktion im Millennium-Park in Chicago von 2004 sind Beispiele dafür.

Arbor Felix: eine Stadt im Umbau

Eine Stadt im Umbau: Was vielerorts politische Vision oder Wunschtraum der Planung bleibt, ist in der Kleinstadt Arbon am Bodensee mit dem Spatenstich «Neue Linienführung Kantonsstrasse» definitiv Realität geworden. Das 60-Millionen-Strassenprojekt ist das urbanistische Kernstück einer in ihrer Substanz und politisch-planerischen Konsequenz für die Schweiz aussergewöhnlichen Stadtentwicklungspolitik.

(sta) Wie bei einem Spatenstich üblich, hatte die Szene vom 30. Juni 2011 an der Ecke St. Gallerstrasse/Stickereistrasse in Arbon vor allem Symbolcharakter: Regierungsrat Jakob Stark und Stadtammann Martin Klöti holten gemeinsam mit Chefbeamten und Projektleitenden zum ersten Schlag aus, mit dem der Abbruch der Liegenschaft Locher und damit der Bau der neuen innerstädtischen Verbindung «Neue Linienführung Kantonsstrasse» ihren Anfang nahmen. Die «NLK», wie das Strassenprojekt genannt wird, soll im Spätherbst 2013 dem Verkehr übergeben werden.

Urbanes Rückgrat für Arbor Felix

Konzipiert als neues urbanes Rückgrat für den Stadtkörper von Arbon (römisch Arbor Felix = glücklicher Baum) ist die NLK mehr als eine umgelegte Linienführung der Kantonsstrasse: Sie ist die planerisch-politische und städtebauliche Grundlage, um die Regeneration der historischen Altstadt – das gefühlte Herz der Stadt Arbon – in Angriff zu nehmen und gleichzeitig die Entwicklung einer neuen Stadtmitte (Modellbild) zwischen dem Königareal und Bahnhof zu ermöglichen. Auf dem Königareal steht bereits der Rohbau eines wichtigen Grundsteins dieser Stadtmitte: die Überbauung Rosengarten von Max Dudler mit Detailhandel im Erdgeschoss und darüber liegenden Dienstleistungen sowie über 70 Wohnungen in zeitgemäss-städtischem Ambiente und mit Aussicht auf den See und in die Berge. Mit der Realisierung des östlichen Teilstücks erhöht die NLK zudem die Planungssicherheit und damit die Standortqualität auf dem innerstädtischen Entwicklungsareal SaurerWerkZwei, eine Industriebrache von 200’000 m2 Grösse, die für die langfristige wirtschaftliche Zukunft der Stadt Arbon von Bedeutung ist.

Breit abgestützte Chefsache

Die NLK ist das Schlüsselprojekt einer seit 2006 unter der Führung von Stadtammann Martin Klöti politisch-planerisch konsequent verfolgten, von den lokalen und kantonalen Behörden ebenso wie von der Bevölkerung an der Urne mitgetragenen Arboner Stadtentwicklung, die gleichzeitig kurz- und langfristige Ziele verfolgt: Arbon hat auf diese Weise bereits einen neuen Hafen (2009) und ein Saurer-Museum (2010) erhalten, seine Quaianlage aufgewertet, einzelne historische Gebäude wie das in seiner Architektur klassisch-moderne Strandbad Arbon aus den 1930er Jahren erneuert sowie den Bau zahlreicher Wohnungen an bester Lage erlebt. Die Schlüsselprojekte der Stadtentwicklung waren dabei jeweils auch an der lokalen Weihnachtsausstellung ARWA präsent, was einen einfachen Grund hat: Unter Stadtammann Martin Klöti ist die Kommunikation wichtiger Baustein für den politisch-planerischen Erfolg – und damit auch für die Bestimmung und die Umsetzung der jeweils richtigen Lösung.

83%-Ja-Stimmen zu einer Strasse

Der Hinweis auf die Bedeutung der Kommunikation beim Planen und Bauen in Arbon erklärt indes nur in Teilen, wieso die Arboner 2010 dem durch den Bund (Agglomerationsprogramm), den Kanton Thurgau und die Stadt Arbon gemeinsam finanzierten Strassenprojekt NLK an der Urne mit über 80%-Ja-Stimmen zugestimmt haben. Mindestens ebenso überzeugend auf die fachlichen Fragestellungen und die lokalen Verhältnisse abgestimmt sind im Projekt NLK die ortsbaulich-architektonische Gestaltung (Staufer & Hasler Architekten) und das verkehrstechnische Gesamtkonzept: Die NLK schafft als zentrale Verkehrsachse neue Verbindungen für Fussgänger und Velofahrende, sie befreit die Altstadt vom Durchgangsverkehr einer Kantonsstrasse, beruhigt die innerstädtische Verkehrssituation in den Wohnquartieren (Bahnhof- und der Landquartstrasse) und schliesst die verkehrstechnische Zugangslücke zur Industriebrache Saurer WerkZwei.

Mit dem Spatenstich am 30. Mai 2011 ist der Stadtumbau in Arbon einen weiteren Schritt realer geworden. Die Realisierung der NLK wird dafür sorgen, dass dieser die Arboner Stadtgeschichte nachhaltig prägende Zustand über mehrere Jahre wirksam und erlebbar bleiben wird.

Der aktuelle Stand der Arboner Stadtentwicklung ist online dokumentiert.

Kontinuität vor dem Ruhestand

1986 installierte die Deutsche Bank AG vor dem Haupteingang ihrer Zwillingstürme in Frankfurt die Kontinuität, eine für diesen Ort realisierte Plastik von Max Bill. Im Zuge der Sanierung der Türme wurde der Monolith im Februar 2008 temporär umplatziert. Die Skulptur passe nicht mehr auf den Vorplatz, sie soll vor weiteren Erschütterungen durch die unterirdische S-Bahn geschützt werden und künftig die Parkanlage neben der Bank aufwerten, so die Bank. Im Juli erhält die Kontinuität ihren neuen Standort. Die Geschichte klingt nach einem Ruhestandort für ein Kunstwerk.

Bilder: Büro für Stadtfragen (Frankfurt, 5. April 2011)

(sta) Das Hochhaus der Deutschen Bank AG (DB) in Frankfurt entstand zwischen 1979 und 1984 nach den Entwürfen von Walter Hanig, Heinz Scheid und Johannes Schmidt. Im Anschluss an den Wettbewerb für die umfassende Sanierung 2007 wurde die Kontinuität von Max Bill, die 1986 vor dem Haupteingang der Bank installiert wurde, im Februar 2008 entfernt. Seither wird sie 100 Meter südwestlich, im Vorgarten der Villa Sander an der Mainzer Strasse, zwischengelagert, aus mehreren Gründen, wie Pressesprecher Klaus Thoma erklärt: „Die Logistik für den Umbau erforderte vor dem Haupteingang genügend Platz für den Baustellenbetrieb.

Zudem wurden an der Kontinuität kleine Risse festgestellt, die aufgrund der zunehmenden Erschütterungen durch die unterirdischen S-Bahn-Fahrten entstanden sind.“ Die interne Diskussion habe auch aufgezeigt, dass die Skulptur von Max Bill, so Thoma, in ihrer Dimension aus heutiger Sicht nicht mehr an den Standort vor dem Haupteingang passe. Welche Argumente in welcher Reihenfolge, wann und unter welchen Vorzeichen nun tatsächlich zum Entscheid für einen Standortwechsel geführt haben, bleibt dennoch nicht ganz nachvollziehbar.

Zeichen stehen auf Veränderung

Das Sanierungsprojekt war der Bank Anlass genug, um neben der Leistung und Wahrnehmung des Gebäudes auch die Umgebung aufzufrischen und dadurch den Wert der Immobilie zu steigern. Die Bank hat den dreijährigen Umbau ihrer Zentrale genutzt, um eine Vielzahl zukunftsgerichteter Ideen vor allem im Bereich der Ökologie zu realisieren, die Ressourcen- und Energieeffizienz der Türme wurde mit den jeweils höchstmöglichen Zertifikaten LEED-Platin und DGNB-Gold prämiert: Der Energiebedarf wurde um die Hälfte, der Verbrauch von Wasser um über 70 Prozent und die CO2-Emissionen um fast 90 Prozent verringert. Im Werbeprospekt zu den Greentowers, wie die Zwillingstürme nun in der Marketingsprache genannt werden, ist nachzulesen, unter welchen Vorzeichen die Bank intern über die Zukunft von Max Bills Skulptur argumentiert haben könnte: „Dank einer besseren Einbindung (Anm: der Greentowers) in das städtebauliche Umfeld und zahlreicher neuer attraktiver öffentlicher Angebote wird das urbane Umfeld aufgewertet.“ Am 24. Februar 2011 wurden die beiden 155 Meter hohen Türme wiedereröffnet. Fast auf den Tag genau vor 26 Jahren, im Februar 1985, war der Hauptsitz der Bank an der Taunusanlage 12 eingeweiht worden.

Wertvolles Wahrzeichen

Die Türme der DB sind ein Wahrzeichen der Stadt Frankfurt und des Finanzplatzes Deutschland. Josef Ackermann, Vorsitzender des Vorstands der Deutsche Bank AG liess sich anlässlich der Feierlichkeiten zum Abschluss der Gebeäudesanierung so verlauten: „Diese Türme sind ein Markenzeichen (…) und stehen im wahrsten Sinne des Wortes für die Deutsche Bank. Hier sind wir im besten Sinne des Wortes zuhause.“ Und Mario Bellini, der für die Sanierung und den Umbau verpflichtete Designer und Architekt aus Mailand, ergänzte in ähnlicher Tonlage: „Die Türme stehen symbolisch für ein über viele Jahre gewachsenes und sehr solides Unternehmen, das auf festen Beinen steht, zugleich aber hoch dynamisch ist.“ Bemerkenswert: In seinem siegreichen Wettbewerbsbeitrag, der u.a. den nun realisierten, neuen Eingangsbereich im Sinne einer offenen Vitrine vorsah, durfte Max Bills Kontinuität an ihrem Standort vor dem Haupteingang bestehen bleiben.

Auch wenn Bill’s Plastik über 20 Jahre lang an ihrem ursprünglichen Standort vor dem Haupteingang gewirkt hat: Angesichts der Aufgabe, den Wert der Immobilie durch den Umbau und die Neupositionierung zu steigern, dürfte Max Bills Skulptur, trotz ihrem historischen bzw. künstlerischen Beitrag zur Unternehmenskultur und zur Reputation der Bank, bei der internen Gesamtbetrachtung somit, alles in allem, ein Randthema dargestellt haben. Am 14. März 2011, weniger als einen Monat nach der Wiedereröffnung, gab die Bank dann bekannt, dass sie ihre Doppeltürme, Ackermanns „Zuhause“, an einen Immobilienfonds verkaufen wird. Der Verkaufspreis liegt bei rund 600 Millionen Euro. Die Deutsche Bank wird ihre Konzernzentrale somit langfristig als Mieter nutzen.

Neuer Standort im Park

Dass die Skulptur von Max Bill nach der Sanierung 2010 wieder vor dem Haupteingang installiert werden würde, war in verschiedenen Webtexten nachzulesen. Der Pressesprecher dazu: Dass die Kontinuität wieder an ihren ursprünglichen Standort vor dem Haupteingang zurückkehrt, habe man vielleicht in der Öffentlichkeit angenommen, eine solche Information sei jedoch nie offiziell kommuniziert worden. Richtig hingegen sei, dass die Plastik im Juli im neu gestalteten Park direkt neben dem Bankgebäude nun einen etwas ruhigeren Standort erhält. Geht die Kontinuität, kräftiges Symbol für Harmonie und Dauerhaftigkeit, in den Augen der Bank dort in den verdienten Ruhestand? Nein, teilt die Bank mit. Als Teil der Parkanlage soll sie den bisher wenig genutzte Park aufwerten und mithelfen, dass in der direkten Umgebung der Bank mehr Öffentlichkeit und Aufenthaltsqualität entsteht. Ob die gefundenen Risse im Stein saniert wurden, konnte Pressesprecher Thoma nicht sagen.

Endlose Schlaufe

Max Bill (1908 bis 1994) schuf die Kontinuität 1986 im Direktauftrag durch die Deutsche Bank. Die Plastik ist ein sardinischer Granitmonolith, 4.5m hoch und 80 Tonnen schwer. Die Idee und das Kunstwerk Kontinuität sind älter. Bills Auseinandersetzung mit der Endlosen Säule Constantin Brancusis (1918/38) führte bereits 1935 zur plastischen Idee einer Endlosen Schlaufe. Die Plastik besteht aus einem ringförmig verbundenen (zweiseitigen) Band. Eine flächigere, provisorische Version der Kontinuität aus Stahl, Gips und Kalkputz wurde 1947 in Zürich ausgestellt und 1948 von Vandalen zerstört. Als die Deutsche Bank Max Bill Anfang der 1980er Jahre auf ihr Ansinnen ansprach, eine Skulptur vor der Konzernzentrale aufzustellen, soll Bill zunächst vorgeschlagen haben, den Platz leer zu lassen (Werner Spiess). An ihren ursprünglichen Aufstellungsort kehrt die Kontinuität nicht mehr zurück.

Spiegel statt Monolith

Der Vorplatz zum Haupteingang bleibt deswegen jedoch nicht leer. Anstelle der Skulptur von Max Bill wurde bereits eine Neue installiert: ein Wasserspiegel in Form von zwei ineinandergreifenden, dreieckigen Steinplatten, die mit einem Wasserfilm bedeckt sind: Spiegelt sich die Deutsche Bank AG darin selbst? In Zeiten der Bankenkrise wäre ein derart narzistischer Antrieb für die Neugestaltung des Vorplatzes eine noch heiklere Botschaft als jene der Kontinuität, die mit den Worten von Max Bill genau genommen auch nicht so recht zur Strategie des grenzenlosen Wachstums im Bankenwesen zu passen scheint: „konkrete kunst ist in ihrer letzten konsequenz der reine ausdruck von harmonischem maß und gesetz“ [Max Bill 1949].

Die Entwicklung, die Ausführung, der Transport und die Aufstellung des Granit-Monolithen hat Werner Spiess umfassend dokumentiert, in: Werner Spiess: Kontinuität – Granit-Monolith von Max Bill, Deutsche Bank AG, Dortmund, 1986.

PS: Die Deutsche Bank hat dem Büro für Stadtfragen eine Einladung zur offiziellen Neusetzung von Max Bills Kontinuität im Park versprochen. Fortsetzung folgt…