Antwort auf den Zwischenruf «Es braucht mehr Grossdenken für das Oberwallis» (Walliser Bote, 11. Juli 2026)
Wer das Oberwallis „Gossdenken“ will, sollte mit Kritik und Hoffnung nicht bei der Richtplanung ansetzen. Ein starkes Oberwallis machen handlungsfähige Orte aus – grosse und kleine. Sie verbinden die Menschen, die dort wohnen, arbeiten und sich austauschen. Wie mächtig ein Ort ist, bestimmt nicht ein Plan, sondern die Fähigkeit der Politik, der Wirtschaft und der Gesellschaft, mit ihren Handlungen zwischen Entwicklung und Planung sowie zwischen Strategie und Taktik zu unterscheiden. Für die Stadt Visp steckt in dieser Annahme ein kritisches Zukunftsthema.
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Le Corbusiers Diagnose von 1925 – «La température de la ville est à la fièvre» – lässt sich 100 Jahre später durchaus auf die Entwicklungstemperatur in Visp übertragen. Dem Anliegen des WB-Zwischenrufs, als Antwort auf die beschleunigte Gemeindeentwicklung stärker über Gemeindegrenzen hinaus zu planen, ist daher grundsätzlich zuzustimmen. Fragwürdig ist jedoch die im Bericht implizierte Behauptung, dass grössere Planungsräume quasi automatisch zu besseren, sprich wirtschaftsfreundlicheren Entwicklungen führen. Damit verteidigt der Beitrag einseitig jenen Glaubenssatz in der Raumplanung, der sich aus der Kritik an der Politik und an der Verwaltung nährt.
Die Antwort auf den Zwischenruf geht hier von einem anderen Ansatz aus, dieser lautet: Die Welt verändert sich laufend, unabhängig davon, ob unsere auf Konsens ausgelegte, gut funktionierende Planung noch Schritt hält oder nicht. Weil Wandel sich in Ereignissen, Konflikten, Trends und Widersprüchen zeigt – ist die wirksame Antwort daraus selten die Umsetzung eines linearen Plans. In der Stadt- oder Gemeindeentwicklung die Aufgaben Planung und Entwicklung gleichzusetzen oder sogar zu verwechseln, ist deshalb fatal: Entwicklung, von der hier die Rede ist, folgt keiner normativen Logik, und sie lässt sich keinem Strauss aus Paragraphen zuweisen. Ihr Ziel ist nie der Plan, sondern die Schaffung tragfähiger Voraussetzungen für konkretes Handeln. Entwicklung ist somit angewandte Praxis, strategisches und taktisches Handeln nach der einfachen Formel: Wandel = Entwicklung + Planung + Projekte.
Strategie und Taktik im Alltag
Michel de Certeau hat die «Kunst des Handelns», das hier propagiert wird, 1980 im gleichnamigen Buch erstmals beschrieben. Zentral in seiner Theorie ist der Unterschied bzw. die gegenseitige Abhängigkeit zwischen Strategie und Taktik. Sie zu verwechseln, ist ebenso fatal. In der Raumplanung werden massgebliche Politikbereiche und im besten Fall Strategien von zugewandten und kritischen Institutionen und Unternehmen über Jahre in behördenverbindlichen Plänen und Berichten festgehalten: Raumplanung bildet somit Strategien ab und hält sie planungsrechtlich über Jahre „fest“. Taktiken hingegen sind die harte Währung im Alltag von Gemeinden und Städten, von kleinen oder grossen Investoren, Bauherrschaften oder generell von Institution. Entwicklung entsteht immer im Zusammenspiel oder im Konflikt zwischen strategischem und taktischem Handeln. Michel de Certeau folgend führt eine Strategie ohne Taktik zu abstrakten, wirkungslosen Planungen während taktisches Handeln ohne eine Strategie gerne in kurzfristig angelegte, unkoordinierte Entwicklungsperspektiven mündet.
Strategie ohne Taktik führt zu abstrakten, wirkungslosen Planungen; Taktik ohne Strategie zu kurzfristigem, unkoordiniertem Handeln ohne nachhaltige Entwicklungsperspektive.

Lernen aus Visp und Naters
Zur Veranschaulichung der skizzierten Handlungsperspektive lässt sich das Nein zur Arealüberbauung Sägematte mit einem Satz erklären: Dem Vorhaben fehlte eine mächtige strategische Verankerung als Investitionsstandort und als Quartier der Zukunft, wodurch für die taktische Kommunikation die standfeste Grundlage fehlte und sich der Gegnerschaft ein Blumenstrauss an Gegenargumenten anbot. Zudem lässt sich gut argumentieren, dass Geld keine Strategie und räumliche Entwicklung weniger eine technisches Projekt, sondern vielmehr ein kulturelles Vorhaben darstellt. Konflikte, Aushandlungen und lokale Praktiken sind darin miteingeschlossen. Damit wird auch klar, dass der taktische Rahmen aus Sicht der Raumplanung alltägliches Handeln gerne unterschätzt. Genau an dieser Stell sollte ansetzen, wer das Oberwallis „GROSSDENKEN“ will.

In Naters zeigt die Auseinandersetzung um den städtebaulichen Masterplan 2050 eine andere Konstellation strategischer und taktischer Handlungen. Das erarbeitet städtebauliche Zielbild 2025 stellt sich ein mächtiges Naters vor, das die Möglichkeiten für taktische Anpassungen in der Zeit mitdenkt, zum Beispiel durch mögliche Anpassungen bei der Verteilung von Bauvolumen innerhalb eines Quartiers. So what? Dem Projekt fehlt die entsprechende politische Strategie und Kultur, die dem Masterplan 2050 das taktische Umfeld für die Umsetzung bereiten müsste. Im Graubereich zwischen initiativer Strategie zur urbanen Entwicklung und einzelnen Handlungen – oder besser Einzelinteressen – bei der Umsetzung durch die Behörden musste es zur medialen Eskalation kommen. Fortsetzung folgt.
Die Beispiel aus Visp und Brig verweisen auf ein weit verbreitetes Phänomen: Die inhaltlich beste Planung bleibt wirkungslos, wenn sie nicht auf strategisch mächtigen Orten gründet. Orte werden hier sinnbildlich und analog verstanden als Räume, in denen sich Menschen bewegen.
Visp: Denken und Handeln als Stadt
Die Fusion, die Sägematte, die Neubesetzungen von fachlichen Schlüsselstellen und die Neuwahlen im Gemeinderat lassen in Visp auf eine Zeitenwende hoffen. Klar scheint: Die Vorstellungen im Umgang mit der Gemeindeentwicklung allgemein und mit Grossprojekten im speziellen sind ab 2027 anders. Ein mächtiges Visp erhält die Chance, als städtischer Industrie- und Wohnpark mit mittelalterlichem Kern zu wachsen. Der Weg dorthin führt gewöhnlich über gute Ideen, Zielkonflikte, eine Portion Partizipation und stabile kulturelle wie gemeinschaftliche Nachbarschaften. Mit anderen Worten: Die städtische Zukunft fängt nicht mit Grossprojekten an. Ein guter Start bedarf an gemeinsamen Vorstellungen und Bildern von der Zukunft – auch im Alltag:“Wie sieht der Püüremäärt auf dem Kaufplatz in fünf bis zehn Jahren aus? Urbane Entwicklung gelingt, wenn die Stadt Visp als handlungsfähiger Ort auftritt, ihre Identität klärt und Projekte so konzipiert, dass die soziale, wirtschaftliche und räumliche Strategie dahinter verständlich und überprüfbar kommuniziert werden kann.
Zwischen Entwicklung und Planung sowie Strategie und Taktik zu unterscheiden, wird in Visp ab 2027 zur kritischen Aufgabe:
1 Wie positioniert sich Visp gleichzeitig und sichtbar als Dorf, Stadt, Industriepark, Tal- und Berglandschaft?
2 Wie finden die Interessen der Bewohnerschaft in einem strategischen Entwicklungsmodell zusammen?
3 Welche Form von Beteiligung und politischer Kommunikation bringt Visp weiter?
4 Erhalten ausländische, in Visp wohnhafte Personen künftig eine politische Stimme?
5 Wie will und kann die Gemeinde von der strategischen Zukunft der LONZA profitieren?
Grossdenken neu verstehen
Die bisherigen Ausführungen sind eine Antwort auf den Zwischenruf im WB und erinnern an bekannte Ideen zu Stadtentwicklung. Sie propagiert Möglichkeitsräume und Kooperationen von Nachbarschaften, Gemeinden, privaten Initiativen und Landschaften, innerhalb oder über Gemeinde- und sogar Sprachgrenzen hinaus. Mächtige politische, wirtschaftliche und kulturelle Orte, die hier dargestellt sind, kennen ihre Ressourcen und bündeln sie zu taktisch klugen Planungen und Projekten. Dazu gehört auch ein gesunder Wettbewerb und ein Lernen von bereits vorhandenen mächtigen Orten, denn: Macht kommt von machen und machen kann nur, wer handelt.
Das raumplanerisch hergeleitete Grossdenken im Sinn des Zwischenrufs wird dann zur Kunst des Handelns im Sinn der Antwort darauf, wenn strategische und taktische Entwicklung zu einem gesellschaftlich kritischen und kulturpolitisch sinnstiftenden Politikfeld wird. Darin handeln Dienstleistungen vom Umgang mit Ideen, Not, Konflikten, Chancen, Initiativen, Aushandlungen und alltäglichen Praktiken.