von Thomas Stadelmann

Es ist ruhig geworden um das Kieswerk“ (WB. 11.12.2025)

visp/tst_Das ehemalige Kieswerk im Visper Chatzuhüs steht seit über fünfzig Jahren leer. Auf meinem täglichen Hundespaziergang treffe ich zu jeder Tageszeit auf ein stilles Haus, das Bände spricht. Der Bau wird häufig als Schandfleck wahrgenommen, zugleich ist er landschaftlich präsent und geschichtlich aufgeladen. Umbaupläne hat die Gemeinde erst noch letzten Sommer sistiert. Kann ein Schandfleck trotzdem Baukultur sein? Was bedeutet an diesem Standort der jahrzehntelange Leerstand für die künftige Nutzung? Im Hinblick auf die Fusion von Visp, Baltschieder und Eggerberg wäre die Aufgabe im Chatzuhüs vielleicht ein Lernfeld für den Umgang mit ähnlichen Projekten; unabhängig davon, ob für das Kieswerk ein Abriss, Umbau oder Neubau die Lösung sein wird.


Ein Gebäude ohne Nutzung

Das ehemalige Kieswerk im Naherholungsgebiet Chatzuhüs in Visp ist seit der Stillegung der Anlage im Jahr 1971 ungenutzt. Der markante Betonbau steht am Rand des Wegnetzes das zum Chatzuhüs führt, ist weithin sichtbar und prägt den Ort aus verschiedenen Perspektiven. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird er häufig als Schandfleck bezeichnet. Unabhängig von dieser Zuschreibung stellt sich die Frage, welche Bedeutung ein solches Gebäude heute noch hat – ob und wie es als Teil der lokalen Baukultur wahrgenommen wird. Anzunehmen ist, dass die aktuelle Aufgabe nicht von einer alltäglichen Gebäudesanierung handelt und eine grössere Investition nicht allein durch die Schaffung von Kulturraum für eine Handvoll Vereine und Kulturschaffende gerechtfertigt werden kann.

Eine gewisse Klarheit, wie es beim Kieswerk weitergeht, schaffte der Artikel „Es ist ruhig geworden um das Kieswerk“ im WB vom 11. Dezember 2025. Im Rahmen eines Interview mit der Gemeinde war zu lesen, dass das Projekt „Umbau Kieswerk“ bereits im letzten Sommer 2025 sistiert worden sei. Damit wurde entschieden, dass sich die lange Phase des Leerstands und der Planungen ohne Ergebnis fortsetzt: In den frühen 1990er Jahren haben mehrere Teams Ideen formuliert und Bauten für das Chatzuhüs entworfen. 2023 waren Architekturstudierende der Hochschule Luzern am Werk. Zuletzt haben Ende 2024 Architekten aus Brig, zusammen mit Fachschaften verschiedener Disziplinen, der Gemeinde ein detailliertes Vorprojekt vorgelegt. Der Bevölkerung wurde es nicht präsentiert. Als Hauptgrund für den Rückzug des Projekts nannte der WB-Artikel die zu erwartenden Kosten von rund 10 Mio. Franken sowie eine höhere Priorität bei Investitionen u.a. in den Schulraum und Arealentwicklungen. Der Leerstand im Kieswerk bleibt damit auf unbestimmte Zeit ein Ergebnis politischer Entscheidungen.

Eine Bauaufgabe mit besonderen Anforderungen

Dabei macht der Standort des Kieswerks deutlich, dass es sich nicht um eine konventionelle Bauaufgabe handelt. Die ehemalige Industrieanlage liegt ausserhalb der Siedlung in einem landschaftlich sensiblen Umfeld. Eine Weiterentwicklung oder ein Rückbau müsste verschiedene Ebenen berücksichtigen: bauliche und statische Fragen, verkehrliche Erschliessung, betriebliche Anforderungen, landschaftliche Einbindung sowie Sicherheits- und Hochwasserschutzaspekte. Zu den spezifischen Merkmalen im Umgang mit dem Bestand zählen unter anderem die frühere Kiesförderung mittels Seilbahn sowie die besondere statische Situation des Gebäudes in Verbindung mit dem rückwärtigen Felsen. Diese Gegebenheiten begrenzen mögliche Eingriffe, eröffnen aber zugleich eigenständige und sogar innovative Herangehensweisen im Umgang mit dem Bestand.

Landmarke, Lost Place und Ort mit Geschichte

Aus grösserer Distanz betrachte, ist das Kieswerk eine Landmarke am Eingang zum Saastal und zum Mattertal. Das turmartige Gebäude prägt das jeweilige Landschaftsbild aus verschiedenen Perspektiven. Kaum ein anderes Gebäude in Visp ist gleichzeitig so präsent und in seiner Bedeutung so offen.

Das Kieswerk hat auch digital seinen passenden Aufmerksamkeitsraum gefunden. Die Plattform UBEX listet das Gebäude bzw. das Chatzuhüs als sehenswerter Lost Place auf, Zitat aus einem Sightseeing-Bericht: „Pippi (Anm: Langstrumpf) hätte ihre Freude daran“. Darüber hinaus ist der Ort mit individuellen und kollektiven Erinnerungen verbunden. Berichtet wird von früheren Party-Nutzungen, informellen Aufenthalten und Übungen der Feuerwehr. Auch belastende Ereignisse können zur Geschichte eines Ortes dazu gehören. Etwa die Erzählung über einen angeblichen Todesfall im Kieswerk 2024, über den nie berichtet worden ist.

Das Kieswerk zeigt: Leerstand in einem Gebäudes ist nie neutral. Wo Menschen sich aufhalten – geplant oder ungeplant –, entsteht Bedeutung. Gebäude speichern Nutzungsspuren, Erinnerungen und Erfahrungen, die im Alltag nicht unbedingt ans Licht kommen.

Baukultur im Zustand des Wartens

Das Bundesamt für Kultur hält fest: „Wie wir mit unserer gebauten Umwelt umgehen, ist Ausdruck unserer Baukultur.“ Dazu zählen nicht nur schützenswerte Einzelbauten, sondern auch Prozesse, Diskussionen und Zeiträume ohne klare Entscheidung. Beim Kieswerk überlagern sich Baugeschichte, Erinnerungen und Stillstand in besonderer Art und Weise. Das Gebäude lässt sich weder allein auf seinen Beton reduzieren noch als rein technisches Problem oder Raumreserve behandeln. Das Kieswerk verharrt gegenwärtig wiederum auf unbestimmte Zeit im Zustand des Wartens. Jedoch: Jeder langfristige Stillstand eines öffentlichen Gebäudes bleibt politisch brisant.

Lernumfeld für die Fusion 2027

Im Hinblick auf die Gemeindefusion 2027 erhalten Orte wie das Kieswerk zusätzliche Relevanz: Fusionen betreffen nicht nur Verwaltungsstrukturen, sondern verändern auch den Umgang mit Räumen, Landschaften und bestehenden baulichen Zeugnissen. Unterschiedliche Erfahrungen und Bewertungen müssen neu eingeordnet werden. Das Kieswerk im Chatzuhüs könnte in diesem Zusammenhang als Lernumfeld verstanden werden. An ihm lassen sich exemplarisch Fragen bearbeiten, die auch an anderen Standorten im künftigen Gemeindegebiet auftreten werden: der Umgang mit industriellem Erbe, mit langfristigem Leerstand und mit Orten, die weder klar nutzbar noch eindeutig aufzugeben sind. Diese Fragen betreffen einzelne Projekte, generelle Haltungen und passende Verfahren im Umgang mit dem baulichen Erbe.

Als Alternative zum Stillstand könnte die Auseinandersetzung mit dem Kieswerk – quasi die baukulturelle Herangehensweise an einen Schandfleck – in Szenarien erfolgen und so die Grundlage schaffen für weiterer Planungsschritte:

Szenario 1: Vollständiger Rückbau und Erstellen einer Parkanlage

Szenario 2: Instandstellung (Redesign) der Bausubstanz für niederschweflige, temporäre Nutzungen

Szenario 3: Bauliche Transformation (Neubau und Parkanlage) des Standorts für öffentliche Zwecke

Schlussbemerkung

Das Kieswerk im Chatzuhüs ist bis heute weder ein Bau-, noch ein Zukunftsprojekt. Es ist ein Ort, an dem sich Fragen des Umgangs mit Bestand, Leerstand und Erinnerung bündeln. Ob die Anlage künftig weiterhin als Schandfleck oder neu als Teil der Baukultur wahrgenommen wird, hängt weniger vom Gebäude selbst als vom gesellschaftlichen und politischen Umgang mit ihm ab.

Das Gute daran: Das Kieswerk gehört der Gemeinde Visp – und damit der Bevölkerung. Der Zeitpunkt für ein neues Kapitel der Auseinandersetzung über die Zukunft wäre passend.

Galerie: Neubau, Redesign und Realität.

*“Es ist ruhig geworden um das Kieswerk“ (WB. 11.12.2025)