Stadtfragen bietet im Hinblick auf die Wahlen in den Gemeinderat von Visp jeder Partei einen Platz für ein Interview an. Die Reihenfolge der Beiträge ist zufällig.

sta. Alain Oggier ist Geomatikingenieur, Standortleiter der Terradata AG Visp und Präsident von neo – Die sozialliberale Mitte Visp. 2023 kehrte er in seine Heimat zurück und kandidierte 2024 erstmals für den Visper Gemeinderat. Der 40jährige reiht sich nach eigener Einschätzung auf der linken Seite seiner Partei ein.

Seine politischen Hautthemen: Langsamverkehr, Stadtklima, der Lebensraum Visp nach der Fusion, die Unterstützung der Vereine, ein hart verhandelter Schulterschluss mit der Lonza und eine leistungsfähige Sozialbehörde. Bevor ich die erste Frage stellen kann, bestimmt der Jungpolitiker selbst das Gesprächsthema:

Die Idee eines Generalrats in Visp ist Unsinn und macht das politische Leben nicht zugänglicher, dafür umso komplizierter! Alain Oggier, neo

Thomas Stadelmann: Gehen wir der Reihe nach. neo steht selbstredend für Veränderung: Was muss sich im Visper Gemeinderat nach den Wahlen unbedingt verändern?

Alain Oggier: Die kritischen Stimme von aussen haben in den letzten Jahren gefehlt. Das sieht man am deutlichsten bei den Mitgliedern in den Kommissionen, soweit es diese noch gibt.

Und dein Vorschlag wäre?

Der Austausch zwischen der Bevölkerung und dem Gemeindehaus muss offener und transparenter sein.

Und wie soll das gehen?

Mit den Kommissionen hat der Gemeinderat ein gutes Instrument zur Hand. Es gibt in Visp nämlich genügend Leute, die an guten Lösungen interessiert sind, die Fachkompetenz mitbringen und motiviert sind, sich einzubringen. Heute sind die Kommissionen mehrheitlich mit Gemeinderäten und Mitarbeitenden der Verwaltung besetzt. Kritische Fragen oder konstruktiver Widerspruch dürften in dieser Konstellation wenig Platz bekommen. Bei grösseren oder besonders anspruchsvollen Projekten kann dies fatal sein und – wie auf der Sägematte – mit einem Paukenschlag an der Urne enden.

Schauen wir nach vorne: Wieviel Zeit ist dir ein Sitz im Gemeinderat wert – hast du dein Budget schon erstellt?

Sicher. Nach der Wahl würde ich mein Arbeitspensum um etwa 20 bis 30 Prozent reduzieren. Als Gemeinderatsmitglied, nicht als Gemeindepräsident, sollte das reichen – ein Präsidium wäre eine ganz andere Liga, da müsste man mit mindestens 60 Prozent rechnen. Wenn ich mir den zeitlichen Aufwand nicht hätte vorstellen können, hätte ich mich nicht als Kandidat zur Wahl stellen lassen.

Visp leidet unter Wachstumsfieber oder sagen wir mindestens unter konstant hoher Temperatur: Fusion, Lonza, Wohnungsknappheit um nur drei Themen zu nennen. Wie stellst du dir Visp im Jahr 2030 vor?

Der Langsamverkehr hat bis dann eindeutig ein grösseres Gewicht als heute, in der Politik, auf der Strasse und somit auch im Leben der Bevölkerung. 2030 ist der Veloweg nach Brig durchgehend und sicher. Es wird mehr grüne, schattenspendende Orte geben. Das heisst nicht, überall Bäume zu pflanzen, es gibt auch andere bauliche Wege, um ein lebenswertes Stadtklima zu erreichen.

Und was ist zur gleichen Zeit mit der Fusion erreicht worden?

Das heutige Visp und die beiden Dörfer Eggerberg und Baltschieder sind bis dann kulturell zusammengewachsen – ohne ihre eigene Identität verloren zu haben. Diese Veränderung ist eigentlich die wichtigste. Eyholz bietet dazu das beste Vorbild. Dank verschiedener Projekte hat sich das Dorfleben dort weiter entwickelt, neue Nachbarschaften sind entstanden. Und zwar ohne, dass die Leute denken müssen :“Jetzt sind wir Visper“. Wer dort lebt, ist Eyholzer oder Eyholzerin geblieben. Genau das wünsche ich mir auch für die Bevölkerung von Baltschieder und Eggerberg.

An welche konkreten Projekte denkst du dabei?

Kita-Angebote können ausgebaut werden, ob im Sand in Visp oder in Baltschieder ist nicht entscheidend. Baltschieder hat zudem noch Baulandreserven, mit denen sich Infrastrukturen für Freizeit oder Schulen realisieren lassen, die für ganz Visp attraktiv sind.

Nochmals zurück zu deiner Begeisterung für Eyholz: Was genau hat man dort richtig gemacht?

Die Leute dort leben ihr Dorfleben aktiv – durch die Vereine, Kultur Eyholz oder Einrichtungen wie der Bierweg. Der Zusammenhalt und die Nachbarschaften, die dadurch entstehen, sind entscheidend. Wenn ein Ortsteil jedoch zu einem Schlafquartier wird, wo sonst nichts mehr passiert, geht das Dorfleben verloren.

Was darf sich bis 2030 nicht verändern – neo hin oder her?

Die Unterstützung der Vereine.

Was meinst du damit genau?

Finanzielle Mittel, die es ermöglichen, die bestehende oder zusägtzliche Infrastruktur kostengünstig oder gratis nutzen zu können.

Den Erhalt der Visper Altstadt hast du bisher nicht erwähnt, was passiert damit?

Da wird sich nicht viel ändern, ausser, dass die Altstadt über kurz oder lang zur einem Sanierungsfall wird. Viele Gebäude sehen an der Fassade gut aus, sind aber im Innern in schlechtem Zustand. Da braucht es Werterhaltung statt Abriss und Neubau: energetische Sanierungen, Umbauten, damit die Gebäude wieder attraktiv werden.

Und wer soll sich dem Sanierungsfall Altstadt deiner Meinung nach annehmen und Investitionen tätigen? Viele der Häuser sind in privater Hand.

Das ist das grosse Problem.

Und eine Lösung wäre eine aktive Boden- bzw. Liegenschaftenpolitik. Ist das Immobiliengeschäft in der Altstadt eine Aufgabe des Gemeinderats?

Der Gemeinderat kann privaten Eigentümerschaften eine Sanierung nicht vorschreiben. Die Gemeinde könnte sich aber aktiver in der Bodenpolitik engagieren: Liegenschaften, die frei werden, kaufen und dort gezielt Projekte entwickeln – ähnlich wie das beim Bahnhof Nord gemacht wird. Ob man dann selbst als Vermieter auftreten sollte, ist eine andere Frage. Wichtig ist mir vor allem, dass bezahlbarer Wohnraum entsteht, damit die Mieten nicht ins Unermessliche steigen. Eine fertige Lösung gegen eine drohende Wohnungsnot haben wir bei neo aber noch nicht. Das Thema Wohnen steht erst kurzer Zeit auf unserer politischen Agenda.

Neo positioniert sich in der Mitte der politischen Mitte. Wo stehst du persönlich?

Wenn ich mich einreihen muss, stehe ich eher links der Mitte.

Die Mitte hat immer die Tendenz, es allen Anliegen recht zu machen: Wie könntest du damit umgehen, dass in einer Sache nicht alle Anliegen gleich wahrgenommen und gewichtet werden?

Ich lebe mit der Überzeugung, nicht immer alle glücklich machen zu können. Ich kann deshalb in der Sache zuerst gut hinsehen und hinhören und danach und erst dann zu einer Sache berzeugt nein oder ja sagen, auch wenn as nicht angenehm ist.

Visp hat mehr Arbeitsplätze als Einwohnerinnen und Einwohner. Menschen aus über 80 Nationen leben und arbeiten hier. Passen die Dorfgemeinschaft und der urbane Industriepark Lonza überhaupt noch zusammen?

Da haben wir in Visp noch Nachholbedarf. Die Lonza, bzw. das Industriegebiet sind für mich Fluch und Segen – aber eindeutiger stärker ein Segen: Der Firmenstandort bringt seit jeher neue Leute und andere Kulturen ins Oberwallis. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, zu verhindern, dass Lonza-Mitarbeitende und die Belegschaft von anderen Firmen nicht nur in ihrer Bubble leben und wir Einheimischen parallel dazu in unserer eigenen.

Dann fangen wir doch gleich damit an, diese Blasen aufzulösen: Wie schaffst du es, dass am wöchentlichen Püüremärt Einheimische und Lonzianer/Innen sich den Kaufplatz nicht mehr territorial aufteilen?

Das braucht Entgegenkommen von beiden Seiten. Ich persönlich sehe darin keine Grenze und habe selbst erlebt, wie aus einer einfachen Frage – „Kann ich hier essen?“ – ein ganzer Abend mit spannenden Gesprächen wurde. Zudem sind Musikanlässe wie „Beats and Bytes“ oder die meisten Aktivitäten in Sportvereinen gute Beispiele, wie das Miteinander funktioniert. Genau darum will ich, dass das so bleibt und alle Vereine über eine gesunde finanzielle Basis verfügen können.

Könntest du dir vorstellen, dass das Miteinander noch einen Schritt weiter geht und Mitarbeitende, die im Industriepark Visp ihr Geld verdienen und dieses auch wieder in Visp ausgeben eine praktikable Möglichkeit zur Mitsprache in politischen Themen erhalten?

Durchaus! Ich nenne hier wieder die bereits erwähnten Kommissionen. Die ausländische Bevölkerung welche sich am Dorfleben beteiligen möchte, soll sich aktiv an den Kommissionsarbeiten beteiligen können. Ich bin überzeugt, das würde die politische Diskussion und die Aussenwahrnehmung von Visp positiv verändern.

Die Belegschaft in Industrie und Gewerbe ist eine Sache: Wie müsste sich das Verhältnis zwischen dem Gemeinderat und den Chefetagen der hier ansässigen Firmen gestalten, damit Visp weiterhin vom Wachstum einerseits profitieren und andererseits dessen Konsequenzen, zum Beispiel für die Infrastruktur, tragen kann.

Ich habe den Eindruck, der künftige Gemeinderat müsste die Lonza stärker in die Pflicht nehmen. Verstehe mich nicht falsch. Man kann einen Arbeitgeber in der Schweiz nicht zu Investitionen in die Gemeindeentwicklung zwingen. Vielleicht ist es schon ein Gewinn, wenn beide Seiten sich über die mit Fakten belastbaren Folgen des Wachstums verständigen und gegenüber der Bevölkerung kommunizieren können.

Wie würdest du als Gemeinderat konkret in solche Gespräche gehen?

Ich würde mich vorher durch eine Aussenperspektive beraten lassen. Ich bin mir dessen bewusst: Dem Gemeinderat sitzen Profis auf allen Gebieten gegenüber. Was ich damit meine: Ein gemeinsam finanziertes Mandat, das die Möglichkeiten analysiert, ob und in welchen Rahmen die Lonza eine eigene Kita mitfinanzieren sollte – wäre das Geld bestimmt wert. Mein Eindruck ist, dass strategische Gespräche und Ziele sowie Verhandlungen über einzelne Projekte (und Steuergelder) bisher eher im Stillen abgehalten wurden.

Das führt mich zur Frage: Wem gehört eigentlich die Stadt Visp: Nur den Einwohnerinnen und Einwohnern, die abstimmen dürfen oder auch jenen, die hier täglich arbeiten gehen, einkaufen und Mieten bezahlen?

Sozialräumlich würde ich argumentieren: Sie gehört irgendwie allen, die hier leben oder arbeiten. Dieser Haltung die nötige politische und gesellschaftliche Aufmerksamkeit zu verschaffen, benötigt Ressourcen. Und im Sozialbereich hat Visp noch Potenzial. Wenn ich mir die Stelleninserate der Gemeinde anschaue, geht es darin meist um bauliche Themen. Je mehr Menschen an einem Ort zusammenleben, desto mehr soziale Fragen entstehen zwangsläufig. Mir scheint die Personaldecke im Sozialbereich deshalb vergleichsweise dünn – als Gemeinderat wird ich mich in diesem Thema deshalb gerne einbringen.

Grossprojekte sind in Visp ein weitere Ursache für die hohe Temperatur: Du hast dich öffentlich schon mehrmals für mehr Mitwirkung und Transparenz geäußert: Wieviel und welche Form von Mitwirkung passen denn zu Visp?

Ich erwähne noch einmal die Kommissionsarbeit. Sie wären ein idealer Ort für die fachliche Mitwirkung. Bei grösseren Projekten würde ich die Bevölkerung breiter und vor allem früher zur Mitwirkung einladen, als dies heute der Fall ist. Aktiv am Dorfleben teilzunehmen, dazu kann man niemanden zwingen. Bisher wurden jedoch kaum Möglichkeiten der Partizipation angeboten, um daraus schliessen zu können, wo das Potenzial für ein öffentliches Engagement durch die Bevölkerung oder einzelne Interessengruppen tatsächlich schlummert.

Wieso tut sich Visp aus deiner Sicht schwer damit, Planungen und eine Mitwirkung frühzeitig zu verbinden?

Ich glaube, es hängt an den Verantwortlichen im Gemeinderat, die einen Verlust an Einfluss fürchten. Ein aktuelles Beispiel ist das Projekt Lonza-Avenue. Ich würde als Bürger oder Bürgerin lieber von Anfang an mitreden können – zum Beispiel bei der Frage, ob es zielführend ist, die Umfahrungsstrasse zu einer Tempo-30-Zone umzugestalten und die Lärmschutzwand zu entfernen.

Du hast dir auch die Planauflage zum Grossprojekt am Kreisel Bahnhof Nord angeschaut?

Und ich habe hauptsächlich die Lösung für den Langsamverkehr studiert. Mein Fazit nach dem Studium des Dossiers: Die geplante Verkehrsführung für Velos ist schlicht nicht nachvollziehbar: Gelangt man durch den Autotunnel auf die Nordseite der Geleise, ist für Velos das Linksabbiegen in Richtung Kleegärtenstrasse oder auf den offiziellen Veloweg verboten, Geradeausfahren ebenfalls. Die einzige Möglichkeit ist: Absteigen und den Fussgängerstreifen überqueren! Solche Fehler entstehen, wenn in den zuständigen Kommissionen der Sachverstand fehlt oder die Bedeutung des Langsamverkehrs ignoriert wird.

Politik bedeutet nicht immer Konsens. Bei welchem Thema würdest du im Gemeinderat den Streit aushalten?

Das ist jetzt keine Überraschung mehr: Bei den Themen Velos, Freiraum und Vereinsbeiträge. Grundsätzlich kann ich zu jedem Thema hart für meine Position einstehen. Aber am Ende braucht es einen Konsens, damit ein Projekt überhaupt vorwärtskommt – man kann nicht alles blockieren. Politik bedeutet: Man gibt an einer Stelle etwas nach und bekommt an anderer Stelle etwas zurück. Diskussionen und Streit um konkrete Inhalte ist nie schlecht, weil oft sogar ein besseres Ergebnis herauskommt als ursprünglich geplant.

Beleuchten wir noch kurz eine politische Altlast, die ein halbes Jahrhundert alt ist: das Kieswerk im Chatzehuis. Würdest du das Kieswerk verkaufen, wenn eine Gruppe von Interessierten der Gemeinde ein machbares Angebot unterbreiten würde?

Sofort. Wobei ich der Meinung bin, dass es beim Kieswerk nur zwei Optionen gibt: Abriss oder eine komplett neue Nutzung.

Wenn ich an deine Themen denke, dann frage ich mich zuletzt: Weshalb kandidiert Alain Oggier eigentlich nicht für Grün-Rot?

Flavio Schmid, damals noch im Gemeinderat, hat mich nach meiner Rückkehr nach Visp gefragt, ob ich mit ihm auf die Liste gehen möchte. Ich fand die Ausrichtung von neo einfach überzeugend. Wenn man jedoch im Gemeinderat sitzt, spielt die Parteifarbe in meiner Vorstellung ohnehin eine kleiner Rolle. Der künftige Gemeinderat hat vor allem die Aufgabe, Sachpolitik zu betreiben und gute Lösungen auf den Weg zu bringen.

Ist dazu ein Gremium mit neun Leuten noch zeitgemäss?

Nein, es sind zuviel. Ein Gemeinderat mit sieben Sitzen wäre mir in Zukunft lieber.

Vielen Dank für das Gespräch!