dérive feiert Geburtstag und gleichzeitig ist die No 100 erschienen: Zeit – Planung und Alltag. Die Zeitschrift für Stadtforschung aus Österreich publiziert seit 25 Jahren in Deutsch und teilweise in Englisch vierteljährlich zu aktuellen Themen der urbanen Gesellschaft: Mobilität, Wohnen, Demokratie oder zuletzt Energie, Technologie und Rechtsextremismus. dérive macht auch Radio (https://derive.at/radio/) und veranstaltet das Festival urbanize! (https://urbanize.at).

Alles zu dérive No 100, zum Radio, zum Kiosk und zum Festival urbainze! gibt es hier. Newsletter: ttps://derive.at/newsletter/

Wider die rationale Wahrnehmung und Planung unserer Städte

dérive ist eine programmatische Anspielung auf die situationistische Praxis des Umherschweifens als Methode der Stadterkundung. Der Begriff dérive (frz. Umherschweifen, Abdriften) geht ursprünglich auf die Künstlergruppe Situationistische Internationale (um Guy Debord, 1950er Jahre) zurück. In der Praxis geht es darum, absichtlich von gewohnten Wegen, Routinen und funktionalen Stadtstrukturen zu lösen, um die psychogeographischen Wirkungen des urbanen Raums zu erfahren. Statt rationalem Planen oder zielgerichteter Bewegung steht das offene Treibenlassen im Vordergrund, die Frage lautet: Wie beeinflusst die gebaute Umgebung Stimmung, Verhalten und Wahrnehmung?

Die Zeitschrift für Stadtforschung bezieht sich auf dieses Konzept, indem die Macher:innen urbanistische Fragestellungen aus einer politisch links angesiedelten, kritischen, oft interdisziplinären Perspektive bearbeiten – ähnlich wie die dérive selbst, sollen die Zeitschrift, das eigene Radio und das Festival urbanize! neue Sichtweisen auf Stadt, Raum, Architektur und Gesellschaft eröffnen.

Forschung, Kunst und Erlebnisberichte

Jede Ausgabe enthält einen Schwerpunkt, der thematisch fokussiert und mit Beiträgen aus der Forschung getragen ist. Im Magazinteil beleuchten Artikel, Essays oder Interviews aktuelle städtische Herausforderungen, Praxisbeispiele oder künstlerische Beiträge. Wer gerne Bücher liest, schätzt die Rezensionen zu Publikationen, Ausstellungen, Filmen, also allem, was mit Stadt, Kunst und Raum‐Themen zusammenhängt. Weiter gehören Serien zu dérive, etwa die „Geschichte der Urbanität“ von Manfred Russo. Schliesslich finden Berichte von Aktivist:innen regelmässig ihren redaktionellen Platz.

Stadtfragen hat dérive bereits über ein Jahrzehnt abonniert. Wird dérive in der Schweiz auch anderswo gelesen?

Christoph Laimer: Ja natürlich, aus unterschiedlichen Gründen jedoch nicht in dem Umfang, wie wir es uns wünschen. Beispielsweise ist es mit hohen Spesen verbunden, Geld von der Schweiz nach Österreich zu überweisen, der Versand wird auch immer teurer. Das macht es unverhältnismäßig teuer, ein Heft zu bestellen. Zudem hatten und haben wir immer Probleme, in der Schweiz Verkaufsstellen zu finden, die dérive in ihr Sortiment aufnehmen. Der Anteil der Abonnent:innen aus der Schweiz liegt bei rund zehn Prozent (bei einer Auflage von 2200 bis 2500 Heften).

Was interessiert die Redaktion von dérive an der Urbanisierung, wie sie in der Schweiz stattfindet?

Wir beobachten seit langer Zeit besonders die Entwicklung des genossenschaftlichen Wohnbaus in der Schweiz. Da wurde und wird Tolles geleistet. In diesem Zusammenhang ist für uns auch die Geschichte der Hausbesetzungen relevant. Spannend sind für uns zudem Initiativen, die Frei- bzw. Kulturräume und Gemeinschaftszentren schaffen.

Welchen Anspruch stellt dérive generell an seine Leser:innen?

Unser Anspruch ist es, eine Zeitschrift zu machen, die für Leser:innen im gesamten deutschsprachigen Raum Relevanz hat. Insofern sollte es keinen Unterschied machen, ob jemand in Genf, Köln oder Graz wohnt. Die Themen, mit denen wir uns auseinandersetzen, sind ja zumeist solche, die die urbane Gesellschaft insgesamt betreffen und nicht nur eine oder mehrere bestimmte Städte. dérive Schwerpunktthemen wie beispielsweise Mobilität, Wohnen, Demokratie oder zuletzt auch Energie, Technologie, Rechtsextremismus oder aktuell Zeit beeinflussen das Leben in den meisten Städten.

Könnte man sagen, dass es dérive im Kern um eine inklusive Stadtentwicklung geht?

Ja, und deshalb sind die Themen Stadtentwicklung und Raumplanung in der Schweiz für uns ebenfalls interessant. Kommt hinzu: Wir sind Mitglied von INURA1, mit Sitz in Zürich. Dadurch haben wir regelmäßigen Kontakt und pflegen den Austausch mit Akteur:innen, die sich in der Schweiz für den urbanistischen Diskurs engagieren und für uns Beiträge verfassen.

Können Sie uns in dérive publizierte Texte zu schweizerischen Themen empfehlen?

Ich finde das Interview mit Andreas Wirz aus dérive 77 sehr aufschlussreich: https://derive.at/texte/teilt-alles-und-spielt-fair/ Oder auch André Bideaus Text »Zürich bewohnen«  https://derive.at/texte/zurich-bewohnen/.

Herzlichen Glückwunsch zu 25 Jahren dérive!

Vielen Dank.

  1. INURA ist eine Nichtregierungsorganisation, die 1991 auf Initiative von Richard Wolff gegründet wurde und ihren Hauptsitz in Zürich hat. Sie beschäftigt sich mit den aktuellen Problemen der Urbanisierung und Globalisierung, die sich für den Menschen ergeben. Es gibt Büros in 16 Ländern. ↩︎