Wer im Februar 2020 in Manhattan das Museum of Modern Art (MoMA) besuchte und vorher schon einmal am Europaplatz in Luzern war, hat sich vor dem Werk Collage of Sector Models (c 1969) des Künstlers Constant Anton Nieuwenhuys vielleicht überrascht die Augen gerieben: Ein Ausschnitt daraus erinnert augenfällig an die Projektdarstellung zum KKL Luzern, mit der Jean Nouvel die Stadt Luzern ab 1993 ins neue Jahrtausend verführt hatte. Stadtfragen gehr hier der Frage nach, ob hinter der vermuteten Verwandtschaft mehr als eine formale Ähnlichkeit steckt.

Ein gemeinsames, auskragendes Flügeldach überspannt ein offene, dreiteilige Baustruktur. Das auskragende Dach scheint sich unendlich auszubreiten, ähnlich einem zweiten, künstlichen Horizont in der Landschaft. Die Unterseite des Dachs ist ein Spiegel, ebenso die umgebende Wasserlandschaft. Plattformen und Stabkonstruktionen verbinden starartige und runde, bauliche Strukturen. Die Augen des Publikums betrachten den Bildausschnitt aus der Zentralperspektive. Eine solche Kurzbeschreibung zum Ausschnitt, dem Gelben Sektor, im Werk Collage of Sector Models des Künstlers Constant (1969) würde auf Anhieb auch als Bildlegende zur berühmten Perspektive passen, mit der in Luzern 1993 das Vorprojekt zum KKL Luzern der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Mehr als eine formale Ähnlichkeit zwischen den zwei Bildern ist damit noch nicht hergestellt. Kommt hinzu: Zwischen den beiden Werken liegt eine Zeitspanne von über zwanzig Jahren.

Das Werk von Constant ist Teil der Sammlung im Museum of Modern Art (MoMA) in Manhattan. Ausgangspunkt für die durchaus spekulative Vermutung, dass das Werk anfangs der 1990er Jahre als Fundus für die Pariser Kunst- und Architekturszene präsent war, liefert ein anderer Museumstempel: das Centre Pompidou in Paris. Dort wurde 1989 eine Ausstellung über die Künstlergruppe Situationistische Internationale (S.I.) um Guy Debord gezeigt. Auch Constant Anton Nieuwenhuys, kurz Constant, gehörte dieser Gruppe an. 1990, in etwas zur gleichen Zeit, hat Jean Nouvel in Paris das Projekt für das KKL in Luzern entworfen. Der visuelle Gestalter Vincent Lafont, ebenfalls in Paris zuhause, wurde dann 1993 beauftragt, das überarbeitete Vorprojekt zuhanden der öffentlichen Präsentation zu visualisieren.
S.I.: Kritik an der Stadt des Spektakels
Das ultimative Ziel der S.I. war die Rekonstruktion der Stadt, schreibt Simon Sadler in seinem Buch „The Situationist City“ (MIT 1998, p 80). 1957 von linken europäischen Künstlern und Intellektuellen gegründet, war die Gruppe vor allem in den 1960er Jahren aktiv. Sie agierte sowohl mittels künstlerischer Aktionen als auch politisch. Das Leben, die Bewegung in Städten und auch die Stadtplanung untersuchten die Mitglieder mit der Methode der Psychogeografie, einer verführerischen Mischung aus subjektiver und objektiver Wahrnehmung. Simon verwendet auch die Adjektive vergiftend, fetischistisch und militaristisch. Die Vorgehensweise folgte dem Prinzip des dérive, was so funktioniert: Situationisten schlendern (die Nachahmer übrigens bis heute) auf zufälligen Pfaden durch die Stadt, um sie danach als Abfolge von aufeinanderfolgenden Wahrnehmungsräumen – von Situationen – neu zu kartieren. Hinter den Spaziergängen und der anschliessenden psychogeografischen Kartierung steckt, neben der Lust an der Entdeckung, eine fundamentale Kritik. Den Situationisten ging es um nichts weniger, als die Erfindung von neuen Bedingungen für das städtische Leben. Die wirtschaftlichen Sachzwänge für die Aufführung von Stadt als urbanes Spektakel sollte ebenso abgelöst werden, wie die von der Moderne eingeführte, rationale Leseart und Planung von Stadt. Das wohl bekannteste literarische Werk der S.I., Debords „Die Gesellschaft des Spektakels“, ist daher zugleich eine radikale Abrechnung mit dem Kapitalismus und dem Ostblock-Sozialismus, wie bei Sadler nachzulesen ist.
New Babylon, zwischen Malerei und Architektur

Jean Nouvel wollte ursprünglich eigentlich Künstler werden und wechselte dann in die Architektur. Constant blieb Künstler, bewegte sich mit seinen Arbeiten jedoch zwischen den beiden Disziplinen Malerei und Architektur. Sein Werke verstanden sich explizit auch als Kritik an der Stadt der 1960er Jahren: „Die Krise im Städtebau spitzt sich zu“, lautet sein erster Satz im Aufsatz „Une autre ville pour une autre vie“ (I.S. nr. 3 1959, Seite 37-41). Seine Antwort auf die angebliche Krise war eine neue visionäre, weltweite Stadt-Utopie, dargestellt in einer Serie von Werken, die er ab 1960 New Babylon nannte. Innerhalb der S.I. stiess die Arbeit jedoch auf Kritik. So kam es zum Bruch, noch bevor 1972 die ganze Gruppe ihre Selbstauflösung bekannt gab.
Die Collage of Sector Models, eine von zahlreichen, grossformatigen Zeichnungen und Modellen zu New Babylon hat Constant zwischen 1956 und 1974 und somit anfänglich noch als Mitglied der (S.I.) produziert. Ausgehend von der situationistisch geprägten Kritik an der kapitalistischen Konsumentenstadt sollte New Babylon im kollektiven Besitz und vollständig automatisiert sein. Die Bewohner/innen sollten die spielerische Freiheit haben, ihre Kreativität im Alltag auszuleben, wie das MOMA in der Bildlegende Collage of Sector Models zusammenfasst. Die panoramartige Abbildung vermittelt gut, wie sich Constant sein New Babylon als ein ausgedehntes System aus verschiedenen Strukturen vorstellte, konkret: als eine sich ständig entwickelnde Rekonfiguration von beweglichen, mehrfach verwendbaren Montagesystemen aus Wänden, Böden, Terminals und Brücken; leicht und zu transportieren, zu errichten und zu wieder zu demontieren.
politische Idee und architektonische Umsetzung vgl. gemäss Beck und seine Definition von Utopie.
Landschaftlicher Urbanismus als Design-Strategie
vgl. Marot
Der gelbe Sektor
Gelbe Farbe ist Ausdruck für die spielerische Atmosphäre, welche die kleine Insel prädestiniert für eine Nutzung als Aufführungsort. Die Leichtigkeit der Konstruktion kommt in der minimalen statische Unterstützung, eine flexible Benutzung und Handhabung der verschiedenen Bereiche und der Unterdrückung von Volumen zum Ausdruck. Die Metallkonsrtuktion kann als Basis betrachtet werden für ein Arrangement von austauschbaren demontierbaren Elementen und Möblierungen, die eine permanente Variation der Umgebung favorisieren. Der Rahmen des Arrangements:
Verführerische Bildlogistik
Der Architekt benötige seine eigene Logistik, liess Jean Nouvel schon zu einer Zeit verlauten, als tatsächlich noch in den Sternen stand, ob sein Entwurf für Luzern je einmal demokratisch mehrheitsfähig und überhaupt gebaut werden konnte. Die Geschichte wurde bekanntlich zum Erfolg. Das KKL sogar mit dem Design Preis Schweiz ausgezeichnet, weil es die Protagonisten von der Planung bis zum Bau schafften, eine integrierte Meisterleistung in Sachen Prozessführung, Management, Werktreue und erfolgreicher politischer Kommunikation hinzulegen.
Die Perspective zum KKL Vorprojekt war im Vorfeld der entscheidenden und erfolgreichen Abstimmung vom Juni 1994 über den Baukredit weit mehr als nur eine Projektdarstellung: In der Bildpolitik stellte sie ein zentrales Kommunikationsmittel dar. Das Rendering erzählte emblematisch davon, was am Europaplatz über die Geschichte und die Zukunft der Stadt Luzern zu lesen war, wie an anderer Stelle bereits aufgeführt wurde (der Autor: Bilderstrategie, in: werk, bauen + wohnen 9/1998, S. 30-32) . Was auf den ersten Blick als unscharfes, beinahe lieblich anmutendes Landschaftsbild erschien, zeigt sich bei näherer Betrachtung als ein mit strategischem Kalkül ausgearbeitetes Narrativ für eine Vision, die, als Bildprojekt und Bildmaschine eingesetzt, eine Mehrheit der Bevölkerung überzeugte.
1993 vom Pariser Gestalter Vincent Lafont im Auftrag von JNEC (Jean Nouvel et Emmanuel Cattani) angefertigt, öffnet die Perspektive den Blick für ein offenes und zugleich sehr spezifisches Zusammenspiel von Stadt, Landschaft und Gebäude an einem ganz bestimmten Ort, zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt. Der Bildaufbau und die Symbolik vermitteln in den Augen der Betrachtenden eine neue, bisher unbekannte Vorstellung der Stadt Luzern am Europaplatz: die Stadt der Zukunft als kulturelle Landschaft. Die gesellschaftliche und standortpolitische Idee, die das Unternehmen tragen sollen, sind in das Ambiente der voralpinen Stadtlandschaft am See eingebettet. Vom Standpunkt eines Kursschiffs aus wird dem Betrachter ein gleichzeitig seit dem 19. Jahrhundert bekannter und ein neuer Blick auf den See und in die Berge zugewiesen. Mit strategischer Schärfe verbindet die Bildlogistik das von den Hotel- und Quaianlagen aus eingeübte, historische Landschaftsbild mit dem radikal neuen Stück Stadt, das an die bestehende Stadt mit dem Bahnhof anschliesst. Mit der selbstverliebten, barocke Tourismusstadt im Visier haben die Gestalter die Blicke einer politischen Mehrheit regelrecht verführt. Nouvels Strategie der „inclusion“ (Arbeitstitel im Projekt) wurde zur erfolgreichen, politisch mehrheitstauglichen Aufführung. Lanciert wurde sie am 27. Juli 1993 in der NZZ.

Quasi als Vorspann zu dieser Aufführung wurde bereits im Januar 1993 wurde anlässlich einer Pressekonferenz eine grobe Skizze des neuen Konzepts der Öffentlichkeit präsentiert. Ohne den „Konzertdampfer“, mit dem Nouvel im Wettwerb den 1. Rang nicht aber den ersten Preis gewonnen hatte, zeigt die Strichzeichnung nun drei Baukörpern unter einem gemeinsamen Dach. Die städtebauliche Situation am Europaplatz wird gelöst, in dem das ganze KKL sinnbildlich in den See gesetzt wird. Noch weitgehend unbestimmt ist in der Darstellung das architektonische Gesicht des Neubaus. Die Perspektive ist so gewählt, dass der neue Konzertsaal bildnerisch im Zentrum steht.
Architecture Principe als Link
Von Historikern, Theoretikern und Architekten wird New Babylon heute als Beitrag an die Architektur und Planungstheorie der Nachkriegszeit wahrgenommen. In seinem viel beachteten Beitrag „Constant’s New Babylon: The Hyper Architecture of Desire“ (010, 1998) zeigt Marc Wrigley die Wirkung von Constant’s Werk auf die Avantgarde der Architektur auf. Dem Philosophen und Architekten Paul Virilio weist er dabei eine zentrale Vermittlerrolle zu: Architekten, die ihren eigenen Bezug zum virtuellen Raum mit den Schriften von Virilio verbinden würden, so Wrigley, dürften nicht vergessen, dass Architecture Principe und Constant’s Werk sich historisch sehr nahe stünden. „Constant was a key reference point when Virilio and Parent formed the Architecture Principe office in 1963“ (p. 66).
Dadurch lässt sich eine frühere Verknüpfung zwischen Constant’s Werk und Jean Nouvel’s Arbeit in Luzern herstellen als die Ausstellung der S.I. im Pompidou Ende der 1980er Jahre. In der Biographie des Pariser Architekten, die Oliver Boissière 19 .. publiziert hat, lässt sich nachlesen, dass zur Zeit, als Collage of Sector Models (wohl um 1969) entstanden ist, der junge Beaux-Arts-Absolvent Nouvel bei den Architekten Claude Parent und Paul Virilio seine ersten Praxiserfahrungen sammelte, also just bevor er 1970 sein eigenes Büro gegründete. Virilio und Parent hatten bereits ein paar Jahre zuvor, 1963, die Gruppe Architecture Principe gegründet.
Wer bei Wrigley nachliest, wie Paul Virilio zu Constant zitiert wird, kann daher eigentlich nur zustimmen: Jean Nouvel Lehrmeister waren an Constant’s Werk New Babylon mehr als nur interessiert. Sie lasen und kannten die situationistischen Ideen, und sie waren mit der (radikalen) psychogeografischen Lesart der Stadt bzw. der Idee des urban dérive bestens vertraut.
Die Stadt als Ambiente
Mit dem Wissen um den Hintergrund ihrer Entstehung lassen sich in den beiden Darstellungen neben strukturellen auch inhaltliche Ähnlichkeiten, durchaus verwandte Motive erkennen. Die Sektors in New Babylon sind eine Abstraktion für die psychogeografische Lesart der bestehenden Stadt: Hatten das Vergnügen von sublimen Erlebnissen im Blick , dem Prinzip der Desorientierung folgend, ähnlich einem Labyrinth: „Some corridors within New Babylon would even have lenses instead of windows to increase panoptical (von überall einsehbar) qualities of the views over other sectors, in old cities, across streets and water“ p. 143/44
Räume sind temporär, keine Landwmark, zeit ist wertlos, , intensification and disruption of nature’s cycles p 145.
virtuelle Architektur, entmaterialisiert, Ambiente
Radikale Kritik hier, dreckiger Realismus dort
Die utopische Stadt von Constant liebt in einem Land, das es nicht gibt. Die Abbildung ist eine künstlerische. Die Perspektive zum KKL ist ein Mittel in der politischen Bildpolitik für einen realen Ort. Radikale künstlerische Kritik hier, dreckiger Realismus dort. Radikale Kritik an der Stadt des Spektakels hier, radikale Lust an der architektonischen Verführung dort. Constant hat den Tourismus kritisiert „les loisirs sonst commercialisée et dénaturés par le tourisme“. Jean Nouvel hat ihm mit dem KKL eine neue Landebahn gebaut. Hier das Werk eines Künstlers, der sich architektonischer Bildsprache bedient, dort der Architekt, der eigentlich lieber Künstler geworden wäre, sich aber künstlerischer Bilderstrategien bedient.
New Babylon erhielt große Aufmerksamkeit, weil Constant damit eine moderne Gegenwelt zu den rationalen Stadtkonzepten von Le Corbusier schuf. Jean Nouvel ging bei Claude Parent, dem „anti-corbusierschen Rebell“ (Bossière) in die Lehre. Auch wenn wenn Jean Nouvel deutlich gemacht hat (wie Boissère schreibt), dass er sich von seinen ehemaligen Lehrmeistern unterscheidet. Radikalität in der Leseart von Stadt und im Entwurf von architektonischen Lösungen wie das KKL in Luzern, ist Jean Nouvel nicht abzusprechen, einem, der nach dem Prinzip entwirft, wonach das Wesen der Architektur darin besteht, dass sie über ihre eigenen Grenzen hinausgeht. 1966 entwarfen Virilio und Parent die Kirche Saint-Bernadette-du-Banlay in Nevers, das später gebaute Manifest von Architecture Principe. Auch von Nevers aus, lässt sich eine tragfähige, programmatische Brücke zur Architektur des Konzertsaals im KKL Luzern schlagen. Radikal ist dabei nicht die 1:1 ablesbare, architektonische Form, sondern sind die verinnerlichte Taktik, die profunde (psychogeografische) Lesart eines Programms in einem vorgefundenen Kontext, letztlich die Logistik einer Architektur, die als öffentliche Erzählung gleichzeitig radikal und mehrheitsfähig ist.
Damit kann jedoch noch immer kein direktes Band zwischen Jean Nouvel und Constant, zwischen einem Stück Malerei aus den 1960er und einem architektonischen Bildprojekt aus den 1990er Jahren gespannt werden. In der Struktur für das KKL in Luzern lässt sich dank der formalen Bildverwandtschaften und den inhärenten gemeinsamen Themen jedoch mindestens die Möglichkeit einer nicht zufälligen Nähe zwischen der malerischen Stadt-Utopie des Künstlers und der visionären Entwurfsstrategie für Luzern erkennen. Und es ist zulässig, die These aufrecht zu erhalten, dass die Verwandtschaft dadurch entstanden ist, dass Jean Nouvel in seinen Lehrjahren Ende der 1960er Jahre Constant’s New Babylon zumindest begegnet sein muss.
Dreckiger Realismus statt radikaler Utopie
Für mehr Klarheit müsste man die direkt daran Beteiligten befragen. Zusätzlich zu den Lehrmeistern von Jean Nouvel könnte Jean Baudrillard ebenfalls eine Vermittlerrolle spielen.
Ein Fan der Situationsisten
Im Interview zwischen dem Philosophen und dem Architekten, der lieber Maler oder Bildhauer geworden, wäre der tauchen Themen auf die eine gewisse Verwndtashcft aufzeigen: Gemeinsame Themen; Struktur der neuen Stadt , das Spektakel, das Bild als Medium, Radikalität
und dirty realism
Gar eine freche Spielerei wäre es, Constant’s Bildausschnitt durch Nouvels Perspektive zu ersetzen. Die radikale Stadt-Utopie New Babylon würde sich dann in ein Panorama verwandeln, das sich am linken Bildrand in dreckigen Realismus auflöst.
Bilddarstellung Projekt 1