KKL (1): Die Vision ist erwachsen

Heute vor genau 20 Jahren, am 12. Juni 1994, hat Luzern an der Urne dem Bau des «Kultur- und Kongresshauses am See» zugestimmt. Jean Nouvel verpackte im Vorfeld die Antwort auf die für das Vorhaben KKL existenzielle Frage „Welche Stadt wollen wir?“ mit strategischem Kalkül in eine offene Erzählung über die Geschichte und die Zukunft am Europaplatz. Interpretiert als Bildprojekt eines gelungenen urbanistischen Bocksprungs fasziniert und verunsichert die damals wichtigste Projektdarstellung, ein Landschaftsbild, bis heute. So lautet die Annahme. Stadtfragen geht deshalb in loser Folge der Frage nach, wieso das so ist, und welche Folgen sich daraus für die Stadtentwicklung ableiten lassen.

Bild: Archiv Stadtfragen (© JNEC, Vincent Lafont, Trägerstiftung Kultur- und Kongresszentrum am See, Luzern)

(…) La „nouvelle“ maison est à la fois paisible et animée. Elle s’incrit dejà comme l’évenement-symbole d’un nouveau chapitre de l’histoire de Lucerne“  Jean Nouvel, Juli 1993

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sta. Insgesamt viermal stimmte das Luzerner Stimmvolk bis zur Eröffnung 1998 über das KKL am Europaplatz ab. Die entscheidende Hürde nahm das „Kultur und Kongresshaus am See“, wie das Projekt damals hiess, vor genau 20 Jahren: Am 12. Juni 1994, nur ein paar Wochen nach der Feier zum Wiederaufbau der Kapellbrücke, stimmten 65,76 Prozent der Stimmberechtigten dem städtischen Baukredit in der Höhe von 94 Mio. Franken zu. Im gleichen Urnengang schickte die politische Schweiz die Blauhelmvorlage, den Kulturartikel und die erleichterte Einbürgerung von jungen Ausländern bachab. Luzern war zurecht stolz auf sich: „NEIN. NEIN. NEIN“ und „Luzern glaubt an sich“, titelte die lokale Tageszeitung gleichzeitig. Der Erfolg der Vision KKL an der Urne wurde politisch als Bestätigung für eine in den Jahren zuvor ausgehandelte Kulturpolitik interpretiert. Das „JA“ drückte in einer Zahl aus, dass das Vorprojekt des Pariser Architekten Jean Nouvel im äthetischen Urteil der Bevölkerung eine Mehrheit gefunden hatte. Gar von einer „architektonischen Absolution für den Star aus Paris“ schrieb die Lokalzeitung euphorisch.

Erfolgreiche Aufführung

Bei so viel Segen für zeitgemässe Architektur in der Öffentlichkeit einer Kleinstadt wie Luzern sind neben Begeisterung auch kritische Zweifel angebracht: Hat sich 1994 tatsächlich eine Mehrheit der Bevölkerung für eine international beachtete, zeitgemässe Architektur eines ausländischen Architekten ausgesprochen? Notabene für einen, der die Wirkung moderner Architektur in der Öffentlichkeit aufgrund ihrer inhärenten Radikalität immer als (Zitat) „Schock“ bezeichnet? Aus heutiger Sicht scheint diese Diagnose noch unwahrscheinlicher zu sein als damals, zur Zeit der Abstimmung, denn: Luzern fühlte wohl 1994 bereits die Sogkraft des nahenden Jahrtausendwechsels und zeigte sich gegenüber prägenden Ereignissen und Veränderung deshalb offener als gewöhnlich. Trotzdem: Näher an die damalige und heutige Realität im barock-selbstverliebten Luzern kommt die Annahme, dass den Protagonisten 1994, auf dem Hintergrund einer Vision in Aktion, letztlich nicht weniger gelungen ist, als der dramaturgische Höhepunkt in einer über Jahre bemerkenswert stimmigen Aufführung zu einem politisch, wirtschaftlich und kulturell notwendigen Wandel. Aufgeführt und legitimiert wurde damit auch ein für die Stadt wegweisender urbanistischer Bocksprung, der mit Hilfe von Jean Nouvels Architektur bis 1998 bzw. 2000 Form und Material werden sollte. Mit dem positiven Ereignis am 12. Juni 1994 war (bewusst oder unbewusst) klar geworden, dass – vis-a-vis der Seestadt aus dem 19. Jahrhundert mit ihren stilbildenden Hotels und Quaianlagen – eine Stadtlandschaft für das 21. Jahrhundert entsteht.

Eindrückliche Konsistenz

Stimmt die hier gemachte Annahme, dass vor 20 Jahren an der Urne hauptsächlich eine Aufführung der Vision KKL gelungen ist, dann wurde an der Urne zwar über einen Baukredit und damit über ein Haus am Europaplatz mit unterschiedlichen Nutzungen unter einem gemeinsamen Dach abgestimmt; nicht aber über die Inhalte, das Wesen der Architektur von Jean Nouvel. Gegenstand der Abstimmung war ein „JA“ zu einer kooperativ erarbeiteten Vorstellung über die Zukunft der Kulturstadt und des Tourismusstandorts Luzern. Zum Glück. Nicht auszudenken ist, wohin wohl die Reise einer breit ausgelegten, öffentlichen Haushaltdiskussion über die Mittel und den Ausdruck von Jean Nouvels Architektur – über ein mehr als 40 Meter auskragendes Vordach – geführt hätte!

Mit Recht lebt die Reputation der Erfolgsgeschichte KKL deshalb von der Faszination darüber, wie konsistent, zielgerichtet und werktreu die „Chance für Luzern“ im kooperativen Prozess von der Idee bis zur Eröffnung verhandelt, vermittelt und letztlich öffentlich kommuniziert wurde. Performativer Städtebau at its best frohlockt am Ende des Tages der Kritiker! Mit welchen Mitteln der Vermittlung und Überzeugung das „JA“ zustande kam, daran erinnert bis heute die im Vorfeld der Abstimmung vom Juni 1994 wohl wichtigste Projektdarstellung (Titelbild). Das Rendering zum Vorprojekt erzählt emblematisch davon, was am Europaplatz über die Geschichte und die Zukunft der Stadt Luzern zu lesen ist. Was auf den ersten Blick als unscharfes, beinahe lieblich anmutendes Landschaftsbild erscheint, zeigt sich bei näherer Betrachtung als ein mit strategischem Kalkül ausgearbeitetes Bildprojekt, als eine Erfindung und Bildmaschine: Mit Hilfe der Darstellung, die vom Pariser Gestalter Vincent Lafont 1993 im Auftrag von JNEC (Jean Nouvel et Emmanuel Cattani) erstellt wurde, gelang es, den Blick für ein zugleich offenes und spezifisches Zusammenspiel von Stadt, Landschaft und Gebäude an einem ganz bestimmten Ort, zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt zu öffnen. Die dabei verwendete Bildlogik und Symbolik  man könnte sagen: die mit dem Entwurf des Architekten hergestellte, neue integrative Realität in den Augen der Betrachtenden  hat Jean Nouvel in seinem original Untertitel vom Juli 1993 in seinen eigenen Worten so beschrieben:

Sérénité du lac, grandeur du paysage, à ses confins bâtir un nouveau signe de civilisation, un témoignage de la foi en son avenir, un lieu où se mettent en scène ses activités et sa vie culturelle. La „nouvelle“ maison est à la fois paisible et animée. Elle s’incrit dejà comme l’évenement-symbole d’un nouveau chapitre de l’histoire de Lucerne“.

Die Abbildung wurde am  27. Juli 1993 erstmals veröffentlicht – wahrscheinlich nicht ganz zufällig exklusiv in der NZZ. Einen Monat später fand die Pressekonferenz zum Vorprojekt Kultur- und Kongresshaus Luzern statt, über das heute genau vor 20 Jahren erfolgreich an der Urne abgestimmt wurde, deshalb: Happy Birthday Vision KKL!


Fortsetzung: Worüber reden wir eigentlich, wenn wir am Europaplatz von der „Stadt“ sprechen?