Die Künstler- und Architektengruppe Architecture Principe um den Architekten Claude Parent führte als Kritik an der Moderne zwei neue programmatische Sinnfelder ein: die Schräge und der aufgebrochene Monolith. Die Gruppe löste sich 1968 wieder auf. Claude Parents Publikation Vivre à l’oblique erschien 1970 und wurde 2023 zum 100. Geburtstag Parents neu aufgelegt.
Bildlegende, von links oben nach rechts unten: Buchcover zum Reprint der Publikation Claude Parent, vivre à l’oblique (2023); ebenda: Skizze, Seite 26; Saint Bernadette in Nevers, aus: Nevers, HYX, 2010; Jean Nouvel, Skizze zum KKL Luzern; Claude Parent, ebenda. Seiten 64 (Projekt für Venedig) und 69 (Kritik an der vertikalen Wohnmaschine).
Das 84 Seiten umfassende Manifest ist auch im Hinblick auf Jean Nouvels KKL in Luzern lesenswert. Ab 1967 arbeitete er in Parents Atelier. Für das KKL Luzern ist diese Verbindung aufschlussreich – allerdings eher als Weiterentwicklung Parents, denn als direkte Anwendung seiner schrägen Böden. Hinweise auf die Weiterentwicklung der Beschäftigung mit dem Monolithen gibt der Besuch der Kirche Sainte-Bernadette in Nevers F. (Paul Virilio und Claude Parent): Konstruktion, Material und Erscheinung bleiben eng miteinander verbunden: roher Beton, Masse, Bunker, Fels. In KKL folg die monolithische Form des Konzertsaals zwar einer ebenso radikalen Raumidee. Sie wird jedoch sanft eingebettet in eine bestehende, historisch aufgeladene Landschaft.
Was den Reprint der Publikation zu Parents Skizzen wertvoll macht, sind die Abbildungen. Claude Parent macht im Manifest Vivre à l’oblique mit dicken schwarzen Strichen aus Architektur eine räumliche Bewegung, aus einem starren Objekt eine Landschaft. Jean Nouvel übernimmt im Konzertsaal das Motiv der Schräge 1:1. Wichtiger scheint jedoch eher die Wirkung der Architektur, die dadurch entsteht: wechselnde Bewegungen und Wahrnehmungen, Übergänge und die Auflösung fester Grenzen. Man könnte behaupten, dass aus Parents programmatischem «vivre à l’oblique» bei Nouvel in Luzern die viel zitierte «Inclusion» wurde: Der ebenso radikale Einschluss einer bewegten Kulturmaschine in die bestehende Kulturlandschaft.