Stadtfragen bietet im Hinblick auf die Wahlen in den Gemeinderat von Visp jeder Partei einen Platz für ein Interview an. Die Reihenfolge der Beiträge ist zufällig.
Dominic Kummer ist 39 Jahre alt, in Visp aufgewachsen und lebt mit Kind und Partnerin in Visp West. Er studierte in Bern organische Chemie und promovierte am Inselspital in Biomedizin. Seit zehn Jahren arbeitet er in der Lonza, seit sieben Jahren als Leiter einer Qualitätskontrolleinheit mit insgesamt 60 Mitarbeitenden.
Seine Hauptstärke, die er in den neuen Gemeinderat einbringen kann, ist Leadershiperfahrung. Werte wie Ehrlichkeit, Bodenständigkeit, Respekt, Vertrauen und Inklusion sind ihm ein Anliegen sowie die Gleichstellung von Mann und Frau.
Die Vielfalt, die durch die Fusion entsteht, kann unsere grösste Stärke werden, Dominic Kummer
Thomas Stadelmann: Welche Politikerinnen und Politiker haben für dich Vorbildcharakter?
Dominic Kummer: International finde ich Barack Obama vorbildlich, vor allem rhetorisch und inhaltlich eine besonders starke Persönlichkeit. In der Schweiz verfolge ich die Personalien nicht im Detail. Samira Marti, Nationalrätin aus Basel, fällt mir positiv auf.
Wann hast du vom jetzigen Gemeinderat zuletzt ein Eingeständnis von Fehlern erlebt?
(Anm: Dominic Kummer verzichtet auf eine Antwort)
Du hast dich selbst bei der SP als Kandidat für den Gemeinderat beworben. Mit welchen Argumenten?
Zunächst habe ich gelernt, dass eine aktive Bewerbung für eine Kandidatur eher die Ausnahme ist. Trotzdem: Ich habe meinen Einsatz für Transparenz und meine Zuverlässigkeit und Authentizität als Hauptargumente eingebracht. Als Kandidat zeichnet mich zudem der respektvolle und empathische Umgang mit Menschen auf Augenhöhe aus, kurz: Ich mache keine leeren Versprechungen und möchte an meinen Handlungen gemessen werden. Als Gemeinderat würde ich nicht für mich selbst sondern für die Gemeinschaft einsetzen. Eine Wahl verpflichtet dazu, etwas zu bewirken.
Auf dem Wahlplakat der SP/Grünen stehst du am linken äußeren Flügel. Zufall oder eine bewusste Botschaft?
Ich war nicht an der Gestaltung der Plakate beteiligt. Der Grund für meine Position ist einfach: Ich bin als letzter Kandidat auf die Liste gekommen und fühle mich dort wohl, obwohl ich politisch nicht am linken Rand der Linken politisiere.
Du leitest in der Lonza ein Team mit 60 Mitarbeitenden. Das klingt nach Verantwortung, Termindruck und Überstunden. Woher nimmst du die Zeit für ein Gemeinderatsmandat?
Mir wurde erklärt, dass das Mandat 20 bis 30 Prozent an Arbeitszeit beanspruchen würde. Ich arbeite aktuell 90 Prozent an vier Tagen und habe einen Papatag. Mein Sohn kommt nächstes Jahr in die Primarschule. Mit meiner Partnerin habe ich besprochen, wie wir das Familienleben zusammen mit der Aufgabe im Gemeinderat vereinbaren könnten.
Sprechen wir über deine Vorstellung von der Arbeit im Gemeinderat. Was bringst du ein, was andere nicht bieten können?
Demokratie ist oft langsam und von Blockaden geprägt. Ein guter Tag wäre einer, an dem ich beitragen kann, dass Kompromisse gefunden und Entscheidungen getroffen werden, sodass es vorwärts geht. Damit das gelingt, bringe ich vor allem Führungskompetenzen und ein solides Konfliktmanagement mit ein.
Leadership, verstanden als vertrauensbasierter Führungsstil, mag in einem Industrieumfeld funktionieren. Wie stellst du dir das in einem politisch bunt zusammengesetzten Rat vor?
Wichtig wäre, Stärken, Präferenzen und Erfahrungen der Beteiligten zu erkennen und möglichst effizient für gute Lösungen einzusetzen. Entsprechend sollten auch die Ressorts verteilt werden.
Zusätzlich würde ich mir ein klares Erwartungsmanagement wünschen. Als Gemeinderat hat man eine Bringschuld gegenüber der ganzen Bevölkerung – auch gegenüber jenen, die einen nicht gewählt haben. Das verlangt Seriosität und manchmal auch die Bereitschaft, inhaltlich ins kalte Wasser zu springen.
Das klingt nach einem grundsätzlichen Kulturwechsel. Welche Themen sind für das Gelingen besonders kritisch?
Als politischer Neuling würde ich zunächst mit Demut und Loyalität starten und von den erfahrenen Ratsmitgliedern/innen lernen. Gleichzeitig würde ich kritische Fragen einbringen: Wie wollen wir auftreten? Welche Politik wollen wir machen? Und wie binden wir die Bevölkerung ein?
Du hast neben Leadership noch Konfliktmanagement als Führungsaufgabe genannt. Was verstehst du darunter genau?
Als Wissenschaftler setzte ich im Alltag auf ein Modell, das darstellt, wie stark ich gleichzeitig mein eigenes Ziel durchsetzen will und doch den Bedürfnissen des Gegenübers möglichst entgegenkommen kann. Konfliktsituationen stehen für das Zusammenspiel von Durchsetzung, Empathie und Offenheit. Das gilt für die Industrie ebenso wie für die politische Debatte.
Ich bin stolz darauf, Walliser zu sein (…) ist eine komplette Falschaussage, weil man auf nichts stolz sein kann, für das man selbst nichts gemacht hat. Dominic Kummer
Und weshalb suchst du, zusätzlich zu deinem Hauptberuf, noch den Schritt in die Politik?
Ich bin in Visp aufgewachsen und habe in vielerlei Hinsicht von dem grossartigen Umfeld profitiert. Daher möchte ich der Gesellschaft etwas zurückgeben.
Was willst du zurückgeben?
Es gibt viele Leute, die sagen, ich bin stolz darauf, Walliser zu sein oder aus einem bestimmten Land zu kommen. Für mich sind das persönliche Meinungen, die vor allem polarisieren: In meinen Augen handelt es ich sogar um komplette Falschaussagen, weil man auf nichts stolz sein kann, für das man nichts gemacht hat. In der Schweiz oder im Wallis geboren zu sein, ist reine Glückssache. Mein persönlicher Grund, in die Politik zu gehen, hat damit zu tun, dass ich weiteren Generationen ermöglichen möchte, ebenso wie ich, von den Möglichkeiten im Wallis und in der Schweiz zu profitieren.
Zudem beschäftigen mich die zunehmenden, lokalen und geopolitischen Entwicklungen. Auch bei Lonza erlebe ich, wie viele Menschen unter grossem Druck stehen. Beruflich habe ich gelernt: Wenn man etwas nicht beeinflussen kann, kann man den Umstand entweder akzeptieren, die Situation verlassen (z.B. via Kündigung) oder versuchen, seinen Einflusskreis zu erweitern, um mehr mitzubestimmen. Im Privaten hingegen sind die beiden ersten Varianten keine valablen Optionen und daher bleibt nur der Weg, selbst politisch aktiv zu werden. Die Gemeinderatswahl ist für mich ein erster Schritt, politische Erfahrung zu sammeln und Verantwortung zu übernehmen.
Und gab es ein ausschlaggebendes Ereignis, weshalb du dich gemeldet hast?
Nein. Aber ich verfolge das politische Geschehen schon seit zwei Jahren intensiver. Mich beunruhigen manipulative und plakative Politikstile und vor allem der Umgang mit Fakten. Als Wissenschafter irritiert mich, wenn wissenschaftliche Evidenz in Debatten einfach missachtet wird – auch bei Themen wie dem Klimawandel. Ich wünsche mir deshalb mehr faktenbasierte Auseinandersetzungen über augenscheinliche, deutliche Sachverhalte, anstelle von aufbereiteten Statistiken, die zur eigenen Meinung passen.
Werden wir konkret: Welches politische Thema ist dir besonders wichtig?
Die Gleichstellung von Mann und Frau, so wie es auf meiner Wahlkarte steht.
Das ist kein aufregendes Thema für einen Jungpolitiker, der in den Gemeinderat Visp will – doch eher ein alter Zopf?
Wenn dem so wäre, hätten wir ja bereits Gleichstellung, und das Ziel wäre erreicht. Das Patriarchat hat immer noch eine hohe Präsenz, Ungleichheiten bestehen weiter, etwa bei den Löhnen. Von häuslicher Gewalt betroffene Personen sind gemäss Bundesamt für Statistik 70% Frauen. Ich verstehe auch nicht, warum Männer das Gefühl haben, durch Gleichstellung etwas zu verlieren. Da hilft nur, Ängste abzubauen und zu zeigen, dass patriarchale Strukturen Männern sogar schaden können.
Wie genau sollen patriarchale Strukturen uns schaden? Wir haben sie ja selber erfunden?
Ich bin zum Beispiel ein Mensch, der seine Emotionen zeigt. In jungen Jahren wurde mir gesagt, dies sei eine unmännliche Eigenschaft. Heute sehe ich darin eine persönliche Stärke, weil Offenheit Vertrauen schafft. Das erklärt vielleicht auch meine politischen Ziele besser: Ehrlichkeit, Bodenständigkeit, Respekt, Vertrauen und Inklusion.
Ist das Thema Gleichstellung im Wallis schwieriger zu thematisieren als in Bern?
Ja. Städte sind da tendenziell liberaler, ländliche und Bergregionen konservativer. Ich wurde im Wallis konservativ erzogen. Studium und Begegnungen mit Menschen aus anderen Ländern haben meine Grundhaltung jedoch verändert. Solche Erfahrungen weiterzugeben, kann helfen, auch im Wallis die Vorurteile gegenüber dem Thema Gleichstellung oder generell gegenüber Fremdem abzubauen.
Wie lassen sich die offensichtlich vorhandenen Spannungen zwischen Einheimischen und Ausländer/innen abbauen?
Ich kann darauf nur aufgrund meiner persönlichen Erfahrung antworten: Eine gemeinsame Sprache zu sprechen, ist zentral. Lonza unterstützt Deutschkurse, was ich sehr wichtig für die Integration finde. Wer in ein anderes Land geht, sollte die Sprache lernen und die Kultur respektieren. Integration funktioniert für mich daher in beide Richtungen: Es braucht Offenheit der Einheimischen und die Bereitschaft der Zugezogenen, sich auf Sprache und Umfeld einzulassen. Zudem sind und bleiben für mich Vereine der besten Wege – neben dem Arbeitsplatz – um in Visp Anschluss zu finden.
Zum Schluss noch Fragen zur Fusion von Visp mit Eggerberg und Baltschieder: Wem gehört die Stadt Visp ab 1. Januar 2027?
Generell denen, die darin wohnen. Gleichzeitig gehört Visp auch allen Beschäftigten und Gästen – also allen Menschen, die hier arbeiten oder uns besuchen, aber anderswo wohnen.
Wenn dem heute so wäre, würde die politische Mitbestimmung anders aussehen.
Bei der formellen Mitbestimmung gelten weiterhin die gesetzlichen Regeln. Was die informellen, bzw. freiwilligen Formen der Mitwirkung angeht, dazu fehlt mir noch die Erfahrung. Ich möchte aber, dass Bürgerinnen und Bürger stärker einbezogen werden und nicht nur der Gemeinderat entscheidet. Ideen aus der Bevölkerung könnten auf Machbarkeit geprüft und umsetzbare Projekte anschliessend priorisiert werden. Transparenz ist entscheidend. Beim Sägematte-Projekt wurden die Leute aus meiner Sicht nicht gut mitgenommen. Ich habe selbst erst kurz vor der Abstimmung davon erfahren.
Welche Qualitäten soll Visp – zehn Jahre Jahre nach der Fusion – auszeichnen?
Die Vielfalt, die durch die Fusion entsteht, kann unsere grösste Stärke werden. Es gibt in Visp 2035 ein städtischeres Zentrum, gleichzeitig findet das dörfliche Leben in den umliegenden quartieren statt, teilweise haben sie den Charakter einer Berggemeinde. Dazu kommen starke Vereine und eine lebendige Kultur. Mit anderen Worten: Wir müssen uns nicht zwischen Bergdorf, Stadt und etwas Drittem entscheiden. Gerade die unterschiedlichen Facetten und die Auswahlmöglichkeiten, die mit der Fusion entstehen, können die neue Gemeinde oder Stadt Visp noch attraktiver und lebenswerter machen.
Soll dem Gemeinderat ein oder eine Stadtpräsident/n bzw. ein oder eine Gemeindepräsident/in vorstehen?
Gemeindepräsident/in passt unmittelbar nach der Fusion besser. Zuerst müssen wir als Gemeinschaft zusammenwachsen. Wenn sich die Bevölkerung später eher als Stadt versteht, kann man den Titel immer noch ändern. Entscheidend ist, dass ab 1. Januar 2027 alle Ortsteil politisch und bei Investitionen gleichermassen eingebunden werden.
Welche Rolle hat der Gemeinderat beim Zusammenwachsen von Visp, Eggerberg und Baltschieder?
Itegration: Gemeindeversammlungen und andere Anlässe könnten rotierend in den verschiedenen Ortsteilen stattfinden. Die Mitsprache sollte gestärkt werden, z.B. durch die Zusammensetzung der Mitglieder in den Kommissionen. Kluge Projekte: Wieso kann es ab 2027 nicht ein Budget geben, das Jugendliche selbstorganisiert für Projekte einsetzen können? Generell habe ich den Eindruck, dass der Gemeinderat transparenter kommunizieren und Entscheidungen besser erklären sollte. Ich befürworte zudem den Vorschlag, über einen Generalrat nachzudenken.
Aufgezeichnet im September 2026