Firmenarchitektur by Würth: Gebaut wird, was dem Chef gefällt

Im Bild: Prof.Dr.h.c.mult. Reinhold Würth

Der Würth-Konzern hat es von der Zwei-Mann-Schraubenhandlung zum Weltkonzern geschafft und in Rorschach die Architektur für einen neuen Firmensitz bestellt. Für den Ort ist dies eine kleine Sensation. Gigon/Guyer haben den Wettbewerb gewonnen. Der CEO ist von der Umsetzung überzeugt.

Die Architektur, die Nähe zu Kunst und Kultur haben in der Firma lange Tradition. Dem Engagement von Würth eilt zudem der Ruf voraus, dass  gebaut wird, was dem Chef Reinhold Würth gefällt. Wer genauer hinsieht, sieht mehr: Die Firmenphilosophie eines Industrieunternehmens, die so bestellt und stilisiert wird, dass sie gezielt lokale Räume, Märkte (Kunden) und öffentliche Beziehungen aneignet. Der Entwurf von Gigon/Guyer für den neuen Firmensitz in Rorschach am Bodensee ist eine Meisterleistung im Umgang mit der Entwurfs-Vorgabe, eine „angemessene Selbstdarstellung“ für Würth zu entwerfen. Chipperfield; Libeskind; Krischanitz; Meili, Peter; Baumschlager, Eberle und KCAP haben u.a auch am Studienauftrag teilgenommen, nachzulesen in: Schweiztaugliche Firmenarchitektur, werk, bauen+wohnen, Nr. 11/09.

Das Büro für Stadtfragen hat Michel Kern, CEO Würth International AG zum privaten Studienauftrag für den neuen Firmensitz in Rorschach befragt:

Herr Kern: Gebaut wird bei Würth, was dem Chef (Reinhold Würth) gefällt, stimmt diese Rede?

Für den Architekturwettbewerb in Rorschach war eine Jury mit Mitgliedern der Würth-Führungsgremien sowie externen Experten und Behördenvertreter eingesetzt. Diese hat den Entscheid für das Siegerprojekt einstimmig und gemeinsam gefällt.

Wieso wurde ein Architekturwettbewerb durchgeführt?

Praktisch alle Würth-Bauten wurden über einen Architekturwettbewerb realisiert. Nur über ein Auswahlverfahren lässt sich auch das beste Projekt ermitteln. Das Thema Architektur hat einen hohen Stellenwert im Würth-Konzern.

Wieso haben Sie auf einen Wettbewerb nach SIA verzichtet?

Da es sich hier um einen privaten Studienauftrag im Einladungsverfahren handelt, wollten wir mit unserer internationalen Bauerfahrung die Wettbewerbsbedingungen selber formulieren. Im Übrigen haben wir uns aber weitgehend an die Vorgaben der SIA gehalten.

Wieso haben Sie als Veranstalter des Wettbewerbs auf die sonst übliche Rangierung der Arbeiten verzichtet, bzw. diese nicht kommuniziert?

Alle eingereichten Projekte waren sehr gut. Auf Empfehlung der Fachjuroren haben wir auf eine Rangierung verzichtet. Das Siegerprojekt steht für uns im Vordergrund.

Statt einer konkreten Stil-Vorgabe lautete die Aufgabe an die Architekten, eine „angemessene Selbstdarstellung“ zu realisieren. Was heisst das genau?

Diese Frage mussten sich die Architekten selber stellen. Verschiedenen Wettbewerbsteilnehmern ist die Umsetzung sehr gut gelungen. Die diversen Würth-Bauten geben vielleicht einen Planungshinweis, wie diese Formulierung zu verstehen ist.

Der Anspruch an die „Transparenz“ durchdringt die Firmenkultur von Würth. War es deshalb überhaupt sinnvoll, etwas anderes als Glasarchitektur vorzuschlagen?

Transparenz ist nicht zwingend nur mit Glas zu erreichen. Dies kann auch durch eine entsprechende Objektgestaltung erfolgen. Das Siegerprojekt LICHTSPIEL hat sowohl durch das Material sowie auch die Architekturumsetzung unsere Vorgaben am besten getroffen. Zudem ist die Projekteingabe in seiner Erscheinung sehr innovativ und trotzdem zurückhaltend.

Ist der Firmenstandort in Rorschach, mit See- und Bahnhofanstoss direkt am Bodensee, für Sie gleichbedeutend mit einem Schnäppchen?

Der Entscheid für das Grundstück in Rorschach ist aus verschiedenen Gründen gefällt worden. Die Seelage und Anbindung an den öffentlichen Verkehr waren sicherlich mit ausschlaggebend.

Welche Gründe sprachen noch für den Standort Rorschach?

Einerseits die zentrale Lage, die Anbindung an den öffentlichen Verkehr sowie die Autobahn wie auch an die Flughäfen Altenrhein und Zürich. Wichtig ist in diesem Zusammenhang ebenfalls die Nähe zur Universität St. Gallen als Top-Ausbildungsstätte. Weiter Einfluss hatte der zentrale und schöne Standort des Grundstückes sowie die gute Zusammenarbeit mit den Ämtern und Behörden.

In welcher Sache sind Ihnen die Stadt Rorschach und der Kanton am meisten entgegengekommen?

Ausschlaggebend war sicherlich die sehr gute Zusammenarbeit.

Wie hoch ist die finanzielle Investition von Würth in den Standort Rorschach?

Die Kosten werden sich in der Feinausarbeitung des Siegerprojektes sukzessive zusammenstellen lassen. Für den ersten Bauabschnitt erwarten wir einen Betrag von 100 Millionen CHF (70 Mio. Euro).

Welche Rolle spielen die Architektur und der Standort des Arbeitsplatzes bei der Akquisition von Kadermitarbeitenden?

Mitarbeitende verbringen einen grossen Teil ihrer Lebzeit am Arbeitsplatz. Es ist Teil der Firmenkultur bei Würth, dass wir den Mitarbeitenden einen tollen Arbeitsplatz und eine schöne Arbeitsumgebung bieten wollen. Dies hat sicherlich mit Einfluss auf den Entscheid, sich bei Würth zu bewerben.

Wie sicher ist es heute (in der Skala von 1-10), dass Würth International in Rorschach baut

Aus unserer Sicht ist es eine 10.

Wann beziehen Sie in Rorschach die ersten Räume?

Wir gehen jetzt in die Feinplanung des Projekt-Entwurfs. Die komplette Fertigstellung des Neubaus könnte innerhalb der nächsten vier Jahre, also bis 2013, erfolgen. Aus der Erfahrung von vielen anderen Projekten wissen wir, dass im Planungsprozess vom Modell bis hin zur Realisierung noch einiges zu tun ist.

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