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Rohstoff gegen die Angst vor Verstädterung

Das Zusammenleben in Städten ist der wichtigste Markt der Welt. Die freie Privatstadt,so lautet das Ansinnen von Titus Gebel (Bildquelle: NZZonline), liefert das richtige Businessmodell dafür. Das Buch ist kürzlich im Eigenverlag erschienen. Stadtfragen wollte im Interview mit dem Autor wissen, wer und was genau dahinter steckt. Auch die Schweiz hat zur Idee inspiriert.

„Liebe Politiker, liebe Meinungsmacher, liebe Weltverbesserer. Wir möchten in Frieden und Freiheit leben. Wir möchten für uns selber sorgen. Wir können für uns selber sorgen. Wir wollen in Ruhe gelassen werden. Verstehen Sie das nicht?“ Titus Gebel, in: Freie Privatstädte. Mehr Wettbewerb im wichtigsten Markt der Welt, Aquila Urbis 2018.

sta. Um 1900 lebten gerade zehn Prozent der Menschheit in Städten, heute über die Hälfte, und 2050 werden es gemäss UNO siebzig Prozent sein. Keine Frage: Es wird enger auf dem Planeten. Gleichzeitig ist das, was wir allgemein unter einer guten Stadt verstehen, offensichtlich subjektiver, unsicherer und gleichzeitig vielfältiger geworden. Vor diesem Hintergrund – und auch weil er genug vom politischen Weg hat – will der ehemalige deutsche Rohstoffhändler und FDP-Politiker Titus Gebel eine Minderheit von gleichgesinnten Vertragsbürgern weltweit in eine selbstbestimmte urbane Freiheit führen: Mit seiner Firma Free Private Cities, Inc. und zusammen mit weiteren Geldgebern beabsichtigt er, Städte als gewinnorientierte Unternehmen zu führen, quasi ohne Staat, dafür mit eigenem Steuer- und Rechtssystem, ganz nach dem Vorbild von Freihandels- bzw. Sonderwirtschaftszonen.

Zeitgeist der knappen Botschaften

Gebel trifft mit seinem Buch rhetorisch einen Zeitgeist, der seine Aufmerksamkeit und Nahrung in knappen Botschaften findet: „Politik löst nicht Probleme, sie ist Teil des Problems.“ Deshalb müssen die Menschen von der Unterdrückung durch diese befreit werden, so sein Fazit nach den ersten hundert Seiten von Freie Privatstädte. Mehr Wettbewerb im wichtigsten Markt der Welt. Bei der Begründung von Absicht und Geschäftsidee folgt das Buch einer reaktionären Logik: Die fundamentale Systemkritik dient als Vorspann, um die herrschende Unordnung zu entlarven, danach wird die neue Lösung präsentiert: Nach der „Entmachtung der Politik“ soll in der freien Privatstadt jeder Bürger, quasi politikbefreit, seinen Lebensstil per Einzelvertrag mit seinem Stadtbetreiber aushandeln können. Dieser wiederum hat einen Vertrag mit dem Gastgeberstaat. Das Marktversprechen der weitgehend uneingeschränkten Selbstbestimmung und Selbstoptimierung, den Kauf des genau richtigen Autos, überträgt Gebel auf das Zusammenleben in der Stadt: „Stellen Sie sich vor, ein privates Unternehmen bietet Ihnen als Staatsdienstleister den Schutz von Leben, Freiheit und Eigentum in einem abgegrenzten Gebiet. Sie zahlen einen vertraglich fixierten Betrag für diese Leistungen pro Jahr. Um alles andere kümmern Sie sich selbst, können aber auch machen, was Sie wollen, solange Sie die Rechte anderer nicht beeinträchtigen.“

Im dreihundertseitigen Buch treffen Philosophie, Analyse, persönliche Diagnose, historische Referenzen von Venedig über die Hanse bis nach Dubai und Sandy Springs sowie unzählige, nicht datierte Zitate aufeinander. Ein Sammelsurium von Apercus bildet einen roten Faden, den sich die Leserin und der Leser merken sollen: In der freien Privatstadt gilt „Jeder ist der Souverän seiner selbst“. Das Bonmot „Stadtluft macht frei“ wird zum „Recht auf ein selbstbestimmtes Leben“. Über allem steht als Glaubensbekenntnis das Marktprinzip, „das bisher einzig bekannte, dauerhaft wirksame Entmachtungsmittel der Menschheit“, wie der Autor, nun in der Rolle als Revolutionär auf der Höhe seiner Zeit angekommen, schreibt. Damit in seiner Stadt die erwünschte soziale Harmonie herrscht, gibt es zum Dreigestirn Markt, Freiheit und Grundeigentum obendrauf nur eine „goldene Regel“ zu beachten: „Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg auch keinem anderen zu“, was frei übersetzt in die urbane Praxis stiller Orte heisst: Bitte verlasse das WC so, wie du es antreffen möchtest!

Holprig in der Umsetzung

Was die rechtliche und organisatorische Umsetzung des Geschäftsmodells betrifft, so begegnet man bei der Lektüre gleichzeitig vertraglichen Details, vielen Kann-Formulierungen schliesslich aber dann doch noch unerwartet konkreten Vorstellungen für den Alltag: Hässliche Todeswarnungen auf Zigarettenverpackungen soll es nicht mehr geben. Und Geisteswissenschafter seien wohl eher seltener anzutreffen, ist zu lesen. Auch die Schweiz hat bei den Überlegungen zur Umsetzung inspiriert, wie Gebel im Interview erklärt: durch die Kleinheit ihrer gut vernetzten, städtischen Siedlungsgebiete, den Steuerwettbewerb, die Gemeindeautonomie und die Wehrhaftigkeit.

Für Planer und Architekten geben das Buch und das Interview Entwarnung: „Marktorientierter Städtebau“, lautet der Ansatz von Patrik Schuhmacher, Partner bei Zaha Hadid Architects in London, der die Planung und Umsetzung der freien Privatstadt mit seiner Expertise beratend unterstützen soll. Gemeint ist: Vorschriften wird es in der freien Privatstadt eher weniger geben, dafür vielleicht einen nachbarschaftlichen Handel mit Gebäudehöhen, denkbar sind Experimente an der Peripherie. Eine Stadt am Markt zu bauen, impliziert für Titus Gebel und seine Zugewandten zunächst, den Versuch zu unternehmen, womöglich daran zu scheitern, aber in jedem Fall daraus zu lernen: „Staaten scheitern auch regelmässig. Da ist es aber ja wohl immer noch besser, wenn dies im kleineren Massstab einer Gruppe von Freiwilligen widerfährt, die alle genau gewusst haben, worauf sie sich vertraglich eingelassen haben.“ Die Entstehung der ersten Privatstadt wird gegenwärtig in der Karibik verhandelt. Ein Konsortium mit Sitz in den USA (Hauptinvestorin ist die Firma Free Private Cities, Inc.) will zuerst 25, danach 50 Mio. Euro bereitstellen. Aus Angst vor politischem Widerstand in einer frühen Phase ist der Standort vorerst noch geheim.

Ein Stadtmodell für Zielgruppen

Im Grunde genommen lanciert die freie Privatstadt die Diskussion über die Zukunft der Nationalstaatlichkeit, wie wir sie seit dem 19. Jahrhundert kennen. Als Gegenstand steht ein marktorientiertes Zusammenleben von gleichgesinnten Zielgruppen in einem räumlich abgeschlossenen, dennoch global vernetzten städtischen Ort (etwas ähnlich der City of London) zur Diskussion. Die entsprechenden Positionen und Perspektiven sind im Buch zwar umfassend, jedoch mal mehr und mal weniger eindeutig dargestellt. Die rustikal formulierte Demokratiekritik und das Themenpaket „Marktorientierung, Selbstbestimmung, Freiheit und Sicherheit“ werden dem Vorhaben wohl eine gewisse Aufmerksamkeit und vielleicht sogar eine Nachfrage bringen. Ein weiteres Marktargument spielt dabei noch unausgesprochen mit: Wo Sicherheit nachgefragt und erfolgreich angeboten wird, sind immer auch Ängste mit im Spiel. Im täglichen Erleben und im Diskurs über die Stadt der Zukunft sind dies globale und ganz lokale Ängste vor zunehmenden Nöten, Widersprüchen und Konflikten in unserem Zusammenleben. Die freie Privatstadt kann als Gegenmittel dazu interpretiert werden: als vermeintlich wertvoller Rohstoff gegen die Angst vor der Verstädterung.

Die Menschheit lebt aktuell auf nur drei Prozent der Erdoberfläche. Statistisch hat es noch genügend Platz für weiteres Wachstum. Trotzdem oder gerade deshalb ist die Notwendigkeit unbestritten, neue Ideen zu formulieren und zu diskutieren, wie noch mehr Menschen in der Zukunft in Städten und auf dem Land zusammenleben wollen, können oder ganz einfach nur müssen.

(Folgendes Interview mit Titus Gebel wurde am 12. Juni 2018, im Motel HotelOne in Zürich aufgenommen, die Abschrift gegengelesen.)

Thomas Stadelmann: Führt Sie ihr jüngst erschienenes Buch Freie Privatstädte nach Zürich? Und wenn ja, wen interessiert das Thema denn hierzulande?

Titus Gebel: Ja, das Buch bzw. mein Unternehmen Free Private Cities, Inc. sind der Anlass. Ichhabe gute Kontakte zu Unternehmen in der Schweiz und auch zu den Medien, etwa zur Autoren-zeitschrift schweizer monat. Diese gilt es zu pflegen. Im Übrigen hat mich das Liberale Institut in Zürich zu einem Vortrag eingeladen.

Sie vergleichen das Modell der freien Privatstadt und im Buch mit dem Betrieb eines Kreuzfahrtsschiffs. Wohin führte Sie Ihre letzte Schifffahrt, und können Sie den Vergleich kurz erklären?

Die Reise ging von Alaska nach Vancouver. Und das Bild ist sehr stimmig: Schiffe sind rechtlich kein schwimmendes Territorium des Flaggenlandes, sie müssen daher nicht eine vorbestimmte, sondern können unter einer für die jeweilige Fahrt zweckmässigen Rechtsordnung fahren. Es gilt quasi freie Rechtswahl. Zudem gibt es an Bord keine Mitbestimmung darüber, wo die Reise hingehen soll. Wer an Bord ist, weiss wohin die Reise geht und was er dafür bezahlen muss. Und: Der Kapitän, die höchste Instanz, macht nicht einfach das, was er selbst gerade möchte, weil er ein kommerzielles Interesse hat, seine Kunden zufrieden zu stellen und nicht gegen Verträge gegenüber der Rederei verstossen will, kurz: Freie Rechtswahl, Freiwilligkeit, Markt-orientierung und Vertragssicherheit sind auf hoher See ebenso grundlegende Bausteine, wie in einer freien Privatstadt, so wie ich sie haben möchte.

In der Danksagung zum Buch sind über 30 Personen genannt. Haben Sie das Buch eigentlich selbst geschrieben?

Alle Texte sind von mir aber nicht alle Ideen. Ich habe mich mit den im Buch erwähnten Leuten ausgetauscht, sehr intensiv u.a. mit Rolf W. Puster (Anm: Professor für Philosophie an der Universität Hamburg) und mit dem Architekten und Stadtplaner Patrik Schumacher (Anm: Partner im Büro Zaha Hadid Architects in London). Andere haben ihre eigenen Ideen eingebracht, vor allem Fragen gestellt, mit beantwortet, oder sie arbeiten bereits selber an ähnlichen Projekten. Joe Quirk etwa, der am Seastaeading Institute am Floating City Project arbeitet, einer ausserhalb von staatlichen Hoheitsgewässern schwimmenden Stadt. In der Szene der freien Privatstädte sind weltweit insgesamt vielleicht ein paar hundert Leute aktiv. Uns verbindet alle die Überzeugung, dass die erfolgreichsten Städte im Jahr 2050 keiner der heute noch gängigen Ideologien folgen werden.

Wie lange dauerte es von der ersten Vision, über die Geschäftsidee, bis zum Abschluss des Buches? Stand zu Beginn ein konkreter Anlass?

Am Buch habe ich drei Jahre gearbeitet. Seit der ersten Idee sind bestimmt zehn Jahre vergangen. Ich war zuvor jahrelang in der deutschen FDP engagiert, habe mich der politischen Macht angenähert. Als CEO der deutschen Rohstoff AG war ich bis 2014 auch im Umfeld des Wirtschaftsministeriums an Diskussionen über Rohstofffragen beteiligt. Nach über 30 Jahren politischem Denken und Beobachten habe ich dann mein Fazit gezogen: Ich möchte nicht mehr, dass die Regierung oder eine Mehrheit über mein Leben bestimmt, und mit diesem Ziel ist das aktuelle System nicht reformierbar. Auch für die Schweiz sehe ich da in der Tendenz keinen signifikanten Unterschied. Ein Aha-Erlebnis, das mich ebenfalls zur Idee der freien Privatstadt führte, habe ich erlebt, als ich in Monaco ankam. Nach dem Wegzug aus Deutschland fehlte mir jegliches Interesse dafür, mich in die lokale Politik einzumischen, einfach deshalb, weil ich als Bewohner einer Stadt hauptsächlich in Ruhe gelassen werden, meine Kinder auf die Strasse schicken können, niedrige Steuern bezahlen und eine gewisse Infrastruktur benützen will. Das aber ist eine Leistung, für die ich keinen Fürsten benötige – ein Privatunternehmen könnte das genauso leisten.

Das klingt so, als wären Sie nachhaltig von der Politik enttäuscht worden?

Ja, ich würde dem so sagen, auf den Punkt gebracht: Politik ist nicht ein Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. Meine Diagnose und mein Antrieb gehen aber weit über Politikerverdrossenheit hinaus: Die Menschen können nicht durch Politik überzeugt werden, dass Freiheit, Selbstbestimmung und Eigenverantwortung gute Dinge sind und dafür sorgen, dass es uns dann allen besser geht. Diese Werte sind nicht mehrheitsfähig, weil sie unbequem sind. Daher mein Fazit: Wenn ich und andere in Freiheit leben wollen, dann braucht es einen vollkommen neuen Ansatz; ein Nischenprodukt für diejenigen, denen Selbstbestimmung wichtiger ist als Mitbestimmung, die sich in den meisten Ländern zudem in der Abgabe einer Wahlstimme alle paar Jahre erschöpft. Funktioniert dieses Produkt werden die anderen Ähnliches wollen. Die Idee der freien Privatstadt ist im Grunde der Philosophie von Thomas Hobbes entnommen: Es gibt nur eine Sache, die wir alle gleichermaßen wollen: in Frieden leben. Wenn dem so ist, und die Menschen bereit sind, freiwillig und selbstbestimmt etwas dafür zu bezahlen, dann entsteht ein viel freieres, besseres und effizienteres System als eines, in dem eine Gruppe die anderen aufgrund politischer Macht zwingt, ihren Ideen und ihrer Weltanschauung zu folgen. Und so ist die Idee am Ende zusammen gewachsen: Die freie Privatstadt wird ein neues Produkt auf dem grössten Markt der Welt, dem Markt des Zusammenlebens. Freie Privatstädte werden geführt von Privatunternehmen, die möglichst autonom und gewinnbringend individuelle Staatsdienstleistungen anbietet. Solche Angebote müssen attraktiv sein, sonst kommt niemand bzw. die Einwohner wandern wieder ab.

Ihr Buch kommt wissenschaftlich daher, gleichzeitig ist der Text gespickt mit persönlichen Pauschalurteilen zur Lage der Demokratie und zum Scheitern des Sozialstaats: Für wen oder gegen wen und was haben Sie das Buch geschrieben?

Das Buch ist für diejenigen geschrieben, die nach Alternativen zu unserem jetzigen politischen System suchen.Es finden sich darin keine Schlussfolgerungen, die nicht begründet oder empirisch belegt sind. Es ist für jene, die auch daran glauben, dass der einfache Marktgedanke – ich bestelle, was ich will und bezahle nur das, was ich bestellt habe – auf unser Zusammenleben übertragen werden kann, und dass der Wettbewerb auch hier dazu führt, dass die „Produkte“ im Laufe der Zeit immer besser und immer billiger werden.

Sie betonen immer wieder, die freie Privatstadt sei eine Geschäftsidee und keine Vision. Weshalb schreiben sie denn hundert Seiten Demokratiekritik und die Forderung nach der „Entmachtung der Politik“, bevor sie im Buch das eigentliche Businessmodell erklären?

Die erste Hälfte verstehe ich als philosophisches Vermächtnis, die zweite Hälfte funktioniert als Handbuch, auch für diejenigen, die das freie Privatstadtkonzept nicht genau so machen wollen, aber den Reformbedarf erkannt haben. Auch Politiker sind angesprochen. Da kritische Themen in der Politik meistens jedoch nicht mehrheitsfähig sind, müssen sie eben von aussen und in aller Deutlichkeit formuliert werden. In erster Linie geht es mir darum, eine Alternative zur Politik aufzuzeigen. Die Profitorientierung der freien Privatstadt ist lediglich Mittel zum Zweck. Sie zeigt uns an, ob die Ressourcen ordentlich eingesetzt wurden.

Wie war denn bisher die Resonanz B2B und in den Medien auf das Buch?

Viel besser als erwartet. Ich sag es einmal so: Vor zehn Jahren wäre ich vermutlich geteert oder gefedert worden, die Leute hätten wohl gesagt, der Mann ist ein Spinner. Heute ist das anders: Jeder Zweite, mit dem ich spreche, sei es in Monaco, in Italien, Frankreich, in der Schweiz oder in Deutschland, gibt zum Ausdruck, dass an der Grundidee etwas dran sein könnte. Ich glaube, viele Menschen sind in der heutigen Welt offener für Werte, Ideen und Lebensvorstellungen, für welche die freie Privatstadt steht und sie merken auch, dass unsere politischen Systeme nicht mehr gut funktionieren, ohne die Gründe dafür genau benennen zu können.

Jede Epoche hat ihre Städte so gebaut, wir sie den jeweiligen Lebensbedürfnissen bzw. Machtverhältnissen entsprachen. Wie akut sind die Notwendigkeit und die Nachfrage, auf die Ihre Geschäftsidee gute Antworten hat?

In unseren Präsentationen für Investoren zeigen wir auf, dass Staatsaktivitäten den grössten Markt der Welt ausmachen, wobei 90 Prozent der Marktteilnehmer Verluste machen. 81 Prozent der Menschen sind mit der Art und Weise, wie ihr Land regiert wird, nicht zufrieden; die Schweiz vielleicht ausgenommen. Diesen riesigen Markt gilt es zu aktivieren. Dass uns das gelingen wird, zeigen immer wieder persönliche Reaktionen an Vorträgen, auch von jungen Menschen, die von weit her anreisen, vom Konzept überzeugt sind und die mich fragen: Ab wann können wir hingehen?

Ich erwähne zudem gerne das Beispiel von Sandy Springs, eine Stadt in den USA bei Atlanta, die es seit 2005 gibt: Ausser der Polizei und der Gerichte ist dort die ganze Stadtverwaltung privatisiert. Das Resultat: eine Kostenersparnis von zehn bis vierzig Prozent. Oliver Porter, der das Projekt initiiert hat (Anm: im Beraterstab von Free Private Cities aufgeführt), kennt zehn Städte mit zusammen rund eineinhalb Millionen Menschen, die das Modell Sandy Springs bereits kopiert haben. Zu bemerken gilt, dass diese Städte allesamt Neugründungen sind. Eine Umwandlung bestehender Kommunen ist trotz zahlreicher Versuche und trotz Kosten-senkungsgarantie noch immer gescheitert. Das ist ein weiteres Beispiel dafür, wie die Politik Wettbewerb und Innovationen verhindert, wenn dadurch ihre Macht geschmälert wird.

Privatisierte städtische Gebiete mit dem Label Smart City liegen im Trend. Alphabet, Googles Konzern-Mutter, baut mit Sidewalk Labs ein Areal am Hafen von Toronto, Facebook plant Zucktown. Worin liegt der Unterschied zwischen diesen Projekten und ihrem Stadtmodell?

Solange Smart Cities nicht gleichzeitig Free Cities sind, kann ich damit wenig anfangen. Ich denke, eine Mehrheit lebt tatsächlich lieber in einer Smart-City, wie sie die Chinesen oder globale Player wie Alphabet vorhaben als in einer Free Private City, die Eigenverantwortung fordert. Aber eben nicht Leute wie ich. Mit der freien Privatstadt wird eine Minderheit angesprochen, der Freiheit und Selbstbestimmung wichtiger sind als eine durch Technologie kontrollierte, politisch geführte Smart City, in der zudem die totale Überwachung und Entrechtung des Einzelnen drohen. Der grösste Unterschied liegt im Verhältnis zwischen den einzelnen Bürgern und Unternehmen zum jeweiligen Betreiber einer Privatstadt. Die Rechtsposition des Einzelnen ist im so genannten Bürgervertrag festgelegt. Dieser kann vom Betreiber oder auch einer Mehrheit nicht einfach geändert werden. Nach dem Prinzip jeder Bürger ist der Souverän seiner selbstbietet der Vertrag die Sicherheit gegenüber dem Betreiber der Stadt und den Schutz vor einer allfälligen Mehrheit, die Absichten haben, welche dem Einzelvertrag widersprechen. Ein Beispiel: Angenommen 99 Prozent in einer freien Privatstadt sind der Meinung, dass es einen Gemeinderat braucht und dazu noch ein neues Schwimmbad. Wenn diese 99 Prozent freiwillig mitmachen und das entscheiden, ist das solange kein Problem, wie dem einen Prozent und dem Betreiber nicht gesagt wird, dass er Entscheide des Gemeinde-rats mittragen und beim Schwimmbad mitbezahlen muss. Rentieren aus Sicht des Betreibers weder Gemeinderat noch das Schwimmbad, dann tragen die 99 Prozent somit die ganze Finanzierung.

Aus schweizerischer Sicht ist das eine eher fremde Vorstellung.

Sie müssen sich einfach vorstellen, dass Sie ihre jetzige Politikwelt verlassen und in der Welt des Grüntees angekommen sind (Anm: Titus Gebel trinkt gerade eine Tasse Grüntee). Ich habe einen Grüntee bestellt, weil ich einen Grüntee wollte, und weil ich bereit bin, den Preis dafür zu bezahlen. Ich habe deshalb aber kein Recht darauf, zu bestimmen, dass Sie auch einen Grüntee bekommen (Anm: Der Interviewer trinkt Mineralwasser) und noch unfreiwillig dafür bezahlen müssen. Genau das macht aber die Politik. Und das Prinzip betrifft dabei alle Lebensbereiche: Sie bezahlen überall für Leistungen mit, die sie gar nicht wollen oder die andere beziehen, ohne etwas dafür zu leisten. Daher die Überlegung: Wir verlassen die Wege von Sozialstaat und Mitbestimmung und wenden uns hin zur Selbstbestimmung in einer räumlich klar abge-grenzten freien Privatstadt von gleichgesinnten Vertragsbürgern.

Ich fahre kein Auto, gehe zu Fuss oder mit dem Velo zur Arbeit. Ich brauche also keine sechs Meter breite Strasse. Bezahle ich in Ihrer Stadt deshalb nichts an den Strassenbau?

In jedem Bürgervertrag wird festgehalten, wofür der Jahresbeitrag verwendet wird. Im Pflichtteil sind die Leistungen zum Erhalt der Sicherheit, für die Verwaltung, für den Unterhalt von Infrastrukturen und den Betrieb von Schiedsgerichten enthalten. Den Strassenbau würden wir als Stadtbetreiber soweit möglich an Private übertragen. Unterschiedliche Formen sind je nach Stadt denkbar, etwa die Vollfinanzierung aller Strassen oder der völlige Verzicht darauf, solange man in der Innenstadt wohnt. Als Nicht-Autofahrer können Sie nach Studium der Vertrags-bedingungen also frei entscheiden, ob Sie in eine solche Stadt ziehen wollen. Denkbar ist auch das Modell, dass kein Beitrag für den Strassenbau und den Unterhalt anfällt, weil private Betreiber dafür aufkommen und ihre Leistungen über eine Maut verrechnen.

Und wenn Sie scheitern, der Stadtbetreiber in Konkurs geht?

Natürlich können wir auch scheitern. Staaten scheitern schliesslich auch regelmässig. Da ist es aber ja wohl immer noch besser, wenn dies im kleineren Massstab einer Privatstadt passiert, und dies Freiwilligen widerfährt, die alle genau gewusst haben, worauf sie sich vertraglich eingelassen haben. Im Übrigen würden wir ganz geregelt in die Insolvenz gehen und ein besserer Betreiber würde weitermachen, oder die Bewohner übernehmen die Betreiber-gesellschaft in einem Resident-Buy-Out.

Neben dem Gastgeberstaat, dem Betreiber, dessen Anlegern und den Vertragsbürgern gehört ein Schiedsgericht zum Modell der freien Privatstadt dazu. Welches ist der schwierigste Vertrag, den es auszuhandeln gilt?

Derjenige zwischen dem Stadtbetreiber und dem Gastgeberstaat, weil darin im Grunde ein Teil politische Souveränität verhandelt bzw. abgegeben wird: Macht- und Einflussverlust der Politiker und Beamten drohen. Sonderwirtschaftszonen weltweit zeigen aber, dass es durchaus Staaten gibt, die dazu bereit sind. In Dubai und Abu Dhabi gilt quasi englisches Recht. Auch Hongkong hat eine eigene Währung und eine eigene Verfassung bzw. ein eigenes Rechts-system. Schwierigkeiten wird es mit der Politik aber – auch mit Verträgen – immer geben. Regierungen sind nicht die verlässlichsten Vertragspartner und neue Begehrlichkeiten können schnell entstehen, wenn eine freie Privatstadt erfolgreich unterwegs ist. Dagegen sichern wir uns vor allem über Investitionsschutzabkommen ab, welche die meisten Staaten abgeschlossen haben und die ausländische Investoren wie uns Ansprüche bei staatlichen Eingriffen gewähren.

Die Schweiz wird in ihrem Buch mehrmals positiv erwähnt. Worin liegt der Beitrag an die Idee und an die Umsetzung ihrer Geschäftsidee?

Das Beispiel Schweiz ist sehr wertvoll. Nämlich die Idee der weitgehenden Gemeindehoheit bei Entscheidungen, die Kleinheit und Überschaubarkeit von Gemeinden und Städten, die zudem untereinander im steuerlichen und Regulierungs- Wettbewerb stehen. Vieles davon entspricht im Grunde meiner Vision für die ganze Welt: Dass wir künftig für das Zusammenleben kleinere und grössere, jederzeit überschaubare Gebiete einrichten, die ihre eigenen Regeln selber machen und die gleichzeitig offen und bereit sind, mit anderen Gebietskörperschaften zu konkurrieren. Zudem ist die Stellung der Schweiz in Europe ein mögliches Vorbild für ein ganzes Netz aus Privatstädten: Zusammenschluss wird nur zum Schutz, zu Verteidigungszwecken und bei der Entwicklung von Märkten angestrebt.

Würden Sie auch aus einer finanziell maroden Schweizer Kleinstadt per Vertrag mit dem Gastgeberstaat CH und/oder dem jeweiligen Kanton eine freie Privatstadt aus Vertragsbürgern machen?

Ich würde diese Aufgabe sofort und mit Freude angehen. Das Problem wird sein, dass die Bürger damit einverstanden sein müssen, da wir niemanden gegen seinen Willen zu einem Leben in einer Privatstadt zwingen wollen. Und dazu gehören ein gewinnorientierter Betreiber, keine öffentlichen Güter, ein eigenes Steuer- bzw. Gebühren- und Polizeisystem sowie vor allem die Einsicht, dass die Mehrheit nicht einfach die Regeln ändern und der Minderheit diese aufzwingen kann.

In der Praxis würde man vermutlich zuerst abstimmen lassen: „Wollen Sie eine freie Privatstadt für die nächsten 15 Jahre sein, oder nicht?“ Die Geltung des Vertrages mit Bund und Kanton müsste angeordnet, und allen Bürgern, die nicht einverstanden sind, eine Entschädigung gegen Wegzug angeboten werden. Wahrscheinlicher als dieses Szenario wäre jedoch, dass in der Nachbarstadt zur maroden Kleinstadt, auf noch unbewohntem Gebiet, eine neue Stadt entstehen kann, und die Menschen sich dann entscheiden können, ob sie bleiben oder in die freie Privatstadt umziehen wollen. Für den Betrieb könnte ich mir auch eine Genossenschaft vorstellen. Der entscheidende Punkt würde in jedem Fall bleiben: Ein Bürgervertrag, der nicht einseitig gekündigt werden kann, regelt die gegenseitigen Pflichten und Leistungen. Und: der Betreiber hat das Recht, darüber zu entscheiden, wer Bürger wird und wer nicht.

Das Buch bleibt bei der Beschreibung der Umsetzung spekulativ und offen. Wie geht es mit der Produktentwicklung konkret weiter? Wann und wo sind die nächsten Meilensteine gesetzt?

Den Erfolg der Geschäftsidee können wir ganz einfach messen, indem wir Geld verdienen. Wir sind gerade in der Karibik dabei, über eine Sonderverwaltungszone auf der grünen Wiese zu verhandeln. Das Projekt kommt der Idee einer freien Privatstadt schon sehr nahe.

Wer sind „wir“?

Bei den Investoren handelt es sich um ein Konsortium mit Sitz in Washington. Mein eigenes Unternehmen Free Private Cities, Inc. ist einer der Hauptinvestoren.

Zurück in die Karibik. Wie viel Geld investieren Sie wo genau und wann?

Für das Projekt in der Karibik werden in einer ersten Finanzierungsrunde rund 25 Millionen, in einer zweiten rund 50 Millionen Euro investiert. Zum Ort kann ich noch keine Auskunft geben. Wird der Standort zu früh öffentlich, drohen endlose politische Widerstände. Nur soviel: Im Gegensatz zu Beispielen in China und Saudi Arabien, wo riesige Retortenstädte entstehen, gehen wir das Wachstum marktgerecht und organisch, d.h. in drei Phasen an: 1000, 10’000 und dann bis 100’000 Menschen. Aktuell verhandeln wir mit dem Gastgeberstaat die vertragliche Rahmenbewilligung aus. Die erste Phase bis 1000 Vertragsbürger wollen wir in den nächsten drei Jahren abschliessen.

Was wäre ihre persönliche Rolle, wenn die Stadt gebaut ist?

Aktuell gehöre ich der Betreibergesellschaft an und leite die Verhandlungen mit der Regierung des entsprechenden Landes. Um zu lernen, wäre ich gerne die ersten zwei, drei Jahre auch operativ dabei.

Als Verhandlungsführer beschäftigen Sie sich wiederum vor allem mit Politik, etwas, dass Sie nach dem Umzug von Deutschland nach Monaco eigentlich nicht mehr tun wollten?

Das kann ich leider nicht ändern, weil ich nicht gleich auf die Ideallösung setzen kann. Unsere ersten Städte werden noch keine freien Privatstädte sein, sondern eher dem Modell eine Public Private Partnership (PPP) gleichen. Das Schöne ist aber, dass es Länder gibt, die bereit sind, sich auf die Idee der freien Privatstadt einzulassen. Zugegeben, dies sind vor allem Länder, die Probleme haben und deshalb eher offen sind für neue Ansätze. Gelingt uns das Projekt in der Karibik, können wir dafür sorgen, dass die Post wieder funktioniert, Gerichte nicht korrupt sind und Kriminelle draussen gehalten oder ausgewiesen werden.

Das Prinzip „marktorientierter Städtebau“, das Sie im Buch Patrik Schuhmacher zuschreiben, ist nur sehr kurz abgehandelt. Stadtplanung soll  nicht ideologischen Zielen, sondern den Gesetzen des Marktes gehorchen und „soziale Harmonie“ ermöglichen. Wie verändert sich dadurch die Aufgabe der Städtebauer, Planer und Architekten?

Im Grunde genommen gar nicht. Der Stadtbetreiber wird von Fall zu Fall über die Anzahl und die Qualität der Planungsvorgaben und Instrumente (etwa die Zonierung oder eine Nutzungs-durchmischung) entscheiden. Soweit haben wir eine Vorstellung: Wir möchten einen Stadtkern haben, der relativ homogen aussieht, damit die Stadt attraktiv ist. Die Dichte an Vorgaben wird von innen nach aussen abnehmen, vielleicht bis an Orten am Rand der Stadt, wo gar keine baulichen Regeln mehr bestehen werden. Dort wird die freie Privatstadt dann zum städtebaulichen Experiment.

Wird Patrik Schumacher, der als Beirat Ihrer Firma aufgeführt ist, mit Zaha Hadid Architects als verantwortlicher Masterplaner fungieren?

Patrik Schumacher wird nicht als Hausarchitekt fungieren, sondern übergeordnet und in Planungsverfahren und Ausschreibungen für die Qualität sorgen und in dieser Rolle selbstverständlich seine eigenen architektonischen Ideen einbringen. Ich stelle mir zudem vor, dass wir ganze Stadtviertel an Immobilienentwickler vergeben werden und dabei sowohl Gestaltungs- wie Qualitätsvorgaben machen. Was es nicht geben wird, ist eine öffentliche Mitwirkung, wenn es darum geht, Planungsgrundlagen verbindlich zu machen. Der einzelne Bürger wird aber jederzeit wissen, welche Regeln gelten und wie der Handel mit Eigentums-rechten spielt. Als Grundeigentümer könnte ich z.B. zehn Stockwerke bauen, realisiere aber nur deren drei, deshalb verkaufe sieben an einen anderen Grundeigentümer, der dann siebzehn Stockwerke realisiert.

Nach zwei Generationen soll eine freie Privatstadt ein räumlich klar abgegrenzter Ort für eine (Zitat) „überdurchschnittlich zivilisierte“, „gewaltfreie“, aber gleichwohl „wehrhafte“ und „hoch mobile Gemeinschaft“ anbietet. Welche städtebaulichen Vorbilder fallen Ihnen ein?

Mein Ideal ist die italienische Stadt mit der Piazza. Dieses europäische Bild einer Stadt kann ich in der Karibik natürlich nicht 1:1 umsetzen. Städtebau muss sich an den lokalen Begebenheiten orientieren. Aber im Grunde schätze ich Orte, die eine architektonisch homogene Mitte haben und eine räumliche Grösse, die in kurzer Distanz und sicher begehbar ist. Was für das Konzept der freien Privatstadt gilt, muss auch die Leitidee für den Städtebau und die Architektur sein: Ich glaube an die Marktidee, weil sie auf Versuch und Irrtum basiert und Planung nicht als Orakel, sondern als Risiko versteht: Wie sollen wir denn heute vorausplanen können, was in zwanzig  Jahren richtig und gut sein wird?

Immerhin versprechen Sie schon heute den Erfolg von „individueller Freiheit“ und sozialer Harmonie“ in Privatstädten? Wir werden wir an der konkreten Gestaltung von Plätzen und Häusern erkennen, dass Sie Ihr versprechen ohne politischen Einfluss und ohne Mitwirkung durch die Bewohnenden eingelöst haben?

Ich bin kein Städtebauexperte, sehe aber, dass es viele Modelle und Theorien zu einer schön und gut gestalteten Stadt gibt. Das sind alles Spekulationen! Wir werden Städte realisieren und dabei schnell lernen. Unser Vorteil ist, dass wir dabei nicht von fremden gesetzlichen und politischen Machbarkeiten eingeschränkt werden. Im Grunde fangen wir jedes Mal neu an.

Wie möchten Sie am liebsten bezeichnet werden: als Utopist, Visionär, Reaktionär oder Schöpfer von Wohlstand und individueller Lebensqualität?

Jemand hat geschrieben, ich wäre ein visionärer Realist. Da ist was dran. Ich bin immer gegen Utopisten und Wolkenkuckucksheim-Leute gewesen. Was ich kann, sind visionäre Möglich-keiten, die uns der Markt des Zusammenlebens bietet, mit einem ganz realen Geschäftsmodell zu verbinden. Das ist meine Stärke. So machen es auch Aldi und die Migros erfolgreich: Sie stellen Produkte zur Verfügung. Und wenn das Produkt gut ist, wird es gekauft, wenn nicht, wird es am Markt scheitern. Ich bin überzeugt, dass die freie Privatstadt als Geschäftsmodell dem weltweiten Status quo der Städte künftig überlegen sein wird, weil daraus ein zusätzliches und vielfältiges Angebot entstehen kann, das viele Menschen von der Staatsabhängigkeit befreit und selbstbestimmter leben lässt.

Möchten Sie noch etwas ergänzen?

Ja, zurück zu ihrem Schweizer Beispiel: Wenn Sie tatsächlich so eine Stadt in der Schweiz kennen, die als freie Privatstadt in Frage käme, dann (…)

Der Masterplaner

Der Holländer Kees Christiaanse ist Architekt, Städtebauer und ETH-Professor. Stadtfragen traf ihn an einem grauen 9. März in seinem Ferienhaus im bündnerischen Feldis auf 1500 Meter ü.M. Wir sprachen über seine Arbeit, den Zustand der  Raumplanung und «Desakota» – über das urbanistische Phänomen der Stadtlandschaft. Das Interview ist ohne die ergänzenden Kommentare in der Zeitschrift „Komplex Nr. 6 2013“ erschienen.

Fotos: Herbert Zimmermann, Luzern

sta. Wir sitzen in der offenen Wohnküche des von Kees Christiaanse selbst (um)gebauten Holzhauses. Von hier aus geht er auf Wanderungen und Skitouren. Es gibt Tee und Früchte, draussen ist es grau, die Atmosphäre für ein Gespräch ist entspannt, die umgebende Landschaft braun-weiss gefleckt: Sie scheint parat für den Frühling.

Thomas Stadelmann: Hinter Ihnen hängen Landschaftsbilder an der Wand. Sie malen in Ihrer Freizeit?

Kees Christiaanse: «Das mache ich, um meinen Kopf leer zu bekommen. Jeden Tag sind es zwei oder drei Aquarelle im Postkartenformat. Dabei verwende ich absichtlich nur eine Technik und nur einen Pinsel.»

Die Aquarelle sind in Reih und Glied an die Wand gepinnt. Christiaanse verschenkt sie gerne an Freunde und Verwandte, wie er verrät – jedoch nicht an Journalisten. Trotz der privaten Umgebung nutzt mein Gegenüber die erste Gelegenheit, um von seiner Arbeit zu sprechen: präzis, gradlinig und schlüssig. Seine Gedankengänge scheinen einem sicher ausgelegten Pfad entlang von urbanistisch bedeutsamen Wegmarken dieser Welt zu folgen. Und dann: Unerwartet aber umso passender zu meiner zweiten Einstiegsfrage lichten sich über Feldis die Nebelbänke. In der Ferne sind Berggipfel zu sehen:

Denken Sie mit Blick auf die Berge auch über die Stadt nach?

«Natürlich. Dieser Ort besteht nicht nur aus Aussicht und Erholung. Er ist auch der beste Arbeitsplatz, den man sich vorstellen kann. Hier arbeite ich an Vorlesungen und Entwürfen.»

Welche Themen treiben Sie denn bei Ihrer Arbeit besonders an?

«Vor allem ein urbanistisches Phänomen, das wir in Holland ‹Desakota› nennen. Der Begriff stammt aus dem Indonesischen und steht für ‹Stadtland› oder ‹Landstadt›. Man muss sich vorstellen: Auf Java lebt über die Hälfte der Indonesier in einem Netz aus Städten, Dörfern und Landwirtschaft. ‹Desakota› sehe ich auch in der Schweiz. Die Täler im Graubünden oder das Mittelland sind urbanisierte Landschaften. Zu deren Wandel gehört der Rückgang der Landwirtschaft und eine veränderte, fein vernetzte Ökonomie. In Feldis waren die Menschen bis 1960 mehrheitlich Bergbauern, heute gibt es noch eine Handvoll. Gäste oder Ferienhausbesitzer, die hier arbeiten, bilden die Mehrheit. Zum Beispiel hilft eine Ex-Stewardess von Pan Am, die sich hier zur Ruhe gesetzt hat, beim Skiliftbetrieb, und ein holländischer Banker betreibt seine Geschäfte hier online. Diese neue Ökonomie hat sich nicht nur in den Städten und am Rand der Städte breit gemacht, sondern ebenso in den Bergen.»

Neben Feldis ist auch Zürich für Christiaanse zu einer Art Heimat geworden, wie er sagt. Zudem arbeitet er regelmässig in Singapur: Christiaanse ist ein Global Player des Städtebaus. Mich interessiert, wie dieses Leben funktioniert:

Sie leben und arbeiten hauptsächlich in Zürich und Singapur. Wie geht das?

«Zürich ist mein neues Zuhause, dort wohne und arbeite ich. Es erinnert mich an das frühere Amsterdam: eine kleine Stadt mit einem metropolitanen Kulturleben. Dann gibt es Singapur. Als Programmleiter des ‹Future Cities Laboratory› habe ich die Möglichkeit, in einem Moment eine aktive Rolle einzunehmen, da Asien sich zum global wichtigsten Wirtschaftsfaktor wandelt. Für mich als Holländer ist die Nähe Singapurs zu Indonesien zudem nicht nur historisch, sondern auch familiär von grosser Bedeutung. Mein Vater wurde in Indonesien geboren. Meine Arbeitszeit in Singapur widme ich hauptsächlich der intensiven Urbanisierung und Wirtschaftsentwicklung, die dort gerade stattfindet.»

Was interessiert Sie als Europäer in Asien am meisten?

«Der Unterschied zu Nordwesteuropa. Die Städte in Asien zählen zwischen 1 und 10 Millionen Einwohner und liegen 1000 Kilometer auseinander. In Europa sind es 100 000 bis eine Million Leute und 100 Kilometer Distanz. Hinzu kommt, dass mit dem Erfolg der Billigflieger in Asien das Flugzeug jene Entwicklungskraft erhält, die in Europa die Eisen- bahn einmal hatte. Als Forscher beschäftigen mich die Themen Stadt und Flughafen sowie die transnationalen Verbindungen zwischen den Städtenetzen. Zudem erforsche ich die Gemeinsamkeiten von kulturell, politisch und geografisch unterschiedlichen städtischen Räumen überall in der Welt. Aktuell untersuchen wir die Wirkung von mikroökonomischen Strukturen und städtebaulichen Typologien auf Nachbarschaften. Vergleichbare Phänomene lassen sich in Zürich, Schanghai, Singapur, London oder Berlin beobachten und auswerten. Städtische Vielfalt und Veränderungsprozesse sind dadurch messbar, und wir wissen, an welchen Schrauben Planer und Politiker drehen können, um die Dynamik in einem Stadtquartier zu verbessern.»

An unterschiedlichen Orten zu arbeiten, erlaubt es Christiaanse, sehr schnell und dennoch spezifisch auf einzelne Städte einzugehen. Seine Heimat Holland ist dabei prägend: Wer mit Christiaanse spricht, muss deshalb keine Fragen zu den Niederlanden vorbereiten. Seine Antworten führen früher oder später dorthin. Trotz Lehrstuhl in Zürich und dem Feriendomizil in Feldis hat sich Christiaanse zudem die Freiheit bewahrt, offen über seinen persönlichen Eindruck zum Zustand des hiesigen Alpenlands Auskunft zu geben. Also frage ich ihn nach seinem Schweizbild:

Kommen wir zurück in die Schweiz. Aus Ihrer Sicht sollen die Städte hier besonders schön, gut organisiert und vergleichsweise sicher sein. Was machen wir denn besser als zum Beispiel die Holländer?

«Die Schweiz handelt nicht besser, sie hat lediglich die bessere Ausgangslage. In Holland leben mehr als doppelt so viele Leute, das Land ist flach und die Dichte entspricht etwa dem schweizerischen Mittelland. Als traditioneller Zufluchtsort für Menschen aus aller Welt ist die holländische Gesellschaft konfliktanfälliger, die Raumplanung komplexer als anderswo, und Stadterweiterungen sind oft von heftigem politischen Widerstand begleitet. In der Schweiz ist die Raumordnung auf Konsens ausgerichtet. Ich glaube, das Verhältnis zwischen unberührter Natur und der Siedlung ist hier eigentlich sehr entspannt, weil über 800 Meter über Meer auf einer grossen Fläche kaum gewohnt wird. Zudem sind es in den Zentren von Zürich, Basel oder Genf jeweils nur 15 Minuten zu Fuss in die Natur. Eine unglaubliche Qualität! Mich erstaunt, dass die Schweiz davon spricht, wie schlimm und gefährlich die Zersiedlung geworden ist. Aus meiner Sicht befindet sich die Schweiz in einem raumplanerisch gut beherrschbaren Zustand.»

Und wo gilt es dennoch anzusetzen?

«Bei den Fehlern. So führt die bäuerlich geprägte Bodenpolitik dazu, dass der Umgang mit Land zum Beispiel in Zug oder Wollerau aufgrund einseitiger ökonomischer Interessen ‹texanisch› anmutet. Der Steuerfuss ist niedrig, was Leute anzieht, die Steuern sparen wollen, was wiederum einen Bauboom auslöst, der als Selbstverständlichkeit hingenommen wird. Die Raumplanung in der Schweiz kann also genauso schlecht funktionieren wie anderswo. Eine zweite Herausforderung ist das Aus- ufern der Gewerbeaktivität im schweizerischen Mittelland. Im Umgang mit der aktuellen Nachfrage hat die Schweiz keine Tradition. Jedoch verfügt sie über weit entwickelte Planungsinstrumente. Rotterdam könnte sich einen Richtplan wie im Kanton Zürich nur wünschen. Baugebiete und Nichtbaugebiete sind darin ebenso festgelegt wie die Forderung, bestehende Siedlungen nach innen zu verdichten. Auf diese Art und Weise mit Wachstum umzugehen ist vorbildlich.»

Wie wirkt sich das ‹Ja› zur Revision des Raumplanungsgesetzes aus?

«Aus meiner Sicht ist der Volksentscheid vom 3. März eine Bestätigung dafür, was vorher – zum Beispiel mit dem Raumkonzept Schweiz – bereits erarbeitet wurde. Ich glaube, die Bevölkerung ist sich nach der Zweitwohnungsinitiative und der Raumplanungsgesetz -Revision ihrer Aufgabe sehr bewusst. Man muss aufpassen, dass die Landschaft nicht überbaut wird. Bei der Umsetzung werden konsensbasierte Konzepte sehr wichtig sein, weil Gesetze und Vorschriften zu wenig flexibel sind.»

Das Wallis hat Christiaanse – politisch korrekt und belesen wie er ist – von seiner allgemeinen Einschätzung der schweizerischen Befindlichkeit in Sachen Raumentwicklung ausgenommen. Und er erwähnt, dass aus Sicht einer nachhaltigen Entwicklung sogar in Zürich Fehler begangen werden, etwa bei der Entwicklung von Grosssiedlungen in Glattbrugg oder Affoltern, die, so Christiaanse, hauptsächlich die Nachfrage im Massenwohnungsbau befriedigen würden. Trotzdem: Beim Zuhören schleicht sich heimlich das Gefühle an, dass wir in der schweizerischen Raumplanung über Luxusprobleme debattieren: Es wird landauf und landab fleissig geplant, investiert und gebaut; Instrumente wie das „RES“ (Raumentwicklungsstrategie) für Zürich sind im Vergleich mit anderen europäischen Städten vorbildlich. Keine Anzeichen also von härteren Zeiten, alles im Butter. Ich frage nach.

Können wir uns, trotz Fehler, weiterhin auf eine stabile urbanistische Schönwetterlage einstellen?

«Die Frage ist, ob die schweizerische Insel der Prosperität bestehen bleibt. Als Schönwetter-Urbanismus würde ich die Situation im Städtebau nicht bezeichnen. Wir werden kaum eine endlose Wachstumsphase erleben, die in eine ebensolche Urbanisierung führt. Dazu ist die Weltlage für Europa zu schwierig: Die Industrie droht allmählich wegzubrechen, wenn sie nicht modernisiert, sprich automatisiert, wird. Die Chancen der Schweiz liegen im technologischen Vorsprung, zudem unter anderem in der Produktion von sauberer und günstiger Energie. Die Gebäudetechnologie ist heute so weit entwickelt, dass in wenigen Jahren zu normalen Baupreisen sämtliche Gebäude zu Energieproduzenten umgerüstet werden könnten. Ich persönlich glaube zudem an den Mythos, dass alles, was du hast, in der Schweiz am sichersten ist.»

Besser kann man den USP der Schweiz nicht auf den Punkt bringen und in die Zukunft denken: Eine Schweiz als urbane Stadtlandschaft, gespickt mit qualitativ hochstehenden, sprich rentablen Immobilienobjekten, die technisch sehr hochwertig sind. Christiaanse präzisiert, dass mit diesem Szenario der Trend in Richtung Urbanisierung einhergeht: Menschen ziehen wieder vermehrt in die Stadt. Jedoch nicht, weil sie genug vom Landleben haben, sondern weil sie die Ökonomie der Stadt dorthin zieht: feine Netzwerke, kurze Wege, Beziehungsmöglichkeiten, die Nachfrage nach immer neuen Dienstleistungen. Zudem sei es in der Stadt sauberer geworden, die Luft noch besser, die Ausbildungsmöglichkeiten vielfältiger, die Dichte an Erlebnissen höher. Für Christiaanse passe die Beschreibung derartiger urbaner Verhältnisse in unserem Land nicht nur für städtische Zentren, sondern zunehmend für die ganze Stadtlandschaft Schweiz: Freitag sei ja auch nach Oerlikon gezogen. Wieso also nicht von einer urbanisierten Schweiz träumen, die als rentable, sichere und erholsame „Desakota“ für Menschen aus aller Welt funktioniert? Die Idee ist nicht neu.

Was kann das für die Zukunft bedeuten?

«Rem Koolhaas hat einmal einen Plan von Europa gemacht. Darauf sind die Alpen mit der Schweiz als Central Park dargestellt. Das Stadtland Schweiz wäre demnach aus der Sicht von Europa ein urbanisierter Landschaftspark, eine ‹Desakota› mit privilegierten Erholungs-, Arbeits- und Wohngebieten.»

Apropos Rem Kohlhaas: Christiaanse ist nicht nur Professor für Städtebau, der Phänomene der Stadt erforscht und vermittelt. Als Architekt ist er im Büro von Rem Koolhaas gross geworden. Als Masterplaner realisiert er heute, was er dabei gelernt und erfahren hat. Die eigenen Büros sind in Amsterdam, Zürich und Shanghai stationiert.

Sprechen wir über Ihre Arbeit als Masterplaner. Wie bringen Sie die Anforderungen an Planungen und Ihre fachliche Offenheit mit den menschlichen Bedürfnissen nach Ordnung und Orientierung zusammen?

«Mit Erfahrung und einer eigenen Herangehensweise. Anders als die traditionelle Stadtplanung sichern wir zuerst die räumliche und bauliche Substanz, von der wir meinen, dass sie nicht berührt werden darf. Was dann übrig bleibt, überführen wir schrittweise in eine vernünftige Raum- und Baustruktur. Diese Strategie ist sehr effektiv, und der Masterplan hat sich als Instrument bewährt. Architekten können am besten damit umgehen, weil ein guter Städtebauer ein Ex-Architekt ist. Anders als ein Architekt, der sich für sein schönes Objekt interessiert, setze ich als Masterplaner den kollektiven Mangel an Geschmack so um, dass etwas Schönes daraus entsteht. Dabei nehmen wir in unserem Büro raumplanerische Themen aus den Sozial- und Ingenieurwissenschaften in unsere Arbeit auf. Wir sind deshalb keine Soziologen, haben aber ein Wissen über die Stadtsoziologie. Ein Masterplan ist zu 50 Prozent ein städtebaulicher Entwurf und zu 50 Prozent Prozessentwicklung. Derjenige, der einen Masterplan macht, muss demzufolge Prozesse moderieren können.»

Als Moderator haben Sie eine starke Position und die Macht des Planers.

«Die Position des Planers und Moderators ist eine Machtposition, die manchmal in die Ohnmacht führt.“

Und wieder kennt Christiaanse ein Zitat von „Kollege“ Rem Koolhaas: „Die Position des Architekten bewegt sich zwischen Omnipotenz und Impotenz“. Und weiter:

„Als Masterplaner bin ich nur einer von mehreren Akteuren und deshalb nie alleine wirksam. Wer dies verstanden hat, weiss eher, wo eine Weiche erfolgreich zu stellen ist, damit eine gewünschte Wirkung erreicht wird. Wer denkt, er könne alles kontrollieren, wird hoffnungslos scheitern. Die Macht des Masterplaners oder des Masterplans liegt in der Möglichkeit, den Prozess der Raum- und Bauentwicklung zu moderieren. In dieser Rolle bin ich die Vertrauensperson der Öffentlichkeit und nicht des Stadtpräsidenten, des Investors oder des Gestalters.»

Und woran messen Sie in dieser Rolle Ihren Erfolg?

«An den realisierten Projekten. Für mich war immer entscheidend, Projekte zu implementieren und so lange wie möglich am Prozess hängen zu bleiben, auch wenn das oft schwierig und manchmal sogar frustrierend ist. Die Bauaufträge und Honorare gehen ja dann letztlich an die Architekten. So gesehen ist die Disziplin Städtebau zu Unrecht schlecht bezahlt und die rechtliche Position als Autor eines Masterplans leider oft sehr schwach.»

Ich habe extra nachgefragt, ob ich über die schlechte Bezahlung im Städtebau schreiben darf: „Natürlich“, so Christiaanse, der schon über zehn Jahre bei der Entwicklung der Hafencity in Hamburg mit dabei ist. Beim Masterplan für die Europaallee sei die Bezahlung allerdings in Ordnung gewesen.

Wie beurteilen Sie das Resultat an der Europaallee in Zürich?

«Ich bin zu 100 Prozent überzeugt,  dass  die Europaallee als Quartier und Ergänzung zum Stadtzentrum funktionieren wird. Für unseren Masterplan ist typisch, dass die Qualität und die Ausgestaltung der Übergänge zwischen Öffentlich und Privat stimmen. Der Raum muss dazu sehr gut strukturiert und die Zwischenräume so organisiert sein, dass die Menschen sie sich aneignen und Aktivitäten entfalten. Wenn die Erdgeschosse im Übergang zwischen Öffentlich, Halböffentlich und Privat stimmen, ist dies ein positiver Indikator für das ganze Stadtquartier.»

Natürlich interessiere ich mich für seine bisher besten Arbeiten: Christiaanse empfiehlt mir, seine ECO-Siedlung in Amsterdam anzuschauen, die dortige Qualität und Ausgestaltung der Übergänge zwischen Privat und Öffentlich, die Struktur und Anordnung der Baufelder. Christiaanse ist dann besonders stolz auf seine Entwürfe, wenn die Erdgeschosse gut funktionieren. Aktuell ist er vor allem mit dem TGV-Quartier in Montpellier beschäftigt. Und in der Schweiz? Sein Ferienhaus in Feldis ist bisher sein einziges Bauwerk als Architekt. Wie ist das möglich? Für Christiaanse sind Masterpläne sein Hauptberuf und die Architektur „ein Hobby“, wie er sagt. Dass sein Zürcher Büro mit Wettbewerbsbeiträgen in der Schweiz (z.B. für Würth in Rorschach) bisher erfolglos war, sieht der Architekt dennoch selbstkritisch. Zuwenig ökonomisch effizient, zuwenig programmtreu und gegenüber der Schweizer Konkurrenz in der Gestaltung zu romantisch-plastisch, seien die Entwürfe bisher wohl gewesen. Oder liegt es einfach daran, dass für den an „Amerika orientierten“ Städtebauer in der Schweiz zu wenig Hochhäuser gebaut werden?

Wir haben bis jetzt noch gar nicht über Hochhäuser gesprochen.

«Für mich sind Hochhäuser nichts Besonderes, sie sind normal. Was damit zu tun hat, dass ich im Office of Metropolitan Architecture (OMA) aufgewachsen bin und mich eher an Amerika orientiere. In der Schweiz wundert mich die Aufregung über Hochhäuser immer wieder. Der Prime Tower in Zürich ist mit seinen 126 Metern doch nur ungefähr ein Viertel so hoch wie der Uetliberg! Andererseits zeigt man sich gegenüber höheren Bauten dann doch offen, sonst gäbe es die neuen Hochhäuser in Zug und auf der Luzerner Allmend nicht.»

In Luzern sind sie architektonisch jedoch zu kurz geraten.

«Stimmt. Es ist oft so, dass die Höhe letztlich einen politischen Konsens darstellt. Bei der Europaallee waren am Anfang Höhen bis zu hundert 100 Metern geplant, der Kompromiss lag letztlich bei 40 bis 60 Metern. Die Herausforderung von Hochhäusern ist jedoch die Art und Weise, wie sie auf den Boden treffen. Mischnutzungen in den Sockeln sind wichtig – und Schlankheit. Zudem sind Hochhäuser städtebauliche Zeichen und dienen der Orientierung, so wie auf meinem Weg nach Feldis die beiden neuen Hochhäuser in Chur: Die finde ich ganz ok».

Biografie

Prof. Kees Christiaanse (60) studierte Architektur und Stadtplanung an der TU Delft. Bis 1989 arbeitete er für das OMA in Rotterdam, 1983 wurde er dort Partner. Fünf Jahre später gründete er das Büro Kees Christiaanse Architects & Planners mit Sitz in Rotterdam, Shanghai und Zürich. 1996 bis 2003 lehrte er an der TU Berlin, seit 2003 ist er Professor an der ETH Zürich. 2009 war Christiaanse Kurator der Internationalen Architektur Biennale Rotterdam. Seit 2011 vertritt er die ETH als Programmleiter des Future Cities Laboratory in Singapur. Neben seiner Arbeit als Architekt gilt sein Fokus urbanen Prozessen in komplexen städtebaulichen Situationen. Beispiele sind die Hafenrevitalisierung Pakhuizen Oostelijke Handelskade, das Raumplanungskonzept Flughafen Schiphol in Amsterdam, der Masterplan HafenCity in Hamburg, die Nachnutzung des Olympischen Dorfes 2012 in London und der Masterplan für die Europaallee in Zürich. www.kcap.eu.

Feldis, 9. März 2013

Winy Maas über die unternehmerische Stadt

Was macht die Identität, das Wesen einer Stadt aus? Das Büro für Stadtfragen hat dazu Winny Maas befragt. Der Holländer ist Mitgründer der Rotterdamer Architekten MVRDV. Das Interview ist 2012 im Buch «Stadtidentität der Zukunft» erschienen (M.L. Hilber, G. Datko (Hrsg.): Stadtidentität der Zukunft. Wie uns Städte glücklich machen, Berlin, 2012).

Bilder: Büro für Stadtfragen, Barcelona 2009

Thomas Stadelmann (sta): Was wir bei Menschen allgemein unter «Identität» verstehen, handelt von der Wahrnehmung des eigenen Wesens. Verrätst du uns mit einem Bild, wie du hier und jetzt aussehen würdest, wenn du ein Haus wärst?

Winny Maas: Wie ein holländischer Wohnwagen: klein, kompakt, mobil und nur mit dem Notwendigsten ausgestattet.

Die räumliche Identität einer Region, einer Stadt oder eines Ortes handelt ebenfalls von Wesentlichem. In welcher Form existiert die «Identität einer Stadt», über die wir hier sprechen wollen?

Das Wesen der Stadt ist ein unglaubliches Wort. Wir Architekten suchen danach, weil es den Kern der urbanistischen Identitätsfrage trifft: Worin besteht die Eigenartigkeit, der Charakter, die Substanz eines Ortes, einer Aufgabe? Mögliche Antworten suchen und finden wir mithilfe von Untersuchungen und Experimenten. Für mich steht fest, dass das, was wir unter Stadt verstehen und antreffen, heute ein anderes Wesen hat als vor hundert Jahren. Städte denken und handeln unternehmerischer, wollen sich unterscheiden und engagieren deshalb Büros wie MVRDV, um ihr Wesen als «Stadt.inc» zu identifizieren, in die Zukunft zu denken und zu vermarkten. Bei der Herangehensweise fallen mir drei Ähnlichkeiten auf: Städte haben durch ihre Bedeutung, Wahrnehmung und Wirkung heute eine Zentrumsfunktion, die das eigene Hoheitsgebiet weit überragt, und sie verstehen sich meistens als Einstiegsportal für das Hinterland. Zudem gibt sich beinahe heute jede Stadt grün.

Trotz dieser Ähnlichkeiten: Um zu Wesentlichen einer Stadt vorzudringen, besteht die wichtigste Aufgabe darin, jene Verschiedenheiten zu untersuchen und zu gewichten, die eine Identität letztlich ausmachen.

Stadtidentität ist demnach eine gedankliche Abstraktion, ein Wunschbild von Stadt, dass politisch-planerisch, baulich und durch Kommunikation mobilisiert wird?

«Abstraktion», «Wunschbild»: beides sind passende Worte. Der eigentliche Motor in einem Identitätsprozess ist jedoch die Hypothese zur Wirkung einer inhaltlich-räumlichen Spezialisierung. Sie geht davon aus, dass ein Raum erst dann konkurrenzfähig ist, wenn er sein eigenes Wesen, kennt, eigene Standpunkte vertritt und dadurch Spezialitäten für das Wohnen und Arbeiten, für Industrie und Gewerbe oder für die Kultur anbieten kann. Die Abstraktion in der Analyse und im Entwurf von Stadt ist also nur das Mittel, um entsprechende Wunschbilder, Planungen, Projekte und Aktivitäten zu definieren. Wie wahr und richtig der Ansatz der Spezialisierung bzw. der Differenzierung in der Stadtentwicklung ist, gilt es in jedem Fall einzeln zu beobachten und in der Theorie kritisch zu untersuchen (Anm: Winy Maas verweist auf die Arbeit von Saskia Sassen).

Die Globalisierung hat dazu beigetragen, dass traditionelle Bild- und Raumkonzepte für die Arbeit an der Stadt in Frage gestellt werden. MVRDV ist gerade deshalb zu einem weltweit in der Architektur- und Stadtproduktion tätigen Büro geworden. Kannst du das erklären?

Die Frage lautet: Warum braucht man in China ein holländisches Büro wie MVRDV? Meine Antwort lautet: für zwei Dinge. Erstens, um vor Ort mithilfe einer Aussenperspektive darüber reden zu können, was an einer Stadt, an einer Aufgabe in Peking, Melbourne, Bordeaux oder Zürich speziell ist. Wie bereits gesagt, geht es dabei um die Positionierung im Konkurrenzkampf zwischen Standorten. Zweitens ist das Phänomen weit verbreitet, dass Städte und Standorte weltweit anerkannte Kunst- und Kulturgüter und damit auch Städtebau und Architektur sammeln. So wollen Stadtoberhäupter in ihrer Kollektion nicht nur einen Picasso haben, sondern zudem vielleicht noch ein Gebäude von Zaha Hadid. MVRDV ist nicht aufgrund der Ähnlichkeit und Erkennbarkeit einzelner Gebäude zu einem weltweiten Sammlungsobjekt geworden. Im Rahmen der urbanistischen Globalisierung haben wird uns durch die Kombination von Architektur- und Identitätsproduktion eine spezielle Rolle und spezielle Marktchancen erarbeitet. Dass wir weltweit angefragt werden, wenn es darum geht, die Zukunft einer Stadt zu definieren, hat auch damit zu tun, dass Städte offener geworden sind, weil sie gleichzeitig in verschiedenen Betrachtungsräumen denken und handeln müssen. Das gilt auch für die Schweiz: Zur Identität von Basel gehört ebenso die traditionelle Fasnacht, die Entwicklung als Metropolitanraum, der Auftritt der Stadtregion und als Standort der globalen pharmazeutischen Industrie. Gewiss hatten viele Städte diese unterschiedlichen Rollen schon früher. Mit der Globalisierung und dem zunehmenden Wettbewerb um Märkte und um Aufmerksamkeit hat sich jedoch das Bewusststein für die Bedeutung und die Struktur dieser Rollen deutlich verstärkt.

…und damit die Konkurrenz untereinander. Geht es bei der Stadtplanung und beim Entwurf von Architektur deshalb weniger um Funktionen und mehr um die Darstellung von Marktvorteilen und Reputation?

Nein, aber die Konkurrenz ist immer der Motor für räumliche Veränderungen. Ohne Konkurrenz gibt es die Furcht nicht, zu spät zu sein. Sie sorgt deshalb für einen gewissen Druck, für Neugier, eine gewisse Beschleunigung im Denken und Handeln und dafür, dass neue Ideen die notwendige Anziehungskraft erhalten. Erst dann können unternehmerisch denkende Städte und Standorte produktiv werden. Und für uns und unsere Auftraggeber werden städtebauliche und architektonische Themen und Aufgaben ebenfalls zu Unternehmen. Unter dem Primat der Konkurrenz ist Stadtplanung gewissermassen als Stadtproduktion zu verstehen.

Rem Koolhaas Ende hatte Ende der 1990er Jahre die Aufgabe, der sich die Architektur mit der Dominanz der Weltökonomie stellen muss, als «manufacturing identities» bezeichnet und den Zeitgeist mit dem Claim Y€$ auf den Punkt gebracht. Heute befindet sich das globale Finanzsystem in der Krise. Steckt das Konzept der Identitätsproduktion durch global tätige Architekten ebenfalls in der Krise?

Ich bin mir nicht sicher, ob die Weltökonomie in der Krise steckt. Für mich persönlich ist der Prozess der wirtschaftlichen Globalisierung nicht zu Ende. Zudem bedaure ich, dass aktuelle Analysen und Vergleiche etwa mit der Krise in den 1920er Jahre oft Angstmacherei sind und nicht den Versuch unternehmen, über die Zukunft nachzudenken. Aus meiner Sicht droht Europa nicht zu implodieren, die europäische Krise führt nicht zu einer De-Globalisierung, Ich denke eher, dass die gegenwärtigen Veränderungen der Globalisierung noch mehr Aufwind verleihen. Wenn ich selbst erlebe, wie Banken z.B. in Südamerika aktuell mehr Land kaufen als zuvor, dass Regierungen in Afrika mehr investieren als noch vor kurzer Zeit, schliesse ich daraus, dass an neuen Orten, neue Chancen und Wege gesucht werden, um Siedlungsgebieten eine zukunftsfähige Identität zu geben. Rem Koolhaas’s urbanistisches Programm «manufacturing identities» ist deshalb aus meiner Sicht immer noch gültig – und es ist der falsche Zeitpunkt, um eine Wende herbeizureden.

Vor zehn Jahren standen für MVRDV die Themen «Mobilität», «Verdichtung» und «Vernetzung» von realen und virtuellen Welten im Vordergrund; futuristische Projekte wie die Einmillionenstadt «MIXMAX»; räumliche Visualisierungen von Mediengalaxien, Datensätzen und Diagrammen zur Zukunft der Stadt. Was hat sich an deiner Arbeit seither verändert?

Augenfällig ist, dass sich durch die ökologische Bewegung das Ausmass der Datenerhebung erweitert hat und uns in unserer eigenen Arbeit zusätzliche Daten zur Verfügung stehen. Heute können wir messen, welches die grünste Stadt Europas ist. Die grössere Nachfrage nach Daten vor allem in Europa ist ein Indiz dafür, dass die Konkurrenz unter dichten, wirtschaftlich prosperierenden Gebieten grösser geworden ist. Damit ist auch die Nachfrage nach einem möglichst sicheren Gefühl bei der Positionierung und dem Entscheid für oder gegen Zukunftsprojekte gestiegen. Monitoring in raumrelevanten Fragen ist in den letzten zehn Jahren zum Normalfall geworden. Zudem haben wir die Art und Weise, wie wir aus Daten räumlich relevante Kriterien ableiten können, in den letzten Jahren deutlich verbessert. So misst und vergleicht heute der ökologische Fussabdruck das, was wir bereits vor zehn Jahren als Architekten visualisiert haben.

Im direkten Umfeld unserer Arbeit ist zudem die nächste Generation von Architektinnen und Architekten herangewachsen. Sie ist weniger an den grossen Perspektiven, Visionen und Projekten wie «Meta City Datatown» interessiert. Irritiert durch die Macht der Medien, den Kult um weltweit tätige Stararchitekten konzentriert sich ein beträchtlicher Teil dieser Generation reaktionär auf lokale Aufgaben und hat dazu eine klare Botschaft: „Lass uns auf dem Boden der Realität arbeiten“. Aus meiner Sicht ist es deshalb eine aktuelle Aufgabe im Städtebau und in der Architektur, gleichzeitig mit gegenläufigen Tendenzen argumentieren zu können.

Würden die Zukunftsszenarien zur Schweiz, die MVRDV 2003 an die Publikation «Stadtland Schweiz» (Avenir Suisse, 2003) beigetragen hat, deshalb heute anders ausfallen?

Das ist eine gute Frage, weil ich die Arbeit in meinen Präsentationen immer noch als gutes Beispiel für den urbanistischen Umgang mit Daten zeige. Interessant ist, zu sehen, welche Reaktionen unsere Provokationen von damals in der Diskussion zur Zukunft der Schweiz ausgelöst haben. Eine davon ist in der Arbeit ablesbar, die das Studio Basel um Jacques Herzog, Pierre de Meuron und Marcel Meili seither geleistet hat. Unsere Zukunftsszenarien haben bestimmt mitgeholfen, räumlich auf eine neue Art und Weise über die Schweiz zu debattieren. Aus heutiger Sicht könnte ich mir für die Schweiz zusätzliche zu den bereits 2003 formulierten Thesen denken und entsprechende Projekte präziser visualisieren.


«Kommunikation ist der einzige Weg, um Städtebau und Architektur zu betreiben» ist ein Satz von dir. Im Zusammenhang mit der Identitätsdiskussion im Städtebau und in der Architektur kennen wir weitere Schlüsselbegriffe. Was fällt dir zu «Branding» als Kommunikationsprozess ein?

Branding ist zunächst ein gefährliches Wort, das bei vielen Berufskolleginnen und -kollegen negative Gefühle auslöst. Ich verbinde damit zuerst Werbeleute in schwarzen Anzügen und schlimmen Hemden, die grosse Worte ohne Inhalt machen. Im Städtebau wird Branding deshalb dann gefährlich, wenn Architekten ihre Konzepte mit einem einzigen Schlagwort zu erklären versuchen. Branding erhält sogar demagogische Züge, wenn damit Inhalte verkürzt oder unterdrückt, polarisiert und letztlich popularisiert werden. Branding als Kommunikationsprozess kann dann Realitäten verhüllen und wesentlichen Inhalten im Städtebau und in der Architektur widersprechen. Branding ist als Technik aus meiner Sicht ein Gewinn, wenn sie eingesetzt wird, um gemeinsame Standpunkte zu klären, zu vermitteln und räumlich umzusetzen. Dies gilt vor allem für die Erneuerung von öffentlichen Räumen in einer Zeit, in der wir als mobile Menschen unsere eigene Realität immer stärker und gleichzeitig individuell und räumlich zersplittert erleben.

Branding ist als baukultureller, sozialer und ökonomischer Identitätsbildungsprozess sehr sinnvoll, wenn gemeinschaftliche Zwecke fachlich wie emotional zugänglich gemacht und realisiert werden können. Im Städtebau und in der Architektur kann ein professionelles Branding daran gemessen werden, ob und in welchem Ausmass Planungen und Projekte eine höhere Qualität erhalten, d.h. für einen Ort authentisch sind und bessere Chancen für die Umsetzung erhalten.

Weil die Werbung mit austauschbaren Bildern arbeitet, haben Architekten in Brandingprozessen eine wichtige Aufgabe. Nur der Städtebau und die Architektur können räumlich zeigen, wie eine Stadt aussieht oder aussehen könnte, wenn man einer Hypothese, einer Botschaft bzw. einem Branding folgt.

Authentizität ist ein weiteres Zauberwort in der Identitätsdiskussion. Wie authentisch, d.h. auf ein Unternehmensziel, auf gemeinschaftliche Ziele oder auf sich selbst bezogen kann Städtebau und Architektur überhaupt sein, ohne autistisch, d.h. kommunikativ in sich selbst eingeschlossen zu werden?

Ich verstehe gut, dass von Projekten, die den Menschen Orientierung und Sicherheit in einer prinzipiell chaotischen Welt geben sollen, gefordert wird, dass die städtebaulichen und architektonischen Inhalte stimmig auf einen Ort, einen Zeitpunkt bzw. auf die Interessen und Wünsche von Zielgruppen abgestimmt sind, sprich: authentisch sind. Gleichzeitig ist Authentizität ein schwieriger Anspruch, weil sich die Wahrnehmung von Echtheit und Glaubwürdigkeit schnell und kontinuierlich verändert. Authentizität kann ich deshalb weniger als Qualitätsmerkmal eines Produkts oder eines Projekts beschreiben, sondern eher als Fähigkeit und Funktion von Personen oder Gruppen, sich mit der nötigen Geschwindigkeit auf Veränderungen in der eigenen Umwelt einzulassen. Ein authentisches Projekt oder Produkt bietet in diesem Sinn eine Art Hilfestellung für Menschen an, Veränderung in einer Mischung von Widerstand und dem absoluten Gefühl, Teil des Neuen zu sein, erleben zu können.

«Freitag» ist für mich z.B. eine sehr authentische Marke. Sie hat ein eigentliche «Freitag-Generation» geprägt, an die wir bei unserer Planung auf dem Basler Dreispitz-Areal gedacht haben. In Seoul wurden wir beauftragt, das Erscheinungsbild unseres Hochhausprojekts an die künftige Generation anpassen, d.h. authentischer zu gestalten. Grund? Unser Kunde hatte Bedenken, dass der architektonische «Wolkenbügel» die Bedeutung des Ortes derart steigern könnte, dass die Preise für die Freitag-Generation zu hoch ausfallen würden und deshalb zu viele zwar vermögende, jedoch ältere Leute einziehen.

Autistisch, d.h. in der Kommunikation mit der Umwelt gestört, sind Eingriffe in die Stadt dann, wenn Konzepte und Bauten mehr und lauter über den Entwerfenden sprechen als über die Stadt, ihre Zukunft, ihr Programm und die vielfältigen Wünsche der Bewohnerinnen und Bewohner.

Das Hochhaus als «Wolkenbügel» ist ein starkes Bild. Bei MVRDV tragen andere Projekte Namen wie «pig city», «mountain book» oder «city sofa». Welche Rolle spielen sprachliche und räumliche Bilder in der Produktion von Stadtidentität?

Eine zentrale Rolle. Als Architekt interessiert mich die Herausforderung, mehr als das nutzungsneutrale, architektonisch und städtebaulich integrierte Gebäude zu machen. MVRDV entwirft und produziert städtebauliche Konzepte und Gebäude, die innovative Bilder für die Neuinterpretation einer Stadt anbieten. Unsere Architektur kann dadurch ikonisch für das Neue, vielleicht für das Zauberhafte oder sogar für ein Weltwunder stehen. Uns ist es recht, wenn Bilder dazu verwendet werden. Selbstverständlich kenne ich die Bedenken, dass mittels Architektur stilisierte Zukunftsbilder eine zeitlich und inhaltlich beschränkte Wirkung und Legitimation besitzen. Uns beschäftigt die Frage sehr, mit welcher Botschaft, mit welcher Architektur wir es schaffen, unmittelbar und nachhaltig Wirkung zu erreichen. In diesem Spannungsfeld verfügt die Architektur über ein fantastisches und zeitgemässes Thema. Unser Ziel sind Bauten und Projekte, die beispielhaft einen Beitrag an die kritische Diskussion um Urbanität und Architektur ermöglichen. Dazu wünsche ich mir als Gegenüber wieder die entsprechenden Architekturkritiker in der NZZ oder in der New York Times. Ich meine, dass der Spagat zwischen dem inhaltlich zugespitzten Temporären und dem langfristig Gesicherten und Nutzungsneutralen einer Stadt oder einer Architektur ein grundlegendes Thema unserer Zeit darstellt, das mehr Öffentlichkeit verdient.

Stadtidentitäten gibt es so viele wie Stadtwahrnehmungen und Menschen. Entsprechende Konzepte sind jedoch oft für eine gewisse Zielgruppe und temporär gültig. Welchen Stellenwert hat die temporäre Stadt für die Diskussion über Identität?

Die temporäre Stadt ist heute eigentlich kein Thema. Es wird viel und intensiv über zeitgenössische Architektur, über den urbanistischen Zeitgeist und darüber, wie die Zukunft der Stadt aussehen soll, geredet. Während Bauten vielerorts für die Ewigkeit gebaut werden, können wir im Städtebau ebenso wie in der Wirtschaft nicht über die nächsten 100 Jahre reden, sondern im besten Fall über die nächsten 20 bis 30 Jahre. Das Spielfeld in unserer Arbeit ist deshalb durch die Kombination von Zeitgeist und naher Zukunft definiert. Städtebau und Architektur schlagen die Brücke zwischen heute und morgen. Aktuell ist die entsprechende Nachfrage nach der Restrukturierung bestehender Siedlungsgebiete in Europa enorm. Vielleicht erleben wir in den kommenden Jahren deshalb den letzten Versuch, das erfolgreiche europäische Modell der Kleinstadt mit 500’000 bis zu einer Million Menschen weltweit zu verwirklichen.


Kommen wir zu einzelnen Beispielen aus der Praxis. Welche würdest du in einer Vorlesung zum Thema «Identität im Städtebau und in der Architektur» erwähnen?

Ich würde niemals eine Vorlesung zu diesem Thema halten. Aber ich kann Beispiele aus unserer Praxis nennen, die von Stadtidentität handeln. Momentan bereiten wir im Auftrag der EU einen städtebaulichen Projekt- und Kriterienkatalog vor, der darüber Auskunft geben soll, wie sich das künftige Europa im Vergleich zu China, Asien oder Amerika profilieren kann. Themen wie Kleinmassstäblichkeit, Durchmischung, Vielfalt, Verdichtung und Identität werden darin eine Rolle spielen. Vielleicht werden wir vorschlagen, Strassen wieder sechs, statt 40 Meter breit zu bauen. Zudem werden wir das Konzept der «Spiegelstadt» thematisieren; Kriterien und städtebauliche Ansätze für spezielle Orte in Europa, die im Gegensatz zum erwähnten Modell der Kleinstadt stehen: uneuropäisch fremd in der Gestalt, grossmassstäblich und besonders liberal in der Gesetzgebung. Es gehört zur Methode unserer Arbeit, Stadtidentität in Gegensätzen zu denken und zu realisieren – auch wenn es um die räumliche Zukunft von Europa geht.

Ein holländisches Beispiel, das du gut kennst, ist die Retortenstadt Almere ausserhalb von Amsterdam. Sie hat sich vor Jahren mit grossem Aufwand als Pionierstadt positioniert.

Almere ist in den 1960er und 1970er Jahren für die ärmere Bevölkerung Amsterdams gebaut worden. Die Freitag-Generation, die nach Berlin zieht, trifft man dort nicht an: Die Stadt ist langweilig, sozialräumlich problematisch, die Preise sind tief. Das Wesen von Almere ist das Pioniergefühl. Das über Jahre aufgebaute Label «Pionierstadt» ist zugleich die einzige Zukunftschance geblieben. Hinsichtlich der vorhandenen städtebaulichen Vielfalt und der Standortqualität ist Almere für mich nicht interessant. Trotzdem veranschaulicht die Stadt gut, was Stadtidentität bedeuten kann. Zudem ist der Ort ein gutes Beispiel für die Zusammenarbeit von Soziologen, Politikern und Investoren, wenn es die dort noch gibt. Wie lange Almere das über Jahre aufgebaute Image der Pionierstadt noch weitertragen kann, ist eine interessante Frage. Wir haben dort Projekte vorgeschlagen, die das Pioniergefühl und die Freiheit der Einwohner/innen weiterentwickeln. Im Sinn eines organischen Städtebaus sollen die Menschen in Almere künftig nicht nur ihre Wohnungen selbst einrichten und gestalten können, sondern auch ihre Strassen und Wege in der Stadt, ihre Wasserlandschaft und vielleicht sogar ihre eigene Energieversorgung.

Welche Städte beschäftigen dich gegenwärtig am meisten?

Die Stadt Bordeaux. Hintergrund ist das politische Ziel der Stadt, sich gegenüber der Hauptstadt, nur zwei Bahnstunden von Paris entfernt, als Wohnstadt neu zu positionieren. Das Ziel unserer Arbeit ist ein Prototyp für eine zeitgemässe, konkurrenzfähige, südeuropäische Wohnstadt für den Mittelstand. In Oslo zeigen wir auf, welche städtebaulichen Antworten aktuelle Formen der sozioökonomischen Reurbanisierung erfordern. Oslo wird in den nächsten zwanzig Jahren zur reichsten Stadt Europas. Ein gutes Beispiel für eine Stadt, welche die Freitag-Generation durch gezielte Erneuerungen erreicht hat, ist Kopenhagen.

In der Schweiz finde ich Basel interessant, eine Stadt mit grosser Ausstrahlung, die ähnlich wie Rotterdam und Amsterdam, die Polarität zu Zürich braucht, um sich mit eigenen Standpunkten zu profilieren. Basel zeigt, dass sie als Stadt urbanistisch offener und experimenteller sein will als die Konkurrenz in Zürich. Ich weiss nicht so recht, was ich über Lausanne und Genf denken soll. Wichtig ist zu verstehen, dass wir als mobile und neugierige Einwohnerinnen und Einwohner von Europa – ich als Rotterdamer – heute für unsere Bedürfnisse grössere Gebiete als nur eine einzige Stadt brauche, um das Gefühl zu haben, ein Teil der Welt zu sein. Seinen eigenen Grossraum zu spüren, heisst, für ein Freizeiterlebnis nicht nach Nevada abreisen zu müssen. Ich bin überzeugt, dass eine Mehrzahl der Leute in Europa solche Gefühle und Bedürfnisse hat. Wir leisten unseren Beitrag, in dem wir diese einmalige Situation an einzelnen Orten in Europa räumlich definieren. Aus dieser Perspektive erhalten auch lokale Entwicklungen und Projekte in kleinen Städten, in der Bourgonne, im Engadin oder in der UNESCO Biosphäre Entlebuch eine andere Bedeutung und neue Chancen, wenn es darum geht, ihre eigene Identität in die Zukunft zu denken.


Kommen wir zurück zu Winy Maas. Bist du nun mehr Stadtentwickler oder mehr Architekt?

Das habe ich mir heute im Flugzeug überlegt. Ich liebe das Bauen, besonders Projekte wie das «unglückliche Haus», das wir für den in London lebenden Philosophen Alain de Botton gebaut haben. Das Haus schwebt und stellt die Frage, was wichtiger ist, das Wohnen, oder ein Haus, dass den kleinsten ökologischen Abdruck aufweist und den Hasen und Frösche nicht im Weg steht. Mir gefällt auch die landschaftliche Idee, die darin eingeschlossen ist. Städtebau und Architektur: Das eine geht nicht ohne das andere. Besonders wichtig ist mir, dass über Städtebau nicht nur geredet, sondern dass er gezeigt wird. Wir bei MVRDV bauen, worüber wir reden.

Gilt das auch für den holländischen Wohnwagen, als den du gerade in der Schweiz unterwegs bist?

Natürlich nicht. Ich habe in der Schweiz bereits ein eigenes Haus. Der Wohnwagen, den ich als Bild für meine aktuelle Identität eingangs genannt habe, sieht sowieso eher wie ein Sessel in der Businessklasse eines Flugzeugs aus. Und gerade jetzt ist der Tisch, an dem wir sitzen, so etwas wie ein Zuhause. Für mich liegt das Einmalige unseres Zeitalters darin, das wir überall und jederzeit die Freiheit haben, uns ein eigenes Zuhause einzurichten.

Heisst das, dass MVRDV in absehbarer Zeit in der Schweiz bauen wird?

Nein, obwohl wir in Basel und Zürich Wettbewerbe gewonnen haben und ich zeitweise in der Schweiz wohne. In Basel arbeiten wir an einer länderübergreifenden Planung weiter. Enttäuscht bin ich, dass es in Zürich Leutschenbach mit dem Projekt für die SRG nicht weitergegangen ist. Ich vermute, ein Grund, wieso wir in der Schweiz bisher nicht gebaut haben, ist der, dass die Schweiz sich gleichzeitig politisch offen zeigt, jedoch im Städtebau und in der Architektur aus europäischer Sicht letztlich doch zuerst introvertiert denkt und handelt.

Stadtidentitaet der Zukunft, Beispielseiten

Wieso leistet sich Actelion Architektur?

Gute Architektur benötigt gute Bauherren. Business-to-business geht es in dieser Beziehung um spezifische unternehmerische Mehrwerte, um Reputation und damit um den Kampf im Wettbewerb um Aufmerksamkeit. Herzog & de Meuron (HdM) verfolgen in ihrer architektonischen Arbeit deshalb „keine ästhetischen Vorlieben, keinen Geschmack, keine Tabus“, wie sie selbst sagen. Als Autoren des spezifischen Konzepts sind die Architekten legitimiert, gleichermassen ohne Stil gleichzeitig für die Konkurrenten Roche, Novartis und Actelion zu bauen. Das Büro für Stadtfragen hat bei beim Bauherrn Actelion in Allschwil nachgefragt, ob diese These in diesem Fall stimmt, und wie es beim neuen Business Center in Allschwil (2007-2010) zum Direktauftrag an HdM gekommen ist. Fazit aus dem Interview mit Louis de Lassence: Actelion will und kann es sich leisten, mit den besten Architekten für die besten Mitarbeitenden zu bauen.

(sta) Interview mit Louis de Lassence, Vizepräsident, Leiter Corporate Services, Actelion Pharmaceuticals Ltd, Allschwil. 2005 bis 2010 Bauherrenvertreter beim Bau des Business Centers von Herzog & de Meuron Architekten, Basel:

Herr de Lassence: Hat Actelion eine Unternehmensphilosophie, die besagt, dass die Marke und die Unternehmenskultur durch architektonische Zeichen – durch eine Corporate Architecture – zu verdeutlichen ist?

Nein, wir haben keine Corporate-Architecture-Strategie niedergeschrieben. Das sieht man daran, dass wir in der noch jungen Firmengeschichte architektonisch auf Vielfalt gesetzt haben. Das Forschungsgebäude hier in Allschwil wurde zwischen 2002 und 2006 von Burckhardt+Partner AG geplant und realisiert, das Gebäude für die klinische Entwicklung von einem anderen Architekturbüro, ebenfalls aus Basel. Beim Business Center haben wir uns 2005 dazu entschieden, ein besonders innovatives Schlüsselgebäude zu realisieren. Auch dazu gab es keine formulierte Strategie. Entscheidend war der Anspruch, dass die Architektur unsere Unternehmenskultur abbilden sollte. Es ist also nicht etwa so, dass die Architektur uns diktiert, wie wir uns darzustellen haben.

Bei Unternehmen, die ohne ausformulierte Strategie zur Firmenarchitektur auskommen, ist das architektonische Gewissen oft personalisiert. Wer sagt bei Actelion, was für die Firma die richtige, gute Architektur ist?

Am Ende ist es der CEO Jean-Paul Clozel, der entscheidet. Er war von Beginn an involviert, als die Architekten Herzog & de Meuron ihre ersten Entwürfe präsentiert haben.

Wie hat Actelion über die vorgeschlagene Architektur diskutiert?

Sobald die ersten Skizzen vorlagen, wurden der Verwaltungsrat und das Management in den Entscheidungsprozess einbezogen. Wir realisieren ein Schlüsselgebäude nicht einfach top down ohne eine Diskussion. Es wurde von Anfang an viel über die Architektur diskutiert. Interessant war, dass wir alle vom präsentierten Projekt überzeugt waren, weil es genau unseren Anforderungen und der Unternehmensidentität von Actelion entspricht: Das Business Center handelt von Innovation und verkörpert baulich, was Kommunikation für das Unternehmen und unsere Mitarbeitenden bedeutet.

Und die Kosten?

Was das Budget angeht, so können wir uns das Business Center, so wie es geplant und realisiert wurde, leisten.

Gemäss Jacques Herzog ist Actelion ein Unternehmen, das „seine Identität gerade entwickelt und architektonisch an einem Ort festmachen möchte“ (NZZ, 14.2.2010). Hatte Actelion in den ersten zehn Jahren der Firmengeschichte demnach noch keine eigene Identität?

Actelion hatte selbstverständlich schon lange vor dem Business Center eine starke Identität. Schliesslich sind wir das grösste Biotechnologieunternehmen in Europa, und wir wachsen sehr schnell. Deshalb sage ich es nochmals: Bei Actelion kommen zuerst die Unternehmensziele und dann die Architektur. Mit dem Business Center von Herzog & de Meuron ist es uns gelungen, die bestehende Identität des Unternehmens gewissermassen baulich zu spiegeln.

Wie der CEO Jean-Paul Clozel und Sie selbst haben einige Führungskräfte bei Actelion zuvor langjährige Erfahrungen bei Roche gesammelt. Worin unterscheiden sich die Identitäten von Actelion und Roche?

Actelion ist viel kleiner als Roche. Wir haben allerdings mehr Raum und legen Wert auf eine schlanke Organisation mit flachen Hierarchien, einen möglichst direkten Zugang zur Führung und auf ein hohes Mass an Interaktion und Durchlässigkeit. Dadurch leisten wir uns für unsere Mitarbeitenden viel Freiraum zur Entfaltung von Eigeninitiative und Kreativität. Es herrscht eine ganz andere Stimmung. Bei uns kennen sich die Mitarbeitenden noch weitgehend persönlich, obwohl wir bald 2400 Beschäftigte zählen.

Das heisst, die Mitarbeitenden haben bei Actelion in vergleichbaren Positionen mehr Platz in ihren Büros als bei Roche?

Ja, das ist wohl so, weil das Raumangebot bei uns weniger standardisiert ist. Allerdings kann sich Roche bestimmt auch grössere Büros leisten, wenn die Firma das will. Der Komfort am Arbeitsplatz ist jedoch nicht eine Frage der Firmengrösse, sondern die direkte Antwort auf die Frage, wie wichtig es dem Unternehmen ist, dass die Mitarbeitenden einen für sie möglichst idealen Arbeitsplatz vorfinden.

Das Business Center ist ein flacher Gebäudestapel, der vielfältige Raum- und Sichtbezüge und einen zentralen Innenraum schafft. Roches neustes Projekt Bau1, ebenfalls ein Entwurf von Herzog & de Meuron, ist ein städtisches Hochhaus, das einen für Basel neuen städtebaulichen Massstab setzen will. Bringt diese Beschreibung den Unterschied zwischen den beiden Firmen auf den Punkt?

Ja, vielleicht. Nur muss man anmerken, dass wir in Allschwil (in Flughafennähe) ohnehin nicht höher als 20 Meter bauen durften. So gab es im wahrsten Sinn des Wortes überhaupt keinen Raum für eine Turmdiskussion. Zudem ist bei Roche die Aufgabe eine andere als beim Business Center: Beim Projekt Bau1 von Roche geht es darum, sehr viele Leute, die heute an verschiedenen Orten arbeiten, räumlich zu konzentrieren. Wenn wir darüber hinaus von der Architektursprache sprechen wollen, dann stand beim Business Center immer im Vordergrund, dass Form und Gestalt des Baukörpers unsere Offenheit und Transparenz widerspiegeln sollten.

 

Woran erkennen Sie, dass Sie das richtige Gebäude gebaut haben?

Das Business Center ist ein Bürogebäude für 350 Mitarbeitende. Der Einzug ist soeben erfolgt. Es wird  eine gewisse Zeit dauern, bis wir sehen können, wie das Gebäude ankommt. Aber ich bin überzeugt, dass es durch seine Struktur und Offenheit so funktioniert und auf die Mitarbeitenden wirkt, wie wir uns das vorgestellt haben. Das Personalrestaurant wurde jedenfalls bereits vor dem offiziellen Bezug der Büros rege benutzt.

 

Welche Rolle und Aufgaben hat das neue Business Center in der künftigen Unternehmenskommunikation, inhaltlich und visuell?

Das Gebäude hat jetzt kurz nach der Eröffnung in den Medien natürlich einen gewissen Aktualitätswert. Frau Bundesrätin Leuthard hat es bei der Eröffnungsfeier mit einem Leuchtturm verglichen. Allein deshalb wird das Business Center jedoch nicht zum neuen Aufhänger für die Unternehmenskommunikation: Bei Actelion geht es um Medikamente, nicht um Immobilien, und wir betreiben Wissenschaft. Man kann es einfach formulieren: Beim Business Center handelt es sich um ein schönes Gebäude, das unseren Mitarbeitenden die richtigen Arbeitsplätze bietet.

Actelion bezeichnet sich selbst als special type of company, Offenheit und Innovation sind die beiden zentralen Werte. Wieso entschied man sich bei der Firmenarchitektur dennoch für den Direktauftrag an die Hausarchitekten von Roche und gegen eine Auswahl von mehreren architektonischen Vorschlägen?

Wenn Sie unser Gebäude anschauen, werden Sie keinerlei Ähnlichkeiten mit einem Roche-Gebäude erkennen. Der Grund dafür ist – und das sagen Herzog & de Meuron von sich selbst –, dass die Architekten keinen eigenen Baustil pflegen. Anders als etwa bei Bauten von Richard Meyer oder Frank Gehry, die man auf den ersten Blick zuordnen kann, passen sich Herzog & de Meuron den Kunden und dem jeweiligen Ort an. Aus Sicht des Bauherrn sind sie dadurch sehr flexibel und erfinden etwas Neues, statt Variationen von etwas bereits Bestehendem zu bauen. So bestand also gar nie die Gefahr, dass beim Business Center von Actelion der Effekt „typisch Roche“ eintreten würde. Das Gleiche gilt auch für das zweite Gebäude von Herzog & de Meuron, das auf unserem Firmengelände in Allschwil entsteht. Auch für dieses Projekt wurde eine ganz eigene Architektursprache entwickelt.

Dennoch: War beim Bau des Business Centers die Durchführung eines Konkurrenzverfahrens – zum Beispiel ein Studienauftrag – nie ein Thema?

Doch. 2005 haben wir intern kurz darüber gesprochen. Wir hatten ja auch bisher mit verschiedenen Basler Büros zusammengearbeitet. Dann kam vor allem von Jean-Paul Clozel die Idee, mit Herzog & de Meuron darüber zu sprechen. Und Herzog & de Meuron hatten uns nach ersten Kontakten eine Projektskizze zu den bereits definierten Raumvolumen vorgelegt, die uns so überzeugte, dass wir von einem Wettbewerb Abstand nahmen.

So, wie andere Chefs ihren Mercedes, hat Jean-Paul Clozel einen Herzog & de Meuron bestellt.

Nein, die Angelegenheit war schon komplexer. Pierre de Meuron musste mit dem Projekt zuerst den Verwaltungsrat überzeugen. Zudem war die Tatsache, dass Herzog & de Meuron ihr Büro in Basel haben, ein sehr wichtiges Kriterium. Während der Planung und Ausführung hatten wir fast täglich Kontakt – und dies ohne unnötigen Zeitaufwand. Die Zusammenarbeit mit einem ausländischen Architekten wäre diesbezüglich viel komplizierter gewesen.

Am 10. Dezember 2010 wurde das Gebäude nicht etwa nur feierlich eröffnet, sondern gemäss Medienmitteilung offiziell „den Mitarbeitenden übergeben“. Actelion betont, dass die Mitarbeitenden für die Firma wichtig sind. Wann und wie sind deren Bedürfnisse in die Planung und den Bau des Business Centers eingeflossen?

Wir haben auf Stimmen aus der Mitarbeiterschaft gehört. So konnte jede Abteilung zwischen individuellen Büros oder einem Grossraumbüro wählen. Zwei Abteilungen, Business Operations und IT, haben sich für Grossraumbüros entschieden, alle anderen für individuelle Büros. Diese Einteilung ist nun allerdings bautechnisch mehr oder weniger fix. Allein schon wegen der Lüftung wäre es zu aufwendig, einzelne Wände zu verschieben. Zudem haben wir mit den Mitarbeitenden die Flächenanforderungen erarbeitet und spezielle Bedürfnisse wie Archivräume, Sitzungszimmer oder privacy rooms für Business Operations evaluiert.

Und wer hat über die Einrichtung bestimmt?

Das Thema der Einrichtung hat tatsächlich zu einer längeren Diskussion geführt, weil wir eine ganz andere Meinung hatten als Herzog & de Meuron. Vier Hersteller wurden deshalb eingeladen, um uns ihre Einrichtungsvorschläge zu präsentieren. Jede Abteilung konnte ein paar Mitarbeiter bestimmen, welche die eingerichteten Musterbüros besuchen und ihre Stimme für ein Mobiliarkonzept abgeben konnten. Diese Art der Mitwirkung war uns sehr wichtig, und sie hat den Entscheid beeinflusst. Nicht im Sinn einer Basisdemokratie  – schliesslich sind wir eine private Firma –, aber immerhin so, dass die Mitarbeitenden die Entscheidung mittragen konnten. Und so kam es, dass wir uns letztlich für ein eigenes Einrichtungskonzept entschieden haben.

 

Das Gebäude bietet rund 350 Arbeitsplätze an. Nach welchem Prinzip sind die Arbeitsplätze im Gebäude verteilt worden?

Eigentlich sollten im Business Center mehr Abteilungen untergebracht werden. Nicht alle haben aber Platz gefunden, weil wir zwischen 2005 und 2008 zu schnell gewachsen sind. Hinsichtlich der Belegung haben wir die jeweiligen Geschossflächen mit der Grösse der einzelnen Abteilungen verglichen und diese entsprechend im Gebäude verteilt. Wichtig war das Prinzip, die einzelnen Abteilungen nach Möglichkeit auf einer einzigen Ebene unterzubringen und die Büroanordnung durch sogenannte Kommunikationszonen zu unterbrechen. Hierarchische Kriterien spielten bei der Raumverteilung keine Rolle.

Gibt es für diese Kommunikationszonen Verhaltensregeln?

Zuerst möchte ich betonen, dass wir von der Notwendigkeit informeller Aufenthaltsbereiche überzeugt sind: Hier können sich die Mitarbeitenden spontan treffen und miteinander austauschen – und zwar nicht nur innerhalb der eigenen Abteilung. Deshalb haben wir die Kommunikationszonen in jedem Stockwerk zusätzlich mit je zwei Teeküchen ausgestattet. Für den Aufenthalt an diesen Orten gibt es keine internen Regeln, weil Regeln für mehr oder weniger spontane Begegnungen einfach keinen Sinn machen. Um den Austausch unter den Mitarbeitenden zusätzlich zu fördern, haben wir im Business Center auch ein Personalrestaurant und eine Cafeteria eingerichtet.

 

Woher kommen die Mitarbeitenden von Actelion hauptsächlich?

Rund 55 Prozent leben in der Schweiz, 45 Prozent im benachbarten Ausland. Schweizerinnen und Schweizer sind unter den Mitarbeitenden insgesamt eine Minderheit.

Wäre es für Actelion ohne das Business Center künftig schwieriger geworden, die besten Leute nach Allschwil zu holen, weil diese – in der Mehrheit ausländische Mitarbeitenden – ein urbanes Arbeitsumfeld, wie dasjenige im Campus von Novartis, doch eher bevorzugen?

Wir rekrutieren Leute mit ähnlichen Profilen wie Roche und Novartis. Im Wettbewerb um die besten Mitarbeitenden können und wollen wir nicht mehr bezahlen als unsere direkte Konkurrenz vor Ort. In einem Vergleich haben wir festgestellt, dass die Architektur am Arbeitsplatz mitunter einen grossen Einfluss auf den Entscheid der einzelnen Bewerberinnen und Bewerber hat. Deshalb haben wir bei Rekrutierungsgesprächen schon ab 2005 immer die Bilder des geplanten Business Centers gezeigt. Beinahe alle Kandidaten waren davon beeindruckt und haben positiv reagiert. Wir haben zudem festgestellt, dass eine attraktive Architektur für potenzielle Mitarbeitende insgesamt eine grössere Rolle spielt als etwa die Ausstattung mit luxuriösen Materialien.

Wie gross ist die Rolle der Architektur konkret, ist sie planbar?

Ich kann nur sagen, was wir den Kommentaren von Stellenbewerberinnen und -bewerbern entnehmen können. Wir machen uns natürlich fortlaufend ein Bild. Man darf auch nicht vergessen, dass bei Actelion immer noch die Strahlkraft des jungen, innovativen Biotech-Unternehmens anzieht. Das Gebäude ist ein zusätzlicher Aspekt in der Personalrekrutierung, den andere Firmen schon vor uns erkannt haben. In der Frühphase der Planung für das Business Center nahm ich an einer Präsentation zum Novartis Campus-Projekt teil. Der Projektmanager erklärte uns damals, die Idee, einen Campus unter Mitwirkung internationaler Architekten zu erstellen, gehe auf Erfahrungen von Sandoz zurück. Dort hatte man während einiger Jahre zu wenig in die Bausubstanz investiert und infolgedessen einige der besten Kandidaten verloren. Bei Actelion ist heute allen klar, dass die Arbeitsumgebung und die Architektur der Firmengebäude eine Rolle für den Erfolg der Firma spielen. Das gilt auch für den Bereich der Labors, die bei uns viel Licht haben, relativ gross, modern und deshalb für die Wissenschaftler attraktiv sind.

 

Sprechen wir nochmals über die Architektur: Das Business Center sendet eine formal aussergewöhnliche, nennen wir sie extravagante Botschaft in die Umgebung des Allschwiler Gewerbegebiets. Wie offen bzw. zugänglich ist im Gegenzug das Business Center für seine unmittelbare Umgebung?

Eigentlich ist es gar nicht offen. Das Gebäude steht nur Mitarbeitenden und Geschäftspartnern offen, sonst hätten wir ein Sicherheitsproblem. Vielleicht veranstalten wir für die Nachbarschaft und Interessierte einmal einen Tag der offenen Tür. Was die Botschaft der Architektur betrifft, so haben wir ausdrücklich nie die Absicht verfolgt, extravagant zu sein. Wir wollten lediglich ein aussergewöhnliches Gebäude realisieren.

Extravaganz ist auch für die Architekten Herzog & de Meuron ein Reizwort. Worin liegt für Sie, als Vertreter der Bauherrschaft, denn der Unterschied zwischen extravagant und aussergewöhnlich?

Aussergewöhnlich meint die Qualität einer Architektur, die ein Gebäude von anderen abhebt. Extravaganz hingegen verfolgt hauptsächlich den Zweck, sich zu exponieren. Menschen tun es, indem sie sich extravagant kleiden, um dadurch auf sich aufmerksam zu machen. Beim Business Center geht es nicht um Zurschaustellung. Der Neubau bildet unsere Innovationskraft und Offenheit ab, verkörpert sie gewissermassen räumlich und gestalterisch. Dieses Angebot schätzen unsere Mitarbeitenden, dadurch wird die interne Kommunikation gefördert und die Architektur leistet einen Beitrag an den Firmenerfolg – mehr nicht.

Herzog & de Meuron sind dennoch unbestritten internationale Stararchitekten mit grossem Markenwert, einem hohem Aufmerksamkeitspotenzial bei gleichzeitig globaler Reputation. Das kostet die Auftraggeber etwas. Wie verträgt sich die Zusatzinvestition in öffentliche Prominenz und mediale Aufmerksamkeit mit der wissenschaftlich-medizinischen Forschungskultur von Actelion?

Auf dem Gebäude steht das Logo von Actelion und nicht das von Herzog & de Meuron. Ich habe Pierre de Meuron zudem sehr oft getroffen und hatte nie den Eindruck, es mit einem Star zu tun zu haben. Am Anfang standen unsere Bedürfnisse, die von den Architekten aufgegriffen und umgesetzt wurden. Auch wenn wir uns nicht immer einig waren: Aus den Diskussionen sind immer innovative Lösungen entstanden. Das gelingt nur, wenn sich zwei gleichberechtigte Partner, die zueinander passen, gegenseitig zuhören.

 

Das Business Center (104’000 m3) hat 130 Millionen Franken gekostet. Können Sie den finanziellen Mehraufwand für die Zusammenarbeit mit den Stararchitekten abschätzen?

Die Kosten sind bei Herzog & de Meuron nicht grundsätzlich höher als bei anderen Architekten. Natürlich verursacht ein so ungewöhnlich ausgelegtes Gebäude mehr Arbeitsstunden als ein herkömmliches. Die teuersten Posten waren der Stahlbau und die Fassade. Wir haben den Stahl zu einem Zeitpunkt gekauft, als dieser am teuersten war. Das war Pech und hat uns einige Mehrkosten beschert.

Für das Business Center waren 6000 Seiten Konstruktionsbeschriebe, 1500 Detailpläne und ein beträchtlicher Mehraufwand aufgrund der enormen Gebäudeoberflächen notwendig. Wieso ist es nicht gelungen, gleichzeitig den baulichen Minergie-Standard zu erreichen?

In der Energiediskussion kommt es darauf an, was man genau unter Minergie versteht. Da wir in der Gesundheitsbranche tätig sind, haben wir eine Verpflichtung gegenüber der Umwelt. Das ist uns sehr bewusst. Dass wir das bauliche Minergie-Label dennoch nicht erreicht haben, war für uns schon ein Thema. Wir konnten u. a. bei der Energiegewinnung nicht das geplante System der Grundwassernutzung verwenden. Dennoch: Wir nutzen Sonnenenergie und werden auf dem Dach noch zusätzliche Solarzellen anbringen.

 

Actelion kommuniziert und lebt eine Wachstumsstrategie. Auf wie viele Jahre hinaus sind der Betrieb und der Unterhalt des neuen Business Centers ausgerichtet?

Das Gebäude ist für ungefähr 80 Jahre gebaut. Die Fassade werden wir nach 15 Jahren prüfen müssen. Wie sich das Gebäude mit dem personellen Wachstum von Actelion verträgt, werden wir sehen.

 

Welche baulichen Entwicklungsschritte sind bei Actelion in der Pipeline?

Zuerst werden wir unser nächstes Projekt, ein kombiniertes Forschungs- und Entwicklungszentrum, beenden. Der erste Teil des ebenfalls von Herzog & de Meuron erstellten Gebäudes für die klinische Entwicklung ist kürzlich bezogen worden. Der Forschungsteil soll Anfang 2012 bezugsbereit sein. Sonst haben wir zurzeit kein Bauvorhaben in der Pipeline.

Sind Herzog & de Meuron nun die Hausarchitekten von Actelion?

Hausarchitekten? Sie setzen zunächst einmal zwei Projekte für uns um – und dann werden wir sehen. Es können auch andere Architekten für Actelion bauen.

Was machen Sie mit den Architekturtouristen, die künftig mit der Nase an der Scheibe Einlass verlangen?

Das wissen wir noch nicht genau, aber wir werden wohl hin und wieder Führungen anbieten.

Interview, 14.1.2011 : Thomas Stadelmann

Abbildungsnachweise: Actelion / SFDRS / Büro für Stadtfragen / Web

«Gute Architektur ist nicht teurer als schlechte.»

Die Jugendherberge Scuol hat den Award für Marketing und Architektur 2010 gewonnen. Hinter dem Erfolg stehen die Verantwortlichen der Schweizerischen Stiftung für Sozialtourismus, ZürichDas Büro für Stadtfragen hat bei René Dobler, Architekt ETH und Geschäftsleiter der  Stiftung nachgefragt, was das genau bedeutet (Interview_Dobler_pdf):

Herr Dobler: Was hat Sozialtourismus mit den Vorstellungen von Produktemarketing gemeinsam?

Auch Sozialtourismus braucht Marketing. Bei den Schweizer Jugendherbergen versuchen wir sowohl beim Marketing wie auch bei der Architektur entsprechend den Wertvorstellungen unserer Organisation zu denken und zu handeln. Weder das eine noch das andere soll zum Selbstzweck werden oder sich vom Grundauftrag absetzen.

Wie äussert sich das im Umgang mit Architekturaufgaben innerhalb der Stiftung?

Unser Bauleitbild basiert auf dem Unternehmensleitbild. Die Ansprüche an die Architektur sind dieselben wie an die Dienstleistungen im Betrieb oder an das Marketing. Es werden dieselben Ziele verfolgt, nur mit andern Mitteln. Sie sehen das am Beispiel der Ökologie: Wir arbeiten mit den höchsten, messbaren und gängigen ökologischen Labels. Im Betrieb sind dies das EU-Umwelt- und das Steinbocklabel, beim Bauen sind dies Minergie- und Ecolabel. Das Marketing schreibt keine abgehobene Geschichte darüber, sondern berichtet bei Gelegenheit über die effektiven Leistungen.

Ihre Selbstdarstellung spricht von Werten wie «Vertrauen, Sicherheit und Geborgenheit». Die Jugendherbergen geben sich «lokal, sozial, nachhaltig, menschlich und preiswert». Woran erkennen Sie, dass ihre Architektur «grundehrlich» ist?

Ehrliche Architektur widerspiegelt in hohem Masse die Werte und Inhalte ihres eigentlichen Nutzens. Widerspricht oder überhöht die Architektur ihre Aufgabe, verselbständigt sie sich und gibt etwas vor, das nicht ist. Das kann in bestimmten Situationen angebracht sein, aber nicht beim Umbau oder Neubau einer sozialtouristischen Jugendherberge.

Was hat in den 90erJahren den neuen Qualitätsprozess beim Umbauen der Jugendherbergen ausgelöst. Welches waren die Hauptargumente?

Auslöser war die Fusion mehrerer regionaler Vereine zu einer gesamtschweizerischen Organisation. Damals initiierte der Präsident und ETH-Architekt Alain Paratte ein Bauleitbild. Dieses Bauleitbild wurde dann an der Jugendherberge Grindelwald getestet und wird seither durch ein stabiles Team kontinuierlich umgesetzt und weiterentwickelt. Das wichtigste messbare Hauptargument am Anfang war: Gute Architektur ist nicht teurer als schlechte. Seither beweist auch die wesentlich höhere Auslastung der einzelnen Jugendherbergen, dass dieses Argument stimmt. Finanzen sind immer ein schlagendes Argument: Was will man mehr als geringere Kosten bei höherem Ertrag?

Sehen Sie einen Unterschied zwischen Bauen und Architektur?

Ich denke, der Schritt vom Bauen zur Architektur passiert über die Auseinandersetzung mit Raum und Gestalt. Architektur bedarf eines klaren Gestaltungswillens, der vom Entwerfen bis zur Realisierung verfolgt wird. Ohne das planende Denken ist Bauen reine Funktionserfüllung und wird nie zu Architektur.

Wie finden Sie die richtigen ArchitektInnen? Welche Eigenschaften haben diese gemeinsam?

Mit Hilfe eines breiten und angemessenen Auswahlverfahrens. In Scuol haben wir alle regionalen und ein paar ausgewählte Büros aus dem übrigen Kantonsgebiet für eine Bewerbung eingeladen. Dann haben wir mit fünf Teams einen Wettbewerb durchgeführt. Unsere ArchitektInnen sind alle eher jung, und sie interessieren sich für aktuelle Werte und deren Übersetzung in gebauten Raum.

Kommen auch ausländische ArchitektInnen in Frage?

Wir setzen uns für eine moderne und regional verankerte Architektur ein. Die Authentizität des Ortes beginnt für uns bei regional verankerten Gestaltern, die den Ort kennen. Es gibt überall in der Schweiz genügend gute ArchitektInnen, womit sich eine Suche im Ausland für unsere Bauaufgabe erübrigt.

Mit welchen Architekt/innen möchten Sie unbedingt noch eine Jugendherberge bauen?

Mit uns noch unbekannten, jungen, visionären, engagierten ArchitektInnen, die von der Idee der Jugendherbergen überzeugt sind und die uns mit ihren Ideen überzeugen – so wie zuletzt Buchner Bründler Architekten bei der Jugendherberge in Basel.

Die neue Jugendherberge in Scuol erinnert, je nach Ansicht, an ein Stück Käse mit Löchern und Einschnitten oder an plakativ bündnerischen Heimatstil mit Engadinerfenstern – ein typisch schweizerischer Kompromissbau stilisiert in einem zeitgemässen Tourismus-Marketingkleid also. Lassen Sie diese Kritik gelten?

Ihre Beschreibung entspricht in keiner Art und Weise den gestalterischen Absichten. Die Jugendherberge Scuol ist ein moderner Bau, der traditionelle Elemente wie die Stüva oder das tief eingeschnittene Engadinerfenster spielerisch einbaut. Das ist kein Kompromiss, sondern ein gestalterischer Wille, welcher mit hohem Selbstvertrauen Tradition und Moderne verknüpft. Gerade deshalb kann sich der Bau von Ihrer Überzeichnung möglicher Assoziationen abgrenzen. Die Schweizer Jugendherbergen wollen in Bau und Marketing ihren unternehmerischen Zielen gerecht werden. Deshalb betreiben wir Marketing und Architektur ohne schreierisch zu werden, oder mehr zu versprechen als wir anbieten.

Die Unterkunftsbranche ist kurzlebig, sie muss sich schnellen Trends anpassen. Mit Preisen wie dem Marketing-Award bewegt sich die Stiftung nun in diesem Trendmarkt. Auf wie viele Jahre hinaus planen und realisieren Sie die Jugendherbergen?

Unsere Organisation besteht seit 86 Jahren, unser aktuelles Bauleitbild seit 17 Jahren, in Scuol vergingen von der Idee bis zur Fertigstellung zehn Jahre. Zeitgemäss zu sein, ist für eine Organisation mit so langer Geschichte wichtig; trendig zu sein, wäre für uns ein Eigentor. Unser Bauen ist langfristig, unsere Materialwahl ist langfristig. Unser Erneuerungszyklus von 25 Jahren verbietet uns geradezu, kurzfristig zu gestalten. Marketing hat den Ruf des Kurzfristigen, Kurzlebigen – der Award Marketing und Architektur zeigt nun aber, dass Architektur und Marketing auch dann gewinnen, wenn sie langfristig miteinandergehen.

Sie reden in Ihrem Auftritt von Aktivitäten in der Tourismusforschung. Was sagt die Forschung über die künftige Bedeutung der Architektur?

Forschung ist etwas hoch gegriffen. Wir versuchen in all unseren Tätigkeitsgebieten auf dem Stand der Dinge zu sein und dies mit einer visionären Haltung zu ergänzen. Die Bedeutung der Architektur im Tourismus, oder enger gefasst in der Hotellerie, war meiner Meinung nach immer gross, denn für das Zuhause auf Zeit bevorzugt jeder Gast ein authentisches, identifizierbares Gebäude, das ihn innert Kürze heimisch werden lässt. Die Globalisierung verstärkt dieses Bedürfnis mit Sicherheit. Fraglich ist jedoch, ob der grossen Nachfrage auch ein entsprechendes Angebot gegenübersteht. Die Hotellerie ist hier wohl oft betriebsblind und kann den eigentlichen Architekturaufgaben nicht gerecht werden.

Passt die Marketing-Architektur der Jugis eigentlich noch zum Image der günstigen Familien-Unterkunft? Bauen Sie künftig vor allem für internationale Single-Reisende?

Wir bauen für ein vielfältiges Publikum, das vom klassischen Backpacker, der inzwischen mit dem Rollkoffer vom Billigflug kommt, über Schulklassen und Familien bis zum wandernden Senioren reicht. Das schützt uns davor, für DEN GAST zu bauen. Wir bauen für weltoffene, kontaktfreudige, umweltbewusste, sozialverantwortliche Reisende mit kleinem Portemonnaie. Dies verlangt nach einer kostengünstigen Architektur, die ein hohes Mass an architektonischen und gesellschaftlichen Werten zum Ausdruck bringen muss.

Die Pressebilder zum Neubau in Scuol erinnern an ein Ambiente für Leserinnen und Leser der Annabelle. Ergänzen Sie ihre Unterkunftskategorien «simple», «classic» und «top» nun mit «Flagships»?

Unsere drei Kategorien sind vollkommen ausreichend, und wir haben bereits Flagships in top, classic und simple. Wenn sich auch Annabelle-Leser und -Leserinnen für unsere Jugendherbergen interessieren, ist das weniger unser Ziel, jedoch mehr Ausdruck dafür, dass sich ein enorm breites Publikum durch unser Angebot angesprochen fühlt.

Möchten Sie noch etwas anmerken?

Ich bedanke mich für die herausfordernden Fragen.

(Das Interview wurde per E-Mail durchgeführt.)

Firmenarchitektur by Würth: Gebaut wird, was dem Chef gefällt

Im Bild: Prof.Dr.h.c.mult. Reinhold Würth

Der Würth-Konzern hat es von der Zwei-Mann-Schraubenhandlung zum Weltkonzern geschafft und in Rorschach die Architektur für einen neuen Firmensitz bestellt. Für den Ort ist dies eine kleine Sensation. Gigon/Guyer haben den Wettbewerb gewonnen. Der CEO ist von der Umsetzung überzeugt.

Die Architektur, die Nähe zu Kunst und Kultur haben in der Firma lange Tradition. Dem Engagement von Würth eilt zudem der Ruf voraus, dass  gebaut wird, was dem Chef Reinhold Würth gefällt. Wer genauer hinsieht, sieht mehr: Die Firmenphilosophie eines Industrieunternehmens, die so bestellt und stilisiert wird, dass sie gezielt lokale Räume, Märkte (Kunden) und öffentliche Beziehungen aneignet. Der Entwurf von Gigon/Guyer für den neuen Firmensitz in Rorschach am Bodensee ist eine Meisterleistung im Umgang mit der Entwurfs-Vorgabe, eine „angemessene Selbstdarstellung“ für Würth zu entwerfen. Chipperfield; Libeskind; Krischanitz; Meili, Peter; Baumschlager, Eberle und KCAP haben u.a auch am Studienauftrag teilgenommen, nachzulesen in: Schweiztaugliche Firmenarchitektur, werk, bauen+wohnen, Nr. 11/09.

Das Büro für Stadtfragen hat Michel Kern, CEO Würth International AG zum privaten Studienauftrag für den neuen Firmensitz in Rorschach befragt:

Herr Kern: Gebaut wird bei Würth, was dem Chef (Reinhold Würth) gefällt, stimmt diese Rede?

Für den Architekturwettbewerb in Rorschach war eine Jury mit Mitgliedern der Würth-Führungsgremien sowie externen Experten und Behördenvertreter eingesetzt. Diese hat den Entscheid für das Siegerprojekt einstimmig und gemeinsam gefällt.

Wieso wurde ein Architekturwettbewerb durchgeführt?

Praktisch alle Würth-Bauten wurden über einen Architekturwettbewerb realisiert. Nur über ein Auswahlverfahren lässt sich auch das beste Projekt ermitteln. Das Thema Architektur hat einen hohen Stellenwert im Würth-Konzern.

Wieso haben Sie auf einen Wettbewerb nach SIA verzichtet?

Da es sich hier um einen privaten Studienauftrag im Einladungsverfahren handelt, wollten wir mit unserer internationalen Bauerfahrung die Wettbewerbsbedingungen selber formulieren. Im Übrigen haben wir uns aber weitgehend an die Vorgaben der SIA gehalten.

Wieso haben Sie als Veranstalter des Wettbewerbs auf die sonst übliche Rangierung der Arbeiten verzichtet, bzw. diese nicht kommuniziert?

Alle eingereichten Projekte waren sehr gut. Auf Empfehlung der Fachjuroren haben wir auf eine Rangierung verzichtet. Das Siegerprojekt steht für uns im Vordergrund.

Statt einer konkreten Stil-Vorgabe lautete die Aufgabe an die Architekten, eine „angemessene Selbstdarstellung“ zu realisieren. Was heisst das genau?

Diese Frage mussten sich die Architekten selber stellen. Verschiedenen Wettbewerbsteilnehmern ist die Umsetzung sehr gut gelungen. Die diversen Würth-Bauten geben vielleicht einen Planungshinweis, wie diese Formulierung zu verstehen ist.

Der Anspruch an die „Transparenz“ durchdringt die Firmenkultur von Würth. War es deshalb überhaupt sinnvoll, etwas anderes als Glasarchitektur vorzuschlagen?

Transparenz ist nicht zwingend nur mit Glas zu erreichen. Dies kann auch durch eine entsprechende Objektgestaltung erfolgen. Das Siegerprojekt LICHTSPIEL hat sowohl durch das Material sowie auch die Architekturumsetzung unsere Vorgaben am besten getroffen. Zudem ist die Projekteingabe in seiner Erscheinung sehr innovativ und trotzdem zurückhaltend.

Ist der Firmenstandort in Rorschach, mit See- und Bahnhofanstoss direkt am Bodensee, für Sie gleichbedeutend mit einem Schnäppchen?

Der Entscheid für das Grundstück in Rorschach ist aus verschiedenen Gründen gefällt worden. Die Seelage und Anbindung an den öffentlichen Verkehr waren sicherlich mit ausschlaggebend.

Welche Gründe sprachen noch für den Standort Rorschach?

Einerseits die zentrale Lage, die Anbindung an den öffentlichen Verkehr sowie die Autobahn wie auch an die Flughäfen Altenrhein und Zürich. Wichtig ist in diesem Zusammenhang ebenfalls die Nähe zur Universität St. Gallen als Top-Ausbildungsstätte. Weiter Einfluss hatte der zentrale und schöne Standort des Grundstückes sowie die gute Zusammenarbeit mit den Ämtern und Behörden.

In welcher Sache sind Ihnen die Stadt Rorschach und der Kanton am meisten entgegengekommen?

Ausschlaggebend war sicherlich die sehr gute Zusammenarbeit.

Wie hoch ist die finanzielle Investition von Würth in den Standort Rorschach?

Die Kosten werden sich in der Feinausarbeitung des Siegerprojektes sukzessive zusammenstellen lassen. Für den ersten Bauabschnitt erwarten wir einen Betrag von 100 Millionen CHF (70 Mio. Euro).

Welche Rolle spielen die Architektur und der Standort des Arbeitsplatzes bei der Akquisition von Kadermitarbeitenden?

Mitarbeitende verbringen einen grossen Teil ihrer Lebzeit am Arbeitsplatz. Es ist Teil der Firmenkultur bei Würth, dass wir den Mitarbeitenden einen tollen Arbeitsplatz und eine schöne Arbeitsumgebung bieten wollen. Dies hat sicherlich mit Einfluss auf den Entscheid, sich bei Würth zu bewerben.

Wie sicher ist es heute (in der Skala von 1-10), dass Würth International in Rorschach baut

Aus unserer Sicht ist es eine 10.

Wann beziehen Sie in Rorschach die ersten Räume?

Wir gehen jetzt in die Feinplanung des Projekt-Entwurfs. Die komplette Fertigstellung des Neubaus könnte innerhalb der nächsten vier Jahre, also bis 2013, erfolgen. Aus der Erfahrung von vielen anderen Projekten wissen wir, dass im Planungsprozess vom Modell bis hin zur Realisierung noch einiges zu tun ist.

Atelier WW lanciert Ideen

Wenn Architekturbüros mit Projektideen in die Medien gehen: Fördern Sie damit den öffentlichen Dialog, machen sie Politik oder bloss redaktionelle PR? Das Büro für Stadtfragen hat dazu Walter Wäschle, Mitinhaber des Atelier WW, Zürich befragt.

Walter Wäschle: Sie gehen mit eigenen Projekten und ohne Auftrag in die Medien? Haben Sie die besseren Ideen als alle anderen?

Walter Wäschle: Es scheint so. Bei der Duplex-Arena und beim Standort für das Kongresshaus Zürich haben wir Ideen, die andere offensichtlich nicht hatten.

Was wollen Sie mit Hilfe der Medien genau erreichen?

Die Projekte, besser deren Machbarkeit, soll bekannt gemacht werden und ein Dialog unter den Politikern und den Betroffenen entstehen. Klar haben wir im Fall des Kongresshauses vorher recherchiert, ob die Kongresshausgesellschaft diesen Standort überhaupt will. Der Verwaltungsrat fand die Idee genial. Erst dann haben wir gesagt: Das machen wir öffentlich und zeigen, dass es geht!

Glauben Sie, dass sich z.B. die Behörden diese Überlegungen nicht machen?

Doch schon. Ursprünglich war beim Kongresshau der Standort Carparkplatz auf einer Liste. Er ist aber dann kurzfristig weggefallen und niemand wusste, weshalb eigentlich. Vielleicht war es das schlechte Image dieses Ortes. Aus unserer Sicht gibt es jedoch kaum einen Grund, der gegen diesen Standort spricht.

Haben Sie die Idee, mit Projekten an die Medien zu gehen, von einem PR-Büro?

Nein, das machen wir selber. Wir beschäftigen kein PR-Büro.

Und wie funktioniert das konkret? Sie rufen beim Tagi an und sagen denen: Jetzt müsst ihr dieses Projekt lancieren.

So ist es. Der Tagesanzeiger ist dankbar für eine gute und aktuelle Geschichte. Und wir lösen damit etwas aus. So wie damals, als wir die Idee für das Seerestaurant lanciert habe.

Für eine PR-Aktion genügt also ein Anruf beim Tagi. Können das andere Architekten auch?

Sicher, das können andere auch. Sie sehen das aber zu einfach: Der Effekt alleine genügt nicht. Es muss um einen konkreten Inhalt gehen. Ob der gut ist, entscheidet die Zeitung, nicht wir.

Aber Sie treffen in der Redaktion auf offene Ohren.

Um das klar zu stellen: Wir fahren mit dem Tagesanzeiger keine Beziehungsgeschichte. Es reicht bei weitem nicht, mit einer netten Idee auf die Redaktion zu gehen. Ein gutes Thema muss die Leute interessieren, und die journalistische Qualität muss stimmen.

Liefern sie den Text gleich mit?

Nein, wir liefern nur das Projekt.

Bezahlen Sie für die Berichterstattung?

(lacht) Nein. Wir machen keine Publi-Reportagen. Das ist eine andere Schublade.

Es gibt aber grosse Architekturbüros, die im Tagi ganzseitige Werbeinserate geschaltet haben.

Das ist ‚Selbstbeweihräucherung’ und entspricht nicht unserem Stil.

Sie sprechen eine alte Verhaltensregel in der Branche an?

Ja, es ist noch nicht lange her, da war das Werbeverbot für uns Architekten eine klare Vorgabe. Ich meine, wir Architekten haben nach wie vor einen Status, der mit jenem von Juristen vergleichbar ist. Juristen machen keine Werbung.

Zurück zu den eigenen Machbarkeitsstudien. Leisten Sie sich den internen Aufwand dafür allein für die Stadt Zürich?

Natürlich ist das Vorgehen nicht ganz uneigennützig. Wir sagen uns: Vielleicht kann aus einer solchen Machbarkeitsstudie ein Anschlussauftrag entstehen; oder wertvolle Beziehungen, an die wir anknüpfen können. Es geht letztlich um die öffentliche Wahrnehmung unseres Büros. Für den Aufwand einer internen Machbarkeitsstudie verzichten wir z.B. auf eine Wettbewerbsteilnahme.

Was hat eine PR-Aktion mit ihrer Wettbewerbstätigkeit zu tun?

Wir sind eines der wenigen grossen Büros in Zürich, das noch an öffentlichen Wettbewerben teilnimmt. Für andere sind die Chancen auf einen Projektauftrag zu klein. Vielleicht hat dies noch einen anderen Grund: Einen dritten oder vierten Wettbewerbs-Preis nimmt die Öffentlichkeit kaum wahr.

Welche Bedeutung haben die Medien für die Architektur und die Stadtentwicklung?

Sie sind sehr wichtig, weil sie die Volksmeinung bilden.

Ist ein Dialog über Architektur in den Medien tatsächlich möglich?

Auf jeden Fall. Themen der Stadtentwicklung und der Architektur müssen alle interessieren.

Und wieso bedienen sie dann den Tagi exklusiv? Es gibt andere Medien.

Ja, aber dann müssten wir eine Pressekonferenz durchführen. Auf direktem Weg haben wir einen gewissen Einfluss auf den Artikel, wir können ihn gegenlesen. Unsere Erfahrung ist, dass eine gestreute Medieninfo nicht kontrollierbar ist. Es wird dann viel geschrieben, das nicht stimmt, und die Themen werden eher oberflächlich abgehandelt. Natürlich sind wir auch mit verschieden Medien im Dialog.

Schauen wir auf die Wirkung: Was haben Sie mit der Duplex-Arena und dem Vorstoss beim Kongresshausstandort konkret erreicht?

Die Ideen wurden gut aufgenommen und sind noch nicht vom Tisch. Ein paar Kollegen haben mir per Mail gratuliert, darunter namhafte Büros. Vor allem zum Kongresshaus erhielten wir eine breite Zustimmung. Natürlich gibt es auch Neider, obwohl das nicht nötig ist. Wir sagen immer deutlich, dass es bei wichtigen Aufgaben einen Architekturwettbewerb geben muss. Unser Vorgehen ist deshalb ganz im Sinn unserer Berufskollegen: Aus der richtigen Idee kann ein Wettbewerb entstehen, daraus ein realisierbares Projekt, gute Architektur und schliesslich profitiert die ganze Stadt.

Und die Politik?

Beim Kongresshaus waren wir sehr positiv überrascht von Frau Martellis Reaktion. Wichtiger ist aber, dass wir im Prozess einen Schritt weiter sind: So ist jetzt der Standort beim Carparkplatz, den wir vorschlagen, wieder im Gesamtpaket der Überlegungen enthalten.

Gemäss Tagi-Artikel vom 10. Juli stehen die Stadt, der ZSC und die CS einer Duplex-Arena eher ablehnend gegenüber?

Jetzt sind wir wieder bei Null. Wir haben eine gute Option aufgezeigt. Aus meiner Sicht will leider kaum jemand zugeben, dass die Duplex-Arena eigentlich eine gute Sache ist.

Reden wir nochmals über Politik: Sind Sie ein politischer Mensch?

Nein.

Aber Architektur ist doch eine öffentliche Angelegenheit und deshalb politisch. Sie machen mit Architektur-Lösungen Politik.

Wir versuchen eigentlich nicht, Lösungen anzubieten, sondern Ideen zu verkaufen. Und wenn man sie öffentlich verkaufen will, muss die Idee ein Gesicht haben. Das Kongresshaus wird nie so aussehen, wie wir es präsentiert haben. Wir haben die Idee für den Standort und die Machbarkeit aufgezeigt.

Meinen Sie, der oder die durchschnittliche Leser/in des Tagi versteht diese Art von bildlich überzeichneter Abstraktion?

Nein, aber die Politiker/innen verstehen es. Deshalb müssen wir bei der Vermittlung bildlich soweit gehen. Intern haben wir aber immer eine Diskussion darüber, wieweit eine Visualisierung gehen soll.

„Der Sieg der medial auftrumpfenden Architektur ist ihre bitterste Niederlage”, sagt Gerhard Matzig von der Süddeutschen Zeitung, stimmen Sie ihm zu?

Kann sein, dass Architektur heute auch durch die Medien gemacht wird – vor allem die internationale. Für ein Objekt von Zaha Hadid ist das in Ordnung. Wenn aber jedes Wohnhaus den Anspruch medialer Aufmerksamkeit erfüllen muss, um Architektur zu sein, dann haben wir, dann haben Städte und Orte ein Problem.

Medienarbeit ist nur ein Instrument in der Kommunikation. Was tun Sie sonst noch?

Wir machen eigene Publikationen, Broschüren, einen jährlichen Flyer mit den wichtigsten Projekten. Wichtig sind uns thematische Publikation wie waiting lands: Strategien für Industriebrachen. Damit können wir zusammen mit Partnern aktuelle Fragen aus der Praxis aufbereiten.

Walter Wäschle, welche Idee lancieren Sie als Nächstes?

Ich weiss es nicht. Und wenn ich es wüsste, würde ich es Ihnen nicht sagen.

Interview: Thomas Stadelmann

www.atelier-ww.ch

J. MAYER H. über die CH, Sevilla und Nachhaltigkeit

Das Büro für Stadtfragen traf den Architekten Jürgen MAYER H. zum Interview. Wir sprachen über die Schweiz, Sevilla und die Themen Nachhaltigkeit und Kommunikation.
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Herr Mayer, welchen Bezug haben Sie zur Schweiz?

Eines der ersten Wettbewerbsprojekte, für das wir einen Preis gewinnen konnten, war für Ascona. Es ging damals um die Neugestaltung der Uferzone als Ort für Infrastruktur und Tourismus. Wir haben eine vielfältig nutzbare, auch touristische und vor allem saisonale Lösung angeboten. Dieser Wettbewerb war für uns ein wichtiger Schritt, um zu verstehen, was der Tourismus als wirtschaftsfördernde Branche für die Architektur bedeuten kann. Wir haben daraus gelernt, mit unseren Entwürfen Möglichkeitsräume anzubieten und über das geforderte Raumprogramm und die vorgeschriebenen Funktionen hinauszudenken. Unter Flexibilität von Nutzungen verstehen wir jedoch nicht totale Offenheit. Es geht uns um mögliche künftige Anforderungen an den urbanen Raum, die wir mit entwerfen.

Bei welchem Architekturbüro in der Schweiz würden Sie gerne arbeiten?

Beim keinem (lacht). Ich habe mein eigenes Büro. Nein, ernsthaft: Ich glaube, dass die Schweiz international ein sehr eingeschränktes Bild von ihrer Architektur vermittelt. Ich selbst nehme die schweizerische Architektur vielfältiger wahr.

Was wird denn dabei eingeschränkt?

Verstehen Sie mich nicht falsch. Die schweizerische Architektur hat die Landesgrenzen schon längst und in einigen Fällen sehr erfolgreich überschritten. Dennoch scheint mir, dass die Schweiz gegen aussen ein eher eindimensionales Bild von ihrer Bauproduktion erzählt. Da geht es meistens um Materialgerechtigkeit, um Ernsthaftigkeit, um die Wahrheit in der Analyse des Orts und so weiter. Ich kenne einige jüngere Berufskollegen/innen, die arbeiten ironischer, komplexer, präsentieren sich internationaler und können freier mit der Interpretation des Ortes umgehen. Vielleicht fehlt dieser Generation einfach noch der richtige Kommunikationskanal.

Wann bauen Sie zum ersten Mal in der Schweiz?

Das weiss ich nicht. Ich würde aber sehr gerne hier bauen.

Ist das für Sie schwierig?

Ja, komischerweise geht es in anderen Ländern einfacher. Mir scheint, dass in der Schweiz gegen Teams zum Beispiel aus Holland, Spanien oder Deutschland zumindest eine gewisse Abwehrhaltung besteht. Aber das ist nur ein persönlicher Eindruck, den ich nicht weiter recherchiert habe. Wir haben uns deshalb jedenfalls nicht oft und bisher ohne Erfolg für Wettbewerbe in der Schweiz beworben. In Ascona gab es immerhin einen Preis.

In Ascona haben Sie etwas über den Tourismus gelernt. Ist er im Projekt Metropol Parasol für Sevilla auch ein Thema?

Ja, auch. Aber es geht dort hauptsächlich um einen Marktplatz als Zentrum eines jahrelang vernachlässigten Platzes mitten in der Stadt. In Sevilla gab der Wettbewerb vor, das archäologische Ausgrabungsfeld als Museum zu nutzen und zu erreichen, dass die Marktstände, und mit ihnen das nachbarschaftliche Leben, auf die Plaza de la Encarnacion zurückkommen. Unser Projekt Metropol Parasol ist deshalb weit mehr als eine touristische Einrichtung.


Was sind die wichtigsten Themen?

Unser Projekt spricht gleich mehrere räumliche Dimensionen an: Es geht zunächst um die lokalen Nachbarschaften, für die ist der Marktplatz und die Markthalle entscheidend. Dann geht es um Städtebau im Sinn einer Stadtreparatur und einer Aufwertung der benachbarten Quartiere. Und schliesslich will auch Sevilla international wahrgenommen werden. Den Beteiligten geht es um die Positionierung der Stadt als innovativer Standort. Dazu war ein Sprung notwendig, denn man muss sich vorstellen: Die Placa de la Encarnacion war dreissig Jahre lang eine Art schwarzes Loch. Da war Nichts ausser einem provisorischen Parkplatz. Nun geht es darum, den Ort mit Hilfe von kulturellen und kommerziellen Nutzungen und der richtigen Architektur aufzuwerten und wieder in das Stadtleben zu integrieren. Sevilla misst dich dabei mit anderen spanischen Städten und Orten wie Bilbao, Valencia, Teneriffa oder Cran Canaria. Sie alle wollen, in einer Art sportlichem Wettkampf um Aufmerksamkeit und Reputation, ihre Fähigkeit zur urbanistischen Erneuerung zeigen und mit Hilfe der entsprechenden Architektur inszenieren.

Sie haben Barcelona vergessen.

Barcelona spielt erfolgreich mit, die Stadt war Vorreiterin dieser Dynamik. Das Beispiel zeigt, dass es bei diesem Wettbewerb nicht nur um den internationalen Tourismus geht, sondern auch um die wirtschaftliche Zukunft. In Sevilla sollen das historische Erbe und neue innovative Attraktionen, z.B. internationale Architektur, gleichzeitig gezeigt und angeboten werden. Letztlich geht es darum, neben Touristen auch junge Berufsleute und mit ihnen die Wirtschaft in die Stadt zu holen.

Das alles kann moderne Architektur leisten?

Es scheint zu funktionieren.

So wie es Bilbao vorgemacht hat?

Ich glaube, dass der so genannte ‚Bilbao-Effekt’ ganz gut funktioniert hat. Bilbao ist mit dem Museumsbau von Frank O. Gehry auf der Weltkarte der globalen Städte gelandet und konnte sich wirtschaftlich weiterentwickeln. Metropol Parasol hat jedoch eine andere städtebauliche Aufgabe und das Programm ist vielfältiger. Neben dem archäologischen Museum und dem Markt wird es kommerzielle nutzbare Flächen geben. Und ‚on top’ der Parasol, der Sonnenschirme, ein Dachrestaurant mit einem grossartigen Blick über die Dächer der Stadt. Es war uns jedoch ein grosses Anliegen, dass trotz kommerzieller Nutzungen die Plaza öffentlich zugänglich und benutzbar bleibt. Das Dach der Markthalle ist im Prinzip nur eine erhöhte Plaza.

Und die Geldgeber waren damit einverstanden?

Ja. Metropol Parasol ist ein Public-Private-Partnership-Projekt. Die rund 60 Mio Euro Baukosten teilen sich je zur Hälfte die Stadt Sevilla und die private Baufirma Sacyr. Bis und mit Baueingabe war die Stadt unsere Bauherrin, seit Baubeginn ist es Sacyr. Ihre Schwesterfirma Testa wird das Bauwerk für die ersten 40 Jahre betreiben.

In einem PR-Video nennen Sie das Projekt „demokratische Kathedrale“! Das klingt ziemlich hoch gegriffen.

Kommunikation ist in unserer Arbeit ein wichtiges Thema. Ich fange aber lieber so an: Entscheidend war in Sevilla die offene Vorgehensweise. Zu Beginn wurde ein Ideenwettbewerb ausgeschrieben. Dadurch war der Druck weg, mit dem Wettbewerb direkt eine bauliche Lösung finden zu müssen. Also konnte eine offenere Diskussion mit den Verantwortlichen der Stadt und mit möglichen Investoren entstehen. Die erste Entwurfsphase wurde anonym durchgeführt. Danach durften zehn Teams nach Sevilla fahren und ihre Projekte im Rahmen von öffentlichen Veranstaltungen vorstellen. Sämtliche Informationen wurden zudem im Internet publiziert und dort kommentiert. Der Ausdruck ‚demokratische Kathedrale’ ist im Zusammenhang mit dieser öffentlichen Diskussion entstanden.


War diese öffentliche Information wirklich notwendig?

Uns hat sie geholfen. Wir haben genau hingehört, die Chance für unsere eigenen Argumente genutzt und einige öffentliche Reaktionen in unsere Arbeit aufgenommen. Im Nachhinein betrachtet war das Vorgehen in Sevilla sehr intelligent gewählt. Erst die positive Resonanz in der Bevölkerung hat das Projekt in der Wahrnehmung der Entscheidungsträger tragfähig gemacht. Aus dem anfänglichen Ideenwettbewerb wurde so ein Realisierungswettbewerb mit einem jurierten Projekt. Hilfreich war zudem, dass die provisorische Baugrundsicherung für den ursprünglich geplanten Bau einer Tiefgarage, nach dem Fund römischer Stadtreste und einem Baustopp, mittlerweile zum Risiko geworden war. Das politische Argument, weniger als ein Jahr nach dem Wettbewerbsentscheid gleich mit dem Bau zu beginnen, lag im übertragenen Sinn schon in der Baugrube.

Und welche Rolle spielte die „demokratische Kathedrale“?

Der Begriff ist Ausdruck für die Art und Weise, wie wir unsere Arbeit vermitteln. Ich meine, in der Architektur geht es darum, Bilder anzubieten, die im übertragenen Sinn vermitteln können. Sie sind ein Beitrag unseres Berufs an die heutige Zeit. Architekten/innen, die zeitgenössisch bauen wollen, müssen eine emotional zugängliche Geschichte anzubieten haben. Die Frage ist nur, mit welcher Rhetorik und welcher Sprache gearbeitet, und ob sie verstanden wird.

Sie machen mit ihrer Architektur also so etwas wie Story-Telling?

Ja, so könnte man es nennen.

Bei der Mensa in Karlsruhe war es die Metapher vom aufgeklappten Nutella-Brot.

Tatsächlich (lacht)! Auch eine schöne Geschichte, die erst im Nachhinein entstanden ist. Sie ist eine Lesehilfe für unsere Idee eines elastischen Raums.


Welche Rhetorik hat Sie zum Sevilla-Projekt inspiriert?

In der Nachbarschaft zur Plaza de la Encarnacion haben wir einen Platz mit grossen Ficus-Benjamini Bäumen entdeckt. Sie bestimmen die Aufenthaltsqualität und haben eine skulpturale Wirkung, die wir so auch mit Metropol Parasol erzielen wollen. Zudem hat uns die innere gotische Tragkonstruktion und das geschwungene Steindach der Kathedrale, das an einen fliegenden Teppich erinnert, zu einer ‚schwebenden’ Dachstruktur über einem öffentlichen Stadtraum inspiriert. Deshalb macht es Sinn, über Metropl Parasol als ‚demokratische Kathedrale’ zu sprechen. Klar handelt es sich um eine vereinfachte Argumentation. Wir verstehen das sprachliche Bild jedoch als Hilfestellung des Experten an die Bevölkerung, um sich dem Projekt gedanklich nähern zu können. Und das ist tatsächlich passiert.

Haben Sie deshalb besser kommuniziert als die anderen Teams?

Offenbar haben wir die verschiedenen Ansprüche gut erkannt und im Entwurf synthetisch zusammengebracht: den Wunsch nach einem künftigen Wahrzeichen; den respektvollen Umgang mit der Archäologie; die Aufwertung des öffentlichen Raums. Angefangen haben wir mit der Dachidee. Dann haben wir uns gefragt, wo und wie wir die Struktur abstützen können. Schliesslich haben wir die Vorstellung für den Markt entwickelt. Insgesamt wird Metropol Parasol eine atmosphärische Grossskulptur sein, die Sevilla ein neues, unverwechselbares Stadtbild gibt.

Wieso sind die ‚Sonnenschirme’ aus Holz?

Bei uns spielt das Material im Entwurfsprozess keine so grosse Rolle. Der beabsichtigte Gesamteindruck ist entscheidender. Die Konstruktion und Materialisierung des geplanten gitterförmigen Rasters haben wir u.a. zusammen mit den Ingenieuren von ARUP konkretisiert. Entwickelt wurde es von uns schon für die Mensa in Karlsruhe. In Sevilla haben wir Themen wie Kostensicherheit, Unterhalt, Wartung, Vorfabrikation, Bauzeit, Logistik in der Anwendung von verschiedenen Materialien verglichen. Holz war nicht die einzige, aber im Vergleich eindeutig die beste Variante.

Sie wurden mit dem Mies-van-der-Rohe Nachwuchspreis 2003 und dem Holcim Award 2005 für nachhaltige Architektur ausgezeichnet. Wie denken Sie über Nachhaltigkeit?

Nachhaltigkeit ist heute in der Architektur eine Selbstverständlichkeit. Mich interessiert das Thema aus einem Grund: Nachhaltigkeit weist der Architektur den Weg in die Zukunft. Endlich, müsste man sagen. Zulange wurde über die Rolle und das Material der Geschichte in der Architektur und im Städtebau diskutiert. Das Thema Nachhaltigkeit steht zudem für die grosse Unsicherheit in unserer Gesellschaft. Was heute als richtig gilt, kann morgen schon wieder falsch sein. Das gilt auch für die Diskussion über nachhaltige Architektur.

Wird dadurch die Wahrnehmung, was gute Architektur ist, beeinflusst?

Gute Architektur ist automatisch nachhaltig, weil sie nicht nur für den Moment verantwortungsvoll mit einer Bauaufgabe umgeht, sondern weil sie insgesamt die aktuelle Zeit auf den Punkt bringt und dadurch in Zukunft als Zeitzeugin Bedeutung hat. Schauen Sie sich die Staatsgalerie von James Stirling in Stuttgart an, die 1984 gebaut wurde.

Sie sind jung, international erfolgreich? Was möchten Sie denn am liebsten noch entwerfen und bauen?

Uns ist nicht eine bestimmte Bauaufgabe oder die Grösse eines Projekts wichtig. Wir entwerfen alles: Häuser, Möbel oder Kugelschreiber. Unseren Auftraggebern gemeinsam ist, dass sie mit uns die Neugier für das ‚Abenteuer Architektur’ teilen.

Interview: Thomas Stadelmann

J. MAYER H., 1996 in Berlin gegründet, arbeitet an den Schnittstellen von Architektur, Kommunikation und Neuen Technologien. Jürgen Mayer H. studierte Architektur an der Universität Stuttgart, The Cooper Union New York und an der Princeton University. Seit 1996 unterrichtet er an verschiedenen Universitäten, z.B. an der Universtität der Künste Berlin, am GSD der Harvard University, an der AA in London und an der Collumbia University in New York.

*Metropol Parasol, Plaza de la Encarnacion, Sevilla, Spain, Internationaler Wettbewerb, 2004, Realisierung 2005-2010, www.mayer.de, ARUP GmbH NL Berlin/Madrid