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Kontinuität vor dem Ruhestand

1986 installierte die Deutsche Bank AG vor dem Haupteingang ihrer Zwillingstürme in Frankfurt die Kontinuität, eine für diesen Ort realisierte Plastik von Max Bill. Im Zuge der Sanierung der Türme wurde der Monolith im Februar 2008 temporär umplatziert. Die Skulptur passe nicht mehr auf den Vorplatz, sie soll vor weiteren Erschütterungen durch die unterirdische S-Bahn geschützt werden und künftig die Parkanlage neben der Bank aufwerten, so die Bank. Im Juli erhält die Kontinuität ihren neuen Standort. Die Geschichte klingt nach einem Ruhestandort für ein Kunstwerk.

Bilder: Büro für Stadtfragen (Frankfurt, 5. April 2011)

(sta) Das Hochhaus der Deutschen Bank AG (DB) in Frankfurt entstand zwischen 1979 und 1984 nach den Entwürfen von Walter Hanig, Heinz Scheid und Johannes Schmidt. Im Anschluss an den Wettbewerb für die umfassende Sanierung 2007 wurde die Kontinuität von Max Bill, die 1986 vor dem Haupteingang der Bank installiert wurde, im Februar 2008 entfernt. Seither wird sie 100 Meter südwestlich, im Vorgarten der Villa Sander an der Mainzer Strasse, zwischengelagert, aus mehreren Gründen, wie Pressesprecher Klaus Thoma erklärt: „Die Logistik für den Umbau erforderte vor dem Haupteingang genügend Platz für den Baustellenbetrieb.

Zudem wurden an der Kontinuität kleine Risse festgestellt, die aufgrund der zunehmenden Erschütterungen durch die unterirdischen S-Bahn-Fahrten entstanden sind.“ Die interne Diskussion habe auch aufgezeigt, dass die Skulptur von Max Bill, so Thoma, in ihrer Dimension aus heutiger Sicht nicht mehr an den Standort vor dem Haupteingang passe. Welche Argumente in welcher Reihenfolge, wann und unter welchen Vorzeichen nun tatsächlich zum Entscheid für einen Standortwechsel geführt haben, bleibt dennoch nicht ganz nachvollziehbar.

Zeichen stehen auf Veränderung

Das Sanierungsprojekt war der Bank Anlass genug, um neben der Leistung und Wahrnehmung des Gebäudes auch die Umgebung aufzufrischen und dadurch den Wert der Immobilie zu steigern. Die Bank hat den dreijährigen Umbau ihrer Zentrale genutzt, um eine Vielzahl zukunftsgerichteter Ideen vor allem im Bereich der Ökologie zu realisieren, die Ressourcen- und Energieeffizienz der Türme wurde mit den jeweils höchstmöglichen Zertifikaten LEED-Platin und DGNB-Gold prämiert: Der Energiebedarf wurde um die Hälfte, der Verbrauch von Wasser um über 70 Prozent und die CO2-Emissionen um fast 90 Prozent verringert. Im Werbeprospekt zu den Greentowers, wie die Zwillingstürme nun in der Marketingsprache genannt werden, ist nachzulesen, unter welchen Vorzeichen die Bank intern über die Zukunft von Max Bills Skulptur argumentiert haben könnte: „Dank einer besseren Einbindung (Anm: der Greentowers) in das städtebauliche Umfeld und zahlreicher neuer attraktiver öffentlicher Angebote wird das urbane Umfeld aufgewertet.“ Am 24. Februar 2011 wurden die beiden 155 Meter hohen Türme wiedereröffnet. Fast auf den Tag genau vor 26 Jahren, im Februar 1985, war der Hauptsitz der Bank an der Taunusanlage 12 eingeweiht worden.

Wertvolles Wahrzeichen

Die Türme der DB sind ein Wahrzeichen der Stadt Frankfurt und des Finanzplatzes Deutschland. Josef Ackermann, Vorsitzender des Vorstands der Deutsche Bank AG liess sich anlässlich der Feierlichkeiten zum Abschluss der Gebeäudesanierung so verlauten: „Diese Türme sind ein Markenzeichen (…) und stehen im wahrsten Sinne des Wortes für die Deutsche Bank. Hier sind wir im besten Sinne des Wortes zuhause.“ Und Mario Bellini, der für die Sanierung und den Umbau verpflichtete Designer und Architekt aus Mailand, ergänzte in ähnlicher Tonlage: „Die Türme stehen symbolisch für ein über viele Jahre gewachsenes und sehr solides Unternehmen, das auf festen Beinen steht, zugleich aber hoch dynamisch ist.“ Bemerkenswert: In seinem siegreichen Wettbewerbsbeitrag, der u.a. den nun realisierten, neuen Eingangsbereich im Sinne einer offenen Vitrine vorsah, durfte Max Bills Kontinuität an ihrem Standort vor dem Haupteingang bestehen bleiben.

Auch wenn Bill’s Plastik über 20 Jahre lang an ihrem ursprünglichen Standort vor dem Haupteingang gewirkt hat: Angesichts der Aufgabe, den Wert der Immobilie durch den Umbau und die Neupositionierung zu steigern, dürfte Max Bills Skulptur, trotz ihrem historischen bzw. künstlerischen Beitrag zur Unternehmenskultur und zur Reputation der Bank, bei der internen Gesamtbetrachtung somit, alles in allem, ein Randthema dargestellt haben. Am 14. März 2011, weniger als einen Monat nach der Wiedereröffnung, gab die Bank dann bekannt, dass sie ihre Doppeltürme, Ackermanns „Zuhause“, an einen Immobilienfonds verkaufen wird. Der Verkaufspreis liegt bei rund 600 Millionen Euro. Die Deutsche Bank wird ihre Konzernzentrale somit langfristig als Mieter nutzen.

Neuer Standort im Park

Dass die Skulptur von Max Bill nach der Sanierung 2010 wieder vor dem Haupteingang installiert werden würde, war in verschiedenen Webtexten nachzulesen. Der Pressesprecher dazu: Dass die Kontinuität wieder an ihren ursprünglichen Standort vor dem Haupteingang zurückkehrt, habe man vielleicht in der Öffentlichkeit angenommen, eine solche Information sei jedoch nie offiziell kommuniziert worden. Richtig hingegen sei, dass die Plastik im Juli im neu gestalteten Park direkt neben dem Bankgebäude nun einen etwas ruhigeren Standort erhält. Geht die Kontinuität, kräftiges Symbol für Harmonie und Dauerhaftigkeit, in den Augen der Bank dort in den verdienten Ruhestand? Nein, teilt die Bank mit. Als Teil der Parkanlage soll sie den bisher wenig genutzte Park aufwerten und mithelfen, dass in der direkten Umgebung der Bank mehr Öffentlichkeit und Aufenthaltsqualität entsteht. Ob die gefundenen Risse im Stein saniert wurden, konnte Pressesprecher Thoma nicht sagen.

Endlose Schlaufe

Max Bill (1908 bis 1994) schuf die Kontinuität 1986 im Direktauftrag durch die Deutsche Bank. Die Plastik ist ein sardinischer Granitmonolith, 4.5m hoch und 80 Tonnen schwer. Die Idee und das Kunstwerk Kontinuität sind älter. Bills Auseinandersetzung mit der Endlosen Säule Constantin Brancusis (1918/38) führte bereits 1935 zur plastischen Idee einer Endlosen Schlaufe. Die Plastik besteht aus einem ringförmig verbundenen (zweiseitigen) Band. Eine flächigere, provisorische Version der Kontinuität aus Stahl, Gips und Kalkputz wurde 1947 in Zürich ausgestellt und 1948 von Vandalen zerstört. Als die Deutsche Bank Max Bill Anfang der 1980er Jahre auf ihr Ansinnen ansprach, eine Skulptur vor der Konzernzentrale aufzustellen, soll Bill zunächst vorgeschlagen haben, den Platz leer zu lassen (Werner Spiess). An ihren ursprünglichen Aufstellungsort kehrt die Kontinuität nicht mehr zurück.

Spiegel statt Monolith

Der Vorplatz zum Haupteingang bleibt deswegen jedoch nicht leer. Anstelle der Skulptur von Max Bill wurde bereits eine Neue installiert: ein Wasserspiegel in Form von zwei ineinandergreifenden, dreieckigen Steinplatten, die mit einem Wasserfilm bedeckt sind: Spiegelt sich die Deutsche Bank AG darin selbst? In Zeiten der Bankenkrise wäre ein derart narzistischer Antrieb für die Neugestaltung des Vorplatzes eine noch heiklere Botschaft als jene der Kontinuität, die mit den Worten von Max Bill genau genommen auch nicht so recht zur Strategie des grenzenlosen Wachstums im Bankenwesen zu passen scheint: „konkrete kunst ist in ihrer letzten konsequenz der reine ausdruck von harmonischem maß und gesetz“ [Max Bill 1949].

Die Entwicklung, die Ausführung, der Transport und die Aufstellung des Granit-Monolithen hat Werner Spiess umfassend dokumentiert, in: Werner Spiess: Kontinuität – Granit-Monolith von Max Bill, Deutsche Bank AG, Dortmund, 1986.

PS: Die Deutsche Bank hat dem Büro für Stadtfragen eine Einladung zur offiziellen Neusetzung von Max Bills Kontinuität im Park versprochen. Fortsetzung folgt…

 

Bau1: Stairway To Heaven

There’s a lady who’s sure // All that glitters is gold // And she’s buying a stairway to heaven // Led Zeppelin

Die Bilder zum Roche-Turm „Bau 1“ von HdM wirken besonders, weil es (einmal mehr) um Superlativen geht: Die Kräftigsten lassen sich von den Besten das Höchste bauen. Und Basel macht mit. Bei der neuen Roche-Konzernzentrale geht es aus urbanistischer Sicht auch darum, das schweizerische Hochhausdefizit zu bereinigen.

(sta) Der neue Roche-Turm „Bau 1“ von Herzog & de Meuron ist publiziert, mindestens die Bilder davon. Aus diesem Anlass beklagte jüngst das Hochparterre ausgerechnet von Zürich aus die nicht stattfindende Architekturdiskussion in Basel. Die «NZZ» vom 4. Januar 2010 befragte die neusten Renderings fast schon beinahe auf rhetorische Art und Weise: «Wird Basel um eine Attraktion reicher, oder führt der geplante Büroturm des Pharmakonzerns zu einer gravierenden Veränderung der Stadtsilhouette? (…) Fast scheint es, als ob der weisse Riese mit den besonnten Terrassen für eine Metropole am Meer konzipiert worden sei». Soweit so gut. Aber Jacques Herzog hat wirklich oft genug wiederholt, wie seine urbanistische Vision für Basel auf den Punkt gebracht lautet: „Basel, die Stadt am Fluss“.

Unsinnige Diskussion?

Anhand von ein paar Renderings über Städtebau und Architektur zu diskutieren, ist unsinnig, da stimme ich Amanda Levete’s Bemerkung zu. Zumal es sich beim Roche-Turm um ein für die Schweiz aussergewöhnliches Hochhausprojekt von aussergewöhnlich erfolgreichen Autorenarchitekten handelt. Die Fakten: 178 Meter, 42 Geschosse, das wäre neuer schweizerischer Höhen-Rekord; eine halbe Milliarde Franken; 10’000 Arbeitsplätze; 2015 ist Eröffnung. Das Missverhältnis zwischen dem schieren baulichen und finanziellen Umfang, der städtebaulichen und wirtschaftlichen Bedeutung des Bauvorhabens und der Intensität, wie darüber öffentlich diskutiert wird, ist tatsächlich gross. Daran ändern einzelne Feuilletonbeiträge, Leserbriefe und dieser Blog wenig bis gar nichts. Ernst zu nehmende Öffentlichkeit entstünde erst dann, wenn sich in Basel (unter dem Eindruck der Protestbewegung „Stuttgart 21“) die gefühlte Ohnmacht des Souveräns gegenüber einem urbanistischen Bigness-Entscheid des Systems ihr eigenes politisches Gehör verschafft hätte. Wenn die psychopolitische Regulierung des Gemeinwesens derart aus dem Ruder gerät, kann der Traum der Systeme schnell seine Ungeheuer gebären, so hat es Peter Sloterdijk im Spiegel („Der verletzte Stolz“, 45/2010) formuliert:“Das erleben die Regierenden auf ihre Weise, sobald unzufriedene Bürger sich ihren Projekten und Prozeduren in den Weg stellen“. Das wird in Basel kaum mehr passieren. Die Baubewilligung für den „Bau 1“ liegt vielleicht schon im Februar vor. Und: Nur wer am verhungern ist, beisst sogar in die Hände der eigenen Ernährer. Um den Gedanken dennoch zu Ende zu führen: Würde der Roche-Turm so nicht realisiert, könnte immerhin noch Jacques Herzogs harte Beurteilung zur Lage der Schweiz am eigenen Projekt zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden: „Seien wir ehrlich: Ausser bei den global ausgerichteten Konzernen ist in der lokalen Schweiz (Anm: dazu gehört auch Basel) zwar alles irgendwie okay, aber eigentlich doch nur eher mikrig.“

Infrastruktur und Symbol

Basel, die Chemiestadt und der trinationale Wirtschaftsstandort sind sich mit Roche und deren Hausarchitekten HdM darüber einig, dass es nachhaltig, sinnvoll und vertretbar ist, mit einer vertikalen Konzernzentrale der Marke HdM einen Meilenstein in der Firmengeschichte und gleichzeitig eine neue Adresse auf die Karte der Vertikal-Super-Architekturen von globalen Unternehmen zu setzen. Dies wurde schon mit dem ersten Entwurf von HdM für Roche klar, der im Nachhall der globalen Finanzkrise von 2008/9 kurzfristig umgekippt ist, angeblich aus betrieblich-finanziellen Gründen. Aufgrund der Bilder zum „Bau 1“ kann man aus urbanistischer Sicht der in vergleichbaren Projekten mittlerweile gängigen Argumentation folgen, dass damit ein weiterer, sinnvoller Beitrag an die Bereinigung des hiesigen Hochhausdefizits geleistet wird. Der Entwurf im zweiten Anlauf wird als formal schlicht gemachter, aber auch formal austauschbarer und wohl genau deshalb als „guter Bürobau“ für den Roche-Konzern präsentiert. Dank der Handschrift von HdM wird der „Bau 1“ sowieso als bauliches Symbol für die ökonomische Potenz und baukulturelle Selbstdarstellung der Besteller, Ersteller und des Standorts Basel wahrgenommen. Der Rest ist Grundriss-, Schnittarbeit und integrierte Planung – Architektur, Städtebau, Bau- und Immobilienmanagement auf einem Niveau, das Firmen wie HdM und deren Kunden beherrschen und sie vom Rest der zahlreichen Early-Follower und Nachahmer unterscheidet.

Offen bleibt, ob und in welcher Weise mit dem Roche-Turm letztlich mehr resultiert als eine weitere, durch Marken, Formen, Material und Personen symbolisch aufgeladene aber architektonisch gut gemachte Firmen-Infrastrukturbaute mit dem Anspruch auf globalen Reputationsgewinn aller Beteiligten. Hoffentlich, denn sonst ist die wiederholte Erfolgsgeschichte von Mehrwert, Wachstum und Reputation im Städtebau und in der Architektur bald zu schlicht für spannende Architekturbücher, Filme und Feuilleton-Berichte: Dass die Besten und Berühmtesten für die Reichsten und Globalsten die grössten und teuersten Häuser bauen, wird als Erzählung auf die Dauer langweilig.

Ergänzung vom 7. Januar 2013: In seinem NZZ-Artikel „Bedürfnisse, Werte, Träume“ vom 5. Januar 2013 schreibt Carl Fingerhuth, seines Zeichens von 1979 bis 1992 Kantonsbaumeister von Basel und grosser Förderer der damaligen jungen Basler Architektenszene, zum Bau1: „Bei meiner Arbeit für europäische Städte werde ich heute immer wieder mit einer Flut von Projekten konfrontiert, die jeden Bezug zum Spezifischen des Ortes ignorieren. Sie zeigen sich mit ihren Vorhaben selbstreferenziell und haben den Fokus nur auf die Vision ihrer Bauherren und Architekten gerichtet, mit Verachtung für die Menschen des Ortes und ihre Herkunft. Es scheint mir, dass vieles, was die Menschen heute bewegt, in der elitären Architektur noch nicht angekommen ist. Exemplarisch für diese Situation ist das Projekt für den Bau eines banalen, 175 Meter hohen Bürogebäudes in Kleinbasel. In seiner städtebaulichen Haltung dominiert das Projekt der Architekten Herzog & de Meuron alle bestehenden Schichten der Bausubstanz von Basel und macht sich selbst zum Zentrum der Aufmerksamkeit. Nach seiner Realisierung ist die städtebauliche Identität von Basel nicht mehr die über 2000 Jahre lang gewachsene Stadt um den Münsterhügel, sondern der Turm der Firma Roche. Das Schweigen der Politik und der Fachwelt zu diesem Projekt ist unverständlich. Es handelt sich um die gewalttätigste und respektloseste Architektur, die bis jetzt in der Schweiz gebaut wurde.“

Smarter City: Vorfilm zur Total Living Industry

(beta) Zum ersten Mal leben über 50 Prozent der Weltbevölkerung in urbanen Räumen. Stadt ist deshalb ein issue für Zukunftswerte und Zukunftsmärkte in Unternehmensstrategien, die in der Komplexität vernetzter, kontrollierter und individueller städtischer Lebensräume einen Wachstumsmarkt sehen. IBM Smarter City macht vor, wie das geht – auch auf Youtube. Aber: Sind wir dafür intelligent genug?

sta. Dass die halbe Erdkugel urbanisiert ist, entspricht einer statistischen Tatsache, die schon länger bekannt ist und sich in den Köpfen festgesetzt hat. Verbunden mit der Vorstellung, dass die Hälfte der Erde tatsächlich (schon heute oder in naher Zukunft) städtisch funktioniert und wahrgenommen wird, macht die statistische Aussage zur Über-50%-Weltstadt u.a. zu einem Kernthema für globale Unternehmensstrategien: Stadt wird gleichgesetzt mit dem Versprechen auf einen Wachstumsmarkt, der leistungsfähige und vernetzte Aufmerksamkeitsräume für neue Innovationen, Technologien, Dienstleistungen und Produkte anbietet.

Vernetzung, Kontrolle, Sicherheit

Historisch und aktuell steht die Stadt prototypisch für Vernetzung, Dichte, Austausch und für die menschlichen, politischen oder unternehmerischen Bedürfnisse nach Kontrolle und Sicherheit (im Bild oben: mobile Überwachungskamera in NY). Kombiniert man damit das Gebot der Stunde, dass im Informationszeitalter die einfache, bequeme, schnelle und individuelle Versorgung mit Information und Gütern – intelligent umgesetzte convenience den Weg zum Erfolg, bzw. zum Kunden aufzeigt, wird aus der Stadt ein smart place auf einem smart planet. IBM Smarter City macht vor, wie das geht. Die Videobotschaften dazu sind auf Youtube platziert: Sie können als einfache Werbebotschaften und als Vorfilme zur eigentlichen Hauptgeschichte gelesen werden, die städtischen Räumen weltweit bevorsteht: Ein Wettbewerb um kontrollierte und auf individuelle Bedürfnisse ausgerichtete, technisch intelligente Lebensräume, der  von einer Total Living Industry ausgetragen und kommunikativ inszeniert wird. Mehr dazu später.

Stadt als Testlabor für Mehrwerte

Wenn es um die Forschung und Gestaltung künftiger Städte geht, ist die ETH Zürich mit dabei: Im Oktober 2009 hat sie bekannt gegeben, dass sie ihr Engagement in Asien stärkt: Sie gründet in Singapore gemeinsam mit der National University of Singapore und der Nanyang Technological University das «Future Cities Laboratory», „eine neuartige Plattform für Stadtentwicklung“. Architekten und Wissenschaftler wollen dort das Phänomen Stadt mit einem ganzheitlichen Ansatz erforschen und gestalten. Nach Aussage eines beteiligten Forschers finanzieren fünf globale Unternehmen mit, die noch nicht genannt werden dürfen. Es geht um Mehrwerte.

Sind wir intelligent genug?

Warner aus dem Umfeld der Klimadiskussion geben der weltweiten ökologischen Katastrophe 15%, der globalen Krise mit anschliessender Verarmung unter neo-feudalen Strukturen 50% und dem Durchbruch einer politisch ausgehandelten „2000-Watt-Gesellschaft“ 35% Szenario-Chancen. Das sind schlechte Prognosen, nicht mehr und nicht weniger. Auch hier stehen Städte, vor allem Megastädte, im Zentrum der Diskussion. Die rettenden Schlüsselfaktoren, die dabei genannt werden, sind jenen der Smarter City ähnlich: menschliche Intelligenz, politische Vernunft, Einfachheit, Technologie und Innovation. Versprechungen und Lösungen für einen urbanen Smart Planet werden sich deshalb nicht nur an unternehmerischen Mehrwerten, sondern auch an einigen Problemstellungen messen lassen müssen, die zwar ausserhalb der Städte anzutreffen sind, jedoch die Über-50%-Weltstadt trotzdem direkt treffen: Abholzung der Wälder, Austrocknung von Seen, schmelzende Gletscher, Überflutung.

Firmenstrategien wie IBM Smarter City versprechen Lösungen für eine städtische Zukunft. Darauf können wir uns nur freuen, auch wenn die Frage berechtigt ist: Sind wir dafür intelligent genug?

Jugi in Scuol: beziehungsfähig, grundehrlich und einfach Gut

Sieht man über das gegenseitige Schulterklopfen und den austauschbaren Schick in Gestaltung und Sprache hinweg, dann macht der Award für Marketing und Architektur durchaus Sinn: Die eben ausgezeichnete Jugendherberge Scuol steht für die über Jahre aufgebaute, grundehrliche Beziehungsfähigkeit im Bauen und Umbauen von Jugendherbergen; der ausgezeichnete Laden von Ida Gut für eine überzeugende und engagierte Innenarchitektur.

Die Jugendherberge Scuol (2007) hat neben dem Award (10’000 Franken) gleich mehrere Auszeichnungen erhalten; als bestes Hotel und als Gewinnerin des Sonderpreises Green Technology (Architekten: ARGE Sursass). Hinter dem Erfolg stehen die Verantwortlichen der Schweizerischen Stiftung für Sozialtourismus in Zürich  – und eine jahrelange, kontinuierliche Arbeit. Als Marketingleistung hat die Jury ein architektonische Einzelobjekt ausgezeichnet, über dessen architektonische Award-Qualitäten man sich streiten kann. Wichtiger ist, dass ein im Spannungsfeld von Architektur und Kommunikation selten anzutreffendes Phänomen ausgezeichnet wurde: die langfristig gedachte, beziehungsfähige, gestalterisch offene und umwelttechnisch aktuelle Architekturvorstellung, die seit Jahren hinter dem Umbau und nun auch beim Neubau von Jugendherbergen in der Schweiz steht.

Schick, aber austauschbar

Die übrigen Bauten, die ausgezeichnet wurden, sind ein Abbild zum Stand der Dinge in Sachen Firmenarchitektur: Hier das stilisierte Abbild eines Gegenstands, das architektonische Ikon der Firma Laufen, das Lavabo als Haus; dort das trendige Interieur, die (selbstverständlich) transparente, schicke Fassade einer selbstverständlich (offenen) Firma: viel Interessantes aber auch viel austauschbarer Schick; wie die Bauten, so die Texte und Lobreden. Dass gute Architektur und Kommunikation die endlos und repetitiv wirkende Marketing-Sprachverwirrung eigentlich gar nicht nötig haben, um zwischen den Disziplinen und den beteiligten Menschen positiv zu wirken, zeigt Ida Gut mit ihrem ebenfalls ausgezeichneten, gleichnamigen Laden mit Atelier: Gut gemacht. Architekt (Froehlich & Hsu, Zürich) und Bauherrschaft (Ida Gut AG, Zürich) haben einfach so und mit wenig Geld verstanden, worum es geht: um Qualität. Gute Architektur ist gutes Branding.


HdM in der Pipeline: Actelion Center

Gestern wurden Analysten und die Medien informiert: Das Biotech-Unternehmen Actelion mit Hauptsitz in Allschwil ist im Geschäftsjahr 2009 weiter gewachsen. In der Pipeline sind Medikamente und zwei Bauten von Herzog & de Meuron. Das Actelion Business Center (Bild) bestätigt einmal mehr die konzeptionelle Architektur- und Unternehmensstrategie von HdM, die in einem globalen Wettbewerb um Aufmerksamkeit erfolgreich ist: Bauen ohne Tabus, Geschmack und Vorlieben.

Der Nettoumsatzerlös von Actelion stieg dank dem Hauptprodukt Tracleer sowie Ventavis und Zavesca um 20% auf 1’772,6 Mio CHF. Der betriebliche Aufwand nahm im Vergleich zum Umsatz um überdurchschnittliche 30% auf 1’433,2 Mio CHF zu. Davon entfielen 464,1 Mio CHF auf die Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen. Nach der Bekanntgabe der Zahlen und vieler positiver Nachrichten landete die Aktie trotzdem bei -0.9%. Im Handel heisst es, das Ausbleiben positiver Überraschungen sowie noch ausstehende Produkte-News hätten Abgaben ausgelöst.

Medikamente und Architektur in der Pipeline

Für 2010 sind zwei Markteinführungen geplant. Ebenfalls in der „Pipeline“ von Actelion sind zwei Gebäude von Herzog & de Meuron: Das Business Center (HdM) und ein Gebäude für die Entwicklung (2011). Mit diesen Bauten konzentriert die Firma ihre drei Tätigkeiten Forschung, Entwicklung und Management bzw. Business an einem Ort. Der Chief Executive Officer, Jean-Paul Clozel, war 12 Jahre bei Hofmann-La Roche, der heutigen Roche. Roche will mit HdM (im zweiten Anlauf ) einen Büroturm in Basel bauen. Die Fertigstellung des Actelion Business Center in Allschwil ist auf Ende dieses Jahres angekündigt. Die Firmenkommunikation hält sich dabei verständlicherweise an dieselbe Kommunikationskultur, wie bei der Lancierung eines Medikaments: Gestartet (eröffnet) wird nur einmal und erst dann, wenn es tatsächlich soweit ist. Lerne: Wo Qualitätsprozesse über den Geschäftserfolg und die Reputation bestimmen, kommt es auf ein paar Monate bzw. ein genaues Datum  eben nicht an.

Bauen ohne Geschmack, Tabus und Vorlieben

HdM erfüllen in Allschwil den Auftrag, dem noch jungen Unternehmen (1997, 2000 an die Börse) ein Gesicht zu geben: „Actelion ist ein neues Unternehmen, das seine Identität gerade entwickelt und architektonisch an einem Ort festmachen möchte. (…) Wir wollen, dass unsere Entwürfe die Logik ihrer Entstehung ausdrücken,“ so Jacques Herzog in der NZZ vom 14.2.2010. Die Vorgabe dazu präsentiert sich bei Actelion vergleichsweise eindeutig: Innovation, Innovation und nochmals Innovation, so lauten die drei wichtigsten Firmenwerte. Actelion lebt von der Forschung und Entwicklung von Medikamenten – und internationalen Spitzenleuten, die auch in der Nähe von Allschwil A-Arbeitsplätze (A steht hier für grosse Architektur) haben können. Die Architektur von HdM bringt nicht nur die Biotech-Forschungsmaschine von Actelion baulich zum Sprechen, sie zieht auch Arbeitskräfte an.

B2B: Konzept als Rezept

Wer – wie HdM – in globalen Märkten baut, in denen der CEO, in diesem Fall Jean-Paul Clozel, anlässlich der Jahrespressekonferenz kurz vor der Eröffnung eines Bauwerks weltberühmter Architekten deren Namen nicht einmal in den Mund nimmt, muss sich selber positionieren. Der Unternehmer Jacques Herzog macht dies mit verblüffender Konstanz und Prägnanz: „Wir haben keine ästhetischen Vorlieben, keinen Geschmack, keine Tabus“. Kürzer, positiv und wertfrei (!) ausgedrückt: HdM arbeiten konzeptionell in einem B2B-Markt, den sie genau kennen. Die permanent gelebte und dargestellte Kreativität im Entwurf und der eigene Markenwert der Architekten verhelfen den Bauherren zu „spezifischen“ Mehrwerten, für die sie bereit sind, einen besonderen Preis zu bezahlen.

Am Hauptsitz Allschwil von Actelion erbeiten gegenwärtig rund 1000 Leute, weltweit  sind es über 2’200 Mitarbeitende. Die Fläche des Business Centers beträgt 27‘313 m2, das verbaute Volumen 104‘502 m3.


Firmenarchitektur by Würth: Gebaut wird, was dem Chef gefällt

Im Bild: Prof.Dr.h.c.mult. Reinhold Würth

Der Würth-Konzern hat es von der Zwei-Mann-Schraubenhandlung zum Weltkonzern geschafft und in Rorschach die Architektur für einen neuen Firmensitz bestellt. Für den Ort ist dies eine kleine Sensation. Gigon/Guyer haben den Wettbewerb gewonnen. Der CEO ist von der Umsetzung überzeugt.

Die Architektur, die Nähe zu Kunst und Kultur haben in der Firma lange Tradition. Dem Engagement von Würth eilt zudem der Ruf voraus, dass  gebaut wird, was dem Chef Reinhold Würth gefällt. Wer genauer hinsieht, sieht mehr: Die Firmenphilosophie eines Industrieunternehmens, die so bestellt und stilisiert wird, dass sie gezielt lokale Räume, Märkte (Kunden) und öffentliche Beziehungen aneignet. Der Entwurf von Gigon/Guyer für den neuen Firmensitz in Rorschach am Bodensee ist eine Meisterleistung im Umgang mit der Entwurfs-Vorgabe, eine „angemessene Selbstdarstellung“ für Würth zu entwerfen. Chipperfield; Libeskind; Krischanitz; Meili, Peter; Baumschlager, Eberle und KCAP haben u.a auch am Studienauftrag teilgenommen, nachzulesen in: Schweiztaugliche Firmenarchitektur, werk, bauen+wohnen, Nr. 11/09.

Das Büro für Stadtfragen hat Michel Kern, CEO Würth International AG zum privaten Studienauftrag für den neuen Firmensitz in Rorschach befragt:

Herr Kern: Gebaut wird bei Würth, was dem Chef (Reinhold Würth) gefällt, stimmt diese Rede?

Für den Architekturwettbewerb in Rorschach war eine Jury mit Mitgliedern der Würth-Führungsgremien sowie externen Experten und Behördenvertreter eingesetzt. Diese hat den Entscheid für das Siegerprojekt einstimmig und gemeinsam gefällt.

Wieso wurde ein Architekturwettbewerb durchgeführt?

Praktisch alle Würth-Bauten wurden über einen Architekturwettbewerb realisiert. Nur über ein Auswahlverfahren lässt sich auch das beste Projekt ermitteln. Das Thema Architektur hat einen hohen Stellenwert im Würth-Konzern.

Wieso haben Sie auf einen Wettbewerb nach SIA verzichtet?

Da es sich hier um einen privaten Studienauftrag im Einladungsverfahren handelt, wollten wir mit unserer internationalen Bauerfahrung die Wettbewerbsbedingungen selber formulieren. Im Übrigen haben wir uns aber weitgehend an die Vorgaben der SIA gehalten.

Wieso haben Sie als Veranstalter des Wettbewerbs auf die sonst übliche Rangierung der Arbeiten verzichtet, bzw. diese nicht kommuniziert?

Alle eingereichten Projekte waren sehr gut. Auf Empfehlung der Fachjuroren haben wir auf eine Rangierung verzichtet. Das Siegerprojekt steht für uns im Vordergrund.

Statt einer konkreten Stil-Vorgabe lautete die Aufgabe an die Architekten, eine „angemessene Selbstdarstellung“ zu realisieren. Was heisst das genau?

Diese Frage mussten sich die Architekten selber stellen. Verschiedenen Wettbewerbsteilnehmern ist die Umsetzung sehr gut gelungen. Die diversen Würth-Bauten geben vielleicht einen Planungshinweis, wie diese Formulierung zu verstehen ist.

Der Anspruch an die „Transparenz“ durchdringt die Firmenkultur von Würth. War es deshalb überhaupt sinnvoll, etwas anderes als Glasarchitektur vorzuschlagen?

Transparenz ist nicht zwingend nur mit Glas zu erreichen. Dies kann auch durch eine entsprechende Objektgestaltung erfolgen. Das Siegerprojekt LICHTSPIEL hat sowohl durch das Material sowie auch die Architekturumsetzung unsere Vorgaben am besten getroffen. Zudem ist die Projekteingabe in seiner Erscheinung sehr innovativ und trotzdem zurückhaltend.

Ist der Firmenstandort in Rorschach, mit See- und Bahnhofanstoss direkt am Bodensee, für Sie gleichbedeutend mit einem Schnäppchen?

Der Entscheid für das Grundstück in Rorschach ist aus verschiedenen Gründen gefällt worden. Die Seelage und Anbindung an den öffentlichen Verkehr waren sicherlich mit ausschlaggebend.

Welche Gründe sprachen noch für den Standort Rorschach?

Einerseits die zentrale Lage, die Anbindung an den öffentlichen Verkehr sowie die Autobahn wie auch an die Flughäfen Altenrhein und Zürich. Wichtig ist in diesem Zusammenhang ebenfalls die Nähe zur Universität St. Gallen als Top-Ausbildungsstätte. Weiter Einfluss hatte der zentrale und schöne Standort des Grundstückes sowie die gute Zusammenarbeit mit den Ämtern und Behörden.

In welcher Sache sind Ihnen die Stadt Rorschach und der Kanton am meisten entgegengekommen?

Ausschlaggebend war sicherlich die sehr gute Zusammenarbeit.

Wie hoch ist die finanzielle Investition von Würth in den Standort Rorschach?

Die Kosten werden sich in der Feinausarbeitung des Siegerprojektes sukzessive zusammenstellen lassen. Für den ersten Bauabschnitt erwarten wir einen Betrag von 100 Millionen CHF (70 Mio. Euro).

Welche Rolle spielen die Architektur und der Standort des Arbeitsplatzes bei der Akquisition von Kadermitarbeitenden?

Mitarbeitende verbringen einen grossen Teil ihrer Lebzeit am Arbeitsplatz. Es ist Teil der Firmenkultur bei Würth, dass wir den Mitarbeitenden einen tollen Arbeitsplatz und eine schöne Arbeitsumgebung bieten wollen. Dies hat sicherlich mit Einfluss auf den Entscheid, sich bei Würth zu bewerben.

Wie sicher ist es heute (in der Skala von 1-10), dass Würth International in Rorschach baut

Aus unserer Sicht ist es eine 10.

Wann beziehen Sie in Rorschach die ersten Räume?

Wir gehen jetzt in die Feinplanung des Projekt-Entwurfs. Die komplette Fertigstellung des Neubaus könnte innerhalb der nächsten vier Jahre, also bis 2013, erfolgen. Aus der Erfahrung von vielen anderen Projekten wissen wir, dass im Planungsprozess vom Modell bis hin zur Realisierung noch einiges zu tun ist.

Farbanschläge

In Zeiten wirtschaftlicher Blüte spriessen die Phantasien, wie die wirtschaftliche Potenz in Form von Architektur dargestellt werden kann. Sind diese Phantasien kurzfristig, droht ein architektonisches Selbstgespräch, das über Nacht, so wie im Zuge der aktuellen Wirtschaftskrise, unlesbar bizarr werden kann. Beispiel: AFG’s neuer Hauptsitz von Edgar Oehler.

Die eigene Position, die Firmenkultur, der Erfolg können mit gutem Gewissen, handfest und mit klarem Ziel vor Augen verräumlicht werden. Wer sich eine Corporate Architecture leistet, gewinnt im Wettbewerb um Aufmerksamkeit an Vorsprung, so die kommunikative Logik, die heute jede Marketingabteilung verstanden hat. In guten Zeiten ist Corporate Architecture eine angenehme Sache; der Turm lockt, der Stararchitekt, die beste Adresse, oder zumindest der mutige Neubau aus Glas, Stein, Alu oder Beton; oder dann das Spiel mit der Farbigkeit, expressive Nachtarchitektur. Wie aber steht es um die Ausdruckskraft gebauter Architektur in Krisenzeiten?

Das Dilemma mit der Zeit

Das Dilemma der Zauberformel gute Architektur = gute Firma= erfolgreicher Chef liegt in der Zeit. Die letzten Monate haben es vor Augen geführt: Kursentwicklungen und gebaute CD-Selbstdarstellungen haben kürzere Lebenszyklen als Bauten und Chefpositionen: Vertrauen und Mut können schnell verloren gehen. Kurse brechen ein, Botschaften sind schnell unpassend – Bauten bleiben stehen, die Lichter an; jedenfalls solange, wie noch gearbeitet wird. Einige Firmen haben schon 2008 schnell gehandelt: Roche hat auf die Label-Architektur von HdM, auf den Turm in Basel, in letzter Minute verzichtet (Basel tickt zuerst). Einige Gebäude der UBS (im Bild: UBS in Zürich) sind unter dem Einfluss desselben Zeitgeschehens ungewollt farbiger geworden, indem sie Farbanschlägen zum Opfer wurden. Dieser Schaden lässt sich beheben. Wieder andere Bauten vermitteln plötzlich den Eindruck, aus einer anderen Zeit zu sein. Obwohl man sie kennt, schaut man sie noch einmal an, anders eben, und denkt sich: Würden die das heute auch noch so bauen?

Beispiel AFG

Die international tätige Bauausrüsterin Arbonia Forster-Holding AG hat just anfang 2008 einen prestigeträchtigen Neubau fertiggestellt, in Rekordzeit. Architekt ist der lokale Hausarchitekt und der Patron selbst. Der Hauptsitz der Holding repräsentiert u.a. die Marken Piatti, Forster und Miele. Der langgezogene Hauptbaukörper am Rand des Siedlungsgebiets schliesst rund ab, hier sitzen die Chefs, übereinander. Nachts leuchtet das Gebäude in Blau, Orange bzw. Rot, zuoberst auf dem Dach dreht sich das Firmenlogo, an einen Stern erinnernd, leuchtend im Kreis. Das Corporate Center repräsentiert gemäss AFG die „neue AFG“. Die verwendeten Materialien stammen mehrheitlich aus der eigenen Produktepalette. Architektur ist für die Kommunikation des Unternehmens ein scheinbar omnipotenes Marketinginstrument. Der Chef, Edgar Oehler, erklärte seinen 900 Eröffnungsgästen die Architektur so: „Das Corporate Center ist sozusagen das Gesicht unseres Unternehmens und veranschaulicht unsere Firmenphilosophie: Innovation, Technologie, Qualität, Ökologie und Internationalität. Es widerspiegelt unser Selbstbewusstsein als Unternehmen, das gewohnt ist, sein Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. (…) mit seiner gläsernen Architektur (Anm: ist der Bau) ein Symbol für die Offenheit und Transparenz, welche die Kultur unseres Unternehmens entscheidend prägt.“ (Medienmitteilung). Im Januar gab der internationale Bauausrüster Arbonia Forster-Holding AG bekannt, dass er im Premium-Bereich seine Küchen künftig zusammen mit dem Designer Philippe Starck baut. Fortsetzung folgt.

Basel tickt (vielleicht) zuerst.

Roche Turm Basel

Roche macht einen architektonischen Rückzieher und verzichtet vorerst auf den Turm-Bau zusammen mit Herzog und de Meuron: Steht auch der globale Architektur-Markt vor einer Wende? Die unsichere Kommunikation der Beteiligten liefert mögliche Hinweise.

Hochhäuser haben immer zwei Gesichter: eines für die Stadt und eines für ihre Benützerinnen. Weil Basel offiziell anders tickt, sind es hier sogar drei. Der Dank für diesen Gedanken gilt der Geschichte um den Rocheturm von HdM. Weil das Bild einer Stadt immer die symbolische Teilnahme der Gesellschaft, die Wahrnehmung von Indentität und Identitätsansprüchen der beteiligten Akteure zum Ausdruck bringt, sind grosse Würfe wie jener von HdM für Roche Basel auch ein Selbstbildnis der Erbauer und Besteller. Die Macht dieses dritten Gesichts zeigt sich erst dann, wenn der Konsens des Entscheidens und Aussagens bricht, so geschehen in Basel: Erbauer (die sich Autoren nennen) und die Bestellerfirma waren sich offenbar nicht mehr einig über den Sinn und Zweck des Vorhabens, dessen Botschaft und Wirkung. Der Bruch ist da, die Medien auch, nur: Was ist denn Schlimmes passiert? Ein Hochhaus wird nicht gebaut, basta.

Promis reagieren so

Die auf den ersten Blick beleidigt wirkende Reaktion aus dem Büro HdM (sinngemäss: „Wir haben es an der Morgensitzung im Büro erfahren“) ist nun genügend Beweis dafür, dass die Köpfe von HdM Promistatus erreicht haben. Auch diese Rolle spielen sie perfekt: Denn so reagieren nur Promis, die nicht nichts sagen können, weil sie und ihr Promistatus von der ständigen Aufmerksamkeit leben. Zweites Indiz: Auf derartige Reaktionen von Promis reagieren Berufskolleg/innen gerne mit einem Lächeln und versteckter Schadenfreude. Auch das gehört dazu und ist kein Unheil: Dem Büro wird die Absage, die ganze Geschichte ganz und gar nicht schaden, im Gegenteil: HdM sind weltweit gefragte Lead Consultants, die ein paar einheimische Negativ-Schlagzeilen locker wegstecken. Denn letzlich sind Promis quasi das Quellwasser des Mediengeschäfts. Diese Quelle lässt man aus Eigeninteresse auf beiden Seiten vielleicht nur deswegen etwas versiegen bzw. eintrüben, damit sie im nächsten Augenblick wieder in reiner Frische sprudeln kann. Der Preis, der dafür zu bezahlen ist, besteht in der unkontrollierbaren Absurdität, mit der der eigene prominente Name verwendet wird. So hat die Sonntagszeitung im Rahmen einer Leser/innen-Aktion am 5. Januar 2009 die wichtigsten 100 Schweizerinnen und Schweizer (der Prominenz) präsentiert. Hdm landeten auf Rang 77 – zusammen mit Ursula Andres.

Vom Denkmal zum Eiszapfen

Spannender als die Promi-These um HdM ist jedoch die Geschichte um den Roche-Turm aus Sicht der Unternehmenswelt und deren kommunikativen und baulichen Repräsentation. Für Roche hat sich das Gesicht des Turms durch die Lage in der Finanzwelt scheinbar in eine unpassende, drohende Fratze verwandelt. „Wir haben ein Bürogebäude bestellt. Wir bekamen aber ein Kunstwerk“ liess sich die Firma verlauten (NZZ am Sonntag, 30.11.2008, p.37). Nach dem schlafwandlerischen Staunen über die Bedeutung der Autorenarchitektur für die Markenführung schreiben die Zeitungen nun von fehlenden Sitzungszimmern und Eiszapfen an der Fassade. Die reine Zurschaustellung des Co-Brandings mit dem Starkult von HdM wurde wohl zum Risiko. Die Frage lautet: Passte sie, die architektonische Botschaft, überhaupt je einmal zur Unternehmenskultur, zum Markenkern von Roche? Die Gefahr, dass das Denkmal zum Mahnmal hätte werden könnte, liegt auf der Hand. Basel tickt anders? Basel tickt vielleicht wieder einmal zuerst. Wenn Ja, dann würde das heissen, dass nicht nur der Finanzmarkt, sondern auch der Markt der Star-Autoren-Architekten vor einer Wende steht.

Rückblick:

– „Es gibt keine Gewissheit, dass die Stadt eine Intervention in dieser Grössenordnung tatsächlich schluckt.“ Pierre de Meuron, in: Tagesanzeiger, Magazin, Nr. 19., 10.5.2008.

– „Aber es ist schon paradox. Roche verfügt über einen wunderbaren Campus und setzte jetzt auf einen Solitär.“ Vittorio Lampugnani, NZZ am Sonntag, 26. Oktober 2008.