von Thomas Stadelmann

Es ist ruhig geworden um das Kieswerk“ (WB. 11.12.2025)

Das ehemalige Kieswerk im Visper Chatzuhüs steht seit über fünfzig Jahren leer; ein stilles Haus, das Bände spricht. Der Bau wird häufig als Schandfleck bezeichnet, zugleich ist er landschaftlich präsent und geschichtlich aufgeladen. Ein Schandfleck ist auch Ausdruck lokaler Baukultur.

visp_sta. Das ehemalige Kieswerk im Naherholungsgebiet Chatzuhüs in Visp ist ein markanter Betonbau: weithin sichtbar, prägt er den Ort aus verschiedenen Perspektiven unterschiedlich. Unabhängig von der Zuschreibung „Schandfleck“ stellt sich die Frage, welche Bedeutung das Gebäude heute noch hat. Anzunehmen ist, dass die Aufgabe beim Kieswerk keine alltägliche Gebäudesanierung darstellt.

Gebäude ohne Nutzung

Eine gewisse Klarheit, wie es beim Kieswerk, 1950 von Otto Kalbermatten erstellt, weitergeht, schaffte der Artikel „Es ist ruhig geworden um das Kieswerk“ im Walliser Boten vom 11. Dezember 2025. Im Rahmen eines Interview mit der Gemeinde war darin zu lesen, dass das Projekt „Umbau Kieswerk“ bereits im letzten Sommer 2025 sistiert worden sei. Damit wurde politisch entschieden, dass sich die lange Phase des Leerstands und der Planungen ohne Ergebnis fortsetzt: Zunächst nach der Übernahme der Anlage durch die Gemeinde anfangs der 1970er Jahre und danach wieder in den frühen 1990er Jahren haben verschiedene Gruppen und Teams Ideen formuliert und Bauten für das Chatzuhüs entworfen. 2023 waren Architekturstudierende der Hochschule Luzern am Werk. Zuletzt haben Ende 2024 Architekten aus Brig, zusammen mit Fachschaften verschiedener Disziplinen, der Gemeinde ein umfangreiches Dossier für ein Vorprojekt vorgelegt. Der Bevölkerung wurde das Vorhaben – mit einer Kostenschätzung von rund zehn Mio. Franken – nicht präsentiert.

Bauaufgabe mit besonderen Anforderungen

Schon der Standort des Kieswerks macht deutlich, dass die Umnutzung keine konventionelle Bauaufgabe darstellt. Die ausgemusterte Industrieanlage liegt ausserhalb der Siedlung in einem landschaftlich sensiblen Umfeld. Eine Weiterentwicklung oder ein Rückbau müsste verschiedene Fragen berücksichtigen: bauliche und statische, verkehrliche, landschaftliche sowie Sicherheits- und Hochwasserschutzaspekte. Zu den spezifischen Merkmalen im Umgang mit dem Bestand zählen unter anderem die frühere Kiesförderung mittels Seilbahn sowie die besondere statische Situation des Gebäudes in Verbindung mit dem rückwärtigen Felsen. Diese Gegebenheiten begrenzen mögliche Eingriffe, eröffnen aber eigenständige und innovative Herangehensweisen.

Landmarke, Lost Place und Ort persönlicher Erinnerungen

Aus grösserer Distanz betrachte, ist das Kieswerk eine Landmarke am Eingang zum Saastal und zum Mattertal. Das turmartige Gebäude prägt das Landschaftsbild nachhaltig. Kaum ein anderes Gebäude in Visp ist gleichzeitig so präsent und in seiner Bedeutung so offen. Online listet die Plattform UBEX das Gebäude bzw. das Chatzuhüs unter der Rubrik Lost Place, Zitat aus einem Sightseeing-Bericht: „Pippi (Anm: Langstrumpf) hätte ihre Freude daran“. Darüber hinaus ist der Ort mit individuellen und kollektiven Erinnerungen angereichert. Persönlich wird u.a. von Party-Nutzungen, informellen Anlässen und Übungen der Feuerwehr berichtet. Auch belastende Ereignisse gehören zur Geschichte des Ortes; etwa der mutmassliche Todesfall im Kieswerk 2024, über den nie berichtet wurde.

Ausdruck lokaler Baukultur

Die Beschäftigung mit dem Kieswerk zeigt: Leerstand in einem Gebäude ist nie neutral und gänzlich ohne einen Nutzen. Wo Menschen sich aufhalten – geplant oder ungeplant, legal oder illegal – entsteht Bedeutung, gespeichert in Nutzungsspuren, Erinnerungen und Erfahrungen, die im Alltag nicht einfach so ans Licht kommen. Trotzdem sind sie präsent. Wie die Eigentümer, Nutzende oder die Gesellschaft damit umgehen, ist auch eine baukulturelle Frage.

Das Bundesamt für Kultur schreibt dazu: „Wie wir mit unserer gebauten Umwelt umgehen, ist Ausdruck unserer Baukultur.“ Dazu zählen nicht nur schützenswerte Einzelbauten, sondern auch Prozesse, Diskussionen und Zeiträume ohne klare Entscheidung. Beim Kieswerk überlagern sich Baugeschichte, Erinnerungen und Stillstand in besonderer Art und Weise. Das Gebäude lässt sich weder allein auf seinen Beton reduzieren noch als rein technisches Problem oder Raumreserve behandeln.

Hoffnungsschimmer Fusion 2027

Geht es nun also nach dem Gemeinderat von Visp, verharrt das Kieswerk wiederum auf unbestimmte Zeit im Zustand des Wartens. Zu einem Hoffnungsschimmer könnte die Gemeindefusion 2027 (Visp-Baltschieder-Eggerberg) werden: Fusionen betreffen nicht nur Verwaltungsstrukturen, sondern verändern auch den Umgang mit Räumen, Landschaften und dem baulichen Erbe. Unterschiedliche Erfahrungen und Bewertungen müssen neu eingeordnet werden. Das Kieswerk im Chatzuhüs könnte in diesem Zusammenhang zu einem politisch attraktiven Lernumfeld werden. An ihm liessen sich exemplarisch Fragen bearbeiten, die auch an anderen Standorten im künftigen Gemeindegebiet auftreten werden: der Umgang mit industriellem Erbe, mit langfristigem Leerstand und mit Orten, die weder klar nutzbar noch eindeutig aufzugeben sind.

Als Alternative zum Stillstand läge eine baukulturelle Herangehensweise an den Schandfleck entlang von drei Szenarien nahe:

Szenario 1: Vollständiger Rückbau und Erstellen einer Parkanlage

Szenario 2: Instandstellung (Redesign) der Bausubstanz für einfache, temporäre Nutzungen

Szenario 3: Bauliche Transformation (Neubau und Parkanlage) des Standorts für öffentliche Zwecke

Mittelweg ist keine Option

Das Kieswerk im Chatzuhüs ist heute weder ein Bau-, noch ein Zukunftsprojekt, und schon gar kein historisches Bauwerk. Die Anlage ist ein Ort, an dem sich Fragen des Umgangs mit Bestand, Leerstand und Erinnerung konzentrieren. Ob die Anlage künftig weiterhin als Schandfleck oder neu als Teil der Baukultur wahrgenommen wird, hängt weniger vom Gebäude selbst, als vom gesellschaftlichen und politischen Umgang damit ab. Verlottern lassen ist eine ebenso radikale Möglichkeit, wie ein mutiger, offener Transformationsprozess. Zwischen den Polen gilt für das Kieswerk, nach einem halben Jahrhundert Leerstand, wohl nun endgültig das Bonmot: „In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod“ (Kluge, Reitz 1974). Kurz: Kompromisse, Zaudern oder Planungen ohne die Bevölkerung können in Zukunft fatal sein. Das Gute an dieser Ausgangslage ist: Das Kieswerk gehört der Gemeinde Visp – und damit der Bevölkerung.

Galerie: Neubau, Redesign und Realität.

*“Es ist ruhig geworden um das Kieswerk“ (WB. 11.12.2025)