Stadtfragen bietet im Hinblick auf die Wahlen in den Gemeinderat von Visp jeder Partei einen Platz für ein Interview an. Die Reihenfolge der Beiträge ist zufällig. Die Mitte sowie die FDP.Die Liberalen haben verzichtet.

Roger Mazotti ist 53 Jahre alt und gebürtiger Visper. Er hat eine Lehre als Laborant in der Lonza absolviert und danach Chemieingenieurwesen studiert. 15 Jahre lang war er in der Lonza als Betriebsleiter tätig. Nach Stationen im Marketing, Auslandsaufenthalten in den USA und einer weltweiten Reisetätigkeit arbeitet der SVP Ortspräsident heute bei Arxada als Produktmanager.

Als Präsident der lokalen SVP betont Roger Mazotti, dass seine Partei den Walkampf als Team bestreitet. Ihr Ziel: Den bestehenden Sitz im Gemeinderat behalten – und vielleicht sogar einen zweiten Sitz dazugewinnen.

Das Nein zum Projekt Sägematte ist ein Warnsignal an den künftigen Gemeinderat: In der Visper Politik braucht es frühzeitige Vernehmlassungen, offene Plattformen für die Mitwirkung – echte Bürgerbeteiligung eben, Roger Mazotti

Wie haben die weltweiten Geschäftsreisen deinen Blick auf Visp verändert?

Visp ist ein Juwel! Eine seltene Kombination aus Hightech-Standort und naturnahem Lebensraum.

Wie beurteilst du die Chancen der SVP auf einen zweiten Sitz im Gemeinderat – oder sogar auf ein Präsidium?

Die Wahlen sind in Visp so offen, wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Wir konzentrieren uns zunächst auf die Wahl in den Gemeinderat, Je nach Ausgang entscheiden wir danach, ob wir auch für das Präsidium oder Vizepräsidium antreten. Wir haben für alle Szenarien bereits Pläne in der Schublade. Trotzdem bleiben wir demütig.

Die schweizerische Volkspartei betont regelmässig ihre Nähe zum Volk: Wie steht es um die angeblichen Spannungen zwischen Einheimischen und den zahlreichen ausländischen Menschen, die in Visp arbeiten und wohnen?

Aus meiner Sicht hat Visp Wachstumsschmerzen. Der Ort hat sich in den letzten zehn Jahren derart schnell zu einem internationalen Standort entwickelt. Die Bevölkerung hat in dieser Zeit einige Veränderungen mitgetragen und die Politik mehrheitlich unterstützt. Mit der Abstimmung zur Sägematte hat das Volk jedoch mit einem Paukenschlag aufgezeigt, dass das verträgliche Mass an Grossprojekten und Wachstum nun erreicht ist. Der Stimmungsbarometer verlangt deshalb in meinen Augen nach einem politischen Kurs, der auf Konsolidierung ausgerichtet ist: Das Erreichte muss erstens stabilisiert und zweitens müssen die Anliegen der einheimischen Bevölkerung ernsthafter angehört und in geeignete politische Aufgaben und Projekte umgesetzt werden.

Und wie gelingt das?

Ganz einfach: Indem nicht nur die Projektlandschaft sondern ebenso dringlich die politischen Strukturen inkl. Finanzhaushalt sorgfältig und transparent aktualisiert oder saniert werden.

Das klingt in meinen Ohren nach einem kulturpolitischen Wandel im Gemeinderat.

Das kann man so benennen. Die SVP fordert vom Gemeinderat in Zukunft vollkommene Transparenz. Durch die langjährige Dominanz weniger Personen im Gemeinderat wurden in Visp einige Entscheidungen im internen, kleinen Kreis gefällt. Ich denke an die Governance bei der Besetzung von Funktionen in den ausgelagerten Gesellschaften wie der Lonza-Arena, dem Camping und Schwimmbad oder dem La Poste. Diese Frage muss sich der neue Gemeinderat ernsthaft stellen: Ist es wirklich noch zeitgemäss, dass eine politische Behörde ein Speiserestaurant betreibt?

Für mehr Transparenz müssen zudem die politischen Kommissionen sorgen, die dem Gemeinderat beratend zur Verfügung stehen.

Zu den personellen Veränderungen im Gemeinderat kommt die Fusion ab 1. Januar 2027 hinzu: Welche Aufgaben stellen sich der Politik zusätzlich und haben für die SVP erste Priorität?

Oberste Priorität hat, die Fusion absolut sauber über die Bühne zu bringen. Damit meine ich: Visp, Baltschieder und Eggerberg müssen als Ortsteile auf Augenhöhe zusammenarbeiten können. Es darf nicht sein, dass Mehrheiten in Visp die Anliegen von Baltschieder und Eggerberg überstimmen. Das gilt vor allem bei Investitionen in Infrastrukturen. Diese müssen unbedingt nach ihrer Dringlichkeit und mit ganzheitlichem Blick evaluiert, budgetiert, geplant und umgesetzt werden.

Welche Investitionen könnten die Bevölkerung darin unterstützen, die Fusion in den nächsten Jahren als positive Entwicklung zu erleben und mitzugestalten?

Wir müssen die laufenden Verwaltungskosten stabilisieren und Projekte stoppen, die der Allgemeinheit nichts bringen. Ganz oben auf der Pendenzenliste steht die Schaffung eines Vereinshauses mit Proberäumen für Musikvereine und Bands, die seit Jahren in Provisorien ausharren oder gar keine Räume finden konnten. Die Aufstockung bestehender Gebäude im Sand wäre eine pragmatische Lösung.

Was die Mitwirkung der Bevölkerung am politischen Geschehen betrifft, dazu hat die Sägematte ein Warnsignal gesendet: Künftig braucht es frühzeitige Vernehmlassungen, offene Plattformen und echte Bürgerbeteiligung, bevor Vorlagen an die Urne kommen. Wir müssen auf Qualität statt auf reines Mengenwachstum setzen.

Zum Schluss interessiert mich noch deine Einschätzung als Mitarbeiter bei Arxada zum Verhältnis zwischen der politischen Gemeinde Visp und der Lonza.

Ich habe den Eindruck, dass die Verhandlungen und Kooperationen in Projekten nicht auf Augenhöhe stattfinden. Eine einseitige Bevorzugung des Industrieunternehmens duldet die Bevölkerung nicht mehr. Um das Vertrauen wieder herzustellen, brauchte es z.B. ein externes Audit zur Steuersituation. Ausserdem darf die Gemeinde nicht weiterhin Kosten tragen, die durch das Industrieunternehmen verursacht werden. Ich denke an die Mobilität oder an Einrichtungen wie Kitas.

Aufgezeichnet im September 2026