Zermatt spielt touristisch in der Champions League – und kämpft mit Wohnungsnot. Zwei einheimische Unternehmer haben zwei ähnliche Lösungen parat: den Bleistiftturm. Stadtfragen sprach mit dem Künstler, streitbaren Architekten und Hotelier Heinz Julen über seinen Turm Lina Peak ausserhalb von Zermatt.

„Es gibt für Zermatt keine Alternative zum Wachstum.“ Heinz Julen, Künstler, Architekt, Hotelier


Zermatt verzeichnete mit 1.7 Mio. Logiernächten und einer touristischen Wertschöpfung von 450 Millionen Franken im letzten Jahr einen historischen Rekord. Gleichzeitig bleibt die Wohnungsnot mit einer Leerwohnungsziffer von 0.4 dramatisch. Das Modell Täsch, die Verlagerung von Wohnraum in andere Dörfer – stösst im Mattertal zunehmend auf Widerstand. Die Gemeinde Zermatt reagierte mit einer überraschenden Massnahme: Künftig sollen Hotelbauer verpflichtet werden, gleichzeitig Wohnraum für Angestellte zu bauen.

Einen oder zwei Türme für Zermatt?
Heinz Julen ist bekannt für seinen eigenwilligen Stil und unkonventionelle Ideen. Sein Vorschlag für Zermatt heisst Lina Peak: ein 260 Meter hoher Turm, der Wohnraum für Einheimische, Angestellte und Superreiche vereinen; Freizeit- und Businessflächen bieten und direkt an das Skigebiet angebunden sein soll. Der Bauplatz gehört dem Erfinder selbst: 6’000 m2 Landwirtschaftsland, 600 Meter nördlich des Dorfkerns – an einer Engstelle im tief eingeschnittenen Mattertal. Der Besitzer des benachbarten Kieswerks, mit dem Julen zunächst kooperierte, hat der Gemeinde ein ähnliches Turmbauprojekt vorgestellt. Wie es weitergeht, ist offen.

Stadtfragen traf Heinz Julen am 22. April 2025 im «Hotel Backstage» in Zermatt zum Interview.

Lina Peak, 260 Meter, 65 Stockwerke, vorne das Kieswerk, im Hintergrund Zermatt. Bild: zvg

Heinz Julen Wie hast du es im Alleingang geschafft, dein Projekt so prominent in der Grossauflage des Walliser Boten vom 10. April zu platzieren – auf der Titelseite mit Bild und Kommentar, redaktionell auf Seite zwei und drei?

Ich weiss bis heute nicht, wie sich die Gemeinde Zermatt zu den beiden geplanten Hochhausprojekten im Gebiet zum Biel positionieren will. Mir wurde einfach klar: Jetzt musst du selbst aktiv werden. Ich habe den Walliser Boten kontaktiert, mein Projekt vorgestellt – und offenbar damit überzeugt. Es hilft natürlich, dass meine Projekte zwar kontrovers, jedoch meistens positiv aufgenommen werden. Auch diesmal.

Der Beitrag kommt wie eine Publireportage daher. Hast du für die Medienpräsenz bezahlt?

Nein. Ich bezahle grundsätzlich nicht für redaktionelle Beiträge.

Du hast für den Standort von Lina Peak 6’000 m2 eigenes Landwirtschaftsland zur Verfügung. War es dein ursprünglicher Plan, dort Schwarznasenschafe zu züchten?

Nein, aber wenn das Projekt scheitert, wäre das ein Plan B. Der Kauf des Grundstücks war ein Glücksfall, weil es meiner ehemaligen Schulfreundin gehörte. Ich konnte die Parzelle nach dem Bruch mit dem Besitzer des benachbarten Kieswerks kaufen. Mit ihm zusammen hatte ich die Idee eines Hochhauses zuerst entwickelt.

Ging es bei diesem Bruch um viel Geld?

Es gab unterschiedliche Vorstellungen zum möglichen Wert der Gewerbeparzelle, auf dem heute das Kieswerk steht. Unser Vertragsmodell zum Bau eines Turms sah vor, dass das Grundstück vom Grundeigentümer an eine lokale AG zu einem bestimmten Preis verkauft worden wäre. Eine separate Machbarkeitsstudie kam dazu – und plötzlich stand ein mehrfach höherer Millionenbetrag zum Wert der Parzelle im Raum.

Konkret?

Ich nenne dazu keine Zahlen.

Wer sind diese Leistungsträger? 

Angedacht war eine AG mit Beteiligung der Gemeinde, Burgergemeinde Zermatt, den Bergbahnen Zermatt, der Matterhorn Gotthardbahn  sowie des  Grundeigentümers und mir. Als es dann um die Zahlen ging, war ich plötzlich nicht mehr erwünscht.

Deshalb hast auf eigenem Landwirtschaftsland weitergeplant. Ist es nicht absurd, zwei benachbarte Hochhäuser zu planen – beide ähnlich und von dir gezeichnet? 

Im Grunde schon. Aber ich hatte dem Grundeigentümer des Kieswerks die Idee von gestapelten Angestelltenwohnungen in der Gewerbezone bereits vor zehn Jahren gesteckt. Danach entwickelten wir im regen Austausch ein erstes Projekt. Ich sehe die beiden Projekte als komplementär, nicht als Konkurrenz. Und es gibt ausserhalb des Dorfes im Gebiet zum Biel nur zwei Parzellen,  die für ein solches Projekt überhaupt in Frage kommen.

Welche Parzelle eignet sich besser?

Ich denke meine. Sie liegt 200 Meter näher am Dorf. Zudem hat die Parzelle bezüglich Naturgefahren, Erreichbarkeit und Pistenanschluss, Sonne und Aussicht einige Lagevorteile gegenüber dem Kieswerk. Man sieht schon im Erdgeschoss den Gipfel des Matterhorns. Verantwortliche der kantonalen Raumplanung haben mir zudem signalisiert, dass eine Umzonung des Landwirtschaftslands möglich wäre, sofern das Projekt als notwendig eingestuft wird. Die Wohnungsnot in Zermatt spricht dazu eine klare Sprache. Zudem ist die Gewerbezone, auf der das Kieswerk betrieben wird, für die Entwicklung von Zermatt wichtig.

Weisst du, wie viel dein Grundstück bei einer Umzonung wert wäre?

Nein, ich spekuliere nicht. Mein Antrieb ist nicht das grosse Geld. 

Was treibt dich denn sonst an?

Ich will als Grundbesitzer, Zermatter und Gestalter das Wohnungsproblem auf meine Art angehen und guten Wohnraum schaffen – zu einem fairen Preis. Mit Bodenspekulation ist dieses Ziel nicht zu erreichen. 

Was würde eine kostengünstige 4-Zimmer-Wohnung im Lina Peak denn kosten?

Eine Zermatter Familie sollte eine Wohnung von 100m2 zum Preis von einer Million erwerben können – das ist in Zermatt günstig. Mit einer Fremdfinanzierung bis zu 90% wäre das für viele Familien machbar.  

Lina Peak wird 260 Meter hoch, 65 Stockwerke, 50 Meter höher als der Roche-Turm in Basel. Warum diese Dimension? 

Zermatt ist erfolgreich, hat aber ein Bodenproblem. Ich bin der Überzeugung, Zermatt muss seine Hausaufgaben trotzdem auf eigenem Boden lösen können. Eine erste Einschätzung ergab, dass Zermatt rund 550 Wohneinheiten benötigt , darunter Erst- und Zweitwohnungen. So ergab sich die Höhe. Noch wichtiger ist aber die soziale und gesellschaftliche Idee, die hinter Lina Peak steht : günstige Wohnungen im Sockel, Luxuslofts oben – das Wohnungsangebot finanziert sich gegenseitig, ohne staatliche Subventionen.

Worin liegt die Ursache für das Wohnungsproblem? Früher lebten die Angestellten z.B. im Monte Rosa unter dem Hoteldach.

Der grosse Erfolg der Destination Zermatt ist eine Ursache. Airbnb & Co. haben zudem die Mietpreise explodieren lassen. Nur Idealisten wollen ihre Privatwohnungen heute noch für CHF 1’500 im Monat an Dauermieter abgeben, wenn sie über Online-Plattformen das Vielfache davon umsetzen können.

Wie haben die Hoteliers zum Wohnungsproblem beigetragen? 

Dachzimmer für Angestellte sind eine romantische Vorstellung. Seit den 90er Jahren haben die Hoteliers kaum mehr Personalwohnungen gebaut. Ich hatte das Glück, dass ich vor 20 Jahren wohl einer der letzten Hoteliers war, der im grösseren Umfang Personalwohnungen gebaut hat. Die Online-Buchungen von privaten Ferienwohnungen haben den Druck auf das Wohnungsangebot seither nochmals deutlich erhöht. 

Und was tut die Gemeinde?

Sie hat eine Gruppe gebildet, die sich dem Thema annimmt. Sie versucht mit gesetzlichen Mitteln die Hotels gesetzlich zu verpflichten, Wohnungen für Angestellte zu bauen. Ich finde das kontraproduktiv.  Wir kämpfen in Zermatt um jeden Quadratmeter und haben bereits den internationalen Wettbewerb im Nacken. Den Wettlauf vor Ort mit zusätzlichen Gesetzen noch zu verschärfen, ist keine gute Idee.

Lina Peak ist deine Lösung für das Problem.

Nicht nur meine Lösung und nicht nur für ein Problem. Ganz Zermatt kämpft mit dem Massentourismus. Trotzdem muss die Destination weiter wachsen, wir wollen in der Champions League bleiben. Weil das Siedlungsgebiet für das Wachstum nicht die Kapazität hat, schlagen wir einen Turm ausserhalb des Siedlungsgebiets vor. Im Dorfkern wäre Lina Peak für mich ein absolutes No-Go.

Kennst du Adolf Loos, den Wiener Architekten?

Nein, den kenne ich nicht.

1913 schrieb er an die Adresse der Architekten, die in den Bergen bauen: «Die Ebene verlangt eine vertikale Baugliederung; das Gebirge eine horizontale. Menschenwerk darf nicht mit Gotteswerk in Wettbewerb treten.»[1]

Schön gesagt. Für mich sind Architektur und Kunst ebenso sinnstiftender, wenn ich christliche Themen und Werte einbauen kann. Und in Zermatt ist die Natur eh ein grossartiges Geschenk – gottgegeben, wenn du so willst. Was war deine Frage?

Die Glaubenssätze von dir und Adolf Loos passen gut zusammen – nur das Turmprojekt im engen Bergtal steht völlig quer dazu?

Nun gut: Adolf Loos schrieb vor über 100 Jahren, dass Hochhäuser nur in der Ebene erlaubt sein sollen. Das war damals eine seiner Regeln. Ich habe eben andere.

Welche denn? 

Wenn einer wirklich denkt, dass er mit einem 260 Meter hohen Turm die Natur in Zermatt konkurrenzieren kann, dann hat er oder sie nicht viel verstanden. Für mich ist Lina Peak ein Kniefall vor der Schöpfung unserer Natur. Es geht darum, sich dafür einzusetzen, dass Menschen die Möglichkeit erhalten, temporär oder für immer hier zu leben. 

Du siehst keinen Widerspruch zwischen dem Turmbau und deiner christlichen Haltung?

Überhaupt nicht. Ich sehe nicht ein, weshalb das Täsch- oder das Weisshorn zu einem Turm in Konkurrenz stehen sollen oder umgekehrt. Vielleicht erklärt sich mein Vorschlag dann, wenn man weiss, dass vom Weisshorn bis ins Tal bei St. Niklaus das tiefste Tal der Alpen gemessen wird. Der tiefste Punkt im Mattertal liegt auf 723.5 m.ü.M, die Berggipfel, die das Tal von drei Seiten umschliessen, auf über 4’500 m.ü.M. Dieses Naturphänomen bringe ich mit einem baulichen Nadelstich am Fuss des Tals nicht aus dem Gleichgewicht. Zudem liegt der Standort des Turms an der engsten Stelle im Tal: Da gibt es die Strasse, den Zug und das Bachbett, sonst nichts. Im Gegensatz zu einem Hochhaus in der Ebene hat Lina Peak, streng genommen, für die Betrachtenden nur zwei Aussenansichten: vorne und hinten. 

Wer denkt, ein 260 Meter hoher Turm könne die Natur in Zermatt konkurrenzieren, hat nicht viel verstanden. Heinz Julen

Stellen wir uns die Bewohnerschaft vor: Die Zermatter Familie mit zwei kleinen Kindern, vielleicht kommt sie ursprünglich aus Portugal, leistet sich auf den ersten 30 Etagen 100m2 Wohneigentum zum Preis von einer Million. Warum soll die Familie das gewohnte Dorfleben verlassen, um im Fahrstuhl des Lina Peak auf einen Banker aus NYC im weissen Louis Vuitton Bademantel zu treffen?

Ich finde diese Szene sensationell. 

Was denn?

Ich kenne doch die Situation im Dorf: Erstens findet die Familie keine leerstehende Wohnung. Zweitens findet sie bestenfalls eine dunkle Wohnung im Keller, wo es kaum Tageslicht gibt. Jeglicher Wohnraum, der eine gewisse Wohnqualität bietet, ist in Zermatt an Gäste vermietet. Die obersten Lofts werden im Lina Peak deshalb dermassen teuer sein, dass sie die Wohnungen der Einheimischen und der Angestellten mitfinanzieren. Diese Idee finde ich einfach gut. Und die Durchmischung im Lift ist entweder gewollt aber sie kann auch vermieden werden. Wenn ich etwas nicht will, dann ist es ein Ghetto. Deshalb behaupte ich: Die Angestellten, einheimische Käuferschaften und einige sehr Wohlhabende aus der ganzen Welt werden im Lina Peak besser und schöner Wohnen als die Gäste im 5-Sterne-Hotel in Zermatt!

Was genau ist im Lina Peak besser als im Zermatterhof?

Stell dir vor, du hast in deiner Wohnung auf vier Seiten Panoramafenster und siehst in unmittelbarer Nähe in die unberührte Berglandschaft; Gämsen, Wald und Fels. Im Norden sieht du das Täschhorn und im Süden das Matterhorn. In die KITA, zum Schwimmen und zum Konzert fährst du bequem mit dem Fahrstuhl. Dein eigenes Auto steht fahrbereit in der Tiefgarage. Auf die Skipiste fährt dich eine eigene Zubringerbahn. Was willst du mehr?

Die Idee ist nicht neu. In den 60er und 70er-Jahren versprachen Satellitenstädte ein Wohnen im Grünen inkl. Shopping. Aber: In Vals ist ein Hochhaus ebenso gescheitert wie auf der Schatzalp in Davos.

Ich habe nie behauptet, dass ich der Erfinder des Hochhauses bin. Und ehrlich gesagt, habe ich zu wenig vergleichbare Projekte recherchiert. Das ist meine Art. Ich erkunde mich nicht auf der ganzen Welt, was es schon gibt. Ich gehe in mein Bergatelier und zeichne dort so, wie ich es intuitiv für richtig halte. 

Heinz Julen in seinem Bergatelier, wo seine Projekte entstehen. Cartoon: Gabriel Giger, Leuk.

Und die Trennung vom Dorf? Wollen nicht alle Gäste durch das historische Zermatt in Richtung Matterhorn flanieren? 

Das können sie gerne tun. Aber die Distanz vom Dorf ist trotzdem wesentlich, weil Lina Peak für Zermatt dadurch wie ein Ventil wirkt. Durch die Distanz fällt der spürbare Wachstumsdruck vom alten Zermatt ab. Gleichzeitig wächst das Angebot der Destination weiter.

Wachstum ist – neben der Natur – für dich in Zermatt gottgegeben. Stimmt das so?

Ich habe gesagt, dass wir weiterhin in der Champions League spielen müssen. Die Grundeigentümer und Investoren in Zermatt mit Prügelgesetzen und Eigentumsbeschränkungen zum Bau von Wohnungen zu zwingen, ist etwa dasselbe, wie einem erfolgreichen Olympialäufer vor dem Start die Knie zusammenzubinden. Deshalb wiederhole ich es gerne: Nein, es gibt in Zermatt keine Alternative zum stetigen Wachstum.

Und gleichzeitig sprichst du von sozialer Verantwortung, wie passt das zusammen?

Zermatt hat eine soziale Verantwortung – und zwar allen Menschen gegenüber, die diesen Berg live anschauen wollen. Zermatt kann sich daher nicht verschliessen. Unsere Berglandschaft verpflichtet uns dazu, sie allen Menschen zugänglich zu machen.  Diese Aufgabe verleiht Zermatt seit mehr als einem Jahrhundert eine besondere Aura. Sie entsteht immer wieder, wenn ein Mensch die Möglichkeit hat, beim Anblick des Matterhorns Glücksgefühle zu erleben. Wachstum und soziale Verantwortung sind keine Gegensätze mehr, wenn die Idee von Lina Peak verstanden wird.

Was ist mit dieser Aura in Zermatt in den letzten 20 Jahren passiert?

Der Massentourismus hat zur Überlastung der ganzen Situation geführt. Darunter leidet die Qualität eines Aufenthalts und die Aura von Zermatt. Die Gruppen kommen am Bahnhof an und überfluten das Dorf, sie nehmen den Gästen, die länger als ein paar Stunden bleiben, sinnbildlich die frische Luft zum Atmen. 

Reden wir noch über Architektur. Mich erinnert Lina Peak an die schlanken Wohntürme am Central Parc in NYC. Kennst du die Bleistifttürme, die dort in den Himmel ragen? 

Ja, ich habe sie gesehen. Sie sind der Wahnsinn, ikonische Bauten, wie ich mir für Zermatt vorstelle: ein Gebäude, das mit seiner Ausdruckskraft der grandiosen Bergwelt Paroli bieten will. 

Schaffst du das im Alleingang? 

Nein.

Im Walliser Boten stand, du möchtest mit einem grossen Architekturbüro kooperieren? An wen denkst du ?

So genau weiss ich das noch nicht. Ich wäre lieber Partner im Atelier von Peter Zumthor als mit Herzog & de Meuron an der Arbeit. Zumthor ist über das Handwerk zur Architektur gekommen, gleichzeitig Architekt und ein hervorragender Künstler. Mein berufliches Hauptfach ist ebenfalls die Kunst. Was den Bau eines Turm angeht, ist für mich die Tragstruktur das wichtigste Thema. Weisst du: Wenn ich aus meinen bisherigen Projekten etwas gelernt habe, dann, dass ich am liebsten Ideenlieferant und Statiker geworden wäre. 

Kannst du noch etwas über den Kosten von Lina Peak verraten?

Wir gehen von 500 bis 800 Millionen Franken Gesamtkosten aus.  

Du hast dir mit der Mediengeschichte im WB eine offene Debatte gewünscht, bevor das Projekt ‘verpolitisiert’ werde. Das heisst?

Es ist so: Wenn ich in einem Projekt nicht dabei bin, fällt einigen Akteuren in Zermatt ein Stein vom Herzen. Verpolitisiert ist die Situation dann, wenn persönliche Meinungen über Personen und nicht Ideen und Chancen das politische Handeln bestimmen. Mit der Berichterstattung zu Lina Peak habe ich nicht nur die Politik, sondern auch die Leistungsträger überrascht. Meine Botschaft ging hauptsächlich an die Bevölkerung. Die Gemeinde will nun mit einer Marktanalyse auf die Situation mit den zwei Hochhausprojekten reagieren. Das finde ich sehr positiv. 

Ganz ehrlich: Bist du gerne der unbequeme Kreative aus Zermatt?

Vielleicht bin ich zu unbequem, ich weiss es nicht. Ich denke, ich bin ein liebenswerter Mensch und habe deshalb über Jahre gratis Projektvorschläge für die Entwicklung von Zermatt eingereicht – aber auch Fehler gemacht. Vielleicht denken einige: Der Heinz, das ist ein Bastler! Ich sehe mich eher als ein Erfinder. Meine Mutter hat mir als Kind jeweils aus dem Buch «Ein Erfinder bleibt ein Erfinder» vorgelesen. Das habe ich mir gemerkt.

Wie fiel übrigens die Reaktion der Medien auf den Primeur im Walliser Boten aus?

Etwa so: Stell dir vor, Heinz Julen plant einen 260 Meter hohen Turm und keiner sieht ihn! Das ist fantastisch. Du bist tatsächlich der erste Journalist, der sich bei mir gemeldet hat. Das ist gut so, weil ich mit der Berichterstattung zuerst die Bevölkerung von Zermatt ansprechen wollte.

Was gibt dir die Hoffnung, dass Lina Peak Realität wird?

Die Meinung und Kraft der Zermatter Bevölkerung. Sie wird über die notwendige Umzonung an der Urne entscheiden.

Willst du einen Volksentscheid erzwingen?

Vielleicht. Zunächst ist es für mich besser, abzuwarten, wie die Gemeinde mit den beiden Projekten umgeht. Was kann ich schon verlieren? Mein Land bleibt sowieso da, wo es ist, und es hat dort einen Stall für Tiere.

Heinz Julen: Vielen Dank für das Gespräch.


[1] Adolf Loos, «Regeln für den, der in den Bergen baut», 1913