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Bau1: Stairway To Heaven

There’s a lady who’s sure // All that glitters is gold // And she’s buying a stairway to heaven // Led Zeppelin

Die Bilder zum Roche-Turm „Bau 1“ von HdM wirken besonders, weil es (einmal mehr) um Superlativen geht: Die Kräftigsten lassen sich von den Besten das Höchste bauen. Und Basel macht mit. Bei der neuen Roche-Konzernzentrale geht es aus urbanistischer Sicht auch darum, das schweizerische Hochhausdefizit zu bereinigen.

(sta) Der neue Roche-Turm „Bau 1“ von Herzog & de Meuron ist publiziert, mindestens die Bilder davon. Aus diesem Anlass beklagte jüngst das Hochparterre ausgerechnet von Zürich aus die nicht stattfindende Architekturdiskussion in Basel. Die «NZZ» vom 4. Januar 2010 befragte die neusten Renderings fast schon beinahe auf rhetorische Art und Weise: «Wird Basel um eine Attraktion reicher, oder führt der geplante Büroturm des Pharmakonzerns zu einer gravierenden Veränderung der Stadtsilhouette? (…) Fast scheint es, als ob der weisse Riese mit den besonnten Terrassen für eine Metropole am Meer konzipiert worden sei». Soweit so gut. Aber Jacques Herzog hat wirklich oft genug wiederholt, wie seine urbanistische Vision für Basel auf den Punkt gebracht lautet: „Basel, die Stadt am Fluss“.

Unsinnige Diskussion?

Anhand von ein paar Renderings über Städtebau und Architektur zu diskutieren, ist unsinnig, da stimme ich Amanda Levete’s Bemerkung zu. Zumal es sich beim Roche-Turm um ein für die Schweiz aussergewöhnliches Hochhausprojekt von aussergewöhnlich erfolgreichen Autorenarchitekten handelt. Die Fakten: 178 Meter, 42 Geschosse, das wäre neuer schweizerischer Höhen-Rekord; eine halbe Milliarde Franken; 10’000 Arbeitsplätze; 2015 ist Eröffnung. Das Missverhältnis zwischen dem schieren baulichen und finanziellen Umfang, der städtebaulichen und wirtschaftlichen Bedeutung des Bauvorhabens und der Intensität, wie darüber öffentlich diskutiert wird, ist tatsächlich gross. Daran ändern einzelne Feuilletonbeiträge, Leserbriefe und dieser Blog wenig bis gar nichts. Ernst zu nehmende Öffentlichkeit entstünde erst dann, wenn sich in Basel (unter dem Eindruck der Protestbewegung „Stuttgart 21“) die gefühlte Ohnmacht des Souveräns gegenüber einem urbanistischen Bigness-Entscheid des Systems ihr eigenes politisches Gehör verschafft hätte. Wenn die psychopolitische Regulierung des Gemeinwesens derart aus dem Ruder gerät, kann der Traum der Systeme schnell seine Ungeheuer gebären, so hat es Peter Sloterdijk im Spiegel („Der verletzte Stolz“, 45/2010) formuliert:“Das erleben die Regierenden auf ihre Weise, sobald unzufriedene Bürger sich ihren Projekten und Prozeduren in den Weg stellen“. Das wird in Basel kaum mehr passieren. Die Baubewilligung für den „Bau 1“ liegt vielleicht schon im Februar vor. Und: Nur wer am verhungern ist, beisst sogar in die Hände der eigenen Ernährer. Um den Gedanken dennoch zu Ende zu führen: Würde der Roche-Turm so nicht realisiert, könnte immerhin noch Jacques Herzogs harte Beurteilung zur Lage der Schweiz am eigenen Projekt zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden: „Seien wir ehrlich: Ausser bei den global ausgerichteten Konzernen ist in der lokalen Schweiz (Anm: dazu gehört auch Basel) zwar alles irgendwie okay, aber eigentlich doch nur eher mikrig.“

Infrastruktur und Symbol

Basel, die Chemiestadt und der trinationale Wirtschaftsstandort sind sich mit Roche und deren Hausarchitekten HdM darüber einig, dass es nachhaltig, sinnvoll und vertretbar ist, mit einer vertikalen Konzernzentrale der Marke HdM einen Meilenstein in der Firmengeschichte und gleichzeitig eine neue Adresse auf die Karte der Vertikal-Super-Architekturen von globalen Unternehmen zu setzen. Dies wurde schon mit dem ersten Entwurf von HdM für Roche klar, der im Nachhall der globalen Finanzkrise von 2008/9 kurzfristig umgekippt ist, angeblich aus betrieblich-finanziellen Gründen. Aufgrund der Bilder zum „Bau 1“ kann man aus urbanistischer Sicht der in vergleichbaren Projekten mittlerweile gängigen Argumentation folgen, dass damit ein weiterer, sinnvoller Beitrag an die Bereinigung des hiesigen Hochhausdefizits geleistet wird. Der Entwurf im zweiten Anlauf wird als formal schlicht gemachter, aber auch formal austauschbarer und wohl genau deshalb als „guter Bürobau“ für den Roche-Konzern präsentiert. Dank der Handschrift von HdM wird der „Bau 1“ sowieso als bauliches Symbol für die ökonomische Potenz und baukulturelle Selbstdarstellung der Besteller, Ersteller und des Standorts Basel wahrgenommen. Der Rest ist Grundriss-, Schnittarbeit und integrierte Planung – Architektur, Städtebau, Bau- und Immobilienmanagement auf einem Niveau, das Firmen wie HdM und deren Kunden beherrschen und sie vom Rest der zahlreichen Early-Follower und Nachahmer unterscheidet.

Offen bleibt, ob und in welcher Weise mit dem Roche-Turm letztlich mehr resultiert als eine weitere, durch Marken, Formen, Material und Personen symbolisch aufgeladene aber architektonisch gut gemachte Firmen-Infrastrukturbaute mit dem Anspruch auf globalen Reputationsgewinn aller Beteiligten. Hoffentlich, denn sonst ist die wiederholte Erfolgsgeschichte von Mehrwert, Wachstum und Reputation im Städtebau und in der Architektur bald zu schlicht für spannende Architekturbücher, Filme und Feuilleton-Berichte: Dass die Besten und Berühmtesten für die Reichsten und Globalsten die grössten und teuersten Häuser bauen, wird als Erzählung auf die Dauer langweilig.

Ergänzung vom 7. Januar 2013: In seinem NZZ-Artikel „Bedürfnisse, Werte, Träume“ vom 5. Januar 2013 schreibt Carl Fingerhuth, seines Zeichens von 1979 bis 1992 Kantonsbaumeister von Basel und grosser Förderer der damaligen jungen Basler Architektenszene, zum Bau1: „Bei meiner Arbeit für europäische Städte werde ich heute immer wieder mit einer Flut von Projekten konfrontiert, die jeden Bezug zum Spezifischen des Ortes ignorieren. Sie zeigen sich mit ihren Vorhaben selbstreferenziell und haben den Fokus nur auf die Vision ihrer Bauherren und Architekten gerichtet, mit Verachtung für die Menschen des Ortes und ihre Herkunft. Es scheint mir, dass vieles, was die Menschen heute bewegt, in der elitären Architektur noch nicht angekommen ist. Exemplarisch für diese Situation ist das Projekt für den Bau eines banalen, 175 Meter hohen Bürogebäudes in Kleinbasel. In seiner städtebaulichen Haltung dominiert das Projekt der Architekten Herzog & de Meuron alle bestehenden Schichten der Bausubstanz von Basel und macht sich selbst zum Zentrum der Aufmerksamkeit. Nach seiner Realisierung ist die städtebauliche Identität von Basel nicht mehr die über 2000 Jahre lang gewachsene Stadt um den Münsterhügel, sondern der Turm der Firma Roche. Das Schweigen der Politik und der Fachwelt zu diesem Projekt ist unverständlich. Es handelt sich um die gewalttätigste und respektloseste Architektur, die bis jetzt in der Schweiz gebaut wurde.“

Stadtschmiede am Pilatusplatz

Die Abstimmung über den Erhalt des baufälligen Relikts „Schmitte“ am Pilatusplatz in Luzern ist grotesk und eigentlich schon entschieden – aber sie bleibt urbanistisch brisant, denn: Die Vorlage für den 26. September mischt sich in die städtische Liegenschaftspolitik ein; sie bietet ein Widerstandsangebot gegen die ideenarme Stadtentwicklung an und weckt sogar die Hoffnung, dass der Pilatusplatz die Chance erhält, sein Potential als künftige Stadtmitte Luzerns unter Beweis zu stellen. Zum Beispiel im Rahmen einer innovativen Stadt-Schmiede, mit oder ohne die alte Schmiede aber noch vor dem geplanten Architekturwettbewerb.

Büro für Stadtfragen // visual©vranek

(sta) Nach über 40 Jahren Abbruchbewirtschaftung durch die Stadt Luzern ist die Abstimmung über den Erhalt oder den Abriss der alten Schmiede mit Wirtshaus eigentlich absurd: Der Bau von 1844 ist ein wirtschaftliches, bauliches und vielleicht sogar soziales Relikt einer dörflich-vorstädtischen Vielfalt aus dem 19. Jahrhundert. Die politische Botschaft der Stadt als Grundbesitzerin (B+A 17/2010 des Stadtrats) argumentiert auf 17 Seiten mit planerischen, betriebswirtschaftlichen, finanzpolitischen und immobilienstrategischen Gründen gegen ein Ja zum Erhalt der „Schmitte“. Argumentiert wird verwaltungstechnisch abstrakt: „Als gestärkter Knotenpunkt könnte der Pilatusplatz im Stadtgefüge Ausgangspunkt und Impulsgeber für die Innenstadtentwicklung sein und die angrenzenden Quartiere besser miteinander verbinden“. Alles klar?

Unbehagen

Es bleiben ein Unbehagen und Befürchtungen zurück, dass der Stadt Luzern eine tragfähige, übergeordnete Vorstellung fehlt, was der Pilatusplatz im unmittelbare benachbarten Stadtgefüge und im Kontext der Stadtregion genau sein soll und leisten kann. Die Kommunikation ist unvollständig und provoziert Fragen: Was passiert genau, wenn die Schmiede widerstandslos wegkommt? Was, wenn sie tatsächlich stehen bleibt? Einmal mehr scheint sich zu bewahrheiten: In der gefühlten Ohnmacht des Souveräns vor Entscheidungen an der Urne zeigt sich die wirkliche Kraft einer reaktiv-technokratischen Stadtentwicklungspolitik.

Neue Stadtmitte von Luzern?

Was liegt am Pilatusplatz urbanistisch in der Luft? Die vorstädtische Geschichte des Ortes, die Ankunftsqualität, die Verkehrspräsenz und die räumliche Dynamik – nicht zuletzt die baulichen Verdichtungsmöglichkeiten – lassen erahnen, dass der Pilatusplatz die Bedeutung einer Stadtmitte in sich trägt: Ist dem so, wäre die Vielfalt an primären und sekundären Nutzungen Tag- und Nacht, an Aufenthalts- und Freiraumqualitäten, die Offenheit gegenüber einer architektonisch innovativen Lösung und für eine Verkehrssituation, die für und nicht gegen die Stadt als Lebensraum auftritt, an dieser übergeordneten Idee der Stadtmitte auszurichten. Dass die Stadt Luzern diesem Potential auf der Spur ist, dagegen spricht die Argumentation in der Botschaft gegen die Vorlage „Rettet die Schmiede“. „Strassenbegleitende Bauten“, „Baufluchten“ aus einer Volumenstudie, das Marktversprechen auf eine künftige „Headquarterfunktion“ und eine Rendite in der staatlichen Immobilienpolitik sprechen eine andere Sprache. Auch die versprochene „Harmonie verschieden hoher Häuser“  und ein paar Baumreihen lassen am Pilatusplatz eine wenig innovative Fortsetzungsgeschichte erwarten.

Stadtlandschaft

Stadtlandschaften, wie Luzern seit dem Bau des KKL eine ist, verlangen nach einer Vielfalt und nach einer städtebaulicher Qualität, die nicht allein mit Hilfe funktionaler Planungskategorien entsteht und aus dem Glauben heraus an das Heil von Backstein, architektonischen Designqualitäten und wirtschaftlichen Wunschvorstellungen. Starke übergeordnete Bilder, elastische Planungs- und Betrachtungsperimeter, eine wohl überlegte Gewichtung der gewünschten Nutzungsdurchmischung im Quartiermassstab und 24h-Tagesverlauf sowie verständliche Aussagen zum künftigen Kräfteverhältnis zwischen den Verkehrsteilnehmenden sollten ebenso ins Spiel kommen. Dann lassen sich eher auch solche Fragen beantworten: Ist der Pilatusplatz künftig ein Ankunfts- oder ein Durchfahrtsort? Woran erkennen und erleben Quartierbewohner/innen, Einheimische, Gäste, Pendler und Durchreisende, dass sie am Pilatusplatz in der Stadtmitte von Luzern, im Zentrum einer Stadtregion leben oder eben gerade angekommen sind? Spätestens der geplante Wettbewerb (mit oder ohne Schmiede) wird wohl zeigen, dass es sinnvoller wäre, mögliche Antworten auf diese Fragen möglichst früh und aus Sicht der Stadtentwicklung zu beantworten. Am Pilatusplatz käme ein solches Vorgehen einer Stadt-Schmiede gleich. Dies würde für die Stadt und die Liegenschaftsbesitzer im Wirkungsraum des Pilatusplatzes bedeuten, nicht vor allem auf die Genialität von Planerteams im geplanten Areal-Wettbewerb zu hoffen, wenn es darum geht, gemeinsam eine überzeugende Vorstellungen von Stadt zu entwickeln und schrittweise zu realisieren.

Untergrund – Dorf  und Belvedere

Die Vorstellung, bei der alten Schmiede, dem ehemaligen Bahnhof der Krienserbahn, eine derartige Stadt-Schmiede zu lancieren, braucht Mut, Offenheit, eine Kultur des positiven Widerstands, sowie Bilder und Ideen, die mobilisieren und motivieren. Gelingt dies, werden am Pilatusplatz verschiedene Entwicklungsschritte denkbar – mit oder ohne „Schmitte“. Und wieso nicht nach diesem Drehbuch? Im Untergrund erhält der Pilatusplatz eine modulable Nutzung, im Fussgängerbereich ein vorstädtisches Dorf aus historischen Kleinbauten, darüber eine leistungsfähige, rentable Primärnutzung mit Wohnungen und Arbeitsplätzen und als Dach ein öffentlich zugängliches Belvedere über der neuen Stadtmitte von Luzern? (vgl. Bilder)

De quoi s’agit il?

Die Abstimmung über die Schmitte verstellt den Blick auf eine notwendige urbanistische Diskussion an einem für die Stadtentwicklung Luzern zentralen Ort. Wer in der Beiz am Pilatusplatz bisher nicht Gast ist, sieht im Vorbeigehen oder Vorbeifahren eine vor dem letzten Hammerschlag gerettete Ruine, die zu nahe am Strassenrand steht. Weil gleichzeitig eine tragfähige Zukunftsvorstellung fehlt, geht es bei der Abstimmung „Rettet die Schmiede“ letztlich um eine Art persönlichen, anonym öffentlich gemachten Kommentar zu den Ambitionen und Führungsqualitäten in der Stadt-, Standort- und Raumentwicklung Luzerns. Wer sich für solche Fragen nicht interessiert, und das wird eine Mehrheit sein, stimmt irgendwie oder gar nicht darüber ab. Wie auch immer: Aus urbanistischer Sicht darf das Stimmvolk eine intellektuelle Frage beantworten, die – ohne ausführliche Information und eingängigen Dialog – kaum öffentlichkeitstauglich ist: Welche eigene oder kollektive Vorstellung von Stadt erfordert ein Ja? Welche eigene oder kollektive Vorstellung von Stadt erfordert ein Nein?

NEIN. Die Schmiede muss weg!

So denkt und stimmt, wer am Pilatusplatz hauptsächlich die kontrollierbare, marktwirtschaftliche Optimierung eines städtischen Standorts im Sinn hat; wer die entsprechende städtische Liegenschaftspolitik (mitsamt der Abbruchbewirtschaftung seit 1967) unterstützt; wer für die lokale Markt-Dynamik im Sog der Greater Zürich Area (GZA) argumentiert; wer hofft, dass das visuelle Mitleiden am Pilatusplatz, das so ganz und gar nicht zur selbstverliebten Tourismusfassade von Luzern passt, möglichst bald der Vergangenheit angehört und durch Firmenarchitektur ersetzt wird.

JA. Der Pilatusplatz ist ein Ort für Innovation

So denkt und stimmt, wer sich für Luzern eine offenere und innovativere Stadtentwicklung erhofft und daran glaubt, dass der bauliche und demokratische Widerstand der Schmiede bzw. die Geschichte und die Möglichkeiten am Pilatusplatz gerade jetzt Anlass genug sind für eine innovative Stadt-Schmiede. Wer sich so in die Liegenschaftspolitik einmischt, erwartet von der Grundeigentümerin Stadt Luzern eine aktivere, offenere Haltung und von der Stadtentwicklung überzeugendere Ideen und Argumente. Mit dem Dilemma, trotz einem JA für den Abriss der Schmiede zu sein, lässt sich gut leben.

Werden wir noch staunen?

Die Schmitte ist ein Relikt einer dörflichen Vielfalt, die nicht durch eine leitungsfähigere Neubebauung ersetzt werden kann. Die Vielfalt und die urbanistischen Chancen hingegen, die mit der Diskussion um die Schmiede  – und einer möglichen Stadt-Schmiede am Pilatusplatz – in Verbindung gebracht werden können, haben das Potential, dass sie von einer neuen, wirtschaftlich rentablen und wie auch immer überzeugenden neuen Nachbarschaft geerbt werden können.

PS: Auf die Androhung im städtischen B+A, ein JA zur Vorlage würde am Pilatusplatz schnell zu unbezahlbaren Mieten in der alten Schmiede, zu einem Ertragswertverlust in der Stadtkasse und zur Situation „Stillstand statt Stadtentwicklung“ führen, hat G.B Shaw eine literarische Antwort parat: What is this life, if we don’t have the time to stand and stare. Schön wäre, wir könnten in den kommenden Jahren am Pilatusplatz auch dann immer wieder für Minuten staunend stehen bleiben, wenn wir nicht von der roten Fussgängerampel dazu gezwungen sind.

Grundlage für die Visualisierung durch visual©vranek sind Fotos aus dem Büro für Stadtfragen und das Projekt skyvillage der holländischen Architekten MVRDV:

Auszeiten ziehen Talente an

 

Obergrundstrasse 21

Häuser wie jenes an der Obergrundstrasse 21 in Luzern leisten Widerstand gegen die Stadtentwicklung. Wie geht das?

Seit Jahren wundert es mich, wie es möglich ist, dass das kleine Haus an der Obergrundstrasse 21 in Luzern bis heute stehen bleiben konnte. Grösse, Form, Nutzung stehen im wahrsten Sinne völlig quer zur Nachbarschaft. Die Antwort lautet: Das putzige Haus hat offenbar erfolgreich Widerstand geleistet, obwohl es schon 1950, damals noch zusammen mit dem Rest der Häuserzeile, als fremd in seiner Umgebung bezeichnet wurde: „Kein Zweifel, unsere alten Häuserzeilen nehmen sich angesichts des neuzeitlichen Verkehrs seltsam aus“ (LNN. 1.8.1950).

Die ’normale‘ zu erwartende Stadtentwicklung hat sich hier eine Auszeit geleistet. Eine Auszeit, englische Planer nennen das Phänomen period of resistance, beschreibt einen bestimmten Zustand in der Entwicklung einer Stadt, eines Areals oder eines einzelnen Grundstücks oder Bauwerks. Die Auszeit ist meistens durch eine historisch, sozial oder kulturell nachgewiesene Widerstandskraft (eben eine period of resistance) begründet. Sie liegt also fern von Renditeüberlegungen. Ist die Auszeit stark, die Eigentümer offen und die Politik mutig genug, kann sie selbst organisierten Wandel zulassen und sogar die Durchsetzungskraft einer ungeplanten temporären Umzonung erhalten (Berlin hat es nach der Wende erlebt, Luzern hatte den Sedel). Zwischennutzungen in ehemaligen Industriearealen können als kontrollierte Form von Auszeit gesehen werden.

Zurück zum Beispiel an der Obergrundstrasse 21 in Luzern: Das Haus war einst Teil der Häusergruppe Nr. 21-31 entlang der Obergrundstrasse, seit dem 18. Jahrhundert aktenkundig. 1950 wurde die Häuserzeile mit Ausnahme der Nummer 21 abgebrochen zur Sanierung der Moosstrasse (LNN, 1.8. 1950, Vaterland 5.2. 1980). Auf dem Weg nach Kriens, dem Krienbach folgend, hat ein Vorstadthäuschen aus dem 18. Jahrhundert bis heute der Verstädterung entlang der alten Ausfallstrasse Widerstand und sich quasi selbst eine Auszeit geleistet. Was ist passiert, wer liefert die Erklärung?

Physik, Politik, Psychologie oder Foucault?

Widerstände werden in der Physik dazu verwendet, um den elektrischen Strom auf sinnvolle Werte zu begrenzen bzw. um elektrische Energie in Wärmeenergie umzuwandeln. Als technische und physikalische Größen ist Widerstand eine hemmende physikalische Kraft. Widerstand bedeutet in der Psychologie eine Ablehnung oder Abwehrhaltung. Politisch verweigert Widerstand die Gehorsamsverweigerung und Opposition gegen die Obrigkeit, zum Beispiel durch das Auflösen von Hausbesetzungen.

Michel Foucault hat Widerstand als Angriff auf Macht- und Herrschaftsverhältnisse definiert, die sich in eben diesen Verhältnissen bewegen und etablieren. Daraus zieht er den Schluss, dass sich Widerstand als Gegenpol mit der Macht wechselseitig bedingt. Machtverhältnisse können nur durch eine Vielfalt von Widerstandspunkten existieren, diese sind im Machtnetz präsent sowohl als Gegner wie auch als Stützpunkte, als Einfallstore und Zielscheiben (Wicki). Die illegale Aktion“ Danslieu“ 2006 an bester Lage vor dem Kongresshaus in Zürich hat vorgeführt, was das bedeutet. Nach dem Start der Aktion waren die Medien sofort da, um über die kreative Besetzerstadt aus Pappe, Stroh, Stoff, Draht und Holz (vgl. Bild mit aufgemalten Kameras) zu berichten; Politik und Polizei auch, und dennoch: Die demonstrativ vorgeführte Illegalität im öffentliche Stadtraum (es wurde dort auch geschlafen und ungeniert auf den Quai uriniert) wurde ein paar Tage lang geduldet.  Widerstand wurde in seiner kulturell und ideell überhöhten Form unausgesprochen als Teil des damals noch nicht geborenen Slogans „Wir leben Zürich“ interpretiert. ETH und UNI hatten gerade Semesterferien.

Ausdruck mutiger Stadtentwicklung

Glauben wir Foucault, dann gilt 1.: Widerstand ist immer Teil einer Stadtentwicklung, ob er sich nun durch alte Bausubstanz, Aktionen im öffentlichen Raum oder in Hausbesetzungen äussert. 2. Die Geschichte urbaner Auszeiten kann noch geschrieben werden, so auch an der Obergrundstrasse 21. 3. Wer weiss, vielleicht wird die Auszeit, der unkontrollierte Widerstand, dereinst sogar in städtebauliche Planungen und Projekte aufgenommen – dereinst. 4. Städtebauliche Auszeiten sind unter den Vorzeichen einer mutigen Stadtentwicklungspolitik ein möglicher Nährboden und Motor für innovativen Bedeutungswandel, der jede Stadt benötigt, will sie sich nicht allein auf Imagekampagnen und auf die Höhen und Tiefen im Immobilienmarkt verlassen. Vielleicht gilt sogar: Räumliche Auszeiten sind Ausdruck von Toleranz und sie ziehen Talente an!