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Höhenweg auf Pilatus Kulm

Bilder: Dominique Marc Wehrli.

(sta) Niklaus Graber & Christoph Steiger haben auf Pilatus Kulm die neue Panoramagalerie gebaut. In einem Gespräch erzählen die Architekten von den Hintergründen der Architektur, der eigenen Arbeitsweise als Autoren und dem kritischen Blick auf die Stadt Luzern. Das Interview mit dem Büro für Stadtfragen ist begleitend zu einer Fotoreportage im Kulturmagazin „041“, Ausgabe November 2011, erschienen.

„Die Alten, die den Pilatus fürchteten, wurden mit ihm fertig, indem sie Gipfel und Klüfte mit den Gestalten der Sage bevölkerten (…). Wir Moderne, (…), die wilde Berge lieben, werden mit ihm fertig, indem wir ihn besteigen, entweder zu Fuss oder mit der Kletterbahn.“ J. C. Heer, in: Führer für Luzern, 1911

Thomas Stadelmann: Die „Alten“ fürchteten den Pilatus, wir modernen Touristen und Freizeitlerinnen und Freizeitler lieben den Berg. Wie werdet ihr mit dem Pilatus fertig?

G & S: Wir erklimmen den Pilatus am liebsten von Alpnachstad aus mit der Zahnradbahn  nahe den Felsen entlang. Für uns ist es eher eine romantische Vorstellung, dass hier oben noch Natur im ursprünglichen Sinn stattfindet. Deshalb müssen wir den Pilatus nicht unbedingt zu Fuss hochsteigen. Die Bahn ist eine technische Errungenschaft, dank der wir die Besteigung auf eine zeitgemässe und faszinierende Art und Weise geniessen können. Seien wir doch ehrlich: Das Bergerlebnis auf dem Pilatus ist durch die Technisierung der Alpen sogar noch gesteigert worden.

Die Panoramagalerie auf Pilatus Kulm sitzt auf einem zweiseitig exponierten Berggrat, d. h. auf den Mauern eines Festungsgebäudes der Schweizer Armee und zwischen zwei bestehenden Hotelbauten. Das klingt nach einer architektonischen Gratwanderung – wie seid ihr damit fertig geworden?

Zuerst einmal haben wir die zweiseitige Situation vor Ort tatsächlich im physischen und im übertragenen Sinn als Gratwanderung wahrgenommen. Das Armeegebäude haben wir von Anfang an als Sockel für den geplanten Neubau angesehen und als Gebäude eher ausgeblendet. Es ging uns deshalb nie um ein Um- oder Weiterbauen des bestehenden Gebäudes. Auf diese Weise entstand der zweiseitig auskragende Neubau der Panoramagalerie direkt über dem Armeegebäude, das wir so behandelt haben, als wäre es Fels.

Und der Anschluss an die bestehenden Hotels Pilatus-Kulm und Bellevue?

Wie immer bei unseren Entwürfen haben wir uns zuerst ein Grundthema vorgegeben. Auf dem Pilatus ging es uns um die räumliche Kontinuität zwischen den bestehenden Bauten, unserem Neubau, dem touristischen Ort und der alpinen Bergwelt. Mit der Halle, den Foyers, der Terrasse, den Treppen und Rampen bietet die Panoramagalerie verschiedene Bewegungs- und Aufenthaltsräume, die nicht Widerstände und Barrieren zum Bestehenden schaffen, sondern unterschiedliche neue Orte und Verbindungen. Zum historischen Hotel Pilatus-Kulm sind wir möglichst auf Distanz gegangen. Dadurch hatten wir genügend Platz für die offene Treppenanlage. Sie ist gleichzeitig Bühnenraum und Arena für die Gäste und führt hinauf zur Panoramaterrasse. Beim Hotel Bellevue und den Bahnstationen stand der präzise bauliche Anschluss im Vordergrund. Dazu mussten wir zwei Gebäudeebenen auf engem Raum überwinden und miteinander verbinden. Interessant war, dass beim Bellevue das Thema Auskragung bereits bestand.

Für die Sanierung bzw. Erneuerung der beiden Hotels waren andere Architekten zuständig. Ist das Ensemble auf Pilatus Kulm aus eurer Sicht trotzdem gelungen?

Es gab zu Beginn eine klare Aufgabenstellung für die Sanierung bzw. Erneuerung der beiden Hotels und für den Neubau. Das Konzept mit zwei Häusern und einer Verbindungsgalerie wurde auch so umgesetzt und ist leicht ablesbar. Innenräumlich kann man darüber diskutieren, wie gut es gelungen ist, die verschiedenen Nutzungen und Ziele des Bahnbetriebs, der Gastronomie und der Hotellerie gestalterisch aufeinander abzustimmen. Unsere Aufgabe bestand lediglich darin, einen eigenständigen Neubau zu erstellen. Rückblickend haben wir jedoch schon den Eindruck, dass einzelne Schnittstellen nicht ganz logisch festgesetzt wurden. Ein Beispiel dafür ist die zusätzlich gebaute Innentreppe, die von der Panoramagalerie aus hinauf zum Restaurant des Hotels Bellevue führt. Wir haben vorgeschlagen, den Anschluss zur Panoramagalerie über den bestehenden Treppenkern zu lösen. Durch den Bau der neuen Innentreppe hat der Anschluss nun leider an Grosszügigkeit verloren und ist nicht nahtlos geglückt. Dennoch: Das Ensemble mit dem Hotel Pilatus-Kulm aus der Zeit der Jahrhundertwende, dem Hotel Bellevue aus den 1960er-Jahren und unserem Neubau besteht aus zeitlich und inhaltlich erkennbaren Architekturen, die sinnfällig zusammenfinden und funktionieren.

Die Architektur der Panoramagalerie sieht so aus, als wolle sie der schroffen Bergwelt am Pilatus gleichzeitig trotzen und mit ihr verschmelzen. Ihr nennt das Prinzip „form follows mountain“. Könnt ihr das näher erklären?

Die karstige Bergwelt am Pilatus hat uns tatsächlich auf den ersten Blick fasziniert. Wie der Fels vor- und zurückspringt und erodiert ist besonders ausdrucksstark. So hat uns das Pilatusmassiv Mons fractus – „der gebrochene Berg“, wie er im Mittelalter genannt wurde – dazu angeregt, entsprechende Analogien in der Form, in der Materialisierung nahe am Kalkgestein und in der Gestaltqualität der Architektur zu finden. Uns gefällt besonders gut, wie sich die Panoramagalerie an einem Ort um eine Felsnase herumbewegt und an einem anderen Ort über die Felsen hinausragt. Wir glauben, dass es uns gelungen ist, mit dem Gebäude architektonisch zum Ausdruck zu bringen, was wir als Themen an diesem speziellen Ort vorgefunden und interpretiert haben, eben im Sinn von: form follows mountain.

Die Panoramagalerie leistet dadurch mehr als die ursprüngliche Aufgabe lautete, nämlich für die Touristen eine Verbindungsgalerie zwischen den Bahnen und Hotels zu bauen. Wann wurde aus der Verbindungsgalerie eine Panoramagalerie?

Diese Bezeichnung hat sich unseres Wissens erst spät in der Projektphase ergeben. Zunächst ist zu erwähnen, dass bereits ein Bauprojekt für ein Verbindungsbauwerk bestand. Im Masterplan von Steiner Sarnen, der schliesslich zu einem Studienauftrag führte, war bereits angedacht, dass eine Verbindungsgalerie an dieser exponierten Stelle auf Pilatus Kulm den Gästen unbedingt auch das beidseitige Panorama freigeben muss. Das Hauptthema „Aussicht“ war somit vorgegeben. Mit unserem Wettbewerbsbeitrag von 2008 haben wir dann offensichtlich am überzeugendsten aufgezeigt, wie diese Aufgabe architektonisch überhöht und standortgerecht gelöst werden kann. Schliesslich haben Marketingüberlegungen dazu geführt, dass sich der Begriff der Panoramagalerie offiziell durchgesetzt hat.

Welche Atmosphäre erwartet die jährlich 350’000 Gäste, wenn sie nach der Bahnfahrt in der Panoramagalerie ankommen? Was sehen sie genau? Was tun sie?

Das ist für uns nicht leicht zu beantworten, weil wir keine Touristen sind. Dennoch: Wir haben das Verhalten der Gäste nach Fertigstellung des Neubaus beobachtet – es ist abhängig vom Wetter, vom Besuchszeitpunkt, von der jeweiligen Stimmung am Berg. Besonders aufgefallen ist uns, wie direkt die Gäste schon in der Ankunftshalle der Bahn von den Panoramafenstern bzw. der Aussicht angezogen werden: Man sieht nur überraschte Gesichter. Wer vom Flachland mit der Seilbahn oder von Alpnachstad mit der Bahn auf den Pilatus kommt, für den oder die ist der offene Blick auf die jeweils andere Seite neu und überraschend offen. Dieser erste Augenblick bewirkt jenen visuellen und emotionalen Effekt, der dem Panorama als Wahrnehmungsmaschine historisch zugrunde liegt: Man sieht auf einmal alles. Gesteigert wir die Überraschung durch die Tatsache, dass die Menschen den Blick in die Berggipfel und ins Flachland in diesem Moment in einem geschützten Innenraum erleben, in einer Art Dia-Projektion, real – und irgendwie doch nicht ganz.

Worum geht es euch bei der Raumwahrnehmung an diesem speziellen Ort? Wie soll die Architektur der Panoramagalerie wirken?

Die zentrale Idee in unserem Entwurf ist die Inszenierung des Panoramaerlebnisses. Umgesetzt haben wir sie durch die Art und Weise, wie und an welcher Stelle das Gebäude auskragt und den Blick durch unterschiedlich hohe Fensteröffnungen und Brüstungen freigibt. Die Fenster haben dadurch eine szenografische Funktion bekommen. So sind sie in der Halle dort am grössten, wo die Auskragung am grössten ist. Es entstehen dadurch sowohl geborgene wie auch sehr exponierte Aufenthaltsorte. Die Bewegung in der Architektur macht dadurch jeden Ort, an dem man steht, speziell, was für uns ein wichtiges Ziel war. Die Besuchenden werden dazu angeregt, sich in der Halle oder auf der Terrasse wie auf einem Höhenweg zu bewegen und dabei den eigenen besten Standpunkt zu finden. Mit der sichtbaren, zickzackförmigen Dachtragstruktur und den unterschiedlich weit aufgespreizten V-förmigen Stützen haben wir die Idee der Bewegung in der Längs- und in der Querrichtung der Halle auch konstruktiv umgesetzt.

Ist es demnach richtig, die Panoramagalerie als künstliche, mit architektonischen Mitteln stilisierte Bergwelt zu bezeichnen?

Ja, wenn wir damit versuchen, das Gebäude als Erlebnisraum zu beschreiben, der, wie schon gesagt, einem alpinen Höhenweg gleicht. Falsch in unserem Sinn wäre, den Neubau als gebauten künstlichen Fels zu bezeichnen, nur weil er formal im Grundriss und Schnitt und mit der strukturierten Betonfassade die felsige Umgebung spiegelt. Die Panoramagalerie ist kein gebauter Berg. In unseren Augen haben wir mit dem Neubau eine architektonische Verwandtschaft zur Bergwelt erreicht, nicht eine bildhafte Umsetzung eines Felsens – was im Umfeld der globalen Tourismusindustrie auf dem Pilatus ja auch eine Möglichkeit gewesen wäre. Allerdings nicht für uns, weil wir in unserer Arbeit ohne postmoderne Zeichenhaftigkeit auskommen. Uns hat die Aufgabe geleitet, das inhaltliche Gefüge, die Beschaffenheit und Wahrnehmung der alpinen Bergwelt an diesem Ort räumlich abzubilden.

Also passt das Bild des gebauten Höhenwegs ganz gut zur Panoramagalerie?

Ja. Das Raumerlebnis in der Panoramagalerie, mit verschiedenen Anschlüssen an die Hotels, die Bahnen und an die umliegende Bergwelt, kann mit den Erfahrungen auf einem Höhenweg recht passend umschrieben werden. Als Erklärung für die Analogie hilft zudem der Vergleich mit der Situation vor dem Neubau: Wir haben auf Pilatus Kulm eine sehr unaufgeräumte Situation vorgefunden. Heute, nach der Fertigstellung des Neubaus, trifft die gleiche Menge Gäste auf dem Pilatus ein, allerdings sind die Menschen nun besser verteilt. Die Atmosphäre ist nicht mehr die einer Bahnhofshalle, die Bewegungen und Anschlüsse auf den unterschiedlichen Niveaus sind weniger hektisch, kontinuierlicher und dadurch kontrollierter. Wer zu Fuss oder mit der Bahn den Pilatusgrat erreicht, sich dort kurz oder als Hotelgast aufhält, kann die atemberaubende Aussicht – die Natur auf einen Blick individueller und von mehreren, ganz unterschiedlichen Standpunkten aus sicher geniessen und nebenbei auch noch ein Souvenir kaufen. So gesehen ist der architektonische Höhenweg, den die Panoramagalerie nachbildet, gleichzeitig ein zeitgemässer Ort für den Konsum unserer touristisch wertvollen Alpenwelt. Mit unserer Arbeit haben wir ebenso präzis versucht, die übergeordneten Marketing- und Verkaufsziele des Bauherrn 1:1 einzulösen, unmittelbar und ohne Klischees. Wir meinen, dass sich die Situation für die 350’000 Gäste, die pro Jahr auf den Pilatus kommen, dadurch magischer und entspannter präsentiert. Der Mehrwert, den unsere Architektur schafft, liegt darin, dass die Panoramagalerie gleichzeitig als Infrastruktur, als Verkaufsraum, als Wahrnehmungsmaschine und als individueller Ort für die kurzzeitige Erholung im Liegestuhl funktioniert.

Könnt ihr aus der Erfahrung auf dem Pilatus spezielle Vorgaben für Tourismusbauten, für eine Tourismusarchitektur nach dem Motto „Architektur macht gute und zufriedene Gäste“ ableiten?

Nein, nicht direkt. Die Panoramagalerie ist primär ein hochgradig öffentlicher Ort für Einheimische und Gäste aus aller Welt, der als Standort funktionieren muss. Die touristische Nutzung stand bei unseren Überlegungen nicht alleine im Vordergrund. Obwohl wir mit den Pilatus Bahnen einig waren, dass es sich beim Neubau nicht um eine austauschbare Tourismusarchitektur handeln darf, musste die Diskussion aber trotzdem immer wieder geführt werden: Wie viel Swissness mit Innendekoration, Fahnen und Alphorn ist notwendig und zulässig? Offensichtlich ist es uns nicht schlecht gelungen, der Klischee-Falle traditioneller, austauschbarer Tourismusarchitektur zu entkommen und dafür das Erlebnis der Destination ins Zentrum zu rücken. Argumentiert haben wir u. a. damit, dass der Pilatus urbanistisch als ein sehr attraktiver Ort und sogar als Teil der Stadt Luzern betrachtet werden kann – und deshalb nicht Disneyland ist. Im Planungsprozess haben wir entsprechende Nutzungen und regionale Bedürfnisse sogar angesprochen. Wieso sollten auf dem Pilatus künftig nicht auch Sonntags-Talks, Essen oder regionale Ausstellungen stattfinden?

Wo und in welche Themen wurden beim Bau der Pilatusgalerie am meisten Ideen, Zeit und Geld investiert? Worin liegt die Innovation?

Die grösste Herausforderung bestand darin, die Idee einer möglichst grossen und offenen Halle mit Auskragungen und einer Lastabtragung am Rand in eine statische Konstruktion mit Spannweiten bis zu 18 Metern zu übersetzen – und das bei einer angenommenen Schneelast auf der Panoramaterrasse von bis zu neun Metern. Um dies möglich zu machen, mussten die Bauherrschaft, die Planer und wir Architekten die Ressourcen vor allem in den architektonischen Raum und weniger in die Veredelung von Oberflächen investieren. Technisch innovativ ist sicher die Kombination von Hohlträgern aus Stahl mit eingegossenem, vorgespanntem Beton bei den einzelnen Deckenträgern und Stützen. Natürlich musste die Lösung trotzdem möglichst kostengünstig sein.

Sprechen wir über euren Erfolg als Architekten. Wer als Einheimischer auf dem Luzerner Hausberg für Gäste aus der ganzen Welt bauen darf, hat es geschafft. Wie definiert ihr für euch selbst Erfolg?

Unseren Erfolg messen wir an der Qualität unserer eigenen Arbeit. Wir wollen nach den oft mühsamen und intensiven Schritten vom Entwurf bis zum fertigen Bau selbst mit unseren Bauten zufrieden sein, unsere Begeisterung für die Architektur auch in den eigenen Bauten erleben können. Wenn wir sagen können, „es gefällt uns“, dann sind wir zufrieden. Das heisst auch, dass es an uns als Raumspezialisten liegt, zu bestimmen, was bei einer bestimmten Aufgabe gute Architektur ist. Gute Architektur entsteht bei uns dann, wenn uns eine Aufgabe vom Gedachten interessiert, wenn uns die entwerferische Umsetzung der Idee in Konstruktion und Materialisierung möglichst präzis gelingt und die räumliche Wahrnehmung den eigenen Vorstellungen entspricht. Zudem muss gute Architektur im Betrieb funktionieren. Natürlich freut es uns, wenn unsere Bauten durch eine breite, positive Resonanz eine gewisse Allgemeingültigkeit erhalten oder wenn wir erfahren, dass die Menschen unsere Architektur nach kurzer Zeit in Besitz nehmen oder schön finden. Es ist wie bei einem guten Koch: Wenn das Essen den Gästen schmeckt, hat er seine Arbeit gut gemacht und ist hoffentlich auch mit sich selbst zufrieden.

Das klingt nach viel Selbstvertrauen und erinnert an Aussagen zeitgenössischer Architekten, die sich Autoren nennen, um sich vom Berufsbild des Architekten als Dienstleister des Bauherrn abzugrenzen. Sind Niklaus Graber & Christoph Steiger Architekten auch solche Autorenarchitekten?

Wir sind der Meinung, dass hinter jedem Bau ein Autor steckt. Die Frage ist nur, ob überhaupt und wie die Autorschaft ablesbar ist. Weil wir daran interessiert sind und es wagen, unsere subjektive Wertung, eigene Ideen in die Umsetzung einer Aufgabe einzubringen und sie im Bauwerk lesbar zu machen, kann man uns auch als Autoren bezeichnen. Wichtig ist uns dabei nicht, wer als Person hinter einem Werk steht, dass wir als Personen im Bau sichtbar sind, sondern dass überhaupt jemand, eine persönliche Position, eine subjektive und tragfähige Idee im fertigen Bauwerk spürbar und erlebbar ist. Unsere Autorschaft ist also nicht eine Frage des erkennbaren Stils, sondern immer ein persönlicher Ausdruck einer gestalterischen Absicht im Umgang mit verschiedenen Aufgaben und Orten. Deshalb suchen wir nicht unbedingt nach jenen Aufgaben, die ein Generalunternehmer lösen kann.

Welcher Traumauftrag oder Wunschbauherr fehlt euch bisher?

Die Art der Aufgabe ist für uns weniger entscheidend. Es gibt in vielen Bereichen der Architektur herausfordernde Aufgaben. Wichtig sind uns die inhaltliche Herausforderung im Entwurf und eine vertrauensvolle Beziehung zu Bauherren, die unsere Arbeitsweise und Ziele möglichst unterstützen. Wir träumen eher davon, dass wir unabhängiger und freier von Normen und Vorgaben arbeiten können. Nur so wird es uns und anderen Berufskolleginnen und -kollegen in Zukunft weiterhin möglich sein, auf spezielle Aufgaben die architektonisch stimmige Antwort zu finden.

Eine heilpädagogische Schule in Altdorf, ein Einfamilienhaus am See, ein Fabrikgebäude auf dem Land: Was ist das Verbindende in den verschiedenen Bauten von Niklaus Graber und Christoph Steiger?

Unser grosses Interesse gilt dem Thema der Öffentlichkeit in der Architektur. Es liegt in der Natur der Sache, dass öffentliche bzw. grössere private Bauten mehr Möglichkeiten und Herausforderungen bieten, um das Thema Öffentlichkeit zu bearbeiten. Trotzdem haben wir uns dazu auch schon bei Einfamilienhäusern Gedanken gemacht, etwa bei unserem ersten Haus Stucki in Meggen, das mit seiner Nachbarschaft kommuniziert und dadurch eine gewisse Öffentlichkeit herstellt. Jedes Einfamilienhaus hat bestimmte Anteile an der Öffentlichkeit. Unsere Arbeiten verbindet zudem das Interesse an Vorbildern wie etwa den alten Meistern Louis Kahn und Ludwig Mies van der Rohe. Von ihm stammt übrigens die Aussage „Mit den Füssen auf dem Boden, mit dem Kopf in den Wolken“, die wir als Titel für unseren Wettbewerbsbeitrag zum Pilatus verwendet haben.

Das eigentliche Metier der Architektur haben wir im Studium an der ETH Zürich und bei Hans Kollhoff in Berlin gelernt, vor allem den analytisch scharfen Blick auf die Stadt und den Umgang mit der Frage des architektonischen Erbes und der städtebaulichen Kontinuität. Die Freude an der architektonischen Welt der Wunder, die Lust am Erforschen von neuen Aufgaben und Lösungen haben uns Jacques Herzog und Pierre de Meuron beigebracht. In ihrem Studio in Basel haben wir die Begeisterung dafür mitgenommen, dass Architektur nicht einfach eine Dienstleistung am Bauherrn ist, sondern dass sie sich als eigene Welt selbst erklären muss.

Wie arbeitet ihr als Team zusammen, oder anders gefragt: Seid ihr euch immer einig?

Wir haben in unserem Büro eine pragmatische Aufgabenteilung: Die Aufgaben werden halbiert. Dabei ergänzen wir uns deshalb sehr gut, weil wir beide eine eigene Vehemenz mitbringen, mit der wir die Aufgaben vom Entwurf bis zur Umsetzung immer wieder befragen und so lange bearbeiten, bis die Lösung für uns beide stimmt. Intern verhandeln und reden wir deshalb viel über die Stimmigkeit und Sinnfälligkeit von Ideen, Lösungen und Entwurfsvarianten. Dass wir bei jeder Aufgabenstellung zuerst ein konzeptionelles Grundthema setzen, macht es uns leichter, einzelne Fragen vom Entwurf bis zur Ausführung auch im Kleinen immer wieder zu überprüfen.

Werfen wir noch einen Blick auf Luzern. Nach Einbruch der Dunkelheit hat der Pilatusgipfel dank der beleuchteten Panoramagalerie eine neue Silhouette erhalten. Was seht ihr, wenn ihr vom Gipfel auf die Stadtlandschaft Luzern schaut?

Das Lichtermeer der Stadtlandschaft Luzern erinnert uns immer wieder an eine Studie, die wir 1996 zum Thema „Grossraum Luzern, ein polyzentrisches Modell“ gemacht haben. Vom Pilatus aus erkennt man sehr gut, dass der amöbenartige Stadtkörper, der sich nicht an die Stadtgrenze hält, durch mehrere kleinere Zentren gebildet wird und sich entlang der hügeligen Topografie entwickelt hat. Wir haben damals die Studie den Luzerner Behörden präsentiert, wurden aber noch eher belächelt. Heute sind die Themen von damals und die Art und Weise, wie die Stadt als zusammenhängender Raum zu lesen ist, längst akzeptiert: Wir reden selbstverständlich über Agglomerationsprojekte oder über die Stadtregion Luzern.

Der Blick vom Pilatus auf die Stadt ist zudem deshalb ein besonderer Anblick, weil er vor allem nachts eine gewisse Festlichkeit ausstrahlt. Dass die Sterne etwas Schönes sind, das wissen wir. Auf dem Pilatus sieht man, dass auch Stadt etwas Schönes sein kann. Geradezu phänomenal einmalig ist hier die Nähe von Stadt und Berg.

Erkennt ihr in eurer Arbeit auch eine für Luzern typische Architektur?

Die Frage können wir nicht beantworten, weil wir uns nicht als Luzerner Architekten verstehen, obwohl wir seit 15 Jahren unser Büro in Luzern haben. Unsere Bauten stehen an verschiedenen Orten in der Schweiz. In der Stadt Luzern haben wir bisher noch nicht gebaut. Sicher ist: Die Panoramagalerie ist ebenso wenig eine rein einheimische Architektur wie der Pilatus nur zu Luzern gehört. Sie könnte in ähnlicher Form auch an einem anderen Ort im alpinen Raum stehen. Und der Pilatus ist eine eigenständige Destination mit einer globalen Ausstrahlung. Schade ist, dass sich die Stadt Luzern ihrer weiten Ausstrahlungskraft nicht stärker bewusst ist und sich im Städtebau und in der Architektur entsprechend grosszügiger zeigt.

Ist das so zu verstehen, dass Luzern seine architektonischen Möglichkeiten nicht oder zu wenig nutzt?

Ja, durchaus. Wie glauben, dass aktuelle Planungen und Bauvorhaben zu wenig grosszügig sind und der geografischen Ausstrahlung von Luzern als Stadt und Standort hinterherhinken. Das liegt wohl daran, dass Planer und Politiker nach wie vor in der Mehrheit eher mit der räumlichen Kleinheit der Stadt Luzern und nicht mit der urbanistischen Ausstrahlung des Standorts argumentieren: „Wir sind nicht Basel, wir sind nicht Zürich, wir sind Kleinstadt.“ Dadurch gehen aus unserer Sicht architektonische Möglichkeiten verloren oder werden übersehen, wie sie Kirchenbauten, das 19. Jahrhundert und zuletzt das KKL am Europaplatz bis heute eindrücklich und wirkungsvoll repräsentieren.


Architekturdesign für Japan

LUCERNE FESTIVAL mit Michael Häfliger und die japanische Konzertagentur Kajimoto Music haben heute im KKL Luzern den Entwurf des Projekts ARK NOVA präsentiert, eine transportable Konzerthalle für hochstehende künstlerische Darbietungen. ARK NOVA soll der vom Erdbeben schwer getroffenen Region Higashi-Nihon im Norden Japans ab Frühling 2012 mit Musik und Architektur Hoffnung und Zuversicht bringen. Der japanische Architekt Arata Isozaki und der britisch-indische Künstler Anish Kapoor haben ARK NOVA gemeinsam entworfen. Noch nicht bekannte Sponsoren sollen das mit viel kulturpolitischem Prestige angereicherte Projekt für vier bis fünf Millionen Euro finanzieren.

(sta) „ARK NOVA – A Tribute to Higashi Nihon“ ist von der Idee beseelt, dass im vom März-Erdbeben dieses Jahres geschwächten Norden Japans nicht nur Häuser und die Infrastruktur, sondern auch die Hoffnung und Zuversicht der Menschen wieder aufgebaut werden müssen. Mit dem Ziel, „the power of art, architecture and music“ zu den Menschen zu bringen, wird derzeit unter der Führung des japanischen Architekten Arata Isozaki eine mobile Konzerthalle projektiert, die in verschiedene Region transportiert werden kann. Im Frühling 2012 sollen darin die ersten Events stattfinden.

Der heute präsentierte Entwurf zeigt eine Halle (72 m x 42 m im Grundriss), die  500 bis 700 Sitzplätze anbietet und 23 m hoch wird. Die aufblasbare Hülle (pneumatische Struktur) besteht aus einem elastischen Material, das einen schnellen Auf- und Abbau und den Transport mit einem Konvoi aus Lastwagen erlaubt. Für das Design der Konzerthalle arbeitet Isozaki mit dem indischen Künstler Yanish Kapoor zusammen. Sein aufblasbare Skulptur „Leviathan“, ein biomorph geformtes „Monster“ (Kapoor),  dient dem Projekt als Vorbild. Yasuhisa Toyota von Nagata Acoustics sorgt für die richtige Akustik. Und der Londoner Theaterexperte David Staples, bereits Mitstreiter von Michael Häfliger beim Projekt Salle Modulable, ist ebenfalls als Berater beigezogen worden.

Bühne und Begegnungsort mit Prestige

Die heutige Präsentation im KKL mit einer Live-Schaltung nach Tokyo zum Kulturminister und einem Kurzkonzert unter der Leitung von Claudio Abbado hat gezeigt, dass ARK NOVA (eine Umdeutung der Arche Noah) aufgrund der beteiligten „Dream-Teams“ (Masahide Kajimoto) und im Sinn der Promotoren eine wichtige und breit abgestützte, humanitäre Geste darstellt. Gleichzeitig ist das Projekt unübersehbar mit viel kulturpolitischem Prestige angereichert worden, das in der Umsetzung auf eine entsprechend global ausgerichtete Aufmerksamkeitsökonomie angewiesen ist. Die Sponsoren und Donatoren, die ARK NOVA möglich machen, konnten Michael Häfliger und Masahide Kajimoto heute trotzdem noch nicht präsentieren. Die rote Halle soll gleichzeitig als Bühne für verschiedenste Aufführungen und als Ort der Inspiration eingesetzt werden können. Klassische Musik, Jazz und Tanz sollen ebenso möglich sein wie Multimedia- und Kunstprojekte. Für die Programmierung der Konzerthalle sorgen LUCERNE FESTIVAL und der japanischen Konzert- und Künstleragentur Kajimoto nahe stehende Persönlichkeiten. Das Sponsoring soll ermöglichen, dass der Besuch der Veranstaltungen ohne Eintrittsgeld möglich ist.

Arata Isozaki

Arata Isozaki, geboren 1931, gehört zu den weltbekanntesten Architekten. Bevor er 1963 sein Büro gründete, arbeitete er u.a. bei Kenzo Tange. Bekannt geworden ist Isozaki in den 1960er Jahren mit seinen Projekten in Japan (Metabolisten) und in den 1990er Jahren mit Bauten u.a. in Barcelona, Orlando, Kraków, Kyoto, La Coruña and Berlin (Potsdamer Platz). Heute ist Isozaki weltweit tätig. Für die Präsentation in Luzern musste er sich ganz kurzfristig entschuldigen.

Kapoor: Monumentale Skulpuren

Der indische Künstler Anish Kapoor trägt den Turner Preis und ist bereits bekannt für monumentale Objekte, die er in Stadträume stellt. Mit seinem Stahlturm ArcelorMittal Orbit leistet er einen wesentlichen Beitrag für das ikonische Spektakel an den Olympischen Spielen 2012 in London. Geboren 1954 in Mumbai, Indien, kam Kapoor 1972 nach London und studierte zunächst Kunst und später Kunst und Design. Internationale Aufmerksamkeit erhielt Kapoor bereits in den 1970er Jahren mit Skulpturen aus Farbpigmenten. Über monochrome Rauminstallationen gelangte er zu Monumentalskulpturen aus ungewöhnlichen Werkstoffen: Marsyas in der Turbinenhalle der Tate Modern (2002), die Werkausstellung im Kunsthaus Bregenz 2003 mit einer 20 Tonnen schweren rote Skulptur aus Vaseline und Wachs (My red Homeland) und Cloud Gate, eine 110 Tonnen schwere, rostfreie Stahlkonstruktion im Millennium-Park in Chicago von 2004 sind Beispiele dafür.

Sendai: Wirklichkeiten in einer virtuellen Welt

Bei einer Katastrophe, wie sie  Japan derzeit erlebt, zählt der Schaden, der an aussergewöhnlicher Architektur angerichtet wird, zur Nebensache. Trotzdem ist erwähnenswert: Toyo Ito’s beschädigte Mediatheque in Sendai leistet in einem Youtube-Video einen Beitrag an die globale Medienberichterstattung und vermittelt damit unter tragischen Umständen quasi in eigener Sache auch eine Botschaft zum Thema mediale Wirklichkeiten. „Mit der fortschreitenden Entwicklung der elektronischen Technologie verlieren wir den Sinn für die Wirklichkeit“, sagte Toyo Ito vor der Eröffnung der Mediatheque 2001.

(sta) Die berühmte Mediatheque von Toyo Ito (2001) wurde offenbar beschädigt, aber nicht zerstört. Ein Video auf Youtube dokumentiert die Situation im Innern des Gebäudes während des Bebens vom 11. März 2011. Die Filmkamera blickt vom Boden aus an die Decke. Die Filmenden haben unter einem Tisch Schutz gesucht. Zwei Dinge sind besonders: Die Länge des Bebens und die Art und Weise, wie die Konstruktion des Gebäudes die Naturkräfte aushält.

Das Erdbeben in Japan, erlebt in der Mediatheque von Sendai:

Metapher des fliessenden Raums

Das Büro für Stadtfragen hat Toyo Ito im September 2000 in Pontresina zu einem kurzen Gespräch getroffen. Itos Bestreben, eine Metapher zu finden für den natürlichen und digitalen Informationsfluss zwischen Innen und Aussen eines Medienzentrums, zwischen Natur, Stadt, Gebäude und seinen Benutzern, finden in der Mediatheque ihren Ausdruck in einer völlig offen projektierten Raumstruktur im Ausmass von 50 x 50 x 30 Meter und in der primären Tragstruktur aus Pylonen, die an Bäume und Seetang im Wasser erinnern. Toyo Ito sagte damals, kurz vor der Fertigstellung des Gebäudes: „Die Mediathek in Sendai ist beinahe beendet. Das Bild, welches ich mir für diese Architektur vorgestellt habe, war ein transparenter Raum, der schwerelos zu sein scheint. Wie dem auch sei, in den letzten vier Jahren habe ich mit dem Stahlgerüst gekämpft. Was wir durch diese Auseinandersetzung entdeckt haben, ist nicht die Transparenz als eine Oberfläche, sondern die Wirklichkeit des Objekts hinter dieser Oberfläche.

Architekturvideo zum Innern des Gebäudes von Toyo Ito:

Verlorener Sinn?

Der Vergleich der beiden Videos ermöglicht die Wahrnehmung unterschiedlicher medialer Wirklichkeiten in denselben Räumen: Hier die beinahe stumme Vermittlung einer Architekturkomposition als Metapher für die fliessende Natur des Raumes, dort das individuell erlebte und global publizierte Ereignis einer Naturkatastrophe. Der Realität einer Katastrophe hat das Bauwerk standgehalten. Die statisch für Erdbeben ausgelegten Konstruktion aus „Bäumen“ hat gehalten. Nur, welchen Sinn macht die im Erdbeben-Video gezeigte Wirklichkeit, neben der Unterhaltung? Ito mahnte 2000: In Tokio benutzt jeder Zweite oder Dritte ein Mobiltelefon, um sich zu unterhalten oder um Mitteilungen auszutauschen. Mit der fortschreitenden Entwicklung der elektronischen Technologie verlieren wir den Sinn für die Wirklichkeit. Im Gegensatz dazu habe ich die passende Wirklichkeit für die Mediathek in Sendai gefunden.“ Diese Wirklichkeit hat sich im März 2011 verändert, und die Welt hat zugeschaut.

Zitate aus: Thomas Stadelmann, Zum Stand der Dinge: Wirklichkeit in einer virtuellen Welt. in: Global City versus Local Identity, Kompendium 3. Internationales Architektursymposium Pontresina, 13.-15. September 2000


Tabularium

Enzmann+Fischer Architekten aus Zürich haben unter dem Kennwort „Tabularium“ den Projektwettbewerb für ein neues Stadtarchiv im Stadtteil Littau für sich entschieden.

(sta) 85 Architekturbüros haben am Projektwettbewerb teilgenommen. Mit dem Juryentscheid wird die architektonische Präsenz von Enzmann+Fischer in Luzern noch beeindruckender: Die Architekten haben bereits das Armee- und Ausbildungszentrum und die Wohnsiedlung der Eisenbahner-Genossenschaften gebaut. Aktuell realisieren sie den Umbau des Postbetriebsgebäudes zur Universität hinter dem Bahnhof. Das neue Stadtarchiv wird frühestens 2014 bezugsbereit. Auf dem zweiten Rang landeten Edelmann Krell.

nomen est omen?

Der quadratische Baukörper assoziiert auf den ersten Blick das Bild eines dreidimensionalen Büchergestells mit offenem Erdgeschoss. Als Tabularium wurden zu Zeit des antiken römischen Reichs Gebäude und Räume zur Aufbewahrung von Urkunden bezeichnet. Im Entwurf von Fischer+Enzmann scheint nicht nur die Funktion des Gebäudes, sondern auch die Struktur, Gliederung und Materialisierung der Aussenfassade – die formal reduzierte Dekoration des Bücherstapels mit Hilfe eines präzisen Fugenbilds – in einer abstrakten Beziehung zu stehen zum Begriff „Tabularium“: Wikipedia weiss dazu: „Als Tabulariummotiv bezeichnet man in der klassischen antiken Architektur eine Pfeilerarkade mit aufgeblendeten Halbsäulen. Während die bauliche Struktur in der Pfeilerarkade besteht, dient die aufgeblendete Säulenordnung der Dekoration und Gliederung des Baukörpers. Das Tabulariummotiv tritt auch bei Amphitheatren auf, weshalb es manchmal auch Theatermotiv genannt wird.“ Beim neuen Stadtarchiv besteht die Struktur der Fassadenelemente aus sandgestrahltem Beton. Die Ausfachungen in den Obergeschossen des Büchermagazins sind aus Holz.

Landmarke

Ein Stadtarchiv kann man in die Höhe bauen oder vergraben. Das Tabularium von Enzmann + Fischer hat sich für die Höhe entschieden. Das Büro XTEN Architecture aus Los Angeles, California mit Monika Häfelfinger and Austin Kelly für das Eingraben, und es schaffte es damit bis in die dritte Runde. Ihr Entwurf zeigt eine versteinerte Analogy zur Littauer Topographie und Bergsicht: „The Luzern Stadtarchive is conceived as a marker in the landscape. In its organization and architectural expression the building is closely related to the site topography and adjacent mountains. It is the first building one sees from the street upon reaching this plateau above the city of Luzern. Die weihnachtlich-naive Postkartenansicht, die XTEN abgeliefert haben, mit leuchtendem Neubau, Stadtsilhouette und Pilatus, ist durchaus sehenswert.

Wieso leistet sich Actelion Architektur?

Gute Architektur benötigt gute Bauherren. Business-to-business geht es in dieser Beziehung um spezifische unternehmerische Mehrwerte, um Reputation und damit um den Kampf im Wettbewerb um Aufmerksamkeit. Herzog & de Meuron (HdM) verfolgen in ihrer architektonischen Arbeit deshalb „keine ästhetischen Vorlieben, keinen Geschmack, keine Tabus“, wie sie selbst sagen. Als Autoren des spezifischen Konzepts sind die Architekten legitimiert, gleichermassen ohne Stil gleichzeitig für die Konkurrenten Roche, Novartis und Actelion zu bauen. Das Büro für Stadtfragen hat bei beim Bauherrn Actelion in Allschwil nachgefragt, ob diese These in diesem Fall stimmt, und wie es beim neuen Business Center in Allschwil (2007-2010) zum Direktauftrag an HdM gekommen ist. Fazit aus dem Interview mit Louis de Lassence: Actelion will und kann es sich leisten, mit den besten Architekten für die besten Mitarbeitenden zu bauen.

(sta) Interview mit Louis de Lassence, Vizepräsident, Leiter Corporate Services, Actelion Pharmaceuticals Ltd, Allschwil. 2005 bis 2010 Bauherrenvertreter beim Bau des Business Centers von Herzog & de Meuron Architekten, Basel:

Herr de Lassence: Hat Actelion eine Unternehmensphilosophie, die besagt, dass die Marke und die Unternehmenskultur durch architektonische Zeichen – durch eine Corporate Architecture – zu verdeutlichen ist?

Nein, wir haben keine Corporate-Architecture-Strategie niedergeschrieben. Das sieht man daran, dass wir in der noch jungen Firmengeschichte architektonisch auf Vielfalt gesetzt haben. Das Forschungsgebäude hier in Allschwil wurde zwischen 2002 und 2006 von Burckhardt+Partner AG geplant und realisiert, das Gebäude für die klinische Entwicklung von einem anderen Architekturbüro, ebenfalls aus Basel. Beim Business Center haben wir uns 2005 dazu entschieden, ein besonders innovatives Schlüsselgebäude zu realisieren. Auch dazu gab es keine formulierte Strategie. Entscheidend war der Anspruch, dass die Architektur unsere Unternehmenskultur abbilden sollte. Es ist also nicht etwa so, dass die Architektur uns diktiert, wie wir uns darzustellen haben.

Bei Unternehmen, die ohne ausformulierte Strategie zur Firmenarchitektur auskommen, ist das architektonische Gewissen oft personalisiert. Wer sagt bei Actelion, was für die Firma die richtige, gute Architektur ist?

Am Ende ist es der CEO Jean-Paul Clozel, der entscheidet. Er war von Beginn an involviert, als die Architekten Herzog & de Meuron ihre ersten Entwürfe präsentiert haben.

Wie hat Actelion über die vorgeschlagene Architektur diskutiert?

Sobald die ersten Skizzen vorlagen, wurden der Verwaltungsrat und das Management in den Entscheidungsprozess einbezogen. Wir realisieren ein Schlüsselgebäude nicht einfach top down ohne eine Diskussion. Es wurde von Anfang an viel über die Architektur diskutiert. Interessant war, dass wir alle vom präsentierten Projekt überzeugt waren, weil es genau unseren Anforderungen und der Unternehmensidentität von Actelion entspricht: Das Business Center handelt von Innovation und verkörpert baulich, was Kommunikation für das Unternehmen und unsere Mitarbeitenden bedeutet.

Und die Kosten?

Was das Budget angeht, so können wir uns das Business Center, so wie es geplant und realisiert wurde, leisten.

Gemäss Jacques Herzog ist Actelion ein Unternehmen, das „seine Identität gerade entwickelt und architektonisch an einem Ort festmachen möchte“ (NZZ, 14.2.2010). Hatte Actelion in den ersten zehn Jahren der Firmengeschichte demnach noch keine eigene Identität?

Actelion hatte selbstverständlich schon lange vor dem Business Center eine starke Identität. Schliesslich sind wir das grösste Biotechnologieunternehmen in Europa, und wir wachsen sehr schnell. Deshalb sage ich es nochmals: Bei Actelion kommen zuerst die Unternehmensziele und dann die Architektur. Mit dem Business Center von Herzog & de Meuron ist es uns gelungen, die bestehende Identität des Unternehmens gewissermassen baulich zu spiegeln.

Wie der CEO Jean-Paul Clozel und Sie selbst haben einige Führungskräfte bei Actelion zuvor langjährige Erfahrungen bei Roche gesammelt. Worin unterscheiden sich die Identitäten von Actelion und Roche?

Actelion ist viel kleiner als Roche. Wir haben allerdings mehr Raum und legen Wert auf eine schlanke Organisation mit flachen Hierarchien, einen möglichst direkten Zugang zur Führung und auf ein hohes Mass an Interaktion und Durchlässigkeit. Dadurch leisten wir uns für unsere Mitarbeitenden viel Freiraum zur Entfaltung von Eigeninitiative und Kreativität. Es herrscht eine ganz andere Stimmung. Bei uns kennen sich die Mitarbeitenden noch weitgehend persönlich, obwohl wir bald 2400 Beschäftigte zählen.

Das heisst, die Mitarbeitenden haben bei Actelion in vergleichbaren Positionen mehr Platz in ihren Büros als bei Roche?

Ja, das ist wohl so, weil das Raumangebot bei uns weniger standardisiert ist. Allerdings kann sich Roche bestimmt auch grössere Büros leisten, wenn die Firma das will. Der Komfort am Arbeitsplatz ist jedoch nicht eine Frage der Firmengrösse, sondern die direkte Antwort auf die Frage, wie wichtig es dem Unternehmen ist, dass die Mitarbeitenden einen für sie möglichst idealen Arbeitsplatz vorfinden.

Das Business Center ist ein flacher Gebäudestapel, der vielfältige Raum- und Sichtbezüge und einen zentralen Innenraum schafft. Roches neustes Projekt Bau1, ebenfalls ein Entwurf von Herzog & de Meuron, ist ein städtisches Hochhaus, das einen für Basel neuen städtebaulichen Massstab setzen will. Bringt diese Beschreibung den Unterschied zwischen den beiden Firmen auf den Punkt?

Ja, vielleicht. Nur muss man anmerken, dass wir in Allschwil (in Flughafennähe) ohnehin nicht höher als 20 Meter bauen durften. So gab es im wahrsten Sinn des Wortes überhaupt keinen Raum für eine Turmdiskussion. Zudem ist bei Roche die Aufgabe eine andere als beim Business Center: Beim Projekt Bau1 von Roche geht es darum, sehr viele Leute, die heute an verschiedenen Orten arbeiten, räumlich zu konzentrieren. Wenn wir darüber hinaus von der Architektursprache sprechen wollen, dann stand beim Business Center immer im Vordergrund, dass Form und Gestalt des Baukörpers unsere Offenheit und Transparenz widerspiegeln sollten.

Woran erkennen Sie, dass Sie das richtige Gebäude gebaut haben?

Das Business Center ist ein Bürogebäude für 350 Mitarbeitende. Der Einzug ist soeben erfolgt. Es wird  eine gewisse Zeit dauern, bis wir sehen können, wie das Gebäude ankommt. Aber ich bin überzeugt, dass es durch seine Struktur und Offenheit so funktioniert und auf die Mitarbeitenden wirkt, wie wir uns das vorgestellt haben. Das Personalrestaurant wurde jedenfalls bereits vor dem offiziellen Bezug der Büros rege benutzt.

Welche Rolle und Aufgaben hat das neue Business Center in der künftigen Unternehmenskommunikation, inhaltlich und visuell?

Das Gebäude hat jetzt kurz nach der Eröffnung in den Medien natürlich einen gewissen Aktualitätswert. Frau Bundesrätin Leuthard hat es bei der Eröffnungsfeier mit einem Leuchtturm verglichen. Allein deshalb wird das Business Center jedoch nicht zum neuen Aufhänger für die Unternehmenskommunikation: Bei Actelion geht es um Medikamente, nicht um Immobilien, und wir betreiben Wissenschaft. Man kann es einfach formulieren: Beim Business Center handelt es sich um ein schönes Gebäude, das unseren Mitarbeitenden die richtigen Arbeitsplätze bietet.

Actelion bezeichnet sich selbst als special type of company, Offenheit und Innovation sind die beiden zentralen Werte. Wieso entschied man sich bei der Firmenarchitektur dennoch für den Direktauftrag an die Hausarchitekten von Roche und gegen eine Auswahl von mehreren architektonischen Vorschlägen?

Wenn Sie unser Gebäude anschauen, werden Sie keinerlei Ähnlichkeiten mit einem Roche-Gebäude erkennen. Der Grund dafür ist – und das sagen Herzog & de Meuron von sich selbst –, dass die Architekten keinen eigenen Baustil pflegen. Anders als etwa bei Bauten von Richard Meyer oder Frank Gehry, die man auf den ersten Blick zuordnen kann, passen sich Herzog & de Meuron den Kunden und dem jeweiligen Ort an. Aus Sicht des Bauherrn sind sie dadurch sehr flexibel und erfinden etwas Neues, statt Variationen von etwas bereits Bestehendem zu bauen. So bestand also gar nie die Gefahr, dass beim Business Center von Actelion der Effekt „typisch Roche“ eintreten würde. Das Gleiche gilt auch für das zweite Gebäude von Herzog & de Meuron, das auf unserem Firmengelände in Allschwil entsteht. Auch für dieses Projekt wurde eine ganz eigene Architektursprache entwickelt.

Dennoch: War beim Bau des Business Centers die Durchführung eines Konkurrenzverfahrens – zum Beispiel ein Studienauftrag – nie ein Thema?

Doch. 2005 haben wir intern kurz darüber gesprochen. Wir hatten ja auch bisher mit verschiedenen Basler Büros zusammengearbeitet. Dann kam vor allem von Jean-Paul Clozel die Idee, mit Herzog & de Meuron darüber zu sprechen. Und Herzog & de Meuron hatten uns nach ersten Kontakten eine Projektskizze zu den bereits definierten Raumvolumen vorgelegt, die uns so überzeugte, dass wir von einem Wettbewerb Abstand nahmen.

So, wie andere Chefs ihren Mercedes, hat Jean-Paul Clozel einen Herzog & de Meuron bestellt.

Nein, die Angelegenheit war schon komplexer. Pierre de Meuron musste mit dem Projekt zuerst den Verwaltungsrat überzeugen. Zudem war die Tatsache, dass Herzog & de Meuron ihr Büro in Basel haben, ein sehr wichtiges Kriterium. Während der Planung und Ausführung hatten wir fast täglich Kontakt – und dies ohne unnötigen Zeitaufwand. Die Zusammenarbeit mit einem ausländischen Architekten wäre diesbezüglich viel komplizierter gewesen.

Am 10. Dezember 2010 wurde das Gebäude nicht etwa nur feierlich eröffnet, sondern gemäss Medienmitteilung offiziell „den Mitarbeitenden übergeben“. Actelion betont, dass die Mitarbeitenden für die Firma wichtig sind. Wann und wie sind deren Bedürfnisse in die Planung und den Bau des Business Centers eingeflossen?

Wir haben auf Stimmen aus der Mitarbeiterschaft gehört. So konnte jede Abteilung zwischen individuellen Büros oder einem Grossraumbüro wählen. Zwei Abteilungen, Business Operations und IT, haben sich für Grossraumbüros entschieden, alle anderen für individuelle Büros. Diese Einteilung ist nun allerdings bautechnisch mehr oder weniger fix. Allein schon wegen der Lüftung wäre es zu aufwendig, einzelne Wände zu verschieben. Zudem haben wir mit den Mitarbeitenden die Flächenanforderungen erarbeitet und spezielle Bedürfnisse wie Archivräume, Sitzungszimmer oder privacy rooms für Business Operations evaluiert.

Und wer hat über die Einrichtung bestimmt?

Das Thema der Einrichtung hat tatsächlich zu einer längeren Diskussion geführt, weil wir eine ganz andere Meinung hatten als Herzog & de Meuron. Vier Hersteller wurden deshalb eingeladen, um uns ihre Einrichtungsvorschläge zu präsentieren. Jede Abteilung konnte ein paar Mitarbeiter bestimmen, welche die eingerichteten Musterbüros besuchen und ihre Stimme für ein Mobiliarkonzept abgeben konnten. Diese Art der Mitwirkung war uns sehr wichtig, und sie hat den Entscheid beeinflusst. Nicht im Sinn einer Basisdemokratie  – schliesslich sind wir eine private Firma –, aber immerhin so, dass die Mitarbeitenden die Entscheidung mittragen konnten. Und so kam es, dass wir uns letztlich für ein eigenes Einrichtungskonzept entschieden haben.

Das Gebäude bietet rund 350 Arbeitsplätze an. Nach welchem Prinzip sind die Arbeitsplätze im Gebäude verteilt worden?

Eigentlich sollten im Business Center mehr Abteilungen untergebracht werden. Nicht alle haben aber Platz gefunden, weil wir zwischen 2005 und 2008 zu schnell gewachsen sind. Hinsichtlich der Belegung haben wir die jeweiligen Geschossflächen mit der Grösse der einzelnen Abteilungen verglichen und diese entsprechend im Gebäude verteilt. Wichtig war das Prinzip, die einzelnen Abteilungen nach Möglichkeit auf einer einzigen Ebene unterzubringen und die Büroanordnung durch sogenannte Kommunikationszonen zu unterbrechen. Hierarchische Kriterien spielten bei der Raumverteilung keine Rolle.

Gibt es für diese Kommunikationszonen Verhaltensregeln?

Zuerst möchte ich betonen, dass wir von der Notwendigkeit informeller Aufenthaltsbereiche überzeugt sind: Hier können sich die Mitarbeitenden spontan treffen und miteinander austauschen – und zwar nicht nur innerhalb der eigenen Abteilung. Deshalb haben wir die Kommunikationszonen in jedem Stockwerk zusätzlich mit je zwei Teeküchen ausgestattet. Für den Aufenthalt an diesen Orten gibt es keine internen Regeln, weil Regeln für mehr oder weniger spontane Begegnungen einfach keinen Sinn machen. Um den Austausch unter den Mitarbeitenden zusätzlich zu fördern, haben wir im Business Center auch ein Personalrestaurant und eine Cafeteria eingerichtet.

Woher kommen die Mitarbeitenden von Actelion hauptsächlich?

Rund 55 Prozent leben in der Schweiz, 45 Prozent im benachbarten Ausland. Schweizerinnen und Schweizer sind unter den Mitarbeitenden insgesamt eine Minderheit.

Wäre es für Actelion ohne das Business Center künftig schwieriger geworden, die besten Leute nach Allschwil zu holen, weil diese – in der Mehrheit ausländische Mitarbeitenden – ein urbanes Arbeitsumfeld, wie dasjenige im Campus von Novartis, doch eher bevorzugen?

Wir rekrutieren Leute mit ähnlichen Profilen wie Roche und Novartis. Im Wettbewerb um die besten Mitarbeitenden können und wollen wir nicht mehr bezahlen als unsere direkte Konkurrenz vor Ort. In einem Vergleich haben wir festgestellt, dass die Architektur am Arbeitsplatz mitunter einen grossen Einfluss auf den Entscheid der einzelnen Bewerberinnen und Bewerber hat. Deshalb haben wir bei Rekrutierungsgesprächen schon ab 2005 immer die Bilder des geplanten Business Centers gezeigt. Beinahe alle Kandidaten waren davon beeindruckt und haben positiv reagiert. Wir haben zudem festgestellt, dass eine attraktive Architektur für potenzielle Mitarbeitende insgesamt eine grössere Rolle spielt als etwa die Ausstattung mit luxuriösen Materialien.

Wie gross ist die Rolle der Architektur konkret, ist sie planbar?

Ich kann nur sagen, was wir den Kommentaren von Stellenbewerberinnen und -bewerbern entnehmen können. Wir machen uns natürlich fortlaufend ein Bild. Man darf auch nicht vergessen, dass bei Actelion immer noch die Strahlkraft des jungen, innovativen Biotech-Unternehmens anzieht. Das Gebäude ist ein zusätzlicher Aspekt in der Personalrekrutierung, den andere Firmen schon vor uns erkannt haben. In der Frühphase der Planung für das Business Center nahm ich an einer Präsentation zum Novartis Campus-Projekt teil. Der Projektmanager erklärte uns damals, die Idee, einen Campus unter Mitwirkung internationaler Architekten zu erstellen, gehe auf Erfahrungen von Sandoz zurück. Dort hatte man während einiger Jahre zu wenig in die Bausubstanz investiert und infolgedessen einige der besten Kandidaten verloren. Bei Actelion ist heute allen klar, dass die Arbeitsumgebung und die Architektur der Firmengebäude eine Rolle für den Erfolg der Firma spielen. Das gilt auch für den Bereich der Labors, die bei uns viel Licht haben, relativ gross, modern und deshalb für die Wissenschaftler attraktiv sind.

Sprechen wir nochmals über die Architektur: Das Business Center sendet eine formal aussergewöhnliche, nennen wir sie extravagante Botschaft in die Umgebung des Allschwiler Gewerbegebiets. Wie offen bzw. zugänglich ist im Gegenzug das Business Center für seine unmittelbare Umgebung?

Eigentlich ist es gar nicht offen. Das Gebäude steht nur Mitarbeitenden und Geschäftspartnern offen, sonst hätten wir ein Sicherheitsproblem. Vielleicht veranstalten wir für die Nachbarschaft und Interessierte einmal einen Tag der offenen Tür. Was die Botschaft der Architektur betrifft, so haben wir ausdrücklich nie die Absicht verfolgt, extravagant zu sein. Wir wollten lediglich ein aussergewöhnliches Gebäude realisieren.

Extravaganz ist auch für die Architekten Herzog & de Meuron ein Reizwort. Worin liegt für Sie, als Vertreter der Bauherrschaft, denn der Unterschied zwischen extravagant und aussergewöhnlich?

Aussergewöhnlich meint die Qualität einer Architektur, die ein Gebäude von anderen abhebt. Extravaganz hingegen verfolgt hauptsächlich den Zweck, sich zu exponieren. Menschen tun es, indem sie sich extravagant kleiden, um dadurch auf sich aufmerksam zu machen. Beim Business Center geht es nicht um Zurschaustellung. Der Neubau bildet unsere Innovationskraft und Offenheit ab, verkörpert sie gewissermassen räumlich und gestalterisch. Dieses Angebot schätzen unsere Mitarbeitenden, dadurch wird die interne Kommunikation gefördert und die Architektur leistet einen Beitrag an den Firmenerfolg – mehr nicht.

Herzog & de Meuron sind dennoch unbestritten internationale Stararchitekten mit grossem Markenwert, einem hohem Aufmerksamkeitspotenzial bei gleichzeitig globaler Reputation. Das kostet die Auftraggeber etwas. Wie verträgt sich die Zusatzinvestition in öffentliche Prominenz und mediale Aufmerksamkeit mit der wissenschaftlich-medizinischen Forschungskultur von Actelion?

Auf dem Gebäude steht das Logo von Actelion und nicht das von Herzog & de Meuron. Ich habe Pierre de Meuron zudem sehr oft getroffen und hatte nie den Eindruck, es mit einem Star zu tun zu haben. Am Anfang standen unsere Bedürfnisse, die von den Architekten aufgegriffen und umgesetzt wurden. Auch wenn wir uns nicht immer einig waren: Aus den Diskussionen sind immer innovative Lösungen entstanden. Das gelingt nur, wenn sich zwei gleichberechtigte Partner, die zueinander passen, gegenseitig zuhören.

Das Business Center (104’000 m3) hat 130 Millionen Franken gekostet. Können Sie den finanziellen Mehraufwand für die Zusammenarbeit mit den Stararchitekten abschätzen?

Die Kosten sind bei Herzog & de Meuron nicht grundsätzlich höher als bei anderen Architekten. Natürlich verursacht ein so ungewöhnlich ausgelegtes Gebäude mehr Arbeitsstunden als ein herkömmliches. Die teuersten Posten waren der Stahlbau und die Fassade. Wir haben den Stahl zu einem Zeitpunkt gekauft, als dieser am teuersten war. Das war Pech und hat uns einige Mehrkosten beschert.

Für das Business Center waren 6000 Seiten Konstruktionsbeschriebe, 1500 Detailpläne und ein beträchtlicher Mehraufwand aufgrund der enormen Gebäudeoberflächen notwendig. Wieso ist es nicht gelungen, gleichzeitig den baulichen Minergie-Standard zu erreichen?

In der Energiediskussion kommt es darauf an, was man genau unter Minergie versteht. Da wir in der Gesundheitsbranche tätig sind, haben wir eine Verpflichtung gegenüber der Umwelt. Das ist uns sehr bewusst. Dass wir das bauliche Minergie-Label dennoch nicht erreicht haben, war für uns schon ein Thema. Wir konnten u. a. bei der Energiegewinnung nicht das geplante System der Grundwassernutzung verwenden. Dennoch: Wir nutzen Sonnenenergie und werden auf dem Dach noch zusätzliche Solarzellen anbringen.

Actelion kommuniziert und lebt eine Wachstumsstrategie. Auf wie viele Jahre hinaus sind der Betrieb und der Unterhalt des neuen Business Centers ausgerichtet?

Das Gebäude ist für ungefähr 80 Jahre gebaut. Die Fassade werden wir nach 15 Jahren prüfen müssen. Wie sich das Gebäude mit dem personellen Wachstum von Actelion verträgt, werden wir sehen.

Welche baulichen Entwicklungsschritte sind bei Actelion in der Pipeline?

Zuerst werden wir unser nächstes Projekt, ein kombiniertes Forschungs- und Entwicklungszentrum, beenden. Der erste Teil des ebenfalls von Herzog & de Meuron erstellten Gebäudes für die klinische Entwicklung ist kürzlich bezogen worden. Der Forschungsteil soll Anfang 2012 bezugsbereit sein. Sonst haben wir zurzeit kein Bauvorhaben in der Pipeline.

Sind Herzog & de Meuron nun die Hausarchitekten von Actelion?

Hausarchitekten? Sie setzen zunächst einmal zwei Projekte für uns um – und dann werden wir sehen. Es können auch andere Architekten für Actelion bauen.

Was machen Sie mit den Architekturtouristen, die künftig mit der Nase an der Scheibe Einlass verlangen?

Das wissen wir noch nicht genau, aber wir werden wohl hin und wieder Führungen anbieten.

Interview, 14.1.2011 : Thomas Stadelmann

Abbildungsnachweise: Actelion / SFDRS / Büro für Stadtfragen / Web

Mailänder Sensation des Ortes

Das Büro für Stadtfragen hat in Begleitung der Architekten Mauro Piantelli und Enrico Garbin das umgebaute Dachgeschoss im Pirelli-Hochhaus von Gio Ponti und Pier Luigi Nervi in Mailand besichtigt. Der politischen Brisanz und Sensation des Ortes wird ein Blogeintrag nicht gerecht.

sta. Clive Owen alias Interpol-Agent Louis Salinger trifft sich hoch über den Dächern von Mailand mit dem italienischen Waffenproduzenten Umberto Calvini zu einem Geheimgespräch über den internationalen Geld- und Waffenmarkt. Die Szene spielt im Film The International (Columbia 2009). Die Sensation daran ist weder die Geschichte, noch sind es die Personen, die im Filmset auftreten. Der Ort selbst ist die Sensation: Hier im umgebauten Dachgeschoss des Pirelli-Hochhauses von Gio Ponti und Pier Luigi Nervi (1958) bietet sich bei guter Sicht ein einzigartiges urbanes Belvedere: Durch die restaurierte Glasfassade hindurch, den curtain wall des europäischen Pionier-Hochhauses, blickt man über die Dächer von Mailand hinaus in die Regione Lombardia. Seit 1978 ist die ehemalige Zentrale des Reifenherstellers Pirelli schon stolzer Hauptsitz der regionalen Regierung.

Brisante Geschichten

Die Architekturkritik hat den Pirellone, wie der Volksmund das Hochhaus nennt, in der Vergangenheit sowohl gelobt wie auch gehasst: „Das Pirelli-Hochhaus wirkt vor allem, weil es im faschistischen Setting eleganter gekleidet dasteht als seine Nachbarn“, schrieb Dieter Hoffmann-Axthelm 1991. Nach dem 18. April 2002, als der Schweizer Luigi Fasulo mit seiner Rockwell Commander in das Hochhaus direkt beim Mailänder Bahnhof stürzte und dabei ums Leben kam, titelte die NZZ: „Verletztes Wahrzeichen“.

Belvedere für den Präsidenten

Nicht weniger brisant ist die jüngste Schlagzeile: Das Pirelli-Hochhaus ist seit diesem Jahr nicht mehr das höchste Gebäude Mailands. Im Januar wurde in seiner Nachbarschaft der Turm des sich im Bau befindenden Palazzo Lombardia, dem neuen Verwaltungs- und Machtzentrum der Regione Lombardia, als neues höchstes Stadt-Gebäude gefeiert. Roberto Formigoni, Präsident der Region, hat die neue Architektur von Pei Cobb Freed&Partners (NY) persönlich mit einer Kopie der Madonnina des Mailänder Doms gekrönt, begleitet mit viel Medienrummel. Formigioni ist seit 1995 Präsident und wurde zwei Monate nach dem symbolischen Akt, im März 2010, für eine vierte Amtszeit wiedergewählt.

Spieglein, Spieglein an der Wand…

Derweil wurde die Sensation des Ortes im Dachgeschoss des Pirellone mit dem Projekt Belvedere der Architekten Mauro Piantelli und Enrico Garbin auf neue Art erfunden. Das Büro für Stadtfragen hat den Ort, der früher klimatisch offen und nun gleichzeitig (nicht zugängliches) Privatzimmer des Präsidenten sowie Repräsentations- und Ausstellungsraum, jedoch keine öffentlich zugängliche Aussichtsterrasse ist, in Begleitung von Sicherheitspersonal besichtigt: Nutzung, Symbolhaftigkeit, die Inszenierung der historischen Betontragstruktur des Pirellone und die hinzugefügte glasige Textur des neuen Belvedere sind architektonisch sehenswert. Gleichzeitig verspiegelt der Einbau im übertragenen Sinn die Sicht auf ein historisch schwieriges Thema in Italien, das mehr als ein Blogeintrag Wert ist: das Politische Moment in der Dynamik moderner Architektur.

Den Besuch vor Ort hat die Regione Lombardia ermöglicht. Vielen Dank.

Uni und PHZ liebäugeln mit neuem Gesicht

Bild: Andri Stadler, Luzern

Im Schatten von Jean Nouvels KKL in Luzern entsteht derzeit das neue Gebäude der Universität und der PHZ Luzern. Die Architekten Enzmann+ Fischer haben 2005, nach dem Debakel am Kasernenplatz, den Wettbewerb gewonnen. Die Fassade ist ein erstes Versprechen.

Dem Umbau des bestehenden Postbetriebsgebäudes in Luzern hinter dem Hauptbahnhof musste ein Vordach (gar ein Erstling?) von Santiago Calatrava weichen. Nun hat die neue Architektur den ersten Teil ihres Gesichts enthüllt: Eine ganz in Weiss gehaltene Fassade mit einem erzählerisch wirkenden Licht- und Schattenspiel. Im Innern steht noch der Rohbau.

Kein Schatten(ent)wurf

Schon jetzt ist klar, dass der Schulbau sich nicht bescheiden in die zweite Architektur-Reihe hinter dem KKL setzt. Die bewegte Anordnung der Fassadenöffnungen erinnert an die Augenpaare von KKL-Gästen, wie sie – aufgeregt in die eine oder andere Richtung blickend – versuchen, eine bessere Sicht auf die Bühne zu erhalten. Mit der Fassadengestaltung wollen die Architekten des Umbauprojekts den vernachlässigten Strassenraum hinter dem Bahnhof aufwerten, den Blick in die städtische Umgebung links und rechts des KKL inszenieren und wohl auch die Weitenwirkung von Uni und PHZ als Bildungseinrichtungen zum Ausdruck bringen. Ob es für die künftigen Studierenden, das Personal und Gäste dabei im Innern ebenfalls nur gute Sitzplätze gibt, wie bekanntlich im KKL-Konzertsaal, wird sich zeigen. Die Eröffnung ist für 2011 geplant.

Bilder: Andri Stadler, Fotografie, Luzern

Neue Monte Rosa-Hütte SAC, glänzend verpackt

c/Stadtfragen/0909 Monte Rosa Hütte

Am 25. September wurde sie offiziell eröffnet: die neue Monte Rosa-Hütte SAC auf 2883 M.ü.M. Der Schweizerische Alpenclub SAC als Bauherrin, die ETH Zürich und zahlreiche Sponsoren haben das Bauwerk möglich gemacht. In einer Art wissenschaftlich-baulichen Beweisführung wurde aus einer Idee, Vision und „Täuschung“ (so nennt Andrea Deplazes das Projekt-Rendering) ein konstruktiv entworfenes Bauwerk, dessen Erfolg auf einem eindrücklichen Konsens zum nachhaltigen Bauen gründet. Das Büro für Stadtfragen flog mit dem Heli zur Eröffnung.

Die ETH macht sich damit selbst ein Geburtstagsgeschenk und beweist zusammen mit weiteren Beteiligten eindrücklich, wie schweizerische Bau- und Technologiekunst als Ereignis zelebriert werden kann. Bei so viel Medienlärm, erhabener Landschaft und Symbolkraft ist es nicht einfach, einen konzentrierten Blick auf die Architektur selber zu richten. Klar scheint: Nachhaltigkeit zwingt dazu, die Architektur konsequent in die Zukunft zu denken. Dass dabei die Bedeutung und Qualität eines Bauwerks bereits durch das Ausmass an medialer Aufmerksamkeit bestimmt wird, ist hoffentlich nicht auch eine Regeln.

Eröffnung 25. September 2009

Artikel zur Fertigstellung der Monte Rosa-Hütte SAC ist im werk, bauen+wohnen Nr. 12/2009 erschienen.

Zuschauen: Countdown in Sevilla

In einem Jahr wird in Sevilla die Anlage Metropol Parasol (Architektur Jürgen MAYER H.) eröffnet. Ein Sightseeing ist schon heute möglich. Sightseeing bedeutet ja nichts anderes, als ein Sich-Vergewissern vor Ort bzw. über den Ort. Früher hatte die Postkarte die Aufgabe, Touristen/innen vor Ort zu bringen oder die Daheimgebliebenen mit besten Grüssen daran zu erinnern, das man wirklich dort war.

Street View statt Postkarte

Heute liefern Google Earth und Google Street View die Lock-, Bestätigungs- und Erinnerungsbilder: Die Baustelle in Sevilla ist ein eindrückliches Beispiel: Zusehen ist nicht nur ein Luftbild, sondern auch die Ansicht des Rohbaus aus Sicht der Fussgänger/innen. Schon im Überflug zeichnet sich die neue städtebauliche Figur der riesigen, begehbaren Parasol ab; sie helfen künftig, das Zentrum der Altstadt zu finden. Auf dem Dach des Bauwerks, rund 20 Meter über der Placa de la Encarnacion, werden Touristen/innen flanieren und sich vergewissern können, ob sie tatsächlich mitten in der Altstadt von Sevilla sind. Vielleicht lohnt sich auch ein Blick hinauf in Richtung Googles Erdball: Irgend jemand schaut bestimmt gerade zu: