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Der Masterplaner

Der Holländer Kees Christiaanse ist Architekt, Städtebauer und ETH-Professor. Stadtfragen traf ihn an einem grauen 9. März in seinem Ferienhaus im bündnerischen Feldis auf 1500 Meter ü.M. Wir sprachen über seine Arbeit, den Zustand der  Raumplanung und «Desakota» – über das urbanistische Phänomen der Stadtlandschaft. Das Interview ist ohne die ergänzenden Kommentare in der Zeitschrift „Komplex Nr. 6 2013“ erschienen.

Fotos: Herbert Zimmermann, Luzern

sta. Wir sitzen in der offenen Wohnküche des von Kees Christiaanse selbst (um)gebauten Holzhauses. Von hier aus geht er auf Wanderungen und Skitouren. Es gibt Tee und Früchte, draussen ist es grau, die Atmosphäre für ein Gespräch ist entspannt, die umgebende Landschaft braun-weiss gefleckt: Sie scheint parat für den Frühling.

Thomas Stadelmann: Hinter Ihnen hängen Landschaftsbilder an der Wand. Sie malen in Ihrer Freizeit?

Kees Christiaanse: «Das mache ich, um meinen Kopf leer zu bekommen. Jeden Tag sind es zwei oder drei Aquarelle im Postkartenformat. Dabei verwende ich absichtlich nur eine Technik und nur einen Pinsel.»

Die Aquarelle sind in Reih und Glied an die Wand gepinnt. Christiaanse verschenkt sie gerne an Freunde und Verwandte, wie er verrät – jedoch nicht an Journalisten. Trotz der privaten Umgebung nutzt mein Gegenüber die erste Gelegenheit, um von seiner Arbeit zu sprechen: präzis, gradlinig und schlüssig. Seine Gedankengänge scheinen einem sicher ausgelegten Pfad entlang von urbanistisch bedeutsamen Wegmarken dieser Welt zu folgen. Und dann: Unerwartet aber umso passender zu meiner zweiten Einstiegsfrage lichten sich über Feldis die Nebelbänke. In der Ferne sind Berggipfel zu sehen:

Denken Sie mit Blick auf die Berge auch über die Stadt nach?

«Natürlich. Dieser Ort besteht nicht nur aus Aussicht und Erholung. Er ist auch der beste Arbeitsplatz, den man sich vorstellen kann. Hier arbeite ich an Vorlesungen und Entwürfen.»

Welche Themen treiben Sie denn bei Ihrer Arbeit besonders an?

«Vor allem ein urbanistisches Phänomen, das wir in Holland ‹Desakota› nennen. Der Begriff stammt aus dem Indonesischen und steht für ‹Stadtland› oder ‹Landstadt›. Man muss sich vorstellen: Auf Java lebt über die Hälfte der Indonesier in einem Netz aus Städten, Dörfern und Landwirtschaft. ‹Desakota› sehe ich auch in der Schweiz. Die Täler im Graubünden oder das Mittelland sind urbanisierte Landschaften. Zu deren Wandel gehört der Rückgang der Landwirtschaft und eine veränderte, fein vernetzte Ökonomie. In Feldis waren die Menschen bis 1960 mehrheitlich Bergbauern, heute gibt es noch eine Handvoll. Gäste oder Ferienhausbesitzer, die hier arbeiten, bilden die Mehrheit. Zum Beispiel hilft eine Ex-Stewardess von Pan Am, die sich hier zur Ruhe gesetzt hat, beim Skiliftbetrieb, und ein holländischer Banker betreibt seine Geschäfte hier online. Diese neue Ökonomie hat sich nicht nur in den Städten und am Rand der Städte breit gemacht, sondern ebenso in den Bergen.»

Neben Feldis ist auch Zürich für Christiaanse zu einer Art Heimat geworden, wie er sagt. Zudem arbeitet er regelmässig in Singapur: Christiaanse ist ein Global Player des Städtebaus. Mich interessiert, wie dieses Leben funktioniert:

Sie leben und arbeiten hauptsächlich in Zürich und Singapur. Wie geht das?

«Zürich ist mein neues Zuhause, dort wohne und arbeite ich. Es erinnert mich an das frühere Amsterdam: eine kleine Stadt mit einem metropolitanen Kulturleben. Dann gibt es Singapur. Als Programmleiter des ‹Future Cities Laboratory› habe ich die Möglichkeit, in einem Moment eine aktive Rolle einzunehmen, da Asien sich zum global wichtigsten Wirtschaftsfaktor wandelt. Für mich als Holländer ist die Nähe Singapurs zu Indonesien zudem nicht nur historisch, sondern auch familiär von grosser Bedeutung. Mein Vater wurde in Indonesien geboren. Meine Arbeitszeit in Singapur widme ich hauptsächlich der intensiven Urbanisierung und Wirtschaftsentwicklung, die dort gerade stattfindet.»

Was interessiert Sie als Europäer in Asien am meisten?

«Der Unterschied zu Nordwesteuropa. Die Städte in Asien zählen zwischen 1 und 10 Millionen Einwohner und liegen 1000 Kilometer auseinander. In Europa sind es 100 000 bis eine Million Leute und 100 Kilometer Distanz. Hinzu kommt, dass mit dem Erfolg der Billigflieger in Asien das Flugzeug jene Entwicklungskraft erhält, die in Europa die Eisen- bahn einmal hatte. Als Forscher beschäftigen mich die Themen Stadt und Flughafen sowie die transnationalen Verbindungen zwischen den Städtenetzen. Zudem erforsche ich die Gemeinsamkeiten von kulturell, politisch und geografisch unterschiedlichen städtischen Räumen überall in der Welt. Aktuell untersuchen wir die Wirkung von mikroökonomischen Strukturen und städtebaulichen Typologien auf Nachbarschaften. Vergleichbare Phänomene lassen sich in Zürich, Schanghai, Singapur, London oder Berlin beobachten und auswerten. Städtische Vielfalt und Veränderungsprozesse sind dadurch messbar, und wir wissen, an welchen Schrauben Planer und Politiker drehen können, um die Dynamik in einem Stadtquartier zu verbessern.»

An unterschiedlichen Orten zu arbeiten, erlaubt es Christiaanse, sehr schnell und dennoch spezifisch auf einzelne Städte einzugehen. Seine Heimat Holland ist dabei prägend: Wer mit Christiaanse spricht, muss deshalb keine Fragen zu den Niederlanden vorbereiten. Seine Antworten führen früher oder später dorthin. Trotz Lehrstuhl in Zürich und dem Feriendomizil in Feldis hat sich Christiaanse zudem die Freiheit bewahrt, offen über seinen persönlichen Eindruck zum Zustand des hiesigen Alpenlands Auskunft zu geben. Also frage ich ihn nach seinem Schweizbild:

Kommen wir zurück in die Schweiz. Aus Ihrer Sicht sollen die Städte hier besonders schön, gut organisiert und vergleichsweise sicher sein. Was machen wir denn besser als zum Beispiel die Holländer?

«Die Schweiz handelt nicht besser, sie hat lediglich die bessere Ausgangslage. In Holland leben mehr als doppelt so viele Leute, das Land ist flach und die Dichte entspricht etwa dem schweizerischen Mittelland. Als traditioneller Zufluchtsort für Menschen aus aller Welt ist die holländische Gesellschaft konfliktanfälliger, die Raumplanung komplexer als anderswo, und Stadterweiterungen sind oft von heftigem politischen Widerstand begleitet. In der Schweiz ist die Raumordnung auf Konsens ausgerichtet. Ich glaube, das Verhältnis zwischen unberührter Natur und der Siedlung ist hier eigentlich sehr entspannt, weil über 800 Meter über Meer auf einer grossen Fläche kaum gewohnt wird. Zudem sind es in den Zentren von Zürich, Basel oder Genf jeweils nur 15 Minuten zu Fuss in die Natur. Eine unglaubliche Qualität! Mich erstaunt, dass die Schweiz davon spricht, wie schlimm und gefährlich die Zersiedlung geworden ist. Aus meiner Sicht befindet sich die Schweiz in einem raumplanerisch gut beherrschbaren Zustand.»

Und wo gilt es dennoch anzusetzen?

«Bei den Fehlern. So führt die bäuerlich geprägte Bodenpolitik dazu, dass der Umgang mit Land zum Beispiel in Zug oder Wollerau aufgrund einseitiger ökonomischer Interessen ‹texanisch› anmutet. Der Steuerfuss ist niedrig, was Leute anzieht, die Steuern sparen wollen, was wiederum einen Bauboom auslöst, der als Selbstverständlichkeit hingenommen wird. Die Raumplanung in der Schweiz kann also genauso schlecht funktionieren wie anderswo. Eine zweite Herausforderung ist das Aus- ufern der Gewerbeaktivität im schweizerischen Mittelland. Im Umgang mit der aktuellen Nachfrage hat die Schweiz keine Tradition. Jedoch verfügt sie über weit entwickelte Planungsinstrumente. Rotterdam könnte sich einen Richtplan wie im Kanton Zürich nur wünschen. Baugebiete und Nichtbaugebiete sind darin ebenso festgelegt wie die Forderung, bestehende Siedlungen nach innen zu verdichten. Auf diese Art und Weise mit Wachstum umzugehen ist vorbildlich.»

Wie wirkt sich das ‹Ja› zur Revision des Raumplanungsgesetzes aus?

«Aus meiner Sicht ist der Volksentscheid vom 3. März eine Bestätigung dafür, was vorher – zum Beispiel mit dem Raumkonzept Schweiz – bereits erarbeitet wurde. Ich glaube, die Bevölkerung ist sich nach der Zweitwohnungsinitiative und der Raumplanungsgesetz -Revision ihrer Aufgabe sehr bewusst. Man muss aufpassen, dass die Landschaft nicht überbaut wird. Bei der Umsetzung werden konsensbasierte Konzepte sehr wichtig sein, weil Gesetze und Vorschriften zu wenig flexibel sind.»

Das Wallis hat Christiaanse – politisch korrekt und belesen wie er ist – von seiner allgemeinen Einschätzung der schweizerischen Befindlichkeit in Sachen Raumentwicklung ausgenommen. Und er erwähnt, dass aus Sicht einer nachhaltigen Entwicklung sogar in Zürich Fehler begangen werden, etwa bei der Entwicklung von Grosssiedlungen in Glattbrugg oder Affoltern, die, so Christiaanse, hauptsächlich die Nachfrage im Massenwohnungsbau befriedigen würden. Trotzdem: Beim Zuhören schleicht sich heimlich das Gefühle an, dass wir in der schweizerischen Raumplanung über Luxusprobleme debattieren: Es wird landauf und landab fleissig geplant, investiert und gebaut; Instrumente wie das „RES“ (Raumentwicklungsstrategie) für Zürich sind im Vergleich mit anderen europäischen Städten vorbildlich. Keine Anzeichen also von härteren Zeiten, alles im Butter. Ich frage nach.

Können wir uns, trotz Fehler, weiterhin auf eine stabile urbanistische Schönwetterlage einstellen?

«Die Frage ist, ob die schweizerische Insel der Prosperität bestehen bleibt. Als Schönwetter-Urbanismus würde ich die Situation im Städtebau nicht bezeichnen. Wir werden kaum eine endlose Wachstumsphase erleben, die in eine ebensolche Urbanisierung führt. Dazu ist die Weltlage für Europa zu schwierig: Die Industrie droht allmählich wegzubrechen, wenn sie nicht modernisiert, sprich automatisiert, wird. Die Chancen der Schweiz liegen im technologischen Vorsprung, zudem unter anderem in der Produktion von sauberer und günstiger Energie. Die Gebäudetechnologie ist heute so weit entwickelt, dass in wenigen Jahren zu normalen Baupreisen sämtliche Gebäude zu Energieproduzenten umgerüstet werden könnten. Ich persönlich glaube zudem an den Mythos, dass alles, was du hast, in der Schweiz am sichersten ist.»

Besser kann man den USP der Schweiz nicht auf den Punkt bringen und in die Zukunft denken: Eine Schweiz als urbane Stadtlandschaft, gespickt mit qualitativ hochstehenden, sprich rentablen Immobilienobjekten, die technisch sehr hochwertig sind. Christiaanse präzisiert, dass mit diesem Szenario der Trend in Richtung Urbanisierung einhergeht: Menschen ziehen wieder vermehrt in die Stadt. Jedoch nicht, weil sie genug vom Landleben haben, sondern weil sie die Ökonomie der Stadt dorthin zieht: feine Netzwerke, kurze Wege, Beziehungsmöglichkeiten, die Nachfrage nach immer neuen Dienstleistungen. Zudem sei es in der Stadt sauberer geworden, die Luft noch besser, die Ausbildungsmöglichkeiten vielfältiger, die Dichte an Erlebnissen höher. Für Christiaanse passe die Beschreibung derartiger urbaner Verhältnisse in unserem Land nicht nur für städtische Zentren, sondern zunehmend für die ganze Stadtlandschaft Schweiz: Freitag sei ja auch nach Oerlikon gezogen. Wieso also nicht von einer urbanisierten Schweiz träumen, die als rentable, sichere und erholsame „Desakota“ für Menschen aus aller Welt funktioniert? Die Idee ist nicht neu.

Was kann das für die Zukunft bedeuten?

«Rem Koolhaas hat einmal einen Plan von Europa gemacht. Darauf sind die Alpen mit der Schweiz als Central Park dargestellt. Das Stadtland Schweiz wäre demnach aus der Sicht von Europa ein urbanisierter Landschaftspark, eine ‹Desakota› mit privilegierten Erholungs-, Arbeits- und Wohngebieten.»

Apropos Rem Kohlhaas: Christiaanse ist nicht nur Professor für Städtebau, der Phänomene der Stadt erforscht und vermittelt. Als Architekt ist er im Büro von Rem Koolhaas gross geworden. Als Masterplaner realisiert er heute, was er dabei gelernt und erfahren hat. Die eigenen Büros sind in Amsterdam, Zürich und Shanghai stationiert.

Sprechen wir über Ihre Arbeit als Masterplaner. Wie bringen Sie die Anforderungen an Planungen und Ihre fachliche Offenheit mit den menschlichen Bedürfnissen nach Ordnung und Orientierung zusammen?

«Mit Erfahrung und einer eigenen Herangehensweise. Anders als die traditionelle Stadtplanung sichern wir zuerst die räumliche und bauliche Substanz, von der wir meinen, dass sie nicht berührt werden darf. Was dann übrig bleibt, überführen wir schrittweise in eine vernünftige Raum- und Baustruktur. Diese Strategie ist sehr effektiv, und der Masterplan hat sich als Instrument bewährt. Architekten können am besten damit umgehen, weil ein guter Städtebauer ein Ex-Architekt ist. Anders als ein Architekt, der sich für sein schönes Objekt interessiert, setze ich als Masterplaner den kollektiven Mangel an Geschmack so um, dass etwas Schönes daraus entsteht. Dabei nehmen wir in unserem Büro raumplanerische Themen aus den Sozial- und Ingenieurwissenschaften in unsere Arbeit auf. Wir sind deshalb keine Soziologen, haben aber ein Wissen über die Stadtsoziologie. Ein Masterplan ist zu 50 Prozent ein städtebaulicher Entwurf und zu 50 Prozent Prozessentwicklung. Derjenige, der einen Masterplan macht, muss demzufolge Prozesse moderieren können.»

Als Moderator haben Sie eine starke Position und die Macht des Planers.

«Die Position des Planers und Moderators ist eine Machtposition, die manchmal in die Ohnmacht führt.“

Und wieder kennt Christiaanse ein Zitat von „Kollege“ Rem Koolhaas: „Die Position des Architekten bewegt sich zwischen Omnipotenz und Impotenz“. Und weiter:

„Als Masterplaner bin ich nur einer von mehreren Akteuren und deshalb nie alleine wirksam. Wer dies verstanden hat, weiss eher, wo eine Weiche erfolgreich zu stellen ist, damit eine gewünschte Wirkung erreicht wird. Wer denkt, er könne alles kontrollieren, wird hoffnungslos scheitern. Die Macht des Masterplaners oder des Masterplans liegt in der Möglichkeit, den Prozess der Raum- und Bauentwicklung zu moderieren. In dieser Rolle bin ich die Vertrauensperson der Öffentlichkeit und nicht des Stadtpräsidenten, des Investors oder des Gestalters.»

Und woran messen Sie in dieser Rolle Ihren Erfolg?

«An den realisierten Projekten. Für mich war immer entscheidend, Projekte zu implementieren und so lange wie möglich am Prozess hängen zu bleiben, auch wenn das oft schwierig und manchmal sogar frustrierend ist. Die Bauaufträge und Honorare gehen ja dann letztlich an die Architekten. So gesehen ist die Disziplin Städtebau zu Unrecht schlecht bezahlt und die rechtliche Position als Autor eines Masterplans leider oft sehr schwach.»

Ich habe extra nachgefragt, ob ich über die schlechte Bezahlung im Städtebau schreiben darf: „Natürlich“, so Christiaanse, der schon über zehn Jahre bei der Entwicklung der Hafencity in Hamburg mit dabei ist. Beim Masterplan für die Europaallee sei die Bezahlung allerdings in Ordnung gewesen.

Wie beurteilen Sie das Resultat an der Europaallee in Zürich?

«Ich bin zu 100 Prozent überzeugt,  dass  die Europaallee als Quartier und Ergänzung zum Stadtzentrum funktionieren wird. Für unseren Masterplan ist typisch, dass die Qualität und die Ausgestaltung der Übergänge zwischen Öffentlich und Privat stimmen. Der Raum muss dazu sehr gut strukturiert und die Zwischenräume so organisiert sein, dass die Menschen sie sich aneignen und Aktivitäten entfalten. Wenn die Erdgeschosse im Übergang zwischen Öffentlich, Halböffentlich und Privat stimmen, ist dies ein positiver Indikator für das ganze Stadtquartier.»

Natürlich interessiere ich mich für seine bisher besten Arbeiten: Christiaanse empfiehlt mir, seine ECO-Siedlung in Amsterdam anzuschauen, die dortige Qualität und Ausgestaltung der Übergänge zwischen Privat und Öffentlich, die Struktur und Anordnung der Baufelder. Christiaanse ist dann besonders stolz auf seine Entwürfe, wenn die Erdgeschosse gut funktionieren. Aktuell ist er vor allem mit dem TGV-Quartier in Montpellier beschäftigt. Und in der Schweiz? Sein Ferienhaus in Feldis ist bisher sein einziges Bauwerk als Architekt. Wie ist das möglich? Für Christiaanse sind Masterpläne sein Hauptberuf und die Architektur „ein Hobby“, wie er sagt. Dass sein Zürcher Büro mit Wettbewerbsbeiträgen in der Schweiz (z.B. für Würth in Rorschach) bisher erfolglos war, sieht der Architekt dennoch selbstkritisch. Zuwenig ökonomisch effizient, zuwenig programmtreu und gegenüber der Schweizer Konkurrenz in der Gestaltung zu romantisch-plastisch, seien die Entwürfe bisher wohl gewesen. Oder liegt es einfach daran, dass für den an „Amerika orientierten“ Städtebauer in der Schweiz zu wenig Hochhäuser gebaut werden?

Wir haben bis jetzt noch gar nicht über Hochhäuser gesprochen.

«Für mich sind Hochhäuser nichts Besonderes, sie sind normal. Was damit zu tun hat, dass ich im Office of Metropolitan Architecture (OMA) aufgewachsen bin und mich eher an Amerika orientiere. In der Schweiz wundert mich die Aufregung über Hochhäuser immer wieder. Der Prime Tower in Zürich ist mit seinen 126 Metern doch nur ungefähr ein Viertel so hoch wie der Uetliberg! Andererseits zeigt man sich gegenüber höheren Bauten dann doch offen, sonst gäbe es die neuen Hochhäuser in Zug und auf der Luzerner Allmend nicht.»

In Luzern sind sie architektonisch jedoch zu kurz geraten.

«Stimmt. Es ist oft so, dass die Höhe letztlich einen politischen Konsens darstellt. Bei der Europaallee waren am Anfang Höhen bis zu hundert 100 Metern geplant, der Kompromiss lag letztlich bei 40 bis 60 Metern. Die Herausforderung von Hochhäusern ist jedoch die Art und Weise, wie sie auf den Boden treffen. Mischnutzungen in den Sockeln sind wichtig – und Schlankheit. Zudem sind Hochhäuser städtebauliche Zeichen und dienen der Orientierung, so wie auf meinem Weg nach Feldis die beiden neuen Hochhäuser in Chur: Die finde ich ganz ok».

Biografie

Prof. Kees Christiaanse (60) studierte Architektur und Stadtplanung an der TU Delft. Bis 1989 arbeitete er für das OMA in Rotterdam, 1983 wurde er dort Partner. Fünf Jahre später gründete er das Büro Kees Christiaanse Architects & Planners mit Sitz in Rotterdam, Shanghai und Zürich. 1996 bis 2003 lehrte er an der TU Berlin, seit 2003 ist er Professor an der ETH Zürich. 2009 war Christiaanse Kurator der Internationalen Architektur Biennale Rotterdam. Seit 2011 vertritt er die ETH als Programmleiter des Future Cities Laboratory in Singapur. Neben seiner Arbeit als Architekt gilt sein Fokus urbanen Prozessen in komplexen städtebaulichen Situationen. Beispiele sind die Hafenrevitalisierung Pakhuizen Oostelijke Handelskade, das Raumplanungskonzept Flughafen Schiphol in Amsterdam, der Masterplan HafenCity in Hamburg, die Nachnutzung des Olympischen Dorfes 2012 in London und der Masterplan für die Europaallee in Zürich. www.kcap.eu.

Feldis, 9. März 2013

Winy Maas über die unternehmerische Stadt

Was macht die Identität, das Wesen einer Stadt aus? Das Büro für Stadtfragen hat dazu Winny Maas befragt. Der Holländer ist Mitgründer der Rotterdamer Architekten MVRDV. Das Interview ist 2012 im Buch «Stadtidentität der Zukunft» erschienen (M.L. Hilber, G. Datko (Hrsg.): Stadtidentität der Zukunft. Wie uns Städte glücklich machen, Berlin, 2012).

Bilder: Büro für Stadtfragen, Barcelona 2009

Thomas Stadelmann (sta): Was wir bei Menschen allgemein unter «Identität» verstehen, handelt von der Wahrnehmung des eigenen Wesens. Verrätst du uns mit einem Bild, wie du hier und jetzt aussehen würdest, wenn du ein Haus wärst?

Winny Maas: Wie ein holländischer Wohnwagen: klein, kompakt, mobil und nur mit dem Notwendigsten ausgestattet.

Die räumliche Identität einer Region, einer Stadt oder eines Ortes handelt ebenfalls von Wesentlichem. In welcher Form existiert die «Identität einer Stadt», über die wir hier sprechen wollen?

Das Wesen der Stadt ist ein unglaubliches Wort. Wir Architekten suchen danach, weil es den Kern der urbanistischen Identitätsfrage trifft: Worin besteht die Eigenartigkeit, der Charakter, die Substanz eines Ortes, einer Aufgabe? Mögliche Antworten suchen und finden wir mithilfe von Untersuchungen und Experimenten. Für mich steht fest, dass das, was wir unter Stadt verstehen und antreffen, heute ein anderes Wesen hat als vor hundert Jahren. Städte denken und handeln unternehmerischer, wollen sich unterscheiden und engagieren deshalb Büros wie MVRDV, um ihr Wesen als «Stadt.inc» zu identifizieren, in die Zukunft zu denken und zu vermarkten. Bei der Herangehensweise fallen mir drei Ähnlichkeiten auf: Städte haben durch ihre Bedeutung, Wahrnehmung und Wirkung heute eine Zentrumsfunktion, die das eigene Hoheitsgebiet weit überragt, und sie verstehen sich meistens als Einstiegsportal für das Hinterland. Zudem gibt sich beinahe heute jede Stadt grün.

Trotz dieser Ähnlichkeiten: Um zu Wesentlichen einer Stadt vorzudringen, besteht die wichtigste Aufgabe darin, jene Verschiedenheiten zu untersuchen und zu gewichten, die eine Identität letztlich ausmachen.

Stadtidentität ist demnach eine gedankliche Abstraktion, ein Wunschbild von Stadt, dass politisch-planerisch, baulich und durch Kommunikation mobilisiert wird?

«Abstraktion», «Wunschbild»: beides sind passende Worte. Der eigentliche Motor in einem Identitätsprozess ist jedoch die Hypothese zur Wirkung einer inhaltlich-räumlichen Spezialisierung. Sie geht davon aus, dass ein Raum erst dann konkurrenzfähig ist, wenn er sein eigenes Wesen, kennt, eigene Standpunkte vertritt und dadurch Spezialitäten für das Wohnen und Arbeiten, für Industrie und Gewerbe oder für die Kultur anbieten kann. Die Abstraktion in der Analyse und im Entwurf von Stadt ist also nur das Mittel, um entsprechende Wunschbilder, Planungen, Projekte und Aktivitäten zu definieren. Wie wahr und richtig der Ansatz der Spezialisierung bzw. der Differenzierung in der Stadtentwicklung ist, gilt es in jedem Fall einzeln zu beobachten und in der Theorie kritisch zu untersuchen (Anm: Winy Maas verweist auf die Arbeit von Saskia Sassen).

Die Globalisierung hat dazu beigetragen, dass traditionelle Bild- und Raumkonzepte für die Arbeit an der Stadt in Frage gestellt werden. MVRDV ist gerade deshalb zu einem weltweit in der Architektur- und Stadtproduktion tätigen Büro geworden. Kannst du das erklären?

Die Frage lautet: Warum braucht man in China ein holländisches Büro wie MVRDV? Meine Antwort lautet: für zwei Dinge. Erstens, um vor Ort mithilfe einer Aussenperspektive darüber reden zu können, was an einer Stadt, an einer Aufgabe in Peking, Melbourne, Bordeaux oder Zürich speziell ist. Wie bereits gesagt, geht es dabei um die Positionierung im Konkurrenzkampf zwischen Standorten. Zweitens ist das Phänomen weit verbreitet, dass Städte und Standorte weltweit anerkannte Kunst- und Kulturgüter und damit auch Städtebau und Architektur sammeln. So wollen Stadtoberhäupter in ihrer Kollektion nicht nur einen Picasso haben, sondern zudem vielleicht noch ein Gebäude von Zaha Hadid. MVRDV ist nicht aufgrund der Ähnlichkeit und Erkennbarkeit einzelner Gebäude zu einem weltweiten Sammlungsobjekt geworden. Im Rahmen der urbanistischen Globalisierung haben wird uns durch die Kombination von Architektur- und Identitätsproduktion eine spezielle Rolle und spezielle Marktchancen erarbeitet. Dass wir weltweit angefragt werden, wenn es darum geht, die Zukunft einer Stadt zu definieren, hat auch damit zu tun, dass Städte offener geworden sind, weil sie gleichzeitig in verschiedenen Betrachtungsräumen denken und handeln müssen. Das gilt auch für die Schweiz: Zur Identität von Basel gehört ebenso die traditionelle Fasnacht, die Entwicklung als Metropolitanraum, der Auftritt der Stadtregion und als Standort der globalen pharmazeutischen Industrie. Gewiss hatten viele Städte diese unterschiedlichen Rollen schon früher. Mit der Globalisierung und dem zunehmenden Wettbewerb um Märkte und um Aufmerksamkeit hat sich jedoch das Bewusststein für die Bedeutung und die Struktur dieser Rollen deutlich verstärkt.

…und damit die Konkurrenz untereinander. Geht es bei der Stadtplanung und beim Entwurf von Architektur deshalb weniger um Funktionen und mehr um die Darstellung von Marktvorteilen und Reputation?

Nein, aber die Konkurrenz ist immer der Motor für räumliche Veränderungen. Ohne Konkurrenz gibt es die Furcht nicht, zu spät zu sein. Sie sorgt deshalb für einen gewissen Druck, für Neugier, eine gewisse Beschleunigung im Denken und Handeln und dafür, dass neue Ideen die notwendige Anziehungskraft erhalten. Erst dann können unternehmerisch denkende Städte und Standorte produktiv werden. Und für uns und unsere Auftraggeber werden städtebauliche und architektonische Themen und Aufgaben ebenfalls zu Unternehmen. Unter dem Primat der Konkurrenz ist Stadtplanung gewissermassen als Stadtproduktion zu verstehen.

Rem Koolhaas Ende hatte Ende der 1990er Jahre die Aufgabe, der sich die Architektur mit der Dominanz der Weltökonomie stellen muss, als «manufacturing identities» bezeichnet und den Zeitgeist mit dem Claim Y€$ auf den Punkt gebracht. Heute befindet sich das globale Finanzsystem in der Krise. Steckt das Konzept der Identitätsproduktion durch global tätige Architekten ebenfalls in der Krise?

Ich bin mir nicht sicher, ob die Weltökonomie in der Krise steckt. Für mich persönlich ist der Prozess der wirtschaftlichen Globalisierung nicht zu Ende. Zudem bedaure ich, dass aktuelle Analysen und Vergleiche etwa mit der Krise in den 1920er Jahre oft Angstmacherei sind und nicht den Versuch unternehmen, über die Zukunft nachzudenken. Aus meiner Sicht droht Europa nicht zu implodieren, die europäische Krise führt nicht zu einer De-Globalisierung, Ich denke eher, dass die gegenwärtigen Veränderungen der Globalisierung noch mehr Aufwind verleihen. Wenn ich selbst erlebe, wie Banken z.B. in Südamerika aktuell mehr Land kaufen als zuvor, dass Regierungen in Afrika mehr investieren als noch vor kurzer Zeit, schliesse ich daraus, dass an neuen Orten, neue Chancen und Wege gesucht werden, um Siedlungsgebieten eine zukunftsfähige Identität zu geben. Rem Koolhaas’s urbanistisches Programm «manufacturing identities» ist deshalb aus meiner Sicht immer noch gültig – und es ist der falsche Zeitpunkt, um eine Wende herbeizureden.

Vor zehn Jahren standen für MVRDV die Themen «Mobilität», «Verdichtung» und «Vernetzung» von realen und virtuellen Welten im Vordergrund; futuristische Projekte wie die Einmillionenstadt «MIXMAX»; räumliche Visualisierungen von Mediengalaxien, Datensätzen und Diagrammen zur Zukunft der Stadt. Was hat sich an deiner Arbeit seither verändert?

Augenfällig ist, dass sich durch die ökologische Bewegung das Ausmass der Datenerhebung erweitert hat und uns in unserer eigenen Arbeit zusätzliche Daten zur Verfügung stehen. Heute können wir messen, welches die grünste Stadt Europas ist. Die grössere Nachfrage nach Daten vor allem in Europa ist ein Indiz dafür, dass die Konkurrenz unter dichten, wirtschaftlich prosperierenden Gebieten grösser geworden ist. Damit ist auch die Nachfrage nach einem möglichst sicheren Gefühl bei der Positionierung und dem Entscheid für oder gegen Zukunftsprojekte gestiegen. Monitoring in raumrelevanten Fragen ist in den letzten zehn Jahren zum Normalfall geworden. Zudem haben wir die Art und Weise, wie wir aus Daten räumlich relevante Kriterien ableiten können, in den letzten Jahren deutlich verbessert. So misst und vergleicht heute der ökologische Fussabdruck das, was wir bereits vor zehn Jahren als Architekten visualisiert haben.

Im direkten Umfeld unserer Arbeit ist zudem die nächste Generation von Architektinnen und Architekten herangewachsen. Sie ist weniger an den grossen Perspektiven, Visionen und Projekten wie «Meta City Datatown» interessiert. Irritiert durch die Macht der Medien, den Kult um weltweit tätige Stararchitekten konzentriert sich ein beträchtlicher Teil dieser Generation reaktionär auf lokale Aufgaben und hat dazu eine klare Botschaft: „Lass uns auf dem Boden der Realität arbeiten“. Aus meiner Sicht ist es deshalb eine aktuelle Aufgabe im Städtebau und in der Architektur, gleichzeitig mit gegenläufigen Tendenzen argumentieren zu können.

Würden die Zukunftsszenarien zur Schweiz, die MVRDV 2003 an die Publikation «Stadtland Schweiz» (Avenir Suisse, 2003) beigetragen hat, deshalb heute anders ausfallen?

Das ist eine gute Frage, weil ich die Arbeit in meinen Präsentationen immer noch als gutes Beispiel für den urbanistischen Umgang mit Daten zeige. Interessant ist, zu sehen, welche Reaktionen unsere Provokationen von damals in der Diskussion zur Zukunft der Schweiz ausgelöst haben. Eine davon ist in der Arbeit ablesbar, die das Studio Basel um Jacques Herzog, Pierre de Meuron und Marcel Meili seither geleistet hat. Unsere Zukunftsszenarien haben bestimmt mitgeholfen, räumlich auf eine neue Art und Weise über die Schweiz zu debattieren. Aus heutiger Sicht könnte ich mir für die Schweiz zusätzliche zu den bereits 2003 formulierten Thesen denken und entsprechende Projekte präziser visualisieren.


«Kommunikation ist der einzige Weg, um Städtebau und Architektur zu betreiben» ist ein Satz von dir. Im Zusammenhang mit der Identitätsdiskussion im Städtebau und in der Architektur kennen wir weitere Schlüsselbegriffe. Was fällt dir zu «Branding» als Kommunikationsprozess ein?

Branding ist zunächst ein gefährliches Wort, das bei vielen Berufskolleginnen und -kollegen negative Gefühle auslöst. Ich verbinde damit zuerst Werbeleute in schwarzen Anzügen und schlimmen Hemden, die grosse Worte ohne Inhalt machen. Im Städtebau wird Branding deshalb dann gefährlich, wenn Architekten ihre Konzepte mit einem einzigen Schlagwort zu erklären versuchen. Branding erhält sogar demagogische Züge, wenn damit Inhalte verkürzt oder unterdrückt, polarisiert und letztlich popularisiert werden. Branding als Kommunikationsprozess kann dann Realitäten verhüllen und wesentlichen Inhalten im Städtebau und in der Architektur widersprechen. Branding ist als Technik aus meiner Sicht ein Gewinn, wenn sie eingesetzt wird, um gemeinsame Standpunkte zu klären, zu vermitteln und räumlich umzusetzen. Dies gilt vor allem für die Erneuerung von öffentlichen Räumen in einer Zeit, in der wir als mobile Menschen unsere eigene Realität immer stärker und gleichzeitig individuell und räumlich zersplittert erleben.

Branding ist als baukultureller, sozialer und ökonomischer Identitätsbildungsprozess sehr sinnvoll, wenn gemeinschaftliche Zwecke fachlich wie emotional zugänglich gemacht und realisiert werden können. Im Städtebau und in der Architektur kann ein professionelles Branding daran gemessen werden, ob und in welchem Ausmass Planungen und Projekte eine höhere Qualität erhalten, d.h. für einen Ort authentisch sind und bessere Chancen für die Umsetzung erhalten.

Weil die Werbung mit austauschbaren Bildern arbeitet, haben Architekten in Brandingprozessen eine wichtige Aufgabe. Nur der Städtebau und die Architektur können räumlich zeigen, wie eine Stadt aussieht oder aussehen könnte, wenn man einer Hypothese, einer Botschaft bzw. einem Branding folgt.

Authentizität ist ein weiteres Zauberwort in der Identitätsdiskussion. Wie authentisch, d.h. auf ein Unternehmensziel, auf gemeinschaftliche Ziele oder auf sich selbst bezogen kann Städtebau und Architektur überhaupt sein, ohne autistisch, d.h. kommunikativ in sich selbst eingeschlossen zu werden?

Ich verstehe gut, dass von Projekten, die den Menschen Orientierung und Sicherheit in einer prinzipiell chaotischen Welt geben sollen, gefordert wird, dass die städtebaulichen und architektonischen Inhalte stimmig auf einen Ort, einen Zeitpunkt bzw. auf die Interessen und Wünsche von Zielgruppen abgestimmt sind, sprich: authentisch sind. Gleichzeitig ist Authentizität ein schwieriger Anspruch, weil sich die Wahrnehmung von Echtheit und Glaubwürdigkeit schnell und kontinuierlich verändert. Authentizität kann ich deshalb weniger als Qualitätsmerkmal eines Produkts oder eines Projekts beschreiben, sondern eher als Fähigkeit und Funktion von Personen oder Gruppen, sich mit der nötigen Geschwindigkeit auf Veränderungen in der eigenen Umwelt einzulassen. Ein authentisches Projekt oder Produkt bietet in diesem Sinn eine Art Hilfestellung für Menschen an, Veränderung in einer Mischung von Widerstand und dem absoluten Gefühl, Teil des Neuen zu sein, erleben zu können.

«Freitag» ist für mich z.B. eine sehr authentische Marke. Sie hat ein eigentliche «Freitag-Generation» geprägt, an die wir bei unserer Planung auf dem Basler Dreispitz-Areal gedacht haben. In Seoul wurden wir beauftragt, das Erscheinungsbild unseres Hochhausprojekts an die künftige Generation anpassen, d.h. authentischer zu gestalten. Grund? Unser Kunde hatte Bedenken, dass der architektonische «Wolkenbügel» die Bedeutung des Ortes derart steigern könnte, dass die Preise für die Freitag-Generation zu hoch ausfallen würden und deshalb zu viele zwar vermögende, jedoch ältere Leute einziehen.

Autistisch, d.h. in der Kommunikation mit der Umwelt gestört, sind Eingriffe in die Stadt dann, wenn Konzepte und Bauten mehr und lauter über den Entwerfenden sprechen als über die Stadt, ihre Zukunft, ihr Programm und die vielfältigen Wünsche der Bewohnerinnen und Bewohner.

Das Hochhaus als «Wolkenbügel» ist ein starkes Bild. Bei MVRDV tragen andere Projekte Namen wie «pig city», «mountain book» oder «city sofa». Welche Rolle spielen sprachliche und räumliche Bilder in der Produktion von Stadtidentität?

Eine zentrale Rolle. Als Architekt interessiert mich die Herausforderung, mehr als das nutzungsneutrale, architektonisch und städtebaulich integrierte Gebäude zu machen. MVRDV entwirft und produziert städtebauliche Konzepte und Gebäude, die innovative Bilder für die Neuinterpretation einer Stadt anbieten. Unsere Architektur kann dadurch ikonisch für das Neue, vielleicht für das Zauberhafte oder sogar für ein Weltwunder stehen. Uns ist es recht, wenn Bilder dazu verwendet werden. Selbstverständlich kenne ich die Bedenken, dass mittels Architektur stilisierte Zukunftsbilder eine zeitlich und inhaltlich beschränkte Wirkung und Legitimation besitzen. Uns beschäftigt die Frage sehr, mit welcher Botschaft, mit welcher Architektur wir es schaffen, unmittelbar und nachhaltig Wirkung zu erreichen. In diesem Spannungsfeld verfügt die Architektur über ein fantastisches und zeitgemässes Thema. Unser Ziel sind Bauten und Projekte, die beispielhaft einen Beitrag an die kritische Diskussion um Urbanität und Architektur ermöglichen. Dazu wünsche ich mir als Gegenüber wieder die entsprechenden Architekturkritiker in der NZZ oder in der New York Times. Ich meine, dass der Spagat zwischen dem inhaltlich zugespitzten Temporären und dem langfristig Gesicherten und Nutzungsneutralen einer Stadt oder einer Architektur ein grundlegendes Thema unserer Zeit darstellt, das mehr Öffentlichkeit verdient.

Stadtidentitäten gibt es so viele wie Stadtwahrnehmungen und Menschen. Entsprechende Konzepte sind jedoch oft für eine gewisse Zielgruppe und temporär gültig. Welchen Stellenwert hat die temporäre Stadt für die Diskussion über Identität?

Die temporäre Stadt ist heute eigentlich kein Thema. Es wird viel und intensiv über zeitgenössische Architektur, über den urbanistischen Zeitgeist und darüber, wie die Zukunft der Stadt aussehen soll, geredet. Während Bauten vielerorts für die Ewigkeit gebaut werden, können wir im Städtebau ebenso wie in der Wirtschaft nicht über die nächsten 100 Jahre reden, sondern im besten Fall über die nächsten 20 bis 30 Jahre. Das Spielfeld in unserer Arbeit ist deshalb durch die Kombination von Zeitgeist und naher Zukunft definiert. Städtebau und Architektur schlagen die Brücke zwischen heute und morgen. Aktuell ist die entsprechende Nachfrage nach der Restrukturierung bestehender Siedlungsgebiete in Europa enorm. Vielleicht erleben wir in den kommenden Jahren deshalb den letzten Versuch, das erfolgreiche europäische Modell der Kleinstadt mit 500’000 bis zu einer Million Menschen weltweit zu verwirklichen.


Kommen wir zu einzelnen Beispielen aus der Praxis. Welche würdest du in einer Vorlesung zum Thema «Identität im Städtebau und in der Architektur» erwähnen?

Ich würde niemals eine Vorlesung zu diesem Thema halten. Aber ich kann Beispiele aus unserer Praxis nennen, die von Stadtidentität handeln. Momentan bereiten wir im Auftrag der EU einen städtebaulichen Projekt- und Kriterienkatalog vor, der darüber Auskunft geben soll, wie sich das künftige Europa im Vergleich zu China, Asien oder Amerika profilieren kann. Themen wie Kleinmassstäblichkeit, Durchmischung, Vielfalt, Verdichtung und Identität werden darin eine Rolle spielen. Vielleicht werden wir vorschlagen, Strassen wieder sechs, statt 40 Meter breit zu bauen. Zudem werden wir das Konzept der «Spiegelstadt» thematisieren; Kriterien und städtebauliche Ansätze für spezielle Orte in Europa, die im Gegensatz zum erwähnten Modell der Kleinstadt stehen: uneuropäisch fremd in der Gestalt, grossmassstäblich und besonders liberal in der Gesetzgebung. Es gehört zur Methode unserer Arbeit, Stadtidentität in Gegensätzen zu denken und zu realisieren – auch wenn es um die räumliche Zukunft von Europa geht.

Ein holländisches Beispiel, das du gut kennst, ist die Retortenstadt Almere ausserhalb von Amsterdam. Sie hat sich vor Jahren mit grossem Aufwand als Pionierstadt positioniert.

Almere ist in den 1960er und 1970er Jahren für die ärmere Bevölkerung Amsterdams gebaut worden. Die Freitag-Generation, die nach Berlin zieht, trifft man dort nicht an: Die Stadt ist langweilig, sozialräumlich problematisch, die Preise sind tief. Das Wesen von Almere ist das Pioniergefühl. Das über Jahre aufgebaute Label «Pionierstadt» ist zugleich die einzige Zukunftschance geblieben. Hinsichtlich der vorhandenen städtebaulichen Vielfalt und der Standortqualität ist Almere für mich nicht interessant. Trotzdem veranschaulicht die Stadt gut, was Stadtidentität bedeuten kann. Zudem ist der Ort ein gutes Beispiel für die Zusammenarbeit von Soziologen, Politikern und Investoren, wenn es die dort noch gibt. Wie lange Almere das über Jahre aufgebaute Image der Pionierstadt noch weitertragen kann, ist eine interessante Frage. Wir haben dort Projekte vorgeschlagen, die das Pioniergefühl und die Freiheit der Einwohner/innen weiterentwickeln. Im Sinn eines organischen Städtebaus sollen die Menschen in Almere künftig nicht nur ihre Wohnungen selbst einrichten und gestalten können, sondern auch ihre Strassen und Wege in der Stadt, ihre Wasserlandschaft und vielleicht sogar ihre eigene Energieversorgung.

Welche Städte beschäftigen dich gegenwärtig am meisten?

Die Stadt Bordeaux. Hintergrund ist das politische Ziel der Stadt, sich gegenüber der Hauptstadt, nur zwei Bahnstunden von Paris entfernt, als Wohnstadt neu zu positionieren. Das Ziel unserer Arbeit ist ein Prototyp für eine zeitgemässe, konkurrenzfähige, südeuropäische Wohnstadt für den Mittelstand. In Oslo zeigen wir auf, welche städtebaulichen Antworten aktuelle Formen der sozioökonomischen Reurbanisierung erfordern. Oslo wird in den nächsten zwanzig Jahren zur reichsten Stadt Europas. Ein gutes Beispiel für eine Stadt, welche die Freitag-Generation durch gezielte Erneuerungen erreicht hat, ist Kopenhagen.

In der Schweiz finde ich Basel interessant, eine Stadt mit grosser Ausstrahlung, die ähnlich wie Rotterdam und Amsterdam, die Polarität zu Zürich braucht, um sich mit eigenen Standpunkten zu profilieren. Basel zeigt, dass sie als Stadt urbanistisch offener und experimenteller sein will als die Konkurrenz in Zürich. Ich weiss nicht so recht, was ich über Lausanne und Genf denken soll. Wichtig ist zu verstehen, dass wir als mobile und neugierige Einwohnerinnen und Einwohner von Europa – ich als Rotterdamer – heute für unsere Bedürfnisse grössere Gebiete als nur eine einzige Stadt brauche, um das Gefühl zu haben, ein Teil der Welt zu sein. Seinen eigenen Grossraum zu spüren, heisst, für ein Freizeiterlebnis nicht nach Nevada abreisen zu müssen. Ich bin überzeugt, dass eine Mehrzahl der Leute in Europa solche Gefühle und Bedürfnisse hat. Wir leisten unseren Beitrag, in dem wir diese einmalige Situation an einzelnen Orten in Europa räumlich definieren. Aus dieser Perspektive erhalten auch lokale Entwicklungen und Projekte in kleinen Städten, in der Bourgonne, im Engadin oder in der UNESCO Biosphäre Entlebuch eine andere Bedeutung und neue Chancen, wenn es darum geht, ihre eigene Identität in die Zukunft zu denken.


Kommen wir zurück zu Winy Maas. Bist du nun mehr Stadtentwickler oder mehr Architekt?

Das habe ich mir heute im Flugzeug überlegt. Ich liebe das Bauen, besonders Projekte wie das «unglückliche Haus», das wir für den in London lebenden Philosophen Alain de Botton gebaut haben. Das Haus schwebt und stellt die Frage, was wichtiger ist, das Wohnen, oder ein Haus, dass den kleinsten ökologischen Abdruck aufweist und den Hasen und Frösche nicht im Weg steht. Mir gefällt auch die landschaftliche Idee, die darin eingeschlossen ist. Städtebau und Architektur: Das eine geht nicht ohne das andere. Besonders wichtig ist mir, dass über Städtebau nicht nur geredet, sondern dass er gezeigt wird. Wir bei MVRDV bauen, worüber wir reden.

Gilt das auch für den holländischen Wohnwagen, als den du gerade in der Schweiz unterwegs bist?

Natürlich nicht. Ich habe in der Schweiz bereits ein eigenes Haus. Der Wohnwagen, den ich als Bild für meine aktuelle Identität eingangs genannt habe, sieht sowieso eher wie ein Sessel in der Businessklasse eines Flugzeugs aus. Und gerade jetzt ist der Tisch, an dem wir sitzen, so etwas wie ein Zuhause. Für mich liegt das Einmalige unseres Zeitalters darin, das wir überall und jederzeit die Freiheit haben, uns ein eigenes Zuhause einzurichten.

Heisst das, dass MVRDV in absehbarer Zeit in der Schweiz bauen wird?

Nein, obwohl wir in Basel und Zürich Wettbewerbe gewonnen haben und ich zeitweise in der Schweiz wohne. In Basel arbeiten wir an einer länderübergreifenden Planung weiter. Enttäuscht bin ich, dass es in Zürich Leutschenbach mit dem Projekt für die SRG nicht weitergegangen ist. Ich vermute, ein Grund, wieso wir in der Schweiz bisher nicht gebaut haben, ist der, dass die Schweiz sich gleichzeitig politisch offen zeigt, jedoch im Städtebau und in der Architektur aus europäischer Sicht letztlich doch zuerst introvertiert denkt und handelt.

Stadtidentitaet der Zukunft, Beispielseiten

In Luzern vom Mittelmeer träumen

Die Überbauung Citybay in Luzern überrascht mit einem grünen Innenhof. Die Citybay ist ein Gemeinschaftswerk der Lussi+Halter Architekten und Koepflipartner, Landschaftsarchitekten aus Luzern. Der folgende Artikel ist in der Sonntagszeitung vom 27. November 2011 erschienen.

Fotos: Fotosolar Luzern / Ralph Bensberg

(sta) Unter dem KKL-Dach am Europaplatz in Luzern hat Jean Nouvel drei Häuser zu einem städtebaulichen Ensemble zusammengefügt. Ein ähnlicher Entwurfsansatz ist vor Kurzem einige hundert Meter vom KKL entfernt realisiert worden, hier allerdings ohne verbindendes Dach: Die drei Bauten der Überbauung «Citybay» beim Güterareal, in direkter Nachbarschaft zum Hotel Radisson und zur Schiffswerft, bilden ein offeneres Ensemble als das KKL. «Living», «Residence» und «Business» heissen die Gebäude selbsterklärend. «Citybay» – das bedeutet also mehr oder weniger luxuriöses Wohnen, zentrumsnahes Arbeiten und grosszügige Gewerberäume in der zweiten Reihe am Ufer des Vierwaldstättersees.

Die Architektur, die aussen hauptsächlich mit Betonelementen und der Farbpalette Beige, Ocker und Graubraun spielt, ringt dem städtebaulich anspruchsvollen Ort eine wenig spezifische neue Identität ab. Dazu flirten die Bauten der Lussi+Halter Architekten zu direkt mit Referenzen, wie sie von Orten wie dem Sulzer Areal in Winterthur oder von verdichteten Vorstädten der Schweiz mittlerweile gut bekannt sind. Es sind deshalb vor allem die Fussdistanz zum KKL, zum See, zum Bahnhof und zur Altstadt, es sind die Luzerner Preise und die Aussicht auf Aussicht, die das mittlere Gebäude der «Citybay», die «Residence», für die Besitzer der 92 Wohnungen zu einer einmaligen Adresse machen. «Alle Wohnungen sind verkauft. Wir danken für Ihr Vertrauen», heisst es auf der Internetseite stolz. Im Innenhof der «Residence» danken die Koepflipartner Landschaftsarchiteken den neuen Bewohnerinnen und Bewohnern für ihr Vertrauen mit einem an diesem Ort überraschenden Garten.

Hortus conclusus

Die «Residence» ist ein geschlossener Blockrand mit exklusiven Stadtwohnungen und zweigeschossigen Ateliers im Erdgeschoss. Die unmittelbare Umgebung entlang der Werftstrasse wirkt eher anonym, noch unbestimmt und ist von Hartbelägen, noch jungen Bauminseln, gepflästerten Bereichen und Bahnschienen bestimmt. Umso mehr werden Stadtspaziergänger vom Eindruck überrascht, wenn sie den 35 mal 22 Meter grossen Innenhof betreten: Das Erdgeschoss mit den Ateliernutzungen lässt den Blick vom Hof in die Umgebung schweifen, die Stimmung im grünen Innenhof ist trotzdem aufgeräumt und ruhig. Stefan Koepfli erklärt, dass sie hier einen «Hortus conclusus» realisiert haben. «Der umschlossene Innenhof der ‹Residence› verweist typologisch und bildlich auf die Anfänge der Disziplin Landschaftsarchitektur: Der Hortus conclusus ist ein sicherer Ort, ein Garten als Gegenwelt zum urbanen Umfeld, der das Bedürfnis nach Ruhe und nach Aufmerksamkeit für die eigenen Gedanken befriedigt.» Für die Umsetzung der Idee haben Koepflipartner Steineichen, immergrüne Magnolienbäume und Palmen im Innenhof zu Gruppen komponiert – es sind alles Pflanzen, die in südlichen Ländern vorkommen und ganzjährig grün bleiben. Zusammen mit den Holzlamellen an der Innenhoffassade der «Residence» wirkt das Resultat zugleich abstrakt und ortsfremd, ist aber trotzdem überzeugend selbstverständlich, und es werden gar Erinnerungen an Wohnhöfe in grösseren Städten am Mittelmeer wach.

Luzerner Regen und Blütenpracht

Wenn die Pflanzen in den nächsten Jahren wachsen und die Magnolienbäume einmal im Jahr für kurze Zeit in voller Blüte stehen, dann werden die geschützten Lauben der «Residence» zum wohl prominentesten Ort, an dem man mitten in Luzern vom Mittelmeer träumen kann. Dank der inneren Qualitäten des Gebäudes haben die Bewohnerinnen und Bewohner in der «Residence» gleich mehrere Gelegenheiten, mit Aussicht zu wohnen und ihren Innenhof zu geniessen: Der Garten ist für die Bewohner zugänglich, auf verschiedenen Wegen begehbar und mit Sitzgelegenheiten ausgestattet. In den Wohnungen selbst sind die Wohnzimmer zwischen der Aussenfassade und dem Innenhof durchgehend offen.

Erst die milden klimatischen Bedingungen im geschützten Innenhof und der Mut der Landschaftsarchitekten, technische Herausforderungen anzunehmen, haben es möglich gemacht, mitten in Luzern diesen Garten zu realisieren. Weil der Innenhof direkt über der Tiefgarage liegt, haben die Pflanzen keinen Kontakt zum natürlich gewachsenen Boden. Sie wachsen auf einer 70 cm tiefen, künstlichen Lebensgrundlage, die ihnen der spezielle Bodenaufbau anbietet. Der Wasserbedarf wird in erster Linie durch den anfallenden Regen gedeckt. Darüber hinaus ist der Pflegeaufwand für die verwendeten Pflanzenarten nicht allzu gross. Sie sind robust und insbesondere beim Wurzelsystem anpassungsfähig. Die Unterbepflanzung besteht aus schattenverträglichen Farnen und ebenfalls immergrünen Bodendeckern.

«Citybay»: Luzerner Gemeinschaftswerk

Die Überbauung «Citybay» in Luzern mit einer Arealfläche von 10’000 m2 ist das Resultat aus einem Studienauftrag, den die Arbeitsgemeinschaft Lussi+Halter Architekten und Koepflipartner, Landschaftsarchitekten aus Luzern 2006 für sich entschieden haben. Stefan Koepfli gründete sein Büro 1995 und entwickelt die Projekte seit 2001 in Zusammenarbeit mit Blanche Keeris und Jeannette Rinderknecht. Ihr Hauptinteresse gilt Themen und Aufgaben, die sich speziell in der Beziehung zwischen der Landschaft und dem Gebauten stellen. Der Eulachpark in Winterthur, die Freiräume um den Schweizerhof in Luzern, der Beitrag an die Architektur der Fensterfabrik Baumgartner in Hagendorn sowie die Aufwertung der Bahnhofstrasse in Yverdon gehören zu ihren bisher wichtigsten Arbeiten.

Neue Stadtmitte für Luzern

Zum Rendering „Stadt-Schmiede am Pilatusplatz“ in der NLZ, Dossier „Hochhaus“, 18. November 2011, S. 41.

(sta) Was liegt am Pilatusplatz in Luzern urbanistisch in der Luft? Die Geschichte des Ortes, die Ankunftsqualität, die Präsenz des Verkehrs und die baulichen Verdichtungsmöglichkeiten lassen erahnen, dass der Ort die Bedeutung einer neuen Stadtmitte in sich trägt. Das Rendering „Stadt-Schmiede am Pilatusplatz“ ist 2010, im Rahmen der Abstimmung zur alten Schmitte, entstanden. Es handelt sich nicht um ein Projekt, sondern um ein kritisches Sinnbild für die bisher unerkannten und ungenutzten Chancen am Pilatusplatz als neue Stadtmitte von Luzern. Beim abgebildeten Hochhaus handelt es sich um das Projekt skyvillage der holländischen Architekten MVRDV.

Bild: stadtfragen.ch / Thomas Stadelmann / Georg Vranek

 

Bocksprung in Sevilla

Metropol Parasol ist gebaut, Sevilla erhält mitten in der wirtschaftlichen Krise des Landes ein neues Wahrzeichen. Jürgen Mayer H. hat es entworfen. Der Rundflug findet am Ende des Artikels statt.

(sta) Metropol Parasol auf der Placa de la Encarnacion in Sevilla – ein Entwurf des deutschen Architekten Jürgen Mayer H. – ist bereits am 27. März 2011 feierlich eröffnet und nun auch baulich fertiggestellt worden. Vor zwei Jahren hat mir Jürgen Mayer am Flughafen Zürich in einem Interview erzählt, wieso das symbolträchtige Bauwerk auf einem ehemaligen, jahrzehntelang provisorisch genutzten Parkplatz mitten in der Altstadt von Sevilla aufgrund seiner Nutzung als Markt, archäologisches Museum, Event-Raum und als städtebauliche Reparatur einen urbanistischen Bocksprung darstellt und architektonisch als „demokratische Kathedrale“ interpretiert werden kann: So wurde der Entscheid für das Projekt in der Wettbewerbsphase durch eine öffentliche Mitwirkung positiv beeinflusst und Mayer’s Formfindung spielt mit Analogien zu vor Ort vorgefunden sakralen Architekturformen und Landschaftselementen (Bäume).

Positionierung als Kulturstandort

Für die Stadt Sevilla handelt Metropol Parasol politisch-planerisch von der Positionierung als Kultur- und Tourismusstandort. Die nationalen Konkurrenzobjekte im Wettbewerb um die Gunst der Aufmerksamkeit und Reputation stehen in Barcelona, Bilbao, San Sebastian und Porto. In Sevilla soll ein weiterer Nachhall des berühmten Bilbao-Effekts erklingen. Eine aus diesen Beweggründen politisch und globalistisch aufgeladene Architektur benötigt – neben einer aussergewöhnlichen Formensprache – die Wirkung der Superlative: Beim Werk Metropol Parasol sind es die Dimensionen des räumlich gestapelten Eingriffs in den historischen Stadtkörper und die technische Innovation bei der Planung und Realisierung der Holzkonstruktion (Beratung durch Arup).

Rundflug

Ein Teil der Dachlandschaft über den gebauten Sonnenschirmen ist begehbar: hier findet Sightseeing statt. Wie sich ein Flug um das Bauwerk herum kurz vor seiner Fertigstellung anfühlt und anhört, hat der lokale Fernsehsender giraldatv mit Hilfe einer Drone in einem Video festgehalten:

 

Freie Fahrt am Reussquai

Stadtansichten halten historische Stadtwahrnehmungen fest. Der Krienser Fotograf Max A.Wyss hat dokumentiert, dass es 1951 möglich war, mit dem Auto direkt an den Reussquai zu fahren, um dort Kaffee zu trinken. Der Nachlass Max A. Wyss wird durch die Stiftung Fotodokumentation Kanton Luzern verwaltet und ist nun in Zusammenarbeit mit dem Staatsarchiv Luzern teilweise digitalisiert worden.

(sta) Max A. Wyss wurde am 18. Juli 1908 in Kriens geboren. Nach dem Erwerb des Sekundarlehrerpatentes an der Universität Zürich studierte er in Genf, Neuenburg und Paris Romanistik. Es folgte 1931 ein einjähriger Aufenthalt in Tanganjika (Afrika) als Hauslehrer beim Schweizer Konsul. Danach arbeitete er von 1935 bis 1965 als freier Journalist und Fotograf für zahlreiche Zeitungen, Wochenblätter und Periodika. 1952 war er als Hauptsekretär am Zustandekommen und dem Erfolg der Weltausstellung der Photographie 1952 Luzern beteiligt. In den frühen 1950er Jahren erregte er überdies mit surrealistischen Fotomontagen aufsehen. 1965 heiratete er Zita Keller. Im gleichen Jahr wurde er Redaktor der Fotozeitschrift Camera und betreute das Ressort Fotografie beim C.J. Bucher Verlag, Luzern. Als Autor, Herausgeber und Redaktor stand er ausserdem hinter vielen Bildbänden über die Natur, die im C.J. Bucher Verlag erschienen sind. Max A. Wyss starb am 12. September 1977 in Luzern. Textquelle und Copyright: Fotodok.ch.

Carte Blanche 2010

Zum Jahresende vergibt das Büro für Stadtfragen seine erste Carte Blanche in Form einer A5-Postkarte. 2010 geht sie an den Luzerner Gestalter Mart Meyer und sein Werk „Kloten“. Das Aquarell hat eine Grösse von 55 x 72 cm und ist 2010 entstanden.

Kloten, das ehemalige Flughafendorf, ist heute eine urbanistische Einzigartigkeit in der Schweiz und hat im Zentrum eben einen neuen baulichen Grundstein gelegt.

Stadtschmiede am Pilatusplatz

Die Abstimmung über den Erhalt des baufälligen Relikts „Schmitte“ am Pilatusplatz in Luzern ist grotesk und eigentlich schon entschieden – aber sie bleibt urbanistisch brisant, denn: Die Vorlage für den 26. September mischt sich in die städtische Liegenschaftspolitik ein; sie bietet ein Widerstandsangebot gegen die ideenarme Stadtentwicklung an und weckt sogar die Hoffnung, dass der Pilatusplatz die Chance erhält, sein Potential als künftige Stadtmitte Luzerns unter Beweis zu stellen. Zum Beispiel im Rahmen einer innovativen Stadt-Schmiede, mit oder ohne die alte Schmiede aber noch vor dem geplanten Architekturwettbewerb.

Büro für Stadtfragen // visual©vranek

(sta) Nach über 40 Jahren Abbruchbewirtschaftung durch die Stadt Luzern ist die Abstimmung über den Erhalt oder den Abriss der alten Schmiede mit Wirtshaus eigentlich absurd: Der Bau von 1844 ist ein wirtschaftliches, bauliches und vielleicht sogar soziales Relikt einer dörflich-vorstädtischen Vielfalt aus dem 19. Jahrhundert. Die politische Botschaft der Stadt als Grundbesitzerin (B+A 17/2010 des Stadtrats) argumentiert auf 17 Seiten mit planerischen, betriebswirtschaftlichen, finanzpolitischen und immobilienstrategischen Gründen gegen ein Ja zum Erhalt der „Schmitte“. Argumentiert wird verwaltungstechnisch abstrakt: „Als gestärkter Knotenpunkt könnte der Pilatusplatz im Stadtgefüge Ausgangspunkt und Impulsgeber für die Innenstadtentwicklung sein und die angrenzenden Quartiere besser miteinander verbinden“. Alles klar?

Unbehagen

Es bleiben ein Unbehagen und Befürchtungen zurück, dass der Stadt Luzern eine tragfähige, übergeordnete Vorstellung fehlt, was der Pilatusplatz im unmittelbare benachbarten Stadtgefüge und im Kontext der Stadtregion genau sein soll und leisten kann. Die Kommunikation ist unvollständig und provoziert Fragen: Was passiert genau, wenn die Schmiede widerstandslos wegkommt? Was, wenn sie tatsächlich stehen bleibt? Einmal mehr scheint sich zu bewahrheiten: In der gefühlten Ohnmacht des Souveräns vor Entscheidungen an der Urne zeigt sich die wirkliche Kraft einer reaktiv-technokratischen Stadtentwicklungspolitik.

Neue Stadtmitte von Luzern?

Was liegt am Pilatusplatz urbanistisch in der Luft? Die vorstädtische Geschichte des Ortes, die Ankunftsqualität, die Verkehrspräsenz und die räumliche Dynamik – nicht zuletzt die baulichen Verdichtungsmöglichkeiten – lassen erahnen, dass der Pilatusplatz die Bedeutung einer Stadtmitte in sich trägt: Ist dem so, wäre die Vielfalt an primären und sekundären Nutzungen Tag- und Nacht, an Aufenthalts- und Freiraumqualitäten, die Offenheit gegenüber einer architektonisch innovativen Lösung und für eine Verkehrssituation, die für und nicht gegen die Stadt als Lebensraum auftritt, an dieser übergeordneten Idee der Stadtmitte auszurichten. Dass die Stadt Luzern diesem Potential auf der Spur ist, dagegen spricht die Argumentation in der Botschaft gegen die Vorlage „Rettet die Schmiede“. „Strassenbegleitende Bauten“, „Baufluchten“ aus einer Volumenstudie, das Marktversprechen auf eine künftige „Headquarterfunktion“ und eine Rendite in der staatlichen Immobilienpolitik sprechen eine andere Sprache. Auch die versprochene „Harmonie verschieden hoher Häuser“  und ein paar Baumreihen lassen am Pilatusplatz eine wenig innovative Fortsetzungsgeschichte erwarten.

Stadtlandschaft

Stadtlandschaften, wie Luzern seit dem Bau des KKL eine ist, verlangen nach einer Vielfalt und nach einer städtebaulicher Qualität, die nicht allein mit Hilfe funktionaler Planungskategorien entsteht und aus dem Glauben heraus an das Heil von Backstein, architektonischen Designqualitäten und wirtschaftlichen Wunschvorstellungen. Starke übergeordnete Bilder, elastische Planungs- und Betrachtungsperimeter, eine wohl überlegte Gewichtung der gewünschten Nutzungsdurchmischung im Quartiermassstab und 24h-Tagesverlauf sowie verständliche Aussagen zum künftigen Kräfteverhältnis zwischen den Verkehrsteilnehmenden sollten ebenso ins Spiel kommen. Dann lassen sich eher auch solche Fragen beantworten: Ist der Pilatusplatz künftig ein Ankunfts- oder ein Durchfahrtsort? Woran erkennen und erleben Quartierbewohner/innen, Einheimische, Gäste, Pendler und Durchreisende, dass sie am Pilatusplatz in der Stadtmitte von Luzern, im Zentrum einer Stadtregion leben oder eben gerade angekommen sind? Spätestens der geplante Wettbewerb (mit oder ohne Schmiede) wird wohl zeigen, dass es sinnvoller wäre, mögliche Antworten auf diese Fragen möglichst früh und aus Sicht der Stadtentwicklung zu beantworten. Am Pilatusplatz käme ein solches Vorgehen einer Stadt-Schmiede gleich. Dies würde für die Stadt und die Liegenschaftsbesitzer im Wirkungsraum des Pilatusplatzes bedeuten, nicht vor allem auf die Genialität von Planerteams im geplanten Areal-Wettbewerb zu hoffen, wenn es darum geht, gemeinsam eine überzeugende Vorstellungen von Stadt zu entwickeln und schrittweise zu realisieren.

Untergrund – Dorf  und Belvedere

Die Vorstellung, bei der alten Schmiede, dem ehemaligen Bahnhof der Krienserbahn, eine derartige Stadt-Schmiede zu lancieren, braucht Mut, Offenheit, eine Kultur des positiven Widerstands, sowie Bilder und Ideen, die mobilisieren und motivieren. Gelingt dies, werden am Pilatusplatz verschiedene Entwicklungsschritte denkbar – mit oder ohne „Schmitte“. Und wieso nicht nach diesem Drehbuch? Im Untergrund erhält der Pilatusplatz eine modulable Nutzung, im Fussgängerbereich ein vorstädtisches Dorf aus historischen Kleinbauten, darüber eine leistungsfähige, rentable Primärnutzung mit Wohnungen und Arbeitsplätzen und als Dach ein öffentlich zugängliches Belvedere über der neuen Stadtmitte von Luzern? (vgl. Bilder)

De quoi s’agit il?

Die Abstimmung über die Schmitte verstellt den Blick auf eine notwendige urbanistische Diskussion an einem für die Stadtentwicklung Luzern zentralen Ort. Wer in der Beiz am Pilatusplatz bisher nicht Gast ist, sieht im Vorbeigehen oder Vorbeifahren eine vor dem letzten Hammerschlag gerettete Ruine, die zu nahe am Strassenrand steht. Weil gleichzeitig eine tragfähige Zukunftsvorstellung fehlt, geht es bei der Abstimmung „Rettet die Schmiede“ letztlich um eine Art persönlichen, anonym öffentlich gemachten Kommentar zu den Ambitionen und Führungsqualitäten in der Stadt-, Standort- und Raumentwicklung Luzerns. Wer sich für solche Fragen nicht interessiert, und das wird eine Mehrheit sein, stimmt irgendwie oder gar nicht darüber ab. Wie auch immer: Aus urbanistischer Sicht darf das Stimmvolk eine intellektuelle Frage beantworten, die – ohne ausführliche Information und eingängigen Dialog – kaum öffentlichkeitstauglich ist: Welche eigene oder kollektive Vorstellung von Stadt erfordert ein Ja? Welche eigene oder kollektive Vorstellung von Stadt erfordert ein Nein?

NEIN. Die Schmiede muss weg!

So denkt und stimmt, wer am Pilatusplatz hauptsächlich die kontrollierbare, marktwirtschaftliche Optimierung eines städtischen Standorts im Sinn hat; wer die entsprechende städtische Liegenschaftspolitik (mitsamt der Abbruchbewirtschaftung seit 1967) unterstützt; wer für die lokale Markt-Dynamik im Sog der Greater Zürich Area (GZA) argumentiert; wer hofft, dass das visuelle Mitleiden am Pilatusplatz, das so ganz und gar nicht zur selbstverliebten Tourismusfassade von Luzern passt, möglichst bald der Vergangenheit angehört und durch Firmenarchitektur ersetzt wird.

JA. Der Pilatusplatz ist ein Ort für Innovation

So denkt und stimmt, wer sich für Luzern eine offenere und innovativere Stadtentwicklung erhofft und daran glaubt, dass der bauliche und demokratische Widerstand der Schmiede bzw. die Geschichte und die Möglichkeiten am Pilatusplatz gerade jetzt Anlass genug sind für eine innovative Stadt-Schmiede. Wer sich so in die Liegenschaftspolitik einmischt, erwartet von der Grundeigentümerin Stadt Luzern eine aktivere, offenere Haltung und von der Stadtentwicklung überzeugendere Ideen und Argumente. Mit dem Dilemma, trotz einem JA für den Abriss der Schmiede zu sein, lässt sich gut leben.

Werden wir noch staunen?

Die Schmitte ist ein Relikt einer dörflichen Vielfalt, die nicht durch eine leitungsfähigere Neubebauung ersetzt werden kann. Die Vielfalt und die urbanistischen Chancen hingegen, die mit der Diskussion um die Schmiede  – und einer möglichen Stadt-Schmiede am Pilatusplatz – in Verbindung gebracht werden können, haben das Potential, dass sie von einer neuen, wirtschaftlich rentablen und wie auch immer überzeugenden neuen Nachbarschaft geerbt werden können.

PS: Auf die Androhung im städtischen B+A, ein JA zur Vorlage würde am Pilatusplatz schnell zu unbezahlbaren Mieten in der alten Schmiede, zu einem Ertragswertverlust in der Stadtkasse und zur Situation „Stillstand statt Stadtentwicklung“ führen, hat G.B Shaw eine literarische Antwort parat: What is this life, if we don’t have the time to stand and stare. Schön wäre, wir könnten in den kommenden Jahren am Pilatusplatz auch dann immer wieder für Minuten staunend stehen bleiben, wenn wir nicht von der roten Fussgängerampel dazu gezwungen sind.

Grundlage für die Visualisierung durch visual©vranek sind Fotos aus dem Büro für Stadtfragen und das Projekt skyvillage der holländischen Architekten MVRDV:

Die besten Städte der Welt: Züri auf Platz 15

Rio

Studie MasterCard Worldwide

sta. Es gibt sie zuhauf: Rankings der besten Städte der Welt. MasterCard engagiert sich mit dem MasterCard Center for Global Commerce an der Diskussion der erfolgreichsten Städte. Die *Global Cities* London, NY und Tokyo (vgl. Rem Koolhaas und YES) gaben anfangs der 80er Jahre die Antwort auf die damals neue globale Wirtschaftswelt. Heute stehen eine ganze Reihe von Global Cities für den umfassend räumlichen und thematischen Zustand der Beziehung zwischen dem Globalen Markt und nationalen Oekonomien. Laut Saskia Sassen hat sich nicht der anfangs befürchtete Einheitsbrei eingestellt, sondern die Unterschiedlichkeit, die zunehmende Positionierung von rund 20 Haupt- und 50 Nebenschauplätzen globaler Urbanität. Nicht mehr nur London und NY, sondern auch Paris, Seoul oder Amsterdam gehören dazu und werden bewertet. Die neuste Studie von MasterCard listet die bewerteten Städte aufgrund von sieben Hauptkategorien in einem Ranking auf. Beurteilt werden Faktoren wie Politische Stabilität, Wirtschaftsfreundlichkeit, Lebensqualität und Informationsfluss. Im Ranking 2008 ist London an der Spitze, Zürich ist von Platz 19 auf Platz 15 vorgerückt. Generell aufgeholt haben Städte in Asien, verloren die Global Cities in den USA. Wie jedes Ranking hat auch das Ranking von MasterCard einen Absender und ein Ziel, das über Tabellen hinaus geht. Deshalb lohnt es sich, die Zusammenfassung kritisch zu lesen. Was Saskia Sassen, Professor of Sociology at Columbia und Mitautorin der Theorie zu den *Global Cities* zum Ranking von Mastercard schreibt, steht in der Newsweek vom 15. September 2008, Seite 17 (Newsweek).