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Rohstoff gegen die Angst vor Verstädterung

Das Zusammenleben in Städten ist der wichtigste Markt der Welt. Die freie Privatstadt,so lautet das Ansinnen von Titus Gebel (Bildquelle: NZZonline), liefert das richtige Businessmodell dafür. Das Buch ist kürzlich im Eigenverlag erschienen. Stadtfragen wollte im Interview mit dem Autor wissen, wer und was genau dahinter steckt. Auch die Schweiz hat zur Idee inspiriert.

„Liebe Politiker, liebe Meinungsmacher, liebe Weltverbesserer. Wir möchten in Frieden und Freiheit leben. Wir möchten für uns selber sorgen. Wir können für uns selber sorgen. Wir wollen in Ruhe gelassen werden. Verstehen Sie das nicht?“ Titus Gebel, in: Freie Privatstädte. Mehr Wettbewerb im wichtigsten Markt der Welt, Aquila Urbis 2018.

sta. Um 1900 lebten gerade zehn Prozent der Menschheit in Städten, heute über die Hälfte, und 2050 werden es gemäss UNO siebzig Prozent sein. Keine Frage: Es wird enger auf dem Planeten. Gleichzeitig ist das, was wir allgemein unter einer guten Stadt verstehen, offensichtlich subjektiver, unsicherer und gleichzeitig vielfältiger geworden. Vor diesem Hintergrund – und auch weil er genug vom politischen Weg hat – will der ehemalige deutsche Rohstoffhändler und FDP-Politiker Titus Gebel eine Minderheit von gleichgesinnten Vertragsbürgern weltweit in eine selbstbestimmte urbane Freiheit führen: Mit seiner Firma Free Private Cities, Inc. und zusammen mit weiteren Geldgebern beabsichtigt er, Städte als gewinnorientierte Unternehmen zu führen, quasi ohne Staat, dafür mit eigenem Steuer- und Rechtssystem, ganz nach dem Vorbild von Freihandels- bzw. Sonderwirtschaftszonen.

Zeitgeist der knappen Botschaften

Gebel trifft mit seinem Buch rhetorisch einen Zeitgeist, der seine Aufmerksamkeit und Nahrung in knappen Botschaften findet: „Politik löst nicht Probleme, sie ist Teil des Problems.“ Deshalb müssen die Menschen von der Unterdrückung durch diese befreit werden, so sein Fazit nach den ersten hundert Seiten von Freie Privatstädte. Mehr Wettbewerb im wichtigsten Markt der Welt. Bei der Begründung von Absicht und Geschäftsidee folgt das Buch einer reaktionären Logik: Die fundamentale Systemkritik dient als Vorspann, um die herrschende Unordnung zu entlarven, danach wird die neue Lösung präsentiert: Nach der „Entmachtung der Politik“ soll in der freien Privatstadt jeder Bürger, quasi politikbefreit, seinen Lebensstil per Einzelvertrag mit seinem Stadtbetreiber aushandeln können. Dieser wiederum hat einen Vertrag mit dem Gastgeberstaat. Das Marktversprechen der weitgehend uneingeschränkten Selbstbestimmung und Selbstoptimierung, den Kauf des genau richtigen Autos, überträgt Gebel auf das Zusammenleben in der Stadt: „Stellen Sie sich vor, ein privates Unternehmen bietet Ihnen als Staatsdienstleister den Schutz von Leben, Freiheit und Eigentum in einem abgegrenzten Gebiet. Sie zahlen einen vertraglich fixierten Betrag für diese Leistungen pro Jahr. Um alles andere kümmern Sie sich selbst, können aber auch machen, was Sie wollen, solange Sie die Rechte anderer nicht beeinträchtigen.“

Im dreihundertseitigen Buch treffen Philosophie, Analyse, persönliche Diagnose, historische Referenzen von Venedig über die Hanse bis nach Dubai und Sandy Springs sowie unzählige, nicht datierte Zitate aufeinander. Ein Sammelsurium von Apercus bildet einen roten Faden, den sich die Leserin und der Leser merken sollen: In der freien Privatstadt gilt „Jeder ist der Souverän seiner selbst“. Das Bonmot „Stadtluft macht frei“ wird zum „Recht auf ein selbstbestimmtes Leben“. Über allem steht als Glaubensbekenntnis das Marktprinzip, „das bisher einzig bekannte, dauerhaft wirksame Entmachtungsmittel der Menschheit“, wie der Autor, nun in der Rolle als Revolutionär auf der Höhe seiner Zeit angekommen, schreibt. Damit in seiner Stadt die erwünschte soziale Harmonie herrscht, gibt es zum Dreigestirn Markt, Freiheit und Grundeigentum obendrauf nur eine „goldene Regel“ zu beachten: „Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg auch keinem anderen zu“, was frei übersetzt in die urbane Praxis stiller Orte heisst: Bitte verlasse das WC so, wie du es antreffen möchtest!

Holprig in der Umsetzung

Was die rechtliche und organisatorische Umsetzung des Geschäftsmodells betrifft, so begegnet man bei der Lektüre gleichzeitig vertraglichen Details, vielen Kann-Formulierungen schliesslich aber dann doch noch unerwartet konkreten Vorstellungen für den Alltag: Hässliche Todeswarnungen auf Zigarettenverpackungen soll es nicht mehr geben. Und Geisteswissenschafter seien wohl eher seltener anzutreffen, ist zu lesen. Auch die Schweiz hat bei den Überlegungen zur Umsetzung inspiriert, wie Gebel im Interview erklärt: durch die Kleinheit ihrer gut vernetzten, städtischen Siedlungsgebiete, den Steuerwettbewerb, die Gemeindeautonomie und die Wehrhaftigkeit.

Für Planer und Architekten geben das Buch und das Interview Entwarnung: „Marktorientierter Städtebau“, lautet der Ansatz von Patrik Schuhmacher, Partner bei Zaha Hadid Architects in London, der die Planung und Umsetzung der freien Privatstadt mit seiner Expertise beratend unterstützen soll. Gemeint ist: Vorschriften wird es in der freien Privatstadt eher weniger geben, dafür vielleicht einen nachbarschaftlichen Handel mit Gebäudehöhen, denkbar sind Experimente an der Peripherie. Eine Stadt am Markt zu bauen, impliziert für Titus Gebel und seine Zugewandten zunächst, den Versuch zu unternehmen, womöglich daran zu scheitern, aber in jedem Fall daraus zu lernen: „Staaten scheitern auch regelmässig. Da ist es aber ja wohl immer noch besser, wenn dies im kleineren Massstab einer Gruppe von Freiwilligen widerfährt, die alle genau gewusst haben, worauf sie sich vertraglich eingelassen haben.“ Die Entstehung der ersten Privatstadt wird gegenwärtig in der Karibik verhandelt. Ein Konsortium mit Sitz in den USA (Hauptinvestorin ist die Firma Free Private Cities, Inc.) will zuerst 25, danach 50 Mio. Euro bereitstellen. Aus Angst vor politischem Widerstand in einer frühen Phase ist der Standort vorerst noch geheim.

Ein Stadtmodell für Zielgruppen

Im Grunde genommen lanciert die freie Privatstadt die Diskussion über die Zukunft der Nationalstaatlichkeit, wie wir sie seit dem 19. Jahrhundert kennen. Als Gegenstand steht ein marktorientiertes Zusammenleben von gleichgesinnten Zielgruppen in einem räumlich abgeschlossenen, dennoch global vernetzten städtischen Ort (etwas ähnlich der City of London) zur Diskussion. Die entsprechenden Positionen und Perspektiven sind im Buch zwar umfassend, jedoch mal mehr und mal weniger eindeutig dargestellt. Die rustikal formulierte Demokratiekritik und das Themenpaket „Marktorientierung, Selbstbestimmung, Freiheit und Sicherheit“ werden dem Vorhaben wohl eine gewisse Aufmerksamkeit und vielleicht sogar eine Nachfrage bringen. Ein weiteres Marktargument spielt dabei noch unausgesprochen mit: Wo Sicherheit nachgefragt und erfolgreich angeboten wird, sind immer auch Ängste mit im Spiel. Im täglichen Erleben und im Diskurs über die Stadt der Zukunft sind dies globale und ganz lokale Ängste vor zunehmenden Nöten, Widersprüchen und Konflikten in unserem Zusammenleben. Die freie Privatstadt kann als Gegenmittel dazu interpretiert werden: als vermeintlich wertvoller Rohstoff gegen die Angst vor der Verstädterung.

Die Menschheit lebt aktuell auf nur drei Prozent der Erdoberfläche. Statistisch hat es noch genügend Platz für weiteres Wachstum. Trotzdem oder gerade deshalb ist die Notwendigkeit unbestritten, neue Ideen zu formulieren und zu diskutieren, wie noch mehr Menschen in der Zukunft in Städten und auf dem Land zusammenleben wollen, können oder ganz einfach nur müssen.

(Folgendes Interview mit Titus Gebel wurde am 12. Juni 2018, im Motel HotelOne in Zürich aufgenommen, die Abschrift gegengelesen.)

Thomas Stadelmann: Führt Sie ihr jüngst erschienenes Buch Freie Privatstädte nach Zürich? Und wenn ja, wen interessiert das Thema denn hierzulande?

Titus Gebel: Ja, das Buch bzw. mein Unternehmen Free Private Cities, Inc. sind der Anlass. Ichhabe gute Kontakte zu Unternehmen in der Schweiz und auch zu den Medien, etwa zur Autoren-zeitschrift schweizer monat. Diese gilt es zu pflegen. Im Übrigen hat mich das Liberale Institut in Zürich zu einem Vortrag eingeladen.

Sie vergleichen das Modell der freien Privatstadt und im Buch mit dem Betrieb eines Kreuzfahrtsschiffs. Wohin führte Sie Ihre letzte Schifffahrt, und können Sie den Vergleich kurz erklären?

Die Reise ging von Alaska nach Vancouver. Und das Bild ist sehr stimmig: Schiffe sind rechtlich kein schwimmendes Territorium des Flaggenlandes, sie müssen daher nicht eine vorbestimmte, sondern können unter einer für die jeweilige Fahrt zweckmässigen Rechtsordnung fahren. Es gilt quasi freie Rechtswahl. Zudem gibt es an Bord keine Mitbestimmung darüber, wo die Reise hingehen soll. Wer an Bord ist, weiss wohin die Reise geht und was er dafür bezahlen muss. Und: Der Kapitän, die höchste Instanz, macht nicht einfach das, was er selbst gerade möchte, weil er ein kommerzielles Interesse hat, seine Kunden zufrieden zu stellen und nicht gegen Verträge gegenüber der Rederei verstossen will, kurz: Freie Rechtswahl, Freiwilligkeit, Markt-orientierung und Vertragssicherheit sind auf hoher See ebenso grundlegende Bausteine, wie in einer freien Privatstadt, so wie ich sie haben möchte.

In der Danksagung zum Buch sind über 30 Personen genannt. Haben Sie das Buch eigentlich selbst geschrieben?

Alle Texte sind von mir aber nicht alle Ideen. Ich habe mich mit den im Buch erwähnten Leuten ausgetauscht, sehr intensiv u.a. mit Rolf W. Puster (Anm: Professor für Philosophie an der Universität Hamburg) und mit dem Architekten und Stadtplaner Patrik Schumacher (Anm: Partner im Büro Zaha Hadid Architects in London). Andere haben ihre eigenen Ideen eingebracht, vor allem Fragen gestellt, mit beantwortet, oder sie arbeiten bereits selber an ähnlichen Projekten. Joe Quirk etwa, der am Seastaeading Institute am Floating City Project arbeitet, einer ausserhalb von staatlichen Hoheitsgewässern schwimmenden Stadt. In der Szene der freien Privatstädte sind weltweit insgesamt vielleicht ein paar hundert Leute aktiv. Uns verbindet alle die Überzeugung, dass die erfolgreichsten Städte im Jahr 2050 keiner der heute noch gängigen Ideologien folgen werden.

Wie lange dauerte es von der ersten Vision, über die Geschäftsidee, bis zum Abschluss des Buches? Stand zu Beginn ein konkreter Anlass?

Am Buch habe ich drei Jahre gearbeitet. Seit der ersten Idee sind bestimmt zehn Jahre vergangen. Ich war zuvor jahrelang in der deutschen FDP engagiert, habe mich der politischen Macht angenähert. Als CEO der deutschen Rohstoff AG war ich bis 2014 auch im Umfeld des Wirtschaftsministeriums an Diskussionen über Rohstofffragen beteiligt. Nach über 30 Jahren politischem Denken und Beobachten habe ich dann mein Fazit gezogen: Ich möchte nicht mehr, dass die Regierung oder eine Mehrheit über mein Leben bestimmt, und mit diesem Ziel ist das aktuelle System nicht reformierbar. Auch für die Schweiz sehe ich da in der Tendenz keinen signifikanten Unterschied. Ein Aha-Erlebnis, das mich ebenfalls zur Idee der freien Privatstadt führte, habe ich erlebt, als ich in Monaco ankam. Nach dem Wegzug aus Deutschland fehlte mir jegliches Interesse dafür, mich in die lokale Politik einzumischen, einfach deshalb, weil ich als Bewohner einer Stadt hauptsächlich in Ruhe gelassen werden, meine Kinder auf die Strasse schicken können, niedrige Steuern bezahlen und eine gewisse Infrastruktur benützen will. Das aber ist eine Leistung, für die ich keinen Fürsten benötige – ein Privatunternehmen könnte das genauso leisten.

Das klingt so, als wären Sie nachhaltig von der Politik enttäuscht worden?

Ja, ich würde dem so sagen, auf den Punkt gebracht: Politik ist nicht ein Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. Meine Diagnose und mein Antrieb gehen aber weit über Politikerverdrossenheit hinaus: Die Menschen können nicht durch Politik überzeugt werden, dass Freiheit, Selbstbestimmung und Eigenverantwortung gute Dinge sind und dafür sorgen, dass es uns dann allen besser geht. Diese Werte sind nicht mehrheitsfähig, weil sie unbequem sind. Daher mein Fazit: Wenn ich und andere in Freiheit leben wollen, dann braucht es einen vollkommen neuen Ansatz; ein Nischenprodukt für diejenigen, denen Selbstbestimmung wichtiger ist als Mitbestimmung, die sich in den meisten Ländern zudem in der Abgabe einer Wahlstimme alle paar Jahre erschöpft. Funktioniert dieses Produkt werden die anderen Ähnliches wollen. Die Idee der freien Privatstadt ist im Grunde der Philosophie von Thomas Hobbes entnommen: Es gibt nur eine Sache, die wir alle gleichermaßen wollen: in Frieden leben. Wenn dem so ist, und die Menschen bereit sind, freiwillig und selbstbestimmt etwas dafür zu bezahlen, dann entsteht ein viel freieres, besseres und effizienteres System als eines, in dem eine Gruppe die anderen aufgrund politischer Macht zwingt, ihren Ideen und ihrer Weltanschauung zu folgen. Und so ist die Idee am Ende zusammen gewachsen: Die freie Privatstadt wird ein neues Produkt auf dem grössten Markt der Welt, dem Markt des Zusammenlebens. Freie Privatstädte werden geführt von Privatunternehmen, die möglichst autonom und gewinnbringend individuelle Staatsdienstleistungen anbietet. Solche Angebote müssen attraktiv sein, sonst kommt niemand bzw. die Einwohner wandern wieder ab.

Ihr Buch kommt wissenschaftlich daher, gleichzeitig ist der Text gespickt mit persönlichen Pauschalurteilen zur Lage der Demokratie und zum Scheitern des Sozialstaats: Für wen oder gegen wen und was haben Sie das Buch geschrieben?

Das Buch ist für diejenigen geschrieben, die nach Alternativen zu unserem jetzigen politischen System suchen.Es finden sich darin keine Schlussfolgerungen, die nicht begründet oder empirisch belegt sind. Es ist für jene, die auch daran glauben, dass der einfache Marktgedanke – ich bestelle, was ich will und bezahle nur das, was ich bestellt habe – auf unser Zusammenleben übertragen werden kann, und dass der Wettbewerb auch hier dazu führt, dass die „Produkte“ im Laufe der Zeit immer besser und immer billiger werden.

Sie betonen immer wieder, die freie Privatstadt sei eine Geschäftsidee und keine Vision. Weshalb schreiben sie denn hundert Seiten Demokratiekritik und die Forderung nach der „Entmachtung der Politik“, bevor sie im Buch das eigentliche Businessmodell erklären?

Die erste Hälfte verstehe ich als philosophisches Vermächtnis, die zweite Hälfte funktioniert als Handbuch, auch für diejenigen, die das freie Privatstadtkonzept nicht genau so machen wollen, aber den Reformbedarf erkannt haben. Auch Politiker sind angesprochen. Da kritische Themen in der Politik meistens jedoch nicht mehrheitsfähig sind, müssen sie eben von aussen und in aller Deutlichkeit formuliert werden. In erster Linie geht es mir darum, eine Alternative zur Politik aufzuzeigen. Die Profitorientierung der freien Privatstadt ist lediglich Mittel zum Zweck. Sie zeigt uns an, ob die Ressourcen ordentlich eingesetzt wurden.

Wie war denn bisher die Resonanz B2B und in den Medien auf das Buch?

Viel besser als erwartet. Ich sag es einmal so: Vor zehn Jahren wäre ich vermutlich geteert oder gefedert worden, die Leute hätten wohl gesagt, der Mann ist ein Spinner. Heute ist das anders: Jeder Zweite, mit dem ich spreche, sei es in Monaco, in Italien, Frankreich, in der Schweiz oder in Deutschland, gibt zum Ausdruck, dass an der Grundidee etwas dran sein könnte. Ich glaube, viele Menschen sind in der heutigen Welt offener für Werte, Ideen und Lebensvorstellungen, für welche die freie Privatstadt steht und sie merken auch, dass unsere politischen Systeme nicht mehr gut funktionieren, ohne die Gründe dafür genau benennen zu können.

Jede Epoche hat ihre Städte so gebaut, wir sie den jeweiligen Lebensbedürfnissen bzw. Machtverhältnissen entsprachen. Wie akut sind die Notwendigkeit und die Nachfrage, auf die Ihre Geschäftsidee gute Antworten hat?

In unseren Präsentationen für Investoren zeigen wir auf, dass Staatsaktivitäten den grössten Markt der Welt ausmachen, wobei 90 Prozent der Marktteilnehmer Verluste machen. 81 Prozent der Menschen sind mit der Art und Weise, wie ihr Land regiert wird, nicht zufrieden; die Schweiz vielleicht ausgenommen. Diesen riesigen Markt gilt es zu aktivieren. Dass uns das gelingen wird, zeigen immer wieder persönliche Reaktionen an Vorträgen, auch von jungen Menschen, die von weit her anreisen, vom Konzept überzeugt sind und die mich fragen: Ab wann können wir hingehen?

Ich erwähne zudem gerne das Beispiel von Sandy Springs, eine Stadt in den USA bei Atlanta, die es seit 2005 gibt: Ausser der Polizei und der Gerichte ist dort die ganze Stadtverwaltung privatisiert. Das Resultat: eine Kostenersparnis von zehn bis vierzig Prozent. Oliver Porter, der das Projekt initiiert hat (Anm: im Beraterstab von Free Private Cities aufgeführt), kennt zehn Städte mit zusammen rund eineinhalb Millionen Menschen, die das Modell Sandy Springs bereits kopiert haben. Zu bemerken gilt, dass diese Städte allesamt Neugründungen sind. Eine Umwandlung bestehender Kommunen ist trotz zahlreicher Versuche und trotz Kosten-senkungsgarantie noch immer gescheitert. Das ist ein weiteres Beispiel dafür, wie die Politik Wettbewerb und Innovationen verhindert, wenn dadurch ihre Macht geschmälert wird.

Privatisierte städtische Gebiete mit dem Label Smart City liegen im Trend. Alphabet, Googles Konzern-Mutter, baut mit Sidewalk Labs ein Areal am Hafen von Toronto, Facebook plant Zucktown. Worin liegt der Unterschied zwischen diesen Projekten und ihrem Stadtmodell?

Solange Smart Cities nicht gleichzeitig Free Cities sind, kann ich damit wenig anfangen. Ich denke, eine Mehrheit lebt tatsächlich lieber in einer Smart-City, wie sie die Chinesen oder globale Player wie Alphabet vorhaben als in einer Free Private City, die Eigenverantwortung fordert. Aber eben nicht Leute wie ich. Mit der freien Privatstadt wird eine Minderheit angesprochen, der Freiheit und Selbstbestimmung wichtiger sind als eine durch Technologie kontrollierte, politisch geführte Smart City, in der zudem die totale Überwachung und Entrechtung des Einzelnen drohen. Der grösste Unterschied liegt im Verhältnis zwischen den einzelnen Bürgern und Unternehmen zum jeweiligen Betreiber einer Privatstadt. Die Rechtsposition des Einzelnen ist im so genannten Bürgervertrag festgelegt. Dieser kann vom Betreiber oder auch einer Mehrheit nicht einfach geändert werden. Nach dem Prinzip jeder Bürger ist der Souverän seiner selbstbietet der Vertrag die Sicherheit gegenüber dem Betreiber der Stadt und den Schutz vor einer allfälligen Mehrheit, die Absichten haben, welche dem Einzelvertrag widersprechen. Ein Beispiel: Angenommen 99 Prozent in einer freien Privatstadt sind der Meinung, dass es einen Gemeinderat braucht und dazu noch ein neues Schwimmbad. Wenn diese 99 Prozent freiwillig mitmachen und das entscheiden, ist das solange kein Problem, wie dem einen Prozent und dem Betreiber nicht gesagt wird, dass er Entscheide des Gemeinde-rats mittragen und beim Schwimmbad mitbezahlen muss. Rentieren aus Sicht des Betreibers weder Gemeinderat noch das Schwimmbad, dann tragen die 99 Prozent somit die ganze Finanzierung.

Aus schweizerischer Sicht ist das eine eher fremde Vorstellung.

Sie müssen sich einfach vorstellen, dass Sie ihre jetzige Politikwelt verlassen und in der Welt des Grüntees angekommen sind (Anm: Titus Gebel trinkt gerade eine Tasse Grüntee). Ich habe einen Grüntee bestellt, weil ich einen Grüntee wollte, und weil ich bereit bin, den Preis dafür zu bezahlen. Ich habe deshalb aber kein Recht darauf, zu bestimmen, dass Sie auch einen Grüntee bekommen (Anm: Der Interviewer trinkt Mineralwasser) und noch unfreiwillig dafür bezahlen müssen. Genau das macht aber die Politik. Und das Prinzip betrifft dabei alle Lebensbereiche: Sie bezahlen überall für Leistungen mit, die sie gar nicht wollen oder die andere beziehen, ohne etwas dafür zu leisten. Daher die Überlegung: Wir verlassen die Wege von Sozialstaat und Mitbestimmung und wenden uns hin zur Selbstbestimmung in einer räumlich klar abge-grenzten freien Privatstadt von gleichgesinnten Vertragsbürgern.

Ich fahre kein Auto, gehe zu Fuss oder mit dem Velo zur Arbeit. Ich brauche also keine sechs Meter breite Strasse. Bezahle ich in Ihrer Stadt deshalb nichts an den Strassenbau?

In jedem Bürgervertrag wird festgehalten, wofür der Jahresbeitrag verwendet wird. Im Pflichtteil sind die Leistungen zum Erhalt der Sicherheit, für die Verwaltung, für den Unterhalt von Infrastrukturen und den Betrieb von Schiedsgerichten enthalten. Den Strassenbau würden wir als Stadtbetreiber soweit möglich an Private übertragen. Unterschiedliche Formen sind je nach Stadt denkbar, etwa die Vollfinanzierung aller Strassen oder der völlige Verzicht darauf, solange man in der Innenstadt wohnt. Als Nicht-Autofahrer können Sie nach Studium der Vertrags-bedingungen also frei entscheiden, ob Sie in eine solche Stadt ziehen wollen. Denkbar ist auch das Modell, dass kein Beitrag für den Strassenbau und den Unterhalt anfällt, weil private Betreiber dafür aufkommen und ihre Leistungen über eine Maut verrechnen.

Und wenn Sie scheitern, der Stadtbetreiber in Konkurs geht?

Natürlich können wir auch scheitern. Staaten scheitern schliesslich auch regelmässig. Da ist es aber ja wohl immer noch besser, wenn dies im kleineren Massstab einer Privatstadt passiert, und dies Freiwilligen widerfährt, die alle genau gewusst haben, worauf sie sich vertraglich eingelassen haben. Im Übrigen würden wir ganz geregelt in die Insolvenz gehen und ein besserer Betreiber würde weitermachen, oder die Bewohner übernehmen die Betreiber-gesellschaft in einem Resident-Buy-Out.

Neben dem Gastgeberstaat, dem Betreiber, dessen Anlegern und den Vertragsbürgern gehört ein Schiedsgericht zum Modell der freien Privatstadt dazu. Welches ist der schwierigste Vertrag, den es auszuhandeln gilt?

Derjenige zwischen dem Stadtbetreiber und dem Gastgeberstaat, weil darin im Grunde ein Teil politische Souveränität verhandelt bzw. abgegeben wird: Macht- und Einflussverlust der Politiker und Beamten drohen. Sonderwirtschaftszonen weltweit zeigen aber, dass es durchaus Staaten gibt, die dazu bereit sind. In Dubai und Abu Dhabi gilt quasi englisches Recht. Auch Hongkong hat eine eigene Währung und eine eigene Verfassung bzw. ein eigenes Rechts-system. Schwierigkeiten wird es mit der Politik aber – auch mit Verträgen – immer geben. Regierungen sind nicht die verlässlichsten Vertragspartner und neue Begehrlichkeiten können schnell entstehen, wenn eine freie Privatstadt erfolgreich unterwegs ist. Dagegen sichern wir uns vor allem über Investitionsschutzabkommen ab, welche die meisten Staaten abgeschlossen haben und die ausländische Investoren wie uns Ansprüche bei staatlichen Eingriffen gewähren.

Die Schweiz wird in ihrem Buch mehrmals positiv erwähnt. Worin liegt der Beitrag an die Idee und an die Umsetzung ihrer Geschäftsidee?

Das Beispiel Schweiz ist sehr wertvoll. Nämlich die Idee der weitgehenden Gemeindehoheit bei Entscheidungen, die Kleinheit und Überschaubarkeit von Gemeinden und Städten, die zudem untereinander im steuerlichen und Regulierungs- Wettbewerb stehen. Vieles davon entspricht im Grunde meiner Vision für die ganze Welt: Dass wir künftig für das Zusammenleben kleinere und grössere, jederzeit überschaubare Gebiete einrichten, die ihre eigenen Regeln selber machen und die gleichzeitig offen und bereit sind, mit anderen Gebietskörperschaften zu konkurrieren. Zudem ist die Stellung der Schweiz in Europe ein mögliches Vorbild für ein ganzes Netz aus Privatstädten: Zusammenschluss wird nur zum Schutz, zu Verteidigungszwecken und bei der Entwicklung von Märkten angestrebt.

Würden Sie auch aus einer finanziell maroden Schweizer Kleinstadt per Vertrag mit dem Gastgeberstaat CH und/oder dem jeweiligen Kanton eine freie Privatstadt aus Vertragsbürgern machen?

Ich würde diese Aufgabe sofort und mit Freude angehen. Das Problem wird sein, dass die Bürger damit einverstanden sein müssen, da wir niemanden gegen seinen Willen zu einem Leben in einer Privatstadt zwingen wollen. Und dazu gehören ein gewinnorientierter Betreiber, keine öffentlichen Güter, ein eigenes Steuer- bzw. Gebühren- und Polizeisystem sowie vor allem die Einsicht, dass die Mehrheit nicht einfach die Regeln ändern und der Minderheit diese aufzwingen kann.

In der Praxis würde man vermutlich zuerst abstimmen lassen: „Wollen Sie eine freie Privatstadt für die nächsten 15 Jahre sein, oder nicht?“ Die Geltung des Vertrages mit Bund und Kanton müsste angeordnet, und allen Bürgern, die nicht einverstanden sind, eine Entschädigung gegen Wegzug angeboten werden. Wahrscheinlicher als dieses Szenario wäre jedoch, dass in der Nachbarstadt zur maroden Kleinstadt, auf noch unbewohntem Gebiet, eine neue Stadt entstehen kann, und die Menschen sich dann entscheiden können, ob sie bleiben oder in die freie Privatstadt umziehen wollen. Für den Betrieb könnte ich mir auch eine Genossenschaft vorstellen. Der entscheidende Punkt würde in jedem Fall bleiben: Ein Bürgervertrag, der nicht einseitig gekündigt werden kann, regelt die gegenseitigen Pflichten und Leistungen. Und: der Betreiber hat das Recht, darüber zu entscheiden, wer Bürger wird und wer nicht.

Das Buch bleibt bei der Beschreibung der Umsetzung spekulativ und offen. Wie geht es mit der Produktentwicklung konkret weiter? Wann und wo sind die nächsten Meilensteine gesetzt?

Den Erfolg der Geschäftsidee können wir ganz einfach messen, indem wir Geld verdienen. Wir sind gerade in der Karibik dabei, über eine Sonderverwaltungszone auf der grünen Wiese zu verhandeln. Das Projekt kommt der Idee einer freien Privatstadt schon sehr nahe.

Wer sind „wir“?

Bei den Investoren handelt es sich um ein Konsortium mit Sitz in Washington. Mein eigenes Unternehmen Free Private Cities, Inc. ist einer der Hauptinvestoren.

Zurück in die Karibik. Wie viel Geld investieren Sie wo genau und wann?

Für das Projekt in der Karibik werden in einer ersten Finanzierungsrunde rund 25 Millionen, in einer zweiten rund 50 Millionen Euro investiert. Zum Ort kann ich noch keine Auskunft geben. Wird der Standort zu früh öffentlich, drohen endlose politische Widerstände. Nur soviel: Im Gegensatz zu Beispielen in China und Saudi Arabien, wo riesige Retortenstädte entstehen, gehen wir das Wachstum marktgerecht und organisch, d.h. in drei Phasen an: 1000, 10’000 und dann bis 100’000 Menschen. Aktuell verhandeln wir mit dem Gastgeberstaat die vertragliche Rahmenbewilligung aus. Die erste Phase bis 1000 Vertragsbürger wollen wir in den nächsten drei Jahren abschliessen.

Was wäre ihre persönliche Rolle, wenn die Stadt gebaut ist?

Aktuell gehöre ich der Betreibergesellschaft an und leite die Verhandlungen mit der Regierung des entsprechenden Landes. Um zu lernen, wäre ich gerne die ersten zwei, drei Jahre auch operativ dabei.

Als Verhandlungsführer beschäftigen Sie sich wiederum vor allem mit Politik, etwas, dass Sie nach dem Umzug von Deutschland nach Monaco eigentlich nicht mehr tun wollten?

Das kann ich leider nicht ändern, weil ich nicht gleich auf die Ideallösung setzen kann. Unsere ersten Städte werden noch keine freien Privatstädte sein, sondern eher dem Modell eine Public Private Partnership (PPP) gleichen. Das Schöne ist aber, dass es Länder gibt, die bereit sind, sich auf die Idee der freien Privatstadt einzulassen. Zugegeben, dies sind vor allem Länder, die Probleme haben und deshalb eher offen sind für neue Ansätze. Gelingt uns das Projekt in der Karibik, können wir dafür sorgen, dass die Post wieder funktioniert, Gerichte nicht korrupt sind und Kriminelle draussen gehalten oder ausgewiesen werden.

Das Prinzip „marktorientierter Städtebau“, das Sie im Buch Patrik Schuhmacher zuschreiben, ist nur sehr kurz abgehandelt. Stadtplanung soll  nicht ideologischen Zielen, sondern den Gesetzen des Marktes gehorchen und „soziale Harmonie“ ermöglichen. Wie verändert sich dadurch die Aufgabe der Städtebauer, Planer und Architekten?

Im Grunde genommen gar nicht. Der Stadtbetreiber wird von Fall zu Fall über die Anzahl und die Qualität der Planungsvorgaben und Instrumente (etwa die Zonierung oder eine Nutzungs-durchmischung) entscheiden. Soweit haben wir eine Vorstellung: Wir möchten einen Stadtkern haben, der relativ homogen aussieht, damit die Stadt attraktiv ist. Die Dichte an Vorgaben wird von innen nach aussen abnehmen, vielleicht bis an Orten am Rand der Stadt, wo gar keine baulichen Regeln mehr bestehen werden. Dort wird die freie Privatstadt dann zum städtebaulichen Experiment.

Wird Patrik Schumacher, der als Beirat Ihrer Firma aufgeführt ist, mit Zaha Hadid Architects als verantwortlicher Masterplaner fungieren?

Patrik Schumacher wird nicht als Hausarchitekt fungieren, sondern übergeordnet und in Planungsverfahren und Ausschreibungen für die Qualität sorgen und in dieser Rolle selbstverständlich seine eigenen architektonischen Ideen einbringen. Ich stelle mir zudem vor, dass wir ganze Stadtviertel an Immobilienentwickler vergeben werden und dabei sowohl Gestaltungs- wie Qualitätsvorgaben machen. Was es nicht geben wird, ist eine öffentliche Mitwirkung, wenn es darum geht, Planungsgrundlagen verbindlich zu machen. Der einzelne Bürger wird aber jederzeit wissen, welche Regeln gelten und wie der Handel mit Eigentums-rechten spielt. Als Grundeigentümer könnte ich z.B. zehn Stockwerke bauen, realisiere aber nur deren drei, deshalb verkaufe sieben an einen anderen Grundeigentümer, der dann siebzehn Stockwerke realisiert.

Nach zwei Generationen soll eine freie Privatstadt ein räumlich klar abgegrenzter Ort für eine (Zitat) „überdurchschnittlich zivilisierte“, „gewaltfreie“, aber gleichwohl „wehrhafte“ und „hoch mobile Gemeinschaft“ anbietet. Welche städtebaulichen Vorbilder fallen Ihnen ein?

Mein Ideal ist die italienische Stadt mit der Piazza. Dieses europäische Bild einer Stadt kann ich in der Karibik natürlich nicht 1:1 umsetzen. Städtebau muss sich an den lokalen Begebenheiten orientieren. Aber im Grunde schätze ich Orte, die eine architektonisch homogene Mitte haben und eine räumliche Grösse, die in kurzer Distanz und sicher begehbar ist. Was für das Konzept der freien Privatstadt gilt, muss auch die Leitidee für den Städtebau und die Architektur sein: Ich glaube an die Marktidee, weil sie auf Versuch und Irrtum basiert und Planung nicht als Orakel, sondern als Risiko versteht: Wie sollen wir denn heute vorausplanen können, was in zwanzig  Jahren richtig und gut sein wird?

Immerhin versprechen Sie schon heute den Erfolg von „individueller Freiheit“ und sozialer Harmonie“ in Privatstädten? Wir werden wir an der konkreten Gestaltung von Plätzen und Häusern erkennen, dass Sie Ihr versprechen ohne politischen Einfluss und ohne Mitwirkung durch die Bewohnenden eingelöst haben?

Ich bin kein Städtebauexperte, sehe aber, dass es viele Modelle und Theorien zu einer schön und gut gestalteten Stadt gibt. Das sind alles Spekulationen! Wir werden Städte realisieren und dabei schnell lernen. Unser Vorteil ist, dass wir dabei nicht von fremden gesetzlichen und politischen Machbarkeiten eingeschränkt werden. Im Grunde fangen wir jedes Mal neu an.

Wie möchten Sie am liebsten bezeichnet werden: als Utopist, Visionär, Reaktionär oder Schöpfer von Wohlstand und individueller Lebensqualität?

Jemand hat geschrieben, ich wäre ein visionärer Realist. Da ist was dran. Ich bin immer gegen Utopisten und Wolkenkuckucksheim-Leute gewesen. Was ich kann, sind visionäre Möglich-keiten, die uns der Markt des Zusammenlebens bietet, mit einem ganz realen Geschäftsmodell zu verbinden. Das ist meine Stärke. So machen es auch Aldi und die Migros erfolgreich: Sie stellen Produkte zur Verfügung. Und wenn das Produkt gut ist, wird es gekauft, wenn nicht, wird es am Markt scheitern. Ich bin überzeugt, dass die freie Privatstadt als Geschäftsmodell dem weltweiten Status quo der Städte künftig überlegen sein wird, weil daraus ein zusätzliches und vielfältiges Angebot entstehen kann, das viele Menschen von der Staatsabhängigkeit befreit und selbstbestimmter leben lässt.

Möchten Sie noch etwas ergänzen?

Ja, zurück zu ihrem Schweizer Beispiel: Wenn Sie tatsächlich so eine Stadt in der Schweiz kennen, die als freie Privatstadt in Frage käme, dann (…)

Dialog in Planungsprozessen

Verfahren (vgl. Studienauftrag gemäss SIA 143) in Planung und Architektur setzen vermehrt auf den direkten Kontakt mit den beteiligten Teams. Das Büro für Stadtfragen hat die Argumente und die Voraussetzungen zusammengestellt, wieso und wann ein echter Dialog und damit weniger Anonymität zur besseren Lösung und mehr Planungssicherheit beitragen.

(sta) Der Begriff Dialog ist in der Architektur und in der Stadtentwicklung in aller Munde, wenn auch öfters als unverbindliches Plastikwort. Die Häufigkeit ist dennoch erstaunlich, denn Dialog ist anstrengend und bisweilen genau so gefährlich wie ein Gespräch in einem Krimi von Agatha Christie, denn: Im Dialog teilt sich der Mensch immer selbst mit, ob er das will oder nicht. In der Abgrenzung zum Monolog oder zur Information erhält der Begriff an Schärfe: Dialog ist immer zweiseitig und deshalb die Voraussetzung für Verständigung. Das für einen echten Dialog zur Verfügung stehende Material besteht aus fachspezifischen Informationen und aus persönlichen Bildern und Erinnerungen der daran Beteiligten. Die persönlichen Bilder geben sich oft erst durch Nachfrage zu erkennen, weil sie in mental maps abgelegt sind, in Landschaften im Kopf. Karl Schlögel (Im Raume lesen wir die Zeit, 2007) hat dazu treffen bemerkt: „Wer an diese Landschaften im Kopf herankommen will, muss Menschen zum Sprechen bringen, ihren Erzählungen zuhören.“

Sieben Argumente sprechen für mehr Dialog und weniger Anonymität in planerischen Wettbewerbsverfahren:

  • Die Diskussion um Anonymität (Erkennbarkeit von Autoren im Plan) erübrigt sich im entscheidenden Moment;
  • das gegenseitige Erleben des persönlichen Kontakts erhöht die Planungssicherheit und die Akzeptanz für Entscheidungen;
  • Dialog ist verlässlicher, direkter und ehrlicher als Planinformationen und Architekturbilder;
  • Dialog kann zielgruppen-, zeit- und mittelgerecht als Kontrolle eingesetzt werden;
  • Dialog bricht dem Primat der medialen Vermittlungsqualität von Projekten die Spitze;
  • Dialog macht es einfacher, über gewisse Dinge nicht zu reden;
  • Dialog kann adhoc einen zusätzlichen inhaltlichen Beitrag an die beste Lösung leisten.

Damit der Dialog gelingt, sind folgende Voraussetzungen zu erfüllen:

  • Dialog entspricht der Kultur und den Zielen des Veranstalters sowie der teilnehmenden Experten/innen;
  • ein Verfahren wird durch den Dialog gleichzeitig ergebnisoffener und wirtschaftlicher;
  • der Dialog findet in einem professionellen kommunikativen Umfeld statt;
  • die Form des Dialogs wird von den daran Beteiligten als echt wahrgenommen;
  • der Dialog wird von einer unabhängigen Person moderiert.

Gute Architektur ist gutes Branding


Gute Architektur ist gutes Branding, weil gute Architektur beziehungsfähig ist.

Im neuen Mercedes Benz Museum in Stuttgart werden die Besucher/innen von einem Pferd begrüsst. In Luzern haben Fachleute an den Architekturgesprächen 2008 über das Modethema diskutiert. Das Büro für Stadtfragen hat im werk, bauen+wohnen darüber berichtet.

Im Umfeld des Brandings, der unternehmerischen Markenführung, treffen die Architektur und die Stadt auf die Bedeutung und Wirkung einer zielgerichteten Darstellung und Verräumlichung von Werten und deren Zeichen, auf die Ökonomie des unternehmerischen Raums und dessen Wahrnehmung mit den Füssen, den Augen und den Ohren.

Ben van Berkel, Mitbegründer und Direktor von UNStudio, drückt es so aus: „Das Mercedes-Benz Museum verbindet eine Reihe radikaler räumlicher Grundsätze miteinander und schafft so im Endergebnis eine völlig neue Typologie.“

Mercedes Benz Museum Stuttgart

Die besten Städte der Welt: Züri auf Platz 15

Rio

Studie MasterCard Worldwide

sta. Es gibt sie zuhauf: Rankings der besten Städte der Welt. MasterCard engagiert sich mit dem MasterCard Center for Global Commerce an der Diskussion der erfolgreichsten Städte. Die *Global Cities* London, NY und Tokyo (vgl. Rem Koolhaas und YES) gaben anfangs der 80er Jahre die Antwort auf die damals neue globale Wirtschaftswelt. Heute stehen eine ganze Reihe von Global Cities für den umfassend räumlichen und thematischen Zustand der Beziehung zwischen dem Globalen Markt und nationalen Oekonomien. Laut Saskia Sassen hat sich nicht der anfangs befürchtete Einheitsbrei eingestellt, sondern die Unterschiedlichkeit, die zunehmende Positionierung von rund 20 Haupt- und 50 Nebenschauplätzen globaler Urbanität. Nicht mehr nur London und NY, sondern auch Paris, Seoul oder Amsterdam gehören dazu und werden bewertet. Die neuste Studie von MasterCard listet die bewerteten Städte aufgrund von sieben Hauptkategorien in einem Ranking auf. Beurteilt werden Faktoren wie Politische Stabilität, Wirtschaftsfreundlichkeit, Lebensqualität und Informationsfluss. Im Ranking 2008 ist London an der Spitze, Zürich ist von Platz 19 auf Platz 15 vorgerückt. Generell aufgeholt haben Städte in Asien, verloren die Global Cities in den USA. Wie jedes Ranking hat auch das Ranking von MasterCard einen Absender und ein Ziel, das über Tabellen hinaus geht. Deshalb lohnt es sich, die Zusammenfassung kritisch zu lesen. Was Saskia Sassen, Professor of Sociology at Columbia und Mitautorin der Theorie zu den *Global Cities* zum Ranking von Mastercard schreibt, steht in der Newsweek vom 15. September 2008, Seite 17 (Newsweek).