Early Follower: Nachahmer in der Architektur (beta)

First-to-market-Architektur verlangt nach den besten Entwerfer/innen und nach Unternehmen, die ihr Marktumfeld als Architekturbüro, als Ersteller oder Besteller genau kennen und die Zusammenarbeit auf Innovation einstellen. Innovation ist in der Architektur deshalb selten anzutreffen. Nachahmer, Early Follower, prägen den schweizerischen Architekturalltag. Dahinter folgen unzählige Varianten der Swissbox , stellvertretend für eine weit verbreitete Sprachlosigkeit im Bauen von Lebensräumen.

ETH-Gebäude HIT 2007 Baumschlager Eberle

EMMI-Hauptsitz 2010, Rüssli Architekten 2012-2014

Der frühe Nachfolger, Second-to-market oder Early Follower genannt, tritt in der Wirtschaftswelt relativ kurz nach dem Pionier, noch in der Einführungs- und frühen Wachstumsphase des Produkts, in den Markt ein. Das Modell lässt sich auf die Architektur übertragen: intellektuelle, logistische, typologische, formal-konstruktive und argumentative Pionierleistungen sind auch hier selten. Häufiger sind Projekte und Bauten mit Early-Follower-Qualitäten. Das Thema der Nachahmung ist in der Fach-Diskussion jedoch ein Tabu. Mindestens noch so lange, wie die individuelle Erfindungsgabe von Architekten/innen als Grundwert und berufsspezifisches Alleinstellungsmerkmal hochgehalten und vom Besteller (zu Recht oder Unrecht) auch bezahlt wird.

Multiplikatoren für Baukultur

Early-Follower-Strategien werden im Typen-, Formen- und Bildermarkt der Architektur sichtbar. Wie (fast) jedes Bauwerk sind sie ein Gemeinschaftswerk von mehreren Akteuren und das Resultate aus Wettbewerbsverfahren oder Direktaufträgen. Dass architektonische Innovation weder zu jedem Zeitpunkt noch in jeder Situation gefragt, geschweige denn überhaupt möglich und finanzierbar ist, liegt auf der Hand: Luzern braucht kein zweites KKL, Coop ist nicht Actelion, EMMI nicht Novartis oder die ETH Zürich, Altdorf nicht Basel, eine Villa am See kein Massenwohnungsbau. Early Follower in der Architektur sind genau deswegen ebenso wichtig für die Baukultur wie ihre Vorbilder: Durch die Nachahmung innovativer Vorbilder  können neue Themen und Standards aufgenommen und weitertragen werden. Man könnte sogar behaupten: Nachahmer-Bauten sind der wichtigste Beitrag an die breite Verständigung über Architekturkultur.

Substanz erkennen

Dies setzt jedoch voraus, dass die (aktuelle oder historische) Innovationsleistung von Vorbildern in ihrer Substanz erkannt und situationsbezogen in einen eigenständigen baulichen Beitrag übersetzt wird. Nur so erhält die Vermittlung architektonischer Qualität tragfähige, neue Argumente. Ausgesprochen oder nicht ausgesprochen haben Early Follower Strategien deshalb das Berufsbild des Architekten, der Architektin längst verändert: Nebst offenen Augen und der Lust am Bauen ist eine Logistik der Informationsbeschaffung notwendig, ein überdurchschnittlichen Mass an verfügbarer (und bezahlbarer) Kreativität gefragt, zudem eine Kommunikation im Entwurf und in der Zusammenarbeit, die einen materiellen Beitrag an die „spezifische Lösung“ leistet.

Zumthor wie OMA

Und wie machen es die Besten? Man müsste sie einzeln befragen. Erkennen lässt sich: Investoren, Bauherren und Architekten mit First-to-market-Absichten sind partout darauf angewiesen, dass Werte, kreative Leistung, Bestellung und der fertige Bau sich dem Primat der Innovation unterstellen. Es scheint, dass dieses Unterfangen nur an den Grenzen des bereits Denk- und Machbaren, des Bekannten, des Finanzierbaren, des schon Gesehenen bzw. schon wieder Vergessenen gelingt – und sich einem harten Wettbewerb um öffentliche Aufmerksamkeit stellt. Was das Prinzip dieses Grenzgangs angeht, unterscheiden sich Peter Zumthor’s Arbeit und jene im OMA von Rem Koolhaas kaum. Die Differenzen zeigen sich in der Art und Weise der ästhetischen Verpackung und in den Persönlichkeiten der am Projekt beteiligten.

Schicksal oder Strategie

Ist die Marktstellung in der Architektur tatsächlich eine bewusste Wahl oder doch nur Zufall? In den meisten Fällen ist sie wohl mehr oder weniger Schicksal. Der Grund dafür liegt vermutlich darin: Eine first-to-market Strategie gelingt in der Architektur nur dann, wenn sie gleichermassen durch aussergewöhnliche Kreativität und Können im Entwurf, in einem gemeinsamen Qualitätsverständnis bei Besteller und Ersteller sowie im richtigen Handeln und Verhandeln vis-à-vis einer zunehmend globalisierten (Finanz-)Welt begründet ist. Diese Kombination ist selten, aber es gibt sie. HdM können sich ihre Aufträge und ihren Marktauftritt aussuchen.

Swissbox: ein Ausdruck für die Sprachlosigkeit

Bauherrschaft, Investoren, Architekten, Planer und Bewilligungsbehörden sitzen immer zusammen in einem Boot:  Das Bonmot, Zeige mir deine Bauherrschaft und ich sage dir, was für ein Architekt du bist, gilt ebenso wie, Zeige mir deine Architektur und ich sage dir, was für eine Firma, für eine Stadt oder was für ein Chef du bist. Die Grenze zwischen first- und second-market lässt sich dabei noch einigermassen leicht erkennen. Mehr Schwierigkeiten bietet das grösste Arbeitsfeld im Planen und Bauen, das in den Reihen dahinter stattfindet: Gemeint sind die landein, landaus gebauten Adaptionen, Repetitionen und Banalisierungen von Architektur-Vorbildern. Der Begriff „Swissbox“ steht stellvertretend für das Phänomen, das dahinter steckt: Eine weit verbreitete Sprachlosigkeit bei der Bestellung, beim Entwurf und bei der Bewilligung von Lebensräumen.