Was fordert ein nachhaltiges Ernährungssystem von der Architektur? Zu dieser Frage hat das Institut Architektur der FHNW Material gesammelt und eine Liste von Essays, Themen und Projekten zusammengestellt. Der englische Imperativ im Buchtitel , Feed the City – Konzepte, Strategien, Architekturen (FHNW Institut Architektur, Christoph Merian Verlag 2024) wirkt unglücklich gewählt, weil der Lesestoff eine schweizerische Materialsammlung ist und kein Manifest.

sta/26. Jahrespublikationen von Fachhochschulen berichten über Kompetenzprofile und Leistungen in Lehre und Forschung. Feed the City ordnet sich in diese Reihe ein. Der Inhalt ist u.a. das Resultat eines Symposiums zu einem urbanen Landschaftsbegriff, der nicht Freizeitraum und Nichtbaugebiete meint, sondern vernetzte, nachhaltige Standorte und Einrichtungen für die Lebensmittelproduktion im städtischen Kontext.

Abwesende Vorbereiter

Zwei Bemerkungen, weshalb der Titel stutzig macht: Vor sechs Jahren war es Rem Koolhaas mit der Ausstellung Countryside, The Future, der die Landschaft mit gossen Resonanz auf die Agenda der Stadt der Architekten setzte: An der 5th Avenue in New York stellte er einen 93340 Warrior von Deutz-Fahr vor das Museum; neben dem Koloss ein pinkfarbig leuchtendes Gewächshaus, das während der Dauer der Ausstellung 30’000 Tomaten hätte produzieren sollen: Corona hatte etwas dagegen. Koolhaas gelang es trotzdem einmal mehr, mit dem Blick auf die Landschaft ein neues Issue auf die Agenda der Architektenschaft zu setzen. Zweitens realisierte im Vorspann der Guggenheim Show der französische Philosoph und Historiker Sébastien Marot an der Architektur-Triennale in Lissabon 2019 die Ausstellung Agriculture and Architecture: Taking the Country’s Side. Seine These lautete: Im Zeitalter des Klimawandels müssen die Umwelt- und Architekturdisziplinen unbedingt wieder Hand in Hand gehen. Anders als der Zauberer Koolhaas inspirierte Marot zu einer Kehrtwende hinaus aus der schizophren Situation, wie er sie nennt: Die Urbanisation schreitet voran, aber wir können sie uns eigentlich nicht leisten. Nach seiner umfangreichen Recherche von verschiedenen Modellen der Kooperation zwischen Stadt und Land lautet sein Zukunftsansatz «low-impact human ecology», übersetzt: Kleinmasstäbliche Gemeinschaften, geschlossene Kreisläufe und eine robuste Kultur, mit denen die Menschheit genügend Widerstände baut, um auch in einer schwierigen Zukunft zu überleben.

Noch näher rückt der Buchtitel an das Oosterwold-Projekt in Almere (NL) heran. „Feed the City“ wird dort in offiziellen Beschreibungen des Stadtentwicklungsprojekts als Leitkonzept genutzt, um die Vision zu vermitteln, dass Oosterwold – mit mindestens 50% landwirtschaftlich genutzter Flächen auf privaten Parzellen – aktiv zur Lebensmittelversorgung der gesamten Stadt Almere beitragen soll (Ziel: 10% des Bedarfs). Das Experiment Almere wird seit 2009 umgesetzt. Unglücklich ist, dass der Titel des Buchs und das Textmaterial weder auf Rem Koolhaas, Sebastian Marot oder auf das Oosterwold-Projekt (MVRDV) in Almere verweisen. Deren Beiträge über die urbane Stadt-Landschaft als Produktionsraum prägen immerhin schon seit Jahren den fachlichen Diskurs.

Hürdenlauf am Siedlungsrand

Die Stärke der Publikation liegt in der Darstellung verschiedener Disziplinen, Aufgaben und Projektansätze die zu einer nachhaltigen Nahrungsmittelproduktion beitragen können. Die grösste Herausforderung zeigt sich dabei offenbar entlang neuer und offener Grenzziehungen zwischen Siedlung und Kulturlandschaft.

Permaculture Chicken, Bill Mollison, 1988

Den historischen Überblick über die Lenbensmittelversorung unsere Städte und deren Wandel trägt im Buch Carolyn Steel bei. Sie mahnt, dass unser derzeitiges Ernährungssystem einen erheblichen Anteil an den globalen Treibhausgas-Emissionen hat und daher eine grundlegende Umorganisation benötigt. Steel nimmt an, dass die Lebensmittelversorgung künftig kleinteiliger, regionaler und ökologischer sein wird – der oben erwähnte Ansatz «low-impact human ecology» von Sebastian Marots lässt grüssen.

Landwirtschaft: Wir müssen reden!

Der Beitrag von Caspar Schärer trägt zu einer der wohl umstrittensten Diskussion bei, die im politischen und gesellschaftlichen Alltag längst stattfinden sollte: Jene über die Architektur als Teil eines umfassenderen Systems — eines Ernährungssystems, das Produktion, Verteilung, Konsum und Wiederverwertung umfasst. Schärer zeigt auf, wie das im Dialog gehen könnte: Er wagt sich im Beitrag, über die farbigen Linie der Raumplanung hinaus, die Landwirtschaft zu adressieren.

Die Mehrheit der gesammelten Beiträge sind Fallstudien zu Projekten, Strategien und architektonische Typologien die im Zusammenspiel ein zukunftsfähiges Ernährungssystem räumlich organisieren könnten. Feed the City wirkt dadurch insgesamt reichhaltig und ist dazu noch bilderreich und sorgfältig gestaltet. Trotzdem fehlt dem Buch sinnbildlich die fünfte Geschmacksrichtung umami. Mahlzeiten werden dadurch besonders schmackhaft, weil aus einzelnen Zutaten ein einziger Genuss oder das im Buch erwähnte „gute Leben“ entsteht.

Feed the City ist vor allem gute Nahrung für die Lehre. Die wichtigste Botschaft ist klar formuliert: Die Kooperation der Disziplinen in produzierenden Stadtlandschaften ist ein heikler Prozess der Annäherung und Verständigung. Feed the City würde als politisches und urbanistisches Programm auch in der Schweiz dazu aufrufen, die nachhaltige Ernährung der Regionen, Städte und Gemeinden als die zentrale, kritische Verbundaufgabe unserer Zeit anzuerkennen. Die Architektenschaft ist gefordert, mitzutun.