Le Corbusier’s Todestag ist 50 Jahre her. Das Centre Pompidou in Paris zeigt bis am 3. August die Ausstellung “Le Corbusier – Mesures de l’homme” und stellt den Geist des Modulors ins Zentrum. Gleichzeitig vermiesen mehrere Bücher über Corbusier’s Nähe zum Faschismus das Fest. Worum geht es im Verhältnis zwischen den Menschen, der Macht und der Radikalität in der Architektur?

Paris, beta_10/02/16. Wie verhält es sich mit der Proseminarweisheit, Werk und Mensch grundsätzlich voneinander zu trennen? Der Artikel, den Marc Zitzmann mit dem Titel “Erneuerung, Reinemachen, Säuberung” am 27. Mai in der NZZ publizierte, verunsichert in dieser Frage gehörig: Das liegt an seinem Überblick über den Stand der Forschung, weshalb einer der grössten Architekten der Geschichte mit seiner Haltung und seinen Bauten in die Nähe eines menschenverachtenden, totalitären Systems gerückt wird. Gleichzeitig ruft das Issue “Le Corbusier und der Faschismus” der ganzen Branche unmissverständlich in Erinnerung, dass in jedem aus westlicher Sicht umstrittenen politischen System grosse Werke von Architekt/innen gebaut werden. Sind daran nur die Bösen und Unbekannten beteiligt oder gehören einig der Guten dazu, die weltweit gefeierten? Natürlich sind sie im Zeitalter der Globalisierung alle irgendwie mit von der Partie. Gleichzeitig ist die Frage nach dem Politischen der Architektur im Zeitalter der Personalisierung, der Ökonomie der Aufmerksamkeit, des medialen Standortfetischismus und globalen Co-Branding von Namen, Werken und Unternehmen unbeliebt. Man kann sie anders stellen: Kann es in der Architekturkritik nur um den Beschrieb von baukulturellen Leistungen gehen, ohne dass die wie auch immer geartete, politische Haltung dahinter beleuchtet ist? Und wenn ja: Ist das Architekturgeschäft dann aus Sicht der globalen Player in der Szene letztlich nur ein pragmatisches Geben und Nehmen?

birdsnest_restaurant
Herzog und de Meuron am Tisch mit dem Künstler Ai Weiwei.

Jacques Herzog und seine Idee vom guten Diktator

Die Fragen sind nicht leicht zu beantworten, weil sie mit Ethik zu tun haben und deshalb knifflig sind. Unbestritten ist: Architektinnen und Architekten lassen sich immer auf die Gratwanderung zwischen der Architektur und der Sache der Politik ein, sobald sie sich als Auftragnehmer/innen und Berater/innen in die Linie zur politischen oder wirtschaftlichen Machtzentrale stellen. Jaques Herzog hat diesen Umstand 2010 aus seiner Sicht unbedarft, dafür umso deutlicher aufgeführt. Unter dem Eindruck seiner Arbeit in China, sprach er, anlässlich eines Gesprächs mit dem Schweiz-Korrespondenten der ZEIT, Peer Teuwsen, von seiner persönlichen politischen Idee des “guten Diktators“. Auf der Bühne des Schauspielhauses in Basel liess er sich vor seinem Heimpublikum verlauten:

Ich denke, die Demokratie, wie wir sie kennen, ist am Ende. Der Bundesrat ist überfordert und die Gemeinderäte sind überfordert. Wir werden von Leuten regiert, die von Parteien gewählt werden. Und diese Parteien sind nicht zu gebrauchen, weil in der Parteienlandschaft niemand über die eigentliche Sache diskutiert. Genau heute brauchen wir jedoch wieder Menschen, die in erster Linie an der Sache interessiert sind und Fakten auf den Tisch bringen. Ich sage nicht, dass die Chinesen dies tun. Aber weil es dort nur eine Partei gibt, hat China im Unterschied zur Schweiz bei politischen Entscheiden nicht noch irgendwelche Grabenkämpfe zu bestreiten. (…) Ich spiele mit meinen Aussagen zu China den Advocatus Diaboli. Aber das hat seinen Grund: Mich fasziniert tatsächlich die Idee des Herrschers, der keine eigenen Machtinteressen hat.

Ob Herzog mit dem Statement zum Herrscher ohne eigene Machtinteressen die politische Führung in China oder sich selbst meinte, ist nicht explizit.

Kahn in het Kimbell Art Museum, Fort Worth TX, 1972.Beeld Robert Wharton
Louis Kahn

Dokumentiert ist, dass Jacques Herzog mit seiner Haltung, die sich am Bild des wohlwollenden Herrschers orientiert, nicht alleine dasteht. Frank Gehry etwa beschreibt den grossen Meister Louis Kahn in seinem Streben nach Grossen Ideen implizit als naiven Modernen, der an die eigene Rolle des guten Diktators glaubte (Louis Kahn. The Power of Architecture, Vitra 2012, S. 255):

„Ich erinnere mich an die gigantischen Strukturen (Anm: gemeint sind Kahns Entwürfe für die Stadt Philadelphia) die er schuf. (…). Aber in gewisser Hinsicht zeigten sie doch die Naivität eines Architekten. Wir alle haben die Vorstellung, dass man eine Lösung präsentieren kann, die für alle passt. Dahinter steckt einerseits Grösse, aber andererseits zugleich ein Scheitern. Die Welt, in der wir leben, ist mehr oder weniger eine demokratische Welt (…). Die meisten unserer Städte sind chaotisch. Sie sind nicht darauf ausgerichtet, ein Baumodell oder Baumuster zu übernehmen, das für alle passt. Es erfordert einen wohlwollenden Diktator, um das durchzusetzen. Als Architekten hoffen wir immer, auf diese Weise Einfluss ausüben zu können, doch letzten Endes läuft es auf ein Gebäude und einen Klienten, einen Finanzplan, einen Zeitplan und den Genehmigungsprozess hinaus.“

Und wie waren damals eigentlich in Monte Carasso die Machtverhältnisse verteilt, als Luigi Snozzi nicht mit der Bevölkerung reden wollte, sondern seinen Plan zeichnete und dem ganzen Dorf (seine) neuen Regeln für das Bauen vorgab: “Was manche als Diktatur ansehen würden, war eine freiwillige Treue”, so kommentierte der damalige Bürgermeister von Monte Carasso, Flavio Guidotti, die Konstellation zwischen Architekt und der Bevölkerung. Auch Guidotti liess sich sein eigenes Haus, treu nach den Ideen von Luigi Snozzi bauen.

Wachsmanns Notiz

Was Le Corbusier betrifft, so gibt es, neben den in Marc Zitzmann’s NZZ-Artikel erwähnten kritischen Autoren, moderne Weggefährten, die Le Corbusier’s Aussagen zum Dritten Reich und den Nazis nebenbei eine Notiz wert sind. Michael Grünig erzählt in seinem Buch über Konrad Wachsmann davon, was dieser aus seinen Begegnungen mit L.C. Jahre zum Thema Adolf Hitler später noch in Erinnerung gehabt haben soll (aus: “Der Architekt Konrad Wachsmann”, Wien 1986, Seite 348 f.):

“Hitler’s Diktatur (…) hielt er (Anm: L.C.) für Übertreibungen der Hitlergegner. Hitler und Mussolini sind doch sehr erfolgreiche Politiker, sagte er und staunte über mein Erstaunen. Was wollen Sie, entgegnete er (Anm: L.C. gegenüber Wachsmann) auf mein Erstaunen. Hitler hat das Volk hinter sich. (…) Dass er Chaoten und Querulanten einsperrt, halte ich für ganz normal. Nach den katastrophalen Zuständen in Deutschland musste ein Mann an die Spitze kommen, der Ordnung schafft.”

Der Fall Le Corbusier und die Tatsache, dass die Globalisierung der Architektur ein neues öffentliches Verhältnis zwischen Architektur und einer wie auch immer gearteten politischen und wirtschaftlichen Machtkonstellation bedeutet, zeigen: Es tut unserer Zeit und der Architektur vielleicht doch gut, wieder vermehrt zu den Ideen der Bauherrschaften und der Entwerfenden zu recherchieren. Die Frage ist nur: Wie und weshalb? Die Werke und die ideologischen Hintergründe der Architekt/innen auseinanderzuhalten, hiesse, zu trennen, was die Moderne zu verbinden vorgab: den (besseren und gesunden) Menschen und seine gebaute Umwelt. Vernünftig scheint, sich davor zu hüten, Architekt/innen a priori mit guten Menschen, mit Volksbildhauer/innen gleichzusetzen und in kritischen Fällen einfach wegzuschauen, wenn Architektur zum politisch oder gesellschaftlich einseitigen Statement ausartet. “Auch Loos gehörte zu jenen, die sich etwas Besseres wähnten, als Missionare des aufgeklärten Lebens”, schrieb jüngst Hanno Rautenberg in seinem Artikel zum Fall Adolf Loos, der als pädophiler Straftäter verurteilte Architekt (DIE ZEIT, Nr.31, 20.7.2015, 9. 40).

Anspruch statt Verurteilung

Trotz den kritischen Beispielen kann es fortan nicht darum gehen, die Beurteilung von Werken a priori nicht mehr von der Persönlichkeit des Architekten zu trennen und jedes Werk zuerst einer moralischen Bewertung zu unterziehen. Obwohl wir wissen, dass hinter jedem legitimen Anspruch an professioneller Definitions- und Gestaltungsmacht, hinter jeder Architektur, die sich mit grossem A schreibt, gleichzeitig ein Auftrag und ein persönlich motivierter Anspruch der Entwerfenden an die eigene Macht und Leistung stehen. Das Resultat muss im Auge der ambitionierten Architektenschaft deshalb gut bis sehr gut zu sein, über Moden und Zeitgeist hinaus Veränderungen von Lebenswelten und Generationen überdauern. Insbesondere Grossprojekte mit globaler Ausstrahlung können auch den Nachgeborenen etwas über das politische Selbstbild einer Zeit erzählen, über Ideen, Werte und Träume. Dieser Anspruch lässt sich in historischen Beispielen wiederfinden, die wir (fast alle) lieben. Ohne die Qualitätsansprüche von Architekten, Stadtplanern und der Politik, aus denen die historischen Baudenkmäler entstanden sind, bliebe das Gebaute oft nur Markt: fantasieloses Bauen für den Moment und den Profit.

Die Diskussion über die politische Neigung als Grundlage für professionelle Ansprüche ist somit gleichzeitig der Geschichte und der Gegenwart zugehörig. Für sich alleine dargestellt, ist die Diskussion, wie sie um die Person Le Corbusier geführt wird, dennoch jedoch im Grunde zweitrangig. Historische Bauten haben oft länger Bestand als das menschliche Leben. Wir pilgern deshalb weiterhin gerne nach Brasilia, und Le Corbusier’s Werk bleibt ein fantastisches Werk. Die Bauten der römischen Feldherren ebenso. Es lohnt sich jedoch aus professioneller Sicht ebenso wenig, auf dem Hintergrund der persönlichen Forderung nach guter Architektur, die Demokratie oder andere politische Systeme grundsätzlich in Frage zu stellen, so wie das Jacques Herzog im oben erwähnten Fall als selbst ernannter “advocatus diaboli” mit narzistischem Unterton vorgeführt hat.

Radikalität als List?

Da gerade in unserer Zeit eine grosse Anzahl anspruchsvoller Bauaufgaben realisiert werden, drängt sich neben dem personalisierten unpolitischen Herrschertum über gute Architektur ein anderes Szenario auf. Vielleicht kann sich ein politisches System unter globalen Einflüssen lokal ja selbst überlisten, um nachhaltig gute oder gar ausserordentliche Bauten hervorzubringen. Der Stadt Sursee gelang dies mit einem Gebäude von Luigi Snozzi, nachdem man dem Architekten den Auftrag quasi weggenommen hatte. Wie es in Luzern gelang, ein über 40 Meter auskragendes Dach durch vier Abstimmungen zu bringen, gleicht bis heute einem kleinen Wunder und hat nichts mit Herrschertum zu tun.

Das KKL in Luzern und das Olympiastadion in Peking wären ein spannendes Vergleichspaar, um zu vertiefen, wie gute Architektur durch List, Legitimation und Überzeugung entstehen. Die These dazu könnte lauten: Ist es letztlich nicht die architektonische Radikalität die Essenz, mit der es gelingt, verschiedenste politische, architektonisch-kulturelle und medial-globale und wirtschaftliche Definitionen und Positionen von Macht in einem gebauten Gegenstand zum Ausdruck zu bringen? “Radikalismus bedeutet letztlich, sich auf das Essentielle zu fokussieren”, liess sich Luigi Snozzi in einem Video von 2018 zitieren. Dass einer wie Peter Zumthor in Berlin gescheitert ist, heisst im Handumdrehen auch, dass Radikalität, verstanden als das Verharren auf der eigenen, unverrückbaren Position, per se noch kein Rezept darstellt, das ein Scheitern verhindert. Auch die Essenz eines öffentlichen Vorhabens entsteht letztlich im Auge des Betrachters.

Stimmt die These, dann würde umso mehr gelten, dasss gerade bei Projekten mit hoher Öffentlichkeitswirkung und einem radikalen Streben nach Selbstbefreiung und Selbstverwirklichung sorgfältig zu beobachten und abzuschätzen ist, ob, in welchem Mass und in welcher Form die Radikalität abseits des Normalen und bisher Bekannten jeweils im Spiel ist. Mit anderen Worten: Ob Einzigartigkeit in ihrem Anspruch nach Innovation, Qualität und Definitionsmacht am Bau eher über die Zeit, ihre Gesellschaft und Orte interpretieren oder, im schlechteren Fall, hauptsächlich über das Ego der daran Beteiligten. Ob Radikalität gleichzeitig List bedeutet, eher durch professionell gute Arbeit, den Zufall und die richtige Konstellation oder Taktik wirksam wird oder gar Magie am Werk ist, spielt weniger eine Rolle: Im Resultat muss für eine Demokratie in jedem Fall gelten, dass kein Bauwerk das Recht hat, die Nutzung und die Wahrnehmung des öffentlichen und privaten Raums ohne Gegenleistung, das bedeutet ausschliesslich für sich, zu beanspruchen.

Transparenz des Gemeinsamen

Eine solche Gegenleistung entsteht, wenn im Planen und Bauen, zusätzlich zum messbaren monetären Profit, weitere Mehrwerte zum Gegenstand von Absichten und Zielen werden. Ich nenne sie Gemeinsamkeiten wie: öffentliche Zugänglichkeit, kollektive Nutzung, mehrfach nutzbare Räume, Temporäres, Schutz, Identifikation, gemeinsamer Profit. Mit Gemeinsamkeiten ist eine zusätzliche Form von architektonischer Transparenz gemeint. Eine, die im Städtebau und in der Architektur ideell, materiell, räumlich und performativ zur guten Lösung beiträgt. Dies gelingt, wenn eine Aufgabenstellung, die Entwurfsisdde und letztlich das fertige Werk verständlich Auskunft geben können über die Haltungen, Werte und Ziele, die das Spiel bestimmen. Die hier propagierte Transparenz für das Gemeinsame leistet dem gleichzeitig herrschenden Wettbewerb um Märkte und um Aufmerksamkeit in der Architektur (vgl. dazu Georg Frank) Folge. Information und Austausch sind im Architekturgeschäft nicht nur (mehr oder weniger mühsame) Aufgaben und Mittel: Sie leisten vielmehr einen substantiellen Beitrag an die richtige Lösung. Mit anderen Worten: Kommunikation in der Architektur (und dazu zählt auch das Branding) ist zuerst einmal soziales Handeln und erst danach Selbstdarstellung. In ihrer Transparenz für das Gemeinsame kann jedes Gebäude, das an die Stadt als Hülle, Objekt oder als Lebensraum einen Beitrag leisten will oder muss, Werte bilden, die einer Allmend ähnlich, mehrfach wirken, dienen und nutzen – aber nie einseitig ausnützen. Erkennbar und wirksam sind in der Stadt und am einzelnen Haus nicht mehr nur Glasfassaden, das offene Erdgeschoss oder die technische Finesse, sondern ebenso die Aufgabe und die Entwurfshaltung, die anvisierten und erzielten Mehrwerte inkl. deren Wirkung und Wahrnehmung.

Bedrohte Autoren

Eine Transparenz des Gemeinsamen, die sich als programmatische Forderung behauptet, wäre gleichbedeutend mit der Chance, dass sich eine ganzer Berufszweig vom ungesunden Massensport der Autoren- und Künstlerarchitekten distanzieren könnte. Die Architektur könnte sich wieder mehr auf ihren Beitrag an den Lebensraum widmen, und überdies: die Kunst wohl wieder mehr auf die Kunst. Der vermeintlich unbestrittene, gemeinsame Hintergrund von Architektur und Kunst – die Skulptur, das Objekt, die Erfindung, das Unikat, die ästhetisierte Landschaft etc. – würden im Diskurs dem Austausch von Werten, Wahrnehmungen, konkreten Räumen, Realitäten, Wünschen und Ansprüchen weichen. Hinter dieser Idee steckt ein Realismus, der sich dafür interessiert, zu wissen, was im Hintergrund einer Planung oder einer Architektur vorhanden ist; was darauf als Gegenstand ausgehandelt und realisiert wird. Realismus bedeutet in diesem Fall auch eine gewisse Freiheit: Lassen wir ein Haus wieder ein Haus sein, ohne dass es ein Konstrukt oder ein Dekonstrukt sein muss, lassen wir gute Architektur wieder schön sein, ohne dass sie partout aus der Idee eines Kunstobjekts entstanden sein muss. Lassen wir gleichzeitig die Kunst unnütz und zeitgemäss sein, ohne dass jede Intervention ausserhalb des Museums die Stadt, das Leben im öffentlichen Raum gleichzeitig neu interpretieren und definieren und darüber hinaus auch noch verbessern muss. Wie hat es Louis Kahn weiter vorne im Text an die Adresse seiner Berufskollegen Architekten formuliert: “(…) letzten Endes läuft es auf ein Gebäude und einen Klienten, einen Finanzplan, einen Zeitplan und den Genehmigungsprozess hinaus.“

Mit Josephine Baker
LC u.a. mit Josephine Baker (Mitte).

Geben und nehmen bei Le Corbusier

Und bleiben wir auch in diesem Punkt realistisch: Es gab und gibt tatsächlich Menschen, die in mehreren “Lebenswelten” Aussergewöhnliches leisten, sei es als Arzt und Anwältin, als Buchautorin und Krankenschwester, als Künstlerin und Architektin. Sie ragen meist heraus ohne den Anspruch, das politische System in Frage stellen zu müssen, oder die gottähnlichsten unter den Gestaltern dieser Welt zu sein. Dafür ist die Ausstellung in Paris eine wertvolle Erinnerung: Le Corbusier war Architekt, malte und hinterlies seiner Nachwelt, durchaus mit gesellschafts- und sozialpolitisch motiviertem Kalkül, einige nachhaltig wirksame Plan-, Bild- und Textdokumente. Zum Beispiel den Text “Urbanisme”, der erstmals 1925 erschienen ist. Darin ist nachzulesen, dass Le Corbusier in seinem Schaffenswillen von einem hohen Bewusstsein und viel Bewunderungen für die Orte und Potentiale der Macht angetrieben wurde: “Voici un roi, dernier grand urbaniste dans l’histoire, Louis XIV (Anm: Louis XIV wurde auch der “Sonnenkönig“ (frz. le Roi-Soleil) genannt). Hätte sich ihnen die Gelegenheit geboten, Le Corbusier und Jacques Herzog wären sich in ihrer Bewunderung für das (radikale) Schaffen des Roi-Soleil wohl schnell einig gewesen:

“Sie kennen Paris, die vielleicht perfekteste, schönste und radikalste Stadt der Welt, wo sich Strassenachsen wie Sonnenstrahlen scheinbar endlos ausdehnen. Paris steht für den wahnwitzigen Versuch, die Schönheit der Stadt in Stein herzustellen. Die spezifische Idee der Achsen in Paris ist (…) eigentlich so etwas wie ein Lichtstrahl, der vom Roi Soleil (dem Sonnenkönig) ausgeht, in die Unendlichkeit zeigt und entlang dem im Plan dann verschiedene Monumente aufgereiht sind. Solche Motive sind natürlich total unschweizerisch: die Idee des Monuments, die Wirkung von unendlichen räumlichen Achsen.” (siehe oben, Jacques Herzog, Basel 2010)

Die Ausstellung “Mesures de l’homme” in Paris macht gut nachvollziehbar, wie Le Corbusier die Möglichkeit fand, mit seinen Bauten damals radikale moderne Ideen in Aufträgen umzusetzen, die gleichzeitig den Bruch mit der Vergangenheit und das Neue suchten. So etwa in der Mitte des letzten Jahrhunderts in der Welt von Indiens Premierminister Jawaharlal Nehru, der sich für Chandigarh eine “neue Stadt, symbolisch für Indiens Freiheit, ungetrübt von der Tradition der Vergangenheit: ein Ausdruck für den Zukunftsglauben der Nation” wünschte (Zitat aus dem Ausstellungstext). Erwähnenswert ist: Le Corbusier überliess den Bau der Wohnbauten seinen Kollegen. Selbst widmete er sich den Orten der Macht, die er dann auch realisierte: dem Capitol, dem Gebäude für die Nationalversammlung und den Gerichtshof. Zwischen den Gebäuden entstand ein Monument: die “Offene Hand”. Sie steht für das Geben und Nehmen, für ein stimmiges Bild in jeder Beziehung zwischen Architekt und Auftraggeber, zwischen Definitions- und Positionsmacht. Eine profunde Lesart zum Monument bzw. dem Verhältnis von Architekt, Architektur und Auftraggeber in Fall von Chandigarh hat Stanislaus von Moos in der NZZ vom 5. Juni publiziert: “Le Corbusier und Chandigarh, Baukunst, Industrie und Staatsräson”. Zitat:

“Die «Offene Hand» war, wie man weiss, als eine Art Logo der 1950 gegründeten indischen Stadt Chandigarh gedacht gewesen und sollte dort auch als Monument aufgestellt werden. Es liegt also nahe, in dem Zeichen mehr als nur einen riesenhaften Baseball-Handschuh, eine Art Pokal, oder den Fetisch einer Architekten-Sekte zu erkennen. Sie war auch so etwas wie das Wahlversprechen seitens der Regierung, die Gaben des Fortschritts im Sinne des modernen Sozialstaats an das Volk weiterzugeben. So zumindest wollte es der Architekt von seinem Bauherrn verstanden wissen – obzwar Aussprüche wie «pleine main j’ai reçu, pleine main je donne» deutlich machen, dass es bei dem Motiv, so, wie es inzwischen auf Buchdeckeln, Ausstellungskatalogen, sogar Münzen erscheint, am Ende dann doch vor allem um die Signatur des Architekten geht, also um Selbstinszenierung im mythopoetischen Irgendwo zwischen Rudolf Steiner und Joseph Beuys.”

Der Grundstein für Chandigarh wurde 1952 gelegt.

monumentderoffenenhand
Le Corbusier: Die offene Hand.

Nachtrag vom 04. August 2022 zum Thema “guter Diktator”: In einem Interview im Tagesanzeiger propagiert Dirk Helbling seine “demokratische Alternative” (…) “zum Konzept des guten Diktators” in der Verkehrsplanung:  “Es wird nicht von oben gesteuert, sondern von unten”, d.h die Schaltung von Ampeln wird nicht im Voraus programmiert, sondern laufend an die jeweilige Situation angepasst. Sein Ansatz: Weg von der zentralen Kontrolle durch Technik, hin zu einem Strassenraum, der sich mit Hilfe neuer Technologien den jeweiligen Bedürfnissen der Menschen und z.B. auch dem Tagesablauf maximal anpassen kann.

Dirk Helbling ist seit 2007 Professor für Computational  Social Science an der ETH Zürich und befasst sich mit der digitalen Transformation unserer Gesellschaft. Eines seiner zentralen Themen ist die Fähigkeit von komplexen Systemen, sich selber zu regulieren.