Schlagwort-Archiv: Risikogesellschaft

Sendai: Wirklichkeiten in einer virtuellen Welt

Bei einer Katastrophe, wie sie  Japan derzeit erlebt, zählt der Schaden, der an aussergewöhnlicher Architektur angerichtet wird, zur Nebensache. Trotzdem ist erwähnenswert: Toyo Ito’s beschädigte Mediatheque in Sendai leistet in einem Youtube-Video einen Beitrag an die globale Medienberichterstattung und vermittelt damit unter tragischen Umständen quasi in eigener Sache auch eine Botschaft zum Thema mediale Wirklichkeiten. „Mit der fortschreitenden Entwicklung der elektronischen Technologie verlieren wir den Sinn für die Wirklichkeit“, sagte Toyo Ito vor der Eröffnung der Mediatheque 2001.

(sta) Die berühmte Mediatheque von Toyo Ito (2001) wurde offenbar beschädigt, aber nicht zerstört. Ein Video auf Youtube dokumentiert die Situation im Innern des Gebäudes während des Bebens vom 11. März 2011. Die Filmkamera blickt vom Boden aus an die Decke. Die Filmenden haben unter einem Tisch Schutz gesucht. Zwei Dinge sind besonders: Die Länge des Bebens und die Art und Weise, wie die Konstruktion des Gebäudes die Naturkräfte aushält.

Das Erdbeben in Japan, erlebt in der Mediatheque von Sendai:

Metapher des fliessenden Raums

Das Büro für Stadtfragen hat Toyo Ito im September 2000 in Pontresina zu einem kurzen Gespräch getroffen. Itos Bestreben, eine Metapher zu finden für den natürlichen und digitalen Informationsfluss zwischen Innen und Aussen eines Medienzentrums, zwischen Natur, Stadt, Gebäude und seinen Benutzern, finden in der Mediatheque ihren Ausdruck in einer völlig offen projektierten Raumstruktur im Ausmass von 50 x 50 x 30 Meter und in der primären Tragstruktur aus Pylonen, die an Bäume und Seetang im Wasser erinnern. Toyo Ito sagte damals, kurz vor der Fertigstellung des Gebäudes: „Die Mediathek in Sendai ist beinahe beendet. Das Bild, welches ich mir für diese Architektur vorgestellt habe, war ein transparenter Raum, der schwerelos zu sein scheint. Wie dem auch sei, in den letzten vier Jahren habe ich mit dem Stahlgerüst gekämpft. Was wir durch diese Auseinandersetzung entdeckt haben, ist nicht die Transparenz als eine Oberfläche, sondern die Wirklichkeit des Objekts hinter dieser Oberfläche.

Architekturvideo zum Innern des Gebäudes von Toyo Ito:

Verlorener Sinn?

Der Vergleich der beiden Videos ermöglicht die Wahrnehmung unterschiedlicher medialer Wirklichkeiten in denselben Räumen: Hier die beinahe stumme Vermittlung einer Architekturkomposition als Metapher für die fliessende Natur des Raumes, dort das individuell erlebte und global publizierte Ereignis einer Naturkatastrophe. Der Realität einer Katastrophe hat das Bauwerk standgehalten. Die statisch für Erdbeben ausgelegten Konstruktion aus „Bäumen“ hat gehalten. Nur, welchen Sinn macht die im Erdbeben-Video gezeigte Wirklichkeit, neben der Unterhaltung? Ito mahnte 2000: In Tokio benutzt jeder Zweite oder Dritte ein Mobiltelefon, um sich zu unterhalten oder um Mitteilungen auszutauschen. Mit der fortschreitenden Entwicklung der elektronischen Technologie verlieren wir den Sinn für die Wirklichkeit. Im Gegensatz dazu habe ich die passende Wirklichkeit für die Mediathek in Sendai gefunden.“ Diese Wirklichkeit hat sich im März 2011 verändert, und die Welt hat zugeschaut.

Zitate aus: Thomas Stadelmann, Zum Stand der Dinge: Wirklichkeit in einer virtuellen Welt. in: Global City versus Local Identity, Kompendium 3. Internationales Architektursymposium Pontresina, 13.-15. September 2000


Stille Stadtentwicklung statt Risikoplanung

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Film

Die Stadt Luzern verändert sich – gleichzeitig in ihrem Herz und am Rand. Was hat der Stadtkeller mit der Stadtregion zu tun?

Die NLZ berichtete gestern darüber: In der Altstadt droht der Stadtkeller zum «Lumpen-Laden» zu werden. Polo Hofer bedauert, und die Kulturchefin hat «rechtlich» weder eine Aufgabe noch Instrumente, um etwas dagegen zu tun. Szenenwechsel ein paar Seiten weiter: Ernst&Young, die Uni St.Gallen und Metron kümmern sich um das Projekt «Starke Stadtregion». Der Kopf in dieser Geschichte heisst Christian Sauter. Das eine hat mit dem anderen zu tun. In der Altstadt und regional geht es um die Zukunft des Wirtschafts- und Lebensraums Luzern, nur: Wer übernimmt für diese Aufgabe eigentlich die inhaltliche Verantwortung? Die Medien tun ihr Bestes: Sie schreiben über Symptome und persönliche Meinungen. Zurecht: In der Altstadt sind die Ursachen der Entwicklung hin zum zweitklassigen Shoppingcenter nämlich längst bekannt und mögliche gemeinsame Aufgaben der verschiedenen Akteure ebenso, jedoch: Sie sind in ihrem Wesen von anspruchsvoll über konfliktanfällig bis langwierig. Stille Stadtentwicklung ist angenehmer.

Chancen und Risiken

Als starke Wirtschaftsregion hat Luzern im Binnenmarkt und im Export ihre eigenen guten Chancen. Deshalb verwirrt es, wenn der Projektleiter der Stadtregion zum Start vor allem verlauten lässt, was er nicht will: über eine Fusion entscheiden. Das ist nämlich auch nicht nötig, weil für die Auftraggeber das politische Ziel (Fusion) sowieso klar ist; auch regionalökonomisch sprechen die Argumente deutlich für eine grössere Verwaltungseinheit. Nur: Investoren, Firmen, Kulturunternehmen, armen und reichen Familien, jungen Arbeitskräften und welttauglichen Kreativen ist es egal, ob ein oder vier Stadtoberhäupter regieren. Sie haben zuerst das Anrecht darauf und hoffentlich auch die Motivation dazu, in geeigneter Form mit zu gestalten und mit zu verantworten, was sie nicht gleich morgen aber bestimmt übermorgen selbst am meisten betrifft; die Entwicklung des gemeinsamen Wirtschafts- und Lebensraums. Dabei geht es um konkrete inhaltliche Anliegen, um Annahmen, Verteilung, Risiken und Konsequenzen; nicht zuerst darum, territoriale, wirtschaftliche und damit politische Machtansprüche durch Polit-Expertisen und Verfahren zu legitimieren. Das ist die eigentliche Chance für die luzernische Stadtentwicklung und Wirtschaftsförderung: Die Kommunikation mit den verschiedenen Akteuren als Teil der regionalen Zukunfts-Lösung zu betrachten, z.B. als Alternative zu einer lokal perfektionierten Mediokratie und Polit-PR.

Risikokultur statt Event-Kultur

Es ist gut, hat Luzern Fasnächtler, Events, Messen und den internationalen Tourismus: sie machen den traditionellen Lärm in einer ausgesprochen erfolgreichen Event-Stadt. Lärm, Laufstege und Selbstdarstellung reichen jedoch als Taktik für nachhaltige urbane Entwicklung schon in naher Zukunft nicht mehr aus, schon gar nicht, wenn die Region und damit das „Land“ um Luzern herum zur Diskussion steht. Die in den letzten Jahren erfolgreich praktizierte politische Inszenierung lokaler Kulturökonomie scheint deshalb tatsächlich ein Rezept aus dem letzten Jahrhundert zu sein. Eher gilt: Morgen ist schon heute; jetzt und wohl in naher Zukunft geht es vermehrt um messbare regionale Ressourcenpolitik, noch mehr darum, den Dialog „Stadt-Land“ nachhaltig und nicht von innen nach aussen zu führen; um Anpassungsstrategien statt um Planung; es geht um die politische Führerschaft unter den Bedingungen einer Risikogesellschaft. Eine Stadt wie Luzern, die gleichzeitig im Kern und am Rand vor bzw. mitten in Veränderungen steckt, muss nicht sehr kreativ und sehr laut sein, um ihre Chancen und Risiken zu erkennen, dialogisch zu vermitteln und zu nutzen; sie sind zuhauf vorhanden. Was es braucht sind Mut und Offenheit.

Farbanschläge

In Zeiten wirtschaftlicher Blüte spriessen die Phantasien, wie die wirtschaftliche Potenz in Form von Architektur dargestellt werden kann. Sind diese Phantasien kurzfristig, droht ein architektonisches Selbstgespräch, das über Nacht, so wie im Zuge der aktuellen Wirtschaftskrise, unlesbar bizarr werden kann. Beispiel: AFG’s neuer Hauptsitz von Edgar Oehler.

Die eigene Position, die Firmenkultur, der Erfolg können mit gutem Gewissen, handfest und mit klarem Ziel vor Augen verräumlicht werden. Wer sich eine Corporate Architecture leistet, gewinnt im Wettbewerb um Aufmerksamkeit an Vorsprung, so die kommunikative Logik, die heute jede Marketingabteilung verstanden hat. In guten Zeiten ist Corporate Architecture eine angenehme Sache; der Turm lockt, der Stararchitekt, die beste Adresse, oder zumindest der mutige Neubau aus Glas, Stein, Alu oder Beton; oder dann das Spiel mit der Farbigkeit, expressive Nachtarchitektur. Wie aber steht es um die Ausdruckskraft gebauter Architektur in Krisenzeiten?

Das Dilemma mit der Zeit

Das Dilemma der Zauberformel gute Architektur = gute Firma= erfolgreicher Chef liegt in der Zeit. Die letzten Monate haben es vor Augen geführt: Kursentwicklungen und gebaute CD-Selbstdarstellungen haben kürzere Lebenszyklen als Bauten und Chefpositionen: Vertrauen und Mut können schnell verloren gehen. Kurse brechen ein, Botschaften sind schnell unpassend – Bauten bleiben stehen, die Lichter an; jedenfalls solange, wie noch gearbeitet wird. Einige Firmen haben schon 2008 schnell gehandelt: Roche hat auf die Label-Architektur von HdM, auf den Turm in Basel, in letzter Minute verzichtet (Basel tickt zuerst). Einige Gebäude der UBS (im Bild: UBS in Zürich) sind unter dem Einfluss desselben Zeitgeschehens ungewollt farbiger geworden, indem sie Farbanschlägen zum Opfer wurden. Dieser Schaden lässt sich beheben. Wieder andere Bauten vermitteln plötzlich den Eindruck, aus einer anderen Zeit zu sein. Obwohl man sie kennt, schaut man sie noch einmal an, anders eben, und denkt sich: Würden die das heute auch noch so bauen?

Beispiel AFG

Die international tätige Bauausrüsterin Arbonia Forster-Holding AG hat just anfang 2008 einen prestigeträchtigen Neubau fertiggestellt, in Rekordzeit. Architekt ist der lokale Hausarchitekt und der Patron selbst. Der Hauptsitz der Holding repräsentiert u.a. die Marken Piatti, Forster und Miele. Der langgezogene Hauptbaukörper am Rand des Siedlungsgebiets schliesst rund ab, hier sitzen die Chefs, übereinander. Nachts leuchtet das Gebäude in Blau, Orange bzw. Rot, zuoberst auf dem Dach dreht sich das Firmenlogo, an einen Stern erinnernd, leuchtend im Kreis. Das Corporate Center repräsentiert gemäss AFG die „neue AFG“. Die verwendeten Materialien stammen mehrheitlich aus der eigenen Produktepalette. Architektur ist für die Kommunikation des Unternehmens ein scheinbar omnipotenes Marketinginstrument. Der Chef, Edgar Oehler, erklärte seinen 900 Eröffnungsgästen die Architektur so: „Das Corporate Center ist sozusagen das Gesicht unseres Unternehmens und veranschaulicht unsere Firmenphilosophie: Innovation, Technologie, Qualität, Ökologie und Internationalität. Es widerspiegelt unser Selbstbewusstsein als Unternehmen, das gewohnt ist, sein Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. (…) mit seiner gläsernen Architektur (Anm: ist der Bau) ein Symbol für die Offenheit und Transparenz, welche die Kultur unseres Unternehmens entscheidend prägt.“ (Medienmitteilung). Im Januar gab der internationale Bauausrüster Arbonia Forster-Holding AG bekannt, dass er im Premium-Bereich seine Küchen künftig zusammen mit dem Designer Philippe Starck baut. Fortsetzung folgt.

Gefährliches Gespräch

Konversation

In Agatha Christie’s Krimi „The ABC Murders“, eine typische Ferien-Lektüre am Strand von Buzios, Brasilien, steht geschrieben, welche Gefahr jedes Gespräch in sich trägt. Hercule Poirot, pensionierter aber dennoch aktiver ‚detective‘, schreibt über die direkteste und alltäglichste Form der Kommunikation folgendes: „(…) there is nothing so dangerous for any one who has something to hide as conversation. Speech, (…) is an invention of man’s to prevent him from thinking. It is also an infallible means of discovering that which he wishes to hide. A human being (…) cannot resist the opportunity to reveal himself and express his personality which conversation gives him. Every time he will give himself away“. Und meint ungefähr: Für jemanden, der etwas zu verstecken hat, gibt es nichts Gefährlicheres als ein Gespräch, weil dabei kein Mensch der Möglichkeit widersteht, sich selbst mitzuteilen und dabei seine eigenes Versteck Preis zu geben. Es lebe der Alltagskrimi!

Wiederbelebung in Rio

Rio

Artikel: Kann Rio gerettet werden?

Rio de Janeiro fasziniert. Rio de Janeiro macht Angst. Wer einen Aufenthalt plant, kommt nicht um das Thema Sicherheit herum: Von 100´000 Einwohnern haben in Rio 39 einen Mord begangen, jeden Tag sterben in der Metropole 17 Menschen durch Gewalt. Nich weniger als 12 Quartiere (oder Favelas) werden wirschaflich, bezüglich Verkehr und Sicherheit von paramilitärischen Organisationen kontrolliert. Persönliche Sicherheit kostet dann z.B. jeden Monat 30 Dollar. Trotzdem: Die legendäre Stadt will sich zurück kämpfen, die Neuerfindung, Belebung und Gesundung von Rio ist ein Medien-Issue und ein Hauptthema im gegenwärtigen Wahlkampf; Bogota, Sao Paulo oder Bilbao und Paris sind mögliche Vorbilder, die an eine bessere, und vor allem sicherere Zukunft durch urbanistische Programme und Grossprojeke glauben lassen. Und alles beginnt mit einer vertrauensvollen und gesunden Wirtschaftspolitik. Diesen Eindruck verleiht jedenfalls der lesenswerte Artikel von Mac Magolis, geschrieben als Blog für Newsweek (vgl. link).