Als 2016 der 118 Meter hohe Getreidesilo in Zürichs Kreis 4 eröffnet wurde, hagelte es Kritik von allen Seiten: Als «Kotzbrocken» und «den hässlichsten Turm Zürichs» wurde er verschmäht. Inzwischen hat sich der rohe Betonturm seinen Platz in Zürichs Skyline erduldet. An der Kontroverse um den Turm lässt sich nachzeichnen, wie Bilder Bauprojekte prägen – und erahnen, wie KI die Deutungshoheit von Architektinnen und Architekten herausfordert.
Ein Gastbeitrag von Lucas Caluori
Zehn Jahre ist es her, seit im Frühling 2016 der 118 Meter hohe Swissmill-Tower an der Limmat fertiggestellt wurde – und sich in Zürich Verwunderung breitmachte: über die Radikalität dieses grauen, fensterlosen Betonturms. Über die béton brut-Architektur, die den Turm bereits bei seiner Eröffnung aus der Zeit fallen liess. Und allgemein über ein neues Industriehochhaus im sonst städtebaulich eher tiefstapelnden Finanzhotspot.
Der Swissmill-Tower nimmt eine dem urbanen Zeitgeist rückwärtsgewandte Position ein: In ihm werden keine Finanzgeschäfte oder Börsenhandel abgewickelt, sondern Getreide gelagert; der Silo verkörpert weder technologischen Fortschritt noch den hippen, aufstrebenden Dienstleistungssektor, sondern das menschliche Urbedürfnis der Nahrungsversorgung. Die Besitzerin Swissmill, eine Division der Coop-Genossenschaft, legt entsprechend Wert auf den eigentlichen Namen des Silos: Kornhaus Zürich. Ein Turm, ja gar ein Tower, will das Gebäude nicht sein.
Wie kam es, dass ausgerechnet am Rand des beliebten Wohnquartiers Wipkingen – auch liebevoll Hipkingen genannt – ein fensterloser Betonsilo hingebaut wurde?
Das visuelle Versprechen: Eine Mühle am Fluss
Der Ursprung des Swissmill-Towers liegt in Basel: Weil die Swissmill im Basler Hafenareal St. Johann Lagerkapazitäten zugunsten einer Novartis-Überbauung aufgeben muss, beginnt sie mit der Planung für die Aufstockung des Silos am Zürcher Standort. Am 15. Juni 2009 stellt Swissmill die Pläne der Öffentlichkeit vor, tags darauf berichten die Tageszeitungen erstmals über das Vorhaben. Im Zentrum der Berichterstattung steht ein Bild (Abb. 1), das die mediale Berichterstattung von da an dominieren wird: In der Visualisierung ragt der Turm filigran in den von Wolken gesäumten Himmel. Kompositorisch erinnert das Bild an ein Gemälde aus dem 19. Jahrhundert, illustriert Industrieromantik und greift das Motiv der Mühle am Fluss auf.
Es folgt über knapp zwei Jahre ein intensiv geführtes politisches und mediales Ringen um das Projekt: Nachdem der Gemeinderat dem Vorhaben deutlich zustimmt, ergreift der Quartierverein Wipkingen das Referendum. Die Gegner:innen des Projekts stören sich vor allem am Schattenwurf auf die anliegende Badi Unterer Letten. Dem stellen die Befürworter:innen die Bedeutung des Kornhauses für die Versorgungssicherheit und den Erhalt der industriellen Zürcher Identität gegenüber. Was indessen nicht stattfindet, ist eine Debatte über die architektonische Gestaltung des Turms: Kritische Stimmen zur Grösse, Form und Erscheinung des Turms bleiben im öffentlichen Diskurs leise, Diskussionen über die Auswirkungen auf das Stadtbild weitgehend aus. Stellvertretend dafür liest sich die Antwort der damaligen SP-Gemeinderätin Min Li Marti im Tages-Anzeiger auf die Frage nach der städtebaulichen Integration des Projekts:
«Frau Marti, ist der Eingriff ins Stadtbild nicht zu gross?
Marti: Die Badi Unterer Letten entstand in einem Industriequartier, das gehört seit je zu ihrem Charme. Das Silo macht weder die Badi noch den Naherholungsraum kaputt. Der Schattenwurf ist zwar da, das hat niemand bestritten. Man muss aber die Dimension sehen: Ab 16 Uhr ist es jeweils für eine Stunde in Teilbereichen der Badi schattig, und es gibt immer noch Sonnenplätze.»
Anstatt auf die Veränderungen des Stadtbildes einzugehen, greift Marti das Thema des Schattenwurfs auf und lässt die eigentliche Frage unbeantwortet. Selbst die Auswahl des Architekturbüros – nicht wie bei Projekten dieser Dimension üblich über ein Wettbewerbsverfahren, sondern als Direktauftrag an das bis dahin wenig bekannte Studio Harder HaasPartner AG – wird nicht thematisiert.
Böses Erwachen? Empörung über die Hässlichkeit der Realität
Fünf Jahre später, als im Frühjahr 2016 der Bau abgeschlossen ist und die finale Erscheinung sichtbar wird, ergiesst sich ein medialer Kritikhagel über dem Gebäude: Im Tages-Anzeiger ist das Urteil mit «radikal abweisend» noch vergleichsweise gnädig, am vernichtendsten fällt die Kritik in der NZZ am Sonntag aus, die im Silo «118 Meter Hässlichkeit» und eine «urbanistische Sünde der Sonderklasse» sieht. Im Hochparterre ist derweil von «Übeltäterei» zu lesen, wobei man über diese in Zürich durchaus froh sein könne, «als Antithese zu all den wohlgeformten, wohlproportionierten Designobjekten rundherum».
Die Verschiebung der Themensetzung ist bemerkenswert: Während das Aussehen des Turms zum Hauptdiskussionspunkt avanciert, verliert die Schattenwurfdebatte – vor der Realisierung noch das dominierende Thema – nach der Realisierung des Turms rasch an Dynamik. Im Tages-Anzeiger wird die Kontroverse noch ein letztes Mal aufgegriffen: «Aber wo ist nun dieser Mehlschatten?», fragt der Autor hämisch – als wolle er die Lächerlichkeit der ganzen Schatten-Debatte aufzeigen.
Die öffentliche Empörung heizt die mediale Debatte wieder auf, wobei das bis anhin dominante Rendering nun mit Gegenbildern konfrontiert wird: Kaum ist der Turm im April 2016 erstmals in seiner vollen Gestalt sichtbar, machen «Verschönerungsvorschläge» in den Medien die Runde. Laien und Architekturbüros kreieren Bilder (Abb. 2), die – mal mehr und mal weniger ernst gemeint – alternative Gestaltungsvorschläge zeigen; auch Microsoft steuert einen Vorschlag bei. 20 Minuten präsentiert eine Online-Galerie mit Photoshop-modifizierten Varianten des Turms: «Fast alle Vorschläge sind gefälliger als die Realität» resümiert 20 Minuten. Der Empörung mischt sich Hohn bei.
Demokratisiert KI das Bauen?
Die Projektgegner:innen hatten bereits im Abstimmungskampf zehn Jahre zuvor versucht, mit Gegenbildern auf den Diskurs einzuwirken, diese waren jedoch qualitativ dem professionell erstellten Rendering so stark unterlegen, dass sie nicht annähernd dessen mediale Wirkmacht entfalten konnten. Heute, im Zeitalter generativer KI mit ihrer scheinbar unbegrenzten Bildverfügbarkeit, lassen sich ästhetisch und kompositorisch genauso überzeugende Gegenbilder problemlos mit wenigen Prompts erstellen. Die visuelle Deutungshoheit der Projekturheber:innen wird damit auf die Probe gestellt, die Singularität des Bildes für Architekturvorhaben wohl vorbei sein. Auf Knopfdruck können heute Gegner:innen von Bauprojekten sowohl schöne Renderings entzaubern (Abb. 3) – und so womöglich die Empörung erzeugen, die vorher noch den erschreckenden Anblick des realisierten Turms bedurfte – als auch alternative Gestaltungsvorschläge kreieren.
Gerade kontroverse Bauprojekte dürften es damit schwerer haben, von der Bevölkerung als das verstanden zu werden, was sich die Architekt:innen ausgedacht hatten.
Vom Schandfleck zum Wahrzeichen
Heute, zehn Jahre nach Fertigstellung des Silos, sind sowohl sämtliche Verschönerungsvorschläge als auch die Schattenwurfdebatte versandet. Der Turm hat sich seinen Platz im Stadtbild – und wohl auch in den Herzen vieler Zürcher:innen – mit lässiger Sturheit erduldet. In der NZZ wird er zum 10-jährigen Geburtstag gar als «heimliches Wahrzeichen» geehrt. Auch vor Ort zeigt sich, dass der Turm inzwischen weniger polarisiert: «Es ist jetzt schon so lange hier, dass ich mich daran gewöhnt habe», antwortet ein Spaziergänger an der Limmat auf meine Frage, ob ihm der Turm gefalle. «Easy» und «okay» findet ihn eine junge Familie aus Wipkingen, die vor zehn Jahren noch gegen den Bau war: «Ich war sehr hässig, dass man Ja gesagt hat», meint die Mutter, die ihre kleine Tochter auf den Schultern trägt. «Vor allem wegen des Schattens für die Badi – jetzt sind wir aber froh um den Schatten, weil wir sie haben», lächelt sie und deutet auf ihre Tochter.
Für Aufmerksamkeit sorgt der Turm von Zeit zu Zeit dennoch bis heute, zuletzt als Graffiti-Künstler:innen ihren ganz eigenen Vorschlag für eine «Verschönerung» des Turms nicht zur Debatte stellten, sondern auf spektakuläre Weise gleich umsetzten.
Sofern an den Verschwörungstheorien, die den Silo als geschickte Anlagestrategie vermuten und eine baldige Umnutzung in Wohnungen und Büros vorhersagen, nichts dran ist, dürften dem 118 Meter hoch geschichteten Beton seine Haupteigenschaften – Beständigkeit und Widerstandsfähigkeit – zugutekommen und den Turm weitere Jahrzehnte strahlend grau an der Limmat stehen lassen. Happy Birthday, Silo!
Zum Autor
Lucas Caluori analysierte in seiner Masterarbeit wie der Swissmill-Turm im Vorfeld seiner Realisierung medial und visuell verhandelt wurde. Dieser Artikel basiert auf dieser Arbeit und enthält Abschnitte daraus. In seiner Promotion untersucht Lucas Caluori nun die Auswirkungen bildgenerativer KI auf die Architektur und Stadtplanung.