Am 14. Juni entscheidet das Visper Stimmvolk zweimal über Nachhaltigkeit. Neben der 10-Millionen-Schweiz will die bislang grösste Einzelinvestition der Gemeinde in der Höhe von rund 53 Millionen Franken die Demokratiehürde schaffen: das Projekt «Sägematte». Ende Mai war der Ausgang des Urnengangs gemäss Walliser Bote offen: Visp hat die Wahl zwischen einem Investorenritt und der Chance, als Grossgemeinde künftig Stadtentwicklung mit der Bevölkerung zu machen.
Wenige Wochen vor der Abstimmung lud der Gemeinderat am 14. Mai die Bevölkerung zur Informations-veranstaltung „Sägematte“ ein. Vorgestellt wurde das Nutzungs- und Finanzierungspaket „Sägematt“, das die Gemeinde gemeinsam mit lokalen Investoren auf Grundlage eines Quartierplans in den letzten Jahren geschnürt hat. Die geplante Gesamtinvestitionssumme beträgt 130 Mio Franken.
Politischer Alleingang
Aufällig am Informationsabend war der engagierte Alleingang des Gemeindepräsidenten: In der Tagesordnung gab es neben seinen Ausführungen keinen Platz für fachliche Beiträge aus der Stadtplanung, aus dem Architekturbüro oder von Investorenseite. Bei einem Vorhaben in der Grössenordnung der Sägematte hätte eine auf mehrere Köpfe verteilte Präsentation durchaus zur besseren Verständigung und zu mehr Akzeptanz beitragen können: Wer an der Urne einer Vorlage über 53 Mio zustimmen soll, will den Protagonisten zuhören können und ihre Absichten erkennen. Hand aufs Herz: War es den Aufwand wirklich nicht wert, dem zahlreichen Publikum am Informationsabend das Projekt zumindest anhand eines aussagekräftigen Modells fassbar zu machen?
Die Chance für eine umfassende Information und den Dialog über Rahmenbedingungen und Varianten liessen die Gemeinde und die Investoren schon bei der Projekterarbeitung ungenutzt. Die Projekt-erarbeitung war ein Direktauftrag an Architekten aus Brig, planungsrechtlich abgestützt auf den 2020 öffentlich genehmigten Quartierplan. Begründet mit der Konstellation, dass die Investoren zugleich Grundeigentümer und Baufirmen sind, kam auch ein Konkurrenzverfahren unter Investoren nicht in Frage. Damit fehlte sowohl die Möglichkeit, die beste aus mehreren baulichen Lösung auszuwählen als auch die Chance, angebotene Qualitäten, Kosten, Risiken zu vergleichen. Beide Prozessschritte einer Arealentwicklung haben oft den positiven Effekt, dass sich zwischen Politik und Wirtschaft eine Verhandlungsposition auf Augenhöhe etablieren kann.
Steuergelder für KITA, stehenden Verkehr und Aussenraum
Die latente Unsicherheit bei den Vorhersagen zum Ausgang an der Urne lässt vermuten, dass die informelle Meinungsbildung zur Sägematte keine stabile Welle reitet. Generell gilt: Ist ein Projekt inhaltlich stimmig hergeleitet, für eine Mehrheit fachlich fass- und belastbar und von nahbaren Akteuren vertreten, sind kommunikative Lücken auffangbar. Wo zentrale Fragen weder überzeugend, noch direkt durch verantwortliche Interessenvertreter beantwortet sind, verstärken sich begründete oder unbegründete Vorbehalte in Windes Eile.
Ein Teil der zentralen Fragen betrifft Entscheidungen der Investoren beziehungsweise Unternehmer. Diese Punkte müssen durch die verantwortlichen Investoren selber beantwortet werden. Deborah Eggel, Stadtplanerin Visp
So hinterlässt die Vorlage bzw. die offizielle Information zur „Sägematte“ aus fachlicher Sicht den Eindruck, dass weniger Siedlungs- und bauliche Qualitäten verhandelt als vielmehr ökonomische Mehrwerte verteilt wurden, die von der Gemeinde vorgeschlagene Lösung lautet: Die Investoren bringen Boden, Kapital und Umsetzungskompetenz, um auf der Sägematte Wohnungen zu bauen. Die Gemeinde lässt sich von denselben Investoren auf eigenem Grundstück zudem eine schlüsselfertige KITA bauen. Zudem werden Steuergelder in den Bau und Betrieb von Parkplätzen sowie in den gemeinsamen Aussenraum der Siedlung investiert. Diese Verteilung der Nutzungen bzw. der Investitionspakete und Renditeerwartungen ist ein Resultat aus „harten Verhandlungen“ (Zitat Gemeindepräsident): Für die einen ist der Deal ein vertraglich abgesicherter Glücksfall, der endlich eine Verbesserung der Situation vor Ort ermöglicht und das KITA-Problem löst. Andere Ansichten mutmassen, dass das Verhandlungsergebnis zwar funktioniert, jedoch (noch) nicht überzeugt u.a. dann, wenn Herstellungskosten aus dem Ruder laufen und das Wohnangebot sich auf dem spekulativen und preistreibenden freien Markt entfaltet.
Ortsbauliche Insel
Das Projekt ist ortsbaulich ein eigenständiges Ensemble – das sich an die Idee einer inselartigen «Stadt in der Stadt» anzulehnen scheint. Die gezeigte Architektur erinnert jedoch eher an Siedlungsbrocken, die in den Agglomerationen oft wenig einladende Nachbarschaften bilden. Die Sägematte ist mehr als Wohnungsbau mit Tiefgarage. Städtebaulich ist das Areal ein zentraler Baustein für die weitere Siedlungsentwicklung zwischen dem westlichen Stadteingang, der Vispa und den baulichen Potentialen in der zweiten Reihe der oberen Bahnhofstrasse sowie am Fuss der Burgschaft. Dass sich in derart vielschichtigen Situationen Wettbewerbsverfahren bei der Lösungsfindung auszahlen, beweist der diesjährige Wakkerpreis der Gemeinde Brig-Glis.

Der wirtschaftliche Erfolg und die Qualität einer Arealüberbauung entscheiden sich in der frühen Planungs. bzw. Projektierungsphase. Visp vertraut beim Kauf des KITA-Gebäudes auf ein Vertragswerk und das Vertrauen in die erfahrenen Investoren. Gerade in wirtschaftlich unsicheren Zeiten kann trotzdem ein erheblicher Kostendruck entstehen, der sich auf die Materialisierung, Ausführungsqualität und Nutzungsflexibilität eines Bauwerks auswirkt. Für die öffentliche Hand stellt sich somit – Verträge hin oder her – nicht die Frage ob, sondern wie sie die Qualitätssicherung und Mitbestimmung bei wichtigen Entscheidungen überhaupt leisten und gestalten kann. Eine mehrgeschossige KITA für über 150 Kinder bauen zu lassen, bedeutet, dass nicht planbare Entscheidungen im Bauprozess vorprogrammiert sind: Zudem stellen sich eine Reihe praktischer Fragen: Was bringen die zahlreichen Liftfahrten für Eltern, Kinder und Personal im Betrieb mit sich? Oder: Wie lässt sich der Betrieb über mehrere Geschosse organisieren oder die Nutzung und Beschattung der Dachterrasse sowie die Abholung und Ablieferung reibungslos umsetzen?
Die Nachbarschaft von KITA-Plätzen und neuen Wohnen ist eine kluger Punkt. Gerade deshalb stellt sich postwendend eine zentrale Frage an die Stadtplanung: Weshalb hat die Gemeinde mit den Investoren nicht einen Mindestanteil an preisgünstigem Wohnraums für Familien verhandelt: Es wären ein paar Autofahrten und Ausgaben eingespart worden. Die Stadtplanung antwortet auf solche und ähnliche Fragen wie etwa zur Erdgeschossnutzung oder zur Mobilität gegenüber stadtfragen.ch unverbindlich: „Ein Teil der aufgeworfenen Fragen betrifft Entscheidungen der Investoren beziehungsweise Unternehmer. Diese Punkte müssen durch die verantwortlichen Investoren selber beantwortet werden,“ so Deborah Eggel, Stadtplanerin von Visp auf Anfrage. Die Auskunft zu einer angeblich partnerschaftlichen Quartierentwicklung klingt anders.
Resümee
Auf der Sägematte steht ein für die Entwicklung von Visp polyvalenter, d.h. mehrdeutiger Ort zur Debatte. Entsprechend hoch dürfen die Erwartungen an eine Investition in der Höhe von insgesamt 130 Millionen Franken ausfallen: wirtschaftlich, umweltbezogen-baulich und sozialräumlich.
So stimmt Visp am 14 Juni gleich zweimal über Nachhaltigkeit ab. Bei der 10-Millionen-Schweiz wohl eher über ein Plastikwort. Bei der Sägematte über die ausgehandelten wirtschaftlichen Nutzungs- und Risikoanteile und eine ökologisch sinnvolle Energieversorgung. Zudem zahlt die Gemeinde mit der Übernahme der KITA einen grossen Batzen in die soziale Nachhaltigkeit des Vorhabens ein.
Wer der Vorlage „Sägematte“ zustimmt, ist vom eingeschlagenen Weg und dem vorliegenden Projekt überzeugt, betrachtet weitere Verzögerungen vor Ort als nicht vertretbar und den Investorenritt am westlichen Stadteingang für alle Beteiligten als nachhaltige und vertraglich abgesicherte Lösung.
Wer die „Sägematte“ ablehnt, sieht den Mehrwert einer räumlichen Entwicklung, die aus Varianten und im Kontakt mit der Quartierbevölkerung entstehen; möchte finanzielle Mehrwerte transparent und ausbalanciert präsentiert haben und wünscht sich, das öffentliche Investitionen 2026 nicht mehr in stehenden Privatverkehr, sondern in akute Themen wie preisgünstigen Wohnraum, klimagerechte Infrastrukturen und Lebensräume fliessen.
Beide Lager würden wohl der Aufforderung an die Politik zustimmen, einen Weg zu finden, dass über die Zukunft der Sägematte auch die Stimmen aus Eggerberg und Baltschieder entscheiden.