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Bau1: Stairway To Heaven

There’s a lady who’s sure // All that glitters is gold // And she’s buying a stairway to heaven // Led Zeppelin

Die Bilder zum Roche-Turm „Bau 1“ von HdM wirken besonders, weil es (einmal mehr) um Superlativen geht: Die Kräftigsten lassen sich von den Besten das Höchste bauen. Und Basel macht mit. Bei der neuen Roche-Konzernzentrale geht es aus urbanistischer Sicht auch darum, das schweizerische Hochhausdefizit zu bereinigen.

(sta) Der neue Roche-Turm „Bau 1“ von Herzog & de Meuron ist publiziert, mindestens die Bilder davon. Aus diesem Anlass beklagte jüngst das Hochparterre ausgerechnet von Zürich aus die nicht stattfindende Architekturdiskussion in Basel. Die «NZZ» vom 4. Januar 2010 befragte die neusten Renderings fast schon beinahe auf rhetorische Art und Weise: «Wird Basel um eine Attraktion reicher, oder führt der geplante Büroturm des Pharmakonzerns zu einer gravierenden Veränderung der Stadtsilhouette? (…) Fast scheint es, als ob der weisse Riese mit den besonnten Terrassen für eine Metropole am Meer konzipiert worden sei». Soweit so gut. Aber Jacques Herzog hat wirklich oft genug wiederholt, wie seine urbanistische Vision für Basel auf den Punkt gebracht lautet: „Basel, die Stadt am Fluss“.

Unsinnige Diskussion?

Anhand von ein paar Renderings über Städtebau und Architektur zu diskutieren, ist unsinnig, da stimme ich Amanda Levete’s Bemerkung zu. Zumal es sich beim Roche-Turm um ein für die Schweiz aussergewöhnliches Hochhausprojekt von aussergewöhnlich erfolgreichen Autorenarchitekten handelt. Die Fakten: 178 Meter, 42 Geschosse, das wäre neuer schweizerischer Höhen-Rekord; eine halbe Milliarde Franken; 10’000 Arbeitsplätze; 2015 ist Eröffnung. Das Missverhältnis zwischen dem schieren baulichen und finanziellen Umfang, der städtebaulichen und wirtschaftlichen Bedeutung des Bauvorhabens und der Intensität, wie darüber öffentlich diskutiert wird, ist tatsächlich gross. Daran ändern einzelne Feuilletonbeiträge, Leserbriefe und dieser Blog wenig bis gar nichts. Ernst zu nehmende Öffentlichkeit entstünde erst dann, wenn sich in Basel (unter dem Eindruck der Protestbewegung „Stuttgart 21“) die gefühlte Ohnmacht des Souveräns gegenüber einem urbanistischen Bigness-Entscheid des Systems ihr eigenes politisches Gehör verschafft hätte. Wenn die psychopolitische Regulierung des Gemeinwesens derart aus dem Ruder gerät, kann der Traum der Systeme schnell seine Ungeheuer gebären, so hat es Peter Sloterdijk im Spiegel („Der verletzte Stolz“, 45/2010) formuliert:“Das erleben die Regierenden auf ihre Weise, sobald unzufriedene Bürger sich ihren Projekten und Prozeduren in den Weg stellen“. Das wird in Basel kaum mehr passieren. Die Baubewilligung für den „Bau 1“ liegt vielleicht schon im Februar vor. Und: Nur wer am verhungern ist, beisst sogar in die Hände der eigenen Ernährer. Um den Gedanken dennoch zu Ende zu führen: Würde der Roche-Turm so nicht realisiert, könnte immerhin noch Jacques Herzogs harte Beurteilung zur Lage der Schweiz am eigenen Projekt zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden: „Seien wir ehrlich: Ausser bei den global ausgerichteten Konzernen ist in der lokalen Schweiz (Anm: dazu gehört auch Basel) zwar alles irgendwie okay, aber eigentlich doch nur eher mikrig.“

Infrastruktur und Symbol

Basel, die Chemiestadt und der trinationale Wirtschaftsstandort sind sich mit Roche und deren Hausarchitekten HdM darüber einig, dass es nachhaltig, sinnvoll und vertretbar ist, mit einer vertikalen Konzernzentrale der Marke HdM einen Meilenstein in der Firmengeschichte und gleichzeitig eine neue Adresse auf die Karte der Vertikal-Super-Architekturen von globalen Unternehmen zu setzen. Dies wurde schon mit dem ersten Entwurf von HdM für Roche klar, der im Nachhall der globalen Finanzkrise von 2008/9 kurzfristig umgekippt ist, angeblich aus betrieblich-finanziellen Gründen. Aufgrund der Bilder zum „Bau 1“ kann man aus urbanistischer Sicht der in vergleichbaren Projekten mittlerweile gängigen Argumentation folgen, dass damit ein weiterer, sinnvoller Beitrag an die Bereinigung des hiesigen Hochhausdefizits geleistet wird. Der Entwurf im zweiten Anlauf wird als formal schlicht gemachter, aber auch formal austauschbarer und wohl genau deshalb als „guter Bürobau“ für den Roche-Konzern präsentiert. Dank der Handschrift von HdM wird der „Bau 1“ sowieso als bauliches Symbol für die ökonomische Potenz und baukulturelle Selbstdarstellung der Besteller, Ersteller und des Standorts Basel wahrgenommen. Der Rest ist Grundriss-, Schnittarbeit und integrierte Planung – Architektur, Städtebau, Bau- und Immobilienmanagement auf einem Niveau, das Firmen wie HdM und deren Kunden beherrschen und sie vom Rest der zahlreichen Early-Follower und Nachahmer unterscheidet.

Offen bleibt, ob und in welcher Weise mit dem Roche-Turm letztlich mehr resultiert als eine weitere, durch Marken, Formen, Material und Personen symbolisch aufgeladene aber architektonisch gut gemachte Firmen-Infrastrukturbaute mit dem Anspruch auf globalen Reputationsgewinn aller Beteiligten. Hoffentlich, denn sonst ist die wiederholte Erfolgsgeschichte von Mehrwert, Wachstum und Reputation im Städtebau und in der Architektur bald zu schlicht für spannende Architekturbücher, Filme und Feuilleton-Berichte: Dass die Besten und Berühmtesten für die Reichsten und Globalsten die grössten und teuersten Häuser bauen, wird als Erzählung auf die Dauer langweilig.

Ergänzung vom 7. Januar 2013: In seinem NZZ-Artikel „Bedürfnisse, Werte, Träume“ vom 5. Januar 2013 schreibt Carl Fingerhuth, seines Zeichens von 1979 bis 1992 Kantonsbaumeister von Basel und grosser Förderer der damaligen jungen Basler Architektenszene, zum Bau1: „Bei meiner Arbeit für europäische Städte werde ich heute immer wieder mit einer Flut von Projekten konfrontiert, die jeden Bezug zum Spezifischen des Ortes ignorieren. Sie zeigen sich mit ihren Vorhaben selbstreferenziell und haben den Fokus nur auf die Vision ihrer Bauherren und Architekten gerichtet, mit Verachtung für die Menschen des Ortes und ihre Herkunft. Es scheint mir, dass vieles, was die Menschen heute bewegt, in der elitären Architektur noch nicht angekommen ist. Exemplarisch für diese Situation ist das Projekt für den Bau eines banalen, 175 Meter hohen Bürogebäudes in Kleinbasel. In seiner städtebaulichen Haltung dominiert das Projekt der Architekten Herzog & de Meuron alle bestehenden Schichten der Bausubstanz von Basel und macht sich selbst zum Zentrum der Aufmerksamkeit. Nach seiner Realisierung ist die städtebauliche Identität von Basel nicht mehr die über 2000 Jahre lang gewachsene Stadt um den Münsterhügel, sondern der Turm der Firma Roche. Das Schweigen der Politik und der Fachwelt zu diesem Projekt ist unverständlich. Es handelt sich um die gewalttätigste und respektloseste Architektur, die bis jetzt in der Schweiz gebaut wurde.“

Smarter City: Vorfilm zur Total Living Industry

(beta) Zum ersten Mal leben über 50 Prozent der Weltbevölkerung in urbanen Räumen. Stadt ist deshalb ein issue für Zukunftswerte und Zukunftsmärkte in Unternehmensstrategien, die in der Komplexität vernetzter, kontrollierter und individueller städtischer Lebensräume einen Wachstumsmarkt sehen. IBM Smarter City macht vor, wie das geht – auch auf Youtube. Aber: Sind wir dafür intelligent genug?

sta. Dass die halbe Erdkugel urbanisiert ist, entspricht einer statistischen Tatsache, die schon länger bekannt ist und sich in den Köpfen festgesetzt hat. Verbunden mit der Vorstellung, dass die Hälfte der Erde tatsächlich (schon heute oder in naher Zukunft) städtisch funktioniert und wahrgenommen wird, macht die statistische Aussage zur Über-50%-Weltstadt u.a. zu einem Kernthema für globale Unternehmensstrategien: Stadt wird gleichgesetzt mit dem Versprechen auf einen Wachstumsmarkt, der leistungsfähige und vernetzte Aufmerksamkeitsräume für neue Innovationen, Technologien, Dienstleistungen und Produkte anbietet.

Vernetzung, Kontrolle, Sicherheit

Historisch und aktuell steht die Stadt prototypisch für Vernetzung, Dichte, Austausch und für die menschlichen, politischen oder unternehmerischen Bedürfnisse nach Kontrolle und Sicherheit (im Bild oben: mobile Überwachungskamera in NY). Kombiniert man damit das Gebot der Stunde, dass im Informationszeitalter die einfache, bequeme, schnelle und individuelle Versorgung mit Information und Gütern – intelligent umgesetzte convenience den Weg zum Erfolg, bzw. zum Kunden aufzeigt, wird aus der Stadt ein smart place auf einem smart planet. IBM Smarter City macht vor, wie das geht. Die Videobotschaften dazu sind auf Youtube platziert: Sie können als einfache Werbebotschaften und als Vorfilme zur eigentlichen Hauptgeschichte gelesen werden, die städtischen Räumen weltweit bevorsteht: Ein Wettbewerb um kontrollierte und auf individuelle Bedürfnisse ausgerichtete, technisch intelligente Lebensräume, der  von einer Total Living Industry ausgetragen und kommunikativ inszeniert wird. Mehr dazu später.

Stadt als Testlabor für Mehrwerte

Wenn es um die Forschung und Gestaltung künftiger Städte geht, ist die ETH Zürich mit dabei: Im Oktober 2009 hat sie bekannt gegeben, dass sie ihr Engagement in Asien stärkt: Sie gründet in Singapore gemeinsam mit der National University of Singapore und der Nanyang Technological University das «Future Cities Laboratory», „eine neuartige Plattform für Stadtentwicklung“. Architekten und Wissenschaftler wollen dort das Phänomen Stadt mit einem ganzheitlichen Ansatz erforschen und gestalten. Nach Aussage eines beteiligten Forschers finanzieren fünf globale Unternehmen mit, die noch nicht genannt werden dürfen. Es geht um Mehrwerte.

Sind wir intelligent genug?

Warner aus dem Umfeld der Klimadiskussion geben der weltweiten ökologischen Katastrophe 15%, der globalen Krise mit anschliessender Verarmung unter neo-feudalen Strukturen 50% und dem Durchbruch einer politisch ausgehandelten „2000-Watt-Gesellschaft“ 35% Szenario-Chancen. Das sind schlechte Prognosen, nicht mehr und nicht weniger. Auch hier stehen Städte, vor allem Megastädte, im Zentrum der Diskussion. Die rettenden Schlüsselfaktoren, die dabei genannt werden, sind jenen der Smarter City ähnlich: menschliche Intelligenz, politische Vernunft, Einfachheit, Technologie und Innovation. Versprechungen und Lösungen für einen urbanen Smart Planet werden sich deshalb nicht nur an unternehmerischen Mehrwerten, sondern auch an einigen Problemstellungen messen lassen müssen, die zwar ausserhalb der Städte anzutreffen sind, jedoch die Über-50%-Weltstadt trotzdem direkt treffen: Abholzung der Wälder, Austrocknung von Seen, schmelzende Gletscher, Überflutung.

Firmenstrategien wie IBM Smarter City versprechen Lösungen für eine städtische Zukunft. Darauf können wir uns nur freuen, auch wenn die Frage berechtigt ist: Sind wir dafür intelligent genug?

Indischer Honig für London’s East End

Die Olympischen Spiel 2012 in London inszenieren „Stadt“ als Event einer Public-Privat-Partnerschip. Jüngstes Beispiel: Der Künstler und Designer Anish Kapoor, Ingenieur Cecil Balmond von Arup, der indische Stahlkonzern ArcelorMittal und die Stadt London bauen zusammen den „ArcelorMittal Orbit“, eine 115 Meter hohe Stahl-Skulptur mit Aussichtsterrasse. Das ikonische Spektakel soll Touristen/innen und eine weltweite mediale Aufmerksamkeit vor und anlässlich der Games wie „Honig die Bienen“ anziehen (Medienmitteilung). Die Ausstellungsarchitektur ist zudem ein Symbol für die  Stadtentwicklung im East End von London.

Der Künstler Anish Kapoor hat den Zuschlag für den Bau seines 115 Meter hohen Turms erhalten. Die Skulptur, die in Zusammenarbeit mit Cecil Balmond von Arup entstanden ist, trägt den Namen ArcelorMittal Orbit. Das erklärte Markenzeichen im öffentlichen Raum der Olympischen Spiele 2010 in London ist auch Symbol für die Stadtentwicklung im Londoner East End. Die Brücke zwischen Kunst, Architektur, Städtebau, Engineering und Business, die hier geschlagen wird, soll eine Ausstellungsarchitektur schaffen, zu der einmal mehr die Superlative dazu gehört: Die Skulptur soll die Grösste in England werden und übertrifft mit Hilfe eines formalen Kraftakts, wie es in den Bildern scheint, doch noch die Freiheitsstatue in New York um ganze 22 Meter. Die Besucher/innen werden mit Liften auf die Aussichtsplattform gebracht und können danach spiralförmig die Treppe hinuntersteigen.

Kunstleiter in den Firmenhimmel

Die Skulptur besteht aus ineinander verdrehten Stahlröhren und Streben. In ihrer Form erinnert das Gebilde an eine orientalische Wasserpfeife. Ihr Name gehorcht der Reputations- und Markenpflege des Sponsors und setzt sich aus dem Firmennamen „ArcelorMittal“ und dem Zusatz „Orbit“ zusammen. Die Ikone ist demnach zugleich Showcase und stilisiertes Abbild der Umlaufbahn am Stahl- und Firmenhimmel, auf der sich die Mittals bewegen; man zeigt sich weltoffen, dynamisch-erfolgreich und jung: Lakshmi Mittal, CEO des indischen Familien-Stahlkonzerns ArcelorMittal kommentierte das Engagement bei der Bekanntgabe des Projekts:

“The Olympic Games are one of the few truly iconic global events. I was immediately excited by the prospect of ArcelorMittal becoming involved because ArcelorMittal is a global company with operations in more than 60 countries. Everyone at ArcelorMittal is delighted with the outcome of the ArcelorMittal Orbit. London will have a bold, beautiful and magnificent sculpture that also showcases the great versatility of steel.”

Diese Art von PR in Form eines idealen Stadtraums für Reputations- und Werbeziele einer Firma (Best Urban Space) kostet Geld: Mit der Grosszügigkeit eines Hauptsponsors übernimmt ArcelorMittal  85% der Kosten in der Höhe von rund 19 Millionen Pfund. 3 Millionen Pfund trägt die Londoner Development Agency bei.

Transnationaler Stahlkonzern

Der Stahlkonzern kann sich die Investition wahrlich leisten: ArcelorMittal ist ein transnationaler Stahlkonzern mit indischen Wurzeln. Das Unternehmen verfügt (laut Wikipedia) über rund 60 Werke in mehr als zwei Dutzend Staaten und beschäftigt rund 310.000 Mitarbeiter. Für das Jahr 2007 war ein EBITDA von 19,4 Mrd. US-Dollar angekündigt. Damit ist Arcelor Mittal in jeglicher Hinsicht der mit Abstand größte Stahlproduzent der Welt und einer der weltweit führenden multinationalen Konzerne. Er fand sich 2008 auf Platz 28 der Fortune 500 wieder. Unternehmenssitz ist Luxemburg. Der Konzern ist aus einer indischen Familiengeschichte heraus entstanden: In der Familiengeschichte Mittal waren immer mehr als 90 Prozent der Aktienanteile stets in Familienbesitz. Mittal Steel hat seinen Sitz in Rotterdam, wird aber vom Berkeley Square in London durch Lakshmi Mittal und dessen Sohn Aditya geleitet. Mittals größter Konkurrent Arcelor wurde in den Jahren 2006 bis 2007 durch feindliche Übernahme erworben; das Ende der Mittal Steel Company in ihrer bisherigen Form war damit besiegelt. Beide Unternehmen fusionierten zu ArcelorMittal. Lakshmi Mittal ist seit Ende 2006 Vorsitzender des Vorstands.

Monumentale Stadtskulptur

Der indische Künstler Anish Kapoor trägt den Turner Preis und ist bereits bekannt für monumentale Objekte, die er in Stadträume stellt. Geboren 1954 in Mumbai, Indien, kam Kapoor 1972 nach London und studierte zunächst Kunst und später Kunst und Design. Zu seinem Werk sagt er: ‘I am particularly attracted to it because of the opportunity to involve members of the public in a particularly close and personal way. It is the commission of a lifetime.’ Internationale Aufmerksamkeit erhielt Kapoor bereits in den 1970er Jahren mit Skulpturen aus Farbpigmenten. Über monochrome Rauminstallationen gelangte er zu Monumentalskulpturen aus ungewöhnlichen Werkstoffen: Marsyas in der Turbinenhalle der Tate Modern (2002), die Werkausstellung im Kunsthaus Bregenz 2003 mit einer 20 Tonnen schweren rote Skulptur aus Vaseline und Wachs (My red Homeland) und Cloud Gate, eine 110 Tonnen schwere, rostfreie Stahlkonstruktion im Millennium-Park in Chicago von 2004 sind Beispiele dafür.

Auszeiten ziehen Talente an

 

Obergrundstrasse 21

Häuser wie jenes an der Obergrundstrasse 21 in Luzern leisten Widerstand gegen die Stadtentwicklung. Wie geht das?

Seit Jahren wundert es mich, wie es möglich ist, dass das kleine Haus an der Obergrundstrasse 21 in Luzern bis heute stehen bleiben konnte. Grösse, Form, Nutzung stehen im wahrsten Sinne völlig quer zur Nachbarschaft. Die Antwort lautet: Das putzige Haus hat offenbar erfolgreich Widerstand geleistet, obwohl es schon 1950, damals noch zusammen mit dem Rest der Häuserzeile, als fremd in seiner Umgebung bezeichnet wurde: „Kein Zweifel, unsere alten Häuserzeilen nehmen sich angesichts des neuzeitlichen Verkehrs seltsam aus“ (LNN. 1.8.1950).

Die ’normale‘ zu erwartende Stadtentwicklung hat sich hier eine Auszeit geleistet. Eine Auszeit, englische Planer nennen das Phänomen period of resistance, beschreibt einen bestimmten Zustand in der Entwicklung einer Stadt, eines Areals oder eines einzelnen Grundstücks oder Bauwerks. Die Auszeit ist meistens durch eine historisch, sozial oder kulturell nachgewiesene Widerstandskraft (eben eine period of resistance) begründet. Sie liegt also fern von Renditeüberlegungen. Ist die Auszeit stark, die Eigentümer offen und die Politik mutig genug, kann sie selbst organisierten Wandel zulassen und sogar die Durchsetzungskraft einer ungeplanten temporären Umzonung erhalten (Berlin hat es nach der Wende erlebt, Luzern hatte den Sedel). Zwischennutzungen in ehemaligen Industriearealen können als kontrollierte Form von Auszeit gesehen werden.

Zurück zum Beispiel an der Obergrundstrasse 21 in Luzern: Das Haus war einst Teil der Häusergruppe Nr. 21-31 entlang der Obergrundstrasse, seit dem 18. Jahrhundert aktenkundig. 1950 wurde die Häuserzeile mit Ausnahme der Nummer 21 abgebrochen zur Sanierung der Moosstrasse (LNN, 1.8. 1950, Vaterland 5.2. 1980). Auf dem Weg nach Kriens, dem Krienbach folgend, hat ein Vorstadthäuschen aus dem 18. Jahrhundert bis heute der Verstädterung entlang der alten Ausfallstrasse Widerstand und sich quasi selbst eine Auszeit geleistet. Was ist passiert, wer liefert die Erklärung?

Physik, Politik, Psychologie oder Foucault?

Widerstände werden in der Physik dazu verwendet, um den elektrischen Strom auf sinnvolle Werte zu begrenzen bzw. um elektrische Energie in Wärmeenergie umzuwandeln. Als technische und physikalische Größen ist Widerstand eine hemmende physikalische Kraft. Widerstand bedeutet in der Psychologie eine Ablehnung oder Abwehrhaltung. Politisch verweigert Widerstand die Gehorsamsverweigerung und Opposition gegen die Obrigkeit, zum Beispiel durch das Auflösen von Hausbesetzungen.

Michel Foucault hat Widerstand als Angriff auf Macht- und Herrschaftsverhältnisse definiert, die sich in eben diesen Verhältnissen bewegen und etablieren. Daraus zieht er den Schluss, dass sich Widerstand als Gegenpol mit der Macht wechselseitig bedingt. Machtverhältnisse können nur durch eine Vielfalt von Widerstandspunkten existieren, diese sind im Machtnetz präsent sowohl als Gegner wie auch als Stützpunkte, als Einfallstore und Zielscheiben (Wicki). Die illegale Aktion“ Danslieu“ 2006 an bester Lage vor dem Kongresshaus in Zürich hat vorgeführt, was das bedeutet. Nach dem Start der Aktion waren die Medien sofort da, um über die kreative Besetzerstadt aus Pappe, Stroh, Stoff, Draht und Holz (vgl. Bild mit aufgemalten Kameras) zu berichten; Politik und Polizei auch, und dennoch: Die demonstrativ vorgeführte Illegalität im öffentliche Stadtraum (es wurde dort auch geschlafen und ungeniert auf den Quai uriniert) wurde ein paar Tage lang geduldet.  Widerstand wurde in seiner kulturell und ideell überhöhten Form unausgesprochen als Teil des damals noch nicht geborenen Slogans „Wir leben Zürich“ interpretiert. ETH und UNI hatten gerade Semesterferien.

Ausdruck mutiger Stadtentwicklung

Glauben wir Foucault, dann gilt 1.: Widerstand ist immer Teil einer Stadtentwicklung, ob er sich nun durch alte Bausubstanz, Aktionen im öffentlichen Raum oder in Hausbesetzungen äussert. 2. Die Geschichte urbaner Auszeiten kann noch geschrieben werden, so auch an der Obergrundstrasse 21. 3. Wer weiss, vielleicht wird die Auszeit, der unkontrollierte Widerstand, dereinst sogar in städtebauliche Planungen und Projekte aufgenommen – dereinst. 4. Städtebauliche Auszeiten sind unter den Vorzeichen einer mutigen Stadtentwicklungspolitik ein möglicher Nährboden und Motor für innovativen Bedeutungswandel, der jede Stadt benötigt, will sie sich nicht allein auf Imagekampagnen und auf die Höhen und Tiefen im Immobilienmarkt verlassen. Vielleicht gilt sogar: Räumliche Auszeiten sind Ausdruck von Toleranz und sie ziehen Talente an!

 

Ein Stadion für Superbauern – von Nestern und Autoreifen

Ein Stadion für die Superbauern

Selbsternannte ikonische Bauten erzählen die Geschichte davon, wie das stilisierte Abbild eines Gegenstands, einer Idee, eines Kommunikationsziels geplant, verräumlicht und als Kultbild baulich verewigt werden kann. Die Gegenthese dazu lautet: Als Instrument und Rezept im Entwurf ist ikonisches Denken nicht anderes als ein Bauen für Zielgruppen – und deshalb noch lange nicht Architektur.

Ein stilisiertes Abbild eines Gegenstands ist ein Ikon. Bauten, die sich als Ikon verstehen, stehen demnach zeichenhaft für einen Gegenstand, eine Idee, eine Absicht, den die Betrachtenden aufgrund von Ähnlichkeiten erkennen. So einfach scheint es: Ein Stadion erinnert an einen Autoreifen. Und im Beispiel des holländischen Clubs ‘de Graafschap’ stimmt die Erzählung für alle Beteiligten: Das Stadion für 20’000 Fussballfans erinnert auf den ersten Blick an einen Traktorreifen. Der Investor Licotec, spezialisiert auf Dachkonstruktionen, will für die dortigen Fans, die „Superboeren’ (Superbauern), ein Stadion bauen, mit dem sie sich auf den ersten Blick identifizieren: „Ich, Fan und Superbauer, bin zufrieden, mein Stadion ist ein grosser Autoreifen.“

Ein architektonisches Ikon ist keine Ikone in Gestalt von Architektur

Die Sache hat einen Hacken: Ein Ikon ist nicht gleich einer Ikone. Eine Ikone ist historisch betrachtet ein religiöses Kultbild, und ein Heiligenbild ist mehr als eine stilisierte Abbildung eines Gegenstand bzw. einer Person. Aber: Das Birds Nest von HdM in Peking wurde doch bereits vor den Spielen, noch während der Bauarbeiten, medial weltweit als Kultbild, als Ikone dargestellt? Die Annahme, HdM hätten in China eine architektonische Ikone geschaffen, ist vertretbar. Die Annahme schon. Damit ist jedoch noch lange nicht die Frage beantwortet, ob das Bauwerk den Anspruch, von den Menschen als Kultbild identifiziert zu werden, tatsächlich erfüllen wird. Eine Antwort benötigt Zeit und darin liegt das Dilemma: Der Selbstdarstellung globaler Architekturproduzenten fehlt im Zeitalter der Ad-hoc-Publizität eben genau diese Ressource: Zeit.

Bauen oder Architektur?

Gibt es also überhaupt einen Unterschied zwischen dem Nest in Peking und dem geplanten Autoreifen in Holland? Vielleicht diesen in Form einer Behauptung: Das Stadion in Peking ist ein ernst zu nehmender Beitrag an die aktuelle Architekturdiskussion, das Stadion in Holland ein banales Bauen für Zielgruppen, oder anders formuliert: Ikonisches Bauen als direkte Stilisierung eines Gegenstands hat nicht a priori die Gestaltqualität, Wirkung und damit die architektonische Bedeutung eines von Menschen wahrgenommenen und getragenen Kultbilds, das die Form und Gestalt von Architektur angenommen hat. Ikonisch ist also nicht gleich ikonisch.

Zeitgeist medialer Bilderwelt

Soviel scheint klar: Ikonisches Denken und Bauen verspricht im Zeitgeist medialer Bilderwelten und unter dem Einfluss einer Kultur der Gesichter, in der jedes Produkt und repräsentative Bauten schnell bildlich und medial zum Sprechen gebracht werden müssen, eine anwendbare sichere Lösung für Aufmerksamkeit und damit für Erfolg. Das Entwerfen gleicht sich dabei leicht der Planung von Kommunikationsinstrument an: selbsternannte architektonische Ikons, wie das Stadion für die Superbauern in Holland, entstehen durch das eindimensionale Wirkungsdenken im Bauen für Zielgruppen. Daran ist im Prinzip nichts Schlechtes, wenn die kreative Leistung davon ausgeht, dass Bedeutungsinhalte auf vielfältigere Art und Weise – und in verschiedenen Köpfen, Kulturen, Situationen und Zeitdimensionen auf unterschiedlich Art und Weise – die Gestalt von Architektur annehmen können. Produkte, Management- und Kommunikationsziele haben immer noch kürzere Beine als Bauten aus Glas und Stein.

Architektur oder Design?

So spannt sich zwischen der banalen stilisierten Abbildung und der möglichen Wahrnehmung eines architektonischen Kultbilds ein Möglichkeitsraum auf, der über die Planbarkeit und die kommunikative Kontrolle von Marketingzielen hinausgeht und einen entscheidenden Faktor ins Spiel bringt: Zeit. Zudem stellen sich grundsätzliche Fragen, die die Architektur und die Kommunikation gleichermassen betreffen – vielleicht sogar auch die dehnbare Trennlinie zwischen Architektur und Design. Der italienische Architekt und Designer Cittério an diese Trennlinie anlässlich der Architekturgespräche 2008 in Luzern in seinem Sinn auf den Punkt gebracht: Der Designer denkt, „Ich baue, damit der Bauherr Geld verdient“. Der (traditionelle) Architekt denkt: „Ich baue, damit der Bauherr sein Geld ausgibt“.

Intelligente Architekten bauen für Zielgruppen

Es liegt wohl in der Natur der Sache, dass das Ikon als vereinfachtes und instrumentalisiertes Abbildungsmotiv in der Architektur, der angewandte und vereinfachte Ikonismus, die kommunikative Bedeutung und Möglichkeit im Planen und Bauen bis zur Banalisierung vereinfacht. Der Kreis um das Haus als Ente oder dekorierter Schuppen  bei Venturi schliesst sich einmal mehr. Das Innere ist jedoch vielschichtiger geworden: In der Logik einer unternehmerischen Markenarchitektur ist der Bau als Ikon umso attraktiver, je erfolgreicher er einen Beitrag leistet, dass die Zielgruppe sich wunschgemäss verhält, sprich kauft. Bei BMW hat man dazu genauere, systematisierte Vorstellungen zum Design und zur Rolle des Architekten entwickelt: Der „Intelligente Markenarchitekte“ (Zitat BMW) steht ganz im Dienst der baulich stilisierten Markenwerte. Die Marke – „das Grundeigentum der Wissensgesellschaft“ (Cittério) – und die zuständige Marketingabteilung gibt formale und materielle Vorgaben für Verkaufsräume: Scheiben- und Glasarchitektur und tragende Mauerscheiben stellen den Markenwert „dynamisch“ dar. Der gestalterische Spielraum für die Umsetzung wird sehr schnell, sehr eng. Intelligente Markenarchitekten sind deshalb bei BMW keine Stars und bleiben unsichtbar. Die Stars heissen bei BMW intern „flexible Stars“. So wie Coop Himmelb(l)au) in München leisten sie durch ihre eigenen Namen einen Mehrwert an den Markenwert der Firma bzw. der Produkte. Co-Branding heisst diese Markenstrategie. BMW ist nicht die einzige Firma, die damit erfolgreich ist. Herzog und de Meuron haben sich bei PRADA auf ein Co-Branding von Architektur, Produkt und Architekten eingelassen. Fortsetzung folgt. In Basel ist man einen Schritt weiter: Bei den Kunden von Hdm geht es darum, die Logik von Identitäten, architektonisch abzubilden.

Bildersturm statt Fussball

Zurück nach Holland, zum Stadion als Ikon: Die holländischen ‚Superboeren’, Fans, Sponsoren und die Spieler, verstehen ohne weitere Erklärung, wieso ihr Stadion wie ein Traktorreifen aussieht. Vielleicht sind alle Beteiligten unbewusst sogar froh darüber, dass ikonische Architektur, die in ihrer Wirkung und Bedeutung dem Ikonenbild nahe kommt, erst durch die Wahrnehmung in der Zeit entsteht und deshalb auch im Umfeld der Fussballgötter selten nachgefragt und auf Bestellung realisiert wird. Denn wer weiss: Wäre ihr Stadion von einem weltweit tätigen, flexiblen BMW-Star entworfen worden, hätten die Investoren und Erbauer statt eines Fussballfestes vielleicht einen holländischen Ikonoklasmus der Superbauern riskiert: den ersten Bildersturm aufgebrachter Fussballfans gegen das eigene Stadion.

Best Urban Space (beta): Form und Material der temporären Stadt

Die Welt ist zu über 50% urban, dieser Befund ist seit 2007 statistische Tatsache. Urbanität als temporäre Angelegenheit wird gleichzeitig zu einem grossen Teil durch Kommunikation hergestellt und wahrgenommen, als Form und Material unserer Umwelt. Das ist eine Annahme. Die These dazu lautet: Die ideale Stadt, das richtige Projekt, der richtige Stadtraum, das richtige Quartier entsteht im Zeitalter von Information und Wissen aus der Idee eines präzis hergestellten Best Urban Space (BUS). Ein BUS ist eine temporäre Angelegenheit.

Die Diskussion um die Entwicklung der Stadt würde zu räumlich geführt, lautet eine Meinung in der Szene der Architektur- und Stadtdenker.  Für die anderen ist sie, die Art und Weise, Stadt zu denken, zu wenig räumlich; zu viel virtueller Raum, zu viel Soziologie und Geographie. Schwierig ist sie deshalb, die Verständigung über das Thema. Und das in einer Zeit, in der zum ersten Mal in der Geschichte über 50% der Weltbevölkerung in städtischen Siedlungsgebieten leben. Mehr als die Hälfte von uns, Tendenz steigend, müssten also mindestens eine Ahnung davon haben, wie sie sich über ihre eigene Lebenswelt mitteilen und verständigen können. Oder ist das Alles nur akademische bzw. statistische Spielerei? Fest steht, das Phänomen Stadt betrifft die Welt und ihre Bevölkerung in einem noch nie da gewesenen Ausmass. Stadt ist ein Issue, ein öffentliches Thema, das in den Köpfen drin ist und darauf wartet, in unterschiedlichen Situationen aktiviert und verräumlicht zu werden.

Wettingen will Stadt sein

Von der Welt zurück in die Schweiz: Verständlich also, will auch Wettingen, ein städtisches Dorf im Kanton Aargau, geht es nach dem politischen Willen seines Stadtvaters, offiziell „Stadt“ sein und so genannt werden. Können die das überhaupt? Das ist eine Frage an die Kommunikation, an den Sinn und Unsinn der politischen bzw. der öffentlichen Kommunikation zur Stadt? A propos: Aus dieser Perspektive heraus wird die Diskussion zur Stadt zu wenig räumlich geführt. Im Zeitalter der Stadt müsste PR, Public Relation, endlich verräumlicht werden: Urban Relation heisst die Aufgabe. Ihre Hauptaufgabe ist es, zwischen dem umfassenden Phänomen der Stadt und der gebauten Architektur Verbindungen herzustellen – eine Art Best Urban Space (BUS).

BUS fahren

BUS fahren ist eine ernst Angelegenheit und mehr als eine neue Technik in der Kommunikation. Im BUS werden urbanistische Macht- und Verhandlungsräume sichtbar, als öffentlich zugängliche oder privat abgeschlossene Kommunikationsräume und gemeinsame Ressourcen von Individuen, Firmen und stattlichen Institutionen zur Diskussion gestellt. Räumliche Orientierung, Identifikation und Aufmerksamkeit sind die harte Währung im Management von geplanter Kommunikation im öffentlichen Stadtraum. BUS benennt Kommunikation im öffentlichen Stadtraum als Verhandlungs- und Gestaltungsaufgabe innerhalb von situativen, räumlichen Grenzen. Un die Architekten? Sie haben darin eine ganz eigene Aufgabe im Geschäft um Aufmerksamkeit: Sie sind die Spezialisten darin, Kommunikation zu verräumlichen, Instrumenten und Massnahmen ihre räumliches Gewand zu geben.

Best Urban Space (BUS)

Eine erste Prämisse zu einem kommunikativ strategisch gedachten und räumlich konkret umgesetzten idealen Stadtraum lautet: Entwicklungen werden nicht geplant und gesteuert, sie finden statt. Der Satz aus dem französischen Pavillon an der Architekturbiennale in Venedig 2006 hat seine Gültigkeit behalten: Es gibt keine allgemeine Gültigkeit, was die Stadt ist, braucht und kann. Immerhin: Es gibt einige gültige Phänomene. Das Emblem zu dieser idealen Stadt, die nicht ausschliesslich aber vor allem aufgrund von Kommunikation als Form und Material im urbanen Raum entsteht, sieht einfach aus: Ein Rechteck mit einer durchgehenden Wellenlinie. Entwicklungen finden statt, irgendwo und irgendwie zwischen den beiden Punkten, wo die Welle auf die Gerade trifft. Darin liegt der Anteil, den wir steuern, planen, gestalten und kommunizieren können. Irgendwie müssen wir sie ja festhalten können, unsere Stadt.

A wie authentisch: Zeit für eine Kurvendiskussion

Stadtfragen: Kurvendiskussion

Authentizität ist in der Wahrnehmung und Beurteilung von Architektur en vogue. Was hat das Zauberwort nun tatsächlich mit Qualität zu tun? Und worin zeigt sich diese? Natürlich an der qualitativ einzigartigen aber engen Spitze der Architekturproduktion: Dort, wo der Spagat zwischen Individualismus von Autor/innen, den Wünschen des Bauherrn und der Einzigartigkeit einer Bauaufgabe gerade noch gelingt, bevor narzistische Verlockungen medialer Aufmerksamkeit zum inhaltlosen Absturz führen.

Diagramm: Stadtfragen 2011: X-Achse=Beziehungsqualität; Y-Achse=Authentizität.

sta. Im Medienzeitalter interessieren Köpf mehr als Inhalte – Mediokratie könnte man das Phänomen nennen (Meyer). Dann, wenn das Denken, Handeln und Mitteilen in der Politik und in der Verwaltung nach den Spielregeln der Medien passiert: Im Zentrum steht dann die Person, ihre aussergewöhnliche Idee, ihre Glaubwürdigkeit, Qualität und der Mehrwert ihrer Einzigartigkeit. Das Zauberwort dazu heisst „Authentizität“. Als politisch glaubwürdig und mächtig gilt, wer ausdrücklich von sich spricht. Peter Schneider hat dies im Tagi vom 22.10.08 so kommentiert: „Die öffentliche Sphäre wird auf diese Weise privatisiert bzw. psychologisiert. Statt mehr Worte gibt es mehr Selbst.“ Kritisch ist diese Tendenz deshalb, weil je authentischer (d.h. identischer mit sich selbst) das Handeln und Auftreten ist, desto leerer ist es. Nachrichten und Entscheidungen aus der Politik drohen deshalb im Zustand der Mediokratie zu einem narzistischen Austausch zu werden. Jeder und jede versteht eigentlich nur noch sich selbst. Diese Art der Selbstdarstellung geniesst zwar die öffentliche Wahrnehmung, Präsenz und damit den Erfolg, sie bleibt jedoch beziehungsunfähig.

Macht zuviel Ego gute Architektur blind?

Stimmt die Diagnose der Mediokratie auch für das Denken, Entwerfen, Bauen und Vermitteln von Architekur und Stadt? Der weitgehend auch medial begründete Aufstieg der globalen Architekturstars, scheint zumindest nicht dagegen zu sprechen. Die viel zitierte und geforderte Authentizität im Entwurf und in der Beurteilung von Architektur macht deshalb möglicherweise nicht nur berühmt. Sie kann auch zur Bedrohung werden. Wer Architektur denkt, entwirft und baut und dabei einseitig auf den narzisstischen Austausch mit sich (oder einem engen Kreis von Gleichgesinnten) setzt, neigt zur Beziehungsunfähigkeit kann die Betrachter des Resultats narzisstischer Selbstverwirklichung sogar blind machen! Beispiele dafür, dass sich Architekten, Bauherren, Vertreter von Firmen CI’s und Markenkwerten explizit auf sich selbst beziehen und dadurch mediale Aufmerksamkeit geniessen können oder müssen, gibt es zuhauf. Sprachlich stehen dafür Begriffe  wie Autoren-Architektur, Marken-Architektur oder Coporate Architecture. Achtung: Gegen berühmte Architekten und ihre Werke ist nichts einzuwenden! Dennoch gilt es, abzuklären, an welchem Punkt die Forderung und das Verlangen nach Authentizität in der Architektur, so etwas wie der Spagat zwischen Qualität und Individualismus, in eine Richtung kippt, wo sie hauptsächlich beziehungslose Selbstdarstellung oder im Auge des Betrachters vor allem Leere hervorbringt.

Kurvendiskussion_traum

Versprechen am Marketinghimmel

Wie verhält es sich also mit der Behauptung, dass Architektur umso stimmiger und besser wird, je authentischer sie dem Ort, den Ideen des Architekten, den Vorgaben der Unternehmenswerte entspricht? Die lineare Steigerung ins Unendliche, das Versprechen zum linearen Weg in den Architekturhimmel des Marketings, gibt es nicht (vgl. Diagramm). Allein schon deshalb nicht, weil die Diskussion zwischen Architekt, Bauherr, Behörden und Unternehmer dem Wunsch nach uneingeschränkter Selbstverwirklichung im Weg steht. Vielleicht führt die Kurvendiskussion, die sich der architektonischen Qualität als Beziehungsqualität zwischen Entwerfer und Betrachter in Abhängigkeit vom Anteil des vom Autoren eingesetzten Individualismus bzw. seiner Authentizität eher zu folgender Einsicht: Dort, wo die Spitze der Architektur ihre seltenen Beispiele hervorbringt, haben es die am Bau Beteiligten aussergewöhnlich gut geschafft, die Einzigartigkeit und potentielle Authentizität einer Bauaufgabe nicht a priori dem Architekten zu überlassen. sondern im Prozess der Zusammenarbeit zu finden. Jede Spitze die Eigenschaft, beschränkt Platz anzubieten. Deshalb bleibt die Spitze dieser Art von Architekturproduktion nur wenigen vorbehalten.

Mediale Niederlage

Kommt hinzu, dass nicht nur Bergsteiger wissen: An der Spitze ist die Luft dünn, Orte oft einsam, es droht der Absturz. Auf dem Gipfel architektonischer Authentizität kann dieser Ort in die Einsamkeit und auf der Gegenseite in die Inhaltsleere und Blindheit der Betrachter führen. Wenn dem so ist, dann ist die Ausrichtung der Architektur auf die Regeln der personalisierten Medienwelt vielleicht sogar noch eine Abkürzung dorthin, wo die Beziehungsqualität vollends verkümmert. Es gilt dann lakonisch auszurufen: „Weniger Architektur, noch mehr Architektinnen und Architekten, Autorinnen und Autoren und Künstler“. Diese Entwicklung passt zur Beobachtung in der Mediengesellschaft, dass Architektinnen und Architekten und die Architektur als Mehrwert noch nie so präsent waren. Das muss nicht schlecht sein, wenn die Beziehungsqualität nicht ausschließlich darin gemessen wird. Denn sonst wird der Gipfelsturm der Authentizität zur Niederlage. „Der Sieg der medial auftrumpfenden Architektur ist ihre bitterste Niederlage“, wie Gerhard Matzig von der Süddeutschen Zeitung dazu einmal gesagt hat (HPT, 11/2008)