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Rohstoff gegen die Angst vor Verstädterung

Das Zusammenleben in Städten ist der wichtigste Markt der Welt. Die freie Privatstadt,so lautet das Ansinnen von Titus Gebel (Bildquelle: NZZonline), liefert das richtige Businessmodell dafür. Das Buch ist kürzlich im Eigenverlag erschienen. Stadtfragen wollte wissen, wer und was genau dahinter steckt. Im Interview mit dem Autor klang es danach, dass in der Karibik die erste Umsetzung geplant ist. Auch die Schweiz hat inspiriert.

„Liebe Politiker, liebe Meinungsmacher, liebe Weltverbesserer, Wir möchten in Frieden und Freiheit leben. Wir möchten für uns selber sorgen. Wir können für uns selber sorgen. Wir wollen in Ruhe gelassen werden. Verstehen Sie das nicht?“ Titus Gebel, in: Freie Privatstädte. Mehr Wettbewerb im wichtigsten Markt der Welt, Aquila Urbis 2018.

sta. Um 1900 lebten gerade zehn Prozent der Menschheit in Städten, heute über die Hälfte, und 2050 werden es gemäss UNO siebzig Prozent sein. Keine Frage: Es wird enger auf dem Planeten. Gleichzeitig ist das, was wir allgemein unter einer guten Stadt verstehen, offensichtlich subjektiver, unsicherer und gleichzeitig vielfältiger geworden. Vor diesem Hintergrund – und auch weil er genug vom politischen Weg hat – will der ehemalige deutsche Rohstoffhändler und FDP-Politiker Titus Gebel eine Minderheit von gleichgesinnten Vertragsbürgern weltweit in eine selbstbestimmte urbane Freiheit führen: Mit seiner Firma Free Private Cities, Inc. und zusammen mit weiteren Geldgebern beabsichtigt er, Städte als gewinnorientierte Unternehmen zu führen, quasi ohne Staat, dafür mit eigenem Steuer- und Rechtssystem, ganz nach dem Vorbild von Freihandels- bzw. Sonderwirtschaftszonen.

Zeitgeist der knappen Botschaften

Gebel trifft mit seinem Buch rhetorisch einen Zeitgeist, der seine Aufmerksamkeit und Nahrung in knappen Botschaften findet: „Politik löst nicht Probleme, sie ist Teil des Problems.“ Deshalb müssen die Menschen von der Unterdrückung durch diese befreit werden, so sein Fazit nach den ersten hundert Seiten von Freie Privatstädte. Mehr Wettbewerb im wichtigsten Markt der Welt. Bei der Begründung von Absicht und Geschäftsidee folgt das Buch einer reaktionären Logik: Die fundamentale Systemkritik dient als Vorspann, um die herrschende Unordnung zu entlarven, danach wird die neue Lösung präsentiert: Nach der „Entmachtung der Politik“ soll in der freien Privatstadt jeder Bürger, quasi politikbefreit, seinen Lebensstil per Einzelvertrag mit seinem Stadtbetreiber aushandeln können. Dieser wiederum hat einen Vertrag mit dem Gastgeberstaat. Das Marktversprechen der weitgehend uneingeschränkten Selbstbestimmung und Selbstoptimierung, den Kauf des genau richtigen Autos, überträgt Gebel auf das Zusammenleben in der Stadt: „Stellen Sie sich vor, ein privates Unternehmen bietet Ihnen als Staatsdienstleister den Schutz von Leben, Freiheit und Eigentum in einem abgegrenzten Gebiet. Sie zahlen einen vertraglich fixierten Betrag für diese Leistungen pro Jahr. Um alles andere kümmern Sie sich selbst, können aber auch machen, was Sie wollen, solange Sie die Rechte anderer nicht beeinträchtigen.“

Im dreihundertseitigen Buch treffen Philosophie, Analyse, persönliche Diagnose, historische Referenzen von Venedig über die Hanse bis nach Dubai und Sandy Springs sowie unzählige, nicht datierte Zitate aufeinander. Ein Sammelsurium von Apercus bildet einen roten Faden, den sich die Leserin und der Leser merken sollen: In der freien Privatstadt gilt „Jeder ist der Souverän seiner selbst“. Das Bonmot „Stadtluft macht frei“ wird zum „Recht auf ein selbstbestimmtes Leben“. Über allem steht als Glaubensbekenntnis das Marktprinzip, „das bisher einzig bekannte, dauerhaft wirksame Entmachtungsmittel der Menschheit“, wie der Autor, nun in der Rolle als Revolutionär auf der Höhe seiner Zeit angekommen, schreibt. Damit in seiner Stadt die erwünschte soziale Harmonie herrscht, gibt es zum Dreigestirn Markt, Freiheit und Grundeigentum obendrauf nur eine „goldene Regel“ zu beachten: „Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg auch keinem anderen zu“, was frei übersetzt in die urbane Praxis stiller Orte heisst: Bitte verlasse das WC so, wie du es antreffen möchtest!

Holprig in der Umsetzung

Was die rechtliche und organisatorische Umsetzung des Geschäftsmodells betrifft, so begegnet man bei der Lektüre gleichzeitig vertraglichen Details, vielen Kann-Formulierungen schliesslich aber dann doch noch unerwartet konkreten Vorstellungen für den Alltag: Hässliche Todeswarnungen auf Zigarettenverpackungen soll es nicht mehr geben. Und Geisteswissenschafter seien wohl eher seltener anzutreffen, ist zu lesen. Auch die Schweiz hat bei den Überlegungen zur Umsetzung inspiriert, wie Gebel im Interview erklärt: durch die Kleinheit ihrer gut vernetzten, städtischen Siedlungsgebiete, den Steuerwettbewerb, die Gemeindeautonomie und die Wehrhaftigkeit.

Für Planer und Architekten geben das Buch und das Interview Entwarnung: „Marktorientierter Städtebau“, lautet der Ansatz von Patrik Schuhmacher, Partner bei Zaha Hadid Architects in London, der die Planung und Umsetzung der freien Privatstadt mit seiner Expertise beratend unterstützen soll. Gemeint ist: Vorschriften wird es in der freien Privatstadt eher weniger geben, dafür vielleicht einen nachbarschaftlichen Handel mit Gebäudehöhen, denkbar sind Experimente an der Peripherie. Eine Stadt am Markt zu bauen, impliziert für Titus Gebel und seine Zugewandten zunächst, den Versuch zu unternehmen, womöglich daran zu scheitern, aber in jedem Fall daraus zu lernen: „Staaten scheitern auch regelmässig. Da ist es aber ja wohl immer noch besser, wenn dies im kleineren Massstab einer Gruppe von Freiwilligen widerfährt, die alle genau gewusst haben, worauf sie sich vertraglich eingelassen haben.“ Die Entstehung der ersten Privatstadt wird gegenwärtig in der Karibik verhandelt. Ein Konsortium mit Sitz in den USA (Hauptinvestorin ist die Firma Free Private Cities, Inc.) will zuerst 25, danach 50 Mio. Euro bereitstellen. Aus Angst vor politischem Widerstand in einer frühen Phase ist der Standort vorerst noch geheim.

Ein Stadtmodell für Zielgruppen

Im Grunde genommen lanciert die freie Privatstadt die Diskussion über die Zukunft der Nationalstaatlichkeit, wie wir sie seit dem 19. Jahrhundert kennen. Als Gegenstand steht ein marktorientiertes Zusammenleben von gleichgesinnten Zielgruppen in einem räumlich abgeschlossenen, dennoch global vernetzten städtischen Ort (etwas ähnlich der City of London) zur Diskussion. Die entsprechenden Positionen und Perspektiven sind im Buch zwar umfassend, jedoch mal mehr und mal weniger eindeutig dargestellt. Die rustikal formulierte Demokratiekritik und das Themenpaket „Marktorientierung, Selbstbestimmung, Freiheit und Sicherheit“ werden dem Vorhaben wohl eine gewisse Aufmerksamkeit und vielleicht sogar eine Nachfrage bringen. Ein weiteres Marktargument spielt unausgesprochen mit: Wo Sicherheit nachgefragt wird, sind immer auch Ängste mit im Spiel. Im Diskurs über die Stadt der Zukunft sind dies globale und ganz lokale Ängste vor zunehmenden Nöten, Widersprüchen und Konflikten in sowohl wirtschaftlichen und technischen als auch sozialen und gesellschaftlichen als auch planerischen und räumlichen Themen unseres Zusammenlebens. Die freie Privatstadt kann auch als Gegenmittel dazu interpretiert werden: als Rohstoff gegen die Angst vor der Verstädterung.

Die Menschheit lebt aktuell auf nur drei Prozent der Erdoberfläche. Statistisch hat es noch genügend Platz für weiteres Wachstum. Trotzdem oder gerade deshalb ist die Notwendigkeit unbestritten, neue Ideen zu formulieren und zu diskutieren, wie noch mehr Menschen in der Zukunft in Städten und auf dem Land zusammenleben wollen, können oder ganz einfach nur müssen.

(Folgendes Interview mit Titus Gebel wurde am 12. Juni 2018, im Motel HotelOne in Zürich aufgenommen, die Abschrift gegengelesen.)

Thomas Stadelmann: Führt Sie ihr jüngst erschienenes Buch Freie Privatstädte nach Zürich? Und wenn ja, wen interessiert das Thema denn hierzulande?

Titus Gebel: Ja, das Buch bzw. mein Unternehmen Free Private Cities, Inc. sind der Anlass. Ichhabe gute Kontakte zu Unternehmen in der Schweiz und auch zu den Medien, etwa zur Autoren-zeitschrift schweizer monat. Diese gilt es zu pflegen. Im Übrigen hat mich das Liberale Institut in Zürich zu einem Vortrag eingeladen.

Sie vergleichen das Modell der freien Privatstadt und im Buch mit dem Betrieb eines Kreuzfahrtsschiffs. Wohin führte Sie Ihre letzte Schifffahrt, und können Sie den Vergleich kurz erklären?

Die Reise ging von Alaska nach Vancouver. Und das Bild ist sehr stimmig: Schiffe sind rechtlich kein schwimmendes Territorium des Flaggenlandes, sie müssen daher nicht eine vorbestimmte, sondern können unter einer für die jeweilige Fahrt zweckmässigen Rechtsordnung fahren. Es gilt quasi freie Rechtswahl. Zudem gibt es an Bord keine Mitbestimmung darüber, wo die Reise hingehen soll. Wer an Bord ist, weiss wohin die Reise geht und was er dafür bezahlen muss. Und: Der Kapitän, die höchste Instanz, macht nicht einfach das, was er selbst gerade möchte, weil er ein kommerzielles Interesse hat, seine Kunden zufrieden zu stellen und nicht gegen Verträge gegenüber der Rederei verstossen will, kurz: Freie Rechtswahl, Freiwilligkeit, Markt-orientierung und Vertragssicherheit sind auf hoher See ebenso grundlegende Bausteine, wie in einer freien Privatstadt, so wie ich sie haben möchte.

In der Danksagung zum Buch sind über 30 Personen genannt. Haben Sie das Buch eigentlich selbst geschrieben?

Alle Texte sind von mir aber nicht alle Ideen. Ich habe mich mit den im Buch erwähnten Leuten ausgetauscht, sehr intensiv u.a. mit Rolf W. Puster (Anm: Professor für Philosophie an der Universität Hamburg) und mit dem Architekten und Stadtplaner Patrik Schumacher (Anm: Partner im Büro Zaha Hadid Architects in London). Andere haben ihre eigenen Ideen eingebracht, vor allem Fragen gestellt, mit beantwortet, oder sie arbeiten bereits selber an ähnlichen Projekten. Joe Quirk etwa, der am Seastaeading Institute am Floating City Project arbeitet, einer ausserhalb von staatlichen Hoheitsgewässern schwimmenden Stadt. In der Szene der freien Privatstädte sind weltweit insgesamt vielleicht ein paar hundert Leute aktiv. Uns verbindet alle die Überzeugung, dass die erfolgreichsten Städte im Jahr 2050 keiner der heute noch gängigen Ideologien folgen werden.

Wie lange dauerte es von der ersten Vision, über die Geschäftsidee, bis zum Abschluss des Buches? Stand zu Beginn ein konkreter Anlass?

Am Buch habe ich drei Jahre gearbeitet. Seit der ersten Idee sind bestimmt zehn Jahre vergangen. Ich war zuvor jahrelang in der deutschen FDP engagiert, habe mich der politischen Macht angenähert. Als CEO der deutschen Rohstoff AG war ich bis 2014 auch im Umfeld des Wirtschaftsministeriums an Diskussionen über Rohstofffragen beteiligt. Nach über 30 Jahren politischem Denken und Beobachten habe ich dann mein Fazit gezogen: Ich möchte nicht mehr, dass die Regierung oder eine Mehrheit über mein Leben bestimmt, und mit diesem Ziel ist das aktuelle System nicht reformierbar. Auch für die Schweiz sehe ich da in der Tendenz keinen signifikanten Unterschied. Ein Aha-Erlebnis, das mich ebenfalls zur Idee der freien Privatstadt führte, habe ich erlebt, als ich in Monaco ankam. Nach dem Wegzug aus Deutschland fehlte mir jegliches Interesse dafür, mich in die lokale Politik einzumischen, einfach deshalb, weil ich als Bewohner einer Stadt hauptsächlich in Ruhe gelassen werden, meine Kinder auf die Strasse schicken können, niedrige Steuern bezahlen und eine gewisse Infrastruktur benützen will. Das aber ist eine Leistung, für die ich keinen Fürsten benötige – ein Privatunternehmen könnte das genauso leisten.

Das klingt so, als wären Sie nachhaltig von der Politik enttäuscht worden?

Ja, ich würde dem so sagen, auf den Punkt gebracht: Politik ist nicht ein Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. Meine Diagnose und mein Antrieb gehen aber weit über Politikerverdrossenheit hinaus: Die Menschen können nicht durch Politik überzeugt werden, dass Freiheit, Selbstbestimmung und Eigenverantwortung gute Dinge sind und dafür sorgen, dass es uns dann allen besser geht. Diese Werte sind nicht mehrheitsfähig, weil sie unbequem sind. Daher mein Fazit: Wenn ich und andere in Freiheit leben wollen, dann braucht es einen vollkommen neuen Ansatz; ein Nischenprodukt für diejenigen, denen Selbstbestimmung wichtiger ist als Mitbestimmung, die sich in den meisten Ländern zudem in der Abgabe einer Wahlstimme alle paar Jahre erschöpft. Funktioniert dieses Produkt werden die anderen Ähnliches wollen. Die Idee der freien Privatstadt ist im Grunde der Philosophie von Thomas Hobbes entnommen: Es gibt nur eine Sache, die wir alle gleichermaßen wollen: in Frieden leben. Wenn dem so ist, und die Menschen bereit sind, freiwillig und selbstbestimmt etwas dafür zu bezahlen, dann entsteht ein viel freieres, besseres und effizienteres System als eines, in dem eine Gruppe die anderen aufgrund politischer Macht zwingt, ihren Ideen und ihrer Weltanschauung zu folgen. Und so ist die Idee am Ende zusammen gewachsen: Die freie Privatstadt wird ein neues Produkt auf dem grössten Markt der Welt, dem Markt des Zusammenlebens. Freie Privatstädte werden geführt von Privatunternehmen, die möglichst autonom und gewinnbringend individuelle Staatsdienstleistungen anbietet. Solche Angebote müssen attraktiv sein, sonst kommt niemand bzw. die Einwohner wandern wieder ab.

Ihr Buch kommt wissenschaftlich daher, gleichzeitig ist der Text gespickt mit persönlichen Pauschalurteilen zur Lage der Demokratie und zum Scheitern des Sozialstaats: Für wen oder gegen wen und was haben Sie das Buch geschrieben?

Das Buch ist für diejenigen geschrieben, die nach Alternativen zu unserem jetzigen politischen System suchen.Es finden sich darin keine Schlussfolgerungen, die nicht begründet oder empirisch belegt sind. Es ist für jene, die auch daran glauben, dass der einfache Marktgedanke – ich bestelle, was ich will und bezahle nur das, was ich bestellt habe – auf unser Zusammenleben übertragen werden kann, und dass der Wettbewerb auch hier dazu führt, dass die „Produkte“ im Laufe der Zeit immer besser und immer billiger werden.

Sie betonen immer wieder, die freie Privatstadt sei eine Geschäftsidee und keine Vision. Weshalb schreiben sie denn hundert Seiten Demokratiekritik und die Forderung nach der „Entmachtung der Politik“, bevor sie im Buch das eigentliche Businessmodell erklären?

Die erste Hälfte verstehe ich als philosophisches Vermächtnis, die zweite Hälfte funktioniert als Handbuch, auch für diejenigen, die das freie Privatstadtkonzept nicht genau so machen wollen, aber den Reformbedarf erkannt haben. Auch Politiker sind angesprochen. Da kritische Themen in der Politik meistens jedoch nicht mehrheitsfähig sind, müssen sie eben von aussen und in aller Deutlichkeit formuliert werden. In erster Linie geht es mir darum, eine Alternative zur Politik aufzuzeigen. Die Profitorientierung der freien Privatstadt ist lediglich Mittel zum Zweck. Sie zeigt uns an, ob die Ressourcen ordentlich eingesetzt wurden.

Wie war denn bisher die Resonanz B2B und in den Medien auf das Buch?

Viel besser als erwartet. Ich sag es einmal so: Vor zehn Jahren wäre ich vermutlich geteert oder gefedert worden, die Leute hätten wohl gesagt, der Mann ist ein Spinner. Heute ist das anders: Jeder Zweite, mit dem ich spreche, sei es in Monaco, in Italien, Frankreich, in der Schweiz oder in Deutschland, gibt zum Ausdruck, dass an der Grundidee etwas dran sein könnte. Ich glaube, viele Menschen sind in der heutigen Welt offener für Werte, Ideen und Lebensvorstellungen, für welche die freie Privatstadt steht und sie merken auch, dass unsere politischen Systeme nicht mehr gut funktionieren, ohne die Gründe dafür genau benennen zu können.

Jede Epoche hat ihre Städte so gebaut, wir sie den jeweiligen Lebensbedürfnissen bzw. Machtverhältnissen entsprachen. Wie akut sind die Notwendigkeit und die Nachfrage, auf die Ihre Geschäftsidee gute Antworten hat?

In unseren Präsentationen für Investoren zeigen wir auf, dass Staatsaktivitäten den grössten Markt der Welt ausmachen, wobei 90 Prozent der Marktteilnehmer Verluste machen. 81 Prozent der Menschen sind mit der Art und Weise, wie ihr Land regiert wird, nicht zufrieden; die Schweiz vielleicht ausgenommen. Diesen riesigen Markt gilt es zu aktivieren. Dass uns das gelingen wird, zeigen immer wieder persönliche Reaktionen an Vorträgen, auch von jungen Menschen, die von weit her anreisen, vom Konzept überzeugt sind und die mich fragen: Ab wann können wir hingehen?

Ich erwähne zudem gerne das Beispiel von Sandy Springs, eine Stadt in den USA bei Atlanta, die es seit 2005 gibt: Ausser der Polizei und der Gerichte ist dort die ganze Stadtverwaltung privatisiert. Das Resultat: eine Kostenersparnis von zehn bis vierzig Prozent. Oliver Porter, der das Projekt initiiert hat (Anm: im Beraterstab von Free Private Cities aufgeführt), kennt zehn Städte mit zusammen rund eineinhalb Millionen Menschen, die das Modell Sandy Springs bereits kopiert haben. Zu bemerken gilt, dass diese Städte allesamt Neugründungen sind. Eine Umwandlung bestehender Kommunen ist trotz zahlreicher Versuche und trotz Kosten-senkungsgarantie noch immer gescheitert. Das ist ein weiteres Beispiel dafür, wie die Politik Wettbewerb und Innovationen verhindert, wenn dadurch ihre Macht geschmälert wird.

Privatisierte städtische Gebiete mit dem Label Smart City liegen im Trend. Alphabet, Googles Konzern-Mutter, baut mit Sidewalk Labs ein Areal am Hafen von Toronto, Facebook plant Zucktown. Worin liegt der Unterschied zwischen diesen Projekten und ihrem Stadtmodell?

Solange Smart Cities nicht gleichzeitig Free Cities sind, kann ich damit wenig anfangen. Ich denke, eine Mehrheit lebt tatsächlich lieber in einer Smart-City, wie sie die Chinesen oder globale Player wie Alphabet vorhaben als in einer Free Private City, die Eigenverantwortung fordert. Aber eben nicht Leute wie ich. Mit der freien Privatstadt wird eine Minderheit angesprochen, der Freiheit und Selbstbestimmung wichtiger sind als eine durch Technologie kontrollierte, politisch geführte Smart City, in der zudem die totale Überwachung und Entrechtung des Einzelnen drohen. Der grösste Unterschied liegt im Verhältnis zwischen den einzelnen Bürgern und Unternehmen zum jeweiligen Betreiber einer Privatstadt. Die Rechtsposition des Einzelnen ist im so genannten Bürgervertrag festgelegt. Dieser kann vom Betreiber oder auch einer Mehrheit nicht einfach geändert werden. Nach dem Prinzip jeder Bürger ist der Souverän seiner selbstbietet der Vertrag die Sicherheit gegenüber dem Betreiber der Stadt und den Schutz vor einer allfälligen Mehrheit, die Absichten haben, welche dem Einzelvertrag widersprechen. Ein Beispiel: Angenommen 99 Prozent in einer freien Privatstadt sind der Meinung, dass es einen Gemeinderat braucht und dazu noch ein neues Schwimmbad. Wenn diese 99 Prozent freiwillig mitmachen und das entscheiden, ist das solange kein Problem, wie dem einen Prozent und dem Betreiber nicht gesagt wird, dass er Entscheide des Gemeinde-rats mittragen und beim Schwimmbad mitbezahlen muss. Rentieren aus Sicht des Betreibers weder Gemeinderat noch das Schwimmbad, dann tragen die 99 Prozent somit die ganze Finanzierung.

Aus schweizerischer Sicht ist das eine eher fremde Vorstellung.

Sie müssen sich einfach vorstellen, dass Sie ihre jetzige Politikwelt verlassen und in der Welt des Grüntees angekommen sind (Anm: Titus Gebel trinkt gerade eine Tasse Grüntee). Ich habe einen Grüntee bestellt, weil ich einen Grüntee wollte, und weil ich bereit bin, den Preis dafür zu bezahlen. Ich habe deshalb aber kein Recht darauf, zu bestimmen, dass Sie auch einen Grüntee bekommen (Anm: Der Interviewer trinkt Mineralwasser) und noch unfreiwillig dafür bezahlen müssen. Genau das macht aber die Politik. Und das Prinzip betrifft dabei alle Lebensbereiche: Sie bezahlen überall für Leistungen mit, die sie gar nicht wollen oder die andere beziehen, ohne etwas dafür zu leisten. Daher die Überlegung: Wir verlassen die Wege von Sozialstaat und Mitbestimmung und wenden uns hin zur Selbstbestimmung in einer räumlich klar abge-grenzten freien Privatstadt von gleichgesinnten Vertragsbürgern.

Ich fahre kein Auto, gehe zu Fuss oder mit dem Velo zur Arbeit. Ich brauche also keine sechs Meter breite Strasse. Bezahle ich in Ihrer Stadt deshalb nichts an den Strassenbau?

In jedem Bürgervertrag wird festgehalten, wofür der Jahresbeitrag verwendet wird. Im Pflichtteil sind die Leistungen zum Erhalt der Sicherheit, für die Verwaltung, für den Unterhalt von Infrastrukturen und den Betrieb von Schiedsgerichten enthalten. Den Strassenbau würden wir als Stadtbetreiber soweit möglich an Private übertragen. Unterschiedliche Formen sind je nach Stadt denkbar, etwa die Vollfinanzierung aller Strassen oder der völlige Verzicht darauf, solange man in der Innenstadt wohnt. Als Nicht-Autofahrer können Sie nach Studium der Vertrags-bedingungen also frei entscheiden, ob Sie in eine solche Stadt ziehen wollen. Denkbar ist auch das Modell, dass kein Beitrag für den Strassenbau und den Unterhalt anfällt, weil private Betreiber dafür aufkommen und ihre Leistungen über eine Maut verrechnen.

Und wenn Sie scheitern, der Stadtbetreiber in Konkurs geht?

Natürlich können wir auch scheitern. Staaten scheitern schliesslich auch regelmässig. Da ist es aber ja wohl immer noch besser, wenn dies im kleineren Massstab einer Privatstadt passiert, und dies Freiwilligen widerfährt, die alle genau gewusst haben, worauf sie sich vertraglich eingelassen haben. Im Übrigen würden wir ganz geregelt in die Insolvenz gehen und ein besserer Betreiber würde weitermachen, oder die Bewohner übernehmen die Betreiber-gesellschaft in einem Resident-Buy-Out.

Neben dem Gastgeberstaat, dem Betreiber, dessen Anlegern und den Vertragsbürgern gehört ein Schiedsgericht zum Modell der freien Privatstadt dazu. Welches ist der schwierigste Vertrag, den es auszuhandeln gilt?

Derjenige zwischen dem Stadtbetreiber und dem Gastgeberstaat, weil darin im Grunde ein Teil politische Souveränität verhandelt bzw. abgegeben wird: Macht- und Einflussverlust der Politiker und Beamten drohen. Sonderwirtschaftszonen weltweit zeigen aber, dass es durchaus Staaten gibt, die dazu bereit sind. In Dubai und Abu Dhabi gilt quasi englisches Recht. Auch Hongkong hat eine eigene Währung und eine eigene Verfassung bzw. ein eigenes Rechts-system. Schwierigkeiten wird es mit der Politik aber – auch mit Verträgen – immer geben. Regierungen sind nicht die verlässlichsten Vertragspartner und neue Begehrlichkeiten können schnell entstehen, wenn eine freie Privatstadt erfolgreich unterwegs ist. Dagegen sichern wir uns vor allem über Investitionsschutzabkommen ab, welche die meisten Staaten abgeschlossen haben und die ausländische Investoren wie uns Ansprüche bei staatlichen Eingriffen gewähren.

Die Schweiz wird in ihrem Buch mehrmals positiv erwähnt. Worin liegt der Beitrag an die Idee und an die Umsetzung ihrer Geschäftsidee?

Das Beispiel Schweiz ist sehr wertvoll. Nämlich die Idee der weitgehenden Gemeindehoheit bei Entscheidungen, die Kleinheit und Überschaubarkeit von Gemeinden und Städten, die zudem untereinander im steuerlichen und Regulierungs- Wettbewerb stehen. Vieles davon entspricht im Grunde meiner Vision für die ganze Welt: Dass wir künftig für das Zusammenleben kleinere und grössere, jederzeit überschaubare Gebiete einrichten, die ihre eigenen Regeln selber machen und die gleichzeitig offen und bereit sind, mit anderen Gebietskörperschaften zu konkurrieren. Zudem ist die Stellung der Schweiz in Europe ein mögliches Vorbild für ein ganzes Netz aus Privatstädten: Zusammenschluss wird nur zum Schutz, zu Verteidigungszwecken und bei der Entwicklung von Märkten angestrebt.

Würden Sie auch aus einer finanziell maroden Schweizer Kleinstadt per Vertrag mit dem Gastgeberstaat CH und/oder dem jeweiligen Kanton eine freie Privatstadt aus Vertragsbürgern machen?

Ich würde diese Aufgabe sofort und mit Freude angehen. Das Problem wird sein, dass die Bürger damit einverstanden sein müssen, da wir niemanden gegen seinen Willen zu einem Leben in einer Privatstadt zwingen wollen. Und dazu gehören ein gewinnorientierter Betreiber, keine öffentlichen Güter, ein eigenes Steuer- bzw. Gebühren- und Polizeisystem sowie vor allem die Einsicht, dass die Mehrheit nicht einfach die Regeln ändern und der Minderheit diese aufzwingen kann.

In der Praxis würde man vermutlich zuerst abstimmen lassen: „Wollen Sie eine freie Privatstadt für die nächsten 15 Jahre sein, oder nicht?“ Die Geltung des Vertrages mit Bund und Kanton müsste angeordnet, und allen Bürgern, die nicht einverstanden sind, eine Entschädigung gegen Wegzug angeboten werden. Wahrscheinlicher als dieses Szenario wäre jedoch, dass in der Nachbarstadt zur maroden Kleinstadt, auf noch unbewohntem Gebiet, eine neue Stadt entstehen kann, und die Menschen sich dann entscheiden können, ob sie bleiben oder in die freie Privatstadt umziehen wollen. Für den Betrieb könnte ich mir auch eine Genossenschaft vorstellen. Der entscheidende Punkt würde in jedem Fall bleiben: Ein Bürgervertrag, der nicht einseitig gekündigt werden kann, regelt die gegenseitigen Pflichten und Leistungen. Und: der Betreiber hat das Recht, darüber zu entscheiden, wer Bürger wird und wer nicht.

Das Buch bleibt bei der Beschreibung der Umsetzung spekulativ und offen. Wie geht es mit der Produktentwicklung konkret weiter? Wann und wo sind die nächsten Meilensteine gesetzt?

Den Erfolg der Geschäftsidee können wir ganz einfach messen, indem wir Geld verdienen. Wir sind gerade in der Karibik dabei, über eine Sonderverwaltungszone auf der grünen Wiese zu verhandeln. Das Projekt kommt der Idee einer freien Privatstadt schon sehr nahe.

Wer sind „wir“?

Bei den Investoren handelt es sich um ein Konsortium mit Sitz in Washington. Mein eigenes Unternehmen Free Private Cities, Inc. ist einer der Hauptinvestoren.

Zurück in die Karibik. Wie viel Geld investieren Sie wo genau und wann?

Für das Projekt in der Karibik werden in einer ersten Finanzierungsrunde rund 25 Millionen, in einer zweiten rund 50 Millionen Euro investiert. Zum Ort kann ich noch keine Auskunft geben. Wird der Standort zu früh öffentlich, drohen endlose politische Widerstände. Nur soviel: Im Gegensatz zu Beispielen in China und Saudi Arabien, wo riesige Retortenstädte entstehen, gehen wir das Wachstum marktgerecht und organisch, d.h. in drei Phasen an: 1000, 10’000 und dann bis 100’000 Menschen. Aktuell verhandeln wir mit dem Gastgeberstaat die vertragliche Rahmenbewilligung aus. Die erste Phase bis 1000 Vertragsbürger wollen wir in den nächsten drei Jahren abschliessen.

Was wäre ihre persönliche Rolle, wenn die Stadt gebaut ist?

Aktuell gehöre ich der Betreibergesellschaft an und leite die Verhandlungen mit der Regierung des entsprechenden Landes. Um zu lernen, wäre ich gerne die ersten zwei, drei Jahre auch operativ dabei.

Als Verhandlungsführer beschäftigen Sie sich wiederum vor allem mit Politik, etwas, dass Sie nach dem Umzug von Deutschland nach Monaco eigentlich nicht mehr tun wollten?

Das kann ich leider nicht ändern, weil ich nicht gleich auf die Ideallösung setzen kann. Unsere ersten Städte werden noch keine freien Privatstädte sein, sondern eher dem Modell eine Public Private Partnership (PPP) gleichen. Das Schöne ist aber, dass es Länder gibt, die bereit sind, sich auf die Idee der freien Privatstadt einzulassen. Zugegeben, dies sind vor allem Länder, die Probleme haben und deshalb eher offen sind für neue Ansätze. Gelingt uns das Projekt in der Karibik, können wir dafür sorgen, dass die Post wieder funktioniert, Gerichte nicht korrupt sind und Kriminelle draussen gehalten oder ausgewiesen werden.

Das Prinzip „marktorientierter Städtebau“, das Sie im Buch Patrik Schuhmacher zuschreiben, ist nur sehr kurz abgehandelt. Stadtplanung soll  nicht ideologischen Zielen, sondern den Gesetzen des Marktes gehorchen und „soziale Harmonie“ ermöglichen. Wie verändert sich dadurch die Aufgabe der Städtebauer, Planer und Architekten?

Im Grunde genommen gar nicht. Der Stadtbetreiber wird von Fall zu Fall über die Anzahl und die Qualität der Planungsvorgaben und Instrumente (etwa die Zonierung oder eine Nutzungs-durchmischung) entscheiden. Soweit haben wir eine Vorstellung: Wir möchten einen Stadtkern haben, der relativ homogen aussieht, damit die Stadt attraktiv ist. Die Dichte an Vorgaben wird von innen nach aussen abnehmen, vielleicht bis an Orten am Rand der Stadt, wo gar keine baulichen Regeln mehr bestehen werden. Dort wird die freie Privatstadt dann zum städtebaulichen Experiment.

Wird Patrik Schumacher, der als Beirat Ihrer Firma aufgeführt ist, mit Zaha Hadid Architects als verantwortlicher Masterplaner fungieren?

Patrik Schumacher wird nicht als Hausarchitekt fungieren, sondern übergeordnet und in Planungsverfahren und Ausschreibungen für die Qualität sorgen und in dieser Rolle selbstverständlich seine eigenen architektonischen Ideen einbringen. Ich stelle mir zudem vor, dass wir ganze Stadtviertel an Immobilienentwickler vergeben werden und dabei sowohl Gestaltungs- wie Qualitätsvorgaben machen. Was es nicht geben wird, ist eine öffentliche Mitwirkung, wenn es darum geht, Planungsgrundlagen verbindlich zu machen. Der einzelne Bürger wird aber jederzeit wissen, welche Regeln gelten und wie der Handel mit Eigentums-rechten spielt. Als Grundeigentümer könnte ich z.B. zehn Stockwerke bauen, realisiere aber nur deren drei, deshalb verkaufe sieben an einen anderen Grundeigentümer, der dann siebzehn Stockwerke realisiert.

Nach zwei Generationen soll eine freie Privatstadt ein räumlich klar abgegrenzter Ort für eine (Zitat) „überdurchschnittlich zivilisierte“, „gewaltfreie“, aber gleichwohl „wehrhafte“ und „hoch mobile Gemeinschaft“ anbietet. Welche städtebaulichen Vorbilder fallen Ihnen ein?

Mein Ideal ist die italienische Stadt mit der Piazza. Dieses europäische Bild einer Stadt kann ich in der Karibik natürlich nicht 1:1 umsetzen. Städtebau muss sich an den lokalen Begebenheiten orientieren. Aber im Grunde schätze ich Orte, die eine architektonisch homogene Mitte haben und eine räumliche Grösse, die in kurzer Distanz und sicher begehbar ist. Was für das Konzept der freien Privatstadt gilt, muss auch die Leitidee für den Städtebau und die Architektur sein: Ich glaube an die Marktidee, weil sie auf Versuch und Irrtum basiert und Planung nicht als Orakel, sondern als Risiko versteht: Wie sollen wir denn heute vorausplanen können, was in zwanzig  Jahren richtig und gut sein wird?

Immerhin versprechen Sie schon heute den Erfolg von „individueller Freiheit“ und sozialer Harmonie“ in Privatstädten? Wir werden wir an der konkreten Gestaltung von Plätzen und Häusern erkennen, dass Sie Ihr versprechen ohne politischen Einfluss und ohne Mitwirkung durch die Bewohnenden eingelöst haben?

Ich bin kein Städtebauexperte, sehe aber, dass es viele Modelle und Theorien zu einer schön und gut gestalteten Stadt gibt. Das sind alles Spekulationen! Wir werden Städte realisieren und dabei schnell lernen. Unser Vorteil ist, dass wir dabei nicht von fremden gesetzlichen und politischen Machbarkeiten eingeschränkt werden. Im Grunde fangen wir jedes Mal neu an.

Wie möchten Sie am liebsten bezeichnet werden: als Utopist, Visionär, Reaktionär oder Schöpfer von Wohlstand und individueller Lebensqualität?

Jemand hat geschrieben, ich wäre ein visionärer Realist. Da ist was dran. Ich bin immer gegen Utopisten und Wolkenkuckucksheim-Leute gewesen. Was ich kann, sind visionäre Möglich-keiten, die uns der Markt des Zusammenlebens bietet, mit einem ganz realen Geschäftsmodell zu verbinden. Das ist meine Stärke. So machen es auch Aldi und die Migros erfolgreich: Sie stellen Produkte zur Verfügung. Und wenn das Produkt gut ist, wird es gekauft, wenn nicht, wird es am Markt scheitern. Ich bin überzeugt, dass die freie Privatstadt als Geschäftsmodell dem weltweiten Status quo der Städte künftig überlegen sein wird, weil daraus ein zusätzliches und vielfältiges Angebot entstehen kann, das viele Menschen von der Staatsabhängigkeit befreit und selbstbestimmter leben lässt.

Möchten Sie noch etwas ergänzen?

Ja, zurück zu ihrem Schweizer Beispiel: Wenn Sie tatsächlich so eine Stadt in der Schweiz kennen, die als freie Privatstadt in Frage käme, dann (…)

KKL (0): Das (fast) perfekte Museum

Juan Munoz, The Wasteland, 1987, Foto: Stefano Schröter

Nouvelles bôites!, die aktuelle Gruppenausstellung im Kunstmuseum Luzern, setzt sich mit den Räumen der Architektur Jean Nouvels auseinander. „Die Räume sind perfekt“, hat die Kuratorin Fanni Fetzer an der Vernissage zu ihrer Antrittsausstellung in Luzern betont. Fast, denn, was Jean Nouvel nicht geschafft hat, das gelingt in der Ausstellung nun erstmals Jim Isermann: eine perfekte Museumsdecke.

(sta) Perfekt vorgestellt ist nicht dasselbe, wie perfekt gebaut, denkt man sich beim Anblick der an den Rändern deutlich verschatteten, abgehängten Lichtdecke im KKL-Museum. Jedoch: Zwölf Jahre nach der Eröffnung interessiert sich kaum jemand mehr dafür, was damals konstruktiv, finanziell und überhaupt schief gelaufen war. Man stelle sich die Reaktionen vor, wenn die neue Kuratorin im Namen der perfekten Kunstinszenierung gerade jetzt, gleichzeitig mit der Dachsanierung beim KKL, einfordern würde, den ästhetischen Mangel an der Museumsdecke zu beheben! Manuela Jost, die Präsidentin der Kunstgesellschaft und neu gewählte Baudirektorin der Stadt Luzern, wäre von dieser Idee wohl kaum entzückt. Lassen wir es deshalb bei der gedachten Perfektion von Jean Nouvels Innenleben im Kunstmuseum bleiben, denn die Ausstellung soll ja explizit nicht als Kritik an der Museumsarchitektur verstanden werden. Es handelt sich um eine kuratorische Untersuchung.

Jim Isermann Drop Ceiling 2011, Foto: Stefano Schröter

Nouvelles bôites! befragt das Kunstmuseum nach seinem Potenzial, und zwar in jedem einzelnen Raum anders: einmal mithilfe einer zwar bunt „gemalten“ aber umso gemeineren Irritation der räumlichen Wahrnehmung (Juan Munoz); dann in Form einer mit minimalem Materialaufwand verspiegelten Black-Box (Spiegellampen von Kitty Kraus); andernorts mit dem Designer-White-Cube von Jim Isermann (Drop Ceiling) und schliesslich sogar durch die Inszenierung eines permanenten Übergangs zwischen Black & White während der ganzen Ausstellungsdauer (Malaktion von Nedko Solakov).

„Sinnlich, kunstvoll soll ein Nachdenken über die Räume des Kunstmuseums Luzern und die Präsentationsbedingungen von Kunst angeregt werden“, so die Kuratorin, die sich an der Vernissage ganz in Rot präsentierte. Fetzer wagt es mit der Ausstellung tatsächlich, ihre Gäste in die Metakommunikation über Kunst und Architektur zu verführen. Das ist in Luzern ein mutiger Schritt, hat doch der Austausch über die Bedeutung des KKL als Gesamtkunstwerk, als Emblem einer cité nouvelle in der Stadt Luzern, bis heute nicht stattgefunden. Dass Nouvelles bôites! diese Auseinandersetzung zumindest innerhalb des Museums gelingt, liegt daran, dass die Art und Weise einen gewissen Witz hat: Witzig ist auch, dass Jim Isermann ausgerechnet in den Räumen von Jean Nouvel’s nicht ganz gelungener Museumskiste mit seinem Deckenraster aus 170 Platten im handelsüblichen Format eine zweite, lichtdurchlässige Museumsdecke schafft. Und die ist nun wirklich perfekt.

Fünf Ansichten zu Frank Gehry

„Mir gefällt die Art und Weise, wie das Gebäude an diesen Ort passt“, sagte Frank Gehry anlässlich der Eröffnung der Cleveland Clinic for Brain Health 2010 in Las Vegas. „Ich habe nicht versucht, mit dem Chaos rundherum zu konkurrenzieren“. Das Büro für Stadtfragen hat das Gebäude besucht. Die Architektur überzeugt ausgerechnet hier in Vegas – auch wenn man Frank Gehry’s Formen-, Struktur- und Materalvirtuosität nicht ohne Vorbehalte begegnen kann. Eine Dokumentation in fünf Ansichten.

Bilder: Büro für Stadtfragen 2012, Zitate Frank Gehry: Interview ap 2010

Ansicht aus der Luft (Titelbild)

(sta/Las Vegas/2/2012) Gedanken an Las Vegas beginnen und enden gewöhnlich mit Gedanken an den berühmten Strip: Der sieben Kilometer lange Stadtstreifen mit seinen architektonisch inszenierten Themenwelten verkörpert weitaus erfolgreicher als etwa Einzelbauten die urbane Destination Las Vegas, die jährlich 39 Millionen Gäste in die Wüste Nevadas lockt. Nachdem Frank Gehry zuvor mehrere Bauaufträge in Las Vegas abgelehnt hatte, baute er hier zwischen 2007 und 2010 dann doch. Seine Cleveland Clinic (Bildmitte) sollte sich jedoch von der „cacaphony“ der Hochhaus- und Casino-Architektur, so Gehry, deutlich abheben. Dass dieses Unternehmen im Stadtkörper von Las Vegas nicht einfach ist, jedoch mit Hilfe einer überzeugenden, städtebaulich offenen Insellösung gelingen kann, lässt das Luftbild (Standort: Aussichtsturm Hotel Stratosphere) mit dem Gebäude in seiner Umgebung zuerst nur erahnen.

Das Areal ist eine städtebauliche Insel, die an der Ecke eines ehemaligen Eisenbahngrundstücks liegt, westlich von downtown Las Vegas mit der berühmten Freemont-Street und dem Golden Nugget. Meistens blauer Himmel, braune Berge, die rote Steinpyramide des Clark County Government Center prägen an diesem Ort die Aussicht. Im Stadtgrundriss ist die Anlage zudem von einem grossen, ja masslos großen Möbelausstellungshaus mit Convention Center, dem World Market Center flankiert, zudem von einer Outlet-Shopping Mall und der Baustelle für ein Kultur- und Konzertzentrum. Die Ankunft mit dem Auto erfolgt auf einem für Las Vegas typischen, grosszügigen Parkplatz.

Ansicht downtown

Gehry’s Entwurf besteht aus zwei unabhängigen Gebäuden: zum einen aus den viergeschossig aufgetürmten, kubischen Nutzungseinheiten der Tagesklinik (rechts im Bild), zum anderen aus dem formal dekonstruierten, metallisch glänzenden Event Center (linker Gebäudeteil). Den offenen Zwischenraum überdeckt eine mehrfach gefaltete Stahlskulptur. Als Fortsetzung der Fassade des Event Centers lehnt sie sich formal eigenwillig und scheinbar eher unwillig an die Tagesklinik an. „It’s not just blah, blah, blah, bland“, nicht nichtssagend, davon ist Gehry überzeugt, gerade weil die Architektur in indirekter Nachbarschaft zu downtown Las Vegas einen Beitrag an die Stadt liefere. Der Getränkeproduzent Larry Ruvo, dessen Vater an einer Hirnkrankheit gestorben war, hatte als Auftraggeber und Mäzen der Cleveland Clinic von Gehry nichts anderes als genau das erwartet: „Er hat mich gebeten, ein für Las Vegas einmaliges Gebäude zu schaffen, dass als solches, ähnlich einem Markengetränk in einem Shoppingcenter, sofort erkannt wird und das als Marketingsintrument verschiedene Gruppen anzieht, die hier Events durchführen“, so der Meister rückblickend. Die Arbeiten begannen 2007. Die Klinik wurde 2008 fertiggestellt, das Event Center 2010. Der Gesamteindruck, die Zugänge und Zwischenräume überraschen und überzeugen vor Ort gleichermassen; Klinik, Event Center und Gartenanlage bilden zusammen eine in ihrem Masstab eigenständige und stimmige Adresse. Gesamtkosten: 75 Millionen Franken.

Ansicht vor Ort

Die Cleveland Clinic offenbart vor Ort ihre Absichten unmittelbar – und auch jene bekannten des Architekten Frank Gehry: „You deliver a unique building, that creates a sense of pride, that works, that keeps the rain out, is uplifting and makes you happy to go to work and live in“. Dass der Regen draussen bleibt, dafür sorgt beim Event Center u.a. eine in China produzierte, rostfreie Stahlstruktur, die mit 18’000 an Ort und von Hand gebürsteten Elementen verkleidet ist. Wie das Interesse am Gebäude und die Reputation der Clinic zeigen, schafft die bei Tageslicht glänzende und nachts bunt illuminierte Architektur nicht nur für Patienten von Hirnkrankeiten wie Alzheimer oder Huntington einen Mehrwert, sondern auch für die Besitzer und sogar für die Stadt Las Vegas, die mehr sein will als eine „City of Entertainment“. Die ikonische Architektur Gehry’s stilisiert als Architekturmarke gleichzeitig die Win-Win-Situation der daran Beteiligten und deshalb die Rahmenbedingungen für die ökonomische Machbarkeit des Neubauunternehmens an diesem Ort. Wie offiziell erzählt wird, hatte vor allem die Wirkung und Formensprache von Gehry’s Architektur bereits in der frühen Entwurfs- und Projektphase mitgeholfen, das Bauprojekt, den späteren Betrieb und die Forschungsarbeiten in der Clinic mit Foundrising zu finanzieren.

Ansicht zu Fuss

Seit der Eröffnung macht die Architektur der Klinik Tages-Patienten und Forschende aus aller Welt glücklich. Besuchenden, die nicht in den Genuss einer Führung kommen, bereitet vor allem der öffentlich zugänglich Garten (Landschaftsarchitektur: Atelier Deneen Powell) eine Freude. Vom offenen Foyer zwischen den beiden Gebäudeteilen aus lädt er zu einem für die Autostadt Las Vegas eher ungewöhnlichen Areal-Spaziergang ein. Die Anlage der Cleveland Clinic präsentiert sich dabei als bauliches Gesamtkunstwerk: Wege, Ansichten, Bepflanzung, Kunstobjekte, Sitzgelegenheiten sind auf kleinstem Raum harmonisch mit dem Gebauten abgestimmt.

Innenansicht

„Es hat mir den Atem genommen“, soll Gehry, mittelweile 81 Jahr alt, bei der Eröffnung des Event Centers gesagt haben. Tatsächlich ist das Innere des Event Centers ohne direkten Augenschein kaum vorstellbar. Was aussen an der Fassade in Form einer Netzstruktur aus Fenstern leicht bis zerbrechlich wirkt, präsentiert sich innen als massive aber dennoch leichtfüssig tragende bzw. abgestützte Wand- und Deckenkonstruktion. Die statisch eigenständige, mehrfach gefaltete und gebogene innere Fenster-Fassade lässt sich im Gebrauchsfall mit allen Mitteln der Licht- und Tonkunst inszenieren: der rote Teppich, weisse Wände und eine vom Möbel bis zum Teller von Frank Gehry entworfene Ausstattung bilden die Grundausstattung. Too much? In den Augen Gehry’s wohl kaum, denn alle Entwürfe dienen einem übergeordneten Ziel, dem der Architekt seine Gestalt verleiht: „Das Wichtigste ist die Persönlichkeit des Gebäudes. Ich kann jedoch verstehen“, so Frank Gehry, wenn jemand das nicht versteht, „when somebody doesn’t get it“, denn solche Dinge benötigen seiner Meinung nach eben ihre Zeit. Zum Beispiel dann, wenn man Frank Gehry’s Formen-, Struktur- und Materalvirtuosität nicht vorbehaltlos begegnet. Erfrischend einfach wirkt in diesem Fall das Innenleben der Klinik. Helle, offene Räume und Frank Gehry’s Möbel aus Fichtenholz sorgen für eine angenehme Aufenthaltsqualität.

In Luzern vom Mittelmeer träumen

Die Überbauung Citybay in Luzern überrascht mit einem grünen Innenhof. Die Citybay ist ein Gemeinschaftswerk der Lussi+Halter Architekten und Koepflipartner, Landschaftsarchitekten aus Luzern. Der folgende Artikel ist in der Sonntagszeitung vom 27. November 2011 erschienen.

Fotos: Fotosolar Luzern / Ralph Bensberg

(sta) Unter dem KKL-Dach am Europaplatz in Luzern hat Jean Nouvel drei Häuser zu einem städtebaulichen Ensemble zusammengefügt. Ein ähnlicher Entwurfsansatz ist vor Kurzem einige hundert Meter vom KKL entfernt realisiert worden, hier allerdings ohne verbindendes Dach: Die drei Bauten der Überbauung «Citybay» beim Güterareal, in direkter Nachbarschaft zum Hotel Radisson und zur Schiffswerft, bilden ein offeneres Ensemble als das KKL. «Living», «Residence» und «Business» heissen die Gebäude selbsterklärend. «Citybay» – das bedeutet also mehr oder weniger luxuriöses Wohnen, zentrumsnahes Arbeiten und grosszügige Gewerberäume in der zweiten Reihe am Ufer des Vierwaldstättersees.

Die Architektur, die aussen hauptsächlich mit Betonelementen und der Farbpalette Beige, Ocker und Graubraun spielt, ringt dem städtebaulich anspruchsvollen Ort eine wenig spezifische neue Identität ab. Dazu flirten die Bauten der Lussi+Halter Architekten zu direkt mit Referenzen, wie sie von Orten wie dem Sulzer Areal in Winterthur oder von verdichteten Vorstädten der Schweiz mittlerweile gut bekannt sind. Es sind deshalb vor allem die Fussdistanz zum KKL, zum See, zum Bahnhof und zur Altstadt, es sind die Luzerner Preise und die Aussicht auf Aussicht, die das mittlere Gebäude der «Citybay», die «Residence», für die Besitzer der 92 Wohnungen zu einer einmaligen Adresse machen. «Alle Wohnungen sind verkauft. Wir danken für Ihr Vertrauen», heisst es auf der Internetseite stolz. Im Innenhof der «Residence» danken die Koepflipartner Landschaftsarchiteken den neuen Bewohnerinnen und Bewohnern für ihr Vertrauen mit einem an diesem Ort überraschenden Garten.

Hortus conclusus

Die «Residence» ist ein geschlossener Blockrand mit exklusiven Stadtwohnungen und zweigeschossigen Ateliers im Erdgeschoss. Die unmittelbare Umgebung entlang der Werftstrasse wirkt eher anonym, noch unbestimmt und ist von Hartbelägen, noch jungen Bauminseln, gepflästerten Bereichen und Bahnschienen bestimmt. Umso mehr werden Stadtspaziergänger vom Eindruck überrascht, wenn sie den 35 mal 22 Meter grossen Innenhof betreten: Das Erdgeschoss mit den Ateliernutzungen lässt den Blick vom Hof in die Umgebung schweifen, die Stimmung im grünen Innenhof ist trotzdem aufgeräumt und ruhig. Stefan Koepfli erklärt, dass sie hier einen «Hortus conclusus» realisiert haben. «Der umschlossene Innenhof der ‹Residence› verweist typologisch und bildlich auf die Anfänge der Disziplin Landschaftsarchitektur: Der Hortus conclusus ist ein sicherer Ort, ein Garten als Gegenwelt zum urbanen Umfeld, der das Bedürfnis nach Ruhe und nach Aufmerksamkeit für die eigenen Gedanken befriedigt.» Für die Umsetzung der Idee haben Koepflipartner Steineichen, immergrüne Magnolienbäume und Palmen im Innenhof zu Gruppen komponiert – es sind alles Pflanzen, die in südlichen Ländern vorkommen und ganzjährig grün bleiben. Zusammen mit den Holzlamellen an der Innenhoffassade der «Residence» wirkt das Resultat zugleich abstrakt und ortsfremd, ist aber trotzdem überzeugend selbstverständlich, und es werden gar Erinnerungen an Wohnhöfe in grösseren Städten am Mittelmeer wach.

Luzerner Regen und Blütenpracht

Wenn die Pflanzen in den nächsten Jahren wachsen und die Magnolienbäume einmal im Jahr für kurze Zeit in voller Blüte stehen, dann werden die geschützten Lauben der «Residence» zum wohl prominentesten Ort, an dem man mitten in Luzern vom Mittelmeer träumen kann. Dank der inneren Qualitäten des Gebäudes haben die Bewohnerinnen und Bewohner in der «Residence» gleich mehrere Gelegenheiten, mit Aussicht zu wohnen und ihren Innenhof zu geniessen: Der Garten ist für die Bewohner zugänglich, auf verschiedenen Wegen begehbar und mit Sitzgelegenheiten ausgestattet. In den Wohnungen selbst sind die Wohnzimmer zwischen der Aussenfassade und dem Innenhof durchgehend offen.

Erst die milden klimatischen Bedingungen im geschützten Innenhof und der Mut der Landschaftsarchitekten, technische Herausforderungen anzunehmen, haben es möglich gemacht, mitten in Luzern diesen Garten zu realisieren. Weil der Innenhof direkt über der Tiefgarage liegt, haben die Pflanzen keinen Kontakt zum natürlich gewachsenen Boden. Sie wachsen auf einer 70 cm tiefen, künstlichen Lebensgrundlage, die ihnen der spezielle Bodenaufbau anbietet. Der Wasserbedarf wird in erster Linie durch den anfallenden Regen gedeckt. Darüber hinaus ist der Pflegeaufwand für die verwendeten Pflanzenarten nicht allzu gross. Sie sind robust und insbesondere beim Wurzelsystem anpassungsfähig. Die Unterbepflanzung besteht aus schattenverträglichen Farnen und ebenfalls immergrünen Bodendeckern.

«Citybay»: Luzerner Gemeinschaftswerk

Die Überbauung «Citybay» in Luzern mit einer Arealfläche von 10’000 m2 ist das Resultat aus einem Studienauftrag, den die Arbeitsgemeinschaft Lussi+Halter Architekten und Koepflipartner, Landschaftsarchitekten aus Luzern 2006 für sich entschieden haben. Stefan Koepfli gründete sein Büro 1995 und entwickelt die Projekte seit 2001 in Zusammenarbeit mit Blanche Keeris und Jeannette Rinderknecht. Ihr Hauptinteresse gilt Themen und Aufgaben, die sich speziell in der Beziehung zwischen der Landschaft und dem Gebauten stellen. Der Eulachpark in Winterthur, die Freiräume um den Schweizerhof in Luzern, der Beitrag an die Architektur der Fensterfabrik Baumgartner in Hagendorn sowie die Aufwertung der Bahnhofstrasse in Yverdon gehören zu ihren bisher wichtigsten Arbeiten.

Neue Stadtmitte für Luzern

Zum Rendering „Stadt-Schmiede am Pilatusplatz“ in der NLZ, Dossier „Hochhaus“, 18. November 2011, S. 41.

(sta) Was liegt am Pilatusplatz in Luzern urbanistisch in der Luft? Die Geschichte des Ortes, die Ankunftsqualität, die Präsenz des Verkehrs und die baulichen Verdichtungsmöglichkeiten lassen erahnen, dass der Ort die Bedeutung einer neuen Stadtmitte in sich trägt. Das Rendering „Stadt-Schmiede am Pilatusplatz“ ist 2010, im Rahmen der Abstimmung zur alten Schmitte, entstanden. Es handelt sich nicht um ein Projekt, sondern um ein kritisches Sinnbild für die bisher unerkannten und ungenutzten Chancen am Pilatusplatz als neue Stadtmitte von Luzern. Beim abgebildeten Hochhaus handelt es sich um das Projekt skyvillage der holländischen Architekten MVRDV.

Bild: stadtfragen.ch / Thomas Stadelmann / Georg Vranek

 

Tanz auf dem Theiler-Areal

Die Architekten Darlington Meier gewinnen den Wettbewerb für den Umbau und die Erweiterung der Wirtschafts- und Fachmittelschule Zug auf dem Theiler-Areal (Bild 1). Meier Hug, die in der Nachbarschaft das Zentrum Frauensteinmatt realisiert haben, werden Zweite (Bild 2). Die Projekte der beiden Teams stehen programmatisch für eine beziehungsreiche Architektur und bestätigen den Trend hin zu einem integrierenden Entwerfen im baulichen Bestand (Bild 3/4/5/6).

Vollständige Architekturkritik, in: werk, bauen +wohnen Nr. 6/2011

(sta) Bis 2020 wächst im Kanton Zug die Nachfrage nach Schulraum für die Fach- und Mittelschulen um 28 Prozent, 2010 wurden in der Stadt Zug Baugesuche für Investitionen in der Höhe von 1.3 Mia Franken eingereicht. Historiker werden deshalb einmal zurückschauen und feststellen können, dass diese eindrücklichen Zahlen an der Stadtsilhouette ablesbar sind, die gegenwärtig in Zug entsteht. Vielleicht wird in diesem Rückblick auch erwähnt werden, dass in dieser Zeit der Geburtsort des Wirtschaftswunders Zug in eine Mittelschule umgebaut wurde. Den Grundstein dazu haben die Architekten Darlington Meier mit ihrem siegreichen Wettbewerbsbeitrag auf dem Theiler-Areal gelegt. Hier gründete der Industrielle Kaspar Theiler 1896 sein „Electrotechnisches Institut“ aus dem später die Firma Landis & Gyr wurde. Seit 2007 steht das Areal unter kantonalem Denkmalschutz.

Tanz um ein Wirtschaftssymbol

Der Wettbewerb für den Umbau und die Erweiterung des Theiler-Areals war ein architektonischer Tanz um ein Wirtschaftssymbol, der ohne klare Grundhaltung zum Paradigma einer beziehungsreichen Architektur und einer Absage an die puristische Lösung nicht zu lösen war. Robert Venturi hätte bestimmt seine Freunde daran, wie Darlington Meier (1. Rang) und Meier Hug (2. Rang) mit einem sowohl-als auch zwischen dem Respekt vor dem Bestand und der eigenen architektonischen Neuinterpretation ihre Lösung gefunden haben. Obsiegt hat ein für Kompromisse offener Entwurf, der über die akribische Suche nach Zwischenräumen und der richtigen Massstäblichkeit zwischen Neu und Alt, zwischen Innen und Aussen entstanden ist und zur bestehenden Shedhalle einen räumlichen Abstand einhält. Unterlegen ist ein strenger Entwurf, der, die an diesem Ort historisch belegte, pragmatische Wandelbarkeit eines Industrieareals auch beim Bau einer Schulanlage mit Mensa, Aula und Turnhalle architektonisch stilisiert haben wollte und deshalb eine neue, kompakte Architekturpassform vorschlägt. Die Shedhalle wurde geometrisiert, erweitert und zu einem zentralen räumlichen Verteiler in der neuen Anlage.

Der vollständige Bericht zum Wettbewerb auf dem Theiler-Areal erscheint im werk, bauen+wohnen (Nr. 6/2011).

Misty – people met in architecture

Alle zwei Jahre im November geht die Architekturbiennale in Venedig zu Ende. Die 12. Ausgabe hat die Architektur sinnbildlich in den selbst geschaffenen Nebel sinnlicher Erlebnisse gestellt – und das ausgerechnet in der Lagunenstadt. Darüber hinaus gab es einzelne kritische Sätze, Gebäudesensationen und den gewohnten Mix aus Spannendem und Langweiligem in den Länderpavillons. Dennoch geht nichts über die Vorfreude auf 2012: Es wird dann die 13. Mostra Internazionale di Architettura sein.

Bilder: Stadtfragen

(sta) Die Weitsicht ist halb durchsichtig, das Blau über der Lagunenstadt herbstlich gedämpft, die verschiedenen Farben der Häuserzeilen entlang dem Canale Grande wirken ohne die harten Schatten der Sommersonne wohlwollend aufeinander abgestimmt. In den Giardini, dem berühmten Ausstellungspark Venedigs, sind nicht etwa nur die Architekt/innen, sondern auch das übrige Publikum meist dunkel gekleidet: Ähnliche Szenen und Eindrücke gehören zum Ende der Architektur-Biennale in Venedig, die alle zwei Jahre von Juli bis November stattfindet. Die Kombination von internationaler Architekturshow und der sich selbst darstellenden, unendlich schön sterbenden Stadt Venedig bietet im Spätherbst ganz besondere Erlebnisreize an.

Sinnliches und Währschaftes

People meet in architecture. Den Ausstellungstitel setzte Kazuyo Sejima, die 2010 als erste Frau die Architekturbiennale von Venedig leitete. Der Besuch der Hauptausstellungen in den Giardini und im Arsenale hinterliess dann auch tatsächlich der Eindruck, dass es eine Antwort auf die Frage gibt, was es denn eigentlich an Zutaten braucht, damit Menschen in der Architektur aufeinander treffen können. Die Antwort könnte lauten: Einen Cocktail aus sinnlichen Erlebnissen. Derartige Momente waren in Venedig einige zu sehen, etwa: die überzeugende monumental-konstruktivistische Installation von Garcia-Abril & Ensamble Studio (phantastisch), der Pirelli-Boden als Kunstwerk an der Wand des belgischen Pavillons (na ja), das holländische Architektur-Netzwerke aus Nägeln und Fäden (hübsch), die knallenden Wasserblitze aus Licht im Arsenale oder Modelle von Aires Mateus e associados (Modellbild oben). Auch mit dabei, aber eher währschaft und deshalb auf den zweiten Blick sinnlich, präsentierte sich die im Schweizer Pavillon ausgestellte heimische Brückenkunst. 2012 ist es nun wirklich Zeit für einen nationalen Wettbewerb.

Disziplinierter Gänsemarsch im Nebel

In der Lagunenstadt Venedig einen künstlichen Nebel auszustellen, muss man als mutiges Unterfangen bezeichnen. Transsolar + Tetsuo Kondo haben es mit ihrer minimalistischen Installation in der Hauptausstellung gewagt. Der Aufstieg durch verschiedene, künstlich hergestellte Kilmazonen bot durchaus ein architektonisches Erlebnis an. Akos Moravansky nannte das Thema jüngst Meteorologische Architektur (Tec 21, 42/43 2010); ein Bauen von Atmosphären statt Bildern, wenn Umwelt nicht mehr nur betrachtet, sondern auch als eingeatmet gedacht wird. Wer jedoch das Blur Building, eine begehbare Wassersprühwolke über dem Neuenburger See, entworfen von Diller + Scofidio 2002 für die Schweizerische Landesausstellung Expo.02 erlebt hat, konnte der Nebelarchitektur in Venedig kaum viel abgewinnen. Die Skulptur liess die Besuchenden im Gänsemarsch und mit Fotoapparat im Anschlag in die künstlichen aber sicheren Höhen bis zum höchsten aber harmlosen Wendepunkt über dem Boden der Realität der Halle aufsteigen. Nach dem Abstieg fand man sich wieder am Ausgangsort. Kein aussergewöhnliches Erlebnis, eher hatte die Begehung eine gewisse Symbolkraft für den Gänsemarsch der Ideen und Formen in der aktuellen architektonischen Produktion. Die eigene Disziplin Architektur in den eigenen Nebel gestellt; rückblickend passt dieses Leitmotiv eigentlich ganz gut zur 12. Mostra: misty – people met in architecture.

Kritische Beiträge

Wer regelmässig nach Venedig reist, kann sich kaum davor hüten, einzelnen Länderpavillons aufgrund früherer Besuche schon im Vorfeld mehr Wohlwollen und Interesse entgegen zu bringen. Bei mir gehört jeweils der Pavillon Japans dazu. Mehrmals war der Beitrag durch klar formulierte und gestalterisch überzeugende Statements eine Klasse für sich. Auch in diesem Jahr wurde ich nicht enttäuscht: Public urban spaces are authorithan devices for suppressing people lautete der Titel der Ausstellung, und er stand als einer der wenigen kritischen Sätze zur Lage des Urbanen, die an der Ausstellung zurecht nach Aufmerksamkeit verlangten. Zudem war es der Katalog Tokyo Metabolizing von Kitayama, Tsukamoto und Nishizawa wert, gekauft zu werden: Ein schön gemachter, interessanter Versuch, 50 Jahre nach der Gründung der Metabolisten-Bewegung über die urbanistische Theory und Praxis in der Stadt Tokyo zu berichten.

Mobilität für alle können wir uns nicht leisten, lautete ein kritischer Fetzen im Auftritt von Rem Koolhaas. Der Niederländer wurde mit dem Goldenen Löwen für sein bisheriges Lebenswerk ausgezeichnet. Seine journalistisch vereinfachte und sich auf Zahlenreihen und Fakten abstützende Selbstdarstellung als global denkender und bauender Baumeister wirkte jedoch etwas vom eigenen Erfolg überholt.

Erfrischend naiv: rethinking happiness

Bereits die 11. Biennale 2008 (me, myself and I) hinterliess den Eindruck, dass sich der Mensch als Objekt der Architektur zunehmend allein auf dieser Welt befinden will. 2010 schien es, dass die Architekten und ihre Disziplin es im speziellen auch sein wollen. Ganz im Sinn des Autorenarchitekten und seiner Grundhaltung ist die Essenz architektonischen Schaffens dann zuerst deren Sinnlichkeit: Die Wahrheit ist weder schön noch hässlich, weder chaotisch noch ordentlich, weder ökologisch noch unökologisch, sondern sinnhaft. Sie (die Form) ist die Konsequenz aus der Idee. Das was ich mache, verstehe ich als Kunst (Valerio Olgiati, „Der Architekt ist kein Dienstleister“, in: tec 21, 41/52 2010).

Es erstaunt daher nicht, dass People meet in architecture im Vergleich zu den letzten Biennalen eher noch weniger Hörbares, Lesbares und Wahrnehmbares darüber berichtete, wo und wie die Disziplinen Architektur und Städtebau in der Welt stehen. Bevorzugt im eigenen Nebel? Als Antwort auf diese Frage präsentierte Aldo Cibic seinen auf den ersten Blick naiven aber im Kern doch erfrischenden Beitrag rethinking happiness mit vier urbanistisch-architekonischen Beiträgen zur Zukunft eines glücklicheren Zusammenlebens. Sein idealer Siedlungsentwurf auf der Grundlage gemeinschaftlicher Selbstversorgung (Ernährung und Energie) geht davon aus, dass Idealprojekte keine Ideallösungen, sondern lediglich Annäherungen an die sozial, ökonomisch und umweltbedingte Forderung nach einer besseren Lebensqualität sind; neue Realitäten, um Lebensstile zu verändern: Rural Urbanism als Antithese zu Masdar City. Erfrischend an diesem Gedanken ist der Hinweis, dass die Nachhaltigkeitsforderung in der Planungs- und Baupraxis nicht mit der Vergabe von Labels erledigt ist: Eher erfordert aktuelles Wissen im Umgang mit Ressourcen und gesellschaftlichen Herausforderungen eine andauernde räumlich-gestalterische Annäherung an verbesserte Lebensformen, die das Glück der Menschen in den Vordergund stellen. Die Publikation dazu: Aldo Cibic, rethinking happiness, Corraini 2010.

Gebäudesensationen

Toyo Itos Bauten sind nicht einfach Bauten, sondern sinnlich motivierte Gebäudesensationen, und sie gehörten in Venedig zu den Höhepunkten unter den traditionellen Projektpräsentationen. Im gewohnten Mix aus Spannendem und Langweiligen, den die Biennale einmal mehr auszeichnete, hatten die ausgestellten Modelle und Zeichnungen ihre eigene, sogar touristische Wirkung: Das muss man in gebautem Zustand sehen! Diese Wirkung schafft die Biennale allein durch die Substanz der gezeigten Inhalte nicht mehr. Ein Mangel, der jedoch durch die Vorstellung der jeweils zu erwartenden Menge und mit zeitlichem Abstand auch durch die Vorfreude auf die nächste Venedig-Reise längst kompensiert werden kann, deshalb: 2012 wird es für das Büro für Stadtfragen die Reise zur 13. Mostra Internazionale di Architettura sein.

Casa Poli, Pezzo von Erlichhausen, Coliumo, Chile

Mis-match in der Kritik

Wie beeinflussen Blogs die Architekturkritik? Die Londoner Architektin und Medienfrau Amanda Levete übt modernistische Medienkritik.

Architekturkritik? Wann sind Texte über Architektur reine Darstellung des Wohlgefallens an der Schönheit der Werkidee und deren Umsetzung; wann vor allem Übersetzungen der (unverstandenen) Anliegen einer Disziplin gegenüber ihrem breiten Publikum; und auf welchem Kanal dürfen, können, sollen Texte über Architektur und Städtebau überhaupt noch kritisch gegenüber den Auftraggebern, Planern, Autoren und Architekten sein? Wieso nicht gerade auf Blogs? Oder ist die Sache mit der Architekturkritik keine Frage des Mediums, sondern einfach so zu erklären, wie Lise Anne Couture und Hani Rashid 2008 an der Biennale in Venedig mit ihrem Statement zur Architekturvermittlung behauptet haben: Kritiker sind in der Regel “frightened” und Theoretiker frustiert!

Profilierung durch schnelles Schreiben

Die Deutsche Bauzeitung vom Oktober 2010 hat die Londoner Architektin Amanda Levete zum  Thema Architekturkritik und Blogs wie folgt zitiert:

„Architectural critique comes increasingly from profileration of blogs which give an instantaneus and anonymous critique based on a few seconds viewing of a few images online. And yet more is being asked of architects as thinkers and social commentators than ever before. There is a real mis-match here.“

Recht hat sie: Auch Architektinnen und Architekten sind im Zeitalter des Web 2.0, in dem Kommunikationsformen wie Blogs und Twitter als publizistische Schnellboote funktionieren, als Denkende und Sozialkommentatoren gefragt. Nur: Ihr Statement kann auch so – klassisch modern – interpretiert werden: Auf der einen Seite der oder die tiefgründig und mit Präzision denkende und entwerfende Architekt/in, dort die oberflächliche Masse mit dem schnellen Medium Internet, die es einmal mehr über die bessere (Architekten-)Welt aufzuklären gilt. Dazu taugt das Web gewiss nicht. Bleibt zudem die Frage, wer unter den Architekten/innen überhaupt noch die Zeit und das Können hat für fundierte Kommentare bzw. Gesellschafts- und Medienkritik. Architekten sind zum Bauen da. Und: Bei vielen Bauten lohnt es sich tatsächlich, nur ein paar wertvolle Sekunden Aufmerksamkeit zu verschwenden (siehe oben: die Theoretiker sind frustriert).

Future Systems

Was die Bauzeitung veröffentlicht hat, ist lediglich ein kurzes Zitat. Amanda Levete hat bestimmt mehr zu bieten. Sie ist zudem ein Beweis dafür, dass der Spagat zwischen dem Bauen und der Architekturvermittlung in Ausnahmefällen zu schaffen ist: Levete hat sich an der Architectural Association (AA) in London zur Architektin ausgebildet und danach für Richard Rogers gearbeitet, bevor sie 1989 als Partnerin bei Future Systems einstieg. Heute hat sie ihr eigenes Büro. Sie ist Gastprofessorin am Royal College of Art. Levete ist regelmässige am  TV und Radio anzutreffen und schreibt eine Kolummne für ein Baumagazin.