Basel tickt (vielleicht) zuerst.

Roche Turm Basel

Roche macht einen architektonischen Rückzieher und verzichtet vorerst auf den Turm-Bau zusammen mit Herzog und de Meuron: Steht auch der globale Architektur-Markt vor einer Wende? Die unsichere Kommunikation der Beteiligten liefert mögliche Hinweise.

Hochhäuser haben immer zwei Gesichter: eines für die Stadt und eines für ihre Benützerinnen. Weil Basel offiziell anders tickt, sind es hier sogar drei. Der Dank für diesen Gedanken gilt der Geschichte um den Rocheturm von HdM. Weil das Bild einer Stadt immer die symbolische Teilnahme der Gesellschaft, die Wahrnehmung von Indentität und Identitätsansprüchen der beteiligten Akteure zum Ausdruck bringt, sind grosse Würfe wie jener von HdM für Roche Basel auch ein Selbstbildnis der Erbauer und Besteller. Die Macht dieses dritten Gesichts zeigt sich erst dann, wenn der Konsens des Entscheidens und Aussagens bricht, so geschehen in Basel: Erbauer (die sich Autoren nennen) und die Bestellerfirma waren sich offenbar nicht mehr einig über den Sinn und Zweck des Vorhabens, dessen Botschaft und Wirkung. Der Bruch ist da, die Medien auch, nur: Was ist denn Schlimmes passiert? Ein Hochhaus wird nicht gebaut, basta.

Promis reagieren so

Die auf den ersten Blick beleidigt wirkende Reaktion aus dem Büro HdM (sinngemäss: „Wir haben es an der Morgensitzung im Büro erfahren“) ist nun genügend Beweis dafür, dass die Köpfe von HdM Promistatus erreicht haben. Auch diese Rolle spielen sie perfekt: Denn so reagieren nur Promis, die nicht nichts sagen können, weil sie und ihr Promistatus von der ständigen Aufmerksamkeit leben. Zweites Indiz: Auf derartige Reaktionen von Promis reagieren Berufskolleg/innen gerne mit einem Lächeln und versteckter Schadenfreude. Auch das gehört dazu und ist kein Unheil: Dem Büro wird die Absage, die ganze Geschichte ganz und gar nicht schaden, im Gegenteil: HdM sind weltweit gefragte Lead Consultants, die ein paar einheimische Negativ-Schlagzeilen locker wegstecken. Denn letzlich sind Promis quasi das Quellwasser des Mediengeschäfts. Diese Quelle lässt man aus Eigeninteresse auf beiden Seiten vielleicht nur deswegen etwas versiegen bzw. eintrüben, damit sie im nächsten Augenblick wieder in reiner Frische sprudeln kann. Der Preis, der dafür zu bezahlen ist, besteht in der unkontrollierbaren Absurdität, mit der der eigene prominente Name verwendet wird. So hat die Sonntagszeitung im Rahmen einer Leser/innen-Aktion am 5. Januar 2009 die wichtigsten 100 Schweizerinnen und Schweizer (der Prominenz) präsentiert. Hdm landeten auf Rang 77 – zusammen mit Ursula Andres.

Vom Denkmal zum Eiszapfen

Spannender als die Promi-These um HdM ist jedoch die Geschichte um den Roche-Turm aus Sicht der Unternehmenswelt und deren kommunikativen und baulichen Repräsentation. Für Roche hat sich das Gesicht des Turms durch die Lage in der Finanzwelt scheinbar in eine unpassende, drohende Fratze verwandelt. „Wir haben ein Bürogebäude bestellt. Wir bekamen aber ein Kunstwerk“ liess sich die Firma verlauten (NZZ am Sonntag, 30.11.2008, p.37). Nach dem schlafwandlerischen Staunen über die Bedeutung der Autorenarchitektur für die Markenführung schreiben die Zeitungen nun von fehlenden Sitzungszimmern und Eiszapfen an der Fassade. Die reine Zurschaustellung des Co-Brandings mit dem Starkult von HdM wurde wohl zum Risiko. Die Frage lautet: Passte sie, die architektonische Botschaft, überhaupt je einmal zur Unternehmenskultur, zum Markenkern von Roche? Die Gefahr, dass das Denkmal zum Mahnmal hätte werden könnte, liegt auf der Hand. Basel tickt anders? Basel tickt vielleicht wieder einmal zuerst. Wenn Ja, dann würde das heissen, dass nicht nur der Finanzmarkt, sondern auch der Markt der Star-Autoren-Architekten vor einer Wende steht.

Rückblick:

– „Es gibt keine Gewissheit, dass die Stadt eine Intervention in dieser Grössenordnung tatsächlich schluckt.“ Pierre de Meuron, in: Tagesanzeiger, Magazin, Nr. 19., 10.5.2008.

– „Aber es ist schon paradox. Roche verfügt über einen wunderbaren Campus und setzte jetzt auf einen Solitär.“ Vittorio Lampugnani, NZZ am Sonntag, 26. Oktober 2008.