Kategorie-Archiv: Temporäre Stadt

Moderierte Stadt für Karlsruhe

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Der Pavillon zum Stadtjubiläum im Karlsruher Schlosspark von Architekt Jürgen  Mayer H. ist eine temporäre Architektur für eine temporäre Stadt. Sie dauert vom Juni bis im September 2015, wurde vom Stadtmarketing bestellt und wird – so lautet hier die Prognose – ein beispielhafter Erfolg einer moderierten Stadtproduktion, in deren Ambiente sich die einzelnen Besucher/innen aus Nah und Fern, allenfalls auch in Reisegruppen und zusammen mit ein paar Freunden, vor allem selbst feiern werden.

Bilder: J. Mayer H. 2014

sta. „Heute findet ein Wechsel vom Monument zum Event statt“, schreibt Hannelore Schlaffer in ihrem lesenswerten und scharfsinnigen Essay über das heutige Strassenleben in der City, der „geplanten Stadt“ (zu Klampen 2013). Sie meint damit jene oft beschriebene Stadtrealität, in der politische Behörden nicht mehr dadurch als Machthaber auftreten, indem sie ihre ästhetische Selbstdarstellung mit Denkmälern und Monumenten feiern. Noch weniger wollen sie als blosse Verwalter oder Ordnungshüter auftreten: „Lieber spielen sie den Moderator bei den Unterhaltungsangeboten für ihre Bürger“, so Schlaffer. Städtische Immobilien dürfen deshalb weder einschüchtern, noch den Anschein machen, dass bei ihrem Bau und Betrieb nicht die kluge Ökonomie oberstes Ziel gewesen ist. Politische Macht in gebauter Form scheint daher umso sinnfälliger in Form von Kulturbauten und Events ihren der Zeit angepassten Ausdruck finden zu müssen. Jedoch nicht nur aus Selbstzweck, denn: Dem modernen und oft temporären Stadtbürger vom Land vergegenwärtigen Museen, Konzerthallen, Pavillons und Open-Air-Veranstaltungen bei einem Besuch weniger die Kraft der Staatsmacht, sondern vor allem seine oder ihre persönliche, sinnliche Präsenz und Aufmerksamkeit, die auf einer meist ungefährlichen, im besten Fall etwas schicken und in jeden Fall urbanen Bühne erlebt werden darf. Dieses persönliche Recht auf Stadt ist weder kritisch noch revolutionär, es konsumiert. Die zahlreichen Anderen gehören nicht zu einer organisierten Masse, sie sind einfach halt auch noch da.

Instant-Architektur für die friedliche Menge

Mit dem Wechsel vom Monument zum Event werden Bauten wie der Pavillon für Karlsruhe 2015 aus urbanistischer Sicht so zum persönlichen temporären Ereignis in der temporären Stadt; politisch und planerisch angerührt, schmackhaft und konsumierbar wie ein hochwertiger Instantkaffee, der in einem mobilen Pappbecher durch die Instant City für eine friedlich-fröhliche Menge getragen wird. Geordert durch das zuständige Stadtmarketing muss oder kann die Architektur dem Event gleichzeitig seinen baulichen Rahmen, seine gestalterische Exklusivität, den inhaltlichen Sinn und seinen Promotoren und Konsumenten letztlich den gewünschten kommunikativen Symbol(mehr)wert verleihen. Erfolgreiches Design als Beitrag an die temporäre Stadtproduktion integriert deshalb stets gleichermassen das Material und die Form eines geplanten Stadt- und Standortmarketings.

Temporäres Stabwerk von J. Mayer H.

Beispielhaft. Und absehbar ein Erfolg eines Meisters der architektonischen Inszenierung. Globales Architekturdesigns auf höchstem Niveau. Das sind Schlagworte, die in diesem Fall nicht übertreiben, weil für die Feierlichkeiten zum 300. Gründungstag der Stadt Karlsruhe 2015 im Schlosspark ein temporärer Veranstaltungspavillon von Jürgen Mayer H. entsteht. Der Architekt und Designer trägt immerhin den Mies-van-der-Rohe Nachwuchspreis 2003. In der offenen Struktur seines Entwurfs finden während des Festivalsommers verschiedenste Konzerte, Theateraufführungen, Autorenlesungen, Filmvorführungen und Ausstellungen statt. Der Pavillon bietet einen großen Saal mit Bühne, er ist zentraler Informationsort für die über die Stadt verteilten Jubiläumsaktivitäten und ein Treffpunkt mit Café. Das verformte Raster des Pavillons bezieht sich auf den streng geometrisch-radialen Grundriss der Barock-Stadt Karlsruhe mit dem Schloss als Fokus und transformiert diesen in ein räumliches Linienfeld: Ortsbezug als Strategie gehört zum gefestigten Repertoire einer zeitgemässen Stadtproduktion durch Bauten. Auf mehreren Ebenen in und auf der Struktur entstehen Ausstellungs-, Ruhe- und Aussichtsplattformen. Die Aufbauarbeiten beginnen im März 2015. Die Ausstellung zum Jubiläum dauert von Juni bis September. Im Oktober wird der Pavillon wieder demontiert. Image converted using ifftoany

Architekturdesign für Japan

LUCERNE FESTIVAL mit Michael Häfliger und die japanische Konzertagentur Kajimoto Music haben heute im KKL Luzern den Entwurf des Projekts ARK NOVA präsentiert, eine transportable Konzerthalle für hochstehende künstlerische Darbietungen. ARK NOVA soll der vom Erdbeben schwer getroffenen Region Higashi-Nihon im Norden Japans ab Frühling 2012 mit Musik und Architektur Hoffnung und Zuversicht bringen. Der japanische Architekt Arata Isozaki und der britisch-indische Künstler Anish Kapoor haben ARK NOVA gemeinsam entworfen. Noch nicht bekannte Sponsoren sollen das mit viel kulturpolitischem Prestige angereicherte Projekt für vier bis fünf Millionen Euro finanzieren.

(sta) „ARK NOVA – A Tribute to Higashi Nihon“ ist von der Idee beseelt, dass im vom März-Erdbeben dieses Jahres geschwächten Norden Japans nicht nur Häuser und die Infrastruktur, sondern auch die Hoffnung und Zuversicht der Menschen wieder aufgebaut werden müssen. Mit dem Ziel, „the power of art, architecture and music“ zu den Menschen zu bringen, wird derzeit unter der Führung des japanischen Architekten Arata Isozaki eine mobile Konzerthalle projektiert, die in verschiedene Region transportiert werden kann. Im Frühling 2012 sollen darin die ersten Events stattfinden.

Der heute präsentierte Entwurf zeigt eine Halle (72 m x 42 m im Grundriss), die  500 bis 700 Sitzplätze anbietet und 23 m hoch wird. Die aufblasbare Hülle (pneumatische Struktur) besteht aus einem elastischen Material, das einen schnellen Auf- und Abbau und den Transport mit einem Konvoi aus Lastwagen erlaubt. Für das Design der Konzerthalle arbeitet Isozaki mit dem indischen Künstler Yanish Kapoor zusammen. Sein aufblasbare Skulptur „Leviathan“, ein biomorph geformtes „Monster“ (Kapoor),  dient dem Projekt als Vorbild. Yasuhisa Toyota von Nagata Acoustics sorgt für die richtige Akustik. Und der Londoner Theaterexperte David Staples, bereits Mitstreiter von Michael Häfliger beim Projekt Salle Modulable, ist ebenfalls als Berater beigezogen worden.

Bühne und Begegnungsort mit Prestige

Die heutige Präsentation im KKL mit einer Live-Schaltung nach Tokyo zum Kulturminister und einem Kurzkonzert unter der Leitung von Claudio Abbado hat gezeigt, dass ARK NOVA (eine Umdeutung der Arche Noah) aufgrund der beteiligten „Dream-Teams“ (Masahide Kajimoto) und im Sinn der Promotoren eine wichtige und breit abgestützte, humanitäre Geste darstellt. Gleichzeitig ist das Projekt unübersehbar mit viel kulturpolitischem Prestige angereichert worden, das in der Umsetzung auf eine entsprechend global ausgerichtete Aufmerksamkeitsökonomie angewiesen ist. Die Sponsoren und Donatoren, die ARK NOVA möglich machen, konnten Michael Häfliger und Masahide Kajimoto heute trotzdem noch nicht präsentieren. Die rote Halle soll gleichzeitig als Bühne für verschiedenste Aufführungen und als Ort der Inspiration eingesetzt werden können. Klassische Musik, Jazz und Tanz sollen ebenso möglich sein wie Multimedia- und Kunstprojekte. Für die Programmierung der Konzerthalle sorgen LUCERNE FESTIVAL und der japanischen Konzert- und Künstleragentur Kajimoto nahe stehende Persönlichkeiten. Das Sponsoring soll ermöglichen, dass der Besuch der Veranstaltungen ohne Eintrittsgeld möglich ist.

Arata Isozaki

Arata Isozaki, geboren 1931, gehört zu den weltbekanntesten Architekten. Bevor er 1963 sein Büro gründete, arbeitete er u.a. bei Kenzo Tange. Bekannt geworden ist Isozaki in den 1960er Jahren mit seinen Projekten in Japan (Metabolisten) und in den 1990er Jahren mit Bauten u.a. in Barcelona, Orlando, Kraków, Kyoto, La Coruña and Berlin (Potsdamer Platz). Heute ist Isozaki weltweit tätig. Für die Präsentation in Luzern musste er sich ganz kurzfristig entschuldigen.

Kapoor: Monumentale Skulpuren

Der indische Künstler Anish Kapoor trägt den Turner Preis und ist bereits bekannt für monumentale Objekte, die er in Stadträume stellt. Mit seinem Stahlturm ArcelorMittal Orbit leistet er einen wesentlichen Beitrag für das ikonische Spektakel an den Olympischen Spielen 2012 in London. Geboren 1954 in Mumbai, Indien, kam Kapoor 1972 nach London und studierte zunächst Kunst und später Kunst und Design. Internationale Aufmerksamkeit erhielt Kapoor bereits in den 1970er Jahren mit Skulpturen aus Farbpigmenten. Über monochrome Rauminstallationen gelangte er zu Monumentalskulpturen aus ungewöhnlichen Werkstoffen: Marsyas in der Turbinenhalle der Tate Modern (2002), die Werkausstellung im Kunsthaus Bregenz 2003 mit einer 20 Tonnen schweren rote Skulptur aus Vaseline und Wachs (My red Homeland) und Cloud Gate, eine 110 Tonnen schwere, rostfreie Stahlkonstruktion im Millennium-Park in Chicago von 2004 sind Beispiele dafür.

Freie Fahrt am Reussquai

Stadtansichten halten historische Stadtwahrnehmungen fest. Der Krienser Fotograf Max A.Wyss hat dokumentiert, dass es 1951 möglich war, mit dem Auto direkt an den Reussquai zu fahren, um dort Kaffee zu trinken. Der Nachlass Max A. Wyss wird durch die Stiftung Fotodokumentation Kanton Luzern verwaltet und ist nun in Zusammenarbeit mit dem Staatsarchiv Luzern teilweise digitalisiert worden.

(sta) Max A. Wyss wurde am 18. Juli 1908 in Kriens geboren. Nach dem Erwerb des Sekundarlehrerpatentes an der Universität Zürich studierte er in Genf, Neuenburg und Paris Romanistik. Es folgte 1931 ein einjähriger Aufenthalt in Tanganjika (Afrika) als Hauslehrer beim Schweizer Konsul. Danach arbeitete er von 1935 bis 1965 als freier Journalist und Fotograf für zahlreiche Zeitungen, Wochenblätter und Periodika. 1952 war er als Hauptsekretär am Zustandekommen und dem Erfolg der Weltausstellung der Photographie 1952 Luzern beteiligt. In den frühen 1950er Jahren erregte er überdies mit surrealistischen Fotomontagen aufsehen. 1965 heiratete er Zita Keller. Im gleichen Jahr wurde er Redaktor der Fotozeitschrift Camera und betreute das Ressort Fotografie beim C.J. Bucher Verlag, Luzern. Als Autor, Herausgeber und Redaktor stand er ausserdem hinter vielen Bildbänden über die Natur, die im C.J. Bucher Verlag erschienen sind. Max A. Wyss starb am 12. September 1977 in Luzern. Textquelle und Copyright: Fotodok.ch.

EBERLI’s Stadteingang

Am Anfang war das Plakat. Mitterweile wird Stadt als Hülle für Kommunikation in verschiedensten Formen temporär gestaltet; der Wettbewerb um Aufmerksamkeit im öffentlichen Raum ist hart umkämpft und die Zukunft wird digital. Zu diesem Thema trägt die Baustellenplakatierung auf dem Luzerner Rathausplatz seit Oktober eine harmlose aber amüsante Episode bei: Eberli’s Stadteingang in die Luzerner Altstadt. Jetzt wird die Baustelle temporär eingepackt.

(sta) Der Wettbewerb um Aufmerksamkeit im öffentlichen Raum entscheidet sich oft in Zentimetern und harten Diskussionen. In naher Zukunft werden die Diskussionen vermehrt von digitalen Formen der Kommunikation im öffentlichen Raum handeln: Medienfassaden, Out-of-home-Displays, Digital signage, Crossmedia in Echtzeit oder QR-Codes sind nur eine Auswahl von Stichworten, mit denen Werbestrategen schon heute eifrig an der Zukunft des Öffentlichen Raums arbeiten. Entwerfen und Gestalten wird dadurch zu einem Hybrid Design, an dem verschiedene Disziplinen beteiligt sind, auch die Architektur.

Neue Realitäten

2009 haben Teradadesign und Qosmo das N-Building realisiert: Der QR-Code (ein Identifikationssystem zur mobilen Datenerfassung z.B. durch Mobiltelefone) funktioniert als Fassade des Bürohauses in Tokyo. Das Beispiel zeigt: Werbung ist in dieser Form nicht mehr nur eine ökonomisch motivierte und legitimierbare Angelegenheit, sie wird  Teil der Kultur und ihres Kommunikationsraums und damit auch Bestandteil von Architektur. Die Diskussion um das Thema Medien und Stadt wird dadurch zwar erfrischend anders, bleibt jedoch nicht weniger verwirrend und wird gewiss hier und da Widerstände auslösen. Tim Elder von REALITIES:UNITED, eine Firma von Architekten und Künstlern, die sich auf Medienfassaden spezialisiert haben, hat die Situation mit dem Titel seines Vortrages an der Hochschule Luzern auf den Punkt gebracht: „ARCHITEKTUR MACHT KUNST STADT WERBUNG“.

Ausnahme Baustelle

Zurück in die Schweiz, nach Luzern, auf den Rathausplatz: Gesetzlich mehr Luft haben hier temporäre Formen öffentlicher Werbung und Selbstdarstellung: Events oder eben Baustellen. Sie schaffen zwischenzeitlich neue Mitteilungsflächen an Orten, die ansonsten aus historischen Gründen besonderen Schutz geniessen, sogar tabu sind. Urbanistisch kann deshalb die Frage immer wieder gestellt werden: Wie lange dauert nun eigentlich temporär, und welche Ansprüche sollen an die Gestaltung der temporären Stadtplakatierung, an die Vermehrung des öffentlichen Werberaums gestellt werden? Die Stadt Luzern setzt auf den gesunden Menschenverstand und weniger Bürokratie. Baustellenwerbung ist generell nicht bewilligungspflichtig. Diese Praxis folgt der kantonalen Reklameverordnung und gilt demnach sowohl in der Altstadt als auch entlang einer Hauptstrasse. Baustelle ist Baustelle, oder doch nicht?

Wie lange dauert temporär?

Zwischen Oktober 2010 und Dezember 2011 baut Architekt Ivan Bühler im Brandgässli ein Privathaus um. Gemäss Praxis gilt auch hier: Die über einjährige Baustellenplakatierung am Kran-Installationsplatz mitten auf dem Luzerner Rathausplatz ist temporär, somit eine werbetechnische Ausnahme und nicht bewilligungspflichtig. Das Resultat war nun einige Wochen zu bewundern: Eberli’s plakatierter Stadteingang in die Luzerner Altstadt, von weither sichtbar, direkt in der Sichtachse Achse zwischen Luzerner Theater und Rathausplatz. Für diejenigen, denen die Werbung bisher trotzdem noch nicht aufgefallen ist: Eberli ist eine Baufirma aus Sarnen, ja, es ist dieselbe Firma, die die Sportarena mitbaut. Droht dem luzernischen Stadtraum die gestalterische Verlandung? Nein. Jetzt soll die provinzielle Werbe-Episode ein Ende haben. Die Baustelle wird neu eingepackt – unbewilligt? Hoffentlich droht Luzern kein weiteres Kulturtheater. Fest steht: Temporär dauert in Sachen Baustellenplakatierung so lange, wie gebaut wird, und gebaut wird immer irgendwo.

Indischer Honig für London’s East End

Die Olympischen Spiel 2012 in London inszenieren „Stadt“ als Event einer Public-Privat-Partnerschip. Jüngstes Beispiel: Der Künstler und Designer Anish Kapoor, Ingenieur Cecil Balmond von Arup, der indische Stahlkonzern ArcelorMittal und die Stadt London bauen zusammen den „ArcelorMittal Orbit“, eine 115 Meter hohe Stahl-Skulptur mit Aussichtsterrasse. Das ikonische Spektakel soll Touristen/innen und eine weltweite mediale Aufmerksamkeit vor und anlässlich der Games wie „Honig die Bienen“ anziehen (Medienmitteilung). Die Ausstellungsarchitektur ist zudem ein Symbol für die  Stadtentwicklung im East End von London.

Der Künstler Anish Kapoor hat den Zuschlag für den Bau seines 115 Meter hohen Turms erhalten. Die Skulptur, die in Zusammenarbeit mit Cecil Balmond von Arup entstanden ist, trägt den Namen ArcelorMittal Orbit. Das erklärte Markenzeichen im öffentlichen Raum der Olympischen Spiele 2010 in London ist auch Symbol für die Stadtentwicklung im Londoner East End. Die Brücke zwischen Kunst, Architektur, Städtebau, Engineering und Business, die hier geschlagen wird, soll eine Ausstellungsarchitektur schaffen, zu der einmal mehr die Superlative dazu gehört: Die Skulptur soll die Grösste in England werden und übertrifft mit Hilfe eines formalen Kraftakts, wie es in den Bildern scheint, doch noch die Freiheitsstatue in New York um ganze 22 Meter. Die Besucher/innen werden mit Liften auf die Aussichtsplattform gebracht und können danach spiralförmig die Treppe hinuntersteigen.

Kunstleiter in den Firmenhimmel

Die Skulptur besteht aus ineinander verdrehten Stahlröhren und Streben. In ihrer Form erinnert das Gebilde an eine orientalische Wasserpfeife. Ihr Name gehorcht der Reputations- und Markenpflege des Sponsors und setzt sich aus dem Firmennamen „ArcelorMittal“ und dem Zusatz „Orbit“ zusammen. Die Ikone ist demnach zugleich Showcase und stilisiertes Abbild der Umlaufbahn am Stahl- und Firmenhimmel, auf der sich die Mittals bewegen; man zeigt sich weltoffen, dynamisch-erfolgreich und jung: Lakshmi Mittal, CEO des indischen Familien-Stahlkonzerns ArcelorMittal kommentierte das Engagement bei der Bekanntgabe des Projekts:

“The Olympic Games are one of the few truly iconic global events. I was immediately excited by the prospect of ArcelorMittal becoming involved because ArcelorMittal is a global company with operations in more than 60 countries. Everyone at ArcelorMittal is delighted with the outcome of the ArcelorMittal Orbit. London will have a bold, beautiful and magnificent sculpture that also showcases the great versatility of steel.”

Diese Art von PR in Form eines idealen Stadtraums für Reputations- und Werbeziele einer Firma (Best Urban Space) kostet Geld: Mit der Grosszügigkeit eines Hauptsponsors übernimmt ArcelorMittal  85% der Kosten in der Höhe von rund 19 Millionen Pfund. 3 Millionen Pfund trägt die Londoner Development Agency bei.

Transnationaler Stahlkonzern

Der Stahlkonzern kann sich die Investition wahrlich leisten: ArcelorMittal ist ein transnationaler Stahlkonzern mit indischen Wurzeln. Das Unternehmen verfügt (laut Wikipedia) über rund 60 Werke in mehr als zwei Dutzend Staaten und beschäftigt rund 310.000 Mitarbeiter. Für das Jahr 2007 war ein EBITDA von 19,4 Mrd. US-Dollar angekündigt. Damit ist Arcelor Mittal in jeglicher Hinsicht der mit Abstand größte Stahlproduzent der Welt und einer der weltweit führenden multinationalen Konzerne. Er fand sich 2008 auf Platz 28 der Fortune 500 wieder. Unternehmenssitz ist Luxemburg. Der Konzern ist aus einer indischen Familiengeschichte heraus entstanden: In der Familiengeschichte Mittal waren immer mehr als 90 Prozent der Aktienanteile stets in Familienbesitz. Mittal Steel hat seinen Sitz in Rotterdam, wird aber vom Berkeley Square in London durch Lakshmi Mittal und dessen Sohn Aditya geleitet. Mittals größter Konkurrent Arcelor wurde in den Jahren 2006 bis 2007 durch feindliche Übernahme erworben; das Ende der Mittal Steel Company in ihrer bisherigen Form war damit besiegelt. Beide Unternehmen fusionierten zu ArcelorMittal. Lakshmi Mittal ist seit Ende 2006 Vorsitzender des Vorstands.

Monumentale Stadtskulptur

Der indische Künstler Anish Kapoor trägt den Turner Preis und ist bereits bekannt für monumentale Objekte, die er in Stadträume stellt. Geboren 1954 in Mumbai, Indien, kam Kapoor 1972 nach London und studierte zunächst Kunst und später Kunst und Design. Zu seinem Werk sagt er: ‘I am particularly attracted to it because of the opportunity to involve members of the public in a particularly close and personal way. It is the commission of a lifetime.’ Internationale Aufmerksamkeit erhielt Kapoor bereits in den 1970er Jahren mit Skulpturen aus Farbpigmenten. Über monochrome Rauminstallationen gelangte er zu Monumentalskulpturen aus ungewöhnlichen Werkstoffen: Marsyas in der Turbinenhalle der Tate Modern (2002), die Werkausstellung im Kunsthaus Bregenz 2003 mit einer 20 Tonnen schweren rote Skulptur aus Vaseline und Wachs (My red Homeland) und Cloud Gate, eine 110 Tonnen schwere, rostfreie Stahlkonstruktion im Millennium-Park in Chicago von 2004 sind Beispiele dafür.

Stille Stadtentwicklung statt Risikoplanung

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Film

Die Stadt Luzern verändert sich – gleichzeitig in ihrem Herz und am Rand. Was hat der Stadtkeller mit der Stadtregion zu tun?

Die NLZ berichtete gestern darüber: In der Altstadt droht der Stadtkeller zum «Lumpen-Laden» zu werden. Polo Hofer bedauert, und die Kulturchefin hat «rechtlich» weder eine Aufgabe noch Instrumente, um etwas dagegen zu tun. Szenenwechsel ein paar Seiten weiter: Ernst&Young, die Uni St.Gallen und Metron kümmern sich um das Projekt «Starke Stadtregion». Der Kopf in dieser Geschichte heisst Christian Sauter. Das eine hat mit dem anderen zu tun. In der Altstadt und regional geht es um die Zukunft des Wirtschafts- und Lebensraums Luzern, nur: Wer übernimmt für diese Aufgabe eigentlich die inhaltliche Verantwortung? Die Medien tun ihr Bestes: Sie schreiben über Symptome und persönliche Meinungen. Zurecht: In der Altstadt sind die Ursachen der Entwicklung hin zum zweitklassigen Shoppingcenter nämlich längst bekannt und mögliche gemeinsame Aufgaben der verschiedenen Akteure ebenso, jedoch: Sie sind in ihrem Wesen von anspruchsvoll über konfliktanfällig bis langwierig. Stille Stadtentwicklung ist angenehmer.

Chancen und Risiken

Als starke Wirtschaftsregion hat Luzern im Binnenmarkt und im Export ihre eigenen guten Chancen. Deshalb verwirrt es, wenn der Projektleiter der Stadtregion zum Start vor allem verlauten lässt, was er nicht will: über eine Fusion entscheiden. Das ist nämlich auch nicht nötig, weil für die Auftraggeber das politische Ziel (Fusion) sowieso klar ist; auch regionalökonomisch sprechen die Argumente deutlich für eine grössere Verwaltungseinheit. Nur: Investoren, Firmen, Kulturunternehmen, armen und reichen Familien, jungen Arbeitskräften und welttauglichen Kreativen ist es egal, ob ein oder vier Stadtoberhäupter regieren. Sie haben zuerst das Anrecht darauf und hoffentlich auch die Motivation dazu, in geeigneter Form mit zu gestalten und mit zu verantworten, was sie nicht gleich morgen aber bestimmt übermorgen selbst am meisten betrifft; die Entwicklung des gemeinsamen Wirtschafts- und Lebensraums. Dabei geht es um konkrete inhaltliche Anliegen, um Annahmen, Verteilung, Risiken und Konsequenzen; nicht zuerst darum, territoriale, wirtschaftliche und damit politische Machtansprüche durch Polit-Expertisen und Verfahren zu legitimieren. Das ist die eigentliche Chance für die luzernische Stadtentwicklung und Wirtschaftsförderung: Die Kommunikation mit den verschiedenen Akteuren als Teil der regionalen Zukunfts-Lösung zu betrachten, z.B. als Alternative zu einer lokal perfektionierten Mediokratie und Polit-PR.

Risikokultur statt Event-Kultur

Es ist gut, hat Luzern Fasnächtler, Events, Messen und den internationalen Tourismus: sie machen den traditionellen Lärm in einer ausgesprochen erfolgreichen Event-Stadt. Lärm, Laufstege und Selbstdarstellung reichen jedoch als Taktik für nachhaltige urbane Entwicklung schon in naher Zukunft nicht mehr aus, schon gar nicht, wenn die Region und damit das „Land“ um Luzern herum zur Diskussion steht. Die in den letzten Jahren erfolgreich praktizierte politische Inszenierung lokaler Kulturökonomie scheint deshalb tatsächlich ein Rezept aus dem letzten Jahrhundert zu sein. Eher gilt: Morgen ist schon heute; jetzt und wohl in naher Zukunft geht es vermehrt um messbare regionale Ressourcenpolitik, noch mehr darum, den Dialog „Stadt-Land“ nachhaltig und nicht von innen nach aussen zu führen; um Anpassungsstrategien statt um Planung; es geht um die politische Führerschaft unter den Bedingungen einer Risikogesellschaft. Eine Stadt wie Luzern, die gleichzeitig im Kern und am Rand vor bzw. mitten in Veränderungen steckt, muss nicht sehr kreativ und sehr laut sein, um ihre Chancen und Risiken zu erkennen, dialogisch zu vermitteln und zu nutzen; sie sind zuhauf vorhanden. Was es braucht sind Mut und Offenheit.

Vivre la différence!

Der Städteverband hat heute, anlässlich des Städtetags 2009 in Luzern, eine rhetorische Frage gestellt: „Wem gehört der öffentliche Raum?“ Der Öffentlichkeit, wem denn sonst! Im Zusatz-Titel „Nutzungen zwischen Anspruch und Verantwortung“ kam das eigentliche Thema dann zum Vorschein. Der Städteverband hat seine Tagung aktuellen Themen wie Littering, Event-Kultur und Sicherheit gewidmet.

Eveline Widmer-Schlumpf und die Stadt

Es hat Tradition, dass am Städtetag ein Mitglied des Bundesrates einen Auftritt hat und dabei die schweizerische Befindlichkeit gegenüber der Stadt zur Sprache bringt. BR Eveline Widmer-Schlumpf hat diese Aufgabe heute in Luzern übernommen, dreisprachig und wie schon ihre Vorgänger/innen im rhetorischen Spagat zwischen den Ansprüchen eher ländlich geprägter individueller Eigenheit und der Vision einer städtisch-urbanen Gemeinschaft: „Die Allmend prägt unsere Vorstellung von Stadt in der Schweiz“, so Widmer-Schlumpf, was etwa heissen will: Wir haben gelernt, dass wir gemeinsam etwas teilen müssen, um in unserer kleinräumigen Einzigartigkeit erfolgreich überleben zu können. Es ist deshalb nur logisch, hat Widmer-Schlumpf ihre Rede einer „offenen (Anm: toleranten) Stadt“ gewidmet. Geschlossen hat sie dann, ebenso logisch, auf Französisch und knapp: „Vivre la différence!“, leben wir den Unterschied.

Ein guter Freund von mir, der es wissen muss, vertritt übrigens die kulturwissenschaftliche These, dass es schon die gemeinsame Allmend war, die uns gelehrt hat, den Spagat zwischen Einzigartigkeit und Gemeinschaft zu kultivieren. Aber die Geschichte über die Befindlichkeit der Schweiz könne man seiner Meinung nach auch am Beispiel der gemeinsamen Waschküche weiter erzählen. Vielleicht ist das ein Thema für den Städtetag 2010.

instant city _ angerührt an der LUGA 2009

Instant ist nicht nur der Kaffee seit über hundert Jahren; auch Stadt kann sofort und überall angerührt werden, z.B. in Form von Events. Luzern lebt vermeintlich gut davon.

1901 erfand der japanische Wissenschafter Satori Kato in Chicago den Instantkaffee. Den Grundstein für die industrielle Herstellung legte 1938 die Schweizer Firma Nestle. Die Zubereitung eines Instantkaffees ist einfacher als bei normalem, frischem Kaffee. Wieder 30 Jahre später, zwischen 1968 und 1970, erfand die englische Architektengruppe Archigram die Utopie der Instant City: Vorstellungen über temporäre Städte, die eingeflogen werden und quasi über Nacht entstehen. Es gelang der Gruppe dadurch allerdings nicht, die beabsichtige fundierte gesellschaftskritische Meinung zur Inszenierung der Umwelt durch die aufkommenden Massenmedien, einzunehmen, ganz im Gegenteil: Sie entwickelten einen unbeschränkten Technologie-Optimismus verbunden mit einer undistanzierten Medienfaszination, abgebildet in poppigen Bildwelten. Die frühen Gedanken zu einer (einfach und schnell angerührten) Stadt der Massen- bzw. Mediengesellschaften lassen sich heute ohne grosse Anstrengung u.a. in der städtischen Event-Kultur wieder erkennen. Anzumerken ist jedoch: Luna-Paks sind älter als Archigrams Instant City-Fantasien.

Beispiel Luzern: Stadt als Event

Der Vergleich zwischen instant Kaffee und instant City, dem schnellen globalen Getränk und der schnellen globalen Stadtproduktion, lässt sich an vielen Beispielen erklären: Die Stadt als Event ist einfach zuzubereiten, massentauglich, global und medial anwend- und verwertbar. Zum Beispiel in Luzern: Die Stadt hat sich in den letzten Jahrhunderten mangels alternativer wirtschaftlicher Ressourcen immer wieder dem politischen, touristischen und baulichen Entwicklungskonzept „Kultur“ verschrieben, zuletzt eindrücklich und erfolgreich in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts. Der Paukenschlag KKL hallt seither in der Öffentlichkeit bis heute nach. Events sind hier im Zuge der globalisierten Kulturökonomie zum Dach der luzernischen Stadtlandschaft geworden: Lucerne Festival, Rose d’Or, BlueBalls, Marathon. Das Rezept für eine derartig städtische Kulturpolitik könnte als Dreischritt zusammengefasst werden: 1. Private Top-Down-Investitionen in die Kultur lokalpolitisch integrieren und so inszenieren, wie es Jean Nouvel mit seiner entwerferischen ‚inclusion‘ für das KKL vorgezeigt hat. 2. Sozio-kultureller Widerstand und Innovation von unten baulich disziplinieren (Lido, BOA, Südpol). 3. Öffentlicher Stadtraum hoheitlich verwalten und kommerziell als Hülle, Objekt und Lebensraum für eigene oder fremde kommunikative Botschaften von Veranstaltern und Sponsoren anbieten.

Instant Cities und instant Kaffee sind globale Phänomene und Produkte der Informationsgesellschaft. Luzern lebt gut davon und vielleicht bald noch besser: Während die Sportarena auf der Allmend noch gebaut wird, ist das Projekt Salle Modulable daran, das nächste Kapitel Kulturgeschichte zu schreiben: private 100 Mio Franken (Top-Down-Investition) stehen dafür bereit.

Bilder: Blick aus dem diesjährigen Gelände des Luga-Lunaparks auf den Pilatus.

Lancia: Schönheit und Tölpelei

"Schönheit"

Venedig macht vor, wie die Stadt des permanenten Untergangs nach den Regeln des Sightseeings als Hülle und Objekt vermarktet wird. Ein Augenschein vor Ort.

Sightseeing ist nichts anderes als ein sich Vergewissern vor Ort. Venedig besuchen jährlich 20 Millionen Touristinnen und Touristen um zu sehen, was Sie in den meisten Fällen schon kennen: den Markusplatz, die Gondeln, die Gassen, den Blick auf die Seufzerbrücke. Auch die Tatsache, dass die Stadt unterzugehen droht und dass sie schrumpft, macht den Mythos Venedig attraktiv: Immer weniger Venezianer leben in ihrer Stadt.  Bei knapp 60’000 EinwohnerInnen verliert die Stadt rund 2’000 im Jahr. Statistisch droht die Lagunenstadt Venedig, die nach ihrem wirtschaftlichen Niedergang im 18. Jahrhundert zum meistbesuchten Reiseziel Europas geworden ist, zur blossen Kulisse zu werden. Zu werden? Sie ist es schon, wie das Beispiel Seufzerbrücke demonstriert: Der berühmte Blick auf das historische Denkmal ist im Zuge einer Baustellenwerbung zum Werbeauftritt für Lancia geworden. In der Diskussion um das Bild der Stadt, das hier offensichtlich ein temporäre Veränderung erfahren hat, ist es einfach, den Untergang Venedigs nun auch kulturell zu beklagen. Die Kommerzialisierung des öffentlichen Raums, die für alle Beteiligten erfogreiche Repräsentation der kapitalistischen Gier im urbanen Raum, wird damit jedoch nicht besonders innovativ zum Ausdruck gebracht, im Gegenteil: Der Untergang der Lagunenstadt gehört bekanntlich längst zum Mythos Venedig, und er ist hier als touristischer Markt- bzw. Markenwert einmal mehr perfekt inszeniert worden. Lancia, der Stadt und den Investoren ist ein „Win-Win-Auftritt“ gelungen, nicht mehr und nicht weniger: Der Mythos der italienischen Sportmarke Lancia wird dadurch vielleicht noch etwas unsterblicher.

Die Stadt als Bild

Akzeptiert man an diesem Beispiel nur die Diskussion um das Werbeplakat als zeitgemässen Ausdruck eines Stadtbildes, dann kann man die Aktion, ganz im Sinn von Erich Mendelsohn, wie Martino Stierli im Artikel in der NZZ vom 1.11.2008 „Die Stadt als Bild“ ausführt, durchaus so oder so beurteilen: Einerseits wirkt ihre „phantastische Schönheit“ bei Nacht, und erst bei Tageslicht überwiegt der Eindruck, dass hier eine ganz und gar „grandiose Tölpelei des Weltjahrmarktes“ aufgeführt wird. Ernst ist die Sache in der „Stadt des Auges und der Bilder“ (Gerhard Mack) allemal, vor allem dann, wenn Goethe Recht haben sollte:

(…) Dummes aber vor’s Auge gestellt. / Hat ein magisches Recht. / Weil es die Sinne gefesselt hält. / Bleibt der Geist ein Knecht.

(aus: „Mit Bildern lügen“, Liebert/Metten 2007)

Me, myself and the city

 

Show me! Architektur setzt Menschen in Bewegung

Die 11. Architektur Biennale in Venedig inszeniert unausgesprochen die Aufgaben der Architektur in einer fortschreitenden Ich-Gesellschaft: Rückmeldung, Interaktion, Inszenierung, Bestätigung, Selbstdarstellung. Derweil fordert das Thema Nachhaltigkeit die Gestalter/innen zum Blick in die Augen der eigenen Klientel auf.

Haben Lise Anne Couture und Hani Rashid mit ihrem Statement Recht, dass Kritiker in der Regel verängstigt, („frightened“) und die Theoretiker frustiert sind („that is the reality), dann ist ein Selbstgespräch über den Besuch der 11. Mostra Internazionale di Architettura unter dem Titel OUT THERE _ BEYOND ARCHITECTURE eine durchaus sinnvolle alternative Kurzberichterstattung: Ein Blog ist weder Kritik an die Adresse eines Empfängers, noch ist die Textform ernsthaft genug für eine theoretische Argumentation. Ein Blog genügt an erster Stelle sich selbst, darf behaupten, und er ist selbst einer von vielen Pendelschlägen, die in Richtung einer fortschreitenden „Ich-Gesellschaft“ zeigen.

Blick in die Augen

Stabile Verbindungen entstehen dann, wenn man den Menschen dort ernst nimmt, wo er sich gerade aufhält, und wo er sich möglicherweise sogar kollektiv in eine neue Richtung bewegt. „A sustainable city will put people first“, liess sich Barbara Southworth in der Publikation ecotopedia, die anlässlich der Biennale erschienen ist, zitieren. Die Menschen an den Anfang der Überlegungen zu einer nachhaltigen Stadt stellen, so lautet ihr Standpunkt. Dieser hat wenig mit der modernen Vorstellung des Architekten als Weltverbesserer und Heiler gemein. Vielmehr ist gemeint, dass sich Architekten und Urbanisten (als Autoren und Künstler) unter dem Primat der Nachhaltigkeit künftig konzentrierter auf den Blick in die Augen ihrer Klientel einzulassen haben; und dazu gehören nicht nur die direkten Auftraggeber.

Events sprechen Englisch

Me, myself and the city, so könnte der Slogan und gleichzeitig der Versuch lauten, eine Verbindung zwischen den in Venezia vorgetragenen Projekten, Manifesten und Installationen sowie dem durch die Veranstalter zur Diskussion gestellten Thema einer Architektur BEYOND BUILDING herzustellen. Im Arsenale stellen gleich mehrere Beiträge mögliche Forderungen auf, die die Menschen in der Ich-Gesellschaft an die Architektur und an die Stadt (und nicht umgekehrt!) stellen: Show me (interaktiver Auftakt im Arsenale), replace me (das Hologramm von Fuksas), touch and move me (u.a. Coop Himmelb(l)au), talk about me (Alphabetic City), but please, let me alone at home (S1NGLETOWN). Aus der Event-Sprache ins Deutsche übersetzt könnte das heissen: Architektur und städtische Räume bauen künftig dann eine authentische Verbindung zu den Menschen auf, wenn sie, die Menschen, von der gebauten Umwelt eine Rückmeldung und Bestätigung auf die eigene Bewegung erhalten, Auftrittsmöglichkeiten, Kanäle um sich mitzuteilen und einen auf die jeweilige Lebenssituation perfekt zugeschnittenen privaten Lebensraum.

BEYOND BUILDING: Sightseeing in Venedig

Sightseeing: Sehen mit der Kamera

Von einer derartigen Interpretation unberührt bleiben an der Mostra die Auftritte von Architekturstars, die Gastkünstler den Vortritt lassen (wie HdM und AI WEIWEI) oder Beiträge, bei denen das Staunen über die Perfektion der neusten Architektur-, Medien- und Interaktionsformen (Hadid/Asymptote/Lynn/MVRDV) zusammen mit der Jagd nach dem besten Foto die Wahrnehmung bestimmen. Und schliesslich Botschaften, die versuchen, die Kunst der Architektur als kulturelle Leitdisziplin wiederherzustellen wollen (Video-Interview mit Greg Lynn), scheitern an der Mostra 2008 daran, dass der Event institutionell und inhaltlich mehr oder weniger festgefahren ist und dabei die Zielgruppe der Touristenmassen aus aller Welt im Aug hat: Sie gehen – wie ich – hin, um zu sehen und abzulichten, was sie aus Bildern und Büchern schon kennen. Schon beinahe radikal zeitgemäss erscheint deshalb der schweizerische Beitrag: Experten führen via Video eine Diskussion mit sich selbst. Bravo.

Vilcabamba: Western-Stadt in Ecuador

Häuserzeile im Zentrum von Vilcabamba

Vilcabamba ist ein kurioser Ferienort im Súden von Ecuador. Die Stadt liegt auf angenehmen 1500 Metern úber Meer und kennt eine konstante Jahrestemperatur von 18 Grad Celsius. Wer von Cuenca aus nach sieben Stunden Busfahrt nach Vilcabamba kommt, erkennt die von den Spaniern eingefúhrte Stadtstruktur sofort wieder: Ein rechteckiges Strassenraster, das von einem zentralen ‚parque‘ ausgeht. Hier spricht niemand von ‚Platz‘. Im Unterschied zu Cuenca zeigt die zweite Reihe hinter dem ‚parque‘ eine eher traurige Seite der Dorfentwicklung: Die meist zweigeschossigen Häuser mit zusammenhängenden vorgelagerten Laubengángen sind entweder dem Zerfall überlassen, oder sie sind durch Baustellen ersetzt worden, an deren Vollendung man nicht so richtig glauben mag. Zudem: Hauptstrasse, Marktplatz und Busbahnhof sind zwar von der einheimischen Bevoelkerung belebt, jedoch abgetrennt vom urbanistischen Kern mit der Kirche und dem zentralen ‚parque‘. Dort haengen die Touristen ab. úebrigens: Ganz Ecuador ist voll von Kleinstbaustellen, die, wenn überhaupt, dann oft nach dem Bau des Erdgeschosses nicht fertig gestellt werden, ein Phaenomen, das ich erst im Ansatz begreife.

Wer es trotzdem wagt, den Ferienort Vilcabamba europäisch weiterzudenken, kommt bald auf das Szenario, sich eine auf Natur und Oekologie ausgelegten ‚ecuadorianischen Western-Stadt‘ an der Grenze zu Peru auszumalen; eine künftige Siedlung mit einer fantastischen staedtebaulichen Substanz, übersichtlichen Dimensionen, die in einer einmaligen Landschaft liegt und zur Erholung geradezu einlaedt. Aber eben; das sind europäische Gedanken.